Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzsner Anzeiger Jahrgang <927 Dienstag, den 8. März Nummer Z9 Linser literarisches Preisausschreiben. Wir bringen in der Heutigen Dummer die Aufgaben V und VI unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche zwölf Lösungen find gemeinsam in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen. V. Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehen. Ja, wer das halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Ber-- suchung und verspreche mir heilig: morgen willst du einmal wegbleiben ; und wenn der Morgen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt: „Sie kommen doch morgen?" — Wer könnte da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbst die Antwort zu bringen: oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! — Ich bin zu nahe in der Atmosphäre — Zuck! so bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den übereinander stürzenden Brettern. O! Glücklich, wer noch hoffen kann. Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weih, das eben brauchte man. Und was man weih, kann man nicht brauchen. Doch lah uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! Betrachte, wie in Abendsonneglut Die grünumgeb'nen Hütten schimmern. Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, Dort eilt sie hin und fördert neues Leben. O, daß kein Flügel mich vom Boden hebt, Ihr nach- und immer nachzustreben! Ich säh' im ewigen Abendstrahl Die stille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal, Den Silberbach in gold'ne Ströme fliehen. Dicht heinmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten: Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten Vor den erstaunten Augen auf. Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken: Allein der neue Trieb erwacht, Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken, Vor mir den Tag, und hinter mir die Dachl .... VI. Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon, Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran. Mit Türmen, Linden, Burg und Tor, Mit Dathaus, Markt und Kirchenchor; So schwimmt denn auf dem grünen Dhein Der goldne Dachmittag herein. 2m Erkerhäuschen den Dechant Sieht man, den Römer in der Hand, Lind über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüftchen geht. Wie still! Dur auf der Klvsterau Keift fernhin eine alte Frau; 3m kühlen Schatten neben dran Dumpf dvnnerts auf der Kegelbahn. Diese Bedingung machte das Iungfräulein stutzig und sie sagte: Also gänzlich müßte sie auf das Tanzen verzichten? Und sie zwei- ; feite, ob denn auch im Himmel wirklich getanzt würde? Denn alles habe seine Zeit; dieser Erdboden schiene ihr gut und zweckdienlich, um darauf zu tanzen, folglich würde der Himmel wohl andere Eigenschaften haben, ansonst ja der Tod ein überflüssiges Ding j wäre. Allein David setzte ihr auseinander, wie sehr sie in Liefer > Beziehung im Irrtum sei, und bewies ihr durch viele Bibelstellen, sowie durch sein eigenes Beispiel, dah bas Tanzen allerdings eine geheiligte Beschäftigung für Selige sei. Jetzt aber erfordere es einen raschen Entschluß, ja oder nein, ob sie durch zeitliche Entsagung zur ewigen Freude eingehen wolle oder nicht: wolle sie nicht, so gehe er weiter, denn man habe im Himmel noch einige Tänzerinnen von nöten. Karl Haider, der bayerische Maler. Bon M. L e r d i n g. Wir erlebe» es immer wieder, dah nicht die Gegenwart den Wert einer Künstlerpersönlichkeit, die Bedeutung ihres Schaffens bestimmt. Daß vielmehr erst Jahrzehnte, lvenn nicht Jahrhunderte vergehen, bis das Bleibende die ganze Kraft seiner Wirkung auf die Menschheit entfalten kann. Alles Aeußerliche, die Sinne oberflächlich Blendende hat dann seine ephemere Kraft verloren; es ist zurückgedämmt in den Umfang, der ihm geziemt, sein Schreien ist verhallt vor den ernsten, tiefen Tönen der Ewigkeit, die wie in aller Natur auch in aller echten Kunst steckt. Ja, wir erleben sogar dies: daß alle Kunst unserer Zeit, die einen schnellen, lauten Ruhm erntet, so schnell wieder im Strom der Dinge untergeht, wie sie vom Strudel emporgerissen war; dah sie eben nur jenes Aeußerliche, die Sinne oberflächlich Blendende in sich trug. Täuschung war hier also auch der Name „Kunst" für etwas, was „Mode" heißen sollte. Liegt doch das Wesen der Mode auch in all den „Ismen", bie — ob nun Tagesmoden wie Kubismus und Dadaismus, ob Saisonmoden wie Impressionismus und Expressionismus — früher oder später von ihrem jeweiligen Gegenteil abgelöst werden wie Schuhformen, Rocklängen oder Kragenschnitte. Nein, mit Kunst im wahren, einzigen, heiligen Sinn hat all das nichts zu tun. Und weil die Ismen blühen, weil mit Mode viel Geschäft zu machen ist, hat die Kunst in unseren Tagen eine Zeit der Verkennung und der königlichen Einsamkeit. Das sprichwörtliche Künstlerschicksal des Unverstandenbleibens, des Verhungerns, während Schmarotzer im Reich der Kunst mit Gold überschüttet werden — immer kehrt es wieder, und von wenigen glücküchen Ausnahmen abgesehen, scheint es geradezu die unabwendbare Bestimmung der Berufenen. Liegt dieses Fatum denn im Wesen der Kunst oder des Künstlers? möchte man fragen. Die Antwort darauf mühte sein: Nicht die Gebenden bestimmen es, sondern die Empfangenden. And bezeichnend ist es zumal für solche Zeitläufte, in denen alles Tun und Lassen auf Mechanisierung des ganzen Lebensbetriebes, auf Oberflächenhaftigkeit der Eindrücke und Aeußerlichkeit des Geniehens eingestellt ist. Für Menschen, deren Lebenstempo durch das Rafftnement moderner Technik bestimmt wird, bleibt der ruhende Ewigkeitsbegriff, der die Kunst hält und trägt, ein ungeheuer Fremdes. Daß dessen treueste Hüter und Verkünder erst untergehen müssen, ehe ihr Ruhm Goldschätze in Bewegung setzt, nimmt man achselzuckend als das Los des Sonderlings. Man will es nicht begreifen, daß Kunst nicht ein Amt ist, das mit geeigneten Persönlichkeiten besetzt wird, sondern dah umgekehrt die begnadete Persönlichkeit in der Kunst sich ausdrückt, ausgibt, verschenkt. Und gerade ihre Einmaligkeit ist der Widerschein der Ewigkeit. Wie jede Kunst bringt auch die Malerei nicht allzuoft einen jener Großen hervor, die das Gesetz der Ewigkeit so stark in sich tragen, daß sie, dem Streit der Richtungen und Meinungen entrückt, die Jahrhun- beete in »»geschwächter Kraft ihrer Wirkung überdauern. Wenn wir unter unseren Zeitgenossen drei Namen nennen: Arnold Böcklin, Werken. seinen Errechnete Ziere. Lvn Dr. Walter Dammer, Leipzig. den Kräfte erkannte. Zum Schönsten, was Haider je gemalt hat, gehören zwei aus dem Glück der Liebe entstandene Bilder, die „Blumemviefe" (1873) und das „Porträt feiner ersten Frau" Katharina Haider, geborene Brügger (1875), sowie das ganz groß gesehene, packend einfache „Selbstbildnis von 1875. Und die 'Blumenwiese hat er, der sich so streng an die Natur zu halten pflegte, ganz aus der Borstellung gemalt; zu einem Hohenlied des Glückes ist dieses Bild geworden, von einer Wahrheit höherer Art als alle nur durch die Sinne vermittelte Wirklichkeit. Es folgten in den nächsten Jahren eine Reihe herrlicher Werke, darunter das in der üarbe besonders reizvolle Bildnis „Elise Greinwald" (1877). die „Birken am Bach" (1877), die Zeichnung „Der Jäger Berger" (1878) und der vielleicht am bekanntesten1 gewordene „Neue Stutzen" (1880). Die glückliche erste Che, aus der zwei Söhne stammen, wahrte nicht lange. Schon 1882 verlor Haider seine Frau Kathrin durch den Tod. In seiner Erschütterung fand er Trost bei dem Mann, der ihm bis an das eigene Lebensende der treueste, aufopferndste Freund bleiben sollte. Das war August Pauly, der Zoolog und Philosoph. Sem Verständnis und lebendiges Gefühl für die Kunst, fein lebenbejahendes Temperament haben dem schwer Ringenden noch manche Klippe überwinden helfen. Und der Trost, den Haider damals in feinem Schaffen suchte, die „Erhebung über das Schicksal", fand Ausdruck in einem Bild von ungewöhnlicher Gröhe: „Die Moni" (1883). Wenig hat die deutsche Kunst diesem Bild zur Seite zu stellen. Gleichwohl durfte es „zu einer Zeit, da Seibis Arbeiten schon als Nationalgut betrachtet und deren •) Gruft Haider: Karl Haider. Leben und Werk eines süddeutschen Malers. Mit 90 Bildern. Dr. Benno Fiiser, Verlag G. m. b. H., Auasbura 1926. Vor lauter Lauschen... Von Rainer Maria Rilke. Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du mein tieftiefes Leben; daß du weiht, was der Wind dir will, eh' noch die Birken beben. Und wenn dir einmal das Schweigen sprach, lah deine Sinne besiegen. Jedem Hauche gib dich, gib nach, er wird dich lieben und wiegen. Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit, dah dir das Leben gelinge, breite dich wie ein Feierkleid über die sinnenden Dinge. Wilhelm Leibl, Hans Thoma, so umschreiben wir klarer, wie neben ihnen steht: Karl Haider. Jur rechten Stunde erscheint da ein Buch, welches bas ~eben und Schaffen des süddeutschen Meisters in eindrucksvoller textlicher Darstel- hma unb einer großen Zahl sorgfältiger Bildwiedergaben schildert ). Ernst 5)aider heiht der Verfasser, und ein großes Wagnis wird uns offenbar: Karl Haiders, jüngster Sohn, selbst em Maler von Eigenart und ernstem Streben, wurde hier zum Biographen seines Vaters. Kem Kunstschriftsteller — wenn wir von der 1910 erschienenen, von Ferdinand Ävenarius eingeleiteten Haidermappe absehen hatte bisher nach diesem großen Gegenstand gegriffen. Wie tragische Ironie mutet es uns an, wenn wir an den Ausruf jenes modernen Kunst- ünqers denken: „Nun habe ich der Welt schon fünf Vorsatzpapiere und -wel Exlibris geschenkt, und trotzdem hat man erst drei Monographien Übei mich geschrieben!" Daß es dem Lebenswerk von Karl Hacher so ganz anders erging, das spricht eine beredte Sprache; doch dieses Werk konnte seine Stunde erwarten. Als unvergängliches Kulturgut der deutschen Nation (begriffe diese Nation doch endlich, welche Schatze sie be= fißt!) liegt es heute ausgebreitet vor uns, vermittelt durch eine glückliche Einheit von Sohnesliebe und künstlerischem Urteil, so dah jene nie zum blinden Anbeten, dieses nie zur kalt verstandesmäßigen Analyse wirb. Der Besitz von inhaltsreichen Briefen, die Kenntnis feiner künstlerischen Absichten und meine innere Vorstellung des Menschen haben nur Lust gemacht zu dem Versuch, die ehemals lebendige Einheit von Menjch und Werk in einem Buche festzuhalten", heißt es im Vorwort. Und wenn wir sagen können, daß dieser Versuch gelungen ist, was hatten wir zum Lob des Buches noch hinzuzufügen? Karl Haider ist geboren zu Neuhaufen bei München nm 6. Februar 1846 als Sohn des König!. Hofjägers und Jagdzeichners Max Haider und feiner Frau Therefe, geborene Fühler. Die liebenswürdige, aus Phantasie und scharfer Raturbeobachtung schöpfende Kunst des Vaters wurde ihm zur ersten Anregung, der Vater selbst zum frühen Lehr- meisier im unmittelbaren Schauen. Einige «Studien aus diesen Knabenjahren find be fer als alles, was er später an der Schule nach Gips und Vorlagen zeichnen mußte. Zum Kunstjünger nach dem Herzen eines abgestandenen Akademieprofessors ist Haider nie geworden: die alten Meister und die Natur, die Meisterin aller Meister, wiesen ihm sicherer seinen großen, schweren Weg. Selbst der Widerstand des Vaters der ihn zum Chorsänger ausbilden lassen wollte, muhte nut zähem Willen überwunden werden. Erst das Bild der „im Gebetbuch lesenden alten Frau", 1869 aus der „Internationalen" zu München ausgestellt, vom Publikum nicht verstanden, von der Kritik totgeschwiegen, machte solchen Eindruck auf den Alten, daß er der Berufswahl feines Sohnes zu- ftimmte. Und bald darauf, 1871, entstand das Bild „Mädchen unterm Blütenbaum", das Wilhelm Leibl immer wieder mit einem „förmlichen Katzenjammer" betrachtete, weil „ihn Haider so übertroffen habe . In die Zeit des jungen Malers Haider fällt der Siegeszug des französischen Realismus; der Name Gustave C o u r b e t leuchtet auf, immer mehr deutsche Maler zieht es nach Belgien und Paris Doch auch in Deutschland hat das neue Sehen, unabhängig von der Barbi- zoner Schule, seine Wiege. Karl Haider ist niemals irgendwelchen Einflüssen, die nicht seinem Wesen und seinem Volkstum entsprungen wären, verfallen. Und fein Freund Hans Thoma konnte von sich lagen: „Ich habe meine Malere! an Courbet bestätigt gefunden. Der Kreis der jungen, aufstrebenden Malerpersönlichkeiten, die sich damals zu- sammenscharten, wird gewöhnlich als der „Leiblkreis" bezeichnet; richtiger führte er feinen Namen nach dem allzufrüh verstorbenen Viktor Müller. Diesem Kreise gehörte auch Adolf Bay ersdo rs er, der Theoretiker und Kunsthistoriker, an, der feinsinnige Mann mit dem scharfen Urteil, der als erster die Bedeutung der hier sich nn das Licht ringen- Einer der größten Triumphe der Astronomie war k^annllich die Entdeckung des Neptuns, welche aus Grund theore ifcher E Wägungen und Berechnungen an der vorausgesagten Stelleerfolg Seitdem nämlich Herschel 1781 den Uranus ausgesunden hatt^ bemühte man sich vergeblich, die beobachteten Abweichungen dessen Bahn zu erklären. 1846 kam nun der Mathematiker Leve Ausfuhr nach Möglichkeit verhindert wurde, ruhig in die «chweiz verkauft werden". Dem Künstler aber brachte es auf der Ausstellung mi Glaspalast 1883 keineswegs den Erfolg, den man hatte erwarten dürfen. Im Gegenteil, es scheint geradezu seine schwerste Zeit einzulelten. Rot Und Verkennung aber können ihn nicht brechen, ob er sie auch Jahrzehnte hindurch zu tragen hat. Im engen Bunde nut der Natur, von allem Großen >n der Musik und Dichtung erfüllt, alles Niedere stumm verachtend, wird er zum Maler der oberbayerischen Lanbjchast, zum Verkünder ihrer Anmut wie ihrer Gröhe. Die Leutstetiener Friih ing^- landschaft" (1893), die „Gautinger Vorjruhlingslandschaft (1894), „Heber allen Wipfeln ist Ruh" in vier verschiedenen «Mngm(Zwstchen$18.6 unb 1912), die „Herbstlandschast nut dem Felsblock (1898), die „Große Gewitterlandschaft" (1899) und die „Wörnsmuhler Strahlenlandjcha,t (1899) — herausgegriffene Namen find es nur, jeher einen Hymn nennend, der unvergänglich die Heimat preist. Anregungen, die aus den ihm wefensverwandten Schöpfungen der menschlichen Kultur stammen, ließen die „Heilige Familie (1899), den Charon" (1902) und „Dante und Beatrice" (1904) entstehen. In> be- KÄäS VÄ« 5« zehntes sondern gerade auch weil es die siegreiche Herrschast über sie nUSSoUCtfül>rte das ungebeugte Alter noch zu einem neuen Höhepunkt in den beiden jugendlichen Bildern „Frühling „Wk (1909 bis iQim die nur mehr das Glück einer reinen Seele, keine Spur aber oon ÄÄiÄÄÄÄ'S- etwa sich an diesen Vorwurs gewagt hatte! «ÄMHKWW 8SWWEZM WWMM-L-S 3U S. «MNg-N«, Ä“ versität (Breslau, nicht ^sEfbayensche^Heimar^ wirtschaft- zum Ehrendoktor, und Bildverka f borgen schwanden, befiel ihn ließen Not-Aber Zur gleichen Zeih d c|e 9 & SrantI)eit ein ein unheilbares Leiden. Ao-h entwarf wahr l bk „Asphodelos- Bild, größer ,m Format als * ' k 9cl letziesmal das Erlebnis wiese", den Eingang m die Unwrwech Noch mn wg eigenen Seele, der heimatlichen Landschaft, nicht m n aber $ QS ungebeugt dem die sich nach emer kurzen Rast am fer de ) Kohlezeichnung auf stärkerenSchickfal fugt, .^"r'nderfrelenttvorlen^n ÄSL ÄÜ SS äi* •«' »■ schiedswort: „Er trug das Ewige in feiner großen Seele und bot es uns m zu der Ansicht, datz diese Störungen nur durch «inen noch unbekannten Planeten hervorgerufen werden könnten. Er berechnete daher nach den bekannten Gesetzmäßigkeiten aus diesen Llranus-Bahn- Abweichungen die mutmaßliche Stellung des unbekannten Planeten und sandte die Berechnung an Galle nach Berlin, der noch an demselben Abend ein kleines Sternchen an der berechneten Stelle fand, das bisher der Beobachtung entgangen war. Am nächsten Abend wurde eine Ortsveränderung dieses Sternes festgestellt. Es war also ein neuer Planet entdeckt worden, der Neptun, den der Mathenmtiker mit Hisse der bekannten Gesetzmäßigkeiten richtig voraus berechnet hatte. Diese berühmte Planetenberechnung ist ein Beispiel dafür, daß es möglich ist, aus scheinbar geringfügigen Beobachtungen weit- Sehende Schlüsse zu ziehen, wenn die Gesetzmäßigkeiten genau bekannt sind. Aber nicht nur in der Astronomie, Physik und Chemie kann man auf diesem Wege neue Entdeckungen machen, auch die Zoologie, vor allem die P a l a i o z o o l o g i e, also die Lehre von den ausgestorbenen Tieren, benutzt diese Methode in ausgiebigem Maße. In dieser Hinsicht sind allgemein bekannt die Rekonstruktionen ausgestorbener Lebewesen, von denen wir ost nur wenige Knochenreste besitzen. Mancher wird sich Wohl schon gefragt haben, wie es überhaupt möglich ist, aus so unbedeutenden Lleber- resten, die oft nur aus einigen Zähnen bestehen, das ganze Tier zu rekonstruieren, ja seine Lebensweise abzulesen. Beruhen solche Rekonstruktionen nicht mehr auf Phantasie? Haben sie überhaupt noch etwas mit ernster Wissenschaft zu tun? Ein verblüffendes Beispiel eines solchen „errechneten Tieres" ietgt indessen, daß dieser Zweig der Palaiozoologie durchaus ernst zu nehmen ist. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß alle Teile eines Tierkörpers untereinander gesetzmäßige Beziehungen aufweisen. daß die Gestalt und Größe jedes Knochens, ja eines jeden Zahnes ein Ausdruck seiner Leistung und seiner Stellung innerhalb des ganzen Organismus ist. Daher ist tatsächlich der Tierkörper auf Grund einiger charakteristischer Teile berechenbar, man kann sich von ihm ein Bild entwerfen, sofern man die gesetzmäßigen, Beziehungen, die ganz allgemein im Tierreich gelten, genau kennt, vo hatte der berühmt« Cuvier aus einigen kümmerlichen Zahnfunden den ganzen Körper eines Palaiotheriums berechnet und von ihm auch ein Bild gezeichnet, welches seine Vorstellungen von dem ausgestorbenen Tier wiedergab. Diese Abbildung hing lange unbeachtet in einem Pariser Museum, bis durch einen glücklichen Zufall das erste Skelett dieses Tieres gefunden wurde. Da erinnerte man sich an Cuviers Untersuchungen und das Bild und stellte mit großer lieberraschung fest, daß es in den wesentlichsten Zügen mit dem Skelettsimd übereinstimmte. Cuviers Berechnungen erwiesen sich also nachträglich als richtig. Dies ist natürlich ein glänzender Beweis für die Zuverlässigkeit der Methode. Sn neuester Zeit ist nun wiederum eine Tiergruppe auf Grund kümmerlicher Fossilfunde berechnet und in allen Einzelheiten beschrieben worden. Und zwar sind es die sogen. Chirotherien aus der Zeit des Buntsandsteins, von welchen nur Fährten, also Abdrücke der Füße erhalten sind. Aus diesen Spuren hat Professor 6 o e rg e I in Tübingen nicht nur das Aussehen, die Größe, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tiergruppe Schritt für Schritt erschlossen, sondern er hat sogar ziemlich genaue Angaben über die Lebensweise der Tiere und ihre Stammesentwicklung machen kön- nen. Und das alles nur aus den Fußspuren, die die Tiere im tonigen Boden hinterlassen haben. Ausfallenderweise haben die Hinterfüße viel größere und tiefere Spuren erzeugt, als die Borderfühe, die oft nur ganz flüchtig den Boden berührten. Di« Tiere gingen also zum Teil fast nur auf zwei Deinen. Aus den teilweise recht gut erhaltenen Spuren kann man die ungleiche Belastung, die auf Armen und Beinen ruhte, deutlich erkennen. Der Schwerpunkt des Körpers muß, dieser Lastenverteilung zufolge, hinter der Körper-Mitte gelegen haben: die Tiere besaßen daher zweifellos einen langen Schwanz. Die Arme waren kurz und schwach, die Deine dagegen kräftig und stark nach vorn eingeknickt, was sich in allen Einzelheiten aus den Spuren in Verbindung mit Beobachtungen von Fährten lebender Tiere errechnen läßt. Weiterhin deutet die Schmalheit der Spurbahn auf relativ hochbeinige Tiere hin, die z. T. bedeutende Körperlängen erreichten. Diese Länge läßt sich mit ziemlich großer Genauigkeit aus dem Abstand der Spuren und vielen anderen feinen Einzelheiten berechnen. Die größten Arten waren darnach 4 bis 8 Meter lang, einschließlich des Schwanzes. Die geringe Belastung der Arme: die sich aus dem schwachen Eindruck in den Weichen Tonboden erschließen läßt, deutet auf einen kleinen Kopf und leichten Hals, andere Merkmale der Fährten beweisen, daß die Tiere einen schlanken, gestreckten Rumpf besahen. Die starke De- krallung, die gut nachweisbar ist, läßt aus die Lebensweise schließen. Die Chirotherien waren sicher Raubtiere, die von zahllosen kleinen Reptilien lebten, deren Fährten ebenfalls erhalten sind. Ferner zeigen die Krallen und gelegentlich auch deutliche Haut- abdrücke, daß die Chirotherien selber Reptilien waren. Sie haben offenbar auch nach Reptilienart ihre Eier im Boden verscharrt, wie eine gut erhaltene Scharrspur zeigt. Durch Dergleichen des zahlreich vorliegenden Materials konnten die genaue Zahl und Lage der Knochen in den Füßen bestimmt und daraus wieder andere Merkmale des Skeletts berechnet werden, so datz uns heute diese Tiere recht genau bekannt sind, obwohl von ihnen mxh nicht ein einziges Knochenstück aufgefunden worden ist. Weitere Einzelheiten lassen erkennen, datz sich die Chirotherien, von denen bisher zehn verschiedene Arten unterschieden werden, wahrscheinlich aus Vorfahren entwickelt haben, die in den Bäumen umherkletterten. Professor Soergel ist es also gelungen, uns ein gutes Bild von den merkwürdigen Tieren zu entwerfen. Sollten wirklich noch einmal Skeletteile ausgefunden werden, was ja immerhin möglich ist, dann wird es sich zeigen, ob er in seinen Berechnungen und Rekonstruktionen genau so glücklich gewesen ist, wie der große Cuvier. Daß übrigens die Fährtenkunde oder „Jchnologie" ein sehr wichtiger Teil der Zoologie ist, beweist schon die Tatsache, datz uns aus vielen geologischen Schichten mehr Tierarten nur durch ihre Fährten bekannt sind, als durch Knochenreste. Aus dem Kieselsandstein des württembergischen Keupers beispielsweise hat man solche Skelettreste nur von einer Reptilienart gefunden, während von fünfzehn Arten die Fährten bekannt sind. Das Fährtenmaterial ist also durchaus geeignet, unsere Kenntnisse von der ausgestorbenen Tierwelt ganz beträchtlich zu erweitern. Die Lebensschickrsale der Johanna Dietz. Von Heinrich BechtolsHeimer. (Schluß.) Am nächsten Morgen nahm sie Abschied von ihren freundlichen Gastgebern; denn sie konnte nicht länger zu Hause entbehrt werden. Wilbelm gab nicht zu, daß sie zu Fuß nach Hause gehe, er zog die alte, kleine Chaise aus dem Schuppen, machte sie notdürftig zurecht und spannte ein Pferd davor. Der junge Mann saß auf dem Bocke, das Mädchen in der Chaise, deren Dach zurückgeschlagen war. Das Pferd, das viele Wochen hindurch von früh bis spät eingespannt gewesen war, war nicht mutwillig, es ließ sich leicht regieren. So konnte Wilhelm vom Bocke aus oft zurück in den Wagen schauen und mit Johanna sprechen. Im hellen Sonnenschein fuhren die beiden durch das blühende Land, wohl war das Getreide noch grün, aber es war schon stark in die Höhe geschossen, die Bäume am Straßenrand zeigten schon Früchte, Feldhasen, die jetzt keiner Verfolgung ausgesetzt waren, huschten über die Straße und durch die Ackerfurchen, hohes Gras stand im Straßengraben, frischer Dust wehte über die Felder. Das Pferd zeigte gar keine Neigung zur Eile, und der Lenker des Fuhrwerkes gab sich nicht die geringste Mühe, es zur Eile anzutreiben. Die beiden jungen Menschen, die auf der schnurgeraden, ebenen Landstraße dahinfuhren, sprachen von dem Sänger- feste, das hinter ihnen lag, von dem Wachstum der Felder, die sich vor ihnen ausbreiteten, und wußten nicht, daß sie auf dieser Fahrt das Glück in den Händen hatten. Am Nachmittag mähte Wilhelm Klee, und es war ihm, als ob ihm diese Arbeit noch nie so gut von der Hand gegangen wäre. Seit diesem Tage kamen die beiden, so oft es nur die Arbeit erlaubte, zusammen, an manchem Sonntag stieg Wilhelm von Gaubickelheim aus den Wiesberg hinauf. Dann faß er mit Johanna und ihren Eltern im Wohnzimmer und schaute durch die geöffneten Fenster hinaus in das weite Land. Anfang Oktober war der Wöllsteiner Jahrmarkt, zu dem Johanna mit ihrem Vater erschien, und als im Dezember der Schnee lag, ging die Anzeige, daß sich Johanna Dietz auf dem Wies- berger Hofe und Wilhelm Forbach in Wöllstein miteinander verlobt hätten, in Briefbogenformat und in zierlicher Schrift hinaus in die Welt. ♦ Ruhig, wie seither, floh das Leben auf dem Wiesberger Hof dahin. Der Besitzer des Hofes leitete alles mit .Umsicht und Ruhe, Knechte und Taglöhner gehorchten ihm, weil sie ihm vertrauten. Als man im Frühjahr 1864 die Sommerfrucht säte, kam aus dem deutschen Rorden die Kunde von kriegerischen Ereignissen. Man hörte von dem Sturm der Preußen auf die Düppeler Schanzen, man bedauerte die Menschen, die hierbei den Tod gefunden hatten, kümmerte sich aber nicht weiter um die Händel der Welt. 3m Herbst, wenn man die Feldfrüchte eingebracht haben und wenn die Traubenlese vorüber fein würde, sollte die Hochzeit der Tochter des Hauses sein. Es war nicht nötig, die Ausstattung in aller Eile zu beschaffen; denn sie war schon seit Jahren fertig. Die Mutter und die vor einigen Jahren verstorbene Großmutter hatten an den Winterabenden eifrig gesponnen, 3ohanna hatte viele Abende mit Nähen zugebracht, nun lag alles fertig in den Schränken, schön verziert mit blauen und roten Bändern. Mobiliar war genug im Hause, feste, solide Ware, zum Teil kunstvoll hergerichtet und noch aus der Altväter Zeit stammend. 3n mancher stillen Stunde sah Johanna nach ihren Sachen, wischte Staub von den schweren Schränken, strich lickevoll über das Weißzeug und dachte in froher Hoffnung an die Zukunft. . __ An einem Sunitage hatte Wilhelm Forbach in Drage» Weinbergs pfähle geholt, von Gaubickelheim aus lieh er den Knecht allein nach Hause fahren und stieg den Wiesberg hinan. Schon von weitem sah er, daß Johanna im Vorgarten weilte, da lieh er einen tauten Suchens erschallen, schwenkte den Hut und sah bald, datz die Braut ihm mit der Hand winkte. Sohanna war gerade daran gewesen, die Pflanzen zu begießen; denn es war ein heißer Tag und es hatte lange Zeit nicht mehr geregnet. Eine Weile stand das Brautpaar im ©arten. - „Heute ist es Heraöe ein Jahr her/' sagte Wilhelm, „Satz ich dich zum erstenmal gesehen §abe.“ „Ja, Wilhelm," erwiderte das Mädchen, „ich stand hier und schnitt Blumen zu einem Strauße," „Lieber ein Jahr wirst du nicht mehr hier stehen, da bist du bei mir in Wöllstein." Johanna legte ihre Hand in die des Verlobten. „Ich gehe hin. wo du hingehst, Wilhelm, aber es tut mir doch leid, daß ick vom WieSberge fortgehen soll. Diese Aussicht habe ich nirgendwo mehr aus der ganzen Welt. Sieh nur, die Berge bis nach Kreuznach und bis zum Donnersberg liegen uns hier vor den Augen, und was ist es da so schön, wenn am Feierabend und am Sonntagmorgen dort drunten die Glocken lauten., Richt wahr, wir gehen doch, wenn wir verheiratet find, ost miteinander hierher? „Johanna, ich werde in Kreuznach Lei dem Wagenbauer Konrad in der Kreuzstraße eine neue Chaise lausen, unser alter Rumpelkasten gefällt mir schon lange nicht mehr, da lachen ja die Buben, tocnn wir mit ihm durch eine Ortschaft fahren. Du sollst einmal sehen, wie schnell das geht, wenn ich unseren Braunen vor die Chaise spanne. Aber man meint beinahe, du gingest nicht gern mit mir in mein Elternhaus." , . v „Bis an das Ende der Welt gehe ich mit dir, und ich freue mich so darauf, daß wir einmal ganz beisammen sind. Als ich dich vor einem Jahre zum ersten Wale sah, wußte ich gleich, daß wir für einander bestimmt seien." __ , . _ r Die beiden traten in das Wohnzimmer, wo die Mutter un Sessel saß der Datei war mit den Söhnen auf dem Felde. Johanna holte eine Bäharbeit hervor und war fleißig, während sie mit der Mutter und dem Bräutigam sprach. Als man von Gaubickelheim die »eier= abendglocke hörte, kamen alle, die vom Gutshofe auf dem Heide gewesen waren, nach Hause. Die Mägde gingen mit dem Melkeimer in den Stall, die Pferde wurden losgeschirrt. Eberhard Dietz trat in das Wohnzimmer und sagte, daß man in einigen Tagen mit dem Heumachen beginnen könne. Lieber den Höhen, die sich bei Kreuznach erheben, und den dahinter liegenden Hunsrückbergen, lag die Sonne als em roter Ball, im Begriffe, unterzugehen. Wilhelm nahm von seiner Braut Abschied, beide verabredeten, daß Johanna am nächsten Sonntage mit einem ihrer Brüder nach Wöllstein kommen solle, dann eilte der junge Mann den Berg hinunter. Johanna blieb stehen, bis er ihren Augen entschwand, das letzte, was sie von ihm sah, toar, daß er seinen Hut schwenkte, dann war er hinter Bäumen verschwunden. Bun war die Dämmerung gekommen, die Sonne war untergesunleu, aber heller Schein zeigte am westlichen Himmel noch die Stelle, wo sie hinter den Bergen zurückgegangen war. Froh und zufrieden trat das Mädchen in bas Elternhaus. Am Samstag darauf war Johanna im Wohnzimmer mit Bügeln beschäftigt, sie dachte an den nächsten Tag, an dem sie wit ihrem Bräutigam zusammentreffen wollte, und sang leise vor sich hin. Da sah sie durch das geöffnete Fenster, daß zwei Männer auf, das Haus zuschritten. Als diese näher kamen, gewahrte sie, daß es der Peter Wolf und der Valentin Stumps, die Freunde ihres Bräutigams, waren. Beide waren sonntäglich ungezogen. Johanna nahm an, dah sie wieder in einer Angelegenheit ihres Gesangvereins unterwegs seien, nur wunderte sie sich, daß das an einem Wochentage, in einer Zeit, da die Feldarbeit drängte, geschah. Seltsam war es, daß die beiden nicht in das Wohnzimmer tarnen. Eine Weile wartete Johanna, dann wurde sie von einer unerklärlichen Unruhe befallen und trat in den Hof. Sie fah, wie die beiden Wöllsteiner bei ihrem Vater und ihren beiden Brüdern standen und zwar neben einem mit Klee beladenen Wagen und daß die fünf Männer ungemein ernst aussahen. Der Vater war blaß, er hielt seine kurze Pfeife in der Hand, rauchte aber nicht. Johanna trat an die Gruppe heran und sagte: „Was ist denn mit euch, ihr macht ja so ängstliche Gesichter, es hat doch nicht bet Fvrbachs gebrannt." Die Männer standen still, keiner gab eine Antwort. „Hm Gvtteswillen, was ist denn passiert?" rief Johanna, „daß keiner von euch Antwort gibt!" „Komm, Johanna, mit hinein in das Zimmer!" sagte der Vater und faßte Ne Tochter an der Hand. Im Hausflur blieb Eberhard Dietz stehen und sagte tonlos: „Der Wilhelm ist krank." „Der Wilhelm ist krank, er war doch vor ein paar Tagen noch frisch und munter?" „Er ist heute vom Heuwagen gefallen." „Hat et sich dabei Weh getan?“ fragte Johanna und zitterte an allen Gliedern. „Jvhamia, faß dich, ich muß dir alles sagen. Der Wilhelm hat auf dem Heuwagen gesessen, als der Knecht von der Gasse her durch den Torbogen in den Hof fahren wollte. Zu spät sah er, daß der Wagen zu hoch beladen war, daß er kaum unter dem Tore, durchkonnte, da ließ er sich hinterrücks umfallen und lag platt auf dem Heu. Unter dem Tore lag eine mächtige Holzschwelle, da gab es, als die Pferde mächtig anzogen, einen Ruck nach oben, und dem Wilhelm ist die Brust eingedrückt worden." „Ist er tot?" schrie Johanna in höchster Angst. Der Vater konnte nichts sagen, er nickte nur mit dem Kopfe. Da ging das Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, in das Zimmer, nahm das Bügeleisen wieder in die Hand und fuhr mit der. Arbeit fort. Die Männer traten vom Hofe herein, unter Tränen kn Sät Augen wollten Sie Freunde des Bräutigams der Braut zureden, die Eltern schluchzten, die Brüder rangen die Hände, Johanna sagte kein Wort, kümmerte sich um keinen Menschen. Sie nahm ein Wäschestück nach dem anderen aus dem Korb und bügelte eifrig weitet. Das ging eine halbe Stunde lang, auf einmal brach das Mädchen ohnmächtig zusammen. Im Iahte 1924 sah das Land am Wiesberge noch genau so aus wie sechzig Jahre zuvor. Roch grünten die Felder, noch trugen die Reben Trauben und die Obstbäume Früchte, noch ging der Blick von dem Berge weit hinaus in das fruchtbare Land. Im Leben und Arbeiten des theinhefsischen Landmanns hatte fich freilich viel geändert. Er arbeitete jetzt mit Maschinen, besuchte, um seinen Blick zu erweitern, landwirtschaftliche Versammlungen, schickte seine Söhne auf landwirtschaftliche Schulen. Auf dem Hofgute, das auf dem Wiesberge liegt, war äußerlich kaum eine Veränderung vor- gekommen, umso größer waren die Veränderungen, die sich auf die Menschen bezogen. Aachdem Eberhard Dietz und seine Frau gestorben waren, war das Gut an den ältesten Sohn Konrad gekommen, der jüngere Sohn Ludwig hatte eine Frau aus Mölsheim bei Worms geheiratet und bewirtschaftete lange Jahrzehnte das Gut feines Schwiegervaters. Johanna Dietz war bei ihrem Drüber Konrad auf dem Hose geblieben. Sie hat den Schmerz um Een jähen Tod des Dräutigams nicht verwunden, man sah sie kaum lachen, still und in fich gekehrt ging sie ihren Weg. Es fehlte nicht an Bewerbern um ihre Hand, aber sie schlug alle ohne weiteres ab. Dem Bruder und seiner Familie war sie eine große Stütze. Da die Schwägerin kränklich war, so wurden die Reffen und Dichten eigentlich von der Tante Johanna erzogen. 3n jedem Jahre ging sie am Totensonntage nach dem Wöllsteiner Friedhöfe, auf dem ein Denkmal zur Erinnerung an die Veteranen aus den Dapvlevni- fchen Kriegen steht, und legte einen Kranz auf das Grab ihres Bräutigams. Das tat sie auch, als sie längst alt und ihr Haar schneeweiß war. Die Wöllsteiner Kinder kannten sie, sahen sie ehrerbietig an und sagten: „Das ist das alte Fräulein Dietz vom Wiesberger Hof." Im Jahre 1912 übergab Konrad Dietz seinem ältesten vöyne das Gut und zog mit seiner Frau und seiner Schwester Johanna nach Darmstadt. Dort starben die beiden Ehegatten, bevor der Weltkrieg seinen Anfang nahm, und Johanna war nun allein in der Stadt. Dahrungsfvrgen hatte sie nicht, denn das Vermögen, das sie von den Eltern geerbt hatte, war recht erheblich und war in Staatspapieren angelegt, die pünktlich ihre Zinsen abwarfen. Als der Krieg begann, war Johanna dreiundsiebzig Jahre alt, sie verkehrte nur mit wenigen Familien, meist solchen, die sie von Rheinhessen her kannte, und beteiligte sich an der Tätigkeit der kirchlichen Vereine. Ihr Herz war durch das Leid, das sie in der Jugend betroffen hatte, nicht hart geworden, im Gegenteil, aus dem eigenen schmerzlichen Erleben heraus verstand sie den Schmerz derer, die in Deutschlands harter Zeit um den Ehegatten, Sohn oder Bruder klagten. Ab und zu kam jemand von den Reffen und Richten, um die alte Tante zu besuchen. Als der Krieg zu Ende war und die große Vollsiwt über Deutschland kam, ging es Johanna Dietz wie Hunderttauseabm braver tüchtiger Familien, sie verlor alles, was Ne Eltern durch Jahrzehnte hindurch in zähem Fleiß und unter Entbehrungen erspart hatten. Sie wäre auf die Hilfe der Allgemeinheit angewiesen gewesen, wenn ihre Reffen und Dichten sie nicht treu unterstützt hätten. In jeder Woche kamen große Pakete mit Lebensmitteln aus Rheinhessen und Heberwcisungen durch die Darmstadter Bank. Im Sommer des Jahres 1924 kam die Dreiundachtzigjährige zum Sterben. Da sie in ihrer Wohnung keine rechte Pflege hatte, so brachte man sie in ein Krankenhaus. Eine besondere Krankheit konnten die Aerzte nicht feststellen, sie sagten, es sei Altersschwache. Ruhig und gefaßt lag Johanna jetzt in ihrem Krankenzimmer. Eine große Freude war es ihr, daß eine der Krankenschwestern nun Wallerche im stammte und daß deren Großvater mit ihr m der Jugend bekannt gewesen war. Wenn die Schwester Zeit hatte, mußte sie an dem Bette der Altersschwachen fitzen und mit u)t von der Heimat reden. „ , An einem Morgen im Juni kam die Schwester zu der Patientin aus ihrer Heimat und fand sie merkwürdig lebhaft «m ,.Denken Sie nur einmal, Schwester," sagte die Alte, indem sich aufrichtete, „ich bin vorhin auf dem Wiesbevg gewesen, v-? habe im Garten vor dem Hause Blumen geschnitten, ach, so icho Rosen blühen dort, morgen kommt mein Bräutigam, der WNyeim Fvrbach, und da soll doch ein schöner Strauß auf dem Tisch steyen. In Wöllstein ist heute Sängerfest, ich habe die Musik gehört und U< Sänger haben so schön gesungen: Jetzt weih ich net, lebt m Schatz oder ist er tot. Hnd so schönes Wetter ist heute, die Som« scheint, und die Trauben auf dem Wiesberge blühen. Ich hme zweiundzwanzig Ortschaften gesehen, und die Glocken Haven schön geläutet. Jetzt wird gleich mein Vater kommen, die Dluriri sitzt in ihrem Lehnstuhl am Fenster, der wlll ich meinen Mumenitt:av bringen. Ich sehe nur noch einmal nach, ob unsere zwei Mägde uw die Stallarbeit richtig machen, dann gffje ich den Berg hinunter v Wilhelm entgegen." .. , Erschöpft sank Johanna Dietz in ihre Kissen Zurück sie ««n noch mancherlei, mehr und mehr aber verwirrteil sich ihre und verstummten schließlich. Ruhig atmend lag sie in ihrem -vei> als das Glockenspiel vom Schlosse her abends um acht Choral „Christus, der ist mein Leben" spielle, hatte das treue aufgehört zu schlagen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Bi ühl'sche Hniverf itäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen,