GietzenerKimMeMAter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M7 Dienstag, den W. Mai Rümmer 57 lUrWuWiHGlHi IN r U ।' 41 IIH Unia w.A^^frx.--~^-:2ga&.sffia^egräiaEäwrawäaMMiigMiEää«reiare^»TO^ FrühUngsmorgen. Von Johannes Heinrich B r a a ch. Die Straße führt durchs Niederholz im Bruch, den Nebel füllen. Wie leere wesenlose Hüllen, Gespenstern ähnlich, weben Gebüsche Astgewirr und Blätter in das Gespinst von einem grauen Tuch. In dieser Welt von Dunst scheint alles tot zu sein. Nur Tropfen, die vom Zweige fallen, durch meinen Schritt erschrocknes Wild, das flieht, Raubzuggeschrei der großen Reiher, im nassen Ried am Weiher, ein scheues noch verschlafnes Schnäpperlied und schimmernd durch den Schleier, wie Purpurstreifen oder Glanz von goldnem Wein der Tagaufsteigung ferne Feier verraten Atem, Drang zum Leben und ungebundne Lust am Sein. Der Blütenast von einem wilden Apfelbaum packt mich am Arm. Du sonst so buntes und so lautes Land, wie wenig warm, wie farbenleer und still du dich in dieser Frühe zeigst. Klagst du in Leid? Du wirfst die Schultern in ein düstres Kleid, bangst dich der Helle zu, hoffst, wartest ab und schweigst. Drrrch dss heimliche und unheimliche DeulschlKnd. Von Manfred Hausmann. . II. Berli n. Wilhelmstraße. Die langweilige Front der Ministerien wird durch einen bunten Vorgarten unterbrochen. Fünfzig Meter zurück das Palais des Reichspräsidenten. Gegen das Portal mit dem vorgehobenen Schutzdach schwingt sich von rechts und links die sandige Auffahrt. Mitten im Garten ein Stiefmütterchenbeet. Verhängte Fenster, tiefe Stille . . . Zu beiden Seiten des Portals am Fuß der Treppe zwei Soldaten. Breitbeinig. Derb gestemmt. Mantel, Stahlhelm, Gewehr. Das braune Gesicht starr geradeaus. Oben auf dem Palais die Adlerftandarte. Zerfetzt vom Frühjahrssturm. Wolken hastig drüberweg. Ewige Wolken. Ein Flieger. Es ist, als ob die ganze Wucht des deutschen Schicksals von gestern, heute und morgen, als ob die Jahrhunderte der Linden, des Brandenburger Tores, des alten Schlosses, als ob alle Sorge, Geheimnis und Hoffnung des Reiches hier in dies schweigende Haus zusammengsdrängt wäre. Ein Wille zum Sein. Ein todernstes Symbol über den Grimassen des Tages. Ein Mythos von Untergang und Trotz. Der Fahrstuhl hebt einen 124 Meier hoch in die dämmerige Nacht empor. Ein Türchen öffnet sich. Man steht auf der Aussichtsplattform : des Berliner Funkturms, lieber einem kreist der grelle Jächerstrahl des Leuchtfeuers. Unter einem glitzert und vibriert bis an die Horizonte hin ein Meer von Licht. Hier und dort schleudert sich in regelmäßigen Abständen eine glühende Brandung aus dem Meere auf und macht den Dunst, der über ihr schwebt, in weitem Umkreis hell. Das sind die Dachreklamen. Auch die Kinos und Cafes entzünden den Aelher zu purpurnem, zu violettem, zu silbrigem Gedampfe. Es sieht aus, als hätten sich allenthalben mächtige i Feuersbrünste erhoben. Und von Brandstelle zu Brandstelle gleiten, sich i überkreuzend, sich senkend und wieder langsam ansteigend, die Lichter- ! fetten der verschiedenartigen Züge. Als scharfe Schnitte drängen sich die \ Stratzenschächte, die vom Funkturm wegführen, durch das Gewirr, bogen- i lampenbetupft. In ihnen wogen ununterbrochen neue Lichtquellen gegeneinander. Und es wogt und gleißt und brennt das ganze Berlin van hier i bis dahinten hin, bis in die dunkle Unendlichkeit, in der sich, kaum wahrnehmbar, der matte Schimmer der Eisenbahnen verliert. Blickt man aber nach der anderen Seite über den nächtlichen Grünewald und die Seen, so liegt die Welt ganz erloschen da. Ein paar armselige Punkte flimmern in der Finsternis, eine Laterne schwimmt über dem Wannsee, und wie ein Mter Schleier weht die Milchstraße aus den 'asten Wälder: herauf Hier, gibt es auch die Sterne noch. Münzstraße, Gip-siraße, Ackerstraße... Türhöhlen, Höfe, abbröckelnder Putz, Hinterhäuser, die Quartiere des fünften Standes. In Amsterdam ind sie schmutziger und trostloser, in London gemeiner, in Paris lässiger, n München bäurischer, in Hamburg verwegener. Aber in Berlin kündet 'ich überall eine gewisse Wachheit und Nüchternheit an. Man hat noch nicht resigniert, man nimmt die gegenwärtige Situation keineswegs als etwas Unabänderliches hin, man will vorwärts, man ist Berliner! Immer lemutlich, aber in Jeltsachen hört der Spaß uff! N nnt einer ein Kellerloch und eine kaputte Fahrradklingel [ein eigen, so nagelt er über die Tur einen Kistendeckel mit der Aufschrift: „Fabrik von Fahrrädern und Zubehör. Ein erbarinlicher Bollerwagen rechtfertigt die Gründung eines „Fuhrgeschaftes für Transporte jeder Art." Mit zwei Strohsäcken wird em Lager für Betten und Polstermöbel, erstes Haus, am Platz" eröffnet. Ein dachpappebenagelter Schlippen im vierten Hinterhof trägt die lieber l^rift: „Festsaal. Heute großer Witwenball. Nur für die ältere Jugend'" Wer sich em wenig umsieht, wird dort auch einen Keller entdecken, in dem etliche Fetzen Altpapier aufgestapelt sind. Was liest man über der Tür» „Verlagsbuchhandlung von Chaim Pen." Da sich übrigens jedermann in Berlin, der Boxer, der Snob, die Dame die Dirne, der Abgeordnete, der Direktor leicht größenwahnsinnig gebärdet, warum foll's der kleine Mann im Norden, warum foll's Chaim Pen nicht nvf f-’i- r Sie Urnen |ia, iua. meuriegen, diese Metropolitaner. Und wenn die Stemmaffen auch alles Leben und alle Natur ersticken wollen, es gibt doch da und dort noch ein Fleckchen Erde, auf das man etwas Grünes Pflanzen kann. Nichts rührender, als mit der Unterorund- oder der Stadtbahn durch die City zu reifen. Aus jedem geringsten Winkel blüht es heraus. Zwischen nackten Brandmauern hebt ein Kirfchenbäumchen sein schneeiges Gezweig der wenigen Sonne entgegen, ein Hofwinkel schimmert golöen, eine winzige Linde, der kärgliche Hang des Bahndamms ist mit Gesträuch überwachsen und selbst von den Dächern hängt Gerank herab Freilich bedeutet es so gut wie nichts in all der Kasernenwüste. Aber es ist doch da. Ein Birnbäumchen mit schwarzen Aesten und silbrigen Blüten neuen der Autogarage. Es ist da und beweist, daß die Maschinenmenschen in ihren Wohnhöhlen noch nicht völlig vergessen haben von wannen sie einst gekommen sind. Grüne Flecken in der City. Seelenrudimente. * Untergründbahnhof Hohenzollernplatz. Ein Herr, offensichtlich ein tfremöer, tritt an den Stationsvorsteher heran: „Bitte, wie komme ich zum Alexanderplatz?" „Der nächste Zug auf diesem Gleise. Wittenberg- Platz mustelgen. Der übernächste fährt durch, ist aber zwei Minuten später da. „Danke. Der erste Zug dröhnt heran. Aber der fremde Herr macht keine Miene, einzusteigen. Er liebt wohl die Bequemlichkeit und gedenkt den zweiten zu benutzen. Der Stationsvorsteher kann es nicht fassen. „Aber bedenken Sie doch," wendet er sich noch einmal an den Herrn, „bann lind Sie volle zwei Minuten später da!!!!" Die überfüllte Untergrund summt durch den Tunnel. Es ist morgens gegen dreiviertel acht. Alle Fahrgäste, ob sie sitzen oder stehen, haben brummige Gesichter. Besonders die Männer. Denn sie fahren alle zur Arbeit. Die Bremsen schleifen. Hali. Bülowstraße. Ein Mädel mit einer Aktentasche, keine Schönheit, das Gesicht voller Sommersprossen queUcht sich herein und schiebt sich langsam gegen die Wagemnitte. Wie der Zug ansahrt, stolpert alles durcheinander. „Autsch, Sie TOänncfen'" ruft die Sommersprossige ungeniert, „da! war mein Krähenovge jewesen! Det wollte ick doch inne Aussteier mitbringen!" Haha, die Gesichter sind schon gar nicht mehr brummig. Run steht bas Mädel mitten zwischen fünf alteren Herren. Sie mögen wohl Prokuristen ober Kassierer oder sonst etroas Ehrwürdiges sein. Aber sie läßt sich, die Morgendliche, ohne eine Miene zu verziehen, von den Bewegungen des Wagens, bald gegen diesen, bald gegen jenen schaukeln. Ihre Füße bleiben 'stehen, ihr Oberkörper taumelt hin und !>?*•. Und die Ehrwürdigen wenden sich ihr einer noch dem andern zu und hallen ihr, einen Kreis bildend, die gepolsterten Bäuche hin, damit sie es bei ihrer Schaukelei hübsch weich hat. Und der ganze Wagen freut sich ü >er das Möbel und über die fünf Bäuche. Obwohl es mittlerweile schon drei vor acht geworden ist. ♦ gut griffliche Begrenzung, schier Unaussprechliches sprachliche Formung. Zeigen dies schon die feinsinnigen kulturphilosophischen Wanderbücher Der Bodensee", „(Sommertage am Bodensee", „Reise und Einkehr", Städte und Schlösser") in ihrer unnachahmlichen Harmonie zwi- Ben Geschichte und Landschaft, so leuchtet es doch am schönsten aus der nklen Tiefe seiner Geschichte. ,,± . Scholzens Lyrik wird für den, der nicht die „Liebe und damit die Empfangsmöglichkeit besitzt, stets ein Rätsel bleiben Zwar tritt immer bei diesem „Hineinhorchen in die Melancholie des Weltalls Gedankliches stark hervor; doch es erstickt nie die Poesie, deren berauschende Musikalität reilich im Gegensatz zu der eines Rilke oder George tief unter der Oberfläche schwingt und das fernste, ober vielleicht tiefste Wesen der junge zum Klingen bringt. Eine bis zur Höchstleistung gesteigerte Intensität seelischen Tatfinnes erzeugt da notwendigerweise em kosmisches Gefühl, das sich bereits, freilich in nur wenigen Fällen, als starker Anreger bewiesen hat. Schier unübertrefflich sind einige Rachtgedlchte, die wohl das schönste sind, was in dieser Art überhaupt unsere Literatur aufz«. n’Cigm Schnittpunkt von Raum und Zeit ruht das Schicksal und mit ihm seine „Vorform", der Zufall. Ihrer Deutung, schon in einigen Gedichten versucht, ist des Dichters episches Werk geweiht, das erft verhältnismäßig spät in zwei Novellenbänden und sogar jetzt erst in einem Roman der Welt vorgelegt wurde. Die Titel „Zwischenreich", „Die Unwirklichen und der so geheimnisvoll klingende Kiostername „Perpetua lassen bereits den Inhalt ahnen. Und doch dürste der, der etwa eine Sensation >n der Art Edgar Allan Poes erwarten sollte, gar bald enttäuscht sein; denn all dieser Okkultismus, diese Telepathie, dieses Hellsehen, das in den spracy- lich feingeschliffenen und ausgereiften Dichtungen gegenständlich wird, ist und bleibt nur Mittel zu dem Zweck«, die oft seltsam verschlungenen Lebensfäden zu entwirren, die geheimnisvollen Beziehungen von Menfch zu Mensch aufzudecken und fo aus der Synthese von tausend schier unerklärlichen Zufälligkeiten eine Deutung des Daseins zu geben. Daseinsdeutung in diesem höheren Sinne gibt vor allem aber das Drama, dessen freies Spiel und Gegenspiel der Dichter gleichfalls mjene räumlich und zeitlich gesteigerte und daher nur symbolhaft deutbare Wirklichkeit" verlegt. Steht er in dem frühen, mystisch umwehten Sa- qenbrama „Ser Besiegte" noch zweifelnd, fragend, so wird er bereits m der nächsten „Der Gast" betitelten großartigen Totentanzdichtung ganz jener „symbolische Realist", wie er sich selber einmal nannte Dura; den Mund der Darstellerin der Zeit charakterisiert er diese seine Anschauung: „Symbol ist alles jener stillen Welt, in die ein Schein aus ird'schen Tagen wie Licht in Meerestiefen fällt, Wunder erleuchtend, die wir selber tragen. Stofflich kompakter sind „Der Jude von Konstanz" und „Meroe"; sie zeigen in ihrer äußeren Struktur, wohl infolge der theoretischen Studien, Anklänge an Hebbel, finden innerlich jedoch kein rechtes Verhältnis mehr zu ihm. Darob von voreiligen Kritikern proklamierte „Rachsolgefch«ft widerlegten die „Vertauschten Seelen", >-»« merkwürdigerweise als Gro- teste" bezeichnete, wirklich ernsthafte Komödie, d>« die indische Seelen- wanderungslehre im tiefsten und schönsten Sinne ^^'sch verwertet Heber das hübsche Marionettenstuck „Doppelkops und die für Lnt Wicklung weniger wichtigen Schauspiele „Gefährliche Liebe unb ,,6emb schreitet der Dichter dann zur Hohe, die er nut dem ."emen mystischen Marien-Mirakelspiel „Das Herzwunder" erreicht. Daneben steht, stofflich ’rroitt* nnm nnhprs aetDcnbct endlich das befanntefte SDrcunn „2er Weil- lauf mit dem Schatten", das in seinem seltsamen Problemwirbel fast wie ein BekenmniErk wirkte Der 'Dichter als Hellseher unb Enthüller ge- lebtcfter Wirklichkeit! Das letzte Werk dieser Artz „Die gläserne Frau, kommt ihm nur menschlich, nicht mehr künstlerisch gleich. Doch zu welchem Ergebnis — so werden jetzt wohl manche fragen führt des Dichters „Lebensbedeutung", um derentwillen er solch «msame Weae aebt die Zeit zu brechen und den Raum zu überwinden trachtet, N Zufall nachsKr? und dem Schicksal neue Ziele bietet? Es 'stda- qteidje, was er auch von uns, seinen Lesern, erlangt und verlangen muß Liebe! Und zwar Liebe, die vom Wechselstrom zwischen Mensch und Mensch fich steigert bis zu jener Kraft, die da die Welten bewegt und mit dem Odem des Lebens erfüllt. öuftfa^rt in Wirtschaft und Politik. Von Professor vr. E Everling, Berlin. Luftfahrt ist not!" — das ist fast schon zum abgegristenen Schlagwort geworden; und doch ist es eine wirtschaftspolitische Wahrheit; si- zeichnet sich von Jahr zu Jahr klarer ab, sie drangt sich von Monat zu Monat immer weiteren Kreisen auf. Recht deutlich zeigt das die «Stimme des Volkes", die Presse. Luftfahrt ist not, denn sie fordert unsere K u l tur, nützt unserer Wirtschaft, stärkt unsere W e l t ge l t uno Die uralte Sehnsucht der Menschheit, den Vögeln gleich in der Luft zu schweben, zu fliegen wie Dädalus, der griechische Ingenieur, und Wieland, der germanische Schmied, ist seit einem Viertestahrhundert Wahrheit g morden. Das Luftfahrzeug hat sich das Reich der Wolken erobert es b- herrscht die gesamte Kriegführung, es erringt sich emen Platz un Getnev des Verkehrs, es dient mancherlei Berufen, es stahlt die Jugend m b«r lichem Sport, es erobert sich auch das Herz des Volkes und gibt dem Denken und Dichten ungeahnte Nahrung: die dritte Dimension ist besieg, die Streitfrage: „drunter durch oder drüber weg? hat einen neuen «mn erhalten; nie hat menschliche Technik Größeres errungen. Die Kulm, manche schon sterben sehen, $*st das Letzte, Größte erreicht! Nein, es ist nicht nur die „Zivilisation", was durch das psliegen ß fördert wurde, mag auch die Luftfahrt ein Kind der Techm. sein:. Umwälzung der Wirtschaft, die sich hier anbahnt, greift aufs tief! unser ganzes Leben ein. Freilich, jetzt erkennen wir's stückweise nu , wir müssen uns klar machen, was sich hier vorbereitet, welche Jia „ Luftfahrzeug schon in wenigen Jahren in Verkehr und Canonnr i für Handel und Geldwesen spielen kann, wie wir den Orgamsmu Wilhelm von Scholz. Von Alexander B a l d u s. Im Dämmerlichte jener Grenzgebiete zwischen Wirklichkeit und Heber- Wirklichkeit, Raum und Unendlichkeit, Zeit und Ewigkeit, dort, wo der Verstand und all seine Objektivität ohnmächtig versagt, und nur noch rem subjektiv das Gefühl Wesenheiten zu erfassen vermag, hoch oben auf den höchsten Höhen liegt das Reich des Dichters Wilhelm von Scholz. Der Eingang ist wahrlich nicht leicht, und nur die Liebe, teuer geheimnisvolle Wechselstrom von Mensch zu Mensch, vermag die Tore zu offnen und für ein objektives Verstehen die Wege zu bahnen. Da nun das Deffnen dieser Tore nicht nur von literarischer, sondern wett mehr noch von kultureller Bedeutung ist, so sei hier dieser Versuch unternommen. Wilhelm von Scholz, sächsischem Blute entstammend, in Berlin geboren, aber erft am Bodensee heimisch geworden, ist eine durchaus singuläre Erscheinung, wie sie wohl in keinen der noch so aufnahmefreudigen Karthotekkästen passen dürste. Hatte er sich einst mit seinem Programm, daß „die Phantasie Kern, Wesen, Quell« und damit die Wahrheit der Kunst" sei. in bewußten Gegensatz zu dem Naturalismus jener Tage gestellt, so lehnt er anderseits heute die immer noch revolutionierenden Expressionen unserer Jüngsten ab. Seine nach innen gerichtete Natur wäre am ehesten noch mit jenen mittelalterlichen Mystikern zu vergleichen, die auch der engbegrenzten Materie die Weite der Idee, der Passivität des Ich die Aktivität einer Persönlichkeit, der sinnlichen Formung des Lebens eine übersinnliche Deutung zu geben bereit waren. Heber sie hinweg aber greift er wenn er, vielleicht aus der Sehnsucht der Moderne heraus, den Zufallsbegriff im augenblicklichen Werden zu dem schicksalhaften Sem jener Kräfte erweitert, die da als Raum und Zeit für die Gestaltung des Menschenlebens von entscheidender Bedeutung sind. Raum und Zeit! Für den Dichter bas höchste und zugleich tiefste Erlebnis, das in all feinen äußerlich noch so verschiedenen Werken immer wieder wach wird und Gestalt gewinnt. Das Zusammenfließen dieser beiden Pole im Helldunkel der Dämmerung gibt ihm allein Wesenhaftes, timt ihn allein Fernstes und Feinstes erfühlen. Hnendliches findet da beste Familie in Berlin W, von der die Rede ist, wohnte in einem Etaqenhause und hatte vor nichts mehr Angst als vor einem Einbruch. „Nie den Schlüssel abziehen nachts," sagte das Oderhaupi oft genug, stecken lassen, halb herumdrehen, bann kann nichts Schlimmes passieren. " Leiber wies ber Schlüssel einen unbebeutenben Fehler auf, er war hobl So schob beim ber erste Einbrecher eine Dreikantfeile von außen n ben Schlüssel und schloß die Tür so leicht und leise auf, daß er n,e- Hianben im Schlaf störte und infolgedessen auch seinerseits beim Raub oer wundervollen Pelze und Mäntel nicht gestört wurde Daraufhin orgte das Familienoberhaupt dafür, daß nicht nur ein nobernes Sicherheitsschloß, sondern auch ein höchst komplizierter und un- erftörbarer Kettenriegel vor die Tür gelegt wurde. ' Leider war die Tür aus Holz. So kaufte sich denn der zweite Einbrecher ein halbes Pfund Schmierseife und eine gute Stichsage. Die Seife reßte er an die Tür, so daß die Säge beim Arbeiten gleichzeitig durch )olz und Seife glitt. Auf diese Weise gelang es ihm, nicht nur lautlos in Loch in die Türfüllung zu fügen und, mit der Hand hmburchgreifenb, kettenriegel und Sicherheitsschloß zu öffnen, sondern auch sämtliches aselsilber und den Schmuck, den die jüngste Tochter morgen zur Konfination bekommen sollte, von bannen zu führen. Daraufhin wurde die Tür jeden Abend mit dem Bügelbrett, dem Werkzeugkasten, dem Küchenstuhl und dem Kuchenblech derart oerbarn« adiert, daß die ganze Einrichtung bei befa leisesten Versuch, der Tur twas, wo auch immer und wie auch immer, zu Leide zu tun, mit einem Leltuntergangsgepolter zusammenkrachte. Dies nannte bas Oberhaupt ine Alarmverrichtung. Sie funktionierte in ber Tat so vortrefflich, daß ie Familie jedesmal, wenn ein gewichtiger Mann nachts die Treppe affierte, aus dem Schlaf gedonnert wurde. . Da das Oberhaupt aber nach einigen Wochen am Datterich, feme Gemahlin an periodischen Schreikrämpfen und seine drei Töchter an chro- üscher Hysterie litten, war es wirklich ein Glück zu nennen, daß der dritte Einbrecher, der an ber Fassade emporstieg und durch die Balkontür em- > rat, nicht nur bas handliche Geldschränkchen und die Wembrandsia,chen des Hausherrn, sondern auch bas Kuchenblech, ben Werkzeugkasten und das Bügelbrett an einem Vinbsaben seinem Komplizen in ben Hof hinabließ. Um 5 Hhr, 7 Uhr, 9 Hhr: Der Weltkrieg. Im Kino. Man läßt sich dabei Likörbohnen auf der Zunge zergehen ober verspeist Käsestullen. Auf der Leinewand stürmen sie gerade einen Schützengraben und werden von Ekrasit zerfetzt. „Interessant!... Gib mir noch eins, Lisa, mit Kirsch... Aber das soll man bald in Tuntenhausen an der Tunte auch zu sehen bekommen Eine andere Sensation behält Berlin vorläufig für sich allem: eine riesige Halle, phantastisch bskoriert. Zu drei Vierteln nut Stühlen und Tischen bestellt, Cafö-Betrieb, Jazzmusik. Der übrige Raum em künstliches Gebirge, wo man auf Sodaschnee, made in,England, Ski lauft unö rodelt. Ein großer und ein kleiner Sprunghügel. Der große erlaubt fünfzehn Meter Sprünge. Flache Hänge, steil« Hange^ Berge, -talcr. „Valencia . . . tattata . . . tattata . . ." Abends bei Jupiterlicht: Geländelaufen, Schauspringen, Hindernisrennen. „Ober, ein Hals und Hals! Eintritt 1 Mark. Dem Sieger ein Saxophontusch. Black Bottom auf Skiern. Girls. Applaus. Beine. Der Radio-Lautsprecher: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre..." Ratschende Skier. Christiama. Umsprung. „August . . . Auaugust ..." * Das Palois des Reichspräsidenten. Rechts und links zwei Soldaten, breitbenig gestemmt. Mantel, Stahlhelm, Gewehr. Es ist, als ob bte nanze Wucht des deutschen Schicksals, als ob alle Sorge, Geheimnis und Hoffnung des Reiches hier zusammengedrangt wär«. Ein todernstes Symbol über ben Grimassen ber Stunde. Ein Mythos von Untergang und Trotz. unzui Dazu Lufts kund, das vielle rigen T bauer bie% oereit ein 5 der L wird. N sagt, zu b( bauer ist u schrär roerti die F D Luftsi Iunki vorge stung ten L auf i die j, Durck und ftens D fahrt Wir! volle 2 Fun wird wich chw ergi flr Betr Platz es g< vom grüß * aber roani Es f. er fd gen ■ verbi E Scho rasch Arzt, oben Phar ange| wir stung Eröß A unb Reise unb i berur Zehn v Köln Ersai touri] für 3 lieber und ! hochn Schee Bei i gewit tem c daß e niebri D schwä ' wie t Flug; Forst unter befän f Bode Abw, Pflar Wirtschaft gestalten müssen, damit er aus der Beherrschung der Lust den vollen Nutzen zieht. Der rasche Nerkehr, der durch Fernsprecher und Telegramm, durch Funk- und Fernbild etwas Unpersönliches, Unvollständiges erhalten hat, wird wertvoll ergänzt durch Mittel, die Personen, Urkunden, Geld und wichtige Waren schnell befördern. Das Luftfahrzeug mit seiner hohen Ge- chwindigkeit, seiner weitgehenden Unabhängigkeit von Land- und Was- ergrenzen, Berg« und Tatgestaltung, seiner von harten Stößen freien, ür Schreibarbeit und Schlaf angenehmen Bewegung und seiner hohen öetriebssicherheit ist ein ideales Personenverkehrsmittel, wenn die Flugplätze vom Herzen der Städte rasch genug erreicht werden können, wenn es gelingt, die Regelmäßigkeit, die Unabhängigkeit vom Wetter, vor allem vom Nebel, weiter zu erhöhen, wenn zeitsparende Nachtflüge mit noch größerer Zuverlässigkeit durchgeführt werden können — in vielen Fällen aber auch schon heute ohne diese Einschränkungen, zumal der Mehraufwand für den Flugpreis im Verhältnis zu den Vorzügen sehr gering ist. Es fehlt diesem Luftverkehr nur noch das Vertrauen weiterer Kreise, das er schon jetzt verdient, eine regere Benutzung, die manchen Vorteil bringen könnte und dazu beiträgt, den Verkehr selbst zu verdichten und zu verbessern. Eilige Reisende finden sich nicht bloß unter Geschäftsleuten, Politikern, Schauspielern, Rennreitern, die ihre Wirksamkeit verdoppeln, wenn sie rasch von einem Ort der Berufsausübung zum andern gelangen; auch der Arzt, der zum Verletzten auf einsamer Insel der Kranke, der durch Einöden mit Sanitätsflugzeug zum Seuchenlazarett gebracht wird, sind keine Phantasie mehr. Noch nicht gelungen, und daher von vielen als utopisch angesehen, ist der Massenfchnellverkehr durch die Luft. Aber haben wir nicht im Kraftwagen, im Autobus ein. Verkehrsmittel, besten Leistungsfähigkeit in der Großstadt mehr durch die Zahl als durch die Größe der Einheiten gesteigert wird? Auch die Poft hat sich dieses raschen Beförderungsmittels bemächtigt und verwendet die Flugzeuge auf Strecken mrd in Formen, die für den Reiseverkehr noch nicht freigegeben find, lieber die Vorteile der Luftpost und ihre genraltige Zeitersparnis gegenüber der gewöhnlichen Briefbeförderung erübrigt sich ein besonderes Wort für jeden, der einmal durch zehn Pfennige Mehraufwand einen eiligen Brief 24 Stunden früher nach Köln ober Königsberg gelangen ließ. Reben Briefen und Paketen, neben Ersatzteilen für andere Luftfahrzeuge, Proviant für verstiegene Hochtouristen, Arzneimitteln für entlegene Siedlungen und ähnlichen Hilfen für Notfälle, werden schon jetzt eine Reihe eiliger oder leichtverderblicher Waren, wie kleine Tiere, frische Blumen, Zeitungen, Feinkost, Pelze und die „letzten Schreie" der Mode häufig durch die Luft verschickt; auch hochwertige Dinge, wie Schmuck, Edelsteine, Metallbarren, Banknoten und Schecks, werden im Flugzeug isoliert und rasch, also sicherer befördert. Bei der Versendung von Geld und Geldersatz wiegt vielfach der Zinsgewinn durch Zeiterfparnis die Mehrkosten der Lustbeförderung bei weitem auf; bei wertvollen Waren spart der Händler Kapital, weil er weiß, daß er seine Lagerbestände auf dem Luftwege stes rasch zu ergänzen, also ttiebriger zu halten vermag. Daß die Fischerei durch Aussuchen von Fischbänken, Melden von Fischschwärmen mit Seeflugzeugen, durch Fischfänge mit kleinen Luftschiffen wie durch Abschießen von Raubtieren gefördert werden, daß man mit dem Flugzeug jagen kann, sei nur nebenbei erwähnt, ebenso, daß Land- und Forstwirtschaft in schwachbevölkerten Gebieten schon jetzt durch Flugzeuge unterstützt werden, die aussäen, Vieh überwachen, Schädlinge mit Gift bekämpfen, nachdem sie ihre Sporen in der Luft, ihre Brutplätze am Boden festgestellt haben, die Waldbrände sogleich erkennen und durch Abwerfen von Feuerlöschbomben ersticken, über Windbruchschäden und Pflanzenstände einen raschen Ueberblick geben. Wichtig ist, auch für unser gut vermestenes Gebiet, das Luftbild, das Landesaufnahmen vor allem unzugänglicher oder veränderlicher Gelände rasch und zweckmäßig ergänzt. Dazu kommt der Nutzen, den schon jetzt viele Wissenschaften aus dem Luftfahrzeug ziehen können: Geologie, Erd-, Sisdlungs- und Wetterkunde bedienen sich seiner; sogar Regen machen und Nebel zerstreuen soll das Flugzeug! Das klingt uns heute noch wie ein Märchen, ist aber vielleicht in einigen Jahren ebenso Wirklichkeit, wie heute schon die übrigen erwähnten Herkulesarbeiten, die die Luftfahrt leistet. Trotz dieses vielfachen wirtschaftlichen Nutzens haben die Luftfahrzeugbauer aller Länder, verglichen etwa mit den Kraftsahrzeugsirmen, ein sehr beschränktes Absatzgebiet. Ihre Hauptabnehmer find im allgemeinen die Staaten, die starke Luftflotten unterhalten, trotz aller Abrüstungsvereinbarungen und aller Friedensbeteuerungen, in der Erkenntnis, daß ein Znkunstskrieg sich in erster Linie zwischen Maschinen, vorwiegend in der Luft und üf-c- dem normen Hobeitso-biet her Kriegführenden abspielen wird. Nur Deutschland und andern Besiegten des Weltkrieges ist es untersagt, eine Kriegsluftflotte und überhaupt sonstige bewaffnete Flugzeuge zu besitzen; ja, unsere Snbuftrie darf sie nicht einmal für die Ausfuhr bauen; und noch mehr: Über jenes Verbot im Versailler Vertrag hinaus ist unser friedlicher Luftfahrzeugbau durch besonder« „Garantien" beschränkt, die z. B. Fernlenkflugzeuge (ohne Führer) verbieten, hochwertige Sporteinsitzer von Sondergenehmigungen abhängig machen und die Förderung des Flugsportes aus öffentlichen Mitteln hindern. Daß unser Luftfahrzeugbau trotzdem Leistungen wie das Amerika- Luftschiff L Z 126, die neuen Großkabinen-Verkehrsflugzeuge wie Dornier, Junkers und Rohrbach, das Schlafwagen- und das Zeitungsflugzeug hervorgebracht hat, daß wir doch Luftgeltung besitzen, beruht auf den Leistungen unserer Ingenieur«, Kaufleute und Flieger, auf einer zielbewußten Luftpolitik in einmütigem Zusammenarbeiten aller Beteiligten, endlich auf unserer geographischen Lage, die uns einst die Einkreisung brachte, die jetzt unsere wirtschaftliche Rettung werden wird, weil sie uns zum Durchgangsflughafen Europas bestimmt; denn wegen feiner Bodengestalt und seines Klimas ist Deutschland für einen durchgehenden Verkehr bestens geeignet. Daß die außenpolitischen Hemmungen deshalb, nicht bloß unsere Luftfahrt schädigten, sondern auch die zum Durchflug bereiten Nachbarstaaten, daß sie den deutschen Luftfahrzeugbauer zwangen, mit dem Bau seiner Schöpfungen und dem Betrieb seiner Fluglinien ins Ausland zu wandern, hat uns im vergangenen Sommer die Lufthoheit, auch wenigstens einen Teil der Luftfreiheit, deren wir bedurften, wiedergegeben. Nun gist es, sie gänzlich zu befreien. Hat die Luftfahrt außenpolitisch als Waffe — in andern Ländern — und als wirtschaftlicher Aktivposten — vor allem in unserer Zukunstsbilanz — Bedeutung, ist sie bei uns durch äußere Einwirkungen noch beschränkt, so nimmt sie innenpolitisch — wenigstens in Deutschland — eine Sonderstellung ein: während sonst alles parteimäßig betrachtet und behandelt wird, genießt das Luftfahrzeug, abgesehen von gelegentlichen Entgleisungen der Extreme, die gemeinsame Gunst aller Parteien; vielleicht wird auch die Luftfahrt zum Zankapfel, wenn man ihre Bedeutung richtig erkannt hat; heute jedenfalls begegnet ihr di« ganze Presse mit gleicher Hochachtung. Umgekehrt ist auch der Flieger, der meilenhoch über den Parlamenten schwebt und in wenigen Minuten eine Provinz durchquert, kein Partei- manu ober Partikularist. Wer Luftverkehr betreibt, muß heute schon „in Erbteilen denken". Und das Flugzeug, das Länder verknüpft, wird auch die Herzen der Völker verbinden; wenn wir heute in der Welt wieder geachtet werden, so hat unsere Nachkriegsfliegerei einen großen Teil des Verdienstes, und die Kameradschaft der Flieger oller Länder, die in ritterlichem Kampf den Krieg überdauerte, die den andern wertet, weil er sich selbst achtet, sollte auch die Völker lehren, einander zu verstehen, statt sich nur zu verständigem Wir möchten nicht schließen, ohne die Aufgaben zu nennen, die uns die Luftfahrt stellt, weil sie erfülltes Sehnen unserer Väter, köstliches Gut unserer Kultur und sichere Hoffnung unserer Kinder ist; weil Deutschland an den Hauptstraßen des Luftmeeres liegt, weil feine Wirtschaft durch Luftverkehr und Luftpost, Luftfrachten und Luftbild gefördert wirb, weil das Luftfahrzeug selbst als Wirtschaftsteil beachtlich ist und wichtig werben wird, weil unsere Lufthoheit uns auch ohne öuftnsaffen Luftgeltung bringen soll, weil die junge Generation gesunden Mut und starke Nerven braucht: bas Luftfahrzeug will sinen Platz an der Sonne des Wirtschaftslebens; bereitet ihm den Weg! Schafft Vertrauen zum Flugzeug: denn es ist sicher; fördert seine Benutzung, denn sie bringt Vorteil;"lehrt unser Volk fliegen: denn Luftfahrt ist not! Die Aktenkamme?. Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser. (Fortsetzung.) „Wie?" fragte Sabine verständnislos. „Dein Vater und die Räte wollen die Stadt den Sansculotten übergeben —" Sabine faßte erschrocken seine Hand. „Ich," rief er, „wili's verhindern." — „Du? Wie willst du das?" „Das findet sich! Es kommt in allen Lebenslagen darauf an, daß einem das Rechte einfällt. Ich glaube, mir ist was Rechtes eingefallen! Ich bin für zwei, beet Tage — Bürgermeister!" „Sekretär!" rief der Bürgermeister und klopfte gegen die Tür, „mach' Er mich nicht giftig! Was schwatzt Er denn da noch?! Geöffnet!" Der Sekretär ging an die Kammertür und sagte in ernstem, ehrfurchtsvollem Tone, ohne aber den Spott ganz urckerbrücken zu können: „Cs tut mir leid, Herr Bürgermeister, daß Sie zwei, drei Tag« mit der Gesellschaft der Akten werden vorlieb nehmen müssen —" „Was?" — „Ich hoffe, daß Ihnen die Zeit nicht zu lang wird." „Ist er des Teufels?!" schrie der Bürgermeister und stieß mit dem Fuße gegen die Tür. — „Nein, Herr Bürgermeister, aber ich bin willens, in den Sturm zu fahren, vor dem Sie die Segel streichen. — Du, Liebste, hilf mir, denn es wird eine gefährliche Fahrt!" Sabine umarmte ihn. „Der Himmel gebe seinen besten Wind!" Sie gingen eilig hinaus und schlossen die Tür des Amtszimmers ab, denn der Bürgermeister in der Aktenkammer tobte und schrie. Die Morgensonne des nächsten Tages schien durch die hshen Fenster mit den kleinen, in Blei gefaßten Scheiben in das holzgetäfelte Sitzungssälchen, das zu ebener Erde lag. Eine große Eichentur mit zierlichem Schnitzwerk führte in den weihgekalkten Treppenflur des Rathauses. In dem Holzgetäfel befand sich eine niedrig« Ür, durch die man in die Wohnräume des Bürgermeisters gelangen konnte. In der Mitte des Sälchens stand ein langer, eichener Verhandlungstisch. An der dunklen Balkendecke hing ein runder schmiedeeiserner Leuchter mit halb nieder- gebrannten Kerzen, an denen bas abfließende Wachs in dicken, erstarrten Tropfen klebte. Den einzigen Schmuck der kahlen Wände über dem Holzgetäfel bildeten zwei schwarzgerahmte, stockfleckige Kupferstiche, von denen der eine den verstorbenen Landesfürsten, der andere den mit Wappen verzierten Plan der Stadt barftellte. Zabel, der Amtsdiener, unb sein Sohn Flipp waren damit beschäftigt, die hochlehnigen, steifen Stühle um den Sitzungstksch in gehörige Ordnung zu stellen. Zabel war nicht zufrieden mit dem Jungen. „Du sollst mir die Stähl' akkurat hinstellen," (notierte er, „bat sieht ja aus rote Kraut und Rüben. Ordnung, Jung, ist bat halbe Leben! So steht der Stuhl, so, du Stoppelkaw, einen Schenkel breit vom Tischbein." „Die Schenkel sind verschieden breit", räsonierte Flipp. „Soll ich mich mit Erlaubnis nach Ihren Schenkeln oder nach den meinigen richten?" Dabei klatschte er sich auf seinen Oberschenkel. Zabel hob bas große Tintenfaß des Bürgermeisters in die Höhe und j' hielt es in die Sonne. „Da, bloß noch der dicke Satz drin!" i. „Das ist rasch geändert, Vatter. Mit eins werden wir wieder die schönste Tinte haben." Flipp nahm seinem Vater das Tintenfaß aus der Hand, spuckte hinein und rührte mit dem Fedwkiehl darin herum. Zadel nahm einen Hausen Federkiele und verteilte sie auf dem Tische. Dabei verbeugte er sich vor jedem Stuhle und Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Siehe« einen schicklichen Flipp lachte. gestimmt." Zabel wischte bald Gras! Die redete ihn an. „So, Herr Bürgermeister! Seist Euren ehrlichen Namen unter feinen unehrlichen Pakt! — Hier, Herr Sekretarius, sein ausge- paßt, dat Euch nix in die Feder kömmt, vor dem sich unsere Enkel schämen! — Ja, ja, ja, ja, Herr Professor Nägele, Ihr seid der Schlaueste! Ihr sagt zu allem ja und Amen. — Stockebrandt, ehrwürdiger, gottergebener Mann, und weiter nix, da habt Ihr Eure Feder. — Um Euch, Herr Finnickel, mach' ich lieber mit Verlaub einen großen Bogen. Zwar seid Ihr immer freundlich wie ein Ohrwurm, aber ich seh' lieber Euren Rücken als Eure Visage. — Geruhen Platz zu nehmen, Herr Ballig. Paktiert nur mit den Sansculotten. Sie werden Euch mit Fleiß den Wanst erleichtern, dat Ihr nachher springen könnt wie ein mager Böcklein, ha, ha! — Gehorsamer Diener, Herr Jungblut! Eure Feder! Ihr seid ein Geradeaus. Zwar wär' mir lieber, Ihr nähmt den Küferhammer und schlügt auf die hohlen Köpf' hier. Dann gäb's am End' noch Ton." „Dat glaub' ich auch, Vatter. Die Köpf' sind zu schlecht mit dem Finger über eine Stuhllehne. „Hä, da wächst __________ Bärb hat wieder den Drecklappen geschont. Eine mal- vropere Kreatur! Und du, Flipp, du verdrehst die Augen nach ihr wie ein kranker Stockfisch." „Hü, hä", lachte Flipp mit einiger Verlegenheit. „Lach' nit, Lümmel! Gibt et nit genug Malöhr in der Welt?! Halst hjch von dem Frauenzimmerchen fern. Die taugt nit für dich. Jung, laß' es dir von deinem alten Vatter gesagt sein, wenn du karessieren willst, dann guck' erst nach, ob dat Frauenzimmer keine Fransen am Unterrock hat und keine krummen Absätz'. Denn dann ist nix an ihr, dann ist sie eine propere und schlampige Kreatur. Und die Bärb — ich hab' es gesehen! — hat Fransen am Unterrock und hat krummme Absätz!" teilte sie auf dem Tische. Er öffnete die kleine Tür in dem Holzgetäfel und rief hinaus: „Barb! Bärb! — Barbara!" Nach einer Weile kam Bärb, die junge Magd, herein. „Herr Zabel?" rief sie munter. „Was will Er? — Tag, Flipp!" Flipp nickte ihr zu mit einem zärtlichen Blick. „Bärbchen!" Zabel zog sie am Arme bis an die Stühle, fuhr mit den fingern über die Lehne und zeigte ihr den Finger. „He! Wat ist dat?" — „Ei," gab sie achselzuckend zur Antwort, „ein bißchen Staub. Was sonst?" „Ei, ein bißchen Staub, ein bißchen Staub? — Ein fingerdick Dreck! Marsch! Mit dem Lappen drüber, Dreckschwalbe, mit Erlaubnis!" Bärb achte. „Der Herr Zabel haben schlecht geschlafen oder sind mit dem unten Bein aufgestanden." „Schwadronier' Sie nit! Tu' Sie, wat ich Ihr gesagt hab'. Auch über !e Tintenfässer! Gehörig! Die sind beklext." Sie nahm einen Zipfel ihrer geblümten Schürze und wischte über die Lehnen und Tintenfässer. „Die Herren Stadträte nehmens' mit der Pro- pertöt nicht so genau." „Wat ist dat für eine saubere Wirtschaft! Sie weiß doch, wie penibel her Herr Bürgermeister ist. Ich krieg's nachher auf bcn- Puckel, wat Sie versauen läßt." „Der Herr Zabel meint’s nit so, gelt nicht? Es ist ihm bloß eine Katz iber den Weg gelaufen", entgegnete sie und liebäugelte, während sie .'sichte, mit Flipp. „Hurtig, hurtig!" kommandierte Zabel, „und laß' Sie dat Geklimper : dt den Augen! Der Jung' mag doch nix von Ihr wissen." „Püh! Als ob ich was von ihm wissen wollt'!" — „Ich wollt's Ihr ich nit geraten haben!" Flipp machte ein komisch-betrübtes Gesicht. Bärb warf ihm hinter Zabels Rücken eine Kußhand zu. Flipp tat mit strahlenden Augen das gleiche. „Auf neun Uhr," sagte Zabel, „ist die Sitzung angesagt, und gleich wird's schlagen. Mich rounbert’s daß der Herr Bürgermeister noch nit ha ist. Sitzt der etwa noch beim Frühstück?" „Noch nicht", erwiderte Bärb. — „Wie? Noch nit beim Frühstück?" „Ich hab' ihn heust morgen noch nicht gesehen, Herr Zabel." — Wat?" — „Er wird sich wohl noch im Bett rekeln." — „Sprech' Sie nit so despektierlich, Sie Grasmücke! Immerhin geh' Sie und schau' Sie nach, und roenn’s nötig ist, weck' Sie den Bürgermeister. Es ist die höchste Zeit." „Ich? Den Herrn Bürgermeister wecken? Das tu' ich nit vor lauter Respekt. Ich fürcht', er nimmt es übel. Er ist so penibel!" „Eigentlich hat Sie recht", knurrte Zabel. „Es wär' nit schicklich. So muß ich wohl selber gehen." Zabel ging durch die kleine Tür hinaus. Flipp wartete ab,' bis Zabel die Tür hinter sich zugemacht hakte. Dann ging er rasch auf Bärb zu, umarmte sie derb und gab ihr einen herzhaften Kuß. Bärb ließ es sich kichernd gefallen. Dann fragte sie: „Was ist dein Vater heust so stachelig?" „Ich weiß nit, wat für eine Laus ihm über die Leber gekrochen ist. — Laß' ihn doch." „Heust kommen die Franzosen in die Stadt, hab' ich gehört, Fli>' Jst's wahr?" — „Der Vater sagt nein." — „Doch, Flipp, sie kommen! Diel tausend! Schöne Männer mit schwarzen Augen, so groß!" Und sie riß die Augen weit auf und starrte Flipp an. „Und lustige Burschen sind's, sagt Nettchen Schluns. Die hat sie gesehen, sogt sie, lustig und keck und ein bißchen frech, frecher noch als du!" Dabei zog sie ihn an der Olafe. „Oh, Gott bewahre!" rief er und küßte sie wieder. Bärb lachte. „Sankt Lotte, Flipp, heißen die Franzosen, Sankt Lotte, ha, ha! Ein rarer Name für Mannsleut'. Warum heißen sie so?" — „Nun, weil sie Ohnehosen sind." „Ohne Hosen?" kreischte Bärb in komischem Schrecken. „Nein, was du sagst! Jst's wahr?" — „Wahrhaftig!" — „Geh'! Mach' mir nix weis! Hast du's gesehen?" — „Gesehen nit, aber der Kater hat's mir verzähl!." — Bärb lachte und drehte sich im Kreise. Flipp sah ihre Röcke fliegen und stutzte. Er starrte auf ihre Schuhe und auf den Rockjaum. Dann seufzte er tief und schmerzlich auf. „Wahrhaftig — es ist wahr!" •* Bärb schaute ihn voll Staunen und etwas angstvoll an. „Flipp, was hast du? Ist dir nicht gut? Was gab's denn da zu gucken?" Sie besah sich ihren Schuh und Rock. Flipp seufzte und antwortete dumpf: „Du hast krumme Absätz' und Fransen am Unterrock." — „Das ist alles?" rief sie und lachte. „Ist bat nit genug?" — „Was soll bas denn, Flipp?" — „Bärb", ant, wartete Flipp mit vollem Ernst. „Dat ist ein bös Zeichen, sagt mein Vater. Du bist nicht proper." Bärb wurde ein wenig verlegen und zugleich ärgerlich. „Geh' mir mit deinem tnotterigen Vatter! Du liebe Zeit, ich kann nit immer fein auf. gekratzt sein und den ganzen Tag zierlich umhertrippeln wie die Demoiseü ? Ich hab' meine Arbeit. Da gibt’s schon Flecken und Risse und abgelaufeni Schuhe." Sie wandte sich schmollend ab. „Aber geh'! Such' dir eint Feine, eine Noble! Damit ist wenigstens deinem Mußjö Vater gedient.' Sie verzog den Mund und ging auf die kleine Tür zu. Flipp eilte ihr bestürzt nach. „Bärb, Herzensbärb, so war's doch nit > gemeint!" — „Das sagt ihr Mannsleust hernach immer! Nein, geh'! Ich brauch' mich nit an dich zu hängen. Warst bloß, wenn die Sankt Lotten kommen! Dann wirst du dir noch die Finger nach mir lecken. Darunter einer wird mich schon nehmen, da brauch' ich ihn gar nicht erst zu fragen. Und obendrein schenk' ich ihm noch eine schöne Nankinghose. „Bärb!" rief Flipp unglücklich, „ich spring in den Rhein, wenn bu dich mit den Kerls einläßt— Bärb schob die Unterlippe vor, aber psijtz, lich fing sie an zu meinen. „Ich muß mich bestens bedanken für eine Liebe, die schon über ein schiefes Absätzchen und über ein Stückchen abgetretene Litze stolpert." Flipp nahm sie bei der Schulter. „Aber, Bärb, sei wieder gut, ja! Meine Liebe ist doch gar nit über die abgetretene Litz' gestolpert, sicher nit! Ich meinte nur — nämlich mein Vater sagte —" „Ach! — Ich — ich kann ja — kann ja die Litze wieder annähen." - „Sicher, Bärb!" rief Flipp glücklich, „bat ist ja rasch gemacht. Und die Absätz' schlag' ich dir selber grab’. Dat kost nix. — Doch, Bärb," fügte er leise hinzu, „doch, es kost wat!" ' „Was denn?" fragte sie lächelnd. „Jst's auch nit zu teuer?" Er schüttelte heftig den Kopf und flüsterte ihr ins Ohr: „Heust abend — wart' ich auf dich im Garten — an dem großen Holunderbusch. Da — da bring’ ich dir die Absätz’ wieder ins Lot. Soll ich?" „Ja — wenn du kannst!" — „Ist es denn auch jetzt wieder gut, Bärb?" Sie nickte, sagte aber dann mit drohenden Augen: „Ich will dst > aber warnen! Denk' an die Sankt Lotten!” Flipp lachte und küßte sie. „Da guck' mir ein Mensch an!" rief da Zabel, der ziemlich aufgeregt wieder hereinkam und die Zärtlichkeit der beiden sah. „Leichtsinnig Voll! Respektlos Volk! Und Sie soll sich schämen, Mamsell Lüderlich!" Die beiden hatten sich rasch losgelassen, und Bärb, mit rotem Kopse, wollte sich verteidigen. „Oh, Herr Zabel, da bitt’ ich aber • ; f Zabel schnitt ihr bas Wort ab. „Sie soll bat Maul halten! Und mit dir, Flipp, red' ich noch ein besonder Wort! — Wenn ich bloß B>üßt’, - sagte er bann mehr zu sich, „wo der Bürgermeister steckt. An die Tür von Dero Schlafkabinett hab' ich geklopft, aber keine Antwort gekriegt. Durchs Schlüsselloch hab' ich geguckt, aber vom Bürgermeister hab ich nix gesehen, und der ist doch keine Stecknadel. Wat ist da los? Mir kriecht so eine Art Unruh' über den Leib. Ich will doch gleich die Demoqeae, Sabine aufsuchen." Mit diesen Worten ging er wieder zu der kleinen Tur, aber der Sekretär, ernst, gefaßt und mit entschlossener Miene, trat herein. „Ah, Herr Sekretraius!" wandte sich Zabel sogleich an ihn. „«tat i|t denn mit unserem Herrn Bürgermeister? Der ist nit da! Weiß Er, wo der steckt?" o u „Ich weih es", antwortete der Sekretär ruhig unb fuijr, als JaN mehr fragen wollte, rasch fort: „Und ich will’s ihm sagen, aber — « gab ihm verstohlen einen Wink, daß Flipp und Bärb nicht dabei jein dürften. __ , .... Zabel verstand und fuhr gleich Bärb an: „Wat steht Sie da und iperrt Mund und Ras' auf?" „Mein je," entgegnete Bärb schnippisch, „ich soll doch Stuyle njtjajenl „So mach' Sie eine Pause! Sie hetzt sich zu sehr ab dabei. Marsch! Dar« schnitt ihm ein Gesicht und verschwand durch die kleine Tür. Flipp wollte ihr nach, aber Zabel schnappte ihn am Rockzipfel. HM mein Täuberich!" Er zog ihn zum Tische, von dem er eine große, ff drechselte Schnupftabaksdose nahm. „Hier. Nimm die Beine unter - Arme unb lauf’ zum van Nellen und hol’ frischen Kardinal, EehirnW für die Herren Stadträst. Sie haben es nötig nachher." Flipp nahm «>' Dose, und Zabel drängte ihn durch die Haupttür hinaus. , , „Also, Herr Sekretarius, wo ist der Bürgermeister?" — „EingespeM — „He?" machte Zabel, der glaubte, nicht recht gehört zu haben. v „Zadel, ist Er etwa damit einverstanden, daß die Stadt den öf® zosen übergeben wird und daß wir überbem noch diese ohnverscham Kontributionen bezahlen?" M > „Damit zufrieden, heißt ein Hundsfott sein!" — „Das wollt«ich hör Er ist ein ehrlicher, gerader Mann, Zabel. Er soll mir helfen. „Dat will ich gern, aber in wat für ’ner Sach'?" —»Die Stooi i retten." — „Hm," machte Zabel und kratzte sich hinter den Ohren, die Stadt zu retten — hm —" , , „Die Stadträte sind voll Eigennutz, der Bürgermeister ist fonfua die Stadträte nehm' ich auf mich, den Bürgermeister muß Er mir . wahren, Zabel." — „Mit Verlaub, ich versteh' kein Wort! Wie wahren?" (Fortsetzung folgt.)