GiehenerZamilieiiblötter Unterhaltungsbeilage zum Giehmer Anzeiger Jahrgang J92Z Dienstag, den 9. August__________________________Nummer^Z Der sterbende Genius. Von Novalis. Willkommen, Lieber, nun und nicht wieder ruft Dich meine Stimme; nah ist der Abschied mir. Gesunden hab' ich, was ich suchte, Und der Bezauberung Bande schmelzen. Das schöne Wesen — siehst du die Königin — Hebt Dann und Zauber; lange vergebens flog Um jeden Thron ich, aber endlich Winkte durch sie mir die alte Heimat. Schon lodert mächtig jene geheime Glut — Mein altes Wesen — tief in dem irdischeit Gebilde: Du sollst Opserpriester Sein, und das Lied der Zurückkehr singeri. Nimm diese Zweige, decke mit ihnen mich, Nach Osten singe dann das erhab'ne Lied, Bis auf die Sonne geht und zündet, Und mir die Tore der Urwelt öffnet. Der Duft des Schleiers, der mich vordem umgab, Sinkt dann vergoldet über die Ebenen, Und wer ihn atmet, schwört begeistert Ewige Liebe der schönen Fürstin. Karoline von Günderode. Bon Leo Sternberg. — Ein edles, musenheiliges Leben sank da in schuldlosem Wahn, und der Strom hat den geweihten Ort ausgetilgt und an sich gerissen, daß er nicht entheiligt werde. Arme Sängerin, können die Deutschen unserer Zeit nichts als das Schönste verschweigen, das Ausgezeichnete vergessen und den Ernst entheiligen? Wo find deine Freunde? Keiner hat der Nachwelt die Spuren deines Lebens und deiner Begeisterung gesammelt . . . Run verstehe ich erst die Schrift auf deinem Grabe, die von den Tränen, des Himmels fast ganz ausgelöfcht ist; nun weiß ich, warum du die Deinen alle nennst, nur die Menschen nicht. _ . . u , f So klagte Arnim, als er im Jahre 1812 aus dem Friedhof von Winkel stand und die indischen Quellen entstammende Grabschrift der Kar o- line von Günderode las: „Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch, heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom, und mein Bater, der Aether, ich sage euch allen mit Ehrfurcht freundlichen Dank, mit euch hab ich hienieden gelebt und ich gehe zur anderen Welt, euch gerne verlassend. Lebt wohl denn, Bruder und Freund,-Vater und Mutter, lobt wohl" ; . Nur die Menschen nannte sie nicht . . . Obgleich sie mit bedeutenden Geistern, Savigny, Brentano, Arnim und Bettina in inniger Liebe und Freundschaft verbunden war — eine Natur, die immer knien und anbeten mußte, und in Brentanos Dichtung so Hohes erblickte, daß sie die Verse an ihn richtete: „Wohin, wohin soll ich noch wallen, da ich das Heil'ge gesehn" Allein, sie hatte mit dem Tropfen im Becher nicht genug. Sie sah sich in einer Zeit in der alles Große und Gewaltige an eine unendliche Masse, in der es beinahe verschwand, sich austeilte und, damit keiner prasse und keiner hungre, alle sich in nüchterner Dürftigkeit'bebelf en mußten. Rationierung ! Oekonomie! Sie entfloh vor solcher Wirklichkeit, die sie nicht einmal im vertrautesten Gespräch berührte, in das Wolkenreich und suchte den Zustand, „wo der Zweiheit Grenzen schwinden", um sich verschwenden zu können, bis zur völligen Versöhnung der Persönlichkeit mit der StUfyeit Sie suchte ihn in der Liebe. Es war ein deutscher Professor, dem. die Leidenschaft ihres Lebens galt. Creuzer hieß er: Mit einer dreizehn Jahre älteren Witwe war er verheiratet. Und fo entstand zermürbender Kampf zwischen Mädchenehre und Leidenschaft und auf Creuzers Seite zwischen gewohntem Lebensbehagen und der Perpflichtung gegen die auf feine Scheidungsabsicht vertrauende Geliebte. Der Kampf machte Karo- iine zur Dichterin der Liebe und zur Dichterin der Entsagung. „Drum laß mich, wie mich der Moment geboren. In ewigen Kreisen drehen sich die Horen, die Sterne wandeln ohne festen Stand; der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder, der Strom des Lebens woget auf und nieder und reißet mich in seinen Wirbeln fort. Sieh alles Leben! Es ist kein Bestehen, es ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen, lebendiger Wandel! Buntes, reges Streben! O Strom, in dich ergießt sich all mein Leben! I Dir stürz' ich zu! Vergesse Land und Port..." Sie stürzte dem Strome zu, als sie erkennen muhte, daß die panthei- stische Sehnsucht nach Ganzheit, die sie mit allen Romantikern seit N o - valis teilte, in ihrer Liebe sich nicht zu erfüllen vermochte. Einen Ersatz aber kannte sie nicht. Ihr Sommer trieb nur eine Blume; sie entwand ibem Tage nur einen Strahl. Sie hätte noch lernen müssen — meinte Bettina — daß die Natur Geist und Seele hat, mit dem Menschen verkehrt, sich seiner und seines Geschickes annimmt und daß Lebensverheißungen in den Lüften uns umwehen. Novalis hatte es gelernt. Ihm trans» fubstanzierte sich die verlorene Geliebte in das Leben. Aber dem weiblichen Eros widerstrebt die polygame Vermischung mit dem Weltganzen. Und weiblich war diese Dichterin. Sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine... Wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes, gedämpftes Girren. Sie ging nicht, sie wandelte. Ihr Kleid umgab sie in schmeichelnden Falten, die von ihren weichen Bewegungen herkamen. Ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt zu fließend, als daß man es mit dem Worte schlank ausdrücken könnte. Sie war so schüchtern, daß sie sich fürchtete, das Tischgebet laut herzusagen, und viel zu willenlos, als daß sie in Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte. So beurteilt sie Bettina, während Savigny allerdings meinte, daß eine gewisse hingebende Weickheit, die viele an ihr bemerken wollten, gar nicht zu ihrem eigentlichen Wesen gehöre. Die Widersprüche erklären sich so, daß sie beides war: Hilflos gegenüber der Außenwelt, aber stark im Innenleben. Wie es bei dem Dichter immer der Fall ist, der stündig hingegeben der einftrömenben Fülle der Erscheinungen und schlafwandlerisch von ihnen fortgezogen, zum Kampf nach außen mir fo viel Kraft aufmenbet, um fremde Macht nicht bis in seine innere Welt vorbringen zu lassen, in der er sich mit sanfter Bestimmtheit selbständig und kühn behauptet. Es ist nötig, Poesie aufzunehmen, um Poesie chervorzubringen. So war es auch bei Karoline, ihre Weltabgewanbtheit noch verstärkt durch zwei Umstünde. Sie lebte als Stiftsfäulein in dem Damenstift für die adligen Familien aus dem Hause Alt-Limpurg, nonnenhaft behütet, sorglos und unbeschränkte Herrin ihrer Zeit. Was schwerer wiegt: Sie war:e-in Kind der Romantik, die es zu ihrem Glaubensbekenntnis erhob, nicht das Leben zur Poesie, sondern bie Poesie zum Leben zu machen. Zauberer unb Verzauberter zugleich zu sein. Sehnsucht nach unerfüllbarer Verklärung bes Daseins, bie eine Verankerung im Leben nicht zuließ! Denn Poesie leben heißt: Für bas Leben sterben. Wie Sterben in der Sprache der Romantiker hieß: In bie Magie bes Lebens einzutreten. Zwischen Leben unb Tob verwischten sich ihnen bie Grenzen. Karolinens Schicksal ergab sich daraus; wie bei Novalis, bei Wackenroder. Ein Werther-Schicksal. Vielleicht fiel es schon in die Wagschale, daß es auf dem Altan des Heidelberger Schlosses war, wo sie Creuzer zuerst begegnete. Sie vermochte einen pedantischen Gelehrten in bas Uebermaß ihres eigenen leidenschaftlichen Empfindens zu reißen, baß er schrieb: „Jacta est alea. Einen Mittelweg gibt es nicht. Himmel oder Tod." Es paßt zum Ganzen, daß sie einen ausgesprochen häßlichen Mann liebte, der sie mit Recht seine Poesie nannte. Denn wer selbst sein Leben zum Kunstwerk zu gestalten sucht, liebt auch im andern nur die eigene Empfindung, das Erzeugnis der eigenen Seele, Jein eigenes Kunst, werk — wie Narzissus fein Spiegelbild im Wasser — ein Stoff, dessen sich ihre Dichtung denn auch bemächtigt hat. Aber obwohl eine solche Liebe gefährdeter ist als die Liebe zum realen Gegenstände, weil sie das eigne Selbst mitzertrümmert, wenn sie zusammenbricht, so zerbrach sie eigentlich nicht daran. Es ist rührend, wie sie einmal in freudiger Erregung zu Bettina kommt: „Gestern hab' ich einen Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, daß es sehr leicht ist, sich umzubringen', und wie sie hastig das Kleid öffnet unb unter ber schönen Brust den Fleck zeigt, mit so selig funkelnben Augen, daß es der Freundin unheimlich wird. Nein, sie wollte ben Tob nur, weil sie sich mimbig fühlte zur Unsterblichkeit Sie wollte ihr Leben nicht abbrechen, fonibern vollenben. „Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist!" In ihrem philosophischen Briefwechsel „An Eusebio", in ihren Dramen, bie ben Stoffkreisen ber Mongolen und Inder und heldischen Persönlichkeiten wie Mohamed sich zuwenden, empfindet sich männliche Denkerifchkeij zu hohen Zielen hm. ,Immer neu und lebendig ist bie Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer Gestalt, die würdig sei, au den vortrefflichsten hinzutreten. Ja, nach dieser Gemeinschaft hat nur stets gelüstet, dies ist die Kirche, nach ber mein Geist stets wallfahrtet auf ®ri&ie ist in die ersehnte geistige Kirche eingegangen. Nicht wegen ihrer Dramen, bie mehr Unterredungen als Handlungen sind, sondern west st» eine jener Alles ober Nichts-Naturen war, bie mehr bedeuten durch ihre Existenz als durch ihr Werk. Ja, mag könnte sagen: mehr durch ihren Tod als durch ihr Leben. Die man utrt deswillen hebt, weil sie Unmog- lickes begehren. Wie rang sie um eine Lebensform, bei ber sie ihre Liebe nicht zu verleugnen brauchte, aber auch ben verantwortungsbewußten Menschen nicht. Sie kam auf den phantastischen Plan, demK°l,ebten als RrtiVS*.*Ä «LZ Leides und 2r Läuterung empfangen, dis auch in ihrer Lynk fchwingt und tief ins Gehör bringt: Ist alles stumm und leer, nichts macht mir Freude mehr; Düfte, fie duften nicht, Lüfte, fie lüften nicht, mein Herz fo schwer! Ist alles öd und hin, bange mein Geist und Sinn; wollte, nicht weiß ich was; jagt mich ahn Unterlaß — Müßt ich wohin! Frühlinges Blumen treu kommen zurück aufs neu; nicht fo der Liebe Glück. Ach, es kommt nicht zurück, schön, doch nicht treu! Kann Lieb fo unlieb fein, von mir so fern, was mein? Kann Lust so schmerzlich fein, Untreu so herzlich sein? o Wonn, o Pein! Phönix der Lieblichkeit, dich trägt dein Fittich weit hin zu der Sonne Strahl, — Ach, was ist dir zumal mein einsam Leid? Von Sage und Geschichte umwoben, liegt inmitten der Ostsee Gotland, mit seiner Hauptstadt Wisby, der Stadt der Rosen und Ruinen. Diese mittelalterlich anmutende Märchenstadt mit ihren gigantischen Stadtmauern, beherrscht von den weit ins Meer hinausschauenden Durmriesen und dem Jauber feiner alten Kirchen, umschlungen vom blauen Meeresgürtel, wird nicht umsonst die Königin der Ostsee genannt. Von Wisbys Ruinen erblickt man überall das Meer. Und darum überragt die alte Hanfaftadi an Schönheit alle anderen mittelalterlichen Städte, die ihre Altertümer in die Gegenwart hinübergerettet haben. Diese Mischung von poetischem Moderduft und alten Ruinen macht mit dem frischen Hauch des Meeres den wunderbaren Reiz des Ortes aus. Wie die Prinzessin im Märchen lag Wisby Hunderte von Jahren in tiefem Dornröschenschlaf. Der Schönheitsdrang der jetzigen Generaüon erweckte es zu neuem blühenden Leben, schuf aus der meerumbrausten Insel eine der idealsten Erholungsstätten Europas. Trotzig blicken di« massigen Wachttürme von den braungrauen Klinten auf die blauglitzernde See und die in Rosen, Efeu und Flieder gehüllte, zu ihren Füßen schlafende Sagenprinzessin. Die stolze Ringmauer zieht sich das schaumüber- spritzte Gestade entlang, klettert über Hügel und Abhänge. Durch die Schießscharten erblickt man immer wieder das offene Meer. Die von der Natur mit ihren reichsten Schätzen ausgestattete Insel und ihre Hauptstadt Wisby bergen in sich einen solchen Reichtum geschichtlicher Kultur, bieten dem Besucher architektonische und natürliche Schönheitswerte in solcher Fülle, daß es verständlich ist, daß diese Stätte zu den meist besuchten in den an Schönheiten so reichen schwedischen Landen gehört. Die Verbindungen mit dem schwedischen Festlande sind wohlgeordnet. Ausgezeichnete Dampfer vermitteln den Verkehr mit Gotland. Me Vegetation auf der Insel hat fast südländisches Gepräge. Die Blütezeit Wisbys ist aufs engste mit der Geschichte der Hansa verknüpft. Oft genug hat die Fahne der alten Hansa in Sturmgebraus und Kampfgetöse über Wisby geflattert. Deutsche Kaufleute, im Mittel- alter die stärksten Träger des europäischen Handels, liehen sich aus Got- land nieder. Stolz waren die Institutionen dieser freien Handelsrepublik. In reichen Gilden und Jünsten, mit prunkhaften Gildehäusern, erfüllt mit kostbaren Kleinodien, trafen sich die Kaufleute, Handwerker und See- sahrer des Mittelalters. Während dieser Zeit des Wohlstandes wurden 15 Kirchen erbaut, die meist noch in Ruinen erhalten find. Damals entstand auch die gewaltige Stadtmauer. Im Jahre 1361 eroberte und brandschatzte der dänische Komg Walde- mar Att-ndag Wisby. Aus dem Markte mußten die Bürger alle ihre Wert- fachen, Gold, Silber und Schmuck abliefern. Mit den geraubten Schützen wurde das Königsschiff Waldemars beladen. Die Sag« erzählt, daß die Eroberung Wisbys nur durch den Verrat der Tochter des Bürgermeisters ermöglicht wurde, die in heißer Sieb« zum König entbrannt, ihn als Spielmann verkleidet in die Stadt einließ. Zur Strafe soll sie von den Bürgern lebendig in dem noch heute erhaltenen Jungfernturm eingemauert worden fein. Das goldbeladene Schiff des Königs aber fuhr im Sturm auf ein Riff und versank mit allen Schätzen. In klaren Mondnächten leuchten sie dem einsamen Schiffer aus der Tiefe Im Weltkriege donnerten vor Wisby wieder die Geschütze. Wie der verwundete Seevogel auf einer Insel Zuflucht sucht, so fuhr im Juli 1915 das deutsch« Kriegsschiff „Albatros" nach heldenmütigem Kampfe mit vier übermächtigen Gegnern nach der neutralen Insel und wurde inmitten des schwedischen Fahrwassers von den Russen noch weiter beschossen. In der Nähe des Kalkplateaus Torsboden fuhr das deutsche Schiff aus den Strand. Nie soll es vergessen sein, wie die Bewohner Gotlands und die dort anwesenden schwedischen Sommergäste den deutschen Seefahrern di« Bruderhand reichten. Schwedische Frauen und Mädchen streuten den ge- fall-enen deutschen Matrosen Blumen auf ihrem letzten Weg. SchwediM Kameraden bereiteten ihr letztes Bett, und schwedische Augen füHten sich mit Tränen, als man die Gefallenen zur letzten Ruhe trug. Schwedische Kameraden bildeten von der Friedhofspforte bis zum Grabe Spalier, und Schwedens blonde Jugend schmückte ihr Grab mit Rosen und Heideblumen. Von den Kirchenvuinen ist die Santa-Maria-Kirche die berühmteste, St Nikolaus, die Kirche der Dominikaner, die gewaltigste, die Heiliageist- kirche eine Doppelkirche in zwei Stockwerken, die eigenartigste. Langst sind ihre Gewölbe eingestürzt. Aber in ungebrochener Kraft heben sich die wunderbar geformten Pfeiler empor. Der blaue Himmel bildet das Dach. Wo einst die Altäre standen, die Schar der Gläubigen sich drängte, blühen heute Rosen, duften Fliedersträuche. Efeu umschlingt die alten Gemäuer. Wo früher der Gesang frommer Scharen zu den Tönen der Orgel des Heiligtum durchbrauste, vereinigt sich frischer Seewind, Meereswogen, Blätterrauschen und Lerchensang zu einer erhebenden Symphonie lieber die alten Mauern neigen sich grüne Sträucher. Di« schlanken Säulen sind von immergrünem Efeu umrankt. Goldgelb« Blumen lugen aus den Spalten der Ruinen. Durch die schmalen gotischen Fenster fallt Sonneii- lickit. Lautlos verhallt der Schritt auf weichem Rasenteppich. 'Die Straßen der Stadt sind schmal und hügelig. Sie erhalten belebenden Schmuck durch das Grün der Gärten mit ihren Walnuß- und Kastanienbäumen. Stadt und Ruinen sind in ein Meer von Rosen gebettet. Nördlich der Stadt erhebt sich der Galgenberg, die alte Richfftatte WiWys, mit feinen weithin sichtbaren drei hohen Steinpfeilern, Resten von Galgen, an denen im Mittelalter Seeräuber und Verbrecher aufgehangen wurden. Im Innern der fruchtbaren, durch besonders mildes Klima ausgezeichneten Insel stehen noch heute eine Anzahl mittelalterlicher Kirchen mit einer überraschenden, fast unversehrten Fülle kirchlicher Kunst aus romanischer und gotischer Zeit wie der Renaissanee. . Ich liege auf buntem Rasenteppich inmitten der moosbedeckten Ruinen - zu Füßen der alten von Efeu und Heckenrosen umsponnenen Ringmauer. 1 Tiefblau spannt sich das Himmelszelt. Hellgrün schimmern die Wiesen. 1 Das Heu duftet weithin. Unter mir im Wallgraben leuchtet es flomeio« blau und rot. Ein Blumenteppich liegt in der Tiefe. Ern zauberisch chone Abend senkt sich auf die alte Hansestadt. Soweit der Blick reicht, schung die See um sie einen blitzenden Gürtel voller Farbenpracht. In gow-n« Sonnenfluten gebadet liegt die Ostsee. Milliarden glitzernder KrisE funkeln auf den Wogen. Eine frifch« Brije weht vom Meere her. Tiefer Frieden ringsum. Von der Stadt her klingen Glocken. Das Klatschern Wogen klingt zu mir herauf. Schwarze Raben umtret en hram zend die alten Türme. Um die Felsen am Strande flattern wild dämmert ein zarter rosa Schimmer. Di« tiefblaue Flache der um leuchtet weithin. Die Sonne sinkt. Mit lila und karmesinroten Ttnien übergießt sie die funkelnden Wogen. Ihre letzten Strahlen tanzen z> . auf dem bunten Blättergewoge. Noch einmal wirft sie abschiedneym ihre Feuer in die Fenster Wisbys. Dann geht sie zur Ruhe. . Vom Wasser klingen leise Ruderschläae, Lachen und Kichern. Geh nisvoll wie im Märchen ziehen weiße Segelboote dahin. Langsam I » Di« weichen Vers« wirkten wie Wohllaut einer fremden Sprache, die einen umschmeichelt, ohne daß man sie übersetzen kann. Brentano nannte ihre Lieder lautet tiefsinnige weissagende Turteltauben. Wenn ein Teil ihrer Wirkung auch darauf zurückzufuhren sein mag, daß sie als weibliche Leistungen bestaunt wurden; wenn auch der ewig barm wiederkehrelÄ« Wunsch, im Schattenreich zu wohnen, «inen schicksalhaften Unterton in ihnen schuf, der aufhorchen ließ, so war doch tras neue mu- nlMch« Ergebnis, der reine Klang, die Einheit zwischen Schicksal und Schaffen, zwischen Ideal und Wandel das Wesentliche. In Träume war solch Leben eingetaucht, drum leb' ich ewig Träume zu betrachten, kann aller andern Freuden Glanz verachten, weil mir die Nacht so süßen Balsam haucht. Der Tod brach die Entwicklung ab, die hohe Beanlagung einer 26jährigen versprach. Sie liebte das Vollendete nicht, weil hinter jebem Gipfel ein Abhang sich verbirgt. Sie war ein Anfang. Wir müssen den Dust des Anfangs bei ihr suchen; nicht das Fertige, Indern die Klndschaft des Lebens. Wie die „Poesie" in Raphaels Schule von Athen schwebt sie uns vor — mit dem noch verschlossenen Buch in der Hand. Aber sie gab das verschlossene Buch weiter, und Bettina, die bekennt, daß die Freundin den besseren Teil ihres geistigen Vermögens auf fie vererbt habe, entsiegelte seine mystischen Blatter. „In kristallenen Mitter- nächien" schrieb sie jene Naturevangelien von sckwarzkantigen Felfen im Strom, die mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen sind, und wies damit, dem Zauber des Gaues in der deutschen Geistesgeschichte für immer seinen Platz an. ©te machte das Brentanosche Landhaus zu Winkel zum Stammsitz der Rhein- romantik und gab der ganzen Landschaft die gültige romantische Gestalt. Nur ein Uferstrich, versetzt sie auch den Geist an die Schwelle des Grenzenlosen. Jenseitig ist der Blick. Man stößt vom Ufer ab. Mau schwimmt auf der Woge. Unendliche Unbedingtheit weitet die Brust. Man schaukelt im Körperlosen — im andern Element. Von Karoline von Günderode aber stammte das Lebensseuer,, das Bettina nährte. Sie ist die eigentliche „Huldin jener Sagengaue ge- Aus' dem Geschlechte derer, die keine Heimat auf der Erde -haben, hat sie diesen Fleck der Erde für immer sich verheirnatet! In Arnims Novelle „Isabella" ist ihr ein Tabernakel erbaut. In Betttnas Günderode- Buch ist ihr di« Bibel der Begeisterung geschrieben. Als Urbild zur Ottilie ist sie in G o e th e s Lebenswerk eingezogen. Auf dem Strom, in den ihre Tränen geflossen, schwimmt ihre Harfe, von den Wellen weiter gespielt in alle Ewigkeit... . Denn als hätte fie die Natur erlöst, wurde die Landschaft, m der mir stehen, seitdem eine schöpferische geistige Macht, die sich ihre eigene Dichtergeneration formte. In dernfelben Jahr, in dem Karolm-e dem Strome sich vermählte, sandten Arnim und Brentano „Des Knaben Wunderhorn" in die Welt. In der Stabt der Rosen und Ruinen. Von Fritz Löwe. W i s d y, im August. Cs ist überhaupt erstaunlich, aus wie wenig Material die Welt gebaut I ist Das zeigt «ine ganz einfache Ueberlegung. Denn stellen wir uns em- I mal vor, alle Donnen und alle Arten Körper im Raum zerfielen, m ihre I feinsten Bestandteile, und dieser Staub verteilte sich gleichmäßig m l-ner chwindelerregenden Unendlichkeit, fo wäre etwa unsere Lust >m Vergleich zu der Dünnheit und Feinheit eines solchen Gases harter als der hartch- | Granit. Wir beobachten in Wirklichkeit solche Zustande im Weltraum., Di I loaenannten kosmischen Gasnebel, besonders solche die noch in einem frlihen Stadium ihrer Entwicklung stehen, sind noch „inng .Hier fyaben ! mir in der Tat ein „Chaos" vor uns, die Geburtsftatte der Welten Aber wi-> anders müssen wir uns dies „Chaos" vorstellen, als jenes gmhende, I tobende Flammenmeer. Diese Nebel, die doch, sogar !ch°u ein erhebliches Verdichtungsstadium darstellen, sind em eiskaltes und unvorstellbar dünnes Etwas, kaum mehr als ein fast unmatenclles Leuchten, und | I fnnn man sagen, daß die Welten aus einem Lichthauch gewoben sind. Daß I ,,im Anfang" das Zicht war, als Erstes, kommt den Anschauungen mo- dernlter Phnlik in sehr vielem entgegen. ± .. . . I Daß die körperlichen Vorgänge nicht nur im Raum begrenzt smd, son- I N„n auch ebenso in der Zeit, ist bereits seit längerem bekannt Es war I der große Physiker Clausius, der bereits im letzten Drittel des neun- I zehnten ^Jahchunderts in seiner mechanischen Theorie der Warme das | berübmte E n t r o pie-Gesetz aufgestellt, das von der .Entwertung der Energie" handelt. Zwar wissen wir, die Dumme aller Energien ist I immer die gleiche, wie sehr die Energiearten sich auch_ m ewigem Kreis- | Imst ineinander verwandeln. Aber man wußte nicht, daß dieses unablässige Kreisen Dichwandeln und Verwandeln nicht ungehemmt vor sich gehen kann Die physische Welt, das Uhrwerk der Natur, tragt eine sonderbare Hemmung in sich. Denn die Kraft, die wir Wärme nennen — und bei jedem Naturvorgang entsteht ausnahmslos auch Wärme —läßt s'/h niäst | ganz, nicht restlos wieder in andere Kräfte umsetzen. Ein Rest bleibt Wärme, für immer, ©teilen wir uns einmal vor, lemand hatte eine Summe in Gold, und wechselte sie fortwährend hin und her, m S,lber, in Kupfer, wieder in Gold. Aber zedesmal, wenn das Wechseln durch das Kupfer hindurchgeht, würde ein kleiner Betrag m Sbupfer eingehalten. Dann wurde zwar der Gesamtbetrag stets der gleich« bleiben, aber langsam ganz und gar von Gold zu Kupfer entwertet. Ganz so geht es „nm allen Naturprozessen. Die Naturvorgänge können nicht beit «big vorwärts und rückwärts laufen. Sie find nicht umkehrbar wie die Gleichungen der Mathematik, sie haben eine Richtung. Die Natur hat eine Geschieht«. Es gibt ein Energiegefälle. Alle Energie entwertet sich durch Wärme. Aber für das Geschehen, für die Entstehung von Formen, Gestalten, Prozessen sind nur die höheren Energien von Wert. Diese me- drigste Form der Energie würde alles in gleiches, unterschiedsloses Einerlei wandeln, das nichts anderes wäre als das Nichts. Die Uhr der Welt hat also ein« Hemmung in sich, die hindert, die sinkenden Gewichte wieder ganz zur Höhe aufzuziehen. So sehr auch überall aufziehende Kräfte wirken, nichts vermag das Uhrwerk wieder zur vollen Höhe zu heben. Die Weltenuhr läuft ab. Die Welten tragen den Tod in sich, wenigstens die Körperwelten, aber jene „Entropie" ist dieser Todeskeim. Noch viel seltsamer aber zeigt sich diese Relativität der Korperwelt in der Welt des Kleinsten, in der feinen Struktur der Atome. Noch vor kurzem hielt man die Atome für die einfachsten unzerlegbaren Bausteine der Welt. Man glaubte bis zu den letzten Bestandteilen vorgedrungen zu sein. Heut wissen wir, daß «in Atom ein kleines Sonnensystem ist, in dem nach den gleichen Gesetzen wie am Himmel kleine Trabanten um einen zentralen Kern kreisen. In diesen feinen Partikelchen, den E lektrone^ sehen wir nun di« endgültig letzten Glementarteile der Materie. Wie yr g sind die Elektronen? Wie groß ist ein Atom? Die Atome, diese kleinen Elektronenschwärme, können ja bekanntlich niemals für sich allein bestehen. Sie müssen sich sofort mit anderen Atomen vergesellschaften, sei es von derselben oder anderer Art, oder mehrere Sorten von Atomen bilden eine iolche kleine Vereinigung, die man Molekül nennt. Die verschiedenen Sorten von Atomen haben verschiedene Gröhe. So lassen sich z. B. auf einer Linie von einem Millimeter zehn Millionen Atome des Wasserstof s lagern. So enthält ein Gramm Wasserstoff 600 000 000 000 000 000 000 000 Atom«. Diese Ziffer ist weitgehend genug. Die Anzahl aller auf Erden lebender Menschen ist ein verschwindender Bruchteil dieser Zahl. Aber dennoch ist dieses Atom, dieser Staub des Staubes, gegen den ftaubchen ein Universum ist, noch immer em ganzes Milchstraßensystem. Mit unvorstellbaren Sekundengeschwindigkeiten, Billionen vonm ber Sekunde, treten die Elektronen in dieser kleinen Welt um das ZAitral. , Sonnen-Elektron. Die Größenverhältnisse eines Elektrons zu 8sm Raum, I hen «in solches Mikrokosmus einnimmt, ist ähnlich wie das der Eide zu unterem ganzen Sonnensystem. Also auch im kleinsten ist die Mater,« uw säglich dünn und spärlich verteilt. Das Elektron ist gegenüber dem Atem noch wiederum von außerordentlicher Kleinheit. Unvorstellbar sind aber di« Kräfte, di« diese winzigen Welten zusammenhalten. Wenn es gelang«, ein einziges Gramm Radium abzubauen, diese interatomische Welt des Radiums auf eine einfachere niedere Stufe herabzudrucken, die etwa jenem kleinen Sonnensystem entspricht, das wir Blei nennen, so mürben wir dabei Kräfte entbinden, um durch ein Gramm N°dium hundert Millionen Liter Wasser zum Sieden zu bringen. Man versteht jetzt, welche Perspektiven sich der Technik eröffnen, wenn es gelingt, btete kleinsten I Welten zu zertrümmern. Und es wird gelingen! Der franzöfifa>e Physiker LeBon hat te ünem interessanten Buch, in dem er feine Experimente schildert, behauptet, daß die Materie nicht ewig ist, londern vergchen kmin mh lick, zerstören läßt. Er schätzt tue Gewalten, die z.B. ein Gramm ! Kupfer im Innersten zufammenhalten. auf etwa sieben Milliarden der Mond herauf, beleuchtet mit magischem Glanze die Ostfeee und die 1 alte Hansestadt. Eine goldene Straße zaubert er auf das Wasser, auf der I Boote mit sehnsüchtigen jungen Menschen heimwärts ziehen. Wisby schlaft. I Ringsum der tiefe Frieden der nordischen Nacht. In der Ferne blinken I Leuchtfeuer. In berauschendem Rosen- und Fliederduft gehüllt schlaft 1 Wisby, vom Mondlicht übergossen, von blauen Fluten umspult, vo. ! ^"^Noch ^rAS°Lfer. Vor mir das funkelnde Zaubernetz, das I der Mond über die Ostsee geworfen hat. Noch sind Boote unterwegs. Die ! müder tauchen wie in flüssiges Gold. Die/Nacht scheint von Sehnsucht «riüllt. lieber all dieser Schönheit spannt sich das blinkende Sternenzelt. I Feierlich klingt von den Türmen der Stadt die mitternächtliche Stunde. I Abschied von der Materie. Die neue Physik ohne Stoff. Von Dr. Erich Gutkind. Wie sehr standen wir bis vor kurzem noch unter einer Zwangsvor- tellung von der Unendlichkeit der materiellen Welt Der unendlich« Raum ei erfüllt von endlosen Stern^nsystemen. So^glaubte man in P/ten *^ ;errlichen funkelnden Sternenhaufen, tue irn cernrofjr einen so ! den Anblick darbieten, einen Ausblick auf ferne Sternenwelten M haben. Heut wissen wir, daß sie alle Teile des großen „Milchstrahen-systems find zu dem wir selbst mit unserer Sonne gehören, und wir wissen werter, haß'wir nicht unweit der Mitte dieses Systems stehen. Langsam beginnen wir uns in dieser Unermetzlichkeit zurechtzufinden, und wie unser- Erde, einst auch unermeßlich, nun für uns zusammeistchrumpft, auf Entfernungen von Tagen, vielleicht bald von Stunden, so schrumpft auch die Unendlichkeit des Universums ein. Man kann zahllose Bewegungen von Sonnen beobachten — eine scharfsinnige Ueberlegung hat uns m den Stand gesetzt, dasselbe Spektroskop, mit dem wir die entfernteften »ferne chemisch analysieren können, auch zur Messung von Bewegungen zu verwenden, die sich sonst in Jahrtaiistnden nicht bemerkbar machen wurden — man hat in Tausenden von Himmelskarten photographisch alles registriert^ was der Weltraum enthält, man hat eine Sternstatistik sogenannte S ern- eichungen" vorgenommen und die Verteilung der Sterne bies ist besonders ein Verdienst des leider kürzlich verstorbenen Münchener Astronomen von Seeliger — und mir wissen nun: das Universum, bns Milchstraßensystem, ist ein etwa linsenförmiges Gebilde von metz- baren Dttnensionen. Zwar versagt unsere Vorstellungskraft, wenn wir hören daß das Licht bei feiner Sekundengeschwindigkelt von 300 000 Kilometer vielleicht zehntausend Jahre braucht, um dies Gebilde zu durcheilen, aber — es ist eine endliche Größe, und das verdient das größere Staunen Wir haben unsere Meßpflöcke bis an die Weltgrenze vorgerückt. Auchi bas Studium der Druck-, Wärme- und Strahlungserscheinungen bestätigt d e Endlichkeiten der Wetten, denn gab« es unendliche Massen Materie, so würden die entsprechenden Erscheinungen in völlig anderen Ausmaßen Das Wunderbarste von allem ist aber die Erforschung der Masse der Elektronen. Ein Triumph der geistvollen Methode, die man auf radioaktiv« Vorgänge, auf Kathodenstrahlen und andere Strahlungen an- gew7nd«t hat Und da ergab sich: Die „Masse" eines Elektrons hangt ab non feine/ Geschwindigkeit. Seine Masse ist keine konstante Große und würde te RuÄage Null sein. Die Elektronen haben also nur eine schem- bare Masse Dieser allerfeinste Weltenstaub, aus dem alle Korperwelt verdichtet iß halkAne Mass«, nun wo es gelang, das letzte Grundelement in unteren Händen zu halten, zerrinnt es zu ernenn Nichts, zu einer bloßen Beziehung ja man kann sagen, zu einer mathematstchen Fiktion. Es gibt zwei Arten 'von Elektronen, Kernelektronen, diese Zentralsonnen, sie sind nickte anderes als positive Elektrizität. Und die herumkrestenden Planeten- elektronen sie sind die negative Elektrizität. Nun hat sich aber weiter gezeigt, daß auch die Masse der Atome bedingt ist, abhangt von der positiv elektriicken Ladung. Also auch die Atome haben nur scheinbare Masst, und das getarnte materielle Universum spiegelt uns „Masst als eine Grund- eigenschaft nur vor. Es bewegen sich diese F°rsckMngen m einem gswifs Narallelismus mit der Lehre Einsteins, die durch d>e Aneinander tettuna von Raum, Zeit und Masse alle diese brei relativiert hat. Weder finb ietit 'Reit und Raum noch selbständige Behälter, die durch das, was v ibnkn Ergeht etwa gar nicht irritiert würden, noch, ist'das matenelte Geschehen unabhängig von Raum und Zeit. Die Physik ist. «in unsäglich kompliziertes Bezugssystem geworden, nichts ruht noch in sich selbst. Und das Bezugssystem — worin ruht dieses? Vom gefundnen Reinhold und „verlorn" Grellein. Von Heinrich St e i n h a n s e n. I (Fortsetzung.) ctm Fähnlein der Feinde, dem ich zugeteilet war, daß ji° mich etwa I bis zur AuslAung bewahrten, ersnhr ich, daß sie noch gestern hinauf nach Wa^ergen marschieren sollten auf Färemont, ihres Obristen, besondern I 9n«hnlh macht* ich mir allerhan'd Gehanken, lvie ich b-as SmSuÄ le»abmenten könnte. Sagte daher ^n Wmbel iw?obaeletit war ick wär' hier herum daheim und wallst sie wohl I den besten ^Beq^ hinge'leiten durch den Wald. So ließen sie sich von mir hinführen. Unterwegen hört ich von ihnen, daß sie Srausame DiNge iM bedachten »tag au«8ufi$ren 3d) brautes dg |ie WVKM8M ’ tneb6o war's kein Traum heut," rief ich verwundert, „und ich hab' deine ; Stimme wirklich gehört überm Kirchhof? ■' „Stein Traum, 23eifer," antwortete er, „und was ich da Is Erinnerung ton verlorenes Glück fang — morgen wird's wahr, Vater! —" Er schwieg eine Weile, bevor er mit Erzählen fortfuhr: Allbereils oar es lichtmorgen worden, als ich den fchwedfchen Trupp noch immer nicht gefunden hatte. Sie waren schon weiter oder anderwärts hingezogen, als ich dachte. Dergestalt im Walde herumirrend, bin ich denselben Feinden, so wir zuvor zersprengt hatten, wieder in die Hände geraten. Ich hab' mich meiner Haut gegen sie gewehret, so lang ich konnte, aber vergebens; ach, haft' ich doch im Fechten von ihnen den Tod empfangen! Aber es sollte nicht sein. Sie haben mich alsbald vor den Hauptmann gebracht. Mein Urtel ist nach Rechten gefallet, morgen muh ich sterben. „SBater, so lebet wohl! Ich hätt' Euch anders lohnen sollen. Aber Gott wird Euer Vergelter fein; dort, dort!" „Gibt's denn keine Rettung mehr für dich, Reinhold?" fragt' ich da, „o sag', wo kann ich für dich bitten — damit ich eile und spreche: schenket mir meines Reinholds Leben!" „Nein, Vater," sprach er wieder, „hoffet das nicht! Mit mir ist's aus. Nun ich Euch habe sagen können, was mir auf dem Herzen lag, und das Wort Eurer Vergebung habe, will ich unverzagt als ein Soldat sterben. Dies ist der letzte Kummer, den Ihr um mich habt; es sei auch der letzte Eures .Gebens P' Ich wollt' noch mehr reden, als es aus der Ferne herüberschallte wtf von Trommelschlag. „Sie sind's", rief da einer der Dragoner, so mich hergesührt hatten. „Nun, Alter, so müßt Ihr scheiden." Damit machten sie sich fertig, aufzubrechen, den Kommenden entgegen. Ich konnte nur noch meinen Reinhold an die Brust drücken und eine kurze, kurze Weile da ruhen lassen: so rissen sie ihn von mir, nahmen ihn in ihre Mitte und liehen mich schier betäubet unterm Baum auf derselben Stelle, da ich eben zuvor mit ihm gesessen, allein. „Ach, armer Reinhold, leb' wohl, leb' wohl!" „Leb' wot)I, Vater, leb' wohl und Grellem auch! Lebt beide wohl!!" * Was war das vor ein Gedrang' auf dem Plan eine halbe Wegstunde weit vom Dorf, den sie das Streitfeld heißen! Was vor ein Rufen, Tummeln, Lachen und Fluchen! Hier abgezäumte Rosse, dort lagernde Soldaten, hier Zulauf zu Marketendern und Sudlern, dort Versammlung um den Waibel ober Offizier. Oh, ich sah und hörte jegliches und sah und hörte es auch wieder nicht. Augen und Sinne suchten nur nach einem, dem hier zu begegnen ich doch erbebete. Früh morgens um zehn Uhr Stellt man mich vor das Regiment; und wie es weiter geht: immer hatte mir diese Weise vor den Ohren geklungen, und die Sterbeglocke tönte darein all den Weg lang, den mich einer vom Troß daher geleitet. Er hatte mich unterm Baum gefunden, da sie mich allein gelassen: ich war da so von Kräften worben, allermeisten von großer Traurigkeit, daß ich meint’, es käme mein Ende. Aber der Troßknecht hatte mir gesagt, der Feremont wäre auf’m Streitfeld ein- getrvffen, und diese Rede hatte all meine Unmacht vertrieben. „Ich muh hin," hatte ich gerufen, „ich muß hin!" Damit hatte ich mich aufgerafst. Jetzo war ich ankommen. War's etman schon zu spät?! „Ach, wenn ich frage, und sie geben mir solchen Bescheid!" „He, Alter, was eilst so, wie hirnbesessen, kannst ohnedas nicht mehr! Komm, ich will dich akkomodieren." Der mir so zurief, war etwan ein Kürassier; er mußte letzthin blessiert fein, denn er trug den Arm in einer Binde; ich sah auch: er war ein junges Blut. „Oh," rief ich ihm zu, „wenn Ihr ’nen Vater habt, den Ihr wieder zu sehn hofft, so haltet mich nicht auf, sondern bringet mich zum Obristen I" „Ha!" antwortete er, „denket Ihr denn, unser Herr Obrist hat Weile und Willen, jedem klagfälligen Bauern Red' zu stehn; ober auch, so ein schlechter Reutersmann, wie ich, vermag bas bei ihm zu erschaffen?" „Bringt mich zu ihm!" bat ich wieder. Während diesem hatten sich bereits andere um mich versammelt, und ein Soldat, fo eine Pike noch in der Hand trug, warnete mich, daß ich mich vor dem Rumormeister wahren sollte. Da wurde umgefchlagen, und dumpf dröhnten die Trommeln. Alle wandten sich dahin: die, fo sich gelagert hatten, [prangen in die Höh'; die, so zuvor stunden, (öfeten sich auseinander. Seitwärts von der Lagerstelle schritten sie hin: voran die Trommelschläger, zween Fähndriche mit zugefalteten Fähnlem folgten ihnen, darnach Musketiere, so ihre Feuerrohre über den Schultern trugen. Sie marschierten gerad vor sich, die Sonne im Rücken. Allum das Kriegsvolk drängte ihnen nach, derentwegen sie meinen Blicken bald entschwanden. Ader der Reuter, den ich vorhin angesprochen hatte, war bei mir stehn geblieben. „Sich, Alter," sprach er jetzo, „dort kommt der Obrist Feremont; er redet just mit dem Regimentsschultheißen." Ohnweit von uns schritt er daher, und männi glich gab ihm Raum. Er war von hoher Gestalt, sein Angesicht gebräunt und ernster Miene, sein Bart nm Lippen und Kinn gegraut. Der Koller, den er trug, war nicht prächtiger als des Schultheißen feiner neben ihm; aber um den Hals hing ihm eine güldne Kette, und sein Haupt bedeckte ein spitzer Bordenhut. Daß ich solches so genau vermerket, barüber verwundre ich mich billig; gestalten ich nur einen Augenblick dazu die Weile hatte: denn im nächsten war ich hinzugelaufen und ihm zu den Knien gesunken. „Was will der Mann?" rief er verwundert, auch verdrießlich, daß er sich solchermaßen von mir aufgehalten sah, und Leute, die ihm zunächst waren, suchten mich von ihm zu reißen. Aber ich klammerte mich desto fester an ihn und rief laut: „Gnade, Herr Obrist, Gnade für den Gefangenen dort!" „Ja," sagte er bitter, „bitte Gott, daß er seiner Seele gnädig sei! Ihm ist der Stab gebrochen!" „Rein, Herr," bat ich wieder, „schenket ihm das Leben! Erbarmet Euch; beraubet mich seiner nicht!" „Seid Ihr sein Vater?" fragte er. „Ja, sein Vater der Liebe und Sorge nach und dem Herzeleid, wenn er stirbt!" Darnach fragte er mich, wo ich her wäre, und aus seiner Miene könnt’ ich abnehmen, daß ich ihn dauerte. Aber als ich ihm Bescheid gegeben hatte, daß ich von Warbergen märe, da stellete sich alsbald feine Gebärde hart und finster. „Aus dem Diebsnest also," rief er, „an dem ich heut noch Straf' und Vergeltung üben will! Fort, und kein Work mehr laß mich hören!" Während ich mich aufrichtete, fo hatten die Waibel und Rumormeister den Raum vor uns gesäubert, daß der Blick nach drüben hin frei war. Ach, da stund Reinhold, das Angesicht gerade gegen die Sonn' gekehrt; ich sah die Steckenknechte ihm das Wams abstreifen, daß sie die Brust ihm entblößten; ich sah, wie tapferlich er blickte; ich sah die Musketiere ihre Feuerrohre fertig machen; ich hörte die Trommeln, fo eine Weile verstummt waren, wieder ihren dumpfen Wirbel geben; ich sah den Pro- fohen seinen Stab erheben — „verschont, verschont mein junges Leben nicht!" — jetzo legten sie an, und jetzo--— „Haltet ein — ho — er ist's!" eine schrille Stimme kreischte diese Worte. — Mein (Sott, ja horten, am Hellen Tag wie ein Gespenst, stund gerat)’ vor den Feuerrohren der Muskettere die alte Lore, die dürren Arme beide gen Himmel gereckt und ihr Haupt oorgebogen, daß ihr zeitlich, grau Haar ihr um die Stirn vornüber fiel. Das Glutfieber faß ihr wohl noch in der Haut, und sie sah aus wie eine Unhvldin. Augenblicks, wie leicht zu gedenken, war sie gepackt und sollte aus'rn Ring geschleppt werden. Aber sie schrie überlaut nur immer: „Feremont! Feremont!" Währenddem ringsum jeder nur wartete, was das werden sollte, winkte der, daß man sie zu ihm ließe. Sie humpelte zu ihm heran, so geschwind ich es immer von ihr gesehen hatte. „Deiner Schwester Sohn, Feremont," schrie sie, „ja hörst wohl, deiner Schwester leiblicher Sohn! — Ach, hat's die Lore nicht längst schon ge- träumet, sie würd' ihn finden? Hat sie's nicht beim Vollmond gelesen, als der Farnfamen sprang, hat sie's nicht in der Andreasnacht im Ofenloch geschaut, als sie die Hölzlein verbrannte? Ja, daß sie ihn finden würd', und — ha — reich mach' ich ihn auch, Feremont! Ja, Gold und Gestein, wie's blitzt und glänzt und funkelt!" Und sie sah bei diesen Worten auf ihre Hand mit Wohlgefallen, als hielt sie darin solcherlei Schätze. — „Schafft sie fort; sie ist wahnsinnig", sagte der Oberst und wollte sich wenden. „O" — schrie sie wieder — „Fexemont, denk' das nicht, daß ich unsinnig bin! — Die Lore besinnt sich, ah, sie besinnt sich noch auf alles, so lang es her ist. Der lange Fen, wie er fluchte, als die andern aus’rn brennenden Hause das Kind anbrachten, weil’s uns bloß zur Last sein würd'; wie er ihm all sein fein Zeug auszog, aber das Kreuzlein ihm nicht abgenommen hat, weil's unterm Hemdlein saß — ho, das Kreuzlein! — hab' ich's nicht alsogleich wieder erbarmt an seinem Hals dort, als sie ihm das Hemd zurückschlugen! Das nämliche Kreuzlein!" „Das sind seltsame Grillen," sagte der Obrist gegen den Regiments- schützen gewendet, „was mag sie meinen?" „Daß ich bös getan hab' dazumalen, bös, 's Kind fo auszusetzen — weil's der lange Fen nicht mehr um sich leiden mochte — aber erblich nach vielen Jahren, als sie ihn längst gehenkt hatten, hat die Lore doch keine Ruh' gehabt und hat sich durchgebettelt, daß sie vom Kind erführe — zu spät, zu spät — aber nein, ho, gerad zur rechten Stund' —- all sein Kleinod und Gold ihm zu bewahren, ohne daß ein einziges Stücklein fehlet. Denn weißt, Feremont, ich sah's hinter der Eiche, als der Melzer alles verscharren tät im Wald, hat's hernach dort nicht wieder gefunden und anderer Orten nirgend — hab' ihm fallen mit meinen Künsten dazu helfen, aber fie schlugen nicht an — ha — und er blieb beim Suchen und war gang hirnbesessen und suchte zuletzt im Haus Tag und Nacht — bis er, hu, überm Suchen umfommen ist. — Seitdem ist's Feuer auch der Lore ins Gebein gefahren und fie hat keine Ruh mehr gehabt — mit all dem Gold und Edelgestein--" Dabei stöhnte sie wie in Fieberschauern. Ader sogleich besann sie sich wieder. „Oh, ihm in die Brust zu schießen, in die weiße, glatte Brust, deiner Schwester Sohn, Feremont, vielleicht gerade da, wo's Kreuzlein hangt! — Ha, und das anbere ist ihm ganz gleich! — Willst's sehen, Feremont, willst's haben? Als es der Melzer der Lore gsschenkt hat für ihre Tränklein, da hat er gesagt: Färemont steht auf dem Schilblein und ein A ist auch davor — hier, sieh! und das andere nimm dazu; aber ihm mußt's auch geben, es kommt ihm zu von feiner Mutter — ha, und er mag’s einmal [einer Braut schenken und ihr sagen, die Lore hat's ihr aufgehoben." Bei solchen Worten langte sie unter ihrem zerfetzten Rocke ein Päcklein hervor, das reichte sie dem Obrist hin. Der machf es auf und hielt ein Kreuzlein in der Hand, ebenso geformet wie das, so man bei Reinhold gefunden. Da sahen alle, die dabei stunden, daß der Obrist tief bewegt war, dic- weilen er es betrachtete. „Adelheid," rief er, „arme Schwester! So groß war bein Glück und so kurz!" Darnach so wandte er sich an mich, der iÄ vor hoher Verwunderung über alles dieses nicht wußte, ob es wirklich geschah oder ein Spuk wäre, und befragte mich über den Reinhold, rote und wann ich zu ihm gekommen und was ich sonst hierüber in dieser Geschichte, von dem im ,uerlorn Host verübten Frevel und was sich daraus ereignete, vermeldet hab'; woneben ich erfuhr, daß der von Holmer der Adelheid von Föremont vermählet gewesen, ihrer aber nach schnell entflohenem Eheglück, auf der Flucht von einer verlornen Bataille wäre beraubet worden, samt ihres kurz zuvor geborenen Söhnleins. Sie wäre bei währender Plünderung im Haufe, darin sie Zuflucht gesucht, durch wilde Kroaten umgekommen, das Söhnlein aber verschwunden; niemand hätte erfahren, was aus ihm geworben. Von solcher Trübsal hätte sich bei! von Holmer, dem Gemüte nach, niemalen mehr erholet, auch kein Forttm mehr gehabt bis zuletzt. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univers itäts-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießern