■ Unterhaltungsbeilage znm Lietzener Anzeiger I Organg <927 Samstag, den 8. Oktober ™" Kummer 80 Im HerbftrmnÄ. Von Wilhelm von Scholz. Hoch über mir in Wipfel greift der Wind. Herbstblattgestöber weht auf stillem Wege, Durch dunkle Stämme, die rings um mich sind Und starrend stehn, nur in den Kronen rege. Schwebender, dichter fällt das Herbstlaub zu, Das weit -den Weg mit totem Sommer deckt Und rasch aufwirbelt über meinem Schuh, Wenn es mein Schritt aus rotem Schlummer weckt. Der Sturm der Wipfel wächst. Stimmen im Wind. Sie wehn verloren über mir im Rauschen, Wie totes Laub nur fällt es in mein Lauschen — Ihr Laut fliegt durch die Wipfel fort im Wind. Der Mondftrahl. Von Ernst Zahn. Ein Mondstrahl fiel in die Hütte. Zwischen' den Tannen des jenseitigen Berges hindurchbrechend, traf er auf die nachtjchwarze Halde und zeichnete einen seidenhaften breiten Streifen in sie hinein, der über das Haus des Kasimir Schuler hinlief. Gerade über das schwarze Schindeldach. Ehe er aber die feuchten Schindeln erreichte, splitterte, ein Glonzspietz von ihm ab und stach durch die kleinen Scheiben in die Schulerfch« Wohnstube hinein, so daß wie oben auf dein Dach hiev auch auf dem Fußboden ein Lichtstreisen lag. Die Stube schien leer; denn sie war totenstill. Wenn einer lange drinnen stand, so konnten seine uns Dunkel sich gewöhnenden Augen die Geheimnisse der Ecken erwachen sehen, in welche das Mondlicht nicht hineinreichte. Auf den grüngrauen Ofen zündete dieses noch, und er stand protzig in die Stube hinaus, als ob er sich etwas auf die ihm geworden« Beleuchtung zugute tue. Wer der schwere, niedere Schrank duckte sich im Dunkel, und das Wandbüfett vermochte mit seinen Zinntellern und -bechern nicht großzutun, well sie in seiner Nischen Finsternis unsichtbar blieben. Dafür hatte der klein«, beinerne, gekreuzigte Heiland an der einen Wand eine eigene sanfte Helligkeit. Wo es in der Stube am dunkelsten war, stand vor der Wandbank und zwischen schweren Stabellen der spreizbeinige Eichentisch mit dem Fußbrett, das an den vier Beinen befestigt war. Und wenn man lange genug in das Dunkel hineinsah, entdeckte man mich die Umrisse eines am Tisch schlafenden Menschen, Umrisse zuerst, dann eine schwere Gestalt, finster wie die Finsternis Über ihr. Die Arme lagen auf der Tischplatte und trugen den struppigen Kopf. Die eine Hand war versteckt, die andere lag aus der Tischplatte hingekrallt wie eine Raubtierklaue, graubraune Finger mit hornharten, schmutzigen Nägeln. Der Rücken war anzusehen wie ein Büsfelhöcker, einmal der Stärke der Schultern wegen, dann, weil er in einem braunzottigen Schas- wollrock steckte. Irgendwo unter den Armen hervor sah ein Stück groben rotbraunen Bartes. Der Mensch schlief. Sein Atem war laut, und manchmal stöhnte er im Schlaf wie ein Tier. Unhörbar spann das Mondlicht, scheinbar leblos und doch leise ruckend, so daß es nach einer Weile den protzigen Ofen verließ und sich an die braune Holztür schlich. Bon der Schwelle bis zum Bogen hob es sie aus dem Dunkel des Zimmers heraus. Die abgerissene Eisenklinke glänzte matt. Jetzt kamen Stimmen draußen durch die Nacht, eine tiefe, rauhe und eine Helle, kräftige. Sie schienen noch nicht nafje, aber näher zu kommen und drangen in dm Schlaf dessen am Tisch. Er rührte sich schwerfällig, wie wenn ein großer, zottiger Hund vom Boden ausstehen will, und richtete sich, Re Anne noch immer auf den Tisch gefegt, empor. Noch war kein Licht über der Stelle, aber wessen Auge sich an die Finsternis gewöhnt, der hätte jetzt das Gesicht des Ambros Schuler, des Schläfers, sehen können. Er schien sich schwer aus der Dumpfheit seines Schlafes zu reihen. Seine Augen, taten sich mühsam auf und blickien glasig. Es waren eines Trinkers Augen, in treuen noch die halbe Betäubung eines Rausches vielleicht mehr als eines Schlafes lag. Das Gesicht hatte ein« saft rotbraune Farbe, als ob es feit Jahren und Jahren über die Ftannne einer Este gebeugt gewesen oder den Brand der Sonne auf Gletscherschnee hätte erdulden müssen. Schwarzbraun war das rauhe, rollige Haupthaar, der Bart aber rötlich und verwahrlost. Ein furchtbarer und fürchtmachender Anblick war Ambros Schulers Gesicht in der Dunkelheit. Der Ausdruck der glasigen Augen wechselte allmählich zu einem helleren, Verständnis verratenden. Dadurch bekamen die Augen Farbe, waren grau und groß. Unten waren die beiden Stimmen bis ans Haus gelangt. Ambros lauschte. Einmal machte er Miene, aufzustehen, dann lehnte «r sich nur mit dem Rücken an die Wand, die Arme aus der Mitt« des Tisches mehr an den Rand gezogen, und starrte wie Wache haltend na» der Tür. — --Geh nur hi nein", sagt« draußen im Flur die Männersttmme, die vorher vor dem Hause geklungen hatte. Der Bauer Kastmir Schuler tagte es. Und er fügte hinzu: „Vielleicht ist der Brosi drinnen. Fürchte dich dann nicht vor ihm." Schuler sprach ruhig und gutmütig. Der drinnen am Tisch stieß ein Schimpfwort durch die Zähne, als er feinen Namen hörte. Jetzt ging die Tür auf. Obwohl Brosi den Blick auf der Klinke hatte, sah er nicht, daß diese sich bewegt«, so still wurde sie niedergedrückt. Und di« Tür knarrte nicht, wahrend ft« von einer hageren Hand angelweit aufgeschoben wurde. Aber das Mondlicht füllte die Türöffnung. Es war fast, als ob es in diesem Augenblick an Leuchtkraft gewonnen hätte. Aus -der Schwelle stand ein Mädchen in einem hellen Kleide, während ein großes weißes Wolltuch chr um Kopf und Schultern geschlungen war. Das Licht mochte sie blenden Sie sah mit blassen Augen in die Stube und sagte mit leiser, etwas heiserer Stimme in den Flur zurück: „Es ist niemand hier." Dabei trat sie nicht ein, schien sich ein wenig zu fürchten und wartete augenscheinlich, daß man ihr folge. Sie knüpfte mit den farblosen Händen ?5' 1° k’L65 von ihrem Kopf« auf die schmalen Schultern glitt. Nun tag dem Monde ein weißes, feines Gesicht srei und dünnes Haar, das in glatten, glänzenden Strähnen nicht lang in den Nacken f‘e : „w??. °twas- was das Mädchen und das Mondlicht gemeinsam hatten. Vielleicht -die Leisheit, vielleicht die müde Blässt. Endlich tat sie aus ihren festen, bäuerischen Schuhen einen Schritt ins Zimmer hinein und blickte in die Ecke, wo Brosi saß. Sie stutzte und blickte sich noch emmm um, um sich zu überzeugen, ob die anderen nicht kämen, dann schritt sie abermals vorwärts, die eckige Gestalt vorgeneigt, um besser sehen zu können.. Jetzt sprach sie, halb zaghaft, halb mit kindlichem Ver- trauen: „Ich furchte mich nicht vor t>ir, wenn fie es auch gemeint fyaben.* Bros- glotzte sie an wie eine Erscheinung. Es mußte Seltsames in ihm vorgchen. Vielleicht hielt er sie für ein Märchen, für einen Trug, den der Mond ihm vorgaukelte. „Guten Abend, Vetter Brosi", tönte ihre teste Stimme. Nun stand er schwerfällig auf. „So will ich doch Licht machen", sagte er. Er sprach dumpf, schwer verständlich in seinen Bart hinein. Bis di« Lampe, die an der Diele hing, brannte, kamen Kasimir Schuler und seine Schwester Maria, die als Witwe mit der Tochter aus Amerika heim in das Haus des Bruders kehrte, auch in die Stube nach. Brost stand im roten Lampenlicht, und fein brandrotes Gesicht verriet Verlegenheit. „Hast du geschlafen, daß du allein so im Dunkeln hockst?" fragte Kasimir, fein Vatersbruder. Er murrte etwas, was wie „nein" klang, und reichte der Fvau Maria Schiffmann die Hand. Dann gab er sie auch Placido, dem Mädchen. Di« ihre war weder schmal noch fein, sondern eckig wie die ganzen Glieder, aber weiß wie Linnen, und in der großen braunen Tatze des Burschen lag sie als ein kunstreiches Spielzeug. Er hielt -sie auch, als ob sie brechen könnte. Mit scheuen Blicken, di« immer wieder sich verbargen und wieder» kamen, sah er Placido an, das Gesicht, die Gestalt. Eine Magd kam herein, wurde begrüßt und deckte den Tisch. Um Brosi kümmerte sich augenblicklich niemand. So stand er noch eine Weile da und dort, und sein« Blicke suchten Placido. Er murmelte etwas von „In den Stall gehen" und näherte sich der Tür. Aber noch einmal, ehe er ging, wendete er sich nach Placido um, als begriffe er etwas nicht. „Er ist wirklich fast zum Fürchten", fugte" Fron Mario, als er hinaus war. „Ich hab« ihn nicht gefürchtet", erwiderte mit ihrer testen, heiseren Stimme ihre Tochter. Sie sahen jetzt alle am Tisch. „Er ist, wie der Bruder Christoph gewesen ist", sagte Kasimir Schuler vevdrofstn. „Wie hätte er anders werden können?" „So schlimm?", fragte die Schwester! „Wenn er so fortfährt, kann er es noch weiter bringen", fuhr Schnier fort und strich den schönen schwarzen Bart. „Vom Vater hat er das verdammte Trinken gelernt. Kein Sonntag vergeht, daß er nicht mehr tut, als er vertragen kann, und er trinkt einen bösen Wein. Sie fürchten ihn im Dorf, wenn er abkommt. Dor mir freilich duckt er sich, roeü er es nicht leicht hätte, anderswo sein Brot zu finden." Er ist wie ein Bär," sagte die stille, kleine tßtacitm. „Ich habe einmal gelesen, daß ein Mädchen einem Bären begegnete, und daß sie sich sehr fürchtete, daß er aber vor ihr zahm war wie rin Hund, ihr ine Hand leckte und von ihr sich streicheln lieft." „Und so meinst du es mit dem Brosi zu machen?" tachte Schuler laut. . .. „Er sicht so geschlagen aus," erwiderte Placida mitleidig. Vielleicht —", meinte ihre Mutter, „es kommt so vor nämlich — hat man ihm von Anfang an den verkommenen Vater vorgehalten und daß von Unkmut Unkraut kommt. Da wird einer leicht so schlecht, wie die Leute es ihm voraussagen." Cs war Sonntag. Die von Meyen gingen aus ihrer frei ins Tal sci)auend«n Kirche heim. Hatten sie dort den Segen ihrers Pfarres bekommen, so segnete sie jetzt der Herrgott mit der heiligsten Heiterkeit seines Tages. Der Himmel war blau wie der tieffte Bergsee. Das Gebirge aber trug Neuschnee, den der scheidende Winter verstäubt hatte. Die Wälder standen schwarz und ernst und dufteten, daß es einem wie junge Kraft durch die Glieder rann, wenn man ihren Atem einsog. Aus der dichten Schar der übrigen Kirchgänger lösten sich zwei Paare, die wegabwärts schritten, voraus Brost Schuler und Placida, hinter ihnen Kasimir, der Bauer, und seine Schwester. Brosi ging schwerfällig wie ein wandelnder Block, aber er war gewaschen und gekämmt und trug seinen grauen Sonntagsanzug, den er lange nicht mehr angelegt. Sein Gesicht mit dem struppigen Haar hatte noch immer etwas Räuberhaftes, aber das weiße Hemd und der gleiche Kragen gaben ihm eine gewisse Zahmheit und Ordentlichkeit. Manchmal im Gehen hob er die großen grauen Augen vom Boden, wie ein Hund tut, der neben seinem Herrn geht und auf ein freundliches Wort wartet, sah Placida an und senkte den Blick wieder. Kasimir Schuler stieß seine Schwester an, daß sie nach den beiden jungen Menschen sehe. „Er ist doch nicht so schlimm, wie du ihn haben willst," sagte diese. „Nun sind wir schon zwei Wochen da, und ich habe ihn nie anders als fleißig und nüchtern gesehen." „Meinst, ich sei nicht selber erstaunt?" gab der andere zurück. „Seit die Placida im Hause ist, hat er für nichts mehr Augen und Sinn als für sie, vergißt das Dorf und das Wirtshaus und —" „Sie ist ja noch ein Kind," unterbrach ihn die Schwester halb ängstlich, halb ungehalten. „Hab keine Angst, er tut ihr schon nichts, sieht sie nur so an wie eine Heilige." Das war nun freilich seltsam, wie Brost sich seit Placidos Ankunft verwandelt hatte. Es war, als habe der Mondstrahl, in dessen Schein getaucht sie ihm zum erstenmal erschienen war, seine Augen geblendet, daß er nun gleichsam immer noch ganz benommen in das Licht staunte. Er war immer ein guter Arbeiter gewesen. Das war wohl auch der Hauptgrund, warum der Verwandte den zuzeiten liederlichen Burschen bei sich behielt. Seit zwei Wochen mm arbeitete er erst recht wie ein Roß. Er war stark und trug in diesen Tagen unglaubliche Lasten von Winterheu und Holz ins Haus. Placida wunderte sich, wie schwer er tragen konnte. Die Placida hätte sich gern auch nützlich gemacht, allein sie litt seit ihrer Ankunft an einer eigentümlichen Atemnot. Wenn sie Treppen stieg oder bergan lief, hämmerte ihr das Herz, die Augen verdunkelten sich und die Beine versagten ihr den Dienst. Sie war überhaupt ein über- zartes Ding. Bros! begann ihr allerlei Mühen abzunehmen. Wenn sie Wasser holen wollte, nahm er ihr die Kessel aus den Händen. Als sie Wäsche hing, wehrte er es ihr und hatte im Nu die ganze Leinwand am Seil. Jetzt auf dem Kirchweg trug er ihr selbst das Gesangbuch, obwohl er nie Höflichkeit gelernt hatte. Das kam ihm so von selber. Von innen heraus. — Am Nachmittag saßen sie hinter dem Hause im Schatten auf dem entrindeten Stamm einer großen Tanne. Der schwere Brosi in Hemd- ärmeln, Placida in einem weißen Waschkleid, das sie dem schönen, warmen Sonntag zulieb angelegt hatte. Das dünne Haar fiel ihr offen auf die Schultern und war so gelb und glänzend wie Bernstein. Das Gefickt aber hatte einen leisen, verborgenen Hauch von Rot. „Also weiße Alpenrosen weiht du?" fragte Placida im Gespräch, in welchem sie eben begriffen waren. „Ja. Ende nächsten Monats blühen sie. Ich will dich schon einmal hinführen." Als er das gesagt hatte, verbesserte er sich gleich: „Aber nein, es ist ein steiler, schlechter Weg, und du hast nicht den Atem dazu." „Bielleicht könnte ich doch," meinte sie: aber er widersprach ihr'heftig: „Nein, nein, du bist schon sonst zum Umblasen." Seine Augen hasteten- aus ihr. Sie toten das immer, heimlich, so daß fie es nicht merken sollte, aber »den ganzen Tag, sobald Brosi ihr irgendwie nahe kam. Sie aber achtete es wohl, und manchmal ärgerte es sie ein wenig ober belästigte sie, und wiederum manchmal wunderte sie sich darüber und schaute ihn dann ebenfalls nachdenklich an. Aus der Tatsache, daß sie nicht recht klug aus ihm wurde, entsprang auch die Frage, welche sie jetzt stellte. „Warum'gehst du eigentlich nicht mehr ins Wirtshaus?" Er gab keine Antwort, bog mir den Rücken, bis fein Bart die Knie streifte und spielte mit ein paar Rindenstücken, die am Boden lagen. Eine Weile blieb es füll. Dann fragte Placida nnbe-acht, neugierig und schonungslos wie ein Kind tut, weiter: „Du bist sonst ost betrunken gewesen?" Er knurrte. „Sie fürchten dich auch im Dorf, gelt? Weil du schlägst, schwer schlägst, wenn sie dich reizen?" Er schaute noch immer nicht aus und ließ 'bas Spiel nicht, aber er gab ihr eine Antwort, die gleichsam der Bescheid auf alle, nicht nur auf eine ihrer Fragen war. Sie kam dumpf aus ihm heraus, wie wenn jedes Wort in ihm festgewachsen wäre und er es erst losreißen müßte: „Wenn fie dich dein Leben fang nur foppen würden, dir kein gescheidtes Wort gönnten, wärest du auch anders, als du bist." Pfacida, so jung sie war, konnte im Augenblick nicht weiterreden. Sie ahnte etwas von einem Schicksal, so---so jung fie war. Nachher wallte ihr Blut, daß sie es wann überströmte. Sie legte eine Hand auf Brosis Rücken. „Eigentlich bist du ganz recht", sagte sie, „ganz anders, als sie dich geschildert haben." Er hörte nicht auf fie. Ihre sanfte Berührung jagte ein Rieseln durch seinen Körper, und das verwirrte chn jo, daß er ihre Worte überhörte. Aber er saß ganz still, als dürste er sich nicht rühren, damit nur ja ihre Hand, die sich auf seinen Rücken stützte, die Stelle nicht verlasse. Als fie sie dann doch hinwegnahm, war sein Gesicht heiß, und er konnte fie nicht mehr ansehen. Bald daraus rief ihre Mutter nach ihr, und sie ging ins Haus. Er faß fange noch auf dem Baumstamm. Melleicht dachte er nichts, faß nur lässig und schlaff; aber er fühlte noch immer, wo ihre Hand seine Schulter berührt hatte. Von diesem Tage an war nicht nur er selber noch immer in einer Art Bann, den das Kind Placida auf ihn gelegt, sondern auch diese ihrerseits wurde von ihm, der ihr bei aller Gelegenheit mit einer fklaven- haften Bereitwilligkeit biente, angezogen. Nicht, daß sie sich dabei irgend etwas dachte. Sie hatte eben keine andere Gesellschaft, und dann weckte manches an ihm die Neugier. Zuweilen lief sie bloß hinter ihm her, um zu sehen, wie er sich jetzt wieder benehmen würde. Einmal lud er fie ein, mit in ben Wald zu kommen, wo er Holz zu schlagen hatte. Sie wollte wissen, ob es weit hin sei. „Mir ist manchmal so eng und so angst," sagte fie und preßte die Hand aufs Herz, wie er sie oftmals tun sah. ,Zch meine, daß es hier oben zu hoch für mich ist, daß ich die Luft nicht ertrage." Sie erzählte dann, daß die Mutter in der nächsten Zeit einmal mit ihr zum Arzt wolle. Er machte große, eifersüchtige und mißtrauische Augen, konnte, ohne es zu wissen, ben Gedanken nicht leiden, daß sie einen Tag mit der Mutter f orig ehe. Und allerlei Verdacht und Qual stieg in ihm auf: Was? War fie krank, die Placida? Und konnte am Ende gar nicht hierbleiben? Aus einem dunklen Trieb heraus beschwichtigte er fie, fie solle sich nicht ängstigen des bißchens Schwindel und Beengung halber, das gebe sich schon nach und nach. Und zum Arzt solle sie lieber nicht gehen, die machten aus einer Mücke gleich einen Elefanten und wüßten im Grunde doch nichts. Nach dem Meyenwalde fei es übrigens nicht weit, und die Kühle und der Tannenduft würden ihr nur gut tun. Schluß folgt.) Dsr Wanderzirkus vsn Iuike. Von Leo Matthias. Juile ist ein kleines mexikanisches Nest, nur bewohnt von Indianern, Mestizen, Negern und einigen Weißen. Ich hatte dort zwanzig Stunden Aufenthalt; der Zug, der nur zweimal in der Woche nach San Inan Cvan- gelista fuhr, ging erst am nächsten Tage. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in dem einzigen Bungalow des Orts zu übernachten. Die Bungalow-Hotels dieser Gegenden sind einstöckige Holzhäuser, die auf Steinsockeln ruhen und an eine Reihe von Badezellen erinnern. Man springt vom Gras auf einen kleinen Steg hinauf, der vor den sechs bis zehn Türen entlangläuft und befindet sich dann gleich in seinem „Zimmer", das sich von einer Badezelle eigentlich nur dadurch unterscheidet, daß sogar die Fensterluken fehlen. Man ist tagsüber gezwungen, die Tür offenzufasien und kann sich vor den neugierigen Blicken der anderen Bewohner nur durch eine Gardine schützen, die der Wind aber meistens so tief in das Zimmer hineintreibt, daß sämtliche Gegenstände hinausgefegt werden. . Ich mar froh, zu erfahren, daß ein Wanderzirkus gerade am Tage zuvor sein Zelt in Juile aufgeschfagen hatte. Ich brauchte nicht den Abend in diesem Bungalow zu verbringen und ließ mir, noch während ich mich vom Reisestaub reinigte, eine Karte besorgen, aus Furcht, vielleicht am Abend keinen Platz mehr zu erhalten. Es regnete in Fäden, als ich gegen neun Uhr aufbrach. Der ganze Weg war" ungepflastert. Das Wasser in den tiefen Wagenspuren, denen ich'folgte, trat über die Ufer und suchte mit ,allen Lachen Verbindung. Wie ein Kranich springend, erreichte ich schließlich das Zett, und entledigte mich meines Hutes mit der gleichen Vorsicht, mit der man eine gefüllte Waschkumme von -einem erhöhten Ort herunterhebt. Vielleicht war es das Wetter, das die Menschen zurückgehalten hatte, sich von den Attraktionen des Zirkus locken zu lassen — auf sechs Reihen von Holzbänken und zwei Reihen von grünen Gartenstühlen (hinter denen ein meterhohes rotes Band entlanglief) hockten etwa zwanzig Menschen; fast alle saßen auf der rechten Seite, weil man die faufend- kerzige Lampe, die ohne Schirm an einer Schnur von der Decke tropfte für die erste Nummer der Luftakrobaten nach dieser Seite gezogen hatte. Als ich eintrat, waren gerade ein Mann und eine Frau dabei, sich am Trapez zu produzieren. Es waren geringe Künste, die sie zeigten. Die Kräfte der Frau waren so schwach, daß der Mann, sie hin und wider vom Rücken aus stützen mußte, und hing sie an feinen Händen, so legte er seinen Daumen nicht auf ihre Finger, sondern etwas tiefer, in die Nähe der Handwurzel, wahrscheinlich, um ihr ein größeres Gefühl der Sicherheit zu geben. Sie war, wie ich später erfuhr, die Frau bes Artisten; er besaß sogar von ihr zwei Kinder, die in diesem Augenblick in einem der weißen und roten Wagen schliefen, die im Kreise um bas Zelt herumstanden. Cs hatte niemand Lust, am Schluß ihrer Vorstellung zu klatschen. Erst als fie sich zum zweiten Male verbeugten, schlug ein vierzehnjähriger Junge in die Hände, und als die anderen nachkamen, verbeugten sich die beiden mit einem Lächeln, aus dem der Dank für die Nachsicht sprach, die man ihren Leistungen entgegenbrachte. Ich hatte gehofft, daß die dritte oder vierte Nummer des Programms, die Hauptattraktion des Abends bringen mürbe — einen Italiener, von dem man mir bereits im Bungalow Wunderdinge erzählt hatte. Aber nach verschiedenen langweiligen Nummern und einer Pferbe- breffur, die nur deshalb beachtet wurdes weil eine dicke Indianerin (die bemerkt hatte, daß die Vferde gerade dort, wo sie faß, immer wendeten) bei jeder Runde ihre Hand ausstreckte, um dem Publikum zu zeigen daß die Tiere nicht dem Stallmeister gehorchten, sondern ihr, kamen erst die beiden Luftakrobaten noch einmal, diesmal als Jäger verkleidet, und beim Sckstag abspritzte, zu schützen. Ich glaubte einen Augenblick lang, baß der Neger durch derartige Vorbereitungen zurückgeschreckt werde« würde, aber die Vorsichtsmaßregeln schienen seinen Mut nur zu oer. gröfrern, b-enn er fyob sich einxis in den ijüften, lieh den Ha-mmer mit der rechten Hand ein- oder zweimal pendeln, warf ihn ixnui hoch über seinen Kopf hinaus nach hinten, wobei er zugleich die linke Hand an den Stiel schlug, hob sich dann noch einmal, so daß man einen Augenblick lang glaubte, er würde nach hinten fallen, und während sein nach vorn gebogener Körper zuerst langsam und dann mit ungeheurer Wucht in die umgekehrte Richtung schnellte, sauste der Hammer auf den Fels. Ich war überzeugt, daß jeder Versuch, diese Steinmasse zu zertrümmern, ganz vergeblich sein würde. Auch der zweite Versuch mißglückte, und selbst beim dritten lösten sich nur Splitter, von denen einige dem, der die Augen des anderen schützte, mit solcher Kraft gegen die Hand spritzten, daß er sie schütteln mußte, um den Schmerz zu verbeißen. Man mußte eine kleine Pause machen. Auch der Italiener schien etwas erschöpft. Aber ich glaube, daß niemand im Zelt in diesem Augenblick an ihn dachte, denn jeder war nur darauf gespannt, ob es dem Neger gelingen würde, den Fels durch den vierten Schlag zu zertrümmern. Jedoch blieb auch der vierte Schlag erfolglos, und erst beim fünften, der etwas hohler klang, fiel der Mock in drei großen Stücken auf die Erde. Der Italiener verneigte sich. . . , Als ich am nächsten Morgen aufstand, um den Mann noch einmal zu sehen, der sich nicht fürchtete, durch irgendeinen Streckenarbeiter Mexikos zum Krüppel geschlagen zu werden, spielten auf dem Matz einige Kinder mit einem kaputten Seil, das der Wanderzirkus zunick- gelafsen hatte. Der Bsrgkaukasus - ein Böikermnseum. Von Dr. Artasches A b e g h i a n. Nicht umsonst hat man den Bergkaukasus als das Museum der Völker und Sprachen" bezeichnet. In der Tat rühmt sich das kaukasisch« Berqland schon seit uralten Zeiten, eine Heimat verschiedenartigster Rassen und Völker, Sprachen iind Idiome zu sein. Der Kaukasus heißt schon bei den arabischen Geographen „Dschebel-Al-Suni , d. h. Berg der Sprachen. Aber noch früher, bei den Griechen und Römern sowie bei den alten Armeniern und anderen Nachbarvölkern, war der Kaukasus als die Wiege buntester Völkergemische bekannt. Einige ihrer Geographen und Historiker stellen die Zahl der kaukasischen Volker bis zu 3M fest. Strabo erzählt, daß in Dioskurias, einer der zahlreichen griechischen Handelskolonien am Pontus Euxenius, Geschäftsleute, di« nicht weniger als 70 Nationalitäten angehörten, zusammenkamen. P l lnlu s kenm deren eine noch größere Zahl. Viele von den im Altertum erwähnten Kaukasusvölkern sind gegenwärtig jedoch nicht mehr da,, sei es, weil sie von den erst später eingewanderten mächtigeren Volksstammen apimt- fiert wyrden sind, wodurch sich neuere Völkermischungen ausgebiföet haben, sei es, weil einig« von ihnen einfach in den fortdauernden Ver- nichtungskämpsen der Rassen zugrunde gegangen sind oder endlich, wert nicht wenige von ihnen aus historischen und Rassegrunden gezwungen gewesen sind, von den jahrhunderte-, ja, jahrtausendealten Wohnsitzen ihrer Väter und Ahnen Abschied zu nehmen und neuere Niederlassungs- ^löas seit ^hrhunderten stetig wechselnde Antlitz der kaukasischen Völkergeschichte zeigt auch jetzt immer neue Züge. Die allmächtige und alles ab chleifende Zeit hat zwar die Zahl der Kaukasusvolker bis auf etwa 48 herabgedrückt, sie ist aber immer noch hoch genug^ um dem Kaukasus den Namen „V ö l k e r m u s e u m zu eryalten Noch heute sind auf den Abhängen und Füßen, in den Schluchten und Engpässen des kaukasischen Hochgebirges viele Volkstypen zu finden, die immer noch tn ihrer vorhistorischen Lebensweise, ihren primitiven Sozlalverhaltmssen, altertümlichen Sitten und Gebräuchen, verharren. Fast all« diese Volks- svliiter sind ohne jegliches Schrifttum und ohne Lesekunst und beschaf- tiaen sich ausschließlich mit Viehzucht. Ehemals Christen, such sie int ßaufe des 17 und 18. Jahrhunderts unter dem türkischen Einfluß meist zum Islam übergetreten. Für die Gegenwart ist die Bezeichnung des Kaukasus als des Völkermuseums um so zutreffender, als eine Menge dieser Museumsvölker nirgends mehr auf unserem Erdbälle vorkommen und auch in ihren Heimstätten oft nur in wenigen Tausenden zu finden sind. Das gilt namentlich von den eigentlichen Bergvölkern,des Kaukasus. In der Tat kann man kaum noch einen anderen Himmelsstrich entdecken, wo auf einem Landstrich von der gleichen Größe ebensomele Volker und Rassen leben, ebensooiele Sprachen und Idiome herrschen, wie es tn dem kaukasischen Alpenlande der Fall ist. Allen Kaukafusvolkern ist ein und dieselbe weiße Rasse gemeinsam, deren typische Vertreter eben die Kaukasusvölker sind. Nicht umsonst wird also di« weiße Rasse auch die än.er^Länge"von 1200 Kilometer erstreckt sich die kaukasische Gebirgskette zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und, wie eine Nandbrücke Asien und Europa miteinander verbindend, trennt sie das iiördlickie Gebiet der kaukasischen Landenge, d. h. Ciskaukafien, von dem südlichen Landesteile oder Transkaukasien. Der eigentlich« Kaukasus am» faßt das Hochgebirge selbst, die kaukasischen Alpen tn« ^ntralgaler,e des kaukasischen Völkermuseums. Von den dort vertretenen Bergvölkern seien hier nur die vier Hauptgruppen genannt: die westliche, die zentral- kaukasische, die östliche und die südliche Jede dieser Gruppen 'hrer- seits viele Stämme und Sippen, Sprachen und Idiome, die sich oft von- ima^nder sthr unterscheiden.,^ Hauptvertreter ..westkaukasischen Bergvölker. In ihrer Heimat Kabarda erhebt sich die bodtite .^rilspitze des Kaukasus: das Silberhauvt des Elbrus. Die Tscherkesfenheimat stellt sich von Natur aus als ein Labyrinth dar nut unzuganalichen Schlupfwinkeln, unpassierbaren Hoblweaen, verderbendrohenden Abarunden unwirtlichem, rauhem Klima. In dieser einsamen Gegend besteht bas simer- kessische Volkstum seit undenklichen Zeiten. E- wird schon im 6. Iayr- bann ereignete sich ein kleiner Zwischenfall, der die Vorstellung sür zehn Minuten unterbrach. , „ Di« Jäger-Akrobaten hatten nämlich noch nicht die Arena verlassen, als ein riesiges Schwein in den Zirkus stürzte, auf dem ein Zwergclown verkehrt ah. Er benutzte den Schwanz des Tieres wie einen Zugel und tat als ob er einen Hengst zureiten mühte, aber er war noch nicht bis M,r Mitte der Arena gekommen, als er plötzlich herunterfiel und auf dem Koden liegen blieb. Man lachte selbstverständlich, weil , man, glaubte, daß -s zmn Programm gehöre, aber der Clown erhob sich nicht, und das Schwein rannte guer durch den Zirkus bis zur Zektwand, duckte sich und schlüpfte durch den Spalt zwischen Zelt und Boden ins Freie, Ich glaube, wir wären in diesem Augenblick alle bereit gewesen, den Zirkus zu verlassen, ohne unser Eintrittsgeld zurückzufordern; jeder hatte das Gefühl, daß dem Clown etwas zugestoßen sei. Aber ob es nun die Maneoenschranke war, die niemand zu übersteigen wagte, oder ob man Fürcht' vor diesem verkrüppelten geschminkten Wesen hatte, das bewe- aungslos im Sande lag, niemand war imstande, sich zu rühren, und man war daher erlöst, als nach der Ruhe der ersten Sekunden einer ber beiden Musiker, die oberhalb der Manegentür saßen, sein Instrument vlötzlich hinwarf und die kleine Treppe, die zu dem Balkon führte, herunterstürzte. Ich hatte selbstverständlich gehofft, daß er sich um den Clown kümmern würde, aber er lief an ihm vorbei, zum Zelt hinaus, und man hörte nur von draußen seine Rufe. Es war sehr still im Zelt, als sich schließlich ein Indianer, der aus der dritten Bank saß, erhob, über die Manegenschranke trat und den Elomn anredete. Aber er antwortete nicht, und als der Indianer seinen Arm anfaßt«, fiel er wie ein Paket wieder auf den Boden. Der Indianer wandte sich daraufhin an den zweiten der beiden Musiker, der während der ganzen Zeit teilnahmslos auf dem Balkon gesessen hatte und schlug ihm vor, doch etwas Wasser zu holen. Aber der Musiker rief von oben herab, man solle sich, um den Clown nicht kümmern, der sei nur ohnmächtig, das käme bei Zwergen häufiger vor, und er würde in zwei bts drei Minuten schon wieder von selbst ausstehen. Es war wohl niemand im Zirkus mit diesen Worten einverstanden, aber es sagte auch niemand etwas dagegen, und der Indianer ging daraufhin langsam auf seinen Platz zurück, nicht aber ohne sich ständig mnzusehen, denn er hatte wohl wie wir alle das Gefühl, man dürfe den Augenblick, wo sich der Clown erhebt, nicht versäumen. „ , , Wir saßen unter der tausendkerzigen Birne zusammengelauert aus den Holzbänken und warteten nun alle auf bas gleiche. Man horte den Regen und di« kurzatmigen Bewegungen der Lichtmaschine, ein, zwei, drei Minuten lang — aber -der Clown rührte sich nicht, und erst, als der andere Musiker 66er, wie sich ergab, der Direktor des Zirkus war) mtt einem Manegendiener das Schwein an den Ohren heremfchleppte, glaubte ich, zu bemerken, daß der Clown feinen Kopf bewegte. Aber vielleicht habe ich mich auch getäuscht; er wurde gleich darauf hinausgetragen, und dann kam die Hauptnummer des Abends, der Italiener Galazzo Villa. . ., , ,, Dieser Mann, den ich bisher für einen Manegediener gehalten hatte, weil er nur die Vorhänge öffnete, ober die Lampe von der Mitte aus nach der Seite oder von der Seit« aus nach der Mitte zog, streifte fein Hemd über den Kopf, zeigte einen Oberkörper, der sich von dem eines breitschultrigen dreißigjährigen Mannes durch keine ungewöhnliche Muskulatur unterschied und erklärte, man würde ihm jetzt jenen, Felsblock von eineinviertel Zentnern, der links vom Eingang sichtbar fei, und den man dort hingefchaft habe, damit sich jeder überzeugen könne, es fei ein wirklicher Felsblock, auf den bloßen Rücken legen und dort durch Hammerschläge zertrümmern. Selbstverständlich dachten alle, daß dies irgendeiner der Zirkusleute besorgen würde, und man war daher allgemein sehr überrascht, als er sich gleich darauf, nachdem er seinen Gurt feit ungezogen hatte, noch einmal an bei5 Publikum wandte und uns fragte, ob nicht vielleicht ein Streckenarbeiter im Zuschauerraum wär«. Es meldeten sich daraufhin ein Neger und ein Mestize. Der Mestize aber trat aus Höflichkeit sofort zurück, und während der Neger den Hammer prüfte, nahm der Statiner einen Stuhl aus einer, der beiden Reihen, hinter denen das rote Band entlanglief, stellte ihn verkehrt herum, stützt« feine beiden Arme auf die Lehne, ließ sich den Fels auf den nackten Rücken legen und forderte den Streckenarbeiter auf, mit äußerster Kraft auf den Stein zu schlagen. Von allen Zirkusnummern, di« ich bewundert habe, war keine auf- regenber als diese. Ich habe zwar einmal in Bombay einen Mann gesehen, der mit der Brust eine Holzschiene von zwanzig Metern her- unterrutfchte, bann in die Luft flog und mit der Brust auf eine zweite Schiene aufschlug, die zehn Meter tiefer lag, aber ich wußte, daß er es tausendmal gemacht hatte und konnte daher trotz aller Erregung den Dorbereitungen mit einer gewissen Gefaßtheit folgen. Hier aber hatte ich jenes Gefühl, mit dem man etwa der Vorstellung durch einen Laien folgt, der zum erstenmal in seinem Leben hypnotisiert — man weiß man, wie dieses Experiment enden wird, und ob der andere jemals wieder aufwacht. Es gab nicht die geringste Gewähr, dafür, daß der Neger geschickt genug fein würde, um einen Stein in dieser ungewöhnlich hohen Lag« zu treffen, — er war nur gewohnt, mit seinem Hammer auf bte Erde zu schlagen; es war wahrscheinlich, daß er in diesem Falle daneben treffen würde. ... , Als der erste Schlag kam, kniff ich die Augen zu,, weil ich überzeugt war, er würde nicht auf den Stein, sondern ins Fleisch gehen. Cs war vielleicht auch nahe daran, denn der Block verschob sich, und sicherlich war auch der Italiener etwas ängstlich geworden, denn er rief laut einige Wort«, di« ich nicht verstand. Es erschienen daraufhin sofort zwei Manner, di«, wie ich glaubte, den Stein jetzt wieder herunternehmen wurden. Aber obgleich sie sich zu beiden Seiten des Italieners postierten,, dachten sie nicht daran, sondern balancierten den Felsblock auf feinem Rücken nur wieder aus, und während der eine sich dann auf den Stuhl kniete, auf dessen Lehne sich der Italiener gestützt hatte, und den Stein mit beiden, Händen Elhielt, stellte sich der andere hinter den ersten, und hielt ihm mit iben Händen die Augen zu, um fein Gesicht gegen bas Gestein, bas hundert o. Chr. von den griechischen Geographen unter dem Namen And, wie sie sich jetzt auch ähnlich (Adige) nennen, verzeichnet. Die Tscher- kessen sind als eine der schönsten Kaukasustypen bekannt. In der Tat haben sie einen reizvollen Körperbau und ein kühnes freiheitliches Wesen. Die Waffe ist ein Bestandteil ihrer Nationaltracht, die auch unter den anderen Bergvölkern sehr verbreitet ist. Die tscherkessischen Reiter sind immer in der russischen Kavallerie berühmt gewesen. Gegenwärtig sind im Kaukasus nur noch Reste des tscherkessischen Volksstammes erhalten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach der Unterwerfung des Kaukasus Lurch die Russen, wanderten die meisten Tscherkessen nach der Türkei, wo sie sich jedoch nicht behaupten konnten. Au den westlichen Bergvölkern gehören auch die Abkhasen, deren Heimat sich zwischen dem Schwarzen Meere und der kaukasischen Gebirgsgrenze in Georgien ausbreitet. Sprasillich und der Abstammung nach sind sie den Tscherkessen verwandt. Auch die Abkhasen sind ein bereits den Alten bekanntes Volk (Abasen). Schon im 5. Jahrhundert wurde das Christentum unter ihnen verbreitet; heute sind sie jedoch teilweise Mohammedaner. Die Hauptoertreter der zentralkaukasischen Bergvölker sind im Norden di« Tschetschenen und im Norden wie im Süden die Osten (Osteten). Die Tschetschenen zerfallen unter sich in verschiedene Stämme und Sippen, mit eigener Sprache und eigenem Dialekt. Gleich den Tscherkessen sind die Tschetschenen ebenfalls ein tapferes Volk, obgleich räuberisch. Weiberraub wie Blutrache sind noch heute bei ihnen übliche Sitten. Im Gegensatz zu den anderen kaukasischen Bergvölkern haben die Tschetschenen überhaupt kein Feudalwesen gekannt. „Wir find alle gleiche und freie Leute", behaupten sie immer. Ihre Gemeindeangelegenheiten werden von den von ihnen selbst erwählten Stammesvertretern erledigt. In ihrem Leben lassen sie sich durch eigenes Gewohnheitsrecht bestimmen. Wenn auch nicht der Raffe und Sprach« nach, doch ihrer Lebensweise und ihren sozialwirtschaftlichen Verhältnissen noch gehören auch die O s s e n (Osseten) zu den Bergvölkern des Kaukasus. Ihrer Abstammung nach aber wie auch durch ihre Sprache unterscheiden sie sich von allen anderen kaukasischen Bergvölkern gründlich. Die Osten sind nämlich einer der uralten indogermanischen Stämme, die sich schon in früh- historischer Zeit in ihren jetzigen Heimstätten, umgeben von fremden und feindlichen Stämmen, niedergelassen haben. Noch heute besteht Feindseligkeit zwischen ihnen und den eigentlichen Bergvölkern. Die Osten sind nämlich Nachfolger der alten und in der Geschichte bekannten Alanen. Die meisten von ihnen nennen sich ,Zr", „Iran". Die Nordossen nennen die Südosten Dualte. Die Osten sind ebenfalls in mehrere Sippen zerteilt. Südossetien gehört administrativ zu Georgien, Nordossetien aber zu Nord- kaukasien. Bei den Offen mehr als bei irgend einem anderen Kaukasus- volk ist das Gewohnheitsrecht in seiner Herrschaft. Der russische Gelehrte M. Kowalewsky hat sie in dieser Hinsicht gründlich studiert, während sie sprachlich ein anderer deutsch-russischer Gelehrter, W. Miller, erforscht hat. Im Hause sowohl als auch auf dem Felde trägt die Hauptlast der Arbeit die ossische Form. Die Männer lieben müßig« Stunden. Die Osten, von denen viele blondes Haar und blaue Augen haben, sind Liebhaber eines einheimischen Getränkes, sehr ähnlich dem deutschen Biere. Wenn auch einige Forscher di« Meinung ausgesprochen haben, die Offen seien ein germanisches Volk, so ist jetzt doch endgültig bewiesen, daß sie iranisch sind. Die Hauptgruppe der östlichen kaukasischen Bergvölker sind die L e s - g i n e n. Daghestan, (d. h. Bergland) ist ihre Heimat, das Land des berühmten Bergvölkerführers Schamil, der im Laufe einiger Jahrzehnte in den Schluchten und auf den Gipfeln des Kaukasus die Freiheit und die Unabhängigkeit seines Landes mit Waffen in der Hand gegen die Rusten verteidigt«. Noch mehr als die anderen kaukasischen Bergvölker ist die Hauptgruppe der Lesginen in verschiedene Stämme geteilt: Awaren, Kürinen, Dargin en u. a. Auch di« U d i n e n , die ein altes historisches Kaukasusvolk find, von dem jedoch heute nur wenige Splitter vorhanden sind, gehören zu der Gruppe der Lesginen. Durch ihre Lebensweise unterscheiden sich die ersteren sehr wenig von den anderen Bergvölkern. Südlich der kaukasischen Gebirgskette wohnt die kartmelische Stamme sstrmilie. In ihren Hauptmasten (den eigentlichen Georgiern) gehören sie jedoch nicht zu den kaukasischen Bergvölkern, sondern zu denjenigen Transkaukasiens. Für alle kartwelischen Bolksstämme ist die Charakteristik sehr zutreffend, die ihr eigener Geschichtschronist Wachthang gegeben hat: „Sie sind schön von Gestalt, lieben den Ruhm, sind gastfreundlich, heiteren Humors, großmütig, verschwenderisch, benfen nie an das Sparen und das Wirtschaften, lieben das Kriegshandwerk, unterstützen sich gegenseitig, tun gerne Gutes, find aber sinnlich und wechseln rasch vom" Guten zum Bösen, sind eigensinnig, ehrgeizig und schmeichlerisch." Strahlen ans dem Wellsnrsum. Von Dr. Paul M. Holz. Wir haben uns an das Wunder der Röntaenstrnhlen längst gewöhnt, die Strahlen des Radiums find uns kein Geheimnis mehr, aber die Wissenschaft findet, wenn sie irgendeine Entdeckung macht, immer wieder neue verschlossen« Türen, zu denen sie mühsam den Schlüssel suchen muß. Seit mehreren Jahren wissen wir, daß außer den Strahlen der Sonne unsere Erde auch noch von anderen Strahlen umflossen wird: von der sog. durchdringenden Raum - und Höhenstrahlung. Es handelt sich dabei um eine Strahlenart in unserer Atmosphäre, die an Durch- dringungsvermögen sogar die härtesten uns bekannten Röntgenstrahlen bei weitem übertrifft. Während di« Wellenlänge der kürzesten Röntgenwellen etwa den zehntausendsten Teil der Lichtmellenlänge beträgt, macht die Wellenlänge der durchdringenden Höhenstrahlung gar mir den hunderttausendsten Teil der Wellenlänge unseres Lichtes aus. Und während die härtesten Gammastrahlen, die man bisher untersucht hat, noch eine Bleiplatte von dreißig Zentimeter Dicke zu durchdringen vermochten, wird die Durchgangskraft der neuen Strahlen erst bei einem Bleipanzer von 1,80 Meter Stärke absorbiert, weshalb man diese neuen Strahlen als Ultragammastrahlen bezeichnete. Es handelt sich dabei um Strahlen, wie sie bisher auf der Erde vollkommen unbekannt n-ü i und wie sie bis heute noch in feinem Laboratorium zu erzeugen 7 ' möglich war. B " | Woher kommen diese durchdringenden Strahlen? Bullonaufstieqe « gaben die überraschende Tatsache, daß die Strahlen in einer geioifL ; Höhe über der Erdoberfläche sich zwar etwas verringerten, mit steigender ! Höhe sich dann aber sogar noch stärker bemerkbar machten. Die gerinnft» i Strahlungsstärke lag bei etwa tausend Meter Höhe. Die Strahlenkrub : erreichte dagegen in etwa 9300 Meter Höhe den fllnfzigfachen Vetrue . derjenigen Wirkung, wie sie unmittelbar an der Erdoberfläche wahr. genommen werden konnte und den zehnmillionenfachen Betrag des Lickt,' An diesen Feststellungen beteiligten sich die Schweizer Physik«: Gockel und Heß und Prof. Kolhörster (Berlin). Sie kamen zu Der lieber. ’ ■ zeugung, daß diese durchdringenden Strahlen kosmischer Herkunft fein I • müssen, daß sie also aus den Tiefen des Weltraums zu uns kommen , Denn daß nicht di« Sonne die Quelle dieser Strahlen sein konnte ergab sich bereits aus der Tatsache, daß die Strahlen auch in der Nacht (M i nach Sonnenuntergang) in unveränderter Kraft wirksam waren und dab j nachgewiesenerpiaßen die Sonne eine so außerordentlich hohe Radio- ! aktivität (etwa der 170sache Betrag des Minerals Uran) nicht besitzt, wie sie der neuen Strahlungsart zu kommt. i Weitere Untersuchungen Kolhörsters, der sich gerade auf dem ®e. biet der Höhenstrahlung besondere Verdienste erworben hat, fanden 1923 f und 1924 auf dem Eigergletscher (2300 Meter Höhe) und am Jungfrau- joch (3500 Meter Höhe), statt. Dabei ergab sich, das jedesmal, wenn die Meßinstrumente in Eishöhlen oder tiefen Gletscherspalten geaen die Höhenstrahlung abgedeckt wurden, die Stärke der Strahlen erheblich ' zurückging. Auch ein amerikanischer Gelehrter, Prof. Millikan, sowie ; ander« Wissenschaftler beschäftigten sich mit den rätselhaften Höhenstrahlen und kamen bei ihren Messungen zu gleichen Ergebnissen wie Kolhörster. ; So wertvoll die bis dahin erzielten Resultate waren, so brachte doch erst das Jahr 1926 vollkommene Klarheit, nachdem in langwieriger . Arbeit besonders empfindliche Meßinstrumente geschaffen worden waren, i In jenem Jahr unternahmen Prof. Kolhörster und Dr. von Sali, ■ eine Expedition nach dem Mönchgipfel, wo (4015 Meter ü. d. M.) in sich. wöchiger Arbeit unter äußerst harten Bedingungen in einem Eistrichter 1 (der durch dick« Eisenplatten gegen Seitenstrahlung des Eises und de, Gesteins abgeschirmt war) die Messung der Höhenstrahlung vorgenommen ! wurde. Dabei ergab sich der Überraschende Tatbestand, daß die Ultra- j - gamma st rahlen aus gewissen Teilen der Milchstraße (die sich be» ; kanntlich aus Milliarden von Sonnen zusammenfetzt), ferner aus den i s Sternbildern Andromeda und Herkules herrührten und daß diese ge< I heimnisvollen Strahlen von rotleuchtenden jungen Sonnen ausgehen, in denen die radioaktiven Vorgänge eine besondere Rolle . spielen. Demnach steht fest, daß aus allen Teilen des Himmels, roo werdende Sonnen ihre glühenden Massen wirbelnd verdichten, die durchdringenden Strahlen durch den Weltenraum fluten und daß unsere Erde von allen Seiten von derartigen Strahlen umbrnnbet ist. Und nun noch etwas Merkwürdiges: bie Wellenlänge dieser Ultragammastrahl en ist so unvorstellbar winzig, daß auf bie Länge eines einzigen Millimeters 25 Milliarden Einzelwellen entfallen. Und ferner: würde nicht der dicht« Luftmantel unserer Erde diese harten Strahlen auffangen und sie allmählich in weiche um wandeln, so würden sie alles Leben auf der Erde töten. I Vielleicht war «s diese Entdeckung der Lebensgefährlichleit der Höhen- ’ strahlung, die den bekannten Leiter ber Pariser Sternwarte, Professor Charles Nord mann, zu der Vermutung veranlaßte, daß die Krebskrankheit durch Sternstrahlung hervorgerufen wird, nämlich von jeinen Ultragammastrahlen, die aus den Tiefen des Weltraumes zu uns bringen. „Die einzigen, wirklichen Krebswucherungen", so schreibt Nordmann, „die ; bisher außer der Berpflanzung von Krebsgeweben auf künstlichem Weg« erreicht werden konnten, sind die, die von den Röntgen- oder Radiumstrahlen verursacht werden. Da nun aber durch diese Strahlen in unseren Laboratorien krebsartige Geschwülste hervorgerufen werden, so erhebt sich «ine ebenso furchtbare wie unvermeidliche Frage. Können mir die Schlußfolgerung.ausschalten, daß diese Erkrankungen, die so viele Todesfälle verursachen, von den aus dem Raum kommenden Strahlen verursacht werden? Cs ist wahr, daß diese Strahlen verhältnismäßig nicht sehr intensiv sind, aber sie üben ununterbrochen und dauernd ihre Wirkung aus. Tag und Rächt kommen sie zu uns. während unsere, ganzen Lebens und durchdringen unsere Körper und Gewebe. So wie ber stete Tropfen den Stein mehr aushöhlt, als ein starker Wasserstrahl vim - kurzer Dauer, so können auch die Wirkungen dieser Strahlen furchtbar \ fein." In diesem Zusammenhang macht Prof. Nordmann auf die Tatsache aufmerksam, daß die Krebskrankheit am häufigsten bei alten Leuten mss- tritt, also bei Menschen, bei denen im Laus der Zeit die Strahlen ihr« zerstörenden Wirkungen üben konnten. I Es ist natürlich möglich, daß die Ursachen der Krebskrcmkhest M3 anbere sind, aber wir sollten uns hüten, Auffassungen ohne Weiterer ' abzulehnen, die zu unserem Erstaunen und Schrecken sich vielleicht eine« : Tages als ungeheuerliche Wahrheit erweisen können. > Von den zitternden Froschschenkeln, durch die Galvani einst bh j ersten elektrischen Schäme schickte, bis zu den Riesenturbinen und ! elektro-magnetischen Radio wellen war «in sehr weiter Weg. Was will« ! wir, was können wir von jenen Entwicklungen wissen, die an Kolhörster» ! Erforschung der Höhenstrahlung sich anknüpfen werden? Immer sind « Menschen von lebendiger Phantasie, bie bas Märchen von heute zur I* Wirklichkeit von morgen verwandeln. Cs ist unwichtig, daß wir mit >. Weltraumschiffen nach andern Sternen fliegen, wichtig ist, die Kroft- ströme des Kosmos in ihren Wirkungen zu erkennen tmb, roenn es möglich ist, ber Menschheit nutzbar zu machen. Was wissen wir heutigen Menschen, welche Energien wir noch immer ungenutzt oerbranben lassen Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, A. Lang«, Gießen. Zahro Der in der ein Me der seu bie Kat tarnen, schwenk schwenk vernäh Marge: So Vogel ja klopfte um mit Den Augen redet, u Der Sä und da: auch eil bekomn im tieft sie wie bracht; So Zwiespi die leis feiner l floß, ui dem W krause Stemm jedem ' tausend Flügel« das em zornige seiner e selber r Als si burger 'n Cg« seiner ! von de tönendk Vogels« Kiesger Wien l den Da Wei Freund Gießka: tenben lebige ' Stab $ des La