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Wenn das Abendrot nisdergesunken, keine freudige Farbe mehr spricht, und die Kränze still leuchtender Funken die Nacht um die schattige Stinte flicht; Wehet der Sterne heiliger Sinn leis' durch die Ferne bis zu mir hin. Wenn des Mondes still lindernde Tränen lösen der Nächte verborgenes Weh, dann wehet Friede. In goldenen Kähnen schiffen die Geister im himmlischen See. Glänzender Lieder klingender Lauf ringelt sich nieder, wallet hinauf. Wenn der Mitternacht heiliges Grauen bang durch die dunklen Wälder hinschleicht und die Büsche gar wundersam schauen, alles sich finster, tiefsinnig bezeugt: wandelt im Dunkeln freundliches Spiel, still Lichter funkeln, schimmerndes Ziel. Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, bietet sich tröstend und trauernd die Hand, sind durch die Nächte die Lichter gewunden, alles ist ewig im Innern verwandt. Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt. Irgend jemand Dis ©olbtoaage. Von Georg Hermann. hat mir mal eine alte Goldwaage geschenkt. Weil er dachte, mir mache es Freude. Sie ist genau so, wie alte Goldwaagen sind, i und ruht in einem schwarzen Kästchen. Wenn man es öffnet, lieft man im Deckel: „Diese geächte Wag und Gewicht macht von ihro Churfürst Durchlaucht zu Pfalz-Bayern gnädigst privilegierter und geschworner Johann Daniel vom Berg in der Bergischen Hauptstadt Lennep." Also Lennep... ich wußte nicht einmal, daß es eine Stadt ist, geschweige denn eine Hauptstadt, sind wenn man mir erzählt hätte, Lennep wäre in den Hussitenkriegen zerstört worden, ich hätte es den Hussiten zugetraut. Man öffnet das Kästchen. Oben ruht die Waage. Sie entfaltet sich erst zu ganzer altmodischer Schönheit, wenn man sie hera-usnimmt, und in- der Hand spielen läßt, bis sie sich genau ausbalanciert mit ihren beiden Messing - । Aalen. Und um sie herum und unte rihr sind in millimetergenauen 1 Mchem die viereckigen Messinggewichte. So scharf ist die Arbeit, daß man nicht eins mit dem anderen auswechseln kann. Wenn man sie alle zusammen herausnimmt, ist es ein Geduldspiel, bis sie wieder richtig 1 eingepaßt sind. Louisdor, Guinee, Dukaten und Maxdukaten, Severs — ; was das ist, weih ich schon nicht! — Carlins und Krontaler, ganze, halbe und viertel Pistols steht auf den Gewichten. Pistols, die immer bei Cafa- j nova vorkommen, und die in Beuteln bei Bürger geschwenkt werden, um ; j?Ers Handwerker oder Lebensretter anzuspornen und zu belohnen. Unter besonderem Verschluß ruhen noch papierfeine Mesfingplättchen. Ich ' Tne fl'e- ]*e bestimmen, wieviel den Goldstückchen an Gewicht fehlt. So ist die Goldwaage. ; jvj.r®jSentlidj hat sie gar keinen Zweck für mich, den es gibt heute weder I Älltols ,?och Krontaler, weder Severs noch Maxdukaten; und bei mir f .{SU err recyt nicht. Und doch nehme ich ab und zu die Goldwaage heraus, i"? „y1, rei,n‘r ästsieht, und tue das, was man gerade mit ihr nicht tun soll: ich lege „Worte" aus die Goldwaage. Dann aber bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig man doch davon H’ Eie schwer oder leicht ein Wort ist. Man kennt ihr Gewicht einfach oder überschätzt es stets. Da ist zürn Beispiel das Wort V. ,.„v *Lr j scheint ganz harmlos, federleicht, hanchfein. Ich nehme d werfe es in die Schale, und sofort reißt es sie eifenfchwer herunter. Ich packe alle, auch alle Metallguadrate der Taler und Goldstücke herauf aus die andere Schale, aber nichts mag das scheinbar so bescheidene Wcm „Letzter" zu heben. Und dann sehe ich es mir doch einmal genau an. Ein schweres Wort, ein bitteres Wort. Ein Wort, in dem tausend Aengste stecken, hinter dem das Nichts, das Grausen und die Trostlosigkeit wohnt, die Auslösung alles Bestehenden lauert. Der letzte Tag, die letzte Stunde . . . der letzte Seufzer ... und das letzte Blatt am Baum. Noch hält es sich, zuckt in der frostscharfen Lust. Ein Windstoß wirst es herunter, und die Menschen trampeln darüber hin. Oh, den Letzten beißen immer die Hunde. Der letzte Sonnenstrahl und der letzte Zahn ... die letzte Mark und der Letzte in der Klasse, der nie versetzt wird, und dem der Lehrer täglich anrät, doch Schuster zu werden ... ein ehrliches HandwerkI Der letzte Mann, der fällt eine Minute vor Waffenstillstand . . . der letzte Matrose aus dem untergehenden Schiff ... Die letzte Liebe, die nur noch frieren macht und unser Herz mit Tränen füllt. Der letzte Kuß, wenn wir zum zehnienmal voneinander Abschied nehmen, und nun endlich die Tür ins Schloß fällt, und wir wieder auf uns selbst zurückgeworfm werden, in unsere Einsamkeit hinab geschleudert werden, als ob wir in einen Fahrstuhlschacht stürzen. Selbst „der letzte Mohikaner", ein Wort, dast einst wie ein Alpdruck unsere junge Seele belastete ... Der letzte Schritt, vor dem Hemmungen niederbrachen, wie ein Gartenzaun vor einem wilden Elefanten . . . „die letzte Rose", an der Sentimentalität dick wie Tautropfen hängen ... der Letzte, der im Rennen durchs Ziel geht, und dem niemand mehr zujubelt („Ferner liefen . . ."). Der letzte reine Kragen im Schrank ... die letzte Zigarre, wenn alle Läden geschlossen sind . . . und das letzte, Streichholz, das nie brennt ... Sie Essenz, die Wucht, die Last aller dieser Dinge und tausend ungesagter noch liegt in dem einen kleinen Wörtchen, das die Schale meiner Goldwaage 1)«runter» zieht. Und wenn ich zehn Quadersteine aus dem Pflaster noch bräche, und drüber hineinwürfe, ich würde sie doch damit nicht nach oben schweben machen. Und vorsichtig nchme ich das Wort Letzter" herunter und stecke es wieder in die Westentasche. Und wie ich da so zwischen Bleistiftenden, abgerissenen Hosenknöpsen, zerknüllten Straßenbahnbilletts gedankenlos wühle, bleibt mir ein anderes Wort an den Fingern hängen. Ich ziehe es heraus und betrachte es von allen Seiten, „Hingegen" . . . Wieviel mag „Hingegen" wiegen? Es scheint mir noch schwerer, als „Letzter", kommt im Dreischritt daher. Und doch ... mein Freund war fort, hingegen traf ich feine Frau zu Hause ... das Knie war heil . . . hingegen war die Hose hin . . . meine Freundin hat mich zwar versetzt, hingegen habe ich dann in einem vor- nehmen Weinlokal sehr gut zur Nacht gespeist . . . das Souper war zwar ein besser^ Hundesutter, hingegen habe ich vierzig Mark im Skat gewonnen . . . zum Kostümfest konnten wir leider nicht gehen, hingegen starb meine Schwiegermutter ... 2a ... ein paar Metallstückchen, nur anderthalb Pistols drüben hinein, und schon schwankt „hingegen" in seiner Schale langsam hin und her, weiß nicht, ob es schon nachgeben soll aber noch nicht ... er landet zwar einen Magenstoß, hingegen habe ich ihm da» Nasenbein eingeknickt . . . seinen Benz hat er nicht mehr, hingegen eine Sommerwohnung in Plötzensee ... Minister war er unter Cuno, hingegen bezieht er noch heute Pension . . . meine Frau kann von dem Kind nicht fortkommen, hingegen hat der Arzt mir vier Wochen Riviera verordnet ... einen Preis hat unsere Mia im Turnier nicht bekommen, hingegen hat sie sich verlobt . . . mein Stück macht Kasse, hingegen war . die Kritik hundsmiserabel. Oder wie Goethe ungefähr sagt: Was ich er» ! hoffte, kam nie, was kam, erwartete ich nicht, trotzdem ist der Saldo mit gewogen geblieben. Noch ein Messingplättchen, päpter-bürm, und da gibt - das Zünglein an meiner Goldwaage den Ausschlag. i Und jenes Wort hier, dunkel, schwarzbraun, behaart wie Esau . . . i wie schwer mag das sein? „Unbekümmert". Aber, während ich « \ so näher betrachte und beklopfe, da sehe ich, das Wort ist gar nicht so dunkel. Es ist lichtblau, wie ein Februarhimmel im Schweizer Buchenwald . . . Es ist Wanberstimmung... Es ist ganz losgelöst von allem ... Es kann wie ein Schmetterling über einer Kleewiese spielen . . . Es kennt nur sich selbst, niemand sonst, nicht Vater, Mutter, Kinder, nick» Bank, Börse und Finanzamt ... Es sieht keine Wolken am Horizont auf» i steigen . . . Es ist wie ein Lerchentriller über einem Kornfeld; man hört i ihn nur, sieht die Keine Sängerin gar nicht dort oben ... Es hat ; flatternde Locken und Wind nm die Stirn . .. Es ist achtzehn Jahre, s höchstens fünfundzwanzig, lieft Novellen von Ti eck und singt Cichendorff- i fche Verse von Schubert. Es fürfttet sich nicht in der Dunkelyeit und J glaubt an feinen Sieg in der Schlacht. . . „Unbekümmert", es kenn- i zeichnet einen gasförmigen Zustand der Seele. Cs kann ein Müdchen jein, das in Bergamo aus der Seidenspinnerei kommt (Pippa geht vorüber). Ein Junge beim Fußball ... Mn kleiner Hund, der über den Rand seines Korbes stolpert. . . und ein Kind, verschmiert bis über beide Ohren, das mit einem Stöckchen im Rinnstein nach SchätzM fischt. „Unbekümmert", ich nÄ>me das allerfeinste, 'seKienpapierbünne Mesfingplättchen und lege es drüben in die Schale. Doch sofort schnellt auf der anderen Seite mein Wort in die Höh«, so Hastig, daß es fortfliegt, und nicht mehr gefunden werden kann. „Unbekümmert em wunderkost- tiches Wort! Nur schade, daß man später nie mehr Gelegenheit hat, es anzliwenden. _________ Aus dem Leben einer alten Kiesgrube. Von Otto E h r h a r t. Am Rand« des Moores liegt eine mächtige grüne Versenkung. Wenn du von den flachen Feldern kommend, durch wogendes Korn ein« Welle in nördlicher Richtung dem Moor« zuschreitest, muß du unbedmgt auf sie Bn. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn ich erkläre: du trittst aus den en und schaust mit Hellem verwundertem Entzücken m die Ties«. Hier, wo ringsum Korn gleitet, dessen Ferne nur das braune, llimmernüe Moor umspannt, wo der Habicht wie gelangweilt durcy die glasige Blaue zieht, er chließt sich vor Leinen Augen ein kleines Paradies. Wie ein freundliches Tal liegt die Grube zu deinen Füßen, bewachsen, begrünt mit Gras mit Blumen, Büschen, Bäumen und Stauden. Zwischen Binsen und Schilf chläft ein kleiner, behaglicher See und himmelt die Sonne an. Es ist unendlich lange her, die ältesten Bauern können sich kaum noch dessen entsinnen, da wurde hier Kies gefahren. Durch viele Jahre hindurch holten sich die Mösler, welche damals noch bitterarme Teufel waren, hier ihren Bedarf an Sand und Wegebaustoffen. Wenn du di« gewaltige Grube stehst, ahnst du ungefähr, was die Vorfahren der heutigen steinreichen Mooshöf« geleistet haben. Du bewunderst ihren Fleiß, aber es tut mir doch zugleich weh, daß ihre Felder, die einst ferne weiße Flecke in der Landschaft waren, nun bis hierher gedrungen, sind. Daß das erste melancholische Moor, mit seinen Sümpfen, Bächen und Weihern, mit den krüppligen Kiefen«, blitzenden Weiden und dem tausendfachen Widerschein des Sonnenglastes nun immer weiter verdrängt wird. Immer weiter hinaus bis an das Ende, wo wieder Felder, Dörfer, Städte, Schienenstränge und Telegraphenstangsn beginnen. Wo die Kultur haust. Ich glaub« aber, es geht -dir genau so wie mir: du bist glücklich, wenn du noch einen Fetzen alter Erde findest, du kannst, wie ich, mit der Schwalbe nach dem nahen Kirchturm flitzen, mit einer morgen« stetigen Lerche in den Himmel steigen, und du wirft traurig vom Leid der novembernebelumrauschten Kiefer, wenn die schluchzenden Meisen in ihren gefrorenen Zweigen läuten. Run — weil du so bist, kann ich dir auch von meiner lieben Grube weitererzählen. Ich weiß nicht, wie es auf einmal tont, hatte man einen besseren, näheren Kiesgrund entdeckt? Baute man weniger oder begann man bereits die durch das Moor führenden Straßen zu pflastern? — kurz und gut, man war dabei, die alte Grube zu vergessen. Der Weg zerfiel, die Herde wuchs wieder über di« Wagenspuren, und bald war sie der vollkommenen Vergessenheit anheimgefallen. So lag sie mitten im Moor, verloren und versteint als eine Oede, die jedes Lebewesen mied. An ihrer tiefsten Stelle sammelte sich nun das Grundwasser, und dieser alte Tümpel brachte das erste Leben in die kahl« Tiefe. Frösche und Salamander fühlten sich m dem brakigen Wasser unendlich wohl und vermehrten sich ungeheuer. Was Wunder, wenn nun öfter die Wildenten vom Moore zu Besuch kamen, um in der reichen Schüssel zu fischen. An den Füßen, im haftenden Gefieder brachten sie allechand nützliche Ding« mit: Schilf- und Blnstnsamen, Wassermoose und Wasserkräuter, ja, sogar Fischlaich. So entstand nun bald eine üppige Vegetation im Teiche, in dessen nun von vielerlei Lebewesen strotzendem Wasser sich di« dicken, goldgrünen Schleien trage und behaglich sonnten. Inzwischen war der Wind nicht faul gewesen. Er konnte den toten Grund nicht leiden. Was er fand, warf er in die nackte Grube hinab und . wühlte es gut ein. Jahre vergingen, und immer dichter schossen Kraut wie Unkraut, Gras und Blumen aus dem vorher so mageren Boden. Hier regierte eine Königskerze, und dort überzog der gemeine breit- blättrige Huflattich ganze Strecken des neugefundenen Landes. An den sonnigen Hängen wehte der Mohn. Margueriten, Kornblumen und duftende Kamillen faßten an den blühenden Ränften Fuß. Beinwell und Schierling, Sauerampfer, Schafsgarben und Kohldisteln fanden die feucht- warme Tief« wohnlich und gut. Run sah die alte Kiesgrube schon ganz anders aus. Aber der Wind ist ein wilder Gärtner. Dies alles genügte ihm noch nicht. Hatte sich erst Humus gebildet, so wuchsen auch andere' Dinge! Jetzt schleifte er Baum- und Sträuchersamen daher. Bald entsprangen >dem Grunde die schnellwachsenden Weiden. Erlen, Schlehdorne, ein par Birken schossen empor, und in ihrer Mitte trieb eine lustig schwätzende Pappel der blanken Himmelsbläue entgegen. Kein Stein war mehr zu sehen. Das Buschwerk verrankte sich zu undurchdringlichem Gesilz«, und die sonst so gemiedene Grube ward auf einmal vielen Tieren ein gern besuchter, schützender Aufenthalt. Die Birken wehten froh vom Grunde, und die kleine Pappel wuchs und trieb kühn über den Rand der Grube hinauf, immer hoch und höher, so hoch, daß sie nun aus einmal bequem über das freie Land blicken konnte. Nun ward sie Luginsland und Türmer zugleich und meldete alles, was >da draußen vor sich ging, in das kleine Tal hinab. „Enten fliegen überm Moor, jetzt sind sie überm Kiefernwald. Ich glaube, wir kriegen Besuch", — oder: „Bei den Moorwiesen wird schon gemäht — man sieht geyau die blitzenden Sensen." Sie wußte zuerst vom Wechsel der Jahreszeiten, wenn sie in die Grube rief: „Kinder, im Gebirge schmilzt der Schnee, ich fühl's genau, in meinen Haaren weht der Föhn." Und im Spätsommer geschah es, daß sie plötzlich sagte: „Der Herbst! Eben sah ich die erste Marienieide fliegen . . ." Run wirst du mir wohl glauben, was ich am Anfang sagte: die große Grube ist ein Paradies, und wir beide -wissen, wo cs liegt. Dämmerung! Von den fernen Dörfern wallt der Abendsegen frommer, dunkler Glocken, lieber die Felder zieht sachte die milde Sommernacht. Milliarden funkelnder Sterne baden im kleinen See. Ein leiser Wind weht durch den Raum. Jetzt knistert es oben im Korn, raschelt. Eine spitze Schnauze fährt aus den Halmen, ein langes, dunkles Etwas hinterher. Grüne Lichter glühen, und dann sinkt das Ganze wie ein Schatten in die Grube hinab. Die Pappel.flüstert im Traum. Die Erlen nieten fachte nichts anderes. , r Diese Tatsachen sind wesentlich für das Verstehen des Uterm)ieo-> zwischen Sommer- und Winterkunst, d. h. dem Niederschlag der Jame^ mitte im Gegensatz zu dem der Jahreswende in der Kunst, haupisacyucy vor sich hin, und im Schlehdorn schluchzt, das kleine Köpfchen in den warmen Staus gesteckt, eine junge Amsel glücklich im Schlafe. Weiche, taiptene Stille! Nur ab und zu, wenn ein Lüftlein durch die Binsen fahrt knirschen diese leise, raschelt das Schilf. Nun ist das Dunkle wieder da. Dort am Rande des Schilfes liegt es und fchläft. Nein, es bewegt sich ja! Aber du hörst keinen Ton, keinen Laut ... Im schützendÄi Schilf schlafen drei Enten. Ein Erpel und zwei braune Weibchen. Manchmal, wenn der Wind sie zu nahe ans Ufer getrieben hat, ziehen sie den Kopf aus dem Gefieder, putzm sich und schwimmen wieder tief in den Teich hinein. „G'Nacht — G'Nacht", sagt die eine, „nag — — nag antworten die andern schon wieder tief im Schlaf. Em spates Leucyt- käferchen irrt liebesuchend über den Teich. Jetzt ist es drüben im Gchrupp. Wie ein fernes Lichtsignal winkt dann und wann der freundliche Funken aus dem Gezweig. Surrt ein Abendpfauenauge in den Weidem Es ist der einzige Laut in der Grube. Der große schöne, schwirrende NachtMer dort in den Weiden. , ... Am Rande des Schilfes, gerade da, wo die Enten schlafen und die vielen Weiden stehen, wo das Wasser einen seichten Arm in den dämmernden Grund reckt, liegt ein großer, schwarzer Maulwurfhaufen. Merkwürdig nahe am Wasser. Cs muh schon ein besonders die Feuchte liebender Maulwurf sein, weil er so nahe am Wasser baut. Der Schatten aber bei den Binsen, siehst du, ist nicht mehr dort. Inzwischen ist nun gut eine Stunde vergangen, vielleicht auch zwei. Man merkte es kaum, so schön ist die laue Sommernacht. Du fühlst die Welt kaum. Leise weht das Gras. Ab und zu fällt ein müder Stern zur Erde . . . Ganz fern — unglaublich fast, daß es noch so etwas gibt! — schüttert der Pfiff einer Lokomotive. Hier ist Friede! Spinnwebfeiner Rauch wallt über das Wasser. Aus der Tiefe steigt es kühl. Es zieht. Allmählich werden die Schleier dichter. Im Gebüsche wallt und brodelt es. Bald sind der Weiher, das Gras, die Binsen und das Schilf vom Nebel bedeckt. Wie kleine runbe Steine starren die Häupter der Weiden aus dem Gewog«. Erlen und Dickicht find auf einmal „Inseln" geworden. Ein kleines Eiland, in dessen Mite sich steif und stumm di« Pappel erhebt. Wie der Finger eines alten Schulmeisters reckt sie sich in die Höhe. Ach, man muß doch lachen, wenn man bedenkt, wie ernst auf einmal das geschwätzige Bäumchen tut. Als ob man es nicht genugsam vom Tage her kennte! . Wenn der Nebel fällt, fetzt er Tau ab. Daran muh man letzt denken. . Und auf einmal denkt man auch an die Sonne, die den Tau beglänzen soll. An den köstlichen Morgen, wenn alles blitzt und blinkt, und, die ganze Ende bewnpft und leuchtet. Es muß doch kühl [ein |on}t wunde man wohl nicht so denken. Aehnlich mögen jetzt auch die Enten empfinden. Bewußt oder unbewußt, nun, das weiß man nicht. Jedenfalls, werden sie zunehmend unruhiger und schwimmen öfters hin und her. Sie graben die Köpfe tief unter ihr Gefieder und nicken wieder ein. Anscheinend geht es aber nicht mehr so recht mit dem Schlafe. Die Füße hängen klamm im Wasser, und ihr Gefieder ist vom nassen Nebel wie mit Perlen besetzt. „Nag — nag! sagt die eine, schüttelt sich und protestiert dann plötzlich laut: „Gnaak — gnaak — gnaaak", zu deutsch etwa: „Ich finde, es ist fnfch, und gehe an Land." Die andern meinen auf entisch, immer noch dosend, dasselbe. Im gleichen Ton, wie etwa ein Mensch in der grauen Frühe zu seinem Gefährten sag: „Ja, es ist kalt, Heizen wir ein!", so schnattern sie letzt beide: „Gnaak — gnaak — ja, gehn wir zufammen an Land! Also schwimmt das Geschwader, das Männchen voraus, bald daraus dem flachen Delta entgegen, in den seichten Arm bei den Weiden, wo der große Maulwurfshaufen liegt. Schon spaziert der Enterich an Land, und die zweite Ente ist eben dabei, den andern Fuß aus dem Wasser au ziehen: da platscht sie in jähem Entsetzen wieder zuruck, ms Wasser. Der schwarze Maulwurfshaufen hat sich vorgeschnellt, schneller als man „eins" sagen kann, und beißt den Erpel in die Kehle Em irrsinniger Schrei erschüttert die Nacht! „Grrrroooo — — — .ach!! Die beiden Weibchen werfen sich taumelnd in die Luft. Flugelklatschen. Hastig streichende,' klingelnd« Schwingenschläge. Dumpfes Krachen, Röcheln Aus ... Die ganze Grube ist aufgeraufcht. Mord?I Die Pappel zittert, und die Erlen beben, die Weiden rascheln, und das Wasser gluckst leise, klagend zwischen 'den Binsen des Sees. Stille. . ™ ... . Hoch über dem Kornfeld schwirren im spatnachtlichen Mondschein zwei jammernde Enten über das Moor und wissen nur das eine. „O Gott — O Gottogottogott!!" . „ . •„ , Wie aus dem Rebel gerissen steht auf einmal am Rande der Grube ein Fuchs. Schlank, mit'buschiger Lunte, mit teuflisch froh glitzernden Lichtern, den Erpel quer im Fang, zwinkert er in das Korn hinein. Er siebt den Wind, und, nachdem er ihn rein befunden, schnürt er mit leichten, schleichenden Tritten in das Feld hinein, 'dem nahen Wald entgegen, in dessen buschumwehrter Tiefe sein sicherer Bau verborgen liegt. Ein Kauz schurhut im Moose. Im fernen Dorf verbellt ein trauriger Hund den Mond. Die Erde riecht tief, und die silbernen Nebel wallen, sachte, friedvoll über das Land. Die Ernte in der Kunst. Von Walther A p p e l t. Wenn — als Grundlage für di« folgenden Ausführungen — das Erleben des Sommers eindeutiger, weniger kompliziert genannt wiro als das des Winters, so möge das nicht mißverstanden werden! Es yai mit der Tiefe des Anteilnehmens, die in beiden Fällen gleich stark sem tonn, nichts zu tun. Unbestreitbar aber ist das Eigentliche des Sommer- ertebniffes für die künstlerische Erfassung und Gestaltung — und von der wollen wir doch reden! — leichter zugänglich. Der leuchtende Höhepunkt im Kreislauf des Naturgeschehens breitet feine Wunder dem Auge, bas nun einmal das Tor für die wichtigsten Sinneseindruck« yt, zwingend und unentrinnbar hin. Sie große Erfüllung duldet neben W der Malerei. Zahlenmäßig mag das eine so häufig sein wie das andere. Von vornherein wollen wir in dieser Betrachtung verzichten auf alles Symbolisierende, Allegorische, Las immer eine Art Kompromißlösung der gestellten Aufgaben bedeutet. Auch die ausgesprochene Landschaftswiedergabe wird nur vereinzelt für unser Thema von Bedeutung sein. Vorwiegend beschäftigen sollen uns Werke, die im Erleben wurzeln. Und da zeigt es sich, daß nur selten der gleiche Künstler dem einen Erleben im selben Maße gerecht geworden ist wie 6 em andern — es sei öerai in verschiedenen, voneinander erheblich abweichend orientierten Schaffensperioden. Schicken wir kurz die beiden vorherrschenden Möglichkeiten künstlerischer Durchdringung des Winters voraus: einmal die, bei der der Mensch (seltener Tier und Pflanze) als Erlebnis- träger in das Kunstwerk ausgenommen wird — zum andern die gerade unferm Jahrzehnt das Gepräge gebende Ausdruckskunst. Einmal also eine Kunst, die sich an den grübelnd zergliedernden, erklärenden Verstand wendet, zum andern eine solche, die ihrer Eigenwilligkeit zufolge immer nur begrenzte Aussicht aus Gefolgschaft haben kann. Die Kunst des Sommers, der von Tag zu Tag reicher spendenden Erntezeit in der Natur und im Menschenherzen, bedarf auch dann kaum der Stützen, wenn sie sich an'breitere Schichten wendet. Sie braucht vielmehr gewissermaßen ihr Thema überhaupt nur anzuschlagen, um den Betrachter sofort „im Bilde" zu haben. Nach derselben Richtung wirkt, daß — vom Durchschnitt und dem gar darunter Bleibenden abgesehen! — jedes Kunstschaffen ein Erntehalten ist. Reife, Fülle, Segen sind darin, müssen darin sein, weil sie die unerläßlichen Voraussetzungen eines vollgewichtigen Kunstwerkes immer waren und immer fern werden. Eine beträchtliche weitere Steigerung erfahren diese, die Eindringlichkeit der Sommerkunst fördernden Momente oft aus Natur und Temperament des Künstlers. Dann nämlich, wenn sein Schaffen getragen ist von gesunder Leibensbejahung und ursprünglicher Daseins- (d.h. Erd-) Verbundenheit. Ein blühendes oder reifendes Aehrenfeld von Lovis Corinth, von Thoma oder Claude Monet kann nur alleroberflächlichste Betrachtung unter die „Landschaftsmalerei" (im Sinne der Zweii-Rangigkeit) einordnen. Dem einigermaßen tiefer Dringenden wird gerade vor solchen Bildern doppelt deutlich, wie eng verbunden bei der Sommerkunst — und dem sie Befruchtenden — Sehen und Erleben sind. Hierher gehört auch, daß wir auf vielen Ernte- bildern des Niederländers Van Gogh die Schnitter und Garbenbinderinnen bei weitem nicht als das Ausschlaggebende empfinden. Ein winzig schmaler Feldstreifen genügt, um uns die aufbau enb en Elemente im Schaffen dieses unglücklichenKünstlermenschen beinahe entgegenzuschreien: Leben, Reifen, Ernten . . . Sonne . . . Sommer! Daß Van Gogh diesen Sommer, diese Erntezeit mehr aus der Landschaft heraus, gestaltet als aus den darin Arbeitenden, ist einer der Unterschiede gegenüber seinem Vorbttde in der „Bauernmalerei": Willst. Beiden gemeinsam aber ist die erhabene Ehrlichkeit ihrer schöpferischen Bekenntnisse, die Ablehnung des süßlichen, kitschigen, doch eben deshalb publikumssicheren „Genres". (Der Hang zu diesem macht u.a. manches im 19. Jahrhundert bei uns entstandene Bild so unbedeutend, daß nicht einmal eine bloße Erwähnung notwendig oder gerechtfertigt wäre.) Es ist kein Zufall, sondern nach dem Gesagten fast selbstverständlich, daß die hier zu nennenden Meister durchweg dem Impressionismus ncche- ftehen, jener Kunstgattung also, die dem Auge die entscheidende Rolle für das Kunstschaffen zuweist. Ausdrücklich aber muß in diesem Zusammenhang und in bezug auf das oben Ausgeführte festgestellt werden, daß es ein Irrtum ist, den Impressionismus in erster Linie als „Landschaftskunst" zu betrachten. Allerdings ist ihm — auch feine Crntebilder beweisen es, wie die des Van Gogh — der Mensch meist nicht Erlebnisträger (siehe oben), sondern lediglich ein zum Charakter des Äildganzen neben anderen mitwirkender Faktor. Es ist, mit anderen Worten, der Landschaft im allgemeinen nicht Über-, sondern höchstens gleichwertig eingeordnet. Belege dafür finden sich zahlreich bei Liebermann, Slevogt, Trübner, L. von Hofmann. Das, worauf es — für den Künstler wie für den Betrachter — hierbei ankommt, zeigt besonders klar ein Vergleich irgendeiner neueren „Heuernte" mit gleichnamigen Bildern der Romantiker (z.B. Caspar David Friedrichs). Bei den Heutigen, die streng genommen schon die Gestrigen sind, füllt eine im- pulfiv hingestrichene Heuwiese nahezu das ganze Bild, in dem ein paar bodenständige Gestalten das Auge nicht hindern, mit einem Blick alles zu erfassen und Weiterzuleiten. Die Aelteren dagegen gaben unter gewittern- dem Himmel eine überladene Landschaft, dazu Gruppen von Erntewagen und Feldarbeitern, Gehöfte oder ganze Dörfer — lauter Einzelheiten also, die nebeneinander das gleiche Thema behandeln, in ihrer räumlich auseinanderstrebenden Vielfalt jedoch nicht zum hinreißenden, lpontanen Erleben zusammenklingen können. Solche Bilder hat auch der schon erwähnte, noch in unsere Generation reichende Hans Thoma gemalt — wie überhaupt im Werk seines langen Lebens jede nur denkbare Art guter und schlechter Sommerkunst zu finden ist. Aber noch bei strengster Sichtuna bleiben unzählige Zeugnisse eines begnadeten, zumal am Sommer und in der Erntezeit immer wieder sich entzündenden Schaffens. Auf diese Bilder sei hier besonders nachdrücklich hingewiesen, weil sie den Drang des Malers, der Ernte und ihrem Segen zu huldigen, elementar auch im Betrachter zu wecken und zu erfüllen — vermögen. In Prag auf und nieder. Von Manfred Hausmann. Fährt man zum Beispiel mit der Eisenbahn von Wien nach Prag, so gleitet man, ist erst die Grenze gewonnen, an lauter Blumen und Anmut vorbei. In der Ferne schwingt sich die Landschaft mit Hügeln, Wäldern und Feldern so sauber hin, in der Nähe drängen sich Dorf bei Dorf aus allen Gärten und Häusern, aus Fenstern und Staketen wahre Kaskaden von Blumen heraus. Das leuchtet blau und gelb, das schaukelt und weht im Winde. Und selbst die Bahnhöfe, die Blockstellen, die Schrankenwärter- Häuschen, die Weichenstellerbuden, all diese technischen Institutionen, sind mit Blumengirlanden verklärt. Wenn da eine Laterne steht, so hängen rund um den Pfosten drei Geranienampeln herum, die Schilder in den Bahnhofshallen, die den Stationsnamen tragen, find mit Efeu- und Fuchsienspalieren geschmückt, unter den Glasdächern schweben Kästen mit Alpenbeilchen, jedes Gesims, das einen Blumentopf irgend aufnshmen fann, hat ihn bekommen. Blumen oben, Blumen unten, Blumen allenthalben. Ein freundliches Gefühl steigt in unserer Brust auf. Was für eine botanische Herrlichkeit, denken wir, mag unser erst in Prag warten als in der Hauptstadt dieses heiteren Landes! Und wir machen uns bereit, dem Lieblichsten zu begegnen. Aber da dröhnt der Zug schon in Nadrazi Wilsonowo ein. was, unter uns, einfach Wilson-Bahnhof bedeutet, und wir sind, alle miteinander, soweit wir diese Stätte zum ersten Male begrüßen, ziemlich erschrocken. Ein schmutziges Loch, Bahnsteige ä la München, das heißt aus der Zeit Maria Theresias, nur zerbröckelter, widriger Geruch, allgemeine Trostlosigkeit. Die Lokomotive sagt ununterbrochen: ach ach aaach ... ach ach aach. Mit Recht. * Nicht weit von dem Bahnhof steht ein Schutzmann, den Verkehr regelnd, der, wie in so mancher Stadt auf dieser Erde, nicht da ist. Ich: Sie verzeihen, wie komme ich zur Post? Er (verstockt mit den Achseln zuckend): Cesco, cesco! Moravsca ... (oder so ähnlich). Ich (an dies und das mich erinnernd): Ah pardon, mon capitaine, parlez-vous frangais? Er (verblüfft): Olso, wos mechten's jetzt wissen? * Indessen Prag stellte eine der — auch ohne Blumen, auch mit verstockten Schutzmännern — wundervollsten Städte Europas dar. Das alte Prag. Das moderne ist von einer geradezu demonstrativen Modernität. Boulevards, Prachtgebäude, Denkmäler. Haben die Prager Angst, daß man sie nicht für voll nimmt? Jedenfalls gebärden sie sich allenthalben pariserischer, als die Pariser selbst. Sie hören es gar zu gern, wenn man ihr Praha irgendwie mit Paris vergleichst. Sagst du: Prag ift zehnmal schöner als Wien, so ziel)en sie ein schiefes Maul. Gibst du aber der Meinung Ausdruck, Prag sei, wenn man es neben Parts hielte, doch noch weit zurück, so nehmen sie es als eine Schmeichelei. Sie hören eben nur Paris. Sie haben auch nichts dagegen, die Frauen vor allen Dingen nicht, wenn man ihren Lebensstil mit dent von Paris in frivole Beziehungen bringt. Und man kann wohl nicht umhin, dies zu tUn. «XU , , . ,, Prag und Paris, beide fangen mit einem „P an, Haven ein „a in der Mitte und ein „r" davor beziehungsweise dahinter, vieles Gemeinsame mithin, kleine Unterschiede. Das eine liegt an der Seine, das andere an der Moldau, oder genauer an der Vetava. Eine Straße in Prag heißt zum Exempel 'her Graben, hieß der Graben, jetzt nennt man sie Na Prikope. Da reiht stch Laden an Laden, Schaufenster an Schaufenster. Der Verkehr ist dementsprechend. Autos, Motorräder, Straßenbahnen, Fahrzeuge, was ihr wollt. Und Strpme von Fußgängern. Eine junge Frau bleibt stehen, knöpft ihrem vierjährigen Jungen das rückwärtige Hosentürchen auf und hält ihn schwebend übern Rinnstein. Kein Mensch findet etwas dabei. Vielleicht ist das auch eine pariserische Sitte. Was weiß unfereins! In der Abenddämmerung stellen wir uns auf Karluo most, auf die Karlsbrücke. Ein barocker Brückenheiliger reiht sich düster an den anderen. Drüben ruht dunkel das Hänfergewirr der Kleinseite und darüber steigt der Hügel mit der phantastischen Silhouette des Hradscym, die Tschechen behaupten, er müsse Hradcany genannt werden, ins klare ßtta des Abends hinein, zunächst die Domtürme. Und wie die Stunde vorfchreitet, wird die Königsburg langsam innen hell. Ein Laternenanzünder geht über die Brücke und hmterlaht Licht bet Licht Die anderen Brücken hängen nun wie Lampenketten über dem Fluß. Das Wasser glitzert von all dem Licht, es glitzert und braust. Mitten auf der Brücke schimmert ein goldener Kruzifirus. Um sein Haupt rundet sich als Gloriole in großen hebräischen Buchstaben die goldene Inschrift: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Jesus Christus. Der Kruzifixus schimmert im verlorenen Licht. Die Menschen wimmeln vorbei, einige verneigen sich, andere pfeifen, andere tun überhaupt nicht dergleichen. m , Blickt man gegen das eigentliche Prag, gegen tue Präger AltsMSt, fo sieht auch dort ein wirrer Schattenriß von Türmen und Türmchen, von Zinnen und altertümlichen Dächern am Himmel. Kleine Fenster Allmählich sinkt die Nacht nieder und dämpft die Geräusche. Aber die Stadt es ist, als höbe sich nun das alte Prag, behangen mit Geheimnis und Sage aus all dem Strudel der Gegenwart zu einer gespenstischen Wirklichkeit empor. Ein böhmischer König wacht auf dem Hradschin, Rabbi Löw grübelt im Getto, Ticho de Brahe sinnt zii den wandernden Sternbildern auf, Alchemisten starren in ihre Retorten, ein Leierkastenmann läßt sich in einem Hof mit zitternder Stimme vernehmen, die Moldau glitzert und braust . . . * In der Altstadt bleibt einem nichts anderes übrig, als sich unentwegt zu verirren. Das ist ein Kreuzundquer von Gassen und Gäßchen! Dazu steht jedes zweite Haus als ein f»genanntes „Durchhaus" da, das bedeutet, der Flur ist als Passage ausgebaut. Man biegt ahnungslos irgendwo ein, durchschreitet eine Passage, findet sich in einem prächtigen Renaissancehof mit Arkadien und Loggien, tappt weiter durch Gewölbe und finstere Gänge und hat bereits jede Orientierung verloren. So geht es einem bei Tage. Aber bei Nacht ist man völlig hilflos. Und gerade das macht die Spaziergänge so interessant. An irgendeiner Stelle wird man ja wohl gelegentlich wieder aus dem Irrgarten herauskommen, obgleich man zuweilen geneigt ist, auch das zu bezweifeln. Immerhin, man taucht getrost hinein und wandert nun in einem Märchen umher. Da und dort flackert eine offene Gasflamme. Dann herrscht wieder völlige Dunkelheit. Aus einem Fenster bricht ein wenig Helligkeit und macht die winkeligen Architekturen undeutlich sichtbar. Man ahnt da eine barocke Fassade, Wasser rauscht, ein Mädchen geht vorbei. Hier ist ein illuminierter Schlächterladen, die Kunden sitzen an derben Tischen und verspeisen gleich ihre Wurst. In einer Gewölbehöhle hat ein fliegender Händler seinen Stand aufgeschlagen und verkauft beim Geflimmer eines Oellämpchens den Hausbewohnern Zukost fürs Abendbrot, Zwiebeln, Lauch, Speck, Gemüse und Leckereien. Wie ich einen Augenblick in einem Hof stehen bleibe, rutscht ein Krüppel auf den Knien herbei und klopft an eine Tür, ein Mann mit einer Balalaika kommt heraus, die beiden reden leise miteinander, ein Hausierer gesellt sich hinzu, ich weih nicht, wo er mit einem Male hergekommen "ist. Rach einer Weile klappt die Tür zu, der Krüppel rutscht wieder davon, der Hausierer schleicht sich nach der anderen Seite weg. Was bedeutet das? Nichts. Nachher sehe ich in einem Gang ein Mütterchen vor einer glatten Wand stehen und beten. Sie starrt die Wand an, als ob da ein Heiligenbild hinge, und betet. Aber ich sehe nur grauen Putz. Oder ich komme an einem verhängten Fenster vorbei, hinter dem eine zaghafte Musik erklingt, Ziehharmonika und etwas Getrommel. Einige Paare tanzen. Kein Wort wird gesprochen. Ich bleibe lange Zeit vor dem Fenster stehen. Der Tanz nimmt kein Ende. Ein lautloser, unheimlicher Tanz. Und so stellt sich die ganze Prager Altstadt dar. Geheimnis an Geheimnis, fremde Laute, verhaltenes Geflüster, flackernde Lichter, dunkle Gänge und Höfe. Was für Geschichten sich da Nacht für Nacht begeben mögen! Ein ferner Schrei, eine nahe Musik, eine Mutter ächzt, ein Kind wird geboren. Dan« und wann läuten von einem Kirchturm langsame Glockenschläge über all diese Wohnhöhlen und Dumpfheit. Zehn Uhr ... elf Uhr . . . Mitternacht... Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Soll ich dir was vorleisen, Peppi? Vielleicht von Schiller?" „Nein, weißt du, das ist mir zu klassisch. Aber wenn du von Hackländer was da hättet —" „Ei freilich, die „Namenlosen Geschichten". „Ach, da drin kommt der Schneider Dübel vor, der hernach zum Ballett geht. Das ist sehr drollig." Edi begann mit dem ersten Kapitel. Sie machte sich's auf dem Sofa bequem und lauschte. Aber er las so geschäftsmäßig schnell und monoton, daß sie darüber einnickte. Betrübt ließ er das Buch sinken. „Es geht über ihre Kräfte," sagte er vor sich hin, „was sie im Geschäft leisten muß. Auf Händen sollt' ich sie tragen, das kleine, liebe Geschöpf. Ja, wenn ich der Mann dazu wäre, müht' ich so viel verdienen, daß sie gar nichts zu schaffen braucht! Aber ich bleib' mein Leben lang ein armer Schlucker." Und schon quälte ihn der Gedanke, daß sie zu gut für ihn sei, die kleine Frau. Behutsam näherte er sich der Schlummernden, hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und blieb mit feuchten Augen in ihren Anblick versunken stehen. — Herr Martinius litt an asthmatischen Beschwerden. Halbe Nächte brachte er, nach Lust ringend, außer Bett zu. Tagsüber war er matt und hinfällig. Der Arzt verordnete einen längeren Aufenthalt in einem Schwarzwaldbad. Die Haushälterin, die Herr Martinius nach Peppis Verheiratung in Dienst genommen hatte, begleitete ihn dorthin. Nach vier Wochen kehrte er zurück, aber man bemerkte, daß sich sein Zustand eher verschlechtert, als gebessert habe. Seine Tage waren gezählt. Und es geschah, daß der Hausbursche des Geschäfts mitten in der Nacht Edi aus dem Schlafe weckte. Dem Herrn Martinius gehe es schlecht, er habe nach Herrn Stevens verlangt. Herr Stevens solle doch gleich 'mal hinkommen. Edi warf sich in die Kleider und stürzte fort. Ms er in das Schlafzimmer feines Chefs trat, faß Reser schwer atmend mit wachsbleichem Gesicht im Lehnstuhl. „Eiskalt bin ich," stöhnte er. „Noch so'n Tourchen, Stevens, und ich bin hin." „Wer wird denn so sprechen," versuchte ihn Edi zu beruhigen. „Sie sind von Herzen gesund. Nur die Atemnot. Und das gibt sich schon wieder." „Fräulein Distler," wandte sich Herr Martinius an seine Haushälterin, „ich hab mit dem Herrn Stevens etwas allein —" Das Fräulein schob dem Kranken sanft ein Kissen unter den Kopf und verließ das Zimmer. „Kommen Sie näher, Stevens." „Ja, Herr Martinius." Der Alte deutete auf feine heftig arbeitende Brust. „Da fitzt's, Stevens, Luft möchf ich -haben, nur Luft." „Soll ich Sie 'n bißchen aufrichten, Herr Martinius?" „'s geht schon so. Eh' ich's vergess', Stevens. Sie müssen meinem Sohn schreiben." „Gern, Herr Martinius." „Noch diese Nacht, Stevens. Schreiben Sie ihm, was ich aushalt'! Und ob er kein Mitleid hat mit seinem alten Baker. Gott, o Gott, -das hab' ich doch nicht verdient! Wenn ich tot bin, Stevens, muß der Paul das Geschäft übernehmen. Die alte Firma und die treue Kundschaft! Es kann doch nicht alles drunter und drüber gehen. Für den Paul hab' ich mich müd' und lahm geschafft. Und so vergilt mir's der Bub!" Das Sprechen fiel ihm fchwer. Kraftlos sank fein Kopf zurück und er schloß die Augen. Edi schlich auf den Zehen hinaus und bat Fräulein Distler, den Arzt rufen zu lassen. Dann nahm er seinen Platz an der Seite Les Kranken wieder ein. Dieser richtete sich von einer plötzlichen Angst ergriffen auf und sprach wie im Delirium vor sich hin. „Nein, nicht wortbrüchig, himmlischer Baier! Bor deinem Thron will ich besteh'«. Vergib mir. Mach auch, daß mein Sohn mir vergibt. Als rechtlicher Mann will ich ins Himmelreich. Und hab' ihn betrogen — aus schnöder Habsucht. Herr du mein Heiland!" Er sah mit stieren Blicken um sich. Die volle Besinnung kehrte ihm zurück. „Was hab' ich gesagt?" „Nichts, Herr Martinius, gar nichts." „Doch, ich weiß. Ach, Sie sind ja ein guter Mensch, Stevens. Ich will mir’s leicht machen, eh' ich hinübergeh', Stevens, ich brauch' einen Beichtiger. Nur leis, Stevens, nur leis." Edi beugte sich zu dem Allen herab und ergriff seine feuchtkalte Hand. „Sie dürfen sich jetzt nicht aufregen, Herr Martinius." „Gott wird mir die Stärke geben." In diesem Augenblick schien er wirklich neue Kräfte gewonnen zu haben. Seine Augen verloren -den'starren Ausdruck und ein Zucken um die Mundwinkel verriet, daß es ihn nach Aussprache drängte. Langsam, aber stetig floß ihm Wort um Wort von den Lippen und er bekannt« die Schuld, die seine Seele bedrückte. — Der Arzt kam und traf seine Anordnungen. Edi wankte wie ein Trunkener hinaus. Auf der Straße angelangt, stürmte er vorwärts, überschritt das Weichbild der Stadt und sand sich, dem Laufe des Flusses folgend, nach einer halben Stunde an eben der Stelle wieder, wo er vor Jahr und Tag zitternd und zagend Peppi das Geständnis feiner Liebe gemacht hatte. Die Nacht war mild. Am Himmel schwamm Re Sichel des zunehmenden. Mondes und übergoß Re Landschaft mit magischem Licht, lieber dem Flusse wallten silberne Schleier, und die Wellen plätscherten leise ans Ried. Edi warf sich zu Boden und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Was er nicht auszudenken gewagt, war ihm jetzt zur fürcksterlichen Klar- heit geworden. Herr Martinius hatte seinen Sohn aufs schmählichst« hintergangen. Nichtsahnend war er der Mitschuldige seines Chefs ge» worden. Das Lebensglück seines Freundes war zerstört. In stummer Qual hatte er die Beichte des Alten hören müssen. Mit dem Sterbenden halt« er nicht rechten können. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Darum also Pauls unerklärliches Schweigen. Darum fein Fernbleiben von der Heimat. Darum das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. ER meinte laut auf. War es denn möglich, weiterzuleben? Vor ihm lag Re rettende Flut. Ein Sprung — und er war aller Pein ledig, ein Sprung — und Peppi war frei. War er denn während seiner Che mit Blindheit geschlagen, war er taub gewesen? Jetzt fand er für alles Sinn und Deutung, was all Re Zeit her achtlos an ihm vorübergeglitten. So oft sie Pauls Namen nannte, verklärte sich ihr Gesicht. Hatte fie’s neulich nicht ausgesprochen: „Seit der Herr Paul fort ist, lassen sie alle Re Köpfe hängen im Geschäft. Ja, der Herr Paul hat doch für manchen Spatz gesorgt. Da ging einem die Arbeit noch einmal so schnell von der Hand. Das war ein luftig Leben." Und dabei hatte sie ganz glückselig gelächelt. Gestand er sich's doch, sie hatte Paul sehr lieb gehabt — sie liebte ihn noch! Sein Herz krampfte sich in wildem Schmerz zusammen. Sie hatte ihm ihr Jawort gegeben, aber ihr Fühlen und Denken gehörte einem anderen. War das nicht falsch, nicht schlecht von ihr? Er erschrak vor dem Borwurf, den er gegen sie erhob. Wer gab ihm das Recht, sie anzuklagen? War sie ihm nicht eine treue, sorgsame Frau? War ihr je ein rauhes Wort gegen ihn entschlüpft? Es war die Leidenschaft, Re ihn verblendete. Denn wie wenig hatte er in feiner plumpen Art ihr zu gefallen gewußt. Wie wenig hatte er’s verstanden, ihr das Leben zu erheitern. Und doch hatte sie ihn nie etwas entgelten lassen. Wie oft mochte sie ihn mit Parst verglichen haben. Und doch war sie stets gut und freundwillig gegen ihn geblieben. Nun durste er nicht mehr zweifeln. Auf Paul hatte sie verzichten müssen. In die Ehe mit ihm hatte sie Re Hinterlist des Prinzipals getrieben. Es war ein Martyrium, das sie sich auf erlegt. An ihm war es jetzt, sie zu befreien. Er näherte sich dem Uferrand. Der lockere Boden gab nach. Schon neigte er den Körper vor. Da riß ihn eine geheime Gewalt zurück. „Ist es nicht Frevelmut, daß du dein Leben fortwirfst? Tor der du bist! Gibt es kein anderes Mittel, das Band zu lösen, das deine Frau an dich kettet? Und hieße es nicht sich schuldig fühlen, wenn du dich wie ein Feigling fortstiehist? Wisse, daß es jetzt deine heilige Pflicht ist, deinem Freund alles zu enchüllen, daß es dein höchstes Anliegen fein muß, rein vor ihm dazustehen. Dann mag die Entscheidung fallen." Als er bei dämmerndem Morgen sein Heim erreichte, war er ruhiger und gefaßter. Sogleich schrieb er an Paul. Und die Feder hatte Mühe, schnellflüchtig hinzuwerfen, was sich aus dem Schacht seines Herzens em« porrang. Er empfand es wie eine innerliche Befreiung, da er sah, daß sich Seite um Seite rasch füllte. „Du weißt nun alles", schloß er. „Peppi ist mir vor Gott und den Menschen angetraut. Und doch gehört sie mir von Reser Stunde an nicht mehr zu eigen. Ich erwarte Dich sehnlichst, daß ick Auge in Auge mit DU sprechen und meinen Frieden wiederfinden kann/ Er faltete den Brief zusammen, horchte in das Schlafzimmer hinüber, aus dem die ruhigen Atemzüge der schlummernden Peppi drangen, dann öffnete er geräuMos die Tür und machte sich auf den Weg zur Post. VII. Wenige Tage später war Herr Martinius dem Tod verfallen. Paast war von London eingetroffen, noch eben rechtzeitig, feinem Vater Re Augen zuzudrücken. Der Kaufmann ward zu Grabe getragen und eine ansehnliche Menge gab ihm das letzte Geleite. In feiner LeichenpreRgt knüpfte der Geistliche an die Worte der Schrift an: „Siehest du einen Mann, rüstig in seinem Geschäfte, der wird vor den Königen stehen." (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, N. Lange, Gießen.