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Sonst werde ich Ihr Bett zum Sarg Da streifte Frank Shephard langsam Es war ein Ring aus Platin mit einem auf den Tisch neben Ihr Bett. I für Sie machen." den Ring von seinem Finger, kunstvoll gefaßten Diamanten. es schon wieder. „Hier Police-Station West 57. Der Verbrecher, der Ihnen stahl, wurde unter Billy Thomas' Führung gefaßt und ihm Guten Tag." Shephard war platt. Er hatte kaum den Hörer eingehängt, Einige Stunden darauf schellte das Telephon bei Frank Shephard. „Hier Detektiv Till Glan. Mein Freund Billy Thomas bat mich, ihm beim Aufspüren desjenigen Räubers zu helfen, der Ihnen den Diamant» ring raubte. Ich bitte Sie, sich auf uns zu verlassen. Neuyork ist zwar groß, aber ich schmeichle mir, schon schwierigere Fälle, als den jetzigen, gelost zu haben. Sie werden wieder von mir hören. Guten Tag." Frank Shephard war erstaunt. Dieser Billy Thomas machte Ernst und bemühte sich tatsächlich um die Aufklärung des Ringraubes. Gott, wie lächerlich. Die Neuyorker Polizei, die Shephard sofort benachrichtigt hatte, Bald darauf läutete die Telephonschelle abermals. „Hier Police-Station West 57. Wir wollen Ihnen sagen, daß wir dem Detektiv Till Glan sechs Beamte zur Verfügung gestellt haben, da Till Glan bereits eine Spur des Räubers gefunden hat. Wir benachrichtigen Sie, sobald weitere Resultate vorliegen." Shephard wurde erstaunter. Dieser Billy Thomas ging tatsächlich planmäßig vor. Er schien verteufelt Ernst zu machen. Sollte es ihm mit seinems Freunde Glan wirklich gelingen, den Ring wieder herbeizuschaffen? Wieder dachte Frank Shephard an Helen. Auch an sein Versprechen dachte er, das er dem Billy Thomas gegeben hatte. Dann versank er in tiefes Nachdenken. Dann jedoch hörte Shephard tagelang nichts mehr von Thomas und Glan. Und er fing an, den Ring langsam zu verschmerzen. Das Verbrecherpack Neuyorks war eben zu abgefeimt. Millionen von Verbrechen in Neuyork blieben ungeklärt. Frank Shephard, der Vater Helens, wachte nachts darauf plötzlich in seinem Schlafzimmer auf. Sämtliche elektrische Lampen brannten hell. Vor dem Bett Frank Shephards stand ein Wann, trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und hielt seelenruhig einen großen Revolver auf Shephard gerichtet. „Geben Sie mir sofort den Ring, den Sie an der rechten Hand tragen." Frank Shephard war ein wenig fassungslos. „Wer sind Sie?" fragte er bann. „Das geht Sie gar nichts an. Geben Sie mir den Ring ober ich lasse eine Kugel in Ihr Köpfchen spazieren." Der Maskierte trat dichter an Shephard heran. Der begann ein wenig zu zittern. „Ich werde Alarm schlagen," sagte er schwach. „Das werden Sie bleiben lassen, und mir den Ring geben. Streifen Zwei Tage darauf rief Till Glan an. „Hier Till Glan. Also lieber Herr Shephard, der Ring ist wieder da unib in unserem Besitz. Billy Thomas ist bereits auf dem Wege zu Ihnen, um Ihnen den Ring zurückzugeben. Er muß bald bei Ihnen Billy Thomas. Dann dachte Shephard an feine Tochter er mit väterlicher Liebe hing. Dieser Thomas wollte heiraten? Lächerlich. Dieser Herr würde nie der Mann werden. * würde ^sicherlich mehr von einer Räuberverfolgung verstehen, als dieser ~ ...... ’ ~ Helen, an der Am Nachmittag des folgenden Tages ließ sich Billy Thomas bei Frank Shephard melden. Der fei nicht zu sprechen, wurde ihm gesagt. „Ich muß Frank Shephard wegen der Zuckerspekulation der Clissord Company sprechen." Kurz daraus wurde Billy Thomas vorgelassen. „Was wollen Sie wegen der Zuckerspekulation Clisford", sagte Shephard, ohne von seiner Arbeit auszusehen. „Gar nichts. Aber ich will Sie um die Hand Ihrer Tochter Helen bitten." Shephard sprang auf. „Sind Sie verrückt? ... Wer sind Sie überhaupt?" „Verzeihung, ich ließ Ihnen bereits sagen, daß ich Billy Thomas heiße. Ich kenne Ihre Tochter bereits längere Zeit. Sie hat Ihnen von mir erzählt und ..." „So, so ... Aber ich kann Ihnen nur raten, hier möglichst schnell zu verschwinden. Oder meinen Sie vielleicht, daß ich daraus gewartet habe, daß ausgerechnet Sie, verehrter Herr, um die Hand meiner Tochter anhalten?" Billy Thomas jedoch blieb ruhig stehen. „Ich kann mir denken, daß Ihnen die Wiederbeschaffung Ihres Ringes wichtiger ist als meine Heiratssehnsucht. Trotzdem ..." „Sie wissen?", sagte da Shephard erregt. „Sicher, aus den Mittagsblättern." „So, und bann wagen Sie noch, mir mit Heiratsanträgen zu kommen, wo Sie annehmen müssen, daß mir, weiß Gott, augenblicklich mchr darum zu tun ist, den Ring wiederzubekommen, als meine Tochter ausgerechnet Ihnen zu geben? Herr, sind Sie nicht ganz normal?" „Doch, vollkommen." Billy Thomas stand furchtlos und unbeweglich. Dann sagte er fest: „Schön. Wollen Sie von mir einen Vorschlag hören? Halten Sie ihn, bitte, nicht für kindisch. Er ist von mir völlig ernst gemeint." Shephavd schwieg und sah Thomas nur spöttisch an. Der fuhr ruhig fort: „Ich werde mich mit meinem Freunde, dem Detektiv Till Glan, aufmachen, und versuchen, den Ring wiederzubekommen. Nehmen Sie meinen Vorschlag an: ich versuche, Ihnen den Ring wiederzubringen. Gelingt mir bas, so geben Sie mir Ihre Tochter zur Frau. Der Ring ist ein Vermögen wert. Ich habe kein Vermögen, wie Sie ja wohl von Ihrer Tochter wissen. Aber, wenn ich Ihnen den Ring wiederbeschaffe, so ist bas so gut, als wie wenn ich Ihnen ein Vermögen als Schwiegersohn mit» brächte. Nehmen Sie meinen Vorschlag an?" Nun mußte Shephavd lächeln. „Solchen Vorschlag nehme ich gern an. Denn Sie, junger Mann, werden mir den Ring gewiß nicht wieder herbei schaffen." „Danke, das genügt mir. Ich halle Sie für einen Ehrenmann und nehme an, daß Sie Ihre Zusage halten werden, wenn es mir gelingen sollte, den Ring wieder herbeizuschaffen. Ich werde mir die größte Mühe geben, die Einlösung Ihres Versprechens zu bekommen." Dann verbeugte sich Billy Thomas kurz, und verließ Frank Shephard. Unruhige Nacht. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Heut ward mir bis zum jungen Tag der Schlummer abgebrochen, im Herzen ging es Schlag auf Schlag mit Hämmern und mit Pochen, als trieb sich eine Bubenschar wild um in beiden Kammern; gewährt hat, bis es Morgen war, das Klopfen und das Hammern. Nun weist es sich bei Tagesschein, was drin geschafft die Rangen: Sie haben mir im Herzensschrein dein Bildnis aufgehangen! Der Ring des Frank Shephard. Eine abenteuerliche Geschichte von Albert Maaß. (Flachdruck verboten.) Es war an einem schönen Sommerabend in Neuyork. Billy Thomas stand vor Helen Shephard. Die war ein wenig traurig und sagte: „Mein Vater will nicht, daß wir uns heiraten. Er hat viel Geld und will auch bei seinem Schwiegersohn Geld sehen. Er lacht darüber, baß ein Bankangestellter seine Tochter Giraten will." „Das rührt mich »richt," meinte Billy Thomas. „Ich werde morgen zu ihm gehen und offiziell um deine Hand anhalten. Dann kann er mir selbst erzählen, was er vor hat." Helen Shephavd lächelte ein wenig, als Billy Thomas so sprach. Doch ihr Lächeln war wenig zuversichtlich. Dann sagten sie sich „Guten Abend!" und schieden voneinander. ®iefjener$amilienMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Ein Vermögen war dieser wert. Zitternd legte Sbepljarb den Ring auf den Tisch. Vorsichtig nahm ihn der Maskierte fort und vergaß nicht, seinen Revolver Sorgfältig auf Shephard zu halten. Als er den Ring in die Tasche gefleckt hatte, verbeugte er sich höflich vor Shephard und sagte: i.Ich danke Ihnen verbi üblichst, mein Herr. Sie werden den Ring schon verschmerzen. Machen Sie sich keine Mühe, ihn wieder zu erlangen. Sie würden sich nur unnötige Arbeit machen." Dann ging der Maskierte langsam nach einem Fenster, bas offen stand, zurück, sprang daraus wie der Blitz durch dieses in den Garten und war im nächsten Moment verschwunden. Frank Shephard aber sprang aus dem Bett und schellte Alarm. Doch fand man keine Spur mehr von dem Maskierten. 5tont Shephard war aus dem Häuschen. Der Ning kam zurück. Gott sei Dank! Aber wie unvorsichtig eigeiiiiich von der Polizei, den Ring einfach dem Billy Thomas zu überlassen. Wenn dieser ihn nun gar nicht brächt«, sondern damit durchginge? Als Shephard noch so dachte, wurde Billy Thomas gemeldet. „Hier ist der Ring," sagte .Thomas beim Eintreten. „Bitte, sehen Sie nach, ob es der richtige ist." Frank Shephard 'war fast in?rroirrt und griff zitternd nach dem Ring. „Tatsächlich, es ist mein Ring. Wie haben Sie das denn fertiggebracht?" ' * „Oh, mein Freund Till Gian ist ein ausgezeichneter Detektiv, und ich bin auch nicht bange. Darauf können Sie sich verlassen. Uebrigens unterstützten uns Policemen mit Polizeihunden. Doch jetzt dürfen mir wohl sofort zu Ihrer Tochter Helen gehen, denn ich nehme an, daß sie ein Ehrenmann^ sind und Ihr Versprechen halten." Frank Lchephard wandte sich ab und schwieg. Da fuhr Billy Thomas fort: „Bitte, Herr Shephard, Helen und ich lieben uns aufrichtig. Ich verspreche Zchnen, daß ich alle mein« Kräfte dafür einsetzen weide, Ihre Tochter glücklich zu machen." Frank Shephard wandte sich ihm zu. , Wir wollen $n meiner Tochter gehen." Frank Shephard hielt sein Versprechen. Glücklich sanken sich die beiden Liebenden in die Arme. Da freute sich auch Frank Shephard. Und als sein Töchterlein auch ihm dankbar um den Hals fiel, da traten zwei Tränen in seine Augen. Spät abends, als Billy Thomas in seiner Wohnung angelangt war, ging er an seinen Schreibtisch, zog eine Lade auf und sah hinein. Darin lagen eine schwarze Maske und ein Revolver. „Ja, verzeihen Sie, lieber Herr Schwiegervater," sprach er dann leise vor sich hin. „Verzeihen Sie, daß ich Ihnen in jener Nacht einen Schrecken einjagte, als ich Ihnen den Ring abnahm. Verzeihen Sie, baß ich selbst Till Gian war, der Sie nnrief. Verzeihen Sie ebenfalls, daß ich auch die Police-Station West 57 war und ebenso die Policemen samt Polizeihund darstellte. Aber ich wußte kein anderes Mittel, um Ihre Tochter zu bekommen. Es war ein gewagtes Spiel, das mir leicht teuer zu stehen kommen konnte. Doch ich weiß, Sie werden mir sicherlich gern verzeihen, denn ich tat das alles ja nur aus Liebe zu Ihrer Tochter und ich verspreche Amen, daß ich sie glücklich machen werde." Dann schob Billy Thomas die Lade wieder zu, legte sich ins Bett, dachte noch eine Weile an Helen Shephard und schlief dann beruhigt ein. Ms im übrigen Frank Shephard die Neuyorker Polizei benachrichtigt hatte, daß der Ring wieder da sei, stellte dies« jede weitere Nachforschung ein. Erst lange, lange Zeit später, als Helen Shephard längst die Frau von Billy Thomas geworden war, hat dieser ihr erzählt, wie er es fertiggestellt hat, sie zur Frau zu bekommen. Schlafwandel. Von Gottfried Keller. Im afrikanischen Felsental marschiert ein Bataillon, sich selber fremd, eine braune Schar der Fremdenlegion. Lang' ist ihr wildes Lied verhallt in Sprachen mancherlei; stumm glüht der römische Schutt am Weg, schlafend ziehn sie vorbei. Unter der Trommel vorgebeugt, der schlafekde Tambour geht, es nickt der Kommandant zu Roß, von webender Glut umweht; es schläft die Truppe, Haupt für Haupt unter der Sonne gesenkt, von der Gewohnheit Eisenfaust in Schritt und Tritt gelenkt. Und was sonst in der dunklen Nacht das Zelt nur sehen mag, tritt unierm offnen Himmelsblau im Wüstenlicht zutag. Es spielt das schmerzliche Mienenspiel unglücklichen Mann's, der träumt; von Gram und Leid und Bitterkeit ist jeglicher Mund umsäumt. Es zuckt die Lippe, zuckt das Äug', auf dürre Wangen quillt die unbemeifterte Träne hin, vom Sonnenbrand gestillt. Sie schau'n ein reizend Spiegelbild vom kühlen Heimatstrand, das grüne Kleefeld, rot beb Kirnt, den Vater, der einst den Sohn gerühmt — verlor'nes Iugendland! — Ein Schuß — da flattert's weiß heran, und schon steht das Karree schlagfertig und munter, und keiner sah des andern Reu' und Weh; nur zorniger ist jeder Mann, willkommen ihm der Streit; doch wie er kam, zerstiebt der Feind, wie Traum und Reu' so weit! Die Welser kn Venezuela. Eine deutsche fiotonialfragäbie vor vierhundert Iahren. Von Franz Stüber. Nur wenig« Jahrzehnte Lebensdauer sind der Kommunalpolitik des neuen Deutschen Reiches beschieden gewesen. Heute ist Deutschland von jeder Betätigung in lieb erste ausgeschlossen, und erst in letzter Zeit scheint sich hier eine grundsätzliche Aendernng anzubahnen. Die Frage, ob Deutschland eine koloniale Zukunft habe, wird durch bemerkenswerte Aeutzerungen nicht unmaßgeblicher Politiker des Auslandes neu belebt. Gerade dieses Jahr erinnert an ein denkwürdiges Ereignis der Kolonialgeschichte. Denn nicht erst seit Carl Peters haben di« Deutschen in fremden Ländern mit dem ausgesprochenen Zweck, Kolonien zu- gründen, festen Fuß gefaßt. So tief und fest hat der deutsch« Michel denn doch nicht geschlafen, als jene große Zeitwende über Europa hereinbrach, und die Abgeschlossenheit der mittelalterlichen Welt von der weltgeschichtlich so bedeutsamen Epoche der großen Entdeckungen abgelöst wurde. Wenn es dem Deutschen Reich damals auch an politischer Macht gebrach, es den anderen großen Nationen gleichzutun und Schiff« auf die Welt- meere und an die Küsten der neuentdeckten Länder hinauszusenden, so fehlten doch Deutsche nicht als Teilnehmer so mancher erfolgreichen Ent- deckerfahrt. Es war ein Verhängnis, daß in jener entscheidenden Stund«, in der sich das Angesicht der Welt neu und vielleicht endgültig für alle Zukunft gestaltet«, ein Kaiser die deutsche Kron« trug, dessen Herz säst nur für den spanischen Teil seines Reiches schlug, in dem di« Sonne nicht unterging. So kam es, daß die Deutschen leer ausgingen, während sich Spanier und Portugiesen den Erdball in zwei Hälften teilten. Die einzigen, die in Deutschland die nie mehr wiederkehrenden Chancen dieser Stunde be» griffen, waren die Augsburger Welser, die Dynastie erfolgreicher Handelsherren, die finanziellen Herrscher ihrer Zeit, die reich genug waren, Königen und Kaisern hilfreich unter die Arme zu greifen, und deren Blick, an einem weitläufigen Handelsverkehr geschult und geschärft, über das Weichbild ihrer Stadt in die Weite der Weltmeere ragte. Di« Welser hatten fick' vor allem KarlV. zum Schuldner gemacht. ! „Wegen seiner besonderen Verdienste", so schrieb ein Augsburger Chronist i von dem Geschlecht der Welser, „hat es von den römischen, Kaisern viele herrliche Freiheiten erhalten nämlich, daß sie all« Privilegien der Ritter und Adelspersonen in Fran.-.n. und Schwaben zu genießen fähig seien, ohne Erkrubnis der Reichskammer ihnen von keinem Kurfürsten und Stand des Reiches etwas Beschwerliches aufgeladen werde und sie von fremden Gerichten befreit fein sollen. Diese Freiheiten hat Kaiser KarlV. bestätigt, mit dem Zusatz, daß ihre große Handlung an den ritterlichen Hebungen keinen Nachteil bringen solle." Die Verdienste der Welser um die römischen Kaiser, besonders um Karl V. rechtfertigten in der Tat eine solch« Auszeichnung. Wie Maximilian von den Fuggern, so erhielt Karl von den Weisern tatkräftige finanzielle Hilfe; dl« Augsburger, Handels- Herren waren überhaupt die Bankiers der Könige und Großen ihrer «,-eit. So erhielt der König von Frankreich von ihnen zwölf Tonnen Goldes, nicht weniger lieh sich der Kaiser. Zum Dank für diese Unterstützung wurden die Welser in ihren Freiheiten bestätigt, und der Ches des Hauses, Barthelmä Welser, wurde kaiserlicher Rat und mit Venezuela belehnt. Dies« Auszeichnung führt« zur Gründung der erften deutschen Kolonie in Hebersee. Denn mit der Rückzahlung des gewährten Darlehens rechneten die Welser nicht, statt dessen nahmen sie ein Land, von dem sie sich reichen Gewinn versprachen, als Gegenleistung an. Cs war di« Zeit, da die phan- tastischsten Vorstellungen vom Goldreichtum der neuentdeckten Lander Europa verwirrten. Kein Wunder, daß sich die Augsburger Kaufleute, von der allgemeinen Psychose ergriffen, von der Neuerwerbung an der Küste Südamerikas einen Zuwachs nicht nur an Prestige, sondern auch an Reichtum versprachen. Es war im Jahre 1527, also vor nunmehr 400 Jahren, als m Madrid die Bevollmächtigten der Welser, Ambrosius Dal sing er, und Hrerony- MUS Sayller, mit KarlV. «in Abkommen trafen, demzufolge die Welser vier Schisse ausrüften sollten, um die Besiedlung Venezuelas in Angriff zu nehmen. Die Besatzung dieser Flotte sollte 3000'Mann(betragen, deren Verpflegung die Welser ebenfalls auf « n Jah r zu über- nehmen hatten. Zweck des Hntemehmens war, die Landstrecke zwischen dem Cabo de la Vela und dem Cabo de Maracapana zu unterwerfen, dort und auf den gegenüberliegenden Inseln Ansiedlungen zu gnmoea und in einer bestimmten Frist fünfzig deutsche Bergleute uni> 4000 Negersklaven zu stellen. Der König von Spanien ernennt den Statthalter, den (Beneralfapitän und den Lieutenant und besoldet sie. Dafür erhalten die Welfer für ewige Zeiten die Würde des Oberrichters und des Lieutenants der drei Festungen, beziehen vier Prozent von jedem Gewinn, genießen Zollfreiheit, erhalten zwölf Meilen eroberten Landes als Eigentum und genießen neben anderen Privilegien auch das Vorrecht, alle Eingeborenen, die sich nicht auf die erste Aufforderung hin unterwerfen wollen, zu Sklaven zu machen. Die Aussichten für die Kolonisation waren bei solchen Bedingungen die allerbesten, und man fühlt sich wieder einmal versucht bei diesem Kapitel der Geschichte die berühmte Frage zu stellen, was wohl geschehen wäre, wenn die Deutschen bei der Ausführung des Unter« nehmens nicht auch jene verhängnisvollen Fehler gemacht hatten, wie die Spanier, die bei allen ihren Zügen der „verwünschte Hunger nach Gold" trieb! Von vornherein vergriffen sich die Welser, die di« neue Unternehmung von Augsburg aus leiten wollten, in der Auswahl der für Südamerika bestimmten Personen. Stott tüchtig« Soldaten u. wirklich befähigte Kolonisatoren zu senden, blieb es, zum Schaden der Kolonie, nur bei den Soldaten. Dalfinger mit seinen vierhundert Landsknechten, selbst ausschließlich Abenteurer und Soldat, war nicht der richttge Mann für diest Aufgabe. Auch er war, von Goldgier besessen, ins Land gekommen; sein« Schar verachtete di« Indianer, die sich nicht wehrlos unterjochen lallen wollten und sich gegen die Eroberer erhoben. Blutige, auf beiden Setten ohne Schonung' geführten Kämpfe waren die Folge. Hinzu kamen «« Schwierigkeiten, die den Deutschen von den eifersüchtig gewordenen Spaniern erwuchsen. Dalfinger, der Venezuela und Maracaibo gegrunw zeitig in Betrieb zu setzen. Würde man in der durchschnittliches Personenautomobil wirken zu Die rote Rose. Von Per Hallström. (Schluß.) Bald waren Magnetiseur und Medium an ihrem Ende des Saales, wo eine kleine Bühne arrangiert war. Die Vorstellung begann. 3«^ brachte sie eine Desillusion, denn keiner von den beiden glich auch nur im geringsten feinem Porträt, mit Ausnahme des Stumpfen in M^ames Gesicht, das zu offenbar war, um sich verlieren zu können. Sie wachten den Eindruck der reinen Misere — es mußten überaus befcheidene Lokale, ja geradezu die Straßen in Paris gewesen sein, wo sie ihre SSancen abzuhalten pflegten. Sie hatten eine kränkliche Gesichtsfarbe, gepudert, blaß fett bei der Frau, fahl, gedunsen bei dem Mann, schlaftrunkene Augen und Kleider, die nicht mir „passe" waren, sondern von mehr Äs einem getragen sein mußten, um so welk geworden zu sein. Madame sah über- baupt nicht lebend aus, sie war nur eine Sache, die her«ngefuhrt und aufgestellt und auf einen Stuhl gesetzt wurde. Es konnte nicht schwer s-ün sie in Berührung mit fernen Dingen zu bringen — Abwesenheit war ihre Statur —, nur überhaupt etwas von dem, was man Seele nennt, feinen Berühmte Forschungsreisende suchten die Quelle des Nils. Es trieb sie, zu erfahren, von wo diese Stromkraft ihren Ausgang nimmt. Das Gefühl, das einen hierher führt, hat ein klein wenig Aehnlichkeit damit. Uebevall steht man die Wirkungen der Energiemengen, die von Zentralen ausgehend, die phvfische Existenz der gegenwärtigen Menschheit durchpulsen Wo entsteht die Kraft, welche die Nacht besiegt und Millionen von Rädern zu unablässiger Arbeit bewegt, Überall spürbar ist, und der menschlichen Geschichte ein neues Signum ausgeprägt hat? Während ich vor dem Gebäude stehe, indem dieses Etwas erzeugt wird, dessen Wirkungen man studiert hat, dessen Substanz man aber gar Nicht kennt: Kraft, Kraft an sich in ihrer noch immer geheimnisvollen Urform, her elektrischen Energie, überlege ich, wie viele Zehntausende von Jahren es gedauert hat, bis der Mensch sich diese anonyme und gigan- ttsch mächtige Hilfe ersann. . . Was ist ein Großkraftwerk? Das weiß doch ein ,eder. Hier werden soundsoviele Kilowatt erzeugt, es geschehen Verwandlungen der «röste von der Kohle ober dem Wasserfall zum elektrischen Strom, und was man im kleinen gewohnt ist, geschieht hier in größtem Maßstabe. Dies hier das neue Großkraftwerk, arbeitet mit einer Reihe technischer Steuerungen und steht in mancher Beziehung in Europa einzig da. Und seine Leistung ist mit einer kargen Zahl ausgedrückt, die dürr und genau ist, wie mein Mathematiklehrer, den ich niemals leiden konnte Jeder «nzelne der Turbogeneratoren produziert seine siebzigtausend Kilowatt. Kfocr was besagt das? , ,, . _ , .. Was sind fiebzigtausend Kilowatt, umgesetzt m Zahlenwerte, die uns vertraut sind, umgesetzt in Anschauung und Vorstellung? Wenn man bie e ungeheure Energiemenge in Kraft umrechnet, so erfahrt man, baß sie genügt, um nicht weniger als vierundsechzig O-Znge mit der normalen Zahl von Wagen, gleichzeitig in Betrieb zu sitzen. Wurde man in der Sage sein, sie auf ein durchschnittliches Personenautomobil wirken zu lassen, so würde dieses dadurch eine derartig große Geschwindigkeit erhalten, daß es in einer Stunde etwa siebenmal um die Erde am Aequa- tor fahren könnte. , , , .___ . „ Solche Energie entströmt jedem der beiden Turbogeneratoren des Großkraftwerks, denen sich ein dritter gleicher Leistung m kurzem ge- 'dl® cTn'g' durch das Werk. Wenn man durch die steinerne Um- kssungs,nauer eintritt, sieht man zur Rechten ganze Hügelketten und «eine Gebirgsmassioe von schwarzer Materie, darüber einen riesigm «ran, der gerade ein großes metallisches Gefährden Greifer, hinuntersendet, das sich in die Masse einwühlt, sich selbst füllt und sodann empor« gehoben wird, um seinen Inhalt an eine andere Stelle zu transportieren. Dies sind die Kohlenlager des Werkes. Nirgends sieht man Kohle hi Stücken, überall nur diesen schwarzen Sund, den Kohlenstaub. Daß er ausschließlich zur Feuerung verwendet wird, ist eine der hervorragendsten Neuerungen, die hier eingeführt sind. Dieser Braunkoylen- ftimb ist nämlich ganz beträchtlich billiger als jede andere Kohlenart. Er wird in den nahegelegenen großen Braunkohlenlagern der Lausitz in verhältnismäßig einfacher Weise gewonnen. Seiner Verwendung m großem Matzstabe stellten sich bisher beträchtliche technische Schwierigketten cntocdcn. , Der Fahrstuhl führt rasch bis zu dem oberen Stockwerk des Gebäudes. Hier find die Bunker, denen der Kohlenstaub zugeführt wird, große steinerne trichterförmige Gebilde. Warum beginnt die Kohle ihren Weg in der Höhe und nicht unten? Weil zum Transport nicht neue Energien aufgewendet werden, sondern die Kohle sich durch ihr eigenes Schwergewicht weiter befördern soll. Ein Stockwerk tiefer sind die^einzigen Räume in dem ganzen Werke, in denen ein beträchtlicher Lärm herrscht. Oben unter der Decke drehen sich mächtige, eiserne Rohre, und von nebenan schallt etwas wie ein Stampfen^ Hier wird der Kohlenstaub getrocknet und dann fein zermahlen und kann nun den KesMi zugeführt werden, wo er ein ausgezeichnetes Feuerungsmaterial ergibt, das nach einer Mischung mit vorgewärmter Lust mit einem Minimum von Rückständen verbrennt. Sagenhaft geworden ist ja in allen modernen Werken die psigur des Heizers, der unablässig halbnackt die Kohlen in den glühenden Rachen des Kessels schaufeln muß. In diesem Kesselhaus sind nur ganz wenige Menschen beschäftigt, sie haben teure körperlich schwere Arbeit zu leisten, sondern nur Hebel und regulierende Apparate zu betätigen, ganz im Gegensatz etwa zu jenem Film, der einen Arbeiter her Zukunft an eine grauenhafte, nur mit höchster Anstrengung zu betätigende Hebelmaschtnenc ^ffiiHteigen in diesem Kesselhaus herum, viele Stockwerke herauf oder herunter! Man bewegt sich dort in Schluchten, in Kaniinen m den FÄten eines für den ersten Blick unübersehbaren maschinellen Geblrgsmassivs, steht dann wieder auf einem Plateau von durchsichtigem Drahtgeflecht, das einen fünf Stockwerke hinunterblicken läßt; fleht überall mächtige Systeme von Röhrenleitungen, durch ihre Farbe m 'hrer Funktion gekennzeichnet, sich hindurchwinden; sieht einen Augenblick durch eine Deffnung in eine Glut, der Kenner die Hitze von 1400 Grad sofort anfehen; und erfährt die geistreiche und raffinierte Weise, wie dort brtnnen das Wasser zur höchsten Kraftentfaltung gereizt wird; durch ein «ystmi schmaler Röhren, in denen man Dampf von ganz besonderer Wildheit erzeugt, nicht den gewöhnlichen Dampf, der aus "inem Teekessel kommt, sondern überhitzten Dampf, der eine Temperatur von 400 Grad hat und einen enormen Druck entfaltet. ■ „ Und setzt stehen wir bei den riesigen Turbogeneratoren, den mtt Dynamomaschinen zusammengekoppelten Dampfturbinen, m denen Me mächtige elektrische Energie erzeugt wird. Eine große Helle Halle, der Platz des dritten Riesen ist noch frei, dort wird gearbeitet, und ein Brausen unmittelbar neben den Maschinen, als ltande man dicht an einem ungeheuren Wasserfall. Kein Lärm, nur em BekmÜen der Uv- kraft, die wir, dieses Eindrucks ungewohnt, fast als erhebend emp- fi!,tUnb' an den Wänden sieht man hier wie in allen anderen Räum«! Meßapparate, Skalen, auf- und abgleitende Zeiger, Kurven, die selbst- tätig aufgezeichnet werden, rote und grüne Zeichen und das ganze System einer Geheimschrift, die hier weiter durchgebildet worden ist, als lemals bisher. Diese Menschen sind nicht nur stark, sie sind auch klug; sie sag«, den Ingenieuren und Arbeitern über alles Wissensnotwendige Bescheid; und ihre Nachrichten werden konzentriert und zusammengefaßtzin einem nahegelegenen Raume, von dessen Anblick eine schwer erklärliche, durch- aus faszinierende Wirkung ausgeht. Es ist die sog. ,^)auptwarte , die Zentrale in der in jedem Augenblick alle wichtigen Erscheinungen in dem Betrieb durch Meßapparate sichtbar gemacht werden, und von dem aus die Arbeit des Werkes in allen Einzelheiten geregelt werden kann. Bekanntlich kann man Ströme von der Starke, rote fie m einem Kraftwerk erzeugt werden, nicht einfach anknipsen, wie etwa beim elektrischen Lichtz sondern es sind dazu komplizierte Schaltungen erforderlich bei denen die Hebel in einem Medium von Del bewegt werden. Diese Schalter sind hier in einem besonderen Gebäude untergebracht. Während man hindurchgeht, fällt einem plötzlich ein, rote men scheu- leer diese Räume sind. In dem ganzen Werk sind ubechaupt etwa breU hundert Personen beschäftigt. Hunderttausende von Menschen haben an den Pyramiden gebaut; und hier lassen ganz wenige Kräfte wirken, welche die Pyramiden von ihrem Platz bewegen konnten. Ungeheuer ist die Wirkungskraft des Menschen gesteigert; und dieserössnet bett Ausblick auf eine Zukunft, in der die Technik das Leben für alle leichter macht. hatte, starb schon im Jahre 1532. Auch sein Nachfolger, Johann der Deutsche, stand nicht lange seinem Posten vor und starb nach kurzem Aufenthalt im Land. Ihm folgte Georg von Speier, dem wiederum Me Auffindung der Goldschätze wichtiger war als eine planmäßige Ausdeutung und Kolonisation; er unternahm einen verlustreichen Zug ins ßmtere, an den Maranon, muhte unterwegs umkehren und kehrte nach schweren Opfern erfolglos heim. An leuchtende Beispiele edler Charaktere ist die Geschichte der Entdeckungen nicht sehr reich; Verräter, die em Doppel- spiel trieben, hat es auch zmn Schaden der deutschen Sache in Venezuela gegeben. Der Unterstatthalter Federmann trieb hinter dem Rucken Georg von Speiers seine Politik und zog auf eigne Faust nach dem Gold- i-md an den Maranon. Die Verwirrung der inneren Verhältnisse war »um Schluß derart, daß Sari V. an den Welfern zu zweifeln begann. Zu spät traf ein Vertreter der Familie selbst mit dem tüchtigen und aufrechten Philipp von Hutten in Venezuela ein, um Versäumtes nachzuholen imfc die Interessen des Hauses Welser wahrzunehmen. Aber die beiden tarnen gegen die Jntriguen der mißgünstigen Spanier und ihrer eigenmi verräterischen Landsleute nicht auf. Als die Wirren ihren Höhepunkt erreicht hatten, ernannte die Audiencia in San Domingo den Spanier Carvajal jum Statthalter, der, wider alles Recht und seine Betug- fttffe, Hutten und Welser verhaften und hinrichten lieh, ein Verbrechen, bas er allerdings selbst mit schimpflichem Tode büßen mußte. So ward den Welfern, die sich ihren Kolonialplan viel Geld hatten kosten lassen, ihr eigner Besitz verleidet, und es hätte nicht des Umstandes bedurft, daß die spanische Krone ihnen ihr Lehen wieder entzog — in bem Prozeß freilich wurden die Welser wieder rehabilitiert — doch sie hatten die Lust verloren und zogen sich aus Südamerika zurück. Dreißig Jahre lang hat das Abenteuer gedauert, bis die Reste der deutschen Ansiedlung in die Heimat zurückkehrten. Die Spanier ernteten, was die Deutschen gesät hatten. Von Kolonisation aber war fortan in Deutschland keine Rede mehr ... Wunder der Krnflerzeugung. Lin Besuch im Großkraftwerk Rummelsburg. Von Frank Warschauer. Rummelsburg ist ein Jndustrievorort von Berlin. Man kommt vorbei an Gebäuden, die es noch nicht wagen, sich zu ihrer Fabrikexistenz zu bekennen und durchaus mit angeklebten gotischen Zierarten eine beschauliche Villenexistenz vortäuschen möchten. Run tauchen Gebäude aus einer anderen Epoche auf, der die neue Sachlichkeit eine Selbstverständlichkeit ist Von ibvem Zweck erfährt außer dem Auge noch ein anderes Organ; und merkwürdige Gerüche künden, daß hier eine chemische Fabrik ist. Was wird dort'hergestellt? Ein Passant erklärt es: diese Düfte, in denen ich Schwefelwasserstoff und Karbol unterscheide, kommen aus der Geburts- ftätte der Kunstseide. Jetzt sieht man die acht schwarzen, metallischen Schornsteine des neuen Werks. . Es ist vor wenigen Monaten nach sehr geringer Bauzeit m Betrieb genommen worden. Sein Name wurde der breiten Oefsentlichkeit erst in unerfreulichem Zusammenhang bekannt, es ereigneten sich bei dem Bau eine Reihe von Unglücksfällen. Jetzt steht es da, ein Komplex von Gebäuden, deren klare Gliederung und einfache Großzügigkeit wohltuend wirkt. Es ist, als ob man in die Nähe eines Menschen kommt, der weiß, Ausgangspunkt aus der toten Körperlichkeit nehmen zu lassen, dte man ? da vor sich sah. Der Mann war gewiß nicht ätherischer in seinem zu s strammen und abgetragenen Frack, aber er war beweglich und sogar ener- gisch, Lazu verzweifelt unbefangen wie ein Schauspieler, der weih, daß er s schlecht ist, aber jeden Zuhörer zu beschäftigen sucht, damit er nicht merkt, s daß alle sich ebenso langweilen. Die Causerie war übrigens kurz, und er ging zu den Experimenten über. Im Handumdrehen hatte er Madame eingeschläfert, wenn sie es nicht schon vorher war. Und nun begab er sich zu den Zuschauern hinunter, um zu zeigen, wie ehrlich es zuging, und Fragen von ihnen zu erhalten. Das wurde recht interessant, wenn auch wenig abwechslungsreich. Er wählte feine Objekte auf das Geratewohl unter dein Publikum und ließ sie irgendeinen Gegenstand vornehmen, eine Uhr oder einen Brief, oder was zur Hand war, und ihn genau ansehen. Madame mußte sagen, was es war, und alle möglichen Einzelheiten angeben. Di« eingravierten Ziffern auf dem Deckel oder die Adressen und Unterschriften der Briefe. Selbst stand er getreulich zwischen ihr und ihnen und vernichtete durch seine ganze fette Solidität jede Möglichkeit des materiellen Sehens, wenn diese überhaupt eine Rotte hätte spielen können. Es haperte nie mit der Richtigkeit der Angaben. Doch das einzige eigentliche Phantasieanregende war die Stimme, die sie gab. Madame hatte bisher nichts gesagt, und man erwartete eine ganz andere Stimme als die, die kam. Sie war seltsam kindlich, ja mehr als kindlich. Es war, als hörte man Kinder an Stelle der Puppe sprechen ober die Puppe selbst durch irgenbefne mechanische Vollellndung einen Wortvorrat beherrschen. Es war etwas klagend Sprödes und Müdes in jedem Laut, und man muhte daran benten, daß in diesem schlummernden und stumpfen Wesen einmal eine Seele gelebt hatte wie bei anderen und nun wieder zurückgekommen war, gehorsam in ihrem Spiel, aber erstaunt und traurig. Wenn sie nicht so rasch und ausdruckslos gesprochen hätte, würde es ein wenig unheimlich gewirkt haben. Der Mann war erst jetzt Herr der Situation, ruhig und feiner Sache sicher, mechanisch scherzhaft, diskret und sein in der Behandlung der Briefe. Ein Magus, aber zugleich ein Gentleman, der nichts anderes zur Sprache brachte, als was sich schickte! Zuweilen ließ er das Versuchsobjekt nur an etwas denken, gleichviel, wie weit weg. Und Madanie mußte dann sagen, was sie sah. Das ging nicht so gut, denn die meisten konnten überhaupt nicht denken, vermutlich, weil sie ihre Gedanken bedeutend und merkwürdig machen wollten. Eine Dame versuchte es mit Casablanca, wo die Franzosen gerade damals Krieg zu bekommen schienen — vielleicht hatte sie ihren Mann da. Aber was in ihrer Phantasie spukte, war wohl nur ein Farbendruck aus dem „Petit Paristen", denn Madames Worte gaben nicht mehr als einen solchen. Der Magnetiseur begann bedenklich zu werden und sah sich nach einer Glanznummer um. Sein Blick fiel auf Miß Maud und leuchtete beim Anblick der schönen Erscheinung auf. Er steuerte galant auf sie zu, seine Schweinsphysiognomie war ganz lächelnde Verbindlichkeit. Sie schien schon lange nicht gefolgt zu sein und war ein wenig verwirrt, so als hätte man sie aus einem Traum geweckt. „Was soll ich nehmen," sagte sie, „ich habe ja gar nichts." Er deutete mit einer Verbeugung auf die Blume, sie löste sie und sah sie an. Im selben Augenblick vergaß sie alles andere und saß da, den Blick in die Rose verloren, den Mund halb geöffnet wie ihre Blätter. „Was ist das hier?" fragte der Mann mit feinem kurzen Kommandoton. Aber nun war es eine andere Stimme, die antwortete. Alle merkten es, und eine Welle des Flüsterns und Raschelns ging durch den Saal. „C’est une rose, uns rose fraiche et rouge.“ Die Worte waren ja nicht besonders merkwürdig. Es war eine rote Stofe, das hatten die meisten schon früher gesehen. Was neu war, war der Ton. Es war wie ein Rauschen und eine plötzliche Freude darin, so, als käme er aus einem ganz neuen Raum voll Duft und Frische. Die Puppen- ftinune war nicht mehr mechanisch und ausdruckslos dünn, und alle beugten sich vor, um sich zu überzeugen, ob sie denn wirklich von Madames geschminkten Lippen kam. Daran konnte jedoch kein Zweifel fein, denn die Lippen bewegten sich ganz wie früher. Die ganze schwere Gestalt auf dem Stuhl war auch ebenso starr. Man wendete sich nun dem Mädchen zu, als wäre die Erklärung da zu finden. Sie allein war regungslos gesessen, lächelnd, als lauschte sie einem Gesang. Aber für mich war es, als spräche sie. So war es ja auch, es waren ihre Gedanken, die auf diesem wunderlichen Wege durch die zwei fremden, widerwärtigen und gleichgültigen Wesen hinausflogen, Stimme erhielten und wieder zurückkehrten. Und gerade der Kontrast zwischen dem Weichen und Zarten, das berührt wurde, und der groben Vulgarität, die das Instrument war, hatte etwas mystisch Unheilverkündendes. „Sage noch etwas darüber", befahl der Mann. Und mit derselben Gewißheit und derselben Verwunderung in der Gewißheit kam die Antwort. „C’est la plus belle des roses ■— sie ist rot wie Blut, sie ist ganz vollkommen, da ist kein welkes Blatt. Sie hat einen so herrlichen und fröhlichen Duft, sie ist so neu und jung. Erst heute ist sie so schön geworden, denn bis her wußte sie nicht von sich. Der Magnetiseur sah auf und schüttelte den Kopf. Was waren das für Unbegreiflichkeiten? Er befürchtete offenbar. d»ß ihr Ansehen unter derartigem Geschwätz leiden könnte. „Sage etwas Bestimmtes darüber", sagte er. „Sie ist fo frisch, als wäre sie eben erst gepflückt, das macht die Regenluft. Sie hat noch Tropfen zwischen den Blättern, und die leuchten." „Ja, wirklich, es ist so, nicht wahr?" Aber das Mädchen achtete nicht auf bi# Frage, und er mußte dem Publikum die Angabe selbst bestätigen. „Ist noch etwas darüber 31t sagen?" sagte er dann in dem Ton, der für die Frau bestimmt war. Aber nun kam eine neue Veränderung. Die Stimme, die antwortete, war unkärperlich wie zuvor, aber der Jubel entwich, wie ein Glitzern vor einem gleitenden Schatten. Es kam etwas Gespanntes und Suchendes in jeden Laut, etwas von erschrockener Ahnung, von einem Schauen, das sich vertiefte, aber die Augen schließen wollte, ehe es zu spät war. „Ach nein, lieber sie lassen, wie sie ist. Ach nein, laßt sie sein!" Das war nicht das rechte Programm für einen Herrscher in der Welt des Verborgenen. Der Magnetiseur nahm eine Miene berufsmäßiger Strenge an und kam gleichzeitig auf eine Idee, einen dankbaren Einfall, die Kunst der Telepathie zu erproben. „Wo wurde diese merkwürdige Blume gepflückt?" Jetzt war gleichsam ein Kampf, ein abgerungenes Bekenntnis in der Antwort. „Sie wurde oben gepflückt, am Anfänge des Dorfes. Nicht sie allein, zwei gleiche, und wer kann wissen, welche die rechte war." „Wer kann wissen? Sage es gleich, tatet) richtig nach!" „Ja, jetzt sehe ich, jetzt sehe ich." — Das war keine Angst mehr, die nach einer Ausflucht suchte, es war ein Schrei, der zart und hilflos klang. — „Diese ist nicht die rechte. Sie leuchtet nicht mehr, sie ist nicht mehr fröhlich. Sie ist auch nicht frisch, sie wird sterben. Das Rot ist wie Blut, es ist eine Wunde innen, und sie wird aufbrechen. Jetzt ist es auch schon gleich." Niemand verstand etwas davon und am allerwenigsten Monsieur, der bekümmert und geärgert zugleich aussah, über so viel Unbegreiflichkeit. „Meine Frau ist offenbar müde," sagte er, „es ist am besten, die Seance zu schließen." Er ging auf sie zu und weckte sie, und sie stand auf, bleich und schlaff, wie sie gekommen war, mit derselben Miene, so als gehörte sie nirgends hin, als wüßte und verstände sie gar nichts. Ihre matten und gleichsam gekochten Augendälle starrten glanzlos in das Publikum, und der Mann allein verbeugte sich für den spärlichen Applaus, während man aufbrach. Miß Maud saß still mit der Rose in der Hand da, aber betrachtete sie nicht mehr. Sie war ganz ruhig und beherrscht, aber sah müde aus und war sehr bleich. Die Schwester und der Freund stellten ihr Fragen nach ihrem Befinden. Sie schüttelte den Kopf, antwortete kurz und beftimmt und lächelte. Ihre Augen blickten sie fdjarf und dunkel an. Ich verließ sie und zog Basilics mit mir hinaus. Er war in Ekstase über das, was er mit angesehen hatte, und namentlich über das letzte Experiment. „Das ist ja wunderbar", sagte er. „Betrug ist doch ganz ausgeschlossen, ober was glauben Sie? Früher konnte er ja noch irgendwelche Zeichen geben, aber woher die Rose war, bas konnte er nicht wissen. Es war, als wäre auch in dem anderen, was sie sagte, eine Art Sinn. Wenigstens zuerst. Haben Sie gesehen, wie schön Miß Maud war? Sie ist den ganzen Tag so gewesen und so übermütig und vergnügt. Die Schrvester fügte auch zu mir, daß sie erst jetzt so recht wie früher ist. Das ist, weil sie gesund ist, die Welt ist wieder ganz neu für sie. Das war der Ausflug nach La-Düle, sehen Sie — wir hatten es so vergnügt. Ach, was gäbe ich doch darum, diese Rose zum Andenken zu haben!" Der Regen hatte aufgehört, und die Luft war klar unter den Sternen, die größer und sanfter als sonst in ihrer Feuchtigkeit leuchteten. Basilics war nicht von der Stelle zu bringen. Ader er konnte nicht still stehen und warten, er ging über den Kies und sah zu den Fenstern auf. Die waren jetzt geöffnet, und es war oben noch Lichtschein. Eine weiße Mädchengestalt kam einen Augenblick, sah hinaus, machte eine rasche Bewegung mit der Hand und verschwand. Etwas sehr Leichtes und Weiches schlug zu Boden, es war natürlich Miß Mauds jetzt so wertlose Rose. Basilics war ganz nahe der Stelle, wo sie fiel, und tauchte so rasch nieder, als wären alle Knochen in seinem Körper weich geworden. Ader als er auf mich zukam, war er elastisch wie eine Stahlfeder und schwebte In einem Rausch von Glück. „Der Boden ist doch recht feucht," sagte er, „ich habe nachgesehen." Er nahm an, daß ich nichts gemerkt hatte. „Ich glaube nicht, daß es ratsam ist, länger draußen zu bleiben", fügte er hinzu, und auch bei diesen listig gleichgültigen Worten konnte er das Zittern der Stimme nicht unterdrücken. Er glaubte offenbar, daß sie ihn gesehen, daß sie ihn erkannt hatte, und daß diese fortgeworfene Blume, die fo viel schwere Enttäuschung trug, eine ganze Welt von Verheißungen für ihn bedeutete. „Jetzt gehe ich heim und lege mich schlafen", sagte er und schüttelte mir warm die Hand. Aber natürlich ging er nicht heim, und schlafen war bas letzt«, woran er dachte. Wo und wie lang er in dieser Nacht herumgestreist sein mochte, weiß ich nicht, aber nicht der Wanderung wegen trat er mir am nächsten Tage ganz bleich entgegen. „Es ist furchtbar," sagte er, „können Sie sich denken — Miß Maud ...' „Sie ist krank?" „Haben Sie es schon gehört? Ja, ihr Leiden ist ausgebrochen. Sie hat heute nacht eine Lungenblutung gehabt, gleich nachdem sie von der Seance nach Hause kam. Es ist nicht tödlich, versichert man, aber doch sehr ernst. Sie wird sich hier nicht mehr zeigen, solange ich bleiben kann." Er war vernichtet. Seine naiven Augen strahlten nicht mehr und verbargen ihre Tränen nicht. „Wie unheimlich," grübelte er, „wird nun das, was das Medium gestern sagte, obgleich ich es damals nicht verstand. Sie sprach ja von Blut. Wie konnte sie es wissen? Und warum mußt« es gerade jetzt kommen? Sie war ja so frisch und vergnügt, sie ahnte gar nichts. Vielleicht war gerade dieser Ausflug zuviel für st«, oder die Vorstellung am Abend? Es war etwas so Wunderliches darüber, und ich begreife nicht . • • Aber er war nicht danach veranlagt, sich in Grübeleien zu versenken. Seine sanguinische Natur sand einen Gedanken als Sprungbrett und war sogleich zum Sprung in die gewöhnliche Welt bereit. „Sie wird bald wieder gesund werden", sagte er und leuchtete auf. Und er griff instinktiv nach der Brust — es war leicht zu erraten, nach welchem verborgenen Schatz. Ja, ja, dachte ich, alles ist in irgendeiner Weise bestimmt, aber es ist gut, nicht allzuviel davon zu wissen. Unbewußt tragt man die Wahrheit in sich, wie er feine verwelkte Rose, und glücklich ist nur, wer nicht ahnt, was sie zu erzählen hat. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'jche Univerf itäts-Vuch- und Steindruckerei.». Lange, Gießen.