SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |92Z Samstag, den 9. April Nummer 28 Ein Bildchen. Von Carl Spitteler. Den Rain hinauf mit trotzigem Alarm Fuchtelt ein Kinderschwarm. „VorwärtsI Hurra!" Hut ab! Du schaust kein Spiel. Den Himmel zu erstürmen gilt das ernste Ziel. Er ist so nah. Siehst, wie er aus dem Grase guckt dort oben? Zwei Glockentöne, leicht vom Morgenwind gehoben. Kommen vergnügt und ungezwungen Dahergesungen. „Wo geht denn hier der Weg?" „Wir wollen durch den Kindersternenhaufen lieber den Hügel weg Die lange Kirschenblütenstraße laufen." Gesagt. Ein Sang, ein Flug: Verschwunden in den Kirschen überm Hügelzug. Der Kindersturm aber dort unten. Hat einen Igel gefunden. In Anbetracht dessen Ist der Himmel vergessen. Versteigerung. Von A. M. Frey. „Sie wissen Bescheid", sagte Herr Brameshuber zu seinem Beauftragten, dem Herrn Zipf. „Ich muh den Waldmüller unter allen Umständen in meine Hand bekommen. Wenn ich sage: unter allen Umständen, so ist das nicht so hingesprochen, sondern wörtlich gemeint. Es ist möglich, daß Sie auf hartnäckige Widerstände stoßen. Ich glaube orientiert zu sein. Tut nichts. Sie gehen durch dick und dünn!" Zipf mit der vierschrötigen Gestalt des ehemaligen Bilderkistenmachers verbeugte sich so gut es ging. „Und wohin soll ich am Tage der Auktion die Entscheidung melden?" „Hierher natürlich ins Hotel. Ich bleibe schon in der Stadt. Ich will , nur selbst nicht hervortreten. Ich habe meine Gründe. Sie wissen es ja. Wenn ich in Person erscheine und biete, wird mich das Bild das Doppelte kosten, 'was es so schon^kostet. Meine Gegner, die Lunte gerochen haben, wüßten sofort: ein Stück, an dem der Brameshuber klebt, ist unbezahlbar — und sie würden nicht locker lassen." „Die Auktionssumme —?" „— kann auf Scheck von mir, den ich ausstelle, sobald Sie mit dem Ergebnis zu mir kommen, bei der Bank in Empfang genommen werden. Hier haben Sie selbst einstweilen tausend Mark für Ihre Bemühungen." Zipf neigte sich erschüttert auf seine großen Stiefel. „Hals- und Beinbruch!" lachte Brameshuber und klopfte dem anderen väterlich auf die Schulter. „Es soll uns glücken. Von der Summe, zu der ich den Waldmüller dem versessenen Amerikaner in Chikago weiter verkaufe und die beinahe in mein Belieben gestellt ist, sollen Sie 2 Prozent erhalten. Ich kann Ihnen versichern: es wird für Sie ein nettes Sümmchen herauskommen. Denn sehen Sie: auch ich bin nichts anderes als ein Beauftragter, der hübsch verdienen will." Der Auklionsraum der Firma Silverling bot an dem Tage, an dem der Waldmüller an die Reihe kam, das gewöhnliche Aussehen. Niemand hätte geahnt, daß sich bald außerordentliche Vorgänge in ihm abspielen sollten. Die Kauflust war mäßig, die Angebote zurückhaltend. Ein gedämpfter, fast verschlafener Streit um die einzelnen Stücke plätscherte so hin, und weder die Stimme des Auktionsleiters noch die der Anwärter hoben sich, als der „Ländliche Sonntag" auf der Staffelei stand und nun daran war. Ein halbes Dutzend Männer aus den zweihundert Anwesenden begann zu bieten. Es war gegen zwölf Uhr — etwa eine Stunde bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Mittagspause gewöhnlich eingeschaltet wurde. Zipf brauchte vorerst nicht mitzumachen. Er saß in der dritten Reihe und lächelte vor sich hin. Die da rauften sich trüge um ein paar hundert Mark — der amtliche Auktionator, neben dem geschäftlichen Leiter schaute gleichgültig ins Publikum durch einen schiefen Zwicker und räusperte sich — aber nun schienen die kurz und lahm hingeworfenen Zahlen versiegen zu wollen — es kam nichts mehr. „Achtzehnhundert zum ersten, achtzehnhundert zum zweiten —" leierte der Beamte. „Achtzehnhundertfünfzig", sagte Zipf. Beinahe gleichzeitig rief es ein anderer, der bisher nicht weniger stumm geblieben war. „Doppeltes Angebot, bitte?" stellte der Leiter fest. sechzig" sagte Zipf. „— siebzig" der andere. „— achtzig — neunzig — eintausendneunhundert sind da", rief der Leiter etwas belebt. „Zum ersten — zum zweiten — und —" fiel der Beamte ein. „Neunzehnhundertdreißig", bot Zipf, und sein Widersacher zwanzig mehr. So ging es weiter in einem zähen, einem verdeckten Ansturm. Die Gemeinde begann zu wispern und mit den Katalogen zu rascheln. Was war das? Ferdinand Georg Waldmüller, geboren 1793 zu Wien und gestorben 1865, der Vorläufer der Freilichtmalerei, stieß mit diesem doch als mäßig gewerteten Exemplar „Ländlicher Sonntag" auf ein besonders schwer erklärliches. Interesse. Der Aktionsleiter besah sich die beiden langsamen und nur zu kleinen Etappen entschlossenen Herren. Zu den üblichen Händlern gehörten sie nicht. „Dars ich bitten, etwas flotter voran zu machen", sagte er nervös. „Wir verlieren viel Zeit. Heute nachmittag müssen wir mit allem fertig werden." Aber Zipf ließ sich nicht aus der großen Ruhe bringen. Der andere übrigens ebensowenig. Als man bei zweitausendachthundert Mark angelangt war, mußte wohl oder Übel die bereits angebrochene Mittagsstunde als Pause eingeschaltet werden. Herr Kommerzienrat Silverling persönlich verkündete sie, teils gespannt und aufgekratzt und neugierig, wie hoch dieser Wald- müller noch gehen werde — teils verdrossen, weil das ganze schleppte, und weil es unerhört und noch nie da gewesen war, mitten in einem ausgebotenen Stück abbrechen zu müssen. Der Nachmittag brachte erstaunlicherweise die Fortsetzung. Der gleiche Gang wie in der letzten Stunde des Vormittags. Die Zahl für den Waldmüller kletterte unerschütterlich höher, bedächtig in kleinen Rucken auswärts geschoben, einmal von Zipf und das anderemal von seinem Konkurrenten. Als zur schrecklich schönen Verzweiflung des Auktionsleiters nach einer Stunde der Preis auf zehntausend emporgekrochen war, gab die Kommerzienratshand ein Stoppzeichen. „Moment, bitte", sagte Silverling. „Darf ich mir die Namen der beiden Herren notieren?" „Zips", sagte Zipf. „Kohler", sagte der andere. „Herr Zipf und Herr Kohler, hören Sie, — so können wir doch eigentlich nicht weitermachen, wir —" „Warum nicht?" unterbrach Zips. „Ist alles in Ordnung." „Mein' ich auch!" sagte Kohler. „Aber wann endlich sollen wir denn fertig werden?" jammerte Silverling. „Entschließen Sie sich doch wenigstens in jeweils größeren Beträgen höher zu gehen." „Kein Grund", sagte Zipf. „Ich will so billig kaufen, wie möglich." „Selbstverständlich", sagte Kohler. „Kaufen die Herren im eigenen Namen?" wollte Silverling vor- spüren. „Auftrag", sagte Zipf, „Auftrag", sagte Kohler. „Meine Herren, dürfte ich wissen, in wessen Auftrag? Vielleicht können wir telephonieren —" „Geheim", rief Zips. „Auswärts", behauptete Kohler. „Wenn wir weiter gemacht hätten, statt uns zu unterhalten, wären wir dein Ende jedenfalls näher." Gut, es wurde also roei!e$gemad;t. Aber eine Entscheidung brachte die nächste Stunde nicht, und der ganze Nachmittag nicht. Als der Wettstreit für heule abgebrochen werden mußt?, stand der Waldmüller auf ein- unddreißigtausendfünfhundertundvierzig. Ein wenig taumelig im Kopfe durch stundenlanges Nennen von Zahlen, ein wenig unsicher, wie es enden sollte, aber im ganzen durchaus getrost, begah sich Zipf abends in das Hotel zu Herrn Brameshuber, um Bericht zu erstatten. Der Portier war orientiert; er übergab einen Brief an Zipf. Darin stand zu lesen: „Natürlich kommen Sie zu mir und sind etwas ratlos. ; Aber dazu liegt kein Grund vor. Ich habe den Gang voraus gewußt, ' mich überrascht er nicht. Ich verlange: weitermachen und in kleinen s Säßen unentwegt höher gehen! — Sie sind erstaunt, mich nicht anzu- , treffen? Pech muß der Mensch haben: ein Telegramm ruft mich an das Krankenlager meiner Frau, die einen Autounfall gehabt hat. In vier- undzwanzig Stunden bin ich zurück. Ich benutze das Flugzeug München—Zürich. Eiligst Brameshuber." Als Zipf den Brief zusammenfaltete und durch die Drehtür auf die Straße wollte, kam Kohler hereingedreht. Die beiden grüßten einander. allen Einzelheiten fertig sind. Steht die Uebertragung in die Materie, also die Ausführung des Baues selbst, nicht jenseits des Schöpfungsaktes? Kann sie nicht, wenn alle Maße und Formen genau vorgezeichnet sind, von einem andern geleitet werden? Läßt sich nicht sogar der Bau mehrmals genau gleich ausführen, wenn nur die Anwei- sungen der Risse befolgt werden? (Siedlungshäuser.) Und dennoch; nicht selten hat eine jahrhundertelange Reihe von Baumeistern am gleichen Werk geschaffen, nach immer verändertem Plan. — Auch beim Bauwerk gilt das Gesetz: wer es genießen will, muß zu ihm wandern. Wie anders ist doch die Lage des Dichters! Sein Werk bedarf, um wirken zu können, lediglich der mechanischen Vervielfältigung, aber einerlei, ob sie geschmackvoll und gepflegt oder rauh und billig ausfällt — das Werk bleibt unantastbar dasselbe. Und jedem, der es kennen zu lernen wünscht, steht die Bestellung beim Buchhändler assen, ob sich der Käufer nun am Wohnort des Dichters aushält oder als Antipode Fußsohle gegen Fußsohle zu ihm steht. Gewiß: Dichtungen können vocgetragen werden, können durch guten Vortrag gewinnen und durch schlechten verlieren, aber was spielt das für eine 'Rolle gegenüber der großartigen Tatsache des dem Leser offenstehenden Buches? Einen Spezialfall bildet der Dramatiker. (So etikettierend und ein» schachtelnd können Wortwechsel mit einem — o nein! Ansprachen an einen nicht mehr sichtbaren Gegner sich gestalten!) Er wirkt durch das Buch; aber er will mehr: di« lebendige Darstellung auf der Bühne. Und dazu braucht er (und brauchen Sie, Dichter, wenn Sie einmal ein Drama schreiben) die reproduzierenden Künstler: die Schauspieler und den Spielleiter, der ihre Kunst zu einer Einheit zusammenfaßt — in gewissem Sinne wie der Dirigent das Orchester. Damit, mein lieber Dichter, sind wir bei der Musik angelangt, von der Ihre Aeußerungen ausgingen. Und was noch über den Schauspieler und Regisseur zu bemerken wäre, will ich lieber mit anderen Worten über den Musiker sagen, um zu Ende zu kommen. Auch der Komponist bedarf der mechanischen Vervielfältigung seines Werkes. Aber — wer versteht eine Orchesterpartitur oder auch nur eine Sonate, ein Lied stumm zu lesen? Doch nur der geschulte Berufsmusiker. Für die unendlich vielen, die das Bedürfnis haben, Musik zu gemeßen, ift das bloße Rotenbitd tot. Der reproduzierende Künstler erst gibt dem Werk die Gestalt, in der es sich auszuwirken vermag. Mehr noch: Für die Wiedergabe der meisten Kompositionen bedarf es des verabredeten und höchst abgewogenen Zusammenwirkens mehrerer — im Kammermusik- spiel, im Lied und seiner Begleitung. Die Orchesterwerke gar werden nur durch die gemeinschaftlich ausgeübte Kunst vieler lebendig — vieler, von denen der einzelne nicht mehr die Gestaltung des Gesamtwerkes in fanden hat oder übersehen kann, sondern nur Mosaiksteme in das Bild fügt, zwar so wie die Roten es ihm vorschreiben, aber in her Tonstärke, dem Grad der Bewegung, der rhythmischen Betonung, die der Dirigent im Dienste des Werkes befiehlt. Sm Dienste des Werkes — das ist das entjcheidende. ©ubjettioe Willkür steht außer Debatte (hier wäre in punkto Theaterregie manches zu sagen). Aber ohne subjektive Deutung ist'keine Wiedergabe inöglich: Ein Musikwerk, tausendmal zum Erklingen gebracht, erklingt nicht zweimal genau gleich. Die flüchtige Gestalt seines Lebens ist an die Person des Musikers, an seine Menschlichkeit, sein Können, sein Wollen, an den Zustand seines Körpers, seiner Nerven im Augenblick der Wiedergabe gebunden, an seine letzte Anspannung im Angesichte Hunderter oder Nun^— was sagen Sie, Dichter? An den Werken des Schriftstellers ändert sich kein Hauch und wenn sie in 100 000 Exemplaren verbreitet sind, und kein Dilettant kann sie verzerren. W,r brauchen nichts als einen Verleger. Aber muß der Komponist nicht den konzertierenden Künstler verwöhnen, weil der seinem Werke das Leben gibt, muß ihn nicht das Publikum verwöhnen, weil es ohne ihn, ohne den Einsatz seiner menschlichen und künstlerischen Persönlichkeit in all ihren edlen und — o welche Gefahren! — unedlen Schwankungen eine musikalische Kunst überhaupt nicht gibt? , , ,,,. „ .. Als ich an dieser Stelle des Nachdenkens angelangt war, entstieg ich der Wanne und beschloß nur noch, Ihnen, o Dichter, vorzuhalten: ob jener berühmte Dirigent nach seiner Wiedergabe der 9. Beethovensymphonie nicht doch das Recht gehabt habe, Sie strahlend zu fragen: „nun, wie war's?" Kunstwerk und Wiedergabe. Von Dr. Manfred Schneider, München. In einem abendlichen Kreis, der unlängst um Flaschen spanischen Weines versammelt war, streifte das Gespräch die Arbeit des konzertierenden Musikers. Ein epischer Dichter erzählte ein kleines Erlebnis, das er vor Jahren mit einem berühmten Dirigenten gehabt habe: Nach einer vom Publikum mit tosendem Beifall entgegengenommenen Aufführung von Beethovens 9. Symphonie fei der Dirigent strahlend auf ihn zugekommen mit der Frage „nun, wie war'?" und er, der Dichter, habe erwidert: „schließlich ist das Werk ja von Beethoven!" Obwohl eine Geigenkünstlerin zugegen war, die, durch eine beiläufige Bemerkung die Anekdote des Dichters hervorgerusen hatte und die zu verteidigen ritterlich gewesen wäre, schwieg ich. Vielleicht auH Mangel an Schlagfertigkeit, vielleicht aus Scheu vor einem zugespitzten Wortstreit — was weiß ich. Arn andern Tag aber — ich gestehe: es war in der Badewanne, wo mir dann und wann Gedanken aussteigen, wenn das Wasser heiß genug ist — durchdachte ich den ganzen Komplex „schaffende und reproduktive Kunst" und bekam Mut zu streiten, denn jetzt besaß ich Waffen. Doch ich hatte keinen Gegner mehr. Nun bleibt mir nichts, als die Gedanken durch den Bleistift zu erlösen und dem Dichter, der so wenig von der wiedergebenden Kunst hält („das Werk ist doch da", sagte er), ein Exemplar gedruckt ins Haus zu schicken. Kunst will wirken, will gekannt sein — davon gehe ich aus. Da scheint es nun der bildende KünstlG, der Maler wie der Bildhauer, am leichtesten zu haben. Wenn er sein Werk vollendet hat, ist damit auch die Wirkungsmöglichkeit ohne weiteres gegeben: das Bild oder die Statue müssen nur angeschaut werden, können nicht anders wirken als dadurch, daß man sie anschaut. (Auf die verborgen bleibenden Worte kommt es in diesem Spiel der Vergleiche nicht an.) Nun aber geschieht die schlimme Einschränkung: das Werk der bildenden Kunst ist — mit Ausnahme der Graphik — nur einmal vorhanden; wer es sehen will, muß sich an den Ort begeben, an dem es aufgestellt ist. Man hilft sich durch Wiedergaben, die aber (wieder von der Graphik abgesehen) niemals das Original vervielfältigen, vielmehr die Technik und das Format verändern, die Farben reduzieren oder beseitigen und bei Plastiken gar die entscheidende dritte Dimension verschwinden lassen. Auch der Tänzer — wenn wir ihn den schaffenden Künstlern gleichstellen wollen (er vermag kein bleibendes, körperlich feststehendes Werk hervorzubringen!) — ist in ganz ähnlicher Lage wie der Maler und der Bildhauer. Schwieriger gestaltet sich das Problem beim Architekten. Sein Werk muß als in der Idee vollendet angesehen werden, wenn die Risse in Das Problem der künstlichen Beleuchtung. Von Professor Dr. Paul Schultze-Naumburg. Man kann die Aufgaben der künstlichen Beleuchtung (unter der hier im allgemeinen die elektrische gemeint ist) nach zwei Gesichtspunkten be- tiachten, die unter sich starke Wesensverschiedenheiten ausweisen. Nach dem einen wird die Forderung gestellt, den Raum möglichst unter die Bedingungen des Tageslichtes zu bringen,, gleichsam künstlich das Licht der Sonne zu wiederholen, nach dem anderen, die Besonderheiten der Abend- oder Nachtstimmung zu erhalten, ja zu betonen, und trotzdem so viel Licht zu erzeugen, als zu gewissen Betätigungen gerade notmenbiv ist. Einige Beispiele werden das verdeutlichen. Man nehme den Falt an', daß eine Arbeitsstätte in den Abend- und Nachtzeiten benutzbar gemacht werden soll, und der 'Arbeitsvorgang die die gleiche Beleuchtung wie am Tage verlangt. Dies könnte etwa bei einem Maleratelier der Fall sein oder auch bei technischen Betrieben. Bei beiden wären geschlossene Räume vorausgesetzt. Oder aber es kann sich um Borgänge im Freien handeln, also etwa das Beleuchten eines Bauplatzes. Bei allen diesen Fällen ist das Tageslicht selbst die günstigste Beleuchtung, uno sein Ersatz wird also dessen Besonderheiten, so gut es eben geht, wiederholen. Dadurch, daß bei Vorgängen in geschlossenen Räumen das ~a9C3' licht durch die Fensteröfsnungen fällt, richtet man das Licht gewisiermage und bringt damit besondere und meist günstigere Bedingungen für o Arbeitsvorgang hervor, als unter freiem Himmel der Fall fein wuro, wo das diffuse Licht die Schattenwirkung beeinträchtigen oder ausheven, ja sie blieben sogar stehen; sie waren einander gar nicht feind — wieso auch? Ritterliche Gegner, zumal es um die Gelder von anderen ging. „Auch hier zu tun?" fragte Zipf höflich. „Freilich", lächelte Kohler. „Wir sehen uns morgen", verhieß Zipf.' „Das will ich meinen", schloß Kohler. . Und indes der eine in die Nacht hinausging, trat der andere in den Lichtkreis der Portierloge und wollte sich bei Herrn Brameshuber melden lassen. „ „Herr Kohler", wiederholte der Portier den ihm genannten Namen. „Gewiß, Herr Brameshuber hat einen Brief für Sie hinterlassen. Er ist verreist, aber morgen abend wieder hier." Kohler nahm das Schreiben in Empfang und begann, wahrend er aus dem Hotel fortging, zu lesen: „Sie kommen natürlich zu mir und sind etwas ratlos. Aber dazu liegt kein Grund vor. Ich habe den Gang —" In Berlin. Herr Brameshuber, der hier Schaumann hieß, hatte auf vier Stühlen seines Hotelzimmers vier Bilder stehen. Und vor den Bildern verweilten einige Männer in angestrengtem Sinnen. ,Sie haben mein letztes Wort gehört", sagte Herr Schaumann ganz bestimmt. „Sie haben in den Zeitungen das Münchener Telegramm gelesen. Sie können sich stündlich über den verbissenen Kampf, der in München wegen des Waldmüller geführt wird, informieren. Sie haben hier die von der staatlichen Sammlung ausgestellten, notariell beglaubigten Atteste, daß die vorliegenden vier Waldmiiller echt sind — also, was zögern Sie noch? Ich habe Ihnen meine Preise genannt, sie sind angesichts der Münchener Ereignisse weiß Gott nicht hoch gegriffen." „Ich möchte noch das Münchener Endergebnis abwarten," meinte einer der Männer. „Verstehe ich nicht", mißbilligte Schaumann mild und kopfschüttelnd. „Das Münchener Ende kann doch höchstens mich veranlassen, mit meinen Forderungen hinaufzugehen — aber niemals Sie, dann erst zu kaufen." Es nickten zwei dazu — wider Willen undeutlich. Schaumann sah es dennoch, und er sagte: „Meine Herren, Sie haben Recht, warten wir München ab, in meinem Interesse. Oder besser noch: ich packe meinen Kram zusammen und fahre nach Wien. Was brauche ich in Berlin zu verkaufen? Wien, wo er gelebt hat, ist der Boden für einen Waldmüller — für meine vier Prachtstücke." Und Schaumann, ganz von seinem Einfall eingenommen, halte es so eilig, daß er schon den Deckel des Koffers aufschlug. Da tauften drei Männer vier fraglos echte Waldmüller, augenblicklich fraglos preiswert. Sie zahlten in bar, und Herrn Brameshuber-Schaumcmn hinderte eine Stunde später nichts, abzureisen. Ob nach Wien, ist nicht sicher. Wan kann sagen: wohin, ist unbekannt; jedenfalls nicht nach München, wo immer noch der „Ländliche Sonntag" versteigert wurde. oas direkte Sonnenlicht aber Vlendungserschelnungen Hervorrufen würde. Es kommt nicht |o auf ein Maximum von Licht, sondern auf ein Optimum an. Diese kurze Erwägung schon zeigt die geringe Bedeutung gewisser heutiger Baubestrebungen, Häuser ganz aus Glas zu propagieren, die sich unter dem alles deckenden Schutznamen des Modernen bergen. Da solche hinsichtlich des Kälte- und Wärmeschutzes ganz unerträgliche Bedingungen schaffen würden, die nur mit ausgedehnten und sehr kostspieligen Hilfsmitteln zu mildern wären, bliebe als einziger Vorteil das Maximum von Licht, das bei der überragenden Mehrheit der menschlichen Arbeitsvorgänge nicht nötig, ja unbequem oder lästig ist. Deshalb bringt man an den Fensteröffnungen eines Ateliers auch meist Vorhänge an, die gleich der Jrisblende eines photographischen Objektivs die jeweils günstigste Abblendung herbeiführen. Bei Arbeitsvorgängen ganz im Freien, die mit grobem Material hantieren, wie etwa bei dem Beispiel des Bauplatzes, würde die künstliche Erzeugung mit der gleichen Lichtquaniität wie am Tage viel zu hohe Aufwendungen verursachen, die sich weder bezahlt machen, noch sich auch als erforderlich erweisen könnten. Dagegen liehe sich der beschränkte und abgeschlossene Jnnenraum einer Werkstätte schon eher unter die annähernd wiederholten Bedingungen des Tageslichtes setzen. Man müßte dann die Lichtquelle nicht im Raum, sondern vor dem Fenster anordnen und Vorrichtungen anbringen, die das Licht beim Passieren des Fensters zerstreuen. Dabei bliebe dieses in der gleichen Weise gerichtet wie am Tage. An sich ließen sich solche Einrichtungen wohl konstruieren, es wäre indessen die Frage, ob sie sich lohnen und den erheblichen Aufwand rechtfertigen würden. Jedenfalls muß die Aufgabe von Fall zu Fall untersucht werden. Eines der extremsten Beispiele liefert das heutige Filmatelier. Der darin ausgenommene Filmstreifen wird beim Beschauen des vorgeführten Bildes die Illusion des Vorganges im Tageslicht Hervorrusen. Tatsächlich aber stellt sich die Filmtechnik immer mehr auf Aufnahmen ganz bei künstlichem Licht ein. Das geht so weit, daß man die Filmateliers heute von vornherein ohne Fenster baut. Die Beleuchtungen der Objekts werden allerdings mit Mitteln hervorgebracht, die ein Optimum sür die photo- graphifche Platte herbeiführen, also möglichst viel photographisch wirksames Dicht erzeugen. Diese Beleuchtung hat indessen nichts mit dem natürlichen Beringungen unseres Auges zu tun, sondern wird im Gegenteil von diesem als schwer erträglich empfunden. In den letzten Jahren hat unsere Beleuchtungstechnik sehr eifrig das Problem bearbeitet, mit Lichtquellen innerhalb des Raumes eins Beleuchtung zu erzielen, die dem Tageslicht nahekommt und dabei nach Mitteln gesucht, es nach Möglichkeit diffus zu machen. Wie weit sie damit überall auf dem richtigen Wege ist, sei dahingestellt. Man hat es zwar mit allerhand geschickt ersonnenen Vorrichtungen dahin gebracht, daß sich mit dem geringsten Kraftaufwand eine durchaus gleichartige Helligkeit im ganzen Raume ausbreitet; es inuß nur gefragt werden, wo und zu welchem Zweck eine solche gleichmäßige, alles auslösende Helligkeit wirklich erforderlich oder auch nur erwünscht ist. Es war hier schon einmal darauf hingewiesen, daß wir durch Fenster des geschlossenen Raumes das Licht gleichsam richten können. In noch viel stärkerem Maße läßt sich das aber auch mit künstlichen Lichtquellen erzielen, indem wir dieLicht- Verteilung auf Objekt und umgebenden Raum in ungleicher, aber sinngemäßer Weise verteilen. Hier lassen sich natürlich keine allgemeinen Richtlinien aufstellen, sondern der Arbeitsvorgang selbst muß die jeweiligen Richtlinien bestimmen. Wo eine vollständig gleichartige Beleuchtung des ganzen Raumes bis in den fernsten Winkel hinein ohne Schattenwirkung und ohne Betonung einzelner Objekte erwünscht ist, liefert die indirekte Beleuchtung, die die Lichtquelle vollständig abblendet und die Lichtstrahlen gegen die helle Decke wirft, geeignete Methoden. Nur ist sicherlich ihr Verwendungsgebiet weit geringer, als gewöhnlich angenommen wird. Auch wenn man die Tatsache übersehen kann, daß nur ein Bruchteil der auf- gewandten Lichtenergie zur tatsächlichen Ausnutzung kommt, während der weit erheblichere Teil verlorengeht, wird auf ein einzelnes Arbeitsobjekt verhältnismäßig wenig Licht konzentriert. Meine eigenen Versuchs in Zeichenwerkstätten erwiesen immer wieder, daß die Verwendung einer kleineren, aber aus die Zeichnung gerichteten Lichtsumme weit günstigere Verhältnisse für das Auge ergaben, wenn die Lichtquelle selbst gegen das Auge abgeblendet war. Auch rein wirtschaftlich ist diese letzte Methode die günstigere, da es bei dem herangezogenen Beispiel eines Zeichenbureaus gänzlich unmöglich ist, in die entfernten Ecken des Raumes die gleiche Lichtmenge zu richten wie auf das Zeichenblatt. Die Beleuchtung jenes Winkels braucht ja auch nicht ständig vor sich zu gehen, sondern kann jeweils eingeschaltet werden, wenn er wirklich gebraucht wird. Und hier kommen wir zu dem springenden Punkt der ganzen Frage: Man darf nicht übersehen, daß es eine große Menge menschlicher Betätigungsfelder gibt, die bei künstlichem und abgeblendetem Licht besser« Bedingungen finden, als bei hellem Tageslicht. Es ist dies eine Erfahrung, die sich vor allem bei unzähligen geistigen Arbeitern wiederholt, die alle mit Vorliebe die Abend- oder gar Nachtstunden benutzen. Die geistige Konzentration ist offenbar größer, wenn sich der Arbeitende ün einem Schreib- oder sonstigen Arbeitstisch befindet und nur seine Papiere oder sonstigen Objekte hell be- leiichtet vor sich, hat, der Raum aber im übrigen in Dunkelheit oder Dämmerung versinkt. Schon durch die Kontrastwirkung wird hierbei nur ein Bruchteil des Lichtauswandes erforderlich, um das Optimum der Helligkeit hervorzubringen, während jede weitere geistige Ablenkung durch das Auge wegfällt. Aehnliches gilt für viele mechanische Arbeiten, bei denen sich die Beschäftigung allein auf den Einzelgegenstand richtet, während die weitere Umgebung vernachlässigt oder ausgeschaltet werden kann. In gleichem Grade gelten diese Beobachtungen aber auch für die rein familiären oder geselligen Gebiete. Für das trauliche abendliche Zusammensein eines Kreises beim Essen, beim Lesen, Plaudern, Handarbeiten, und was dergleichen mehr ist, gibt es keine ungünstigere Beleuchtung, als eine helle, unabgeblendets Mittelbeleuchtung des Raumes, die unbarmherzig ihre Strahlen überall gleichmäßig versendet, oder gar die gänzlich diffuse Beleuchtung. Der besondere Reiz der abendlichen Stunden wird dadurch in keiner Weise ausgenutzt, und die Mittel, wie sie besonders die elektrische Beleuchtung in so reichen Grade darbietet, unnütz vertan. Denn gerade das gänzlich gesahrlose elektrische Licht läßt sich in vfel mannigfaltigerer Weise abblenden und dämpfen, als es mit einer offen brennenden Flamme der Fäll ist. Es ist hier nicht der Raum oder die Aufgabe, die Methode einzeln auszuführen. Nur kurz sei darauf hingedeutet, daß die mit einem großen L>chirm versehene Hängelampe über dem Eßtisch, dem Familientisch, die auf dem Tisch oder auch aus dem Boden stehende hohe Stehlampe nie und nimmer durch den Kronleuchter oder sonstige offene Mittelbeleuchtung ersetzt werden kann. Cs gibt selbstverständlich festliche oder sonstige Gelegenheiten, in denen die direkte (oder indirekte) Belichtung des ganzen Raumes notwendig wird, nur sind beide Vorgänge in keiner Weise gleichzusetzen oder gar zu vertauschen. Wie es heute eine rationell durchdacht Wärmewirtschast gibt, so versucht man heute vielfach auch die Lichtwirtschaft unter gleichen Gesichtspunkten zu bearbeiten. Die sich ständig verbessernden Konstruktionen der elektrisck)en Lichttechnik eröffnen ein reiches Gebiet, das sicherlich immer mehr in erfolgreichster Weise erschlossen wird. Andererseits kann man sich aber auch hie und da nicht der Beobachtung verschließen, daß viele an sich ganz einfache Aufgaben mit großem Aufwand erst kompliziert gemacht werden, ohne daß die Lösung eine tatsächliche Verbesserung bringt. Ost werden sogar durch Unkenntnis oder Verkennung der tatsächlichen Bedingungen wesentliche Verschlechterungen erzielt, wenn, wie heute so häufig, der Wunsch, von dem natürlich Gegebenen um jeden Preis abzu- weichen, größer ist als der, der Sache zu dienen. Ontje Arps. Erzählung von Manfred Hausmann. (Fortsetzung.) Als sie ihre Milch getrunken hatten, rannten sie durch den Obstgarten nach der Burg, alle fünf. Fünf? Ja, leider waren auch die Kreyenhops an diesem Sonntag auf Weyerhorst zu Gaste. Die Alten schlenderten in die Bibliothek und beredeten dies und das. Nebelfetzen trieben ums Haus. Herr von Kreyenhop meinte, gegen Abend würde Regen kommen, Höm, höm, es ging wieder einmal mit Macht auf den Wmter los. Was war das Leben? Die Damen fanden es am Kamin ganz behaglich. „Stöcke her!" schrien Richard und Ludolf, die heute ihren wilden Tag hatten. Sie saßen als die ersten in der Burg. „Wir sind drin! Ihr könnt ja die Schanze nehmen und uns belagern! Wo sind denn die Stöcke, verdammt noch einmal!" Gut, Hinnerk legte sich hinter die Schanze. Wie einerlei es doch war, wer die Burg hatte! Der Nachmittag war verpfuscht. Er hatte sich darauf gefreut, mit Ontje ein wenig an der Burg zu bauen, im Boot auf der Northe zu träumen und hernach auf dem Puppentheater die Pfalzgräfin Genoveva mit Kerzenbeleuchtung und Spieluhr erscheinen zu lassen. Statt dessen gab es jetzt Geschrei und Getrampel. Pfui Teufel! „Ich kann nichts dazu," sagte er leise zu Ontje, „ich hätte gleich auf- weinen mögen, wie ich sie den Pappelweg herkutschieren sah." Ontje gab den Tag keineswegs verloren. Vorhin bei der Milch war er freilich verzagt gewesen, als das wabblige Tortenstück beim besten Willen nicht auf seinen Teller wollte. Melusine hatte vor Lachen von ihrem Stuhl aufstchen müssen, und sogar Hinnerk hatte mit den Augen gezwinkert. Aber jetzt! O jetzt! Aufs Kriegsführen verstand er sich besser als aufs Balancieren von Tortenftücken. Wartet nur! Ueberdies sollte er sich Seite an Seite mit Hinnerk ins Gefecht werfen. Ein verlorener Tag? Es war gar nicht auszudenken, wie herrlich alles noch werden konnte! „Jetzt müssen wir sie erst einmal aus der Burg rausschmeihen, und dann verhauen wir sie, und dann brennen wir ihnen durch. Ihr habt hier ja allerlei Rohr und Gebüsch und so, da machen wir uns ein Versteck mit richtigem Wasser drumherum." Melusine beschloß, dem Getriebe fürs erste von weitem zuzusehen. Sie hatte einen pelzbesetzten Mantel an und ein weißes Spazierstöckchen in der Hand. Gegen den Obstgarten hin rauschten ein paar mächtige Kappeln, auf der andern Seite nahm die dunstig« Ebene mit einem hohen Schilfwald ihren Anfang. „Im November wird die Brakhuder Schleuse aufgemacht," sagte Hinnerk, „bann ist hier alles überschwemmt." „Und wenn ihr mal hinüber wollt?" „Das geht nicht, oder wir müssen ein Boot nehmen. Aber das Wasser friert ja bald zu. Wir können alle jchlittschuhlaufen." „Nun gut." Der Spielplatz schob sich wie eine kleine Halbinsel in das Röhricht hinein. In der Mitte hatte Hinnerk seine Burg angelegt; ein runder Erd wall, ringsherum ein Graben, darüber ein Kiftendeckel als Zugbrücke. Richard zog ihn hoch und verrammelte den Eingang. Die Schanze war neben einem Weidenknorren dicht am Schilf aufgeworfen. Ein schmutziges Taschentuch schwingend und einen Apfel benagend, kam Ludolf herbei und wollte die Stöcke holen. Drei waren noch da, Ontje brach sich aus den Weidenknorren einen neuen. Cs konnte losgehen. Bums, da ging es schon los! Ludols schoß den Rest seines Apsels Hinnerk an den Kopf, Richard warf Erdklumpen hinterher. Da blieb Ontje nicht faul mit meisterlichen Granaten und Kartätschen, und auch Hinnerk eröffnete ein schwaches Bombardement. Viel Schade wurde nicht angerichtet, Wall und Schanze boten gute Deckung. Der Wind wühlte sich in die Pappeln, Blätter trillerten durch die Luft, das SchUf brauste auf, die Geschosse zischten dahin. So mußte es sein, wenn eine Schlacht geschlagen wurde. Ontje loderte vor Kamps und Kommando. „Leg deinen Stock zurecht!" kommandierte er. Dann schleuderte er drei Klumpen schnell gegen die Burg, die Kreyenhops krochen hinter den Wall, trotzdem warf Ontje, erfahren in List und Belagerung, einen vierten und fünften. Bauz, der fünfte zerplatzte auf Ludolfs Schädel, der gerade wieder vorsichtig auftauchte. Das war der Krieg. „Hurra!" schrie Ontje und stürmte los, Hinnerk hinterher. Aber die Burgbesatzung mar noch lange nicht mürbe. Hui, hui, pfiffen die Stöcke, Wunder von Tapferkeit wurden gezeigt und ausgezeichnete Flüche vorgebracht. Einmal gelang es Hinnerk, gegen den Wall zu treten, witsch, da bekam er einen Hieb übers Bein, daß ihm das Wasser in die Augen trat. Ontje fing vor Wut an zu singen. Aber auch ihm erging es übel. Er trachtete ununterbrochen danach, Ludolf eins über den Kopf zu geben, womöglich auf die frische Beule, damit es durchdringender wirkte. Besessen von seiner Grausamkeit, hatte er für nichts andres mehr Augen, bis ihn Richard plötzlich mit aller Wucht über den Handrücken traf. Das Blut sprang heraus. Wie Hinnerk es sah, hörte er vor Entsetzen auf zu kämpfen. Nein, es half nichts, sie mußten hinter dis Schanze zurück. Die Burgmannen jauchzten ihren Sieg in alle Winde, und Melusine ließ ihr Spazierstöckchen fallen und klatschte in die Hände. „Die soll nur ihre Schnauze halten!" kochte Ontje und leckte sich das Blut ab. Hinnerk stand das Herz still. „Was soll sie?" „Die Schnauze halten." „Um Gottes willen, so etwas darfst du nicht sagen, Ontje! Um Gottes willen!" Was schwatzte Hinnerk denn? Meinte er etwa, es wäre weiter nichts dabei, eine Schlacht verloren zu haben? Jawohl, sie hatten die Schlacht regelrecht verloren. Die Feinde lachten sich eins, und er, Ontje, blutete. Sollte man da nicht in die Luft springen vor Schande! Er rupft« einen Büschel Gras aus und aß es auf. „Ich muß einen längeren Stock haben!" Nun konnte man sehen, daß Ontje nicht mehr bei Berstand war. Wie hätte er denn sonst die Dummheit begehen mögen, auf eine Pappel zu klettern, um sich' da oben einen neuen Stock abzubrechen? Er brauchte unbedingt einen längeren, schön und gut, aber durfte er in diesem Augenblick das Schlachtfeld verlassen? Kaum hing er im Geäst, sechs Meter über der Erde, windurnsaust, da galoppierten die Kreyenhops lautlos gegen die Schanze, Hinnerk schrie, zur Seite trudelnd, um Hilfe, Zu spät. Sie schleiften ihn schon in die Burg. Wenn Ontje sich auch vor Schreck blindlings vorn Baurn herabfallen ließ, er konnte, halb betäubt vorn Sturz, nichts mehr retten Ein Hagel von Erdklumpen trieb ihn hinter die Schanze zprllck. War nun alles aus? Hoho, jetzt fing es erst richtig an! Es ging um die Ehre, es ging um den Sieg . . . ach was, es ging ja um Hinnerk, er lag gefangen in der Burg, einzig um Hinnerk ging es! Ontje nahm die Beschießung wieder auf, die Belagerten durften nicht zur Besinnung kommen. Unter Werfen und Sichducken übersah er das Gelände und ließ sein kleines, aufgeregtes Gehirn funktionieren. In drei Minuten hatte er einen Plan fertig. Er feuerte eine Salve ab und verbarg sich hinter der Schanze, um neue Munition zu sammeln. Wieder eine Salve . . hinab hinter die Schanze. — Salve . . . hinab. — Salve . . . hinab. Als er seine Gegner so weit hatte, daß sie nichts mehr dabei fanden, wenn er für kurze Zeit unsichtbar blieb, setzte er alles auf eine Karte. Eben überschüttete er die Burg noch'mit Geschossen, die den Feind hinter den Wall zwangen, im nächsten Augenblick glitt er wie der Blitz seitwärts in den brausenden Schilfwald und watete niedergebückt, so schnell er konnte, um die Halbinsel herum. Er versank, keuchte, riß sich auf, weiter, weiter, nun war er schon im Rücken des Feindes, der noch immer die leere Schanze beschoß. Born Rande des Schilfs bis zur Burg mochten's noch zwanzig Schritte sein. Ontje rannte los, aber da fing Melusine, diese Satanshexe von einem Weibsstück, an zu kreischen und zu winken. Gott sei Dank begriffen die Kreyenhops nicht eher, was sie wollte, bis Ontje schon wie eine Kanonenkugel in die Burg hineinwetterte, Richard mit einem einzigen Nackenschlag. kopfüber in den Graben keilte und seinen Bruder und'den halben Wall mit einem Fußtritt hinterherschickte. Ehe die beiden sich da unten recht besinnen konnten, fiel Ontje mit einem Stock über sie her. Ludolf kniff sofort aus, Richard suchte sich zu wehren, aber der rasende Sieger ließ ihn nicht auf die Beine kommen. Keine Gnade jetzt! Erst als Hinnerk, der, am Boden liegend, überhaupt nicht begriff, wo denn dieser Wirbel herdonnerte und hinauswollte, dazwischensprang, konnte sich auch Richard in Sicherheit bringen und den verschluckten Sand aus seinem Munde ausspucken. Gewonnen! Sieg! Viktoria! Halt, nicht völlig gewonnen! Jetzt kam Melusine angezetert: „Das sag' ich deinem Vater, Hinnerk, so, das wird gesagt!" Ontje zwickte ihr eins über die Beine, pfiff! Sie knickte zusammen und hinkte heulend davon. Ein leichter Sieg. „Ich danke dir", sagte Hinnerk. „Ach was!" „Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen, das mit Melusine. Sie läuft jetzt geradewegs zu meinem Vater." Ontje wickelte sein Taschentuch um die verwundete Hand. „Das hätte sie sowieso getan," brummte er, „bind' mir mal hier einen Knoten drauf. Die Burg ist übrigens nicht viel wert, du." „Nein. Aber können wir uns nicht eine aus Weidengeflecht machen, wie du mir’s neulich gesagt hast?" „Doch. Und in den Graben pflanzen wir spitze Pfähle und . . ." „Ich will wetten, Ontje, daß mein Vater mich schon sucht. . . Du, wenn wir uns nun für heute ein kleines Versteck im Schilf anlegten?" „Meinst du?" Sie tauchten in den wogenden Wald. Hinnerk platschte voran. Er wußte eine Art Insel in all dieser Feuchte, einen Weidenbusch und ein wenig Gras, das man bewohnen konnte. Da waren sie schon. Ontje sah sich um. „Hast du ein Messer bei dir?" „Nur ein ganz winziges." Es erwies sich aber als groß genug, um die überflüssigen Zweige weg- zuschneiden und vertrocknetes Schilfgras für ein Lager zu mähen. „Sei mal still," flüsterte Hinnerk, „mein Vater!" Wahrhaftig, eine dröhnende Stimme verlangte nach Hinnerk. „Duck dich weg! Da sind sie ja! Da, im Obstgarten!" „Wer?" „Dein Vater und der andere und Melusine." „Meine Mutter nicht?" „Nein." „Hinnerk! Wo steckt der Bengel denn?" „O Gott!" sagte Hinnerk zitternd. Das Schilf schlug aneinander, es roch nach Fäulnis. „Komm, duck dich nur weg, sonst . . ." Himmel, es war schon zu spät. „Ich sehe da doch was!" dröhnte Herr von der Lydt. „Hinnerk, Bengel, soll ich dich holen?" „Nein . . . nein ... bas halte ich nicht aus! Diese Schande . . . diese Schande ... Ich halte es nicht aus!" Er tag schluchzend im Gras. „Du, was ist denn? . . . Was . . . was . . . du!" Hinnerk schleuderte das Kinn zurück und faßte sich an den Hals, als würde er dort bedrängt. „Jetzt schlägt er mich wieder vor den andern. Ich will das nicht! So eine Schande! Die andern gucken zu! Hilf mir doch, Ontje, mach mich tot, mach mich tot . . . mach mich tot . . .!" Ontje fürchtete sich ordentlich vor der Gewalt dieser Verzweiflung. „Ich glaube, er kommt hierher", flüsterte er. Aber Hinnerk hörte nicht, er schluchzte und zuckte. „Mach mich tot." Da stand Ontje leise aus und ging Herrn von der Lydt entgegen. „Sieh einer an, du- bist es also! Wo ist Hinnerk?" „Wir wollten aus den Heuboden und da . . ." _ „Was du nicht sagst, auf den Heuboden! Komm einmal her, mein Sohn!" Er steckte feine Zigarre in den Mund und zog Ontje am Ohr zur Burg hin. „Was haben wir denn zum Beispiel mit dieser jungen Dame gemacht?" Melusine fing vor lauter Erinnerung wieder an zu heulen. „Habt euch ja benommen wie die Stallknechte!" grunzte Herr von Kreyenhop und guckte Ontje mit bösen Augen durch den flatternden Rauch feiner Zigarre an. „Adrette Kinder dürfen sich wohl überhaupt nicht mehr auf Weyerhorst blicken lassen, he?" Ontje schwebte aus den äußersten Zehenspitzen. Die Finger, die sein Ohr hielten, zerrten immer unbarmherziger. Plötzlich ließen sie los, und ein Handrücken schlug ihm ins Gesicht, daß er hintenüber kollerte. „Infamer Lümmel!" Dann stampfte Herr von der Lydt mit den andern gegen den Wind gelehnt davon. Ontje blieb ruhig liegen, bis sie um die Hausecke bogen. Das war ja nicht schlimm gewesen. Von der Backe sickerten ein paar Blutstropfen ! herab, die wohl Herrn von der Lydts großer Ring herausgerissen hatte. I Wie er sie abwischen wollte, neigte sich von hinten ein heißes Gesicht über ; ihn, zwei fiebrige Arme griffen über feine Brust, er spürte einen Kuß auf j feinem Mund und hörte immerzu: „Ontje! Ontje!" Einen Augenblick versank er in eine wundersame Goldnacht . . . blaue Seide ... ein wehmütig gebogener Mund . . . Frieden und Glück. Aber Hinnerk weckte ihn wieder auf: .Komm, Ontje! Komm!" Er zerrte ihn zurück ins Schilf, an der Weideninsel vorbei, platsch, platsch. Komm, Ontje! Komm! Immer tiefer hinein, bis dorthin, wo der Grund wieder sachte anftieg und sich in Heide, Sand und Gagelgesträuch verwandelte. Hinnerk warf sich hin. „Komm, Ontje!" Hinter ihnen riefelte und brauste das Schilf, vor ihnen dehnten sich weite Wiesen. In der Ferne stand das Moor. Ein Regenschauer wehte heran. „Ontje, das kann ich nie vergessen, das tatjn ich nie, nie, nie vergessen! Ontje, wollen wir Blutsbrüder werden?" Hinnerks nackte Brust wurde von den Stößen seines wilden Herzens erschüttert, seine Lippen bebten unablässig. „Was ist das denn?" fragte Ontje. „Erst mußt du mir sagen, ob du willst." „Ja." „Das ist so." Er holte sein Messerchen hervor, streifte den linken Aermel auf und schnitt sich, zusammenfahrend, in das weiße Fleisch des Unterarms. Das Blut quoll dunkel heraus. „Nun du!" Ontje machte es ihm nach. Da schmiegte Hinnerk seinen Arm an den des Freundes, daß die beiden purpurnen Bahnen ineinanderfloffen. „Ontje, ich will dir immer treu fein!" Er beugte sich herab und schlürfte ein wenig von dem Blut. „Ja, Hinnerk, ich dir auch." Ihre Augen, bang und groß von dem Geheimnis der Stunde, ihre un- wiffenden Jungenaugen ertranken ineinander. „Nun müssen wir uns küssen", sagte Hinnerk. Sie taten’s scheu. Dann saßen sie lange, da und schämten sich voreinander. Der Regen hüllte sie ein. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.