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Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht, So fallt der Zufall weg, das Wesen das besteht. * Ein wesentlicher Mensch ist wie die Ewigkeit, Die uikverändert bleibt von aller Aeußerheit. * Nichts ist, das dich bewegt, du selber bist das Rad, Das aus sich felbsten läuft und feine Ruhe hat. * Die Liebe, wenn sie neu, braust wie ein junger Wein; Je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie fein. Gott ist in mir das Feur, und ich in ihm öer Schein: Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein? * Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein: Er kann, nachdem er's macht, Gott oder Teufel fein. * Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden; Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden. Die Rose, welche hier dein äuß'res Auge sieht, Die hat von Ewigkeit in Gott also geblüht. Angelus StleflMS, Zu Johann Schefflers 250. Todestage. Bon Dr. Paul Landau. Die Mystik ist stets eine besondere Befruchterin der Dichtung gewesen, und von einem Hauch des Mystischen ist alle große Poesie berührt. So durchdringt dieser Geist der Vergottung und Allbeseelung indisches und chinesisches Dichten, schwebt auch über der dyonisischen Sphäre antiker Literatur. Eine eigentliche Hochblüte mystischer Poesie ist erst bei den Persern erstanden und entfaltete sich nicht viel später im christlichen Mittelalter. Ein bedeutender rein mystischer Poet ist aber in der deutschen Gotik nicht heroorgetreten. Erst di« zweite starke Welle mystischen Fühlens im Barock schenkte uns einen großen Dichter dieser Art in Johann Scheffler, dem „Angelus Si 1 esiu s", dessen Todestag sich am 9. Juli zum 250. Male jährt. Die Spräche, die er in seinem „Cherubinischen Wandersmann" gesammelt hat, gehören zu dem Höchsten, das die um die einigen Geheimnisse kreisende Phantasie gesckmffen hat, und finden ihr« Parallele und Fortsetzung nur in einigen Schöpfungen der seelenverwandten Romantik. Neben dem „schlesischen Philosophen" Jakob Böhme steht der „schlesische Engel" Johann Scheffler, der sich so nach dem spanischen Mystiker Johannes ab Angelis nannte, als die wundersamste Blüte der deutschen mystischen und der deutschen Barockdichtung. Wie so vieles Große und Schöne ist er lange vergessen gewesen. Wenn auch einige Auserwählte unter seinen Zeigenossen, so Leibniz, die Bedeutung des schlesischen Poeten — allerdings mehr in gedanklicher als poetischer Hinsicht — erkannten, blieben seine unter dem geheimnisvollen Decknamen erschienenen Dichtungen doch ziemlich unbeachtet, ja, es konnte sogar um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschehen, daß ein Dr. W. Schrader behauptet, Scheffler habe die Schriften des „Angelus ©ilefius überhaupt nicht verfaßt, eine Theorie, die den verdienstvollen August Kahlert zu einer eingehenden Widerlegung und damit zur Begründung der eigentlichen Forschung über den Dichter veranlaßte. Damals war der wundervolle Klang seiner Reimpaare bereits zu neuem Leben erweckt durch die Romantik, die in ihrer Verehrung für Jakob Böhme auch feinen Landsmann und poetischen Ausdeuter bewunderte. Friedrich Schlegel wies nachdrücklich auf ihn hin, Schleiermacher zitierte ihn, Hegel stellte ihn unter die großen Dichter, und, von seiner Frau Rahe! angeregt, gab Bornhagen einen feinen Auszug aus dem dicken Schweinslederbande, in dem die Poesie des „Wandersmannes" so lange verschlossen gewesen. Aus dem Handexemplar Rahels, das ihm der Gatte geschenkt hatte, aber erblühte Gottfried Keller die blaue Blume dieser dunkel leuchtenden Poesie, und seine Begeisterung für den „vehementen Gottesschauer", in dem er den Pantheismus seines Lehrers Ludwig Fauerbach vorausgeahnt sah, sand ihren Ausdruck am Schluß des „Gränen. Heinrichs", da der Pfarrer auf dem Grafenschloß mit den Versen vom „gefrorenen Christen" dem Helden so sehr das Herz erschüttert. Ans der schönen Charakteristik in Kellers Roman ist die Begeisterung für Angelus ©ilefius allmählich Gemeingut geworden. Der sehr weltliche Otto Erich Ejartleben, der für die „geistreichen Sinn- und Schlußreime" des cherubinischen Wanderers eine mehr artistische Vorliebe hotte, gab in seinem hübschen Brevier eine Anschauung von seiner verzückten Wellbetrachtung, und den ganzen Reichtum dieses Werkes breitete Wilhelm Bolsche m seiner Ausgabe aus, der er eine gedankenschwere Einleitung über das Wesen der Mystik überhaupt vorausschickte. Heut« ist der Angelus ein lebendig wirkender Dichter unter uns, dessen Werke mannigfach neu gedruckt wurden und desien Leben und Schaffen durch Georg Etlinger in seiner soeben erschienenen großen Biographie eine grundlegende Darstellung erfahren. Was ist es, das uns die gotttrunken« Weisheit dieses Dichters so nah« rückt, wie nur irgendeine Stimmung unserer Zeit? Bölsche hat dies« Frage treffend beantwortet: „Ewig und imvergänglich ist die reine Dichter- und Seherstunde, die diese Verse schuf. Wo Menschen ihrer bedürfen, da taucht sie nach Jahrhunderten wieder auf, in strahlender Kraft, in unverwüstlicher Jugend. Sie ist zur Stelle, wo eine Sehnsucht sie sucht. Stärker als bei den meisten andern Gestatten der Weltgeschichte wird man bei Angelus daran erinnert, daß der Mensch mitten in seinem Leben schon einmal sterben tonn, und daß eine Station seines Geistes für sich auf- erstshen und in die gerne hineinleben tonn, unbekümmert um eine Fort- existenz von damals!" Es ist dieses ewige Ringen der Seele mit dem Engel: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" — dieses leidenschaftliche Suchen noch Gott und Ruhe, nach Ruhe und Gott, das in den „cherubinischen" Reimpaaren mit echter Dichtergröße ausgedrückt ist und un;re religiös suchende und sehnende Zeit ergreift. Nur der dichtende Mystiker Scheffler beschäftigt uns heute noch, nicht der eifervolle Streiter und Pamphletist, der in theologischen Kämpfen sich auf rieb. Es scheint, daß Schefflers leidenschaftliche Erregbarkeit, die ihn fein ganzes Geben in Unruhe und Begier umtrieb, das Erbteil feines Vaters war, den er ebenso wie die gute Slutter früh verlor. Nach langen Studien im Ausland, die mit der Erlangung des medizinischen und philosophischen Doktors in Padua 1648 abgeschlossen wurden, trat der junge Arzt erst in Breslau, wo der Dichter Czepko von Reigersfeld Einfluß auf ihn gewann, und dann in Qels, wohin er als Leibmedil'us des Herzogs berufen wurde, M den mystischen Kreisen der Heimat in nahe Beziehung. Böhmes nächster Freunds und erster Biograph Abraham von Frankenberg wurde sein Seelensührer, bei dessen Tode er in einem tiefempfundenen „Ehren- gedächtnis" seinen dichterischen Dank abftatlete. Durch das Studium der alten deutschen, aber auch der neuen spanischen Mystik war Scheffler damals bereits mehr und mehr dem katholischen Glauben gewonnen, legte sein Amt bei dem protestantischen Herzog nieder und wurde 1653 Katholik. Als Hofarzt Kaiser Ferdinands III. widmete er sich zunächst noch praktischer Tätigkeit, wandte sich dann aber immer aussckließlicher den religiösen Dingen zu, wurde Priester und bekämpfte in erbitterten Streitschriften, die sprachlich von großer Anschauttchkeit und Eindringlichkeit sind, den Protestantismus. Rasch erschöpste sich sein solcher Ausregungen nicht gewachsener zarter Körper, und so starb er am 9. Juli 1677 im Breslauer Matthiasstift. „Die Wett ist meine See, der Schiffmann Gottes Geist, Das Schiff, mein Leib, die Seel' ift’s, die nach Hanfs reift." Dieser „Schlußreim" des „Wandersmannes", der übrigens merkwürdig an das Wort des Novalis: „Wohin gehen wir? Immer nach Haufe!" anflmgt, kann als das Leitmotiv feines Lebens gelten. Die himmlische Heimat hat Scheffler inbrünstig und unermüblid; erstrebt; sie ist das Ziel dieser Dichierwanderschast, die so herrliche Früchte trug, aber in ungestilltem Suchen und Sehnen endete. Sein berühmtestes und künstlerisch höchstes Werk, die „Geistreichen Sinn- und Schlußreime" oder „Der cherubinische Wandersmann", dürfte nach (Ettingers überzeugender Annahme in den ersten und wichtigsten Büchern vor dem Uebertritt entstanden sein. Die befestigte, verzückte Stimmung seiner ersten katholischen Zeit atmen die vier ersten Bücher seiner „Heiligen Seelenlust aber verliebten Psyche", in denen sich aber doch mehr barocke Süßlichkeit und prunkender Schwulst heroorwagen. Freilich ist auch hier der große Dichter nicht zu verkennen, der in herrlichen Liedern seine Visionen besingt und auch stark«, feurige Klänge anschlägt, wie in dem bekannten Liede „Mir nach, spricht Christus, unser Held". Selbst in seinem, paradiesische Wonnen und höllisches Grausen gegenüberstellenden Spätwerk „Sinnliche Be- schaffenheitz der vier letzten Dinge" hat man hohe dichterische Kraft finden wollen, während andere darin nur „seelenlose Dürre" erblicken. Doch wie man auch zu diesen Nebenwerken steht, di« als Bekenntnisse eines religiösen Sehers ihre Bedeutung haben — die Unsterblichkeit und der Ewigkeitswert des Angelus Silesius birgt sich in den Reimen seines „Wandersmannes", in den mehr als 1500 Gedichten, meist Zweizeilern, in denen er feine eigentümliche unb doch uralter Mystik entflammerche Weltanschauung offenbart hat. Die Philosophie Schefflers — wenn man von einer solchen sprechen will — steht jedenfalls der Böhmes näher As der Spinozas, obwohl er manches mit dem Pantheismus des großen Denkers gemein hat. Als echter Mystiker findet er das Göttliche weniger in der Umwelt als in feinem Innern, unb so ist sein Denken weniger Philosophie als Religion, «in mit großartiger dichterischer Beseelung ge- forriltes Glaubensbekenntnis, ein Zeugnis echt deutscher Frömmigkeit, Vas ebenbürtig neben den Predigten Meister Eckarts und Taulers, den Schriften Susos und Böhmes steht. Atlantis. Von Hermann Bahr. Namen wirken zuweilen schon durch ihren bloßen Klang so bezaubernd, daß, wer sie hört, sich in seinen liebsten Wünschen und Träumen bestätigt fühlt. Die Völker brauchen solche Namen, deren. Wohllaut ihnen verheißt, was sie sich im geheimen ersehnen, ohne doch es nennen zu können: Namen von einer magischen Gewalt, unser tiefstes Verlangen aufregend und uns reiner beglückend, als Erfüllung jemals vermag. Keiner von allen klingt der abendländischen Menschheit inniger vertraut als Atlantis, ein Stichwort, auf das sich ihr sogleich die schönsten Erinnerungen, aber auch die kühnsten Hoffnungen melden. Atlantis! Wir können uns nicht recht erinnern, woran uns dies Zauberwort erinnert, wir wissen nicht, was es uns eigentlich verheißt, aber in der Gewißheit einer untrüglichen Verheißung liegt sein Reiz, liegt seine Macht über uns. Plato hat uns das aufregende Wort überliefert an zwei Stellen: im Timäos und im Kritias; die Philologen knabber» bis auf den heutige» Tag noch immer vergeblich daran. Bald hoch im Norden, in Schweden, ja Spitzbergen, bald im Kaukasus, ja gar in Palästina, in Ceylon, bald wieder in Sardinien, selbst auf ben Kanarischen und Azorischen Inseln ist Atlantis gesucht worden, und da sich alle diese Vermutungen doch niemals behaupten konnten, kehrte man schließlich wieder zu Alexander von Humboldts Erklärung zurück, Atlantis sei bloß eine Fabel. Es sieht aber Plato nicht ähnlich, so exakt gefabelt zu haben, ganz unnötig exakt. Auf Solon und die Jahrbücher ägyptischer Priester sich berusend, erzählt er von einem gewaltigen Krieg, der neuntausend Jahre vor seiner Zeit zwischen den jenseits der Säulen des Herakles hausenden Menschen und denen diesseits davon entbrannte: zwischen den Königen der Insel Atlantis und den Griechen. Atlantis ist dann durch ein Erdbeben zerstört worden, nichts blieb davon übrig als ein ungeheurer Schlamm, in den der Schritt einsinkt. Im Altertum erlosch Erinnerung an ein so schaudererregendes Ereignis niemals. Dionys von Milet schrieb eine Reise nach Atlantis, wie Diodor berichtet, ein Weltreisender zur Zeit Cäfarr, der erste, der sich an einer Universalgeschichte versuchte. Damals schon muß Atlantis etwas von dem geheimen Zauber in sich getragen haben, mit dem der Klang des Namens allein noch bis auf den heutigen Tag jeden betört, der ihn vernimmt. Niemals ganz erloschen, flammt die berückende Muckst der versunkenen Atlantis gar von neuem auf, seit Afrika jetzt immer mehr ein Ziel merkantilen Sinnes der um das Mittelmeer wohnenden Völker wird: ein Geschäft. Es ist seltsam, wie da der wissenschaftliche Forscher zuweilen, bevor er es selbst noch merkt, ein Agent geschäftlicher Interessen wird und umgekehrt wieder der Händler, der Kaufmann, den mir fein Vorteil lockt, unversehens der Verführung erliegt, die schon der bloße Schall des Namens Atlantis ausstrahlt, der Verführung zum Dichter. Noch vor dem Weltkrieg, 1907, ging Leo Frobeniur als Leiter einer deutschen Forschungsreise nach Afrika. Von ihren Ergebnissen Bericht erstattend, hieß er diese Schrift „Auf dem Wege nach Atlantis". Frobenius ist ein ernster Mann der Wissenschaft und ein harter Mann der Tat mit einem heimlichen, aber gut beherrschten Schwärmer in sich, und gerade nur so viel vom Phantasten, als für einen, der in den Urwald geht, unentbehrlich ist. Dennoch glaubt er an Atlantis, ja er glaubt sich schon auf dem Wege nach ihr. Daß der Leser dies zwischen den Zeilen immer wieder leise durchspürt, ist der große Reiz, der seinem Buch weit über den Fachbezirk hinaus dankbare Bewunderung warb. Cs hat Stellen, wo man fast vergißt, daß es doch eigentlich kein Roman ist. Acht Jahre später erschien Pierre Benoits „L'Atlantlde". Benoit, der in seiner ersten Jugend zehn Jahre in Tunis und fünf in Algier verbracht hat, debütierte 1918 mit einem Roman „Königsmark" nicht ohne Glück. Aber die Wirkung der „Atlantilde" war unbeschreiblich, und sie mag ihn jetzt zuweilen heimlich bedrücken, weil gegen diesen Welterfolg kein anderes seiner Werke mehr völlig aufkommt. Vom Hochmut deutschen Geschmacks wird Benoit unter die bloßen „Macher" eingereiht, aber wenn man zugesteht, daß er an dem, was mir das „Dichterische" nennen, nicht reich ist, so schwindelt er ims das aber auch gar nicht vor, und seine Kunst der Spannung, der geschickten Steigerung und einer sehr glücklichen Mischung von stichhaltiger Erudition mit einer reichen, unerschöpflichen, aber ihre Gaben doch immer in dem Leser bekömmlichen Dosen zumessenden Phantasie hat eine Höhe, die nur geborenen Erzählern erreichbar ist; sie sind an den Fingern einer Hand zu zählen, Amerika mit eingerechnet. Es geht keinesfalls an, Benoit einfach als französischen Georg Ebers abzutun, schon seiner merkwürdigen, in Frankreich allerdings nicht so seltenen, aber in ihm noch ungewöhnlich gesteigerten Begabung wegen, einer eigentümlichen Mischung von berechnendem Verstände mit der Fähigkeit, auf Kommando dann gelegentlich, in ehrliche Schwärmerei zu geraten. Er vermag sich an einem zunächst sichtlich bloß vom Verstände gewählten, ruhig überlegten Entwurf, der nichts von Eingebung hat und dem er so kritisch gegenüber- steht wie dem Plan eines anderen, bei der Ausführung dann zu solcher Ergriffenheit und in ein Miterleben und Miterleiden zu steigern, daß es allmählich zuweilen der Erregung, ja der Trunkenheit, von der Dichter in den entscheidenden Augenblicken des künstlerischen Schaffens überwältigt werden und dann wie besessen sind, zum Verwechseln ähnlich sieht; der Leser atmet erleichtert aus, wenn er dann auf einmal doch wieder die sichere Hand gewahrt, die die Karten mischt. Aber der unerhörte Welterfolg seiner „Atlankide" ist doch nicht bloß der bewundernswerten Kunstfertigkeit des Erzählers zu danken, sondern vor allem der magischen Gewalt, die der bloße Name schon ausstrahlt. Nach Benoit war nun die Reihe wieder an den Deutschen, und Atlantis fand auch hier einen für sie wie vom Schicksal vorbestimmten Mann. Paul Borchardt, seit Jahren in Asien und Afrika heimisch, hat jetzt durch einen Vortrag im Geographischen Institut der Münchener Universität Aufsehen erregt, selbst bei so sachverständig kritischen, poettscher Wallungen unverdächtigen Hörern wie Geheimrat v. Drygalski und Oswald Spengler. Borchardt ist nicht mehr bloß „auf bem Meae noch Atlantis", er steht schon an ihrem Grab, bereit, ihr Schliemann zu werden. Atlantis liegt für ihn in jenem salzigen Sumpf, der heut Schott Djerid heißt, einst Bahr Attala, Meer der Atalanten, und später Tritonsee benannt wurde, nach dem Sohne des Poseidon, dem Schutzgeist aller Seefahrer. Der Atlas aber, der den Himmel trägt, ist ihm das Aharggarmafsiv, von dem lydischen Stamms der Attala bewohnt, schon von Herodot gekannt und von Ptolomäus Monstalae genannt, wodurch wir, nebenher, auch erst verstehen lernen, warum Herakles nach den Aepfeln der Hesperiden durch die Lydische Wüste wandern mußte, während er, wenn der Atlas der Alten, wie man sonst annahm, in Algier lag, sich doch einfach einschiffen konnte. Nehmen mir >das Meer der Atlanten für identisch mit dem Tritonsee und erinnern wir uns, daß der große Tempel des Poseidon in Atlantis lag, so meint Borchardt daraus schließen zu können, daß wir hier an jenem Sumpf sind, in den Atlantis versank. Wann? Diodor berichtet von einem großen Erdbeben in dieser Gegend, und von diesem denkt sich Borchardt Atlantis verschlungen. Daß sie nach der Ueber- (ieferung auf einer Insel lag, stört ihn nicht, weil das Wort Insel dort auch im Sinne von „Oase", ja gelegentlich auch für Halbinsel gebraucht wird, das Wort „Meer" oft bloß „großes Wasser" bedeutet; Araber nennen den Nil gern einfach „el Bahr“, das Meer. Die Atlanten waren dann ein reiches, verwegenes Küstsnvolk, das Kriege gegen Aegypten wagen konnte. Auch die Mäakensdadt Homers will Borchardt in der Nähe des heutigen Grabes sehen. Man kann die Leidenschaft verstehen, mit der er, was ihm sein geistiges Äuge so handgreiflich zeigt, nun auch augenscheinlich aller Welt beweisen will. Er will graben. Atlantis ausgraben! Die Sehnsucht Platos geht an uns in Erfüllung. Atlantis kehrt wieder, aus einer Versunkenheit von zehntausend Jahren auferstehend. Aeber die TstenmssAen großer MKrmer rrnd Frauen- Von Professor Dr. Hans Friedenthal, Berlin. Wenn es wahr ist, daß der Ausdruck, den wir einer Abbildung beilegen, in Wahrheit der Eindruck ist, den diese auf uns gemacht hat, dann gehören die Totenmasken großer Männer und Frauen zu den wirkungsvollsten und ausdruckvollsten Abbildungen menschlicher Gestaltung, die wir überhaupt besitzen. Um die Würde und Hoheit zu erkennen, welche die naturgetreue Abbildung von Helden, Denkern und Kämpferinnen für Ber- nunft und Sitte umweht, gehört freilich ein Wissen um ihre Persönlichkeit und ihre Verdienste. In der Arbeitsstätte für Menschheitskunde an der Universität Berlin befindet sich eine möglichst vollständige Sammlung von Totenmasken großer Menschen, und es ist interessant, daß selbst einfache Menschen, denen die Gestaltung sowohl wie ihre Taten völlig unbekannt waren, mit feinem Taktgefühl die Größten der Menschen mit Sicherheit aus der Menge der anderen herausfinden konnten. Man könnte meinen, daß der Tod den Ausdruck der Gesichtszüge verwischen müßte, weil alle für den Menschen charakteristischen Nervenspannungen mit dem Tode fortsallen müssen. Der Anblick von Totenmasken lehrt uns aber das Gegenteil. Es wäre völlig verfehlt zu glauben, daß jeder Tote einen ruhigen, friedlichen, schlafenden Eindruck mache. An der Totenmaske der „Schönen Unbekannten", einer Selbstmörderin, die aus der Seine gezogen in der Morgue in Paris abgeliefert worden war, erkennen wir ein liebliches Lächeln nach dem Tode, wie es wohl ein Mädchen im schönsten Liebestraume schlafend zeigen mag. In ergreifendem Gegensatz dazu sehen wir in den verbitterten Zügen' der Totenmaske des großen deutschen Dichters Wieland, wie tausendfältiger Kummer vor dem Tode seine unverlöfchlichen Spuren in die Gesichtszüge eingegraben hat, in das Gesicht des Mannes, her dem deutschen Volke und der Welt in seinem „Oberon" das poetischste epische Liebeslied geschenkt hat, welches wir kennen. Wenn viele noch baran zweifeln, daß die Physiognomik von heute mit Recht eine Stelle unter den exakten Wissenschaften beansprucht, so kann ein eingehendes und ernstes Studium der Totenmasken viele Zweifler bekehren. Die Totenmaske des „Alten Fritz" zeigt uns ein derart kleines, man möchte sagen von vielen Schlacken des Irdischen gereinigtes Gesicht, das alle Beschauer vor ihr empfinden, daß menschliche Größe sicher nicht in materieller Masse gelegen fein kann. Gerade die Geringfügigkeit dieser irdischen Reste von Friedrich dem Großen zeigt uns den Triumph des Geistes über bie Materie. Wir müssen es als ein großes Glück ansehen, daß die Ehrfurcht der alten Aegypter vor ihren Toten uns die Gestalt ihrer großen Könige in der Form der Mumien durch die vielen Jahrtausende der Weltgeschichte aufbewahrt hat. Der Kopf der Mumie des großen Ramses zeigt eine .derartige Aehnlichkeit mit der Totenmaske von Friedrich dem Großen, daß wir sehen, wie trotz verschiedener Rasse und Volk, trotz verschiedener Erziehung und Bildung, die Eignung zu gleichem Beruf und der gleiche Geistesadel eine überraschende Aehnlichkeit in der Kopsbildung zweier großer Menschen herbei- führen kann. Namentlich im Profil tritt diese Aehnlichkeit des Aegypters mit dem preußischen König besonders markant hervor. Von der ganz auffälligen Häßlichkeit besonders genialer Menschen gibt die Totenmaske des größten deutschen Denkers und Phuo- sophen Kant beredte Kunde. Wir dürfen dem Geschick aufrichtig dankbar fein, daß wir von diesem Geistesheroen nicht nur die wohlerhaltene Totenmaske, sondern auch den gut präparierten Totenschädel besitzen. Em Blick aus beide Ueberreste zeigt uns, in welchem, Maße im höchsten Greisenalter der Kopf dem TÄenschädel ähnlich wird, durch Schwund der Muskulatur und der anderen nichtknöchernen Organe. Namentlich die zahntmgenden Kiefer, welche im Leben der Zerkleineimng der Nahrung dienen, werden nach Ausfallen der Zähne auf ein Drittel ihrer früheren Größe verkleinert. Bei Kant war nur noch ein Zahn stehen geblieben und schob die gesamten Lippen auf einer Seite verunstaltend nach vorne. Trotz der auffälligen Häßlichkeit von Kants Totenmaske fühlen empfindsame Beschauer die überragende geistige Gröhe dieses Denkers, obwohl der Schädel breit und niedrig ist. Ist es ein Zufall, 'daß Leibniz, der nächst Kant bedeutendste deutsche Philosoph fast den gleichen niedrigen und breiten Schädel besessen bot? Die naturgetreuen Statuen von So- 'rotes zeigen uns, daß mich dieser große griechische Denker die gleiche Kopfform, ein sicheres Zeichen für Rassemischlinge, besessen hat. Die Totenmaske Goethes zeigt im Gesicht Züge, welche uns veranlassen zu glauben, wir hätten eine alte Frau vor uns, während die hohe Wölbung der Stirn ganz ähnlich der bekannten Stirn Gerhart Haupt- nianns uns auf die Bedeutung des Mannes hinweist, dem diese weiblich MN-utenden Gesichtszüge angehört hotten. Jnteressanterwelse ist bei dem jungen Goethe auf allen zeitgenössischen Darstellungen die Stirn fliehend dargestellt. Dies ist, so lehrt die Physiognomik, für empfindungsbetonte Wünschen charakteristisch. Besäßen wir eine Lebensmaske aus jener Zeit, (Kinn könnten wir mit Sicherheit feststellen, ob tatsächlich der junge emp- sinüung-betonte Goethe der Wertherepoche eine fliehende Stirn besessen hat, und dann im Laufe des Lebens erst mit der Fülle der Gedanken und Begriffe die hohe Wölbung von Goethes Stirn im späteren Alter sich ausgebildet hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit können wir sagen, daß -dies der Fall gewesen sein wird, aber leider können wir Abbildungen von I Malern und Bildhauern nicht als wissenschaftlich brauchbare Dokumente anerkennen. Nach den Bildern von Napoleon sollte man meinen, daß der große Korse einen verhältnismäßig breiten runden Kopf besessen hätte mit 'kurzem Gesicht und fast gerader Nase. Die Totenmaske Napoleons zeigt uns aber ganz etwas anderes. Ein langes, schmales Gesicht mit sehr großer, kühn gebogener Adlernase und darüber aufsteigend einen schmalen, hoch gewölbten Schädel. Wie über dem Leben großer Männer, so waltet auch über dem Schicksal ihrer Abbildungen ein manchmal grausames, manchmal gütiges Geschick. Als Napoleon starb, war kein Gips auf der Insel St. Helena vorhanden, und der Leibarzt von Napoleon mußte sich aus Ton eine dürftige Vorform Herstellen und diele hüten, bis der an- ßesorderte Gips vom Festlande herübergebracht wurde. Trotz dieser außerordentlichen Schwierigkeit, welcher nur derjenige richtig ermessen kann, der selber Totenmasken anfertigt, ist nachher doch die Totenmaske von Napoleon so gut gelungen, daß sie dem Beschauer ein ergreifendes Bild zu bieten vermag. Wie wenig die üblichen Nachbildungen großer Männer der wirklichen Lebensform gerecht werden, beweisen besonders die zahlreichen Masken von Beethoven, die man in musikliebenden Familien überall über dem Klavier hängend findet. Vergleichen wir mit diesen „Kunstwerken", Olt Lorbeerkranz um die Schläfen, die Totenmaske von Beethoven, so würde wohl kein Beschauer glauben, daß es sich um die Abbildung derselben Persönlichkeit handeln könne, und auch die zwölf Jahre vor dem Tode abgenommene Lebensmaske von Beethoven, die so gut gelungen ist, daß man die Reste der überstandenen Pockenkrankheit in den Blatternarben der Haut erkennen kann, zeigt Züge, welche kaum noch eine Aehn- lichkeit mit den üblichen Beethovenmasken erkennen lassen. ' Die Totenmaske von Moltke zeigt uns einen schmalen, hohen, nordischen Rasseschädel, mit der für diese Rasse charakteristischen schmalen krummen Nase. Die Haut des Gesichts ist wie zerknittert und mit vielen Fältchen besetzt^Lin sicheres Zeichen für die zahlreichen Erregungen, welche den Hautnerven infolge starker Gehirnerregung zugeflossen sind. Ein Vergleich von Moltkes Totenmaske mit der von Kant lehrt uns so recht den Unterschied zwischen einem Rasseschädel und einem Misch- stngsschäüel erkennen. Rasseschädel finden wir überaus selten vertreten in 'der Sammlung der Totenmasken der großen Menschheitsmenschen, die in ihrer übergroßen Mehrzahl die deutlichen Zeichen der Rassenmischung ausweisen. Dies ist in Uebereinstimmung mit der Tatsache, daß auch bei Pflanzen- und Tierzüchtungen die Höchstleistung nicht bei den reinen ^Linien gefunden wird, sondern durch Mischung von reinen Linien hervor- "gerufe^ werden kann. Wenn man auch ganz gewiß nicht sagen kann, daß die geistige Bedeutung eines Menschen aus seiner Kopfgröße abgelesen werden kann, ist es doch auffällig, wie groß -der Kopfdurchschnitt derjenigen Menschen ist, die Höchstleistungen hervorgebracht haben. Schon in der Schule Haben die besseren Schüler durchschnittlich größere Köpfe als die schlechteren, und später verschiebt sich das Verhältnis noch mehr zuungunsten der kleineren Köpfe. Es ist festg-estellt, daß auch die Lebensdauer der Menschen mit kleinerem Kopf durchschnittlich kürzer ist, als die der Menschen mit größerem Kopf. So finden mir auch bei den Totenmasken eine ganze Reihe von überaus großen Schädeln bei geistig großen Menschen, selbst wenn i die Körperstatur dieser Menschen ganz klein, ja winzig gewesen ist. Der in | Berlin so ehr populäre Maler Menzel war klein wie ein Knabe von etwa zwölf Jahren und suchte diese Kleinheit durch Tragen von recht hohen Zylinderhüten etwas auszugleichen. Sein Kopf hatte aber einen derartig großen Umfang, daß er hinter dem des um mehrere Fuß größeren Bismarck nur wenig z-urückstand. Menzel hatte in seiner Jugend .einen Wasserkopf besessen, d.h. eine übermäßige Ansammlung von ^Flüssigkeit in den Gehirn-Höhlen, welche den Schädel auftrieb. Diese Erkrankung war in späteren Jahren ausgeheilt, ohne schädliche Folgen zu hinterlassen. Bei den Betrachtern der Totenmaskensammlung der Arbeitsstätte für ^Meuschheitsk-unde ruft stets die Betrachtung der Totenmaske von Martin Luther das größte Erstaunen hervor. Von vorn gesehen erscheint das Gesicht breit, gewöhnlich gestaltet und die Augenbrauenbögen nach oben und außen gezogen wie bei einein Kalmücken. Die Mehrzahl der Be- ■ schauer wollte mir nicht glauben, daß es sich um die Totenmaske von Martin Luther handeln könne. Betrachtet man aber diese Totenmaske im Profil, dann sieht man eine große, kühn geschwungene Nase, ein wohlgebildetes, kräftig vorspringendes Kinn -und eine mächtig gewölbte Stirn. So ungewöhnlich der Anblick der Vorderseite ist, das Profil gibt uns die Idee eines Lebenskämpfers. Deshalb sollte niemand versäumen, der sich den Kopf eines Menschen betrachtet, sein Urteil aufzubauen nur auf der > Betrachtung von Seiten- und Vorderansicht zusammen, niemals aber nur auk einer von beiden. Auch für Luther gilt das, was von den Abbildungen anderer großer Menschen gesagt wurde, daß Maler und Bildhauer in ihrem künstlerischen Streben so frei mit den wirklichen Zügen umgehen, daß ihre künstlerischen Darstellungen für die Zwecke der Menschen- beurteilun-g meist nicht zu verwerten find. Die üblichen Lutberoilder zeigen uns einen ganz anderen Menschen, als ihn die Totenmaske er* kennen lehrt. Aus dieser Tatsache geht wohl der einzigartige Wert wirklich guter Totenmasken hervor, und es muß uns mit großem Bedauern erfüllen, wenn von den bedeutenden Menschen unserer Zeit keine Totenmasken her-gestellt werden, die der Wissenschaft der Zukunft dienstbar sein können. Leider verhindern Vorurteile sehr häusig die Abformung. Wie könnten wir aber dem Andenken unserer großen Toten würdiger und besser gerecht werden, als indem wir durch Anfertigung einer Totenmaske ein unverfälschtes Abbild ihrer wahren Gestalt aus -den letzten Tagen unseren Nachkommen zum ehrenden Andenken übermitteln. Krnderssele. Von Hermann Hesse. (Fortsetzung.) Ich wollte mich nicht entschuldigen, mich nicht demütigen, meinen Vater nicht um Verzeihung bitten, nichts bereiten! Wenn er mich fragte: „Hast du das und das getan?", so würde ich rufen: „Jawohl habe ich's getan, und noch mehr, und es war recht, daß ich's getan habe, und wenn ich kann, werde ich es wieder und wieder tun. Ich habe toh- geschlagen, ich habe Häuser ange-zündet, weil es mir Spaß machte, und weil ich dich verhöhnen und ärgern wollte. Ja, -denn ich hasse dich, ich spucke dir vor die Füße, Gott. Du hast mich gequält und geschunden, du hast Gesetze gegeben, die niemand halten kann, du hast die Erwachsenen angestiftet, uns Jungen das Leben zu versauen." Wenn es mir glückte, mir dies vollkommen deutlich oorzustellen und fest daran zu glauben, daß es mir gelingen würde, genau so zu tun und zu reden, -dann war mir für Augenblicke finster wohl. Sofort aber kehrten die Zweifel wieder. Würde ich nicht schwach werden, würde mich ein- schüchtern lassen, würde -doch nachgeben? Oder, wenn ich auch alles tat, wie es mein trotziger Wille war — würde nicht Gott einen Ausweg finden, eine Ueberlegenheit, einen Schwindel, so wie es den Erwachsenen und Mächtigen ja immer gelang, am Ende noch mit einem Trumpf zu kommen, einen schließlich doch noch zu beschämen, einen nicht für voll zu nehmen, einen unter der verfluchten Maske des Wohlwollens zu demütigen? Ach, natürlich würde es so enden. Hin und her gingen meine Phantasien, ließen bald mich, bald Gott gewinnen, hoben mich zum unbeugsamen Verbrecher und zogen mich wieder zum Kind und Schwächling herab. Ich stand am Fenster und schaute auf den kleinen Hinterhof des Nachbarhauses hinunter, wo Gerüststangen an der Mauer lehnten und in einem kleinen winzigen Garten ein paar Gemüsebeete grünten. Plötzlich hörte ich durch die Nachmittagsstille Glockenschläge hallen, fest und nüchtern in meine Visionen hinein, einen klaren, strengen Stundenschlag, und noch einen. Es war zwei Uhr, und ich schreckte aus den Traumängsten in die der Wirklichkeit zurück. Nun begann unsere Turnstunde, und wenn ich auch auf Zauberflügeln fort und in die Turnhalle gestürzt wäre, ich wäre doch schon zu spät gekommen. Wieder Pech! Das gab übermorgen Aufruf, Schimpfworte und Strafe. Lieber ging ich gar nicht mehr hin, es war doch nichts mehr gutzumachen. Vielleicht mit einer sehr guten, sehr feinen und glaubhaften Entschuldigung — aber es wäre mir in diesem Augenblick keine eingefallen, so glänzend mich auch unsere Lehrer zum Lügen erzogen hatten; ich war jetzt nicht imstande, zu lügen, zu erfinden, zu konstruieren. Besser war es, vollends ganz aus der Stunde wegzubleiben. Was lag daran, ob jetzt zu dem großen Unglück noch ein kleines kam! , r. r . . Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine Phantasiespiele gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach, überwirklich sah mein Zimmer mich an, Pult, Bilder, Bett, Bücherschaft, alles gelaßen mit strenger Wirklichkeit, alles Zurufe aus der Welt, in der man , leben mußte, und die mir heut wieder einmal so feindlich und gefährlich geworben war. Wie benn? Hatte ich nicht die Turnstunde versäumt? Und hatte ich nicht gestohlen, jämmerlich gestohlen, und hatte die verdammten Feigen im Bücherbrett liegen, soweit sie nicht schon aufgegessen waren? Was ging mich jetzt der Verbrecher, der liebe Gott und das Jüngste Gericht an! Das würde alles dann schon kommen, zu seiner Zeit — aber jetzt, letzt im Augenblick war es weit weg und war dummes Zeug, nichts weiter. Ich hatte gestohlen, und jeden Augenblick konnte das Verbrechen entdeckt werden. Vielleicht war es schon so weit, vielleicht hatte mein Vater.droben schon jene Schieblade gezogen und stand vor meiner Schandtat, beleidigt und erzürnt, und überlegte sich, auf welche Art mir der Prozeß zu machen sei Ach er war möglicherweise schon unterwegs zu nur, und wenn ich nicht sofort entfloh, hatte ich in der nächsten Minute schon sein elmstes Gesicht mit der Brille vor mir. Denn er wußte natürlich sofort, daß ich der Sieb war. Es gab keine Verbrecher in unserem Hause anher mir, meine Schwestern taten nie so etwas, Gott weiß warum. Aber wozu brauchte mein Vater da in seiner Kommode solche Felgenkranze ver- bDr3dj hatt/mein Stübchen schon verlassen und mich durch die Hintere Haustür und den Garten davongemacht. Die Gärten und Wiesen lagen in Heller Sonne, Zitronenfalter flogen über den Weg. Alles sah letzt schlimm und drohend aus, viel schlimmer als heut morgen. O, ich kannte das schon, und doch meinte ich es nie so qualvoll gespurt zu haben: wie da alles in seiner Selbstverständlichkeit und mit seiner guten Gewissensruhe mich ansah, Stadt und Kirchturm, Wiesen und Weg, Grasbluten und Schmetterlinge, und wie alles Hübsche und Frohttche, was man, sonst mit Freuden sah, nun fremd und verzaubert war! Ich kannte das, ich wußte, wie es schmeckt, wenn man in Gewissensangst die gewohnte Gegend läuft! Jetzt konnte der seltenste Schmetterling über die Wiese fliegen und sich vor meinen Füßen hinsetzen — es war nichts, es freute Nicht, reizte nicht, tröstete nicht. Jetzt konnte der herrlichste Kirschbaum mir seinen vollsten Ast herbieten — es hatte feinen Wert, es war kein Gluck dabei. Jetzt gab es nichts als fliehen, vor dem Vater, vor der Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar alles kam. was kommen mußte. Ich lief und nxir rafitor-, ich lief bergan und hoch bis zum Walde, und vom Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über den Steg und jenseits wieder bergauf und durch Walder hinan. Hier hatten mir unser letztes Indianerlager gehabt. Hier hatte letztes Jahr, als der Vater auf Reisen mar, unsre Mutter mit uns Kindern Ostern gefeiert und im Wald und Moos die Eier für uns versteckt. Hier hatte ich einst mit meinen Vettern in den Ferien eine Burg gebaut, sie stand noch halb. Ueberall Reste von einstmals, überall Spiegel, aus denen mir ein anderer entgogensah, als der ich heute war! War ich das alles gewesen, so lustig, so zufrieden, so dankbar, so kameradschaftlich, so zärtlich mit der Mutter, so ohne Angst, so unbegreiflich glücklich? War das ich gewesen? Und wie hatte ich so werden können, wie ich jetzt war, so anders, so ganz anders, so böse, so voll Angst, so zerstört? 'Alles war noch wie immer, Wald und Fluß, Farnkräuter lind Blumen, Burg und Ameisenhaufen, und doch alles wie vergiftet und verwüstet. Gab es denn gar keinen Weg zurück, dorthin, wo das Glück iinb die Unschuld war? Konnte es nie mehr werden wie es gewesen war? Würde ich jemals wieder so lachen, so mit dem Schwestern spielen, so nach Ostereiern suchen? Ich lief und lies, den Schweis; aus der Stirn, und hinter mir lief meine Schuld und lief groß und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger mit. An mir vorbei liefen Alleen, sanken Waldränder hinab. Auf einer Höhe machte ich Halt, abseits vom Weg, ins Gras geworfen, mit Herzklopfen, das vom Bergaufwärtsrennen kommen konnte, das vielleicht bald besser wunde. Unten sah ich Stadt und Fluß, sah die Turnhalle, wo jetzt die Stunde zu Ende war und die Buben auseinanderliefen, sah das lange Dach meines Vaterhauses. Dort war meines Vaters Schlafzimmer und die Schublade, in der die Feigen fehlten. Dort war mein kleines Zimmer. Dort würde, wenn ich zurückkam, das Gericht mich treffen- — Aber wenn ich nicht zurllckkam? Ich wußten daß ich zurückkommen werde. Man kam immer zurück, jedesmal. Es endete immer so. Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika fliehen oder noch Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentäten und einander hülfen! Sie waren viele, es gab mehr Kinder als Eltern. Aber nicht alle Kinder waren Diebe und Verbrecher. Wenige waren so wie ich. Vielleicht war ich der einzige. Wer nein, ich wußte, es kamen öfters solche Sachen vor wie meine — ein Onkel von mir hatte als Kind auch gestohlen und viel Sachen angestellt, dos hatte ich irgendwann einmal erlauscht, heimlich aus einem Gespräch der Eltern, heimlich, wie man alles Wissenswerte erlauschen mußte. Doch das alles half mir nicht, und wenn jener Onkel selber da wäre, es würde mir auch nicht helfen! Er war jetzt längst groß und erwachsen, er war Pastor, er würde zu den Erwachsenen halten und mich im Stich lassen. So waren sie alle. Gegen uns Kinder waren sie alle irgendwie falsch und verlogen, spielten eine Rolle, gaben sich anders, als sie waren. Die Mutter vielleicht nicht, oder weniger. Ja, wenn ich nun nicht mehr heimkehren würde? Es könnte ja etwas passieren, ich konnte den Hals brechen oder ertrinken oder unter die Eisenbahn kommen. Dann sah alles anders aus. Dann brachte man mich nach Hause, und alles war still und erschrocken und weinte, und ich tat allen leid, und von den. Feigen und allem war nicht mehr die Rede. Ich wußte sehr gut, daß man sich selber das Leben nehmen konnte. Ich dacht«, daß ich das wohl einmal tun würde, später, wenn es einmal ganz schlimm kam. Gut wäre es gewesen, krank zu werden, aber nicht bloß so mit Husten, sondern richtig todkrank, so wie damals, als ich Scharlachfieber hatte. Inzwischen war die Turnstunde längst vorüber, und auch die Zeit war vorüber, wo man mich zu House zum Kaffee erwartete. Vielleicht riefen und suchten sie jetzt noch mir, in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem Estrich. Wenn aber der Vater meinen Diebstahl schon entdeckt hotte, dann wurde nicht gesucht, dann wußte, er Bescheid. Es war mir nicht möglich, länger liegenzubleiben. Das Schicksal vergaß mich nicht, es war hinter mir her. Ich nahm das Laufen wieder auf. Ich kam an einer Bant in den Anlagen vorüber, an der hing wieder eine Erinnerung, wieder eine, die einst schön und lieb gewesen war und jetzt wie Feuer brannte. Mein Vater hatte mir ein Taschenmesser geschenkt, wir waren zusammen spazierengegangen, froh und in gutem Frieden, und er hatte sich auf diese Bank gesetzt, während ich im Gebüsch mir eine lange Haselrute schneiden wollte. Und da brach ich im Eifer das neue Messer ab, die Klinge dicht am Heft, und kam entsetzt zurück, wollte es erst verheimlichen, wurde aber gleich danach gefragt. Ich war sehr unglücklich, wegen dem Messer, und weil ich Scheltworte erwartete. Und da hotte mein Vater nur gelächelt, mir leicht die Schulter berührt und gesagt: „Wie schade, du armer Kerl!" Wie hatte ich ihn da geliebt, wieviel ihm innerlich ab- gebeten! Und jetzt, wenn ich an das damalige Gesicht meines Vaters dachte, an seine Stimme, an sein Mitleid — was war ich für ein Ungeheuer, daß ich diesen Vater so oft betrübt, belogen und heut bestohlen hatte! Als ich wieder in die Stadt kam, bei der oberen Brücke und weit von unserm Haus«, hatte die Dämmerung schon begonnen. Ans einem Kaufladen, hinter dessen Glastür schon Licht brannte, kam ein Knabe gelaufen, der blieb plötzlich stehen und rief mich mit Namen an. Es war Oskar Weber. Niemand konnte mir ungelegener kommen. Immerhin erfuhr ich von ihm, daß der Lehrer mein Fehlen in der Turnstunde nicht bemerkt habe. Aber wo ich denn gewesen sei? „Ach, nirgends," sagte ich, „ich war nicht recht wohl." Ich war schweigsam und zurückweisend, und nach einer Weile, die ich empörend lang fand, merkte er, daß er mir lästig sei. Jetzt wurde er böse. „Latz mich in Ruh'," sagte ich kalt, „ich kann allein heimgehen." „So?" rief er jetzt. „Ich kann gradefo gut allein heimgehen wie du. dummer Fratz! Ich bin nicht dein Pudel, daß du's weißt. Aber vorher möchte ich doch wissen, wie das jetzt eigentlich mit unserer Sparkasse ist! Ich habe einen Zehner hineingetan und du nichts." „Deinen Zehner kannst du wieder haben, heut noch, wenn du Ane» um ihn hast. Wenn ich dich nur nimmer sehen mutz. Als ob ich arm K. etwas annehmen würde!" „Du hast ihn neulich gern genommen", meinte er höhnisch, aber nicke ohne einen Türspalt zur Versöhnung offen zu lassen. Aber ich war heiß und böse geworden, alle in mir angehäufte Angst und Ratlosigkeit brach in Hellen Zorn aus. Weber hatte mir nichts ä sogen! Gegen ihn war ich im Recht, gegen ihn hatte ich ein gutes Gewissen. Und ich brauchte jemand, gegen den ich mich fühlen, gegen den ich stolz und im Recht sein konnte. Alles Ungeordnete und Finstere in mir strömte wild in diesen Ausweg. Ich tat, was ich sonst so sorgfältig vermied, ich kehrte den Herrensohn heraus, ich deutete an, daß es für mich keine Entbehrung sei, auf die Freundschaft mit einem Gassenbuben zu verzichten. Ich sagte ihm, daß für ihn jetzt das Beerenessen in unferm Gatten und das Spielen mit meinen Spielsachen ein Ende habe. Ich fühlte mich aufglühen und aufleben: ich hatte einen Feind, und. einen Gegner, einen, der schuld war, den man packen konnte. Alle Lebenstriebe sammelten sich in diese erlösende, willkommene, befreiende Wut, in die grimmige Freud« am Feind, der diesmal nicht in mir selbst wohnte, der mir gegenüberstand, mich mit erschreckten, dann mit bösen Augen anglotzte, dessen Stimme ich hörte, dessen Vorwürfe ich verachten, dessen Schimpfworte ich übertrumpfen konnte, Im anschwellenden Wortwechsel, dicht nebeneinander, trieben wir die dunkle Gasse hinab: da und dort sah man uns aus einer Haustür nach. Und alles, was ich gegen mich selber an Wut und Verachtung empfand, kehrte sich gegen den unseligen Weber. Als er damit zu drohen begann, er werde mich dem Turnlehrer anzeigen, war es Wollust für mich: er fetzte sich ins Unrecht, er wurde gemein, er stärkte mich. Als wir in der Nähe der Metzgergasse handgemein wurden, blieben gleich ein paar Leute stehen und sahen unserm Handel zu. Wir hieben einander in den Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen gegeneinander. Run hatte ich für Augenblicke alles vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher, Kampfrausch beglückte mich, und wenn Weber auch stärker war als ich, so war ich slinker, klüger, rascher, feuriger. Wir wurden heiß und schlugen uns wütend. Als er mir mit einem Griff dm Hemdtragen aufriß, fühlte ich mit Inbrunst den Strom kalter Luft über meine glühende Brust laufen. Und im Hauen, Reihen,. Treten, Ringen und Würgen hörten wir nicht auf, uns weiter mit Worten anzufeinden, zu beleidigen und zu vernichten, mit Worten, die immer glühender, immer törichter und böser, immer dichterischer und phantastischer wurden. Und auch darin war ich ihm über, war böser, dichterischer, erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sauhund. Ries er Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten beide, ohne etwas zu fühlen, und dabei häristen unsre Wort« böse Zauber und Wünsche, mir empfahlen einander dem Galgen, wünschten uns Messer, um sie einander in die Rippen zu jagen und darin umzudrehen, wir beschimpften einer des andern Namen, Herkunft und Vater. Cs war das erste und einzige Mal, daß ich einen solchen Kampf im vollen Kriegsrausch bis zu Ende ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausamkeiten, allen Beschimpfungen. Zugesehen hatte ich oft und mit grausender Lust diese vulgären, urtümlichen Flüche und Schandworte angehört: nun schrie ich sie selber heraus, als sei ich sie von klein auf gewohnt und in ihrem Gebrauch geübt. Tränen liefen mir aus den Augen und Blut über den Mund. Die Welt aber war herrlich, sie hatte einen Sinn, es war gut zu leben, gut zu hauen, gut zu bluten und bluten zu machen. Niemals vermocht« ich in der Erinnerung das Ende dieses Kampfes wieder zu finden. Jrgendeinmal war es aus, irgendeinmal stand ich allein in der stillen Dunkelheit, erkannte Straßenecken und Häuser, toar nahe bei unserm Haufe. Langsam floh der Rausch, langsam hört« das Flügelbrausen und Donnern auf, und Wirklichkeit drang stückweise vor meine Sinne, zuerst nur vor die Augen. Da der Brunnen. Die Brücke. Blut an meiner Hand, zerrissene Kleider, herabgerutschte Strümpfe, ein Schmerz im Knie, einer im Auge, keine Mütze mehr da — alles kam nach und nach, wurde Wirklichkeit und sprach zu mir. Plötzlich war ich tief ermüdet, fühlte meine Knie und Arm« zittern, tastete nach einer Hauswand. Und da war unser Haus. Gott sei Dank! Ich wußte nichts auf der Welt mehr, als daß dort Zuflucht war, Friede, Licht, Geborgenheit. Aufatmend schob ich das hohe Tor zurück. Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich Erinnerung, hundertfach. O Gott! O lieber Gott! Es roch nach Strenge, nach Gesetz, nach Verantwortung, nach Bater und Gott. Ich hatte gestohlen. Ich war kein verwundeter Held, der vom Kampfe heim- kehrte. Ich war kein armes Kind, das nach Hause findet und von der Mutter in Wärm« und Mitleid gebettet wird. Ich war Dieb, ich war Verbrecher. Da droben war nicht Zuflucht, Bett und Schlaf für mich, nicht Esten und Pflege, nicht Trost und Vergesfen. Auf mich wartete Schuld und Gericht. Damals in der finstern abendlichen Flur und im Treppenhaus, dessen viele Stufen ich unter Mühen erklomm, atmete ich, wie ich glaube, ?#em erstenmal in meinem Geben den kalten Aeiher, die Einsamkeit, das Schicksal. Ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Pläne, auch keine Angst, nichts als das kalte, rauhe Gefühl: „Es muß fein." Am Geländer zog ich mich die Treppe hinauf. Vor der Glastür fühlte ich Lust, noch einen Augenblick mich auf die Treppe zu fetzen, aufzuatmen, Ruhe zu haben. Ich tat es nicht, es hatte keinen Zweck. Ich muffte hinein. Beim Oeffnen der Tür fiel mir ein, wie spät es wohl fei? Ich trat ins Eßzimmer. Da faßen sie um den Tisch und hatten eßen gegessen, ein Teller mit Aepfeln stand noch da. Es war gegen acht Uhr. Nie war ich ohne Erlaubnis so spät heimgekommen, nie hatte ich beim Abendessen gesohlt. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Bruhl'sche Universitäts.Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.