Jahrgang 1927 Samstag, -en iv. Vezemser Nummer 98 ba kann er was wert. Ob er alles heil mitgekriegt dabei ifle, ©itS1 3an ist vergnügt, weil er alles jo jchön besorgt hat. Manche sagen wohl, daß er ein wenig drömelig ist — seine Frau sagte es auch und wollte selbst gehn •'t— =■"—-- ™ ■ - Zeit aus dem . . ..... der Printer heute geht's marsch ins nicht ein, die Schecken stieben dahin, daß der'Schnee nur kleine Kerl steht aufrecht im Wagen, seine lange Nas " ' Geheimnis. Bon Leo Sternberg. Und immer springt aus Winternebel auf von Schollenfeldern ein bereiftes Stück ... Straße mit ihrer Bäume graüem Lauf hängt mit dem Ende noch ins Grau zurück. Ach, Nebelleiber heben unsichtbar nur ihre Häupter in den Vordergrund — Wen kennen wir? Wer kennt uns ganz und gar? Mit Schaudern küssen wir her Liebe Mund. g drömelig ist — seine Frau sagte es auch und m, aber sie fürchtete, Ian würde das Brot nicht zur rechten , ^ackofen ziehen, dann hätten sie die ganzen Festtage über nur sqwarze Krusten gehabt. So schrieb sie alles auf einen Zettel und schickte ihren Ian. Sie kann wirklich zufrieden sein. Der Hampelmann, dessen Arme und Beine bei ,edem Schritt vor'Ians Bauch so lustig schlenkern, ist aus Holz, nicht aus billiger Pappe; der Leiterwagen ist mit zwei schönen Schecken bespannt — Ian hätte lieber Braune gehabt, die sind zuverlässiger, Schecken haben meist ihre Rücken — aber braun sind wohl nur die richtigen Pferde, die hölzernen sind immer Schecken. Und d-e Puppe in seiner linken Rocktasche sieht wie eine Prinzessin aus, sie hat ein niedliches blaues Kleid, rosige Porzellanbäckchen und Haare — ach du Ucber Gott — Haare wie pures Gold. In der rechten Tasche hat er das Pfund Rosinen verstaut; das schönste aber — und davon weiß Geesche Nichts — das schönste ist das rote Umschlagtuch, das sie selber bekommt. Sie hat keine Ahnung, daß der Torf teurer geworden ist, und daß Ian ihr neulich von dem Geld für die beiden Fuder einen ganzen Taler sti- vltzt hat. Ist ihm auch recht, er sitzt da ganz weich und behäbig, p nltm!"inn,en‘9 schnaufen. Die Lichtung ist glatt und leer, eben wie em Tanzjaal und die Baume herum stehen wenigstens fest, das ist schon m?iS^er-,Pb heil mitgekriegt hat? Er breitet das Tuch vorsichtig auf den Schnee, setzt den Wagen mit den Schecken daraus, legt Rübennase daneben und holt die Prinzessin heraus. Ihr blaues Kleid ist böse ver- knullt, er streicht es fern glatt und setzt sie in den Wagen. So, da ist alles beisammen. Jetzt noch bte Rosinen, aber die Tüte sitzt festgepramt in der Tasche, mag sie dableiben. Liebevoll besieht er all seine Schätze — ja er ift schon ein guter Weihnachtsmann, Geesche und die Kinder werden sich freuen. ' J Ian im Walde. Eine Weihnachtsgeschichte von August Hinrichs. — ha —- brr" schnaubt Jan, wenn die zurückschnellenden Zweige »E oen Schnee in den Nacken werfen, wo er rasch taut und zu einem kühlen Tropflein zerschmilzt. Jan ist aber keineswegs böse darüber, von ZU Zeit bleibt er sogar stehn und gluckert lustig aus, wenn das kitzelnde Naß ihm den Rücken herunterrieselt. Dann biegt er sich hin und her, um ihm die Fahrt zu erleichtern, macht noch einmal: „Puh — ha — brr —" und setzt vergnügt seinen Weg fort. , . geschneit, und Jan sieht wie ein Weihnachtsmann aus — lewe Mutze aus Hajenfell, sein gestrickter Schal, seine wollene Jacke, sogar sein roter Bart und die Augenbrauen, alles ist mit Schnee bestäubt. Ja, er sieht ganz und gar wie der richtige Weihnachtsmann aus, denn an feinem obersten Jackenknopf baumelt ein großer Hampelmann, untenn Bni'a ttagt er einen kleinen Leiterwagen, und alle seine Taschen stehen ■ ®ie 3ta" "ufblickt, steht ihm der Mund vor Verwunderung offen — S LA."ng„sitzt mas und sieht ihn anl Ein kleines graues altes Weiblein, nicht großer als anderthalb Schuh, eine weiße Schürze ftehnUnH ^l> Kopf, dessen beide Zipfel senkrecht in die Höhe stehn. O weh, denkt Jan, das verwünschte Zwergenvolk — da komme ich schon an. Lauernd aus halbgeschlosfenen Augen pliert er hinüber — was 'n“9 «■Jö°'Uen? J?oppl,S*' b« macht die Alte einen Satz und verschwindet, ordentlich einen Purzelbaum hat sie geschlagen. Paß auf, denkt Jan, jetzt holt sie ihre Leute. Richtig, da kommt schon ein!"V! emer "»gestiefelt. langer weißer Bartz goldene Krone und eine Nase — Jan muß laut lachen — genau so eine lange rote Nase wie der Hampelmann. Der Kleine stolziert böse gerade auf Jan los, der ge- waltig große Augen macht, faßt mir nichts dir nichts das Tuch und wirft elZVerm die Schultern. Der Wagen rutscht herunter, dfe Schecken schlagen wild aus, und die Prinzessin muß sich krampfhaft mH^h»en‘9fSer ^"'pAmann ist rasch auf die Beine gesprungen, schlenkert mit den Armen und schimpft. Aber der Kleine kehrt sich an nichts, er flreitt den Schecken in die Zügel, schwingt sich auf den Wagen, und hui geht- im Galopp davon, mitsamt der Prinzefsin. „Stopp!" schreit Jan bam T,U "hd) ten' "der er greift nur in den Schnee und sieht verdutzt zu, rote der Wagen davonjagt. feit, das hk ;es und ÜJei n feiner gi| gab AntMij oar Zeit gi g auch bit| plötzlich ai >e heran, bann moH l wieder m ter, sehr tut tnbe die $Inl mt aber HÄ der Annch ant schon sei i einen jein! dem Geneü Der Qemt erhalten ui er der Haq sagte, wie di . den Roch» efährlich w« ju lassen, dk erspart bsjt n zu forben oldat. Konti as war alle eße. Sotai in der N« iie Wachts« h drängte di isische Terzi nelt war. ft anomeren d der Kolom mlleutnant j ofe Uebergai könne er |i n übrigen ist« Deutfam i)in! t sprechen u» en Tore F ei Offizier-! l und förmlu begleiten. ® oeter gebräni, md sahen M halbgeöfsmH en der beM te. es von eM >rste Sanonej Antwort. ll der leiW stungsgeschA en. Die bm das Schief izlich oergell1! ngesprengi ß !0 las (( e>t bis Dteul iben, das Kontribut» Versprech- biert werde, ohend Iprg* e breitaujenj täte sah, bq üihsam sej,s i Spatz nii le Besinnens lesen, äu|anj iken Aerniels er Uebetgaii Tzellenz, d„ tte, wenn d mmen. Inj uchter treijii Das war by -it, gegen di also jowti u tun? Fid Was der kleine Kerl für ein Gesicht macht, — ein Auge halb zuge- rmsfen, und die Nase so lang und rot wie eine Pferberübe. „He, Rüben- ?cje' locht Jan, „kannst bu tanzen?" Ja, Rübennase kann tanzen, er hat schwarze Lackstiefel an, die wirbelt er lustig hoch unb schlägt 1 ' ' die Hände über dem Kopf zusammen. „Morgen sollst bu mit der ton$en," sogt Jan wohlwollenb, „aber heute geht's marf< Bett. Weiter!" Unb er stapft vorwärts. Merkwürdig — er kennt den Busch doch wie seine Tasche, es ist ein ganz gewöhnlicher Busch, aber das ist doch wunderlich, daß die Tannen M> in der Runde drehn. Davon wird einem ja ganz wirbelig im Kopf, dachte — sachte, brummt er, mich kriegt ihr nicht mit herum. Er steigt über den kleinen Crdwall auf die Lichtung, da hat ihm wohl eine am •Koif gezogen, denn plumps sitzt er im Schnee. i Jedesmal, wenn sie an Jan vorüberkommen, macht er vrr — ja *??ren' hätten sofort gestanden, aber Schecken hoben ihre Rucken, er wußte es ja. Sie jagen nur um so toller, baß der arme Hampelmann ganz zurückbleibt. Immer schlapper werden seine Sprunge, endlich macht er noch einen letzten verzweifelten Satz, knickt in allen Gelenken ein und fallt um — er kann nicht mehr, er ist ganz bin ^0/aßt der Kleine die Zugel fahren, die Schecken bleiben stehn, und er h'lst h«r Prinzessin vom Wagen herunter. Dann klatscht er in die Hände, da trippelt s von allen Seiten heran, ein ganzes Gefolge, lauter kleine Männlein und Weiblem, gelbe und grüne, blaue und rote, und alle haben sie Rubennafen. Auch die graue Alte ist wieder da mit dem Kopftuch, dessen Zipfel nach oben stehn. Der König nimmt die Prinzessin bei der Hand, macht eine Verbeugung haar^heirate!^' ',3>U luo[j! nirf,fs dagegen, daß ich Prinzessin Gold- ,.^,"^0 .—" sagt Jan und weiß nicht recht, was er machen soll, „eigent- sich gehört sie ja mir." 8 Ä fak9t der Kleine scharf „ich denke, du hast schon eine Frau,' Erschrocken denkt Jan an Geesche unb stottert: „Das wohl — ja —." „Dann ist alles in Ordnung", sagt der Kleine und gibt der Prinzessin gleich einen Kuß. Aber das ist nicht so einfach, er muß erst mit einer Hand seine rote Nase beiseite biegen, sonst geht's nicht. ” „Du darfst mitfeiem," sagt er bann, und Jan sieht verwundert, wie winzige Stuhle herangeschleppt werden und Tische mit dampfenden Schift, (ein Da verspürt er einen mordsmäßigen Hunger. „Was gibt's denn?" fragt er und sucht gleich nach seinem Taschenmesser. „Schneckenbraten", sagt der König, unb die Prinzessin klatscht vor Freude in die Hande unb gibt ihm noch einen Kuß. Wein, Schneckenbraten mag Jan nicht, ob sie nichts anderes hätten? Schneckenbraten unb Birkenwein! Birkenwein? Ob sie keinen Grog hätten. „Pfui!" sagte die Alte mit dem Kopftuch unb funkelt ihn böfe an. Dann will er gar nichts, bann ißt er lieber Rosinen, unb er holt gleich ein paar aus der Tasche. Nun wollen sie alle Rosinen haben, und er GietzenerLamilieilbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Rübennase, der Hampelmann, springt hinterher. Er macht gewaltige Hopser, es sieht spaßig aus, rote er die Beine wirft — die Kni« weit auseinander gespreizt daß die Lackstiefel hoch in die Luft fliegen, unb bet jedem Hopfer hebt er wütend die Arme. Aber er holt den Wagen enm! T Schecken stieben dahin, daß der Schnee nur so stäubt. Der kleine Kerl steht aufrecht im Wagen, [eine lange Rase sticht geradeaus in a ber rote Mantel flattert wie eine Fahne im Wind. Mit der rechten Hand halt er die Zügel, den linken Arm hat er um die Prin- ■ s-ffl o-ieJd) un^n ä'eht sie an seine Brust. So jagen sie rund um ! b>e Lichtung: die Schecken, der König, die Prinzessin unb der Hampelmann, immer rundum. San ist es wunderbar zumute — so warm unb behaglich. Der Grog lvar gut — vielleicht hat er ein wenig zu lange dabei gesessen, dafür geht j er jetzt den Richtroeg durch den Busch, da wird Geesche nichts merken. Breit roie ein Bär stapft er unter den Bäumen dahin und macht: „Puh — Die Sonne hing eben noch wie ein dicker roter Ball hinter den Zweigen, jetzt ist sie ganz platt gequetscht, und jetzt rutscht sie der Erde i ganj den Buckel hinunter. „Hupp —" sagt Jan, wie sie verschwindet. Jetzt wird s bald dämmerig. Die Tannen strecken ihre schneebeladenen Zweige weit von sich und wollen ihm den Weg versperren, er gibt ihnen eins aus die Finger, patsch. Da greift eine nach dem Bindfaden des Hampelmanns der schreit mit Armen und Beinen um Hilfe, und eine lanat gar in seine Rocktasche unb zupft die Prinzessin an ihrem Goldhaar. Das geht Jan zu weit, er schubst die Prinzessin zurück und nimmt den Hampelmann in mutz wohl oder Übel eine ganze Handvoll über die Tafel streun. Die Prinzessin pickt sie auf die (Sabel, zerschneidet sie in vier Teile und itzt so zierlich, wie eben nur eine Prinzessin essen kann. Wie sie alle am Schmausen sind, kommt der Hampelmann angehmkt, aber wie sieht er aus — die Nase hängt ihm trübselig herunter, die Glieder schlottern in allen Gelenken und bei jedem Schritt knickt er ganz m „Jan," sagt er, „gib nicht die Prinzessin weg! Bist du auch wieder da?" ruft der König, „warte, man soll dir Arine und Beine ausreitzen!" Und alle wollen über den armen Hanipcl- mann herfallen. Da wird Jan böse: „Er hat ganz recht, die Prinzessin qehört mir. Und den roten Mantel da, den hast du nur auch gestohlen! Her damit!" Das gibt einen gewaltigen Krach, die Alte kreischt auf, die Prinzessin fällt auf die Knie und weint in ihr goldenes Haar, und alle andern dringen auf Jan und den Hampelmann ein. Jan schlagt mächtig um sich, aber das kleine Zeug sitzt ihm im Nacken, tm Bart, überall. Unb nun stopfen sie ihm gar Schneckenbraten in den Hals — er kann gar nicht dagegen schlucken und würgt und würgt und denkt schon, er muh ersticken — da hört er ein wütendes Geheul, ganz nah und ganz laut. Der Wols!" schreit der König, „rette sich, wer kann!" und im Nu ist das kleine Gesindel verschwunden. Der Wolf springt auf Jan zu, groß und schwarz, mit offenem Maul, und setzt ihm die Psoten auf die Brust. Aber er beißt nicht, er fährt ihm nur mit der Zunge übers Gesicht, und dann heult er wieder. „Ach —" sagt Jan verwundert, „Polli, bist du das? Und nun ist auch Geesche da mit einer Laterne, sieht ihren Jan auf dem Boden sitzen und vor ihm, auf einem herrlichen roten Umschlagetuch, säuberlich aufgebaut, den Wagen mit Schecken, den Hampelmann und die Puppe. Und rund umher liegen Rosinen im Schnee verstreut. „ Etwas steif und langsam kommt Jan in die Höhe. „Geesche, sagt er und schüttelt den Kopf, „das ist eine wunderliche Geschichte. , Ja," sagt sie und hat das Tuch mit allen Herrlichkeiten darin schon aufg'erafft, „das ist wirklich eine wunderliche Geschichte, aber jetzt komm nur schnell nach Haus', du bist ja ganz steif gefroren." Am Abend liegen all die schönen Sachen unterm Weihnachtsbaum und die ganze Stube ist voll Jubel darüber. Jan ist sehr stolz und froh, aber eins ärgert ihn doch, denn niemand will seine Geschichte glauben, sie lachen ihn alle aus. Nur der Hampelmann nicht, der weiß Bescheid, lieber seine lange rote Nase hinweg, plinkt er Jan mit hochgeschlossenem Auge zu: Laß sie nur reden, Jan, wir beide, wir wissen es besser, was? Ja, die Menschen wollen an nichts mehr glauben, aber Jan und der Hampelmann, die wissen Bescheid. Vivat Academia Dorpatensis! Ium 125. Jahrestag der Universität Dorpat am 12. Dezember 1927. Von Dr. Ernst Seraphim. Unser Auoe richtet sich heute in sern-e Zeiten zurück. Die Errichtung einer deutschen Universität ist Wunsch und Plan der baltischen Lande gewesen, soweit wir zurückdenken können. Gustav Adolf, der große Schwedenkönig, der auch in Livland, dos er vom Joch der katholisierenden Polen befreite, der Rektor des Protestantismus geworden ist, hat am SO. Illli 1632 im Kriegslager zu Nürnberg jene denkwürdige Urkunde unterzeichnet die die Academia Gustaviana nach dem Borbilde Upsalas ins'Leben rief. Er stellte ihr die Aufgabe, „das martialische Livland zur Tugend und Sittsamkeit zu bringen". Aber der Tod des Königs auf dem Felde von Lützen hat diese Schöpfung nicht zur Blute gelangen lassen: die Universität verkümmerte infolge der unsicheren materiellen Grundlagen, der schwedisierenden Tendenzen und vor allem der ewigen Knegs- wirren, die das Land immer wieder heimsuchten. Der Nordische Krieg Hot ihr die in Pernau fortvegetierte, schließlich ein Ende gemacht. Mit Gustav Adolfs Stiftung Hot also die nach fast einem Jahrhundert errichtete deutsche Universität Dorpot nicht das mindeste zu hm. m Als sich dann die Livländische Ritterschaft Peter dem Großen am 4. Juli 1710 unterwarf, war in den Akkordpunkten die Errichtung einer Universität „mit tüchtigen Professoren der Evangelisch-Lutherischen Religion zugetan", „auch zur Commodite der adligen Jugend mit Sprachen- und Exerzitien-Meistern versehen", ausbedungen worden. Aber die Armut des Landes noch dem Nordischen Kriege und die von der Petersburger Reqieruna ausgehenden Hemmungen ließen den Plan nicht reifen. Erst Kaiser Paul befahl die Gründung einer baltischen «an des - Universität durch die Ritterschaften und versprach, „mit der Ihm eigenen Monarchistischen Freigebigkeit bei der Begründung Mer Lehranstalt mitzuhelfen". Sie sollte zuerst in Mi tau durch Ausbau der vom Herzog Peter von Kurland begründeten Academia Petnna ins Leben gerufen werden, doch entschied sich der Zar 1798 für den Plan der „protestantischen Universität in Dorpat". Sein lunger Sohn und Nachfolger Alexander I. trat dem bei, und am 21.April 1802 fand die Eröffnung der „Kaiserlichen Universität Dorpat" in festlicher Weise statt. Der erste Rektor war der Theologe E w e r s. Ader schon nach acht Monaten erfolgte eine völlige und grundlegende Umgestaltung, die, auf Betreiben des ehrgeizigen Prorektors Friedrich Parrot, dahin zielte, die Universität den Ritterschaften zu entziehen und sie der Regierung direkt zu unterstellen. Parrot wußte den jungen Monarchen, der am 22. Mai Dorpat besuchte und begeistert empfangen wurde, zum Bruch der Verfassung zu bewegen: am 12. Dezember unterzeichnete er die neue Gründungsakte, in der es u. a. hieß: „Und well es uns so sehr am Herzen liegt, dieses Heiligtum der Wissenschaft in einen blühenden Zustand zu versetzen, nehmen Wir diese Universität m Unseren besonderen Schutz und Schirm." Als die Aufgabe der neuen Hochschule, die gestiftet wurde „Zum allgemeinen Besten des Russischen Reiches, besonders aber für die Provinzen Liv-, Eft- und Kurland, bezeichnet er „die Erweiterung der inenschlicheii Kenntnisse in Unserem Reich". Dieser Aufgabe ist die deutsche Universität, solange sie bestanden Hai, in treuem nachgekommen. . ...... .... Als 1889 die Russifizlerung der Universität emsetzte, man ihr das Recht der Wahl der Rektore und Professoren nahm, die russische Vortrags prache auszwang und für die Studenten die Uniform einführte, was das Verbot des Farbentragens in sich schon, als vollends 1893 die Universität in Jurjew unbekannt wurde, hat man im Baltenlande das Fazit aus der nun abgeschlossenen deutschen Zeit gezogen: A Hasfelblatt-Dorpat und Dr. G. Okto-Mitau schufen in muhe- völler Arbeit das „Album Academicum" der Kaiserlichen Universität Dorpat. Ein Verzeichnis aller seit 1802 Immatrikulierten, wie wohl keine einzige Hochschule im Reiche es aufweisen kann. Es umfaßt rund 1 4 000 Immatrikulierte und gibt ehrendes Zeugnis vom Dienst für die baltische Heimat und die deutsche Wissenschaft „für Erweiterung der menschlichen Kenntnisse im weiten Zarenreich", ja über dieses hinaus auch jur bas deutsche Volk. Hat die alma water Dorpatensis doch in kaum neunzig Jahren 314 akademische Lehrer, darunter 210 Akademiker und Um- versitätsprofessoren dem Reich gegeben, d. h., jeder 50.,Immatrikulierte hat es zum Akademiker oder Universitätsprofessor gebracht. Daran schlle- ßen sich noch 30 Diener der Wissenschaft als Astronomen und Physiker und 50 Forschungsreisende, unter die allerdings zahlreiche Akademiker miteinbegriffen sind. Unter den sonstigen Berufsgruppen stehen 2250 Aerzte ihnen folgen etwa 2000 Staatsbeamte, darunter 6 Senatoren, 3 Gen'eralgouverneure, 4 Gouverneure, ferner 51 Diplomaten, im ganzen also 400 Exzellenzen. Wir zählen ferner 1140 Pharmazeuten, 1130 evangelische Geistliche, darunter drei Bischöfe und zahlreiche Generalfuper- intenbenten, etwa 1116 Lehrer, unter ihnen drei Universitatskuratoren und 58 (Smnnafialbirettoren, nahe 1050 Gutsbesitzer, unter ihnen 20 Landmarschälle, 65 Landräte, 54 Bürgermeister. Es folgen 313 Militärs nut 45 Generälen, etwa 120 Kaufleute, Bankbeamte, Fabrikbesitzer, 70 Redakteure, Journalisten, Dichter unb Künstler. Sie alle einte etn Geist unb bie Liebe zum alten Dorpat, von bcm einer seiner ältesten Stubenten Hintze gesungen hat: , Kennst bu bie Stabt? Der Born der Wissenschaft Quillt dort in ewig frischer Jugendkraft. Und lächelnd drückt die heilige Caenone „ Den Lorbeer auf die Stirne ihrer Sohn«. es in druck kam. Die End« der 80er Jahre einsetzende Verrussung Dorpats, deren Folgen freilich nicht sofort erkennbar waren, durchschnitt diese naturgemäße Entwicklung. Trübe Schatten legten sich über das Land. Aber noch einmal stieg leuchtend wie ein Meteor aus der Dunkelheit das Licht deutscher Wissenschaft empor und warf seine hellen Strahlen auf Dorpats heiligen Boden: das war am 15. September 1918, als der Wille des Kaisers in Dorpat die alte deutsche Hochschule zu neuem Leben erweckte Was der Universitätsprediger, Professor Hahn, der kaum ein Jahr darauf em Opfer bolschewistischen Mordes geworben ist, m bewegten und alle be- roegenben Worte bamals als ein „Auferstehungswunder bezeichnet hat, ist bald wieder zu Grabe getragen worden. Aber wer wollte jene kurze Zeit tniffen, in der sich heiße Sehnsucht und kühnste Wunsche verwirklichen zu wollen schienen. . „ . , ... Nur neun Jahre sind es her und es dünkt eine Ewigkeit! Denn bald nach jenem strahlenden 15. September kam die Novembernacht. Das yeue Dieser Geist umschloß aber nicht nur die Wissenschaft. Gewiß, diese hat mitbewirkt, daß akademische Bürger Dorpats zu allen Zeiten überall Rußland ihren Mann gestanden haben. Er hat es auch bewirkt, daß die Universität, der die Mission zugesallen war, westeuropäische Bildungselemente dem Osten zu vermitteln, nicht nur eine unendlich große Zahl hervorragender Deutscher aus dem Reiche unter lhren Lehrern sah nur Adolf Wagner fei genannt, der Dorpat die deutscheste aller deutschen Universitäten nannte —, sondern auch dem Mutterlande den Tribitt der Dankbarkeit hat abtragen können: von Karl Ernst v. Baer zieht sich eine lange Reihe Dorpater Jünger auf deutschen Lehrstühlen, die Har- nack und Seeberg, die Dehio und Ernst v. Bergmann, Karl Schirren, den Verfasser der mannhaften und gutvollen „Livländischen Antwort", nicht zu vergessen. Wenn diese Männer alle im Leben ihren Mann gestanden haben, so war es aber im Grunde mehr als die Wissenschaft. Es war die Ausgestaltung des studentischen Lebens, das sich, wenn auch in einen Wurzeln von den Hochschulen im Reich stammend, doch in einer ganz einzigartigen Weise in der Isolierung des baltischen Sonderlebens im besten Sinne aristokratisch auswirken konnte: Allgemeiner Studenten- konunent mit obligatorischen Ehrengerichten waren für alle Studenten bindend und schon um die Mitte des Jahrhunderts wurde in Dorpat der Duellzwang überwunden und in derselben Korporation dem Duellanten und Antiduellanten gleiches Recht gegeben. Das war es ja, was in den vier alten Korporationen „Curoma", „Livoma , „Estoma unb per „Fraternitas Rigensis", die alle schon auf über em Jahrhundert zuruck- bliden, und den jüngeren Verbindungen das ungeschriebene Lebensgesetz war: „Freiheit und Zwang, Rechte und Pflichten, Genuß und> Arbeit so gegeneinander auszugleichen, daß ein stabiler Zustand erreichte wurde. Das „Ideal der Selbstentwicklung", das Dorpat seinen Söhnen mitgab, hat sie dann in die Lage versetzt, später dem Lande so zu dienen, wie sie es getan haben. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß ohne den eminenten Einstich Dorpats, in Sonderheit der theologischen Fakultät seit dem Beginn der 60er Jahre, als Moritz v. E n g el h a r d i und Alexander v. Dettingen ihr Richtung und Inhalt gaben und reli- aiöfen Konfessionalismus mit Lebens- und Bildungsfreude veremigten, jene Epoche des Aufbauens und Werdens unmöglich gewesen wäre, die mit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für die baltischen Provinzen anbrach und auf allen Gebieten, geistigen wie materiellen, politischen und sozialen, so der Bauernemanzipation, einen beispielslosen Aufschwung herbeisührte, der einmal in den Reformtätigkeiten der Ritterschaften, zum anderen in den geiftigen Strömungen in Riga, tue in der Begründung des Polytechnikums 1862 gipfelten, zu wunderbarem Aus- Licht erlosch, der Traum des deutschen Dorpat war zu Ende. Aber in all dem Weh, das die Erinnerung wieder lebendig werden läßt, blieb doch der Trost, daß das Erbe der Vergangenheit wie ein Feuer unter der Asche auch in anderen Formen weiterglüht. Und wenn am 12. Dezember sich jn Rostock die alten Söhne der alma water Dorpatensis und die Freunde im Reich zu feierlichem Begehen des Gedenktages zusammenfinden werden, so werden sie das tun im Bewußtsein der Unvergänglichkeit des Wortes, das der preußisch« Kultusminister damals am 15. September m Dorpat gesprochen hat: „Die deutsche Kultur kann nicht untergehen!" Die Handschuhe der Kaiserin. Eine Novelle von Alfons v. C z i b u l k a. (Schluß.) So hielt der Kolowrat mit seinem Trompeter mitten in der belagerten Stadt, in der Gefahr, von einer eigenen Kugel, die schon da und dort in die Dächer schlugen, getroffen oder von den Preußen gefangen zu werden. Ein oder das andere wäre ihm wohl auch widerfahren — immer häufiger platzten die kleinen Bomben in der Straße, auch war fchon das Summen von Flintenkugeln zu hören —, wären nicht plötzlich hinter ihm, aus einer Gaffe einschwenkend im Attacketempo ungarische Husaren aufgetaucht. Im letzten Augenblicke, er wäre sonst überritten worden, konnte er sich noch in einen Garten retten. Es war ein Halbregiment Husaren, das der Hadik schon zwei Tage zuvor von feiner Kolonne abgetrennt hatte. Wie es ihre Aufgabe erheischte, waren sie Schlag neun Uhr überraschend am Potsdamer Tore aufgetaucht, das noch offen war, weil man dort vom Erscheinen der Oesterreicher nichts geahnt hatte. Sie hatten die wenigen Torwachen überritten und waren sogleich zum Schlesischen Tore abgeschwenkt, wo sie nun dem Grenadierbataillon, das man im Laufschritt zum bedrohten Tore geschickt, in den Rücken fielen. Da fast zur gleichen Zeit das Tor, von Schüssen zerschmettert, in einer Wolke von Pulver und Staub nach innen fiel, Kroaten und deutsche Reiter zu Fuß eindrangen und auch schon über die Landwehrbrücke feindliche Abteilungen einbrachen, nachdrängende Reiterei die zum Suk- kurs heranrückenden schwachen Bataillone in den engen Gassen leicht überritt, so war die Köpenicker Vorstandt in wenigen Augenblicken in den Händen des Feindes. Der Rittmeister von Kolowrat, der mit seinem Trompeter hinter den attackierenden Husaren hergejagt und gerade zum Tore gekommen war, als die ersten Kroaten eindrangen, versuchte vergeblich, sich einen Weg zum General zu bahnen. Einmal sah er ihn wohl für einen Augenblick auf seinem Schimmel über die Landwehrbrücke reiten; dann aber war er im Getümmel verschwunden. Immer wieder wurde der Rittmeister in den schmalen Gassen vom Kampfgewühle mitgerissen und sah sich schließlich in einem dichtgeballten, gegen die Stadt sich wälzenden Haufen mit dem Bajonett sich wehrender preußischer Grenadiere, einhauender Panduren und deutscher Reiter zu Fuß. Fluchend, stechend, hauend und schießend, schoben sich Reiter und Grenadiere, bald vor, bald rückwärts flutend, langsam, stockend zwischen den Häuserreihen dahin, aus deren Fenstern manchmal ein verlorener Schutz aufblitzte. Es war etwa eine Stunde später, da er noch immer hartnäckige, ja verzweifelte Widerstand plötzlich erlosch, Blasen und Rufen, Fluchen und Jubeln zu hören war. Der Kampf schwieg fast völlig. Jetzt gelang es dem Adjutanten endlich, sich freie Bahn zu schaffen, um zum General zu gelangen. Im Vorüberreiten riefen ihm Offiziere, die er nach der Ur- ache der Kampfpause fragte, zu, datz das Einstellen des Kampfes be- vhlen fei, da Berlin kapituliert hätte, und die Garnison sich nach Span- )qu zurückzöge. Rach einigem Umherirren fand der Rittmeister endlich den General. Der hielt zu Pferde inmitten einiger Offiziere und neugierigen, an die Mauern sich drückenden Volks auf einem kleinen Platze. Als er feinen Adjutanten bemerkte, winkte er ihn zu sich heran. Er lachte, Henn eben waren auch die Deputierten des Magistrats von ihm empfangen worden, die ihm das Versprechen pünktlicher Zahlung der Kontribution Überbracht hatten. Er nahm den Adjutanten beiseite und fragte, mit den Augen zwinkernd, leise: „Beicht' Er! Was hat Er den Messieurs vorn Magistrat gesagt? Er mutz das Blaue vorn Himmel herunter gelogen haben, daß mir der Rachow so sans fagon die Stadt ä discretion übergibt." Als der Kolowrat ihm meldete, wie er sich des Auftrags erledigt, und was er wegen der Uebergabe noch auf eigene Faust hinzugefügt, da streckte ihm der Hadik auflachend die Hand hin: „Das hat Er gut gemacht! — Hör' Er, parfümier’ Er sich so vieler will. Parole d'honneur, Ich nehme keine Prise mehr deswegen!" Der Hadik wußte, datz die Uebergabe von Berlin nichts als eine Episode sein konnte. Er wußte, datz er die Stadt gegen den Dessauer unmöglich halten konnte, auch konnten die Reiter des Seydlitz stündlich nn den Toren erscheinen. Er wunderte sich eigentlich, daß sie nicht schon gekommen waren. Ließ er die Truppen jetzt in das Innere der Stadt, bann würden sie sich plündernd zerstreuen. Dagegen hatte damals noch kein General ein Arkanum gesunden. Wie in einer Mausefalle müßten Ihn dann der Dessauer und der Seydlitz fangen. Da befahl er. die Truppen hätten in der Köpenicker Vorstadt, am Kottbuser und Potsdamer Tore zu bleiben. Ein Mertel der Offiziere könne, soweit es her Dienst erlaube, in kleinen Gruppen sich Berlin besehen, bis zur Dämmerung, aber nicht länger. Er selbst ritt um die Mittagsstunde mit feinem Stabe in das Innere der Stadt. V. Cs war schon spät am Nachmittage, als der Hadik, der durch die ganze Stadt, auch über die Wälle geritten war, wieder in die Köpenicker Vorstadt zurückkehrte. In einer Schenke nah« dem Kottbuser Tore, die man zum Stabsquartiere ausersehen, erwarteten ihn zum zweiten Male die Deputierten des Magistrats, die in barem Gelds und in Wechseln auf Ham- bürg die Kontribution überbrachten. Die begehrte Summe war nicht voll, doch der Hadik begnügte sich und unterschrieb. Dann setzte er sich, nachdem die Räte gegangen waren, mit Offizieren zu einem kleinen Mahle, das man ihm bereitet hatte. Ein Marketender hatte ein Füßchen urigarischen Weines aufgespürt. So wurde die Einnahme von Berlin gefeiert, indes draußen die gesattelten Pferde standen. Niemand legte die Waffen ab. Wie man zu Pferde gesessen, so sah man nun um die Tische der Schenke herum. Man flüfterte einander zu, daß der Seydlitz schon von Potsdam heranreite und der Vortrab des Dessauers noch in der Nacht in der Stadt sein werde. Man erzählte, was man in Berlin gesehen, wie man mit den Mädels scharmutziert, und wie schade es sei, daß der Hadik das Betreten der Stadt nach Einbruch der Dämmerung noch einmal mit den gräßlichsten Flüchen verboten hätte. Ein paar Fähnriche und Kadetten, die abseits an einem kleinen Tische hinter dem Hadik sahen, berieten flüsternd, ob es das Donnerwetter wohl lohne, in der Nacht auf eigene Faust einen Ueberfall auf das Innere der Stadt zu wagen, da ihnen Mädels begegnet wären, wie man in der Wienerstadt nicht schönere finde. Einer, ein Kornett von Savoyen-Dragonern, spitzte die Lippen vor Begeisterung, weil er an das süße Backwerk dachte, das ihm in einer Gasse der Friedrichstadt eine Bäckerstochter offeriert. Er prahlte, wie rot ihre Sippen gewesen, und wie sie wohl noch süßer wären als das Zuckerwerk, wenn er zum Teufel nur in der Nacht nach Berlin entwischen könnte. Da sah sich der Hadik, der scharfe Ohren hatte, und schon eine Weile auf die Reden der Jungen gehört, lachend um, schlug auf den Tisch und polterte: „Teufelsbuben' Soll ich euch den Profotzen auf den Hals schicken? Daraus kann nichts werden aus dem Nach-Berlin-echappieren! — Aber recht habt Ihr — galant soll man sein! — Messieurs!" und er rief es schallend über die Tische und sprang auf, „daß wir der Majestät an die dreimalhunderttausend Taler für ihren Kriegsschatz, Fahnen und etliche Kanons aus den Mauern von Berlin bringen, wird sie freuen. Aber an ein Souvenir für die allergnädigste Frau hat keiner gedacht! — Kolowrat! Reit' Er noch einmal zum Bürgermeister, sag' Er, der Hadik erbitte sich für die Kaiserin-Königin zwei Dutzend schneeweißer Handschuhe. Sollen ja berühmt fein, die berlinischen! Bring' Er sie nur gleich mit, aber such' Er sich schöne aus! Er versteht sich ja auf derlei Chosen." Lachender Zuruf der Offiziere, Klirren der Waffen und Sporen, Stampfen und Jubeln. Sie hoben die Gläser und jauchzten und schrien: „Vivat Theresia!" — Immer wenn damals Offiziere aus das Wohl der Kaiserin tranken, war es zugleich eine Huldigung an die Frau. Der Kolowrat erhob sich, wollte gehen. „Halt!" rief der General und zeigte auf den Kornett vom Regiment Savoyen. „Nehm' Er sich den Grünschnabel da mit! Er kann sich noch einmal Zuckerwerk holen bei feiner Bäckerstochter. Daß er mir aber zurück ist, der Grasteufel, bis zum Zapfenstreich!" Es war fast schon Nacht, als der Rittmeister und der Kornett aus der Schenke traten und zu Pferde fliegen. Vom Potsdamer Tore her fegte eine Patrouille zum Stabsquartier. UeberaU standen unter den Laternen, im Dunkeln und an den Toren Gruppen von Bürgern, flüsterten erregt und lachten hinter den beiden her. Dem Kolowrat roar’s, als höre er ein fernes, fremdes Signal. Rascher trabte er in die Stadt hinein und stand nach einer Viertelstunde wieder oben im Rathause vor dem Bürgermeister, der ihn diesmal in seiner Arbeitsstube empfing. Unten hielt der Kornett die Pferde. Höflich richtete der Offizier feinen Auftrag aus. Der Bürgermeister tiberieate, lachte seltsam und antwortete: „Es wird uns ein plaisir fein, der Kaiserin eine Probe unseres Handwerks zu übersenden." Cr schellte. Ein Ratsbote trat ein, dem der Bürgermeister einige Worte zuflüsterte. Der Diener ging schmunzelnd. Jn der kleinen, behaglich getäfelten Stube saßen einander nun eine Weile gegenüber der Bürgermeister von Berlin und der kaiserliche Offizier. Sprachen höflich, kühl miteinander. Nicht eben viel. Lange Pausen unterbrachen das Gespräch. Wieder war es dem Kolowrat, als höre er ein fernes Signal. Er horchte auf. Der Bürgermeister sah ihn an, lächelte, meinte, es wäre ein preußisches. Manchmal, bei gutem Winde, höre man das Blasen von Spandau her. Der Kolowrat spielte unruhig mit seinen Stulphandschuhen. — Spandau? — Der alte Fuchs gefiel ihm nicht. War am Morgen schier fahl vor Entsetzen gewesen und sah jetzt drein, freundlich und'seelenruhig, als geschähe es alle Tage, daß ein österreichischer Offizier Kontribution zu Berlin verlange. Endlich kam der Ratsdiener wieder, trug ein längliches, verfchnurtes Paket, übergab es dem Bürgermeister. Dieser löste die papierenen Hullen, hob eine Kassette aus rotem Saffianleder heraus, nahm den Deckel ab, zoq einen Handschuh heraus, reichte ihn dem Kolowrat: „Belieben sich zu Überzeugen Offizier, — feinste Arbeit unserer Mcmufuktur! Der Rittmeister warf einen Blick auf den Handschuh, strich prüfend darüber, verneigte sich verbindlich. Draußen klang, nahe schon, zum drittenmal das Signal. Der Kolowrat runzelte die Stirne. Was war das? Langsam zählte der Bürgermeister die Paare vor — zwei Dutzend, schnürte bas Paket zusammen, bat um die Quittung. Der Offizier unterschrieb dankte und ging. Der Bürgermeister warf sich auflachend in seinen Armstuhl, als draußen' im Gang die eiligen Schritte des Oesterreichers verhallten. Als der Kolowrat zu den Pferden trat, raunte der Kornett ihm zu: „Die Preußen find da! Eben sah ich welche drüben an der Gasse voruber- reiten, sie bemerkten mich hier im Dunkeln nicht." . Der Kolowrat reichte dem Kornett das Bakel, sprang >n den Sattel und lachte: „Dann allons, Kornett! Sein Mädel, fürcht ich, wird heute ein Breutze küssen." . Vorsichtig, die Pistolen in der Faust, bogen sie m ine Gasse ein durch die sie zum Rathause geritten waren. Sie war leer. Nur em Burger bufd)te noch rasch in ein Tor. Ferne hörte man Reiten und Rusen. Im Galopp ritten sie weiter. Mötzlich Tumult und Geschrei. Schälle bhMen auf unh fmforen des Seydlitz jagten den beiden entgegen. Der Rittmeister schoß, riß sein Pferd herum, datz es bäumte, und war mit einem Sah im Dunkel einer schmalen Gasse verschwunden, die zur Friedrich- ftavt Xiou.) uie ;oei.|Oiger war er iua)l la-, yu.ntu sprühten von den Esten des lpseroea. Dich! hinrer ihni der Kornett und Husaren! An der Ecke eines tlemen, vecsteckten Platzes, wo der Schein aus der ostenen Türe einer Schenke di« H.garen einen Augendlick lang olendcte, rauchte der Rittmeister m einen Torbogen, jagte üver eine kurze schmale Brücke und war den Verfolgern enhommen. Als er sich um sah, war der Kornett verschwunden. Fern« nur horte er das Lärmen der sich entsernenden Jagd; zwei Schasse, dann Ruhe. Mit schweißtriefendem Pferde kam der Offizier, nachdem er kreuz und quer durch die Gagen, über Brücken und offenes Wiesenlnnd, über Wälle geritten war, im Stabsquartier in der Köpenicker Vorstadt an. Der Hadik stand mit den Obersten vor der Türe der Schenke. Daß die Brigade Seyd- litz vom Spandauer Tore her in die Stadt eingedrungen sei, wußte er längst. Als der Kolowrat ihm fein Abenteuer meldete und zugleich sagte, daß der Kornett, dem er die Handschuhe gegeben, wohl tot ober gefangen sei, zuckte der General ärgerlich mit den Schultern und brummte: „Schade! Es war eine Stunde zu spät." „Wenn mein Kornett nicht bei seinem Mädel ist!" lachte der Obrist von Savoyen. „Dann kassier ich den Kujon!" polterte der General. „Bonsoir, Messieurs. Um vier Uhr wird marschiert! Nicht früher, weil in der Nacht auch der Seydlitz nicht chargieren kann." Sprach's, drehte sich um md ging. Die Nacht war ruhig. Selten fiel verloren ein Schuß. Noch in der Dunkelheit zogen des Morgens um Bier die kaiserliche» Regimenter zur Stadt hinaus, um die gleiche Zeit, da auch schon die Truppen des Dessauers durchs Spandauer Tor in die Stadt einruckten. Ein« Stunde später war das Schlesische Tor wieder von preußischen Grenadieren beseht. Doch blieb es offen, weil der Seydlitz gleich debouchieren wollte, um zu versuchen, dem Feinde die Kontribution, die Fahnen und Kanonen wieder abzujagen. Es war in der ersten Morgendämmerung, daß die Posten in der Stadt den Hufschlag eines wilden Reitens hörten, und ehe sie sich recht besannen, im Dämmern und Rebel einen feindlichen Reiter erblickten. Ehe verspätet ein paar Schüsse knallten, war der Reiter vorüber. Den Pallasch quer vor sich über dem Sattel, das Paket mit dem Souvenir für die Kaiserin in der Linken, tief auf den Hals feines Pferdes gebeugt, so fegte der Kornett durch die Gassen. Als er vor sich im Rebel das Schlesische Tor sah, hielt er fein Spiel für gewonnen. Die Wachen am Tore achteten erst des Jagens und Reitens nicht, weil sie von Minute zu Minute die Regimenter des Seydlitz erwarteten. Als sie den Reiter erkannten, war es zu spät. Schon donnerten die Hufe über die Bohlen der Brücke. In den Bügeln sich aufrichtend, sah der Kornett sich um, hielt winkend bas Paket in ber hocherhobenen Linken unb war einen Augenblick später im Rebel verschwunden. Als er eine Skunbe barauf in den Wälbern am Müggelsee vor bem General parierte, ihm bas Paket übergab unb mit lauter, heller Stimme meldete: „Die H a n d s chu he der Kaiserin, Euer Exzellenz!" ba schlug ihm ber Hadik lachenb auf di« Schulter und polterte: „Er Kujon!" Am Abend aber im ersten Lager — man war gegen die Ober geritten — erzählte ber Kornett ben Fähnrichen unb Kadetten sein Abenteuer. Wie bis Seyblitzhnsaren ihn wie einen Hasen gejagt, als ber Kvlowrat plötzlich verschwunden war. Wie er mit zwei Schüssen sich die nächsten Verfolger vom Leibe gehalten, er dann kreuz und quer durch die Gassen geritten und schließlich die Husaren seine Spur verloren. Da hätte er, lachte der Kornett und zwinkerte spitzbübisch mit den Augen, gesehen, ob sie es glaubten ober nicht, baß er vor bem Hause stehe, in bem bie Bäckerstochter wohne. Da sie allein im Hause gewesen, ihr Vater sei als Marketender im Felbe, bie Mutter über Lanb, so habe sie ihm gutmütig Quartier gegeben. Unb mehr erzählte er nicht. Doch müßten sie es ihm schon glauben, daß es unmöglich gewesen märe, noch in der Nacht ins Stabsquartier zurückzukehren/denn es hätte nur so von Preußen gewimmelt, die fluchend nach ihm suchten. Am Morgen freilich, als er die Rase zum Tore hinausgesteckt, habe sich in der Gasse nicht eine Katze gerührt. Erst in den Straßen nahe am Kottbuser Tore habe er gemeint, in ein Wespennest geraten zu sein. Wie er mit heiler Haut den Preußen entwischt, baß wisse er selber nicht recht. Zur Bekräftigung aber, daß er bie Wahrheit spreche, zog er noch ein letztes Zuckerbrot aus ber Tasche unb verzehrt« es seufzend. Denn, weiß der Teufel, nach Berlin käme man so bald nicht wieder. VI. Eine Woche später ritt ber Rittmeister von Kolowrat, wie es ber Brauch bei guter Botschaft aus dem Felde war, von acht blasenden Postillonen geleitet, hinter sich sechs Wachtmeister mit ben erbeuteten Fahnen, eines Vormittags durch die Straßen von Wien hinaus nach Schönbrunn. Er überbracht« die Meldung des Hadik von bem Zug« nach Berlin. In diesem Jahre war an ber Donau ber Herbst so schön und warm, daß der Hof noch draußen in Schönbrunn geblieben war. In ihrem Arbeitszimmer von dessen hohen, geöffneten Fenstern man weit hinein in ben Park mit seinen Alleen, Statuen, Wasserspiegeln unb Ruinen sah. hinauf bis zu bem breiten luftinen Hügel, wo tramnhaft zwischen ben Kulissen herbstlicher Bäume die Gloriette in große, leuchtende Wolken schnitt, empfing hie Kaiserin den Kurier. In einem kleinen Spiegelsaal warteten bie Wachtmeister mit den Fahnen. War ihnen, weiß Gott, im Sattel w'ohler als o"f ben spiegelnden Parketten. Aufmerksam härte Maria Theresia, vor ihrem Schreibtische sitzend, auf bie Worte d»s Offiziers, d»r unbeweglich, noch verstaubt vom Ritte, vor > stand. Während sie zuhörte und immer erfreuter ruckte sah sie nett» gierig und ein wenig erstaunt auf die rote lederne Kassette, die der Kolo: -at in her f in Fen Hand hielt. Denn es war nicht oewöhnlich, boß ein Offizier mit einem Paket unten» Arm zu ihr, der Kaiserin, kam. Als sie huldvoll unb gnädig ihre besondere Zufriedenheit mit dem bravourösen - Ritt ausgesprochen, stand sie auf, öffnete dl« Tür und trat, gefolgt von bem Osizier, hinaus in ben Spwgestuat. Mit zärtlicher Bewegung strich ne über bie Seibe ber »ahnen, Mach einige Wort« mit ben Wachtmeistern, drückte jedem ein Goldstück in bie Hand unb entlieh sie. i Dann kehrte sie in ihr Arbeitszimmer zurück, setzte sich, roiiute den Rittmeister heran und jagte: „Er hat mir da eine rechte Freud« gemacht! Ich dank' Ihm schön — auch noch für Kolm! Er ist Major!" Während der Kolowrat sich tief verneigte, notierte die Kaiserin mit einem goldenen Crayon rasch die Ernennung auf ein Blatt Papier und zugleich die Notiz, bah sie wegen ber Verweubung ber Berliner Kontri» , bution mit bem Finanzminister sprechen müsse. Dann trat sie an ben Kolowrat heran, ber noch immer unbeweglich vor ihr stanb, zeigte auf bie Kassette unb fragte: „Aber jetzt sag' Er endlich, was hat Er da?" Ehrerbietig legte ber Major bie rotleberne Schatulle auf ben Schreibtisch ber Kaiserin unb meldete, welche Bewandtnis es damit habe. Belustigt hörte ihm die Kaiserin zu. Längst schon hatte sie ben Deckel abgehoben. Nun lachte sie unb rief: „Ist der Hadik aber galant!" — Sie reichte bem Offizier bie Hanb zum Kusse unb entlieh ihn gnäbig. In bem Spiegelsaale, in bem nun flüfternb Minister unb Generale auf ben Beginn ber Aubienz warteten, würbe ber Kolowrat mit Fragen bestürmt. In aller Eile muhte er noch einmal von bem Zuge nach Berlin j erzählen. Immer neue Fragen stürmten auf ihn ein. Enblich wollte er : gehen. Da schrillte die Glocke aus dem Arbeitszimmer ber Kaiserin. Einen I Augenblick später erschien zwischen ben beiben an ber Türe Wache stehen- , ben Garden ber Abjutant, sah sich suchenb um, trat auf ben Kolowrat zu unb melbete, er solle sogleich zu Ihrer Majestät. Erstaunt sah ber Major auf, bann folgte er dem Adjutanten, ber die Türe vor ihm öffnete. Als der Kolowrat an diesem Vormittage zum zweiten Male das Arbeitszimmer ber Monarchin betrat, an ber Türe still stanb, sah ihn bie Kaiserin an unb lachte, bah ihr bie Tränen über bie Wangen liefen. Am Kamin stand der Kaiser Franz, denn es fror ihn, weil Maria Theresia selbst im Winter bei offenem Fenster sah. Auch über sein Gesicht zuckte ; das Lachen. Freundlich winkte er dem Offizier zu und sagte: „Das habt : Ihr süperb gemacht! — Aber ich glaube, jetzt geht's Ihm schlecht!" j Vergebens bemühte sich die Kaiserin, sich des Lachens zu erwehren. ! Endlich konnte sie sprechen: „Komm' Er nur näher, Kolowrat!" — Vor ihr auf dem Tische lagen, zu einem Hausen geschichtet, die Handschuhe. Sie stand auf, hob in jeder Hand einen Handschuh hoch, hielt sie bem Offizier hin unb fragte: „Sieht Er was?" — Der Major verneinte erstaunt. Er wußte nicht, was bas bedeuten solle. Doch Schlimmes könne es un- i möglich sein, so dachte er, als er die Augen der Kaiserin sah. j „lieber die Ohren hat Er sich hauen lassen von bem berlinischen Bür- j germeifter!" rief Maria Theresia. „Sieht er benn bas nicht? Lauter j linke Handschuhe — die zwei Dutzend, wie sie da sind! — Da sieht man, daß Er ein Mannsbild ist!" i Der Major stammelte untertänigft eine Entschuldigung. Die Kaiserin . lachte begütigend. Da trat mit raschen Schritten der Kaiser auf ihn zu, | reichte ihm die Hand und meinte: „Mach' Er sich nichts daraus! Das be- ' komme ich alle Tage zu hören." Maria Theresia, bie biefe Art ihres Gemahls nicht liebte, runzelt« bie Stirne, legte bie Handschuhe auf ben Tisch, sah auf unb sagte bann gnädig: „Ich bin Ihm nicht böse, Kolowrat! Man sieht Ihn doch heute J Abend beim Ball?" — Der Offizier verneigte sich. Hinter ihm öffnete der Adjutant lautlos bie Tür. — Am Abenb war Ball bei Hof in ber großen Galerie zu Schönbrunn. Der Majpr kam spät, weil er bem Hofkriegsrat Bericht erstatten mußte. Merkwürdig lang hatte man ihn zurückgehalten, obwohl er doch zu Hof befohlen war. Als er dann endlich den von Hunderten von Kerzen schim- • mernden unb strcchlenben Saal betrat, verstummte bi« Musik. Die Kaiserin ' ging auf ihn zu, reichte ihm bie Hanb zum Kusse, bie ohne Handschuh war, ! und lachte: „Da hat Er's, Kolowrat, nun müssen wir ohne rechten Hand- i schuh tanzen!" Sie beutete hinter sich in ben Saal. Dort traten vierunb- ■ zwanzig Paare zur Quadrille an. Ohne rechten Handschuh die Damen. Plötzlich flog ein Flüstern und Tuscheln über bie gepuderten Köpfe: bie Kaiserin 'tanzt! „Komm Er, Kolowrat!" sagte sie unb reichte bem Offizier die Hand. „Er tanzt doch ein Menuett mit mir? Freilich so gut wie Er kann ich's nicht!" Die Musik setzte ein, und langsam tanzte die Kaiserin zwischen dem Spalier ber Paare mit ihrem Offizier Menuett. Dann begann bie Quadrille. Lange Jahr« wurde auf den Hofbällen und in den Palästen des Adels bei ben Quadrillen eine Figur getanzt, bei der die Damen den rechten Handschuh ihrem Kavalier übergaben, wenn ber Vortänzer leise in die Hände klatschte und rief: „Les gants de Berlin!" <- Es war kurz nach der Schlacht von Leuthen, baß Friebrich der Graß« durch einen gefangenen Obriffen, ber an bem Zuge nach Berlin teilgenommen. erfuhr, wie ber Hadik damals im Lager von Elsterwerda icher bie Berlinische Zeitung getobt hatte. Zwei Tage später gab eine preußische Patrouille bei ben österreichischen Vorposten in Schlesien einen Brief für ben General her Kavallerie van Hadik ab. Friedrich tWe das. Wie er auch etl'che Monate vorher das Generalsvaient für den Obriffen, bog mit dem Kurier aus Wien einer preußischen Streifpartei in die Hände gefallen war, mit einem Glückwunsch dem Laudon übermittelt batte. i Vor der Festtmg Schweidnitz erhielt Hadik das Schreiben, öffnete es und las erstaunt die Unterschrift Friedrich. Der Kania aber schrieb: — Mein lieber General von Hadik! — Je le felirite, die Aktion war kaMensel Aber so zu Herze» hält' Er sich's nicht zu nehmen brauchen, daß ich seine Kerle charmant» Kanaillen nannte. Werd» mich hüten, es wieder zu tun. Seine Visite hoffe ich in Wien bei ber nächsten Kampagne zu erwidern. — Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck unb Verlag: Vrühl'fchr Universität«.Buch» und Lteindruckerei, R. Lange, Dietzen.