Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang (92? Dienstag, den 8.Zsbrua? _____________ Nummer U Ballade. Von Ernst Moritz Arndt. Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt, Und die Sternlein sprachen: „Wir reisen mit Um die Welt."; Und die Sonne, sie schalt sie: „Ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldnen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt." Und die Sternlein gingen zum lieben Mond In der Nacht, Und sie sprachen: „Du, der auf Wolken thront In der Nacht, , Last uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein." Und er nahm sie, Gesellen der Nacht. Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht! Ihr verstehet, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht. Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht. Hans E. Kinckr. Von Dr. Gerhard Niederweyer. Der nordische Bergzug rast durch das Land, dem wilden Westland zu. Er verbindet die stärksten Gegensätze nordischer Landschaft und Nordischen Eharalters. An einer Stelle schieben sich die Eindrücke dieser Reise gleichsam in einen einzigen zusammen. Wir fahren in einen Tunnel. Wieder heraus. Einen Augenblick währt das. Wieder umgibt uns Nacht. Aber das Wunder ist geschehen. In den 15 Sekunden warfen wir einen Blick in' das Flaamstal. Die anstrengende Tagesreise ist die 15 Sekunden tvert. Aus den Höhen schauen wir in das Tal bis in seinen tiefsten Grund, wo die Farben des Sommers aufleuchten. Der Weg über die Felsen, den wir gekommen, führt im Zickzack zu Tal, weit in der Ferne stürzen Gießbäche aus den Felsen, die Entfernung ist so groß, daß sie unbeweglich zu stehen scheinen... In gewaltiger Verkürzung drängt sich die meilenweite Strecke zusammen. Häuser und Höfe dort unten erscheinen wie Spielzeug, aber die Felsen ringsherum erheben sich in ungebrochenen starken Linien In ihrer vollen ungeheuren Schwere. , 15 Sekunden. Wir gleiten in die Nacht, doch das Bild haftet m der Netzhaut. Ohne Einzelheiten. Das Einzelne ist ins Ganze ausgenommen. Bukdahl, der in seinen literarischen Skizzen dies Bild entwirft, um unserem Auge die nordische Landschaft in ihrer Eigenart zu zeigen, hat hiermit zugleich das Bild der nordischen Seele getroffen. Hans E. Sind ist Norde. Die großen nordischen Dichter vor ihm, die Weltberühmtheiten der 80er und 90er Jahre sind Weltbürger, Naturalisten, Humanisten, ihr Dichten und Denken ist eingesponnen in die allgemein menschlichen Probleme, in deren Dienst sie eine Literatur schufen, die mit den Problemen selbst vergessen sein wird. Kinck ist nur Norde. Wohl ward ihm Italien zur zweiten Heimat und seine Dichtungen haben Norwegen ober Italien oder beide zum Schauplatz, doch dies Italien und sein Erlebnis ließen ihn nur tiefer die eigene Heimat erleben, aus Abstand und Gegensatz heraus. Vaterlandsliebe ist ihm unheilbare Mystik. „Ich nenne es übrigens nicht Vaterlandsliebe, sondern Vaterlandsverbundenheit. Denn es muß sich ja auch als Haß äußern können. Doch vor allem kann es sich als Weh und Entbehrung äußern. Es ist damit, wie mit dem Rassegeftht: von allen Realitäten ist das die am meistem mystische, — aber zugleich auch die allerrealste." Kinck schildert einmal einen Vater und seinen Sohn. Der Batet war Kunstschlosser und hatte ein äußerst verzwicktes und kunstvolles. Kirchen- schloh angefertigt, zu dem er den Schlüssel verlor. Er rennt in die Berge. Muht sich bei Nacht noch einmal, das Schloß zu öffnen. Vergebens. Er stürzt sich in den Fluß. Sein Sohn ward Bildhauer. Er entdeckt ein Motiv: die verzehrende Angst vor der Sonne. Er kannte sie, alles um ihn totenstille: nur eins wacht in ihm: Angst. So stellt er denn — ein blondhaariges Kind dar, ein Lächeln des Wahnsinns umspielt seinen Mund; die Naturangst. Das Werk kommt aus die Ausstellung und wird verlacht. Die Kritiker schreiben: „Die verdammte.Naturmystik, die nie in die Sanne aufsteigt. Darum haben wir kein monumentales Werk hierzulande." Er wendet sich nach Italien, sitzt im Zuge und l)ält Rat mit sich selbst: „Hakte et nicht Tiefstes gegeben? Sahen sie denn nicht, daß jede Linie brannte? War nicht das tastende Lebenszeichen herrlicher als die vollkommene Harmonie und Schönheit? In Italien verliert sich seine Naturmystik, er eroreist die Idee des Kunstwerks. So wird er seines Landes berühmtester Sohn, steht mitten in der Kirche der Kunst und kann auf- und zufchließen, wie er Lust hat. Kinck bleibt Norde. Der Mann, der in 15 Sekunden das Zickzack erschaut; in einem Seitenblick das Ganze. Der fest verwurzelt ist und doch fühlt: das kleine Land klammert sich nur an die dünne Schale des Globus, der erlebt, wie einer widerstandslos im Dunkel nach dem Mittelpunkt des Weltenraumes gleitet. „Ich habe wirklich nichts erlebt" — meint er einmal — „ich habe nur dagcsessen und zugesehen und bisweilen verstand ich." Sein Verhältnis zur Wirklichkeit ist variabel, sr kann das unendlich Große im unendlich Kleinen, und das unendlich Kleine tm unendlich Großen entdecken. Humor im tiefen, philosophischen Sinne ist bei ihm Grundtrieb: kraft des Humors faßt er die Bruchstücke seelischen Erlebens zur Einheit zusammen. Lichterloh können bisweilen seine Feuer los» brennen, jo in „Niels Brosnie", als die Situation rettungslos verfahren erscheinen will. Doch durch das Lackmen grollt die Erschütterung nach. Sein Lachen kann selbst erschütternd sein — so daß die Gäste ringsum die Rechnung verlangen und verschwinden — Dr. Rüst in den „Auswanderern"! Kincks Humor ist Freiheit gegenüber dem Spiel der MLgüch- teiten, aus denen das Leben besteht. Bewegung innerhalb der Bewegung. Nicht was ruht, fest steht, geheiligt ist, nicht das ist Kincks Sphäre: das Fließende, die Uebergangsftabicn, die Äuflösungsepochen find [ein Gebiet, das Helldunkel sein Farbenreich. Die erste, noch halb unbewußte Liebe in ihrem Erwachen, ihrer Angst und ihrer Furcht; die langsame Lockerung der Liebe, die Zersetzung des festen Gefühls und ihre verborgenen Ursachen, da, wo der „Erdrutsch" mit leiser Erschütterung beginnt, da packt er an. Einen Novellenband hat Kinck geschrieben: „Wenn die Liebe stirbt." Hier schildert er die seelischen Uebergaugsphänomene. Fast nie behandelt er glückliche Liebe, sie hat sozusagen für ihn überhaupt keine Geschichte. Seine Valksschilderunaen sind eben keine Milieuschilderungen, wie wir sie gewöhnt sind. Die'Menschen treten immer in Gegensätzen zueinander auf: Bauer gegen Stadtmensch, das „Hochland" gegen das „Tal", und irgendwie ist' immer ein Zersetzungsprozeß gegeben, die Gestalten stehen stets am Rande eines Abgrunds und greifen vor sich wie einer, der stürzt. Die „Auswanderer": Dr. Röst erlebt in wilden Schauern den Abgrund. Als Kulturhistoriker schildert er Zeiten des Verfalls, wie die des Barock. Verfall ist Ebbe, wo der Bodengrund erscheint, das Wesen der Rasse. Kultur ist Rasfenangelegenheit. Die italienische Renaissance führt er auf eine glückliche Rassenvermischung zurück, die sich in Michelangelo verkörpert. — Kincks Wesensart bestimmt sich so näher als romantisches Gemüt. Cs gibt nur eins, das ruht unter den Gestalten Kincks, wobei seine bewegliche Meisterhand selbst ausruht, das ist: das Kind. Das Kind ist ihn Unterpfand alles Echten und Unverdorbenen Im Leben, wahre Unmittelbarkeit, wahrer Lebensausdruck. Erling Iaervs und Frau Helgas Liebe stirbt, es gab eine schwere Szene: — „Es war, als zitterte noch die Luft im Zimmer. Das kleine Mädchen saß sttll und hochaufgerichtet lm Belt, mit vor Verwunderung langem Halse. Der Vater starrte sie an: eine weihe Lilie, unschuldig, die "aufwuchs hoch über das Gezänk der Menschen empor: so blickte sie auf die Welt herab und sah die Sorge in der Welt, — und sie füllte den Raum unter dem Himmel mit wunderbarem Duft! ... Er beugte sich über sie und schloß die Augen, von Schmerz übermannt." Und „Frau Pfarrer Brosme" bekennt von ihrem Kinde Ingrid, dessen Seele erzitternd initschwingt in den Irrungen und Wirrungen der Erwachsenen: „O, solch' ein Wesen ist so zart und zerbrechlich, ... wie der erste zarle Lerchentriller über den gefrorenen Feldern an einem Vor- friihlingstage . . . und wir, wir haben mit Steinen nach der Lerche geworfen!"' Sonst ist Kinds Schaffen einem inneren Gesetz unendlicher Bewegung unterworfen. Eigentlich konstant ist nur das Nationale. Und das läßt ihn zum nordischen Nationalromantiker werden. Die AUerwettsftimmung und -Umgebung reicht nicht bin, um eine Volkeaestalt im Innersten zu ergründen. Der Blutumlauf von Geschlecht zu Geschlecht, das Blut, in dem Unbewußtes, geschichtlich Stoffliches kreist, enthält die treibenden und i zerfetzenden Kräfte des Lebens. Ihm gilt fein Forschen, um die Eigenart i der Nation in ihrer bodenständigen Entwicklung durch die Zeiten zu er- fassen. „Un coin de nature vu ä travers rn tenroSrameni“, dies war der Leitsatz des französischen Naturalismus. Man erkennt ihn hier in feiner ganzen Flachheit. Für Kinck gibt es auch keinen Zufall. Er sucht das Prinzip des Werdens, das Prinzip des Verfalls. „Eine Krypta ist unter dem Boden, auf dem seine Gestalten einheroehen, es gibt hier eine geheime Resonanz." (Bukdahl.) Wie mit dem Naturalismus als Kunstform, so bricht er mit dem Humanismus als Lebensform. Statt des Importierten das Autochthone! So schreibt „Niels Brasme Vater": man wartet ja noch immer auf die Renaissance hier im Norden, ' möglich, daß sie niemals tarne. Aber auch Möglich, daß Stoff zur Wieder- erweckung und Erhebung trotz allem vorhanden wäre. Möglich, daß dann auch ein Mann erstünde, dem das Kampsgelöse die Ohren noch nicht ganz betäubt hätte, so datz er durch all den ntionalen Radau hindurch in die Urgründe der Vergangenheit hinabzusehen vermöchte, oder dem so scharfe Augen gegeben wären, daß er durch die Geschlechterreihen bis aus den Grund hinab sähe und den geheimnisvollen Urkeim der Volkseigenart aussände. Sigrid Unsets Geist erwacht, Kristin Laorans Tochter steigt aus der Vergangenheit herauf. Kinck hat die Bahn gebrochen. Als Erster steht Kinck gegen eine Zeit und eine {djeinbar festgefügte Gesellschaft, die den einzelnen nur in seinem Verhältnis zur Gesellschaftsordnung begreifen will, und stürzt er, die soziale Ordnung dafür haftbar macht. Den sozialen Horizont schlug er in Stücke, wir hören es unheimlich klirren. Den kosmopolitischen Schleiernebel zerriß er. Wies auf das Handgreifliche, das Ich in feiner unergründlichen Tiefe und auf feinen Hintergrund, das Nationale. Einen aristokratischen Anarchisten hat man ihn genannt. Er war kein Bohemien. In Kinck lebt der Gegensatz, das Paradox. Er ist der einzelne. Zu dem oben geschilderten Spiel, zwischen dem Variablen und Konstanten tritt noch ein Zweites, das zwischen dem Romantiker und dem Klassiker. Erling Jaerv streift durch die Galerien Roms. „So hatte er wenigstens einen Ort, sich aufzuhalten. Hier bei diesen großen Meistern, die den Mut gehabt hatten, ihre Liebe zu Ende zu führen, es war, als fielen ihm hier drin in den Sälen die Schuppen von den Augen — als löste sich drin in feiner Brust noch ein glänzender Tropfen edlen Metalls von dem Haufen Schlacken los, den er feine Seele nannte: — ob nicht im tiefsten Grunde es dieser Mut bei den Meistern war, der es hier in den Sälen so still machte — dieser Mut, seine Liebe zu Ende zu führen?" Ein Mensch ohne inneren Gegensatz, in dem nicht die „zwei Welten" zufammenstoßen, ist für Kinck kein Mensch, sondern ein Tier. So ausgeprägt ist das bei ihm, daß der Klassiker in ihm in bitterer Satire über den Romantiker in ihm herfallen kann. Doch wenn die Reflexion auf das »e in ihm stößt, so erscheint die Schönheit um so herrlicher, je dunkler atergrund ist, auf dcm sie sichtbar wird. Wer an den großen Leuchttürmen vorbeigereist ist, hat ihn vielleicht gesehen: weit draußen auf der äußersten weißen Schäre sitzt bisweilen ein einsamer großer Vogel und ruht sich aus und blickt übers Meer: er sitzt meist tief unten am Rand des Wassers. Man wird sich nicht darüber klar, was das für ein Vogel ist, ob es ein alter Adler oder ein Reiher ist — es ist wohl möglich, daß es keines von beiden ist: denn es ist nur etwas Einsames, das man gesehen hat . . . und niemand denkt, vielleicht war es ein großer Erotiker, dessen Leben, wie das Leben alles Lebenden, Liebe war! Daß ein keck schlagendes Flügelspiel und sein Weibchen für ihn das Leben gewesen war. In irgendeinem unbegreiflichen Sturm hier draußen mußte das Weibchen von ihm weggeweht oder unkenntlich geworden jein. Jetzt sitzt der Vogel dort allein, so kühl unter dem Himmel. Und wenn man um die äußerste Schäre dreht und landwärts vorbeisegelt, so bewegt er sich leise und blickt einem nach mit einem scheuen Vogelblick, als wollte er sagen: — du hast es gut, der du in den Hafen kommst! — Dann starrte er wieder melancholisch aufs Meer hinaus — und es ist ein Büschel kleiner weißer Federn über jeder Augenbraue — er starrt hinaus, als ob er dächte: aber tauschen würde ich doch nicht! Und erhebt langsam die großen, alten Schwingen, wie um Luft unter sie zu bekommen, damit sie dem Federkleid nicht jo dicht ankleben sollen, und dann schlägt er sie wieder vorsichtig nieder. Das ist Hans E. Kinck. Von der Bildnrsmalerei. Von Walther A p p e l t, Plauen. Die weitaus meisten Bildnisse werden gemalt, weil sie bestellt sind. Dem entspricht gewöhnlich auch das Ergebnis. Es ist dem Maler eben oft nicht möglich, tiefere Anteilnahme für den Darzustellenden auszubringen. (Rur die wenigsten können es sich leisten, den Auftrag bann einfach abzulehnen.) Der vom Kunststandpunkte aus idealste Fall ist natürlich der, daß ein innerer Drang den Maler gerade dies oder jenes Vorbild wählen läßt. Leider ist er auch der seltenste. Wir müssen dem Künstler schon dankbar sein, wenn ihm einigermaßen ein Ausgleich zwischen dem einander Widerstrebenden gelingt. Arbeitet der Künstler lediglich auf Grund eines erhaltenen Auftrages, jo ist er unfrei. Auch der Hervorragendste wird unter solchen Umständen kaum ein Werk zu schassen vermögen, das höheren Ansprüchen genügt. Allerdincw wird, wenn der Dargestellte eine Rolle spielte oder noch spielt, ein Teil des Publikums „Interesse" an seiner äußeren Erscheinung haben. Ein Interesse freilich, das meist nur der Neugier entspringt und somit zu der trockenen Naturkopie paßt, die ein so entstandenes Bildnis immer bleiben muß. Jedem kann indessen diese oberflächliche Einstellung nicht genügen. Das authentische Bild irgendeines Großen hat dokumentarischen, aber an sich noch feinen künstlerischen Wert. Für die, die in erster Linie dem Werk verbunden sind, wird es um so gleichgültiger, je größer der zeitliche Abstand ist. Wer hat sich etwa schon die immer wieder reiche Beglückung, die die Dichtungen oder Bauten des deutschen Mittelalters spenden, dadurch trüben lassen, daß wir ihre Schöpser kaum dem Namen, geschweige denn dem Aussehen nach kennen? Und steigert nicht gerade der Schleier erhabener Unpersönlichkeit, der über der Herkunft antiker Kunstwerke liegt, deren tiefe Wirkung im Sinne einer zeitlosen, ewigen Kunst? Das Menschliche ist bei richtiger Auffassung des Begriffes „Bildnis" sozusagen nur das Rohmaterial, aus dem der Künstler schafft, das ihm als Mittel dient für das, was zu sagen ihn wesentlich oder gar notwendig dünkt. Wie gleichgültig ist cs uns, ob die Männer, die Dürer gemalt hat, Jakob Muffel oder Hieronymus Holzschuher heißen, ob Liebermann einen Herrn Kuhnt, und Slevogt ein Frl S. gemalt hat! Und doch fesfeln uns diese Bilder ebenso wie viele andere, für die das gleiche gilt, — fesseln uns, weil wir irgend etwas darin als wesentlich empfinden. Dies Wesentliche aber — das etwas himmelweit anderes ist als die oft uer= mifjte Porträtähnlichkeit — ist es auch, was ein Bildnis unabhängig von jeder Bestellung überhaupt erst wert macht, gemalt zu werden. Deutlicherr der Darzustellende muß in irgendeiner Hinsicht malenswert sein. Hinter seiner — untergeordneten — Außenseite muß etwas liegen, das imstande ist, einen Künstler anzuziehen, die schöpferischen Kräfte in ihm zu befruchten. Selbstverständlich brauchen es nicht immer gute und positive Eigenschaften und Werte zu sein, die einen Künstler in ihren Bann ziehen. Mandls berühmte Porträt Goyas z. B. ist ganz und gar vom Gegenteil beherrscht. Die Hauptforderung ist, daß ein Bildnis festhält, was einen Menschen von anderen unterscheidet. Daß ein Maler (genau so natürlich ein Bildhauer) durch die äußere Erscheinung eines Menschen hindurch das sieht und gestaltet, was mehr oder weniger einmalig ist in eben diesem Mensck)en. Was, in Leben und Leistungen sich auswirkend, charakteristisch ist gerade für diesen einen aus der großen Familie „Mensch". Aufleuchten wird der Künstler im Bildnis also das lassen, was einen Menschen über den Durchschnitt erhebt (oder darunter bleiben läßt), was ihn bedeutend und begehrenswert (ober niedrig und verächtlich) macht. So tief er mitunter verborgen ist: es wird der Wesenskern des Darge st eilten, auf den ja alles andere zurückgeht, bloßgelegt werden müssen. Im Vrennspiegel des Gesichts und vielleicht der Hände (wozu noch Gang, Haltung und sonstiges treten kann) werden die Energien gebunden zu - liegen haben, die in einem Menschen das Besondere auslösen. Nicht mehr gebunden jedoch, als daß jeweils ein zündender Funke auf den Beschauer überspringen tarnt, um nickst so sehr seinen kühlen Intellekt, als vielmehr sein Empfinden in den Bannkreis des Porträtierten zu ziehen. Saiten soll ein Bildnis in uns anschlagen, die denen verwandt sind, die das Menschtum (Geist, Charakter) ober das Werk eines Dargestellten zum Tönen bringen, — oder Menschtum und Werk zugleich. Als Beispiele seien aus der übergroßen Zahl in Frage kommender Werke herausgegrifsen: Lionardos „Gioconda" (auch „Mona Lisa" genannt) — Rembrandts „Saskia" — Slevogts „d'Andrade als Don Juan" — Kokoschkas „Ptof. Corel" — Houdons „Voltaire" (Plastik) — Rodins „Balzac" (desgl.) ober, um noch ein ganz neues Werk zu nennen, die Studie, die die Vild- hauerin R. Sintenis unlängst nach dem Läufer Nurmi modelliert hat. Paradoxer als es ist, mag das folgende klingen: der wahrhaft große Künstler kann ein solches Bildnis schaffen, ohne viel vom Leben und Wirken seines „Modells" zu wissen. Umgekehrt kann er es auch aus dem Tun und Schaffen heraus ohne persönlick)e Anschauung entstehen lassen. 211s Beispiel hierfür sei auf Menzels Typ des „alten Fritz" hingewiefen, der uns allen das Charakteristische (Wesentliche) dieser Persönlichkeit zwingend mitteilt und sich doch gar nicht sklavisch an die zeitgenössischen Bildnisdarstellungen anlehnt. 211165 Gesagte gilt beinahe wörtlich auch für die S e l b ft b i l b n i f {e. Denn es macht doch einen nur geringen oder gar keinen Unterschied, ob Besteller und Ausführender (bzw. Anreger und Ausführender) zwei ver- ichiedene Personen sind — ober eine und dieselbe. So sind einige bekannte Rembrandt-Selbstbildnisse hauptsächlich auf „Bestellung" — im eingangs erwähnten, nachteiligen Sinne — entstanden. Nämlich bestellt vom Maler selbst. Und zwar, was im Werk unerfreulich deutlich wird, von feiner Eitelkeit. Aehnliches gilt für Dürers berühmtes Selbstbildnis von 1500 oder neuere Werke, auf denen Künstler sich mit dem Pinsel in der Hand darstellten. Wie oft wirken diese und andere Aeuherlichkeiten über Gebühr betont, als theatralische Mittel, die nie eine ideale Gemeinschaft von, Bildnis und Werk schaffen können. Anders ist es, um noch einige Künstler unserer Zeit zu nennen, mit den Selbstbildnissen von Corinth, Thoma und Käthe Kollwitz. Sie er« füllen durchweg alle Forderungen, die zu stellen wir berechtigt, und die die gleichen für Bildnis und Selbstbildnis sind. Hier werden Menschtum und Werk durch das (Selbst-)Bildnis nicht nur eingefangen, sondern noch unterstrichen, ja, in einzelnen Fällen geradezu gerechtfertigt. Daß das nicht nur ohne helfendes Requisit, sondern vielfach sogar mit erstaunlicher Beschränkung möglich ist, bestätigt eigentlich alles Ausgeführte. Ausrüstung zu einer Nordpolfahrt vor hundert Jahren. Von L. Lindemann-Küßner. Es ist ein wahrer Genuß, bei der Lektüre von alten Büchern am Kamin zu sitzen, an Stellen, die zmn Nachdenken zwingen, in die Flammen zu sehen und bann wieder weiter zu lesen. Da traf ich auf eine Notiz in einem alten Buch, das von einem Schiff berichtet, welches sich vor hundert Jahren zu einer Norpolsahrt * rüstete, und es wird wohl manchem Leser nicht uninteressant {ein, darüber folgendes zu erfahren: Das Schiff Sr. Majestät, der Hekla, das zu einer Entdeckungsreise nach den Spitzbergen und den Nordpol, unter dem Kommando des Kapitäns Parry, bestimmt ist, wurde vorgestern zu Deptford von den Lords der ; Admiralität untersucht, um zu sehen, ob der Mannschaft nichts mangele, und um dem Kapitän Parry einen letzten Beweis ihrer Theilnahme und Achtung zu geben. . Heute ging der Hekla nach Norlhfleet unter Segel; 5 ober 6 -tage später begibt er sich nach Sherneß und aus diesem letztem Hafen wird feine endliche Abfahrt nach dem Nordpol, in der ersten Woche des künftigen Monats, statt finden. Dießmal wird er weder von einem Transpork- noch Kriegsschiffe begleitet. Der Hekla ist ein Schiff von 400 Tonnen und trägt 2 fechsfpännige Karonnaden; feine Bemannung besteht aus 64 auserlesenen Männern, worunter 3 Lieutenants. Oberlieutenant ist Hr. Kotz; zweyter Hr. Foster, der zugleich das Amt eines Astronomen bekleidet; dritter Lieutenant ist Hr. Crofier. Das Schiss ist vor 12 Jahren erbaut worden. Seine erste Fahrt machte es mit der Expedition gegen Algier un Jahre 1816. Es hat Mund-Vorräthe für 19 Monate an Bord und lysy Sester Steinkohlen; sein Wasservorrath ist in eine einzige Masse vereinigt, was bey der Schichtung, einem Gegenstände von der höchsten Wichtige" bei weiten Seereisen, viel Raum erspart. Die Geschichte des Prinzen Alexius. Von Albert H. Rausch. (Fortsetzung.) „Herr!" unterbrach die Witwe mit einem sorgenvollen Blick: „Fragt nicht mich, ob es wahr sei, was man sagt. Ich weih es nicht! Geht zu dem Alten, der den Abend in seinem Zimmer verbringt und forscht ihn aus. Mir selbst kann es nur lieb sein, wenn endlich diese Ungewißheit ein Ende nimmt und wieder Ruhe und Frieden in dieses aufgestörte Haus einkehren." — — Mkephoros hatte sich vom Diwan erhoben und sah dem Richter ins Antlitz. „Seid mir gegrüßt, Rikephoros!" „Gott segne Euren Eintritt und sei mit Euch, Erlauchter Herr." „Ich bin der Oberrichter Claudius und komme aus Befehl des großen Königs, um Euch zu befragen, ob es wahr ist, daß Euer Herr der Prinz Alexius ist, des verstorbenen Komnenen Emanuel einziger Sohn." „Es ist so, Herr. Aber geruht doch, Euch auf diesen Diwan niederzusehen, damit ich Euch in wenig Worten das Schicksal des Die für das Schiffsvolk bestimmten Lebensmittel hat man mit der größten Sorgfalt ausgewählt. Gedörrtes Rind-, Schwein-, Kalb- und Hammelfleisch, so wie auch Gemüse, sind in blechernen Büchsen verwahrt. Außerdem 2000 Pfund Pemmicau, eine Art Dörrfleisch, das an einem Feuer von Eichen- und Ulmen- (Rusten-) Holz gedörrt wurde, bey welcher Operation man 6 Pfund des besten Ochsensleisches bis auf 1 Pfund Gewicht eindörrt. Man zeigt an Bord Proben von diesem Pemmicau. Man beabsichtigt, sich dessen, mit Zwiebackpulver vermischt, zu bedienen, wenn man das Schiff bey den Spitzbergen verlaßen und auf Kähnen die Reiss weiter fortsetzen wird. Die Stärke des Rhums ist auf 55 Grad über die gewöhnliche Probe rektifiziert. Das Schiff ist durch starke eiserne Knie vorn und hinten gesichert. Es ist ganz mit 3 Zoll dickem Korkholz überklsidet, um die Mannschaft gegen Kälte und Feuchtigkeit zu schützen. Eiserne Röhren, von halb-zylindrischer Form, bringen warme Luft in alle Teile des Schiffes; sie gehen von einem unter dem Verdeck angebrachten Ofen aus, und geben nicht nur allen Offizieren, sondern dem Schifssvolke auch Licht. Sie sind dergestalt eingerichtet, daß sie durch Ventilators ersetzt werden können, die bestimmt sind, die Lust im Schiffe zu erneuern. Die Borde (Bohlen) des Obern Verdecks find nicht der Länge nach, wie es üblich ist, sondern diagonal- förmig angebracht, um ihre Widerstandsftärke zu vermehren. Eine Spille (Schifswinde) in einer senkrechten Lage, mit 3 Multiplikationsrädern, steht zwischen dem großen Maste und dem Fockmaste; eine andere Horizontal- Spills steht am Vorüertheil des Bugspriets. Dis Einrichtung der ersten Spille ist neu erfunden. Niemals hat ein Schiff mehr Kommlichkeiten (comforts) für das Schiffsvolk vereinigt; die Betten, die Tische sind mit tadelloser Sorgfalt geordnet. Je zwey Matrosen haben eine große, in Form eines Lehnstuhls gemachte Kiste, die numeriert ist und so ihnen auch als Sitz dient. Die Tische sind mit grüner Sarsche.belegt. Man findet überall im Zwischenverdeck Licht, Eleganz und gesunde Luft. Zwey Lehnstühle, vier Pumpen, drey Compasse und fünf Kähne stehen auf dem Verdecke. Drey Kähne, die auch als Schlitten, um über das Eis zu kommen, gebraucht werden können, sind fosben von Woolwich auf dem Hekla angelangt. Um den großen Mast herum ist ein Haufen von Piken, bestimmt, die Eisbären und andere beriet) unwillkommene Gäste abzutreiben. Das große Zimmer des Kapitäns Parry enthält eine vortreffliche Bibliothek und eine große Auswahl von Kleidern, Pelzwerk und anderen Ausrüstungen, für das kalte Klima berechnet, unter dem man reifen fall. Pelzkamifole, von den Eskimaux fabrizierte Leibröcke, Pantallons, in großer Verschiedenheit mit Pelzwerk gefütterte Stiefeln, einige mit Wolfsund Bärenfellen überzogen, die einen, um sie bey Tag, die andern, um sie bey Nacht zu tragen, wenn man auf dem Eise schläft; Mützen, die mit außerordentlich weichem Schwanenflaum gefüttert sind (mehrere wurden von Weibern der Eskimaux, andere von Londoner Pelz-Händlern verfertigt); kanadische vier Fuß lange Schlitt-Schuhe, um über den Schnee zu gehen; aus Därmen gemachte Netze, gazene Gesichts-Verwahrer in Brillenform, aber konvex und zwey Zoll breit, um die Schläfe und Backe zu umgeben, jedoch so, daß die Nasenlöcher und der Mund unbedeckt bleiben, weil der verschlossene Odem bald in eine Eismasse würde verdichtet werden. In dem Zimmer des Kapitäns Parry ist das Porträt feiner Frau und unter ihm das feiner Mutier aufgehängt. Das große Zimmer und die Offiziers-Kabinette bieten alle Bequemlichkeiten bar, die ein fo kleiner Platz gestattete. Die Eisanker sind hierin von dem gewöhnlichen Anker ganz verschieden, daß sie nur eine Ankerfliege (Haken) haben. Die Eiskähne, wenn man mit ihnen über das Meer fährt, find mit drey großen Rädern vom nämlichen Umfang wie Wagenräder versehen, wovon das eine vorn angebracht ist, um als Steuer zu dienen; sie haben eine 4 Schuh lange Deichsel und können von Rennthieren, ober in Ermangelung dieser von Matrosen gezogen werden. Zur Fahrt im Wasser sind die Eiskähne mit 10 ober 12 Rudern versehen; auch sind Löcher angebracht, um Taue an- knüpfen und den Kahn auf die eine oder andere Seite anholen zu können. Der Boden ist schwarz bemalt, mit einem weißen Streifen, das Innere grün. - Diese Ciskähne sind von beträchtlicher Länge. Der Hekla ist außerdem reichlich versehen mit jeder Art von Takelwerk, Instrumenten usw.; allein ein feiner Segler ist er nicht, und auf der letzten Reise hat er niemals mehr als acht (englische) Meilen in einer Stunde zurückgelegt.--— Wie lächelt man heute über diese naive und umständliche Ausrüstung, und doch waren Unternehmer und Mannschaft ebenso voll Vertrauen, Mut und Todesverachtung, wie die heutigen Forschungsreisenden. Ob das Schiff glücklich wieder heimgekehrt ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. unglücklichen Knaben erzählen kann. Ihr wißt, daß der Kaiser Emanue» mit der Prinzessin Maria von Antiochien vermählt war und einen Sohn mit ihr hatte, der den Ramen Alexius trug. Der Kaiser war ein kluger Herrscher und wie kein zweiter dazu berufen, den Platz auszufüllen, den ihm Gott zugeteilt hatte. Er war aus dem Geschlecht der Komnenen — was soll ich mehr sagen? Die Kaiserin aber — so schmerzlich es mir auch ist, die Wahrheit zu bekennen — war eine Buhlerin und hatte schon zu Lebzeiten ihres Gemahls ihre Geliebten, deren letzter der Protosebastus war. Mütterliche Gefühle kannte sie nicht. Vie kümmerte sich nie um ihren Sohn, der einsam und freudlos aufwuchs, ja nicht einmal im Paläste, den seine Eltern bewohnten, sondern in einem entlegenen Schlosset am Goldnen Horn, wohin der Kaiser nur selten, die Kaiserin aber niemals kam. Ich war ihm zum Wärter bestellt und durfte ihn niemals verlassen, nicht bei Tag und nicht bei Rächt. Ich lehrte ihn lesen und schreiben, und blieb auch dann in seiner Rahe, als er von anderen, gelehrten Männern unterrichtet wurde. Manchmal wurden wir in die Stadt gerufen, wenn Feste ober Prozessionen stattsanden, kehrten aber meistens wieder rasch in unser stilles Schloß zurück. Da erreichte uns eines Tages die Kunde vom Tode des Kaisers. Ich wollte unverzüglich mit dem Knaben in Byzanz landen und den Erben des großen Verstorbenen in die Hofburg geleiten, wo fortan sein Platz war. Er hatte noch nicht das fünfzehnte 2ahr erreicht, war aber von so fürstlicher Art, daß gar kein Zweifel bestehen konnte, er werde trotz seiner Jugend mit Wurde die Ausgabe erfüllen, die ihm vom Schicksal zufiel. Aber siehe: es kam ein Befehl der Kaiserin, im Schlosse zu bleiben. Die Sicherheit des Staates erheische es, daß sie — entgegen ihrem Gelübde, nach dem Tode des Kaisers in ein Kloster zu gehen — so lange für ihren unmündigen Sohn die Herrschaft führe, bis dieser selbst dazu fähig und reif sei. Dies alles aber war nur ein Vorwand, den sie gebrauchte, um ihrem Geliebten, dem Protesebastus, zu noch größerem Einfluß zu verhelfen und den eignen Sohn im Dunkel zu halten. Ja, es liefen sogar damals Gerüchte um, der Protosebastus trachte dem Kind nach dem Leben, um selbst die Herrschaft an sich zu reißen. Ihr erratet die Angst, in der ich lebte. Dem Knaben verschwieg ich dies alles, um sein Herz nicht mit Schrecken zu erfüllen, die er — ach — noch früh genug an sich erfahren sollte. Denn seht: Als nun unter dem Regimente des Protosebastus Verwirrung einritz und alle Verbrechen sich häuften, als das Volk über die Zuchtlofigkeit der Kaiserin und den Bruch ihres Gelübdes unwillig wurde, erhob sich ein Aufstand, und viele Tausende forderten, daß man den mächtigen und kriegerischen Prinzen Andronikus, der einer Seitenlinie des komnenischen Hauses angehörte, aus seiner Statthalterschaft Paphiagonien herbeihole und ihm die Vormundschaft über den jungen Prinzen Alexius übertrage. Dies geschah auch durch eine glänzende Botschaft der Stadtobersten, und Andronikus rückte mit seinem Heere heran. Ich selber weilte um diefe Zeit mit dem Prinzen in einem Seitenflügel der Hofburg, da wir kurz vor dem Eintritt dieser Ereignisse an einer großen Prozession teilgenommen hatten, und konnte nicht daran denken, bei der allgemeinen Verwirrung aus das Land zurückzukehren. Ich verlieh meinen Herrn keinen Augenblick und wartete voll Angst auf die Dinge, die sich ereignen würden. Die Kaiserin, von Wut und Rache angestachelt und ihres römisch-katholischen Glaubens gedenk, rief die lateinischen Kreuzfahrer zu Hilfe in die Stadt. Ein furchtbares Morden begann zwischen den Parteien, aber Andronikus und die Seinen blieben Sieger. Der Palast wurde gestürmt, der Protosebastus geblendet, die Kaiserin in den Kerker geworsen und kurzerhand erdrosselt. Ich hörte dies alles natürlich erst später, denn wir selbst im Seitenflügel waren von jeder Möglichkeit. die Wahrheit zu erfahren, abgeschnitten: entfliehen konnten wir nicht, das Schloß war rings von dreifachen Posten umstellt, und auf das Gerede von Sklaven und Mägden zu hören, war niemals meine Art. Schon sank die zweite, lange Rächt der Ungewißheit. Der Prinz hatte sich zur Ruhe gelegt. Ich betete noch im ersten Vorzimmer beim Schein einer Kerze vor dem Bildnis der Heiligen Anastasia, die meine Schutzherrin ist. Plötzlich kamen Schritte den Gang herauf, ein Schein von Fackellichtern fiel durch die Spalten der Vorhänge, Stimmen wurden wach: Im selben Augenblick wurden schon die Seidengewebe zurückgerissen, rohe Gesichter erschienen im Rahmen der Türe, und mitten unter ihnen der Kaiser." „Der Kaiser sagt Ihr? Andronikus?" fragte erregt der Richter, „Andronikus!... Ich warf mich auf die Knie und berührte die Stirne mit dem Boden. Steh auf, befahl er mir mit ruhiger, kalter Stimme. Man sagte mir, du hütest den Prinzen wie ein kleines Lamm, den Sohn einer Hure und Meineidigen? Ich bin dir Dank dafür schuldig, daß du ihn solange gehütet hast als er mir nützlich war. Deswegen magst du leben: Doch morgen früh verlange ich den Kops des Knaben vor mir zu sehen, vom Rumpse getrennt — und du selbst sollst ihn mir bringen. Wo nicht, trifft dich mit ihm zunächst Vlendung und dann Tod am Kreuz." Damit verschwand er, zwei Männer als Wache vor der Türe lassend. Ich konnte mich nicht rühren. Von meiner Stirne sanken schtvere, kalte Tropfen auf den Teppich, meine Zähne schlugen ohne Unterlaß aufeinander. Dann fiel ich auf die Fliesen. Plötzlich fühlte ich, wie jemand mich berührte, wie eine Hand über mein Haar fuhr. Ich wachte auf — und vor mir stand der eine Wächter, ein junger Mensch von freundlichem Aussehen. „Armer Mann," sagte er in schlechtem Griechisch, „kommt zu Euch! Mich jammert Euer Jammer!" „Wer seid Ihr?" frug ich leise, „daß Ihr noch ein fühlendes Herz in dieser Stadt der Greuel habt?" „Ich bin ein Franke, ein Söldner der Palastwache." ■ - ____________ —_____— i ,11 I '■ ................*** JJÖL 1 a6#|1 — Bruck und Verlag: Drühl'jche UniversitätS-Duch- und Steindruckeret, R. Lange, ® Verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. die DeS dem Wasser schwamm: r .. . „Ich preise mich glücklich, bah 2Hr zu mir gekommen seid.und mich so der schmerzlichen Notwendigkeit enthebt, als bittender (Flüchtling Eure Schwelle zu überschreiten. Ihr werdet es verstehen, daß ich nicht gerne die Tage wachrufe, die mein Leben zertrümmert haben, und es ist deshalb gut, wenn ich Euch sogleich das wenigs sage, düs dem Berichte des Nikephoros zuzufügen ist, der mir soeben seine Unterredung mit dem Oberrichter erzählt hat. Ihr könntet mich nach meinem Vater, nach meiner Mutter fragen: ich mühte vor Scham erröten und Euch die Antwort schuldig bleiben. Denn ich kannte sie kaum, und wenn ich sie sah, so war es nur im Vorübergleiten, in steifen Prunkgewändern, bei den großen Empfängen und Festen des Hofes, zu denen ich zugelassen wurde. Mein Vater war so sehr durch die Geschäfte des Staates in Anspruch genommen, dah ihm für seinen Sohn keine Zeit blieb. Manchmal küßte er mich. Dann sagten die Diener: Der Kaiser hat Euch geküßt — und nie: der Vater. Meine Mutter aber — Erspart mir, von ihr zu sprechen, Ich hatte keine Mutter. Und als mein Vater starb..." „Redet nicht weiter, Alexius! Weckt diesen Gram nicht aus. Eure Mutter hat qualvoll gebüßt. Aber sagt mir etwas von Eurer Lugend, von Eurer Kindheit." Alexius schüttelte wehmütig den Kopf: „Was soll ich Euch von meiner Lugend tagen, von der ich kaum etwas weih? Weitz denn ein byzantinischer Prinz überhaupt von irgendeinem Ding etwas? Weih er, warum er hierhin, dorthin geht, warum er nutt in einen, Landhaus wohnt und nun im Palaste, warum heute ein Feldherr neben dem Kaiser sitzt und morgen in feinem Blute schwimmt? Warum für Tausende von Denaren ein Bild in ein« Kirche gestellt und morgen zerschlagen wird? Weih er, wozu die Leute um ihn, her im Palaste Herumlaufen, warum der eine ein rotes Kleid mit dem braunen Dreieck auf der linken Schulter und der andere ein blaues mit dem gelben Viereck auf der rechten trägt? Weih er, wer Freund, wer Feind ist? Vertrauter und Verräter? Bedenkt: ich bin erst fünfzehn Lahre alt, ein halbes Kind, und zehnmal mehr ch Kind, als meine Wünsche es zu sein trachten: nur unter Dienern au|, gewachsen, in einer Einsamkeit, die keinen Namen hat." Da seufzte der König, seiner eigenen bewegten Lugend gt> denkend, der eine kluge Mutter zwar gute Erzieher, aber auch kein Uebermah an Liebe gegeben hatte, und sagte: „Wenn Lhr nur ahntet, Alexius, wie ich Euch verstehe! Lch suhl« Euer ganzes Schicksal und nehme daran teil mit meinem Herzen!' „Lch danke Euch," sagte Alexius, und hob seine schweren, feucht, gewordenen Augen zu den hellblauen des Königs empor, die dem schönen, lebhaften Gesicht eine große Güte und Offenheit verliehen „Ich danke Euch unendlich, und ich hoffe,, Lhr vergönnt es mir, an Eurem Schicksal in der gleichen Weise teilzunehmen." „Seid mein jüngerer Bruder, Alexius I" rief Wilhelm. „LH, wißt, ich lebe einsam mit meiner Gemahlin Johanna." Ich will es sein. Dem KomneneU gibt der Normanne ein, Heimat..." sagte Alexius und lächelte plötzlich so menschlich nch und schlicht, daß Wilhelm fast ungestüm die zarten, hingehaltemn Hände ergriff und lange nicht mehr los lieh. Am selben Tage noch, um die sechste Abendstunde, hielten Aiechi und sein Diener Nikephoros ihren Einzug in den Palast, in seid« Sänften getragen und von unzähligem Volke begleitet. Die Schloß- wachen begrüßten die Ankömmlinge mit Trompeten, Trommeln unb. Eymbeln, aus allen Fenstern und von den Zinnen winkten und warfen Blumen, an der Rampe des großen Aufganges aber war der Hof versammelt: Der König Wilhelm, in blassem Purpur, die Königin-Mutter Margarete, in Schwarz und Violett, mrt grauen Haar und etwas angegriffenen Zügen, die Königin Johanna m dein lavendelblauen Kleid, das ihr vor kurzem der Sultan Jussus an! Tunis geschenkt hatte, und die Prinzessin Constanze, ganz in w-W Seide und mit der Rubinenhalskette geschmückt, die iyr BarbroI« im Namen seines Sohnes übersenden ließ, der Erzbischof Walm Offamilio, der Kanzler Matthäus Ajellus fern reizender Sch Richard, die beiden jungen Grasen von Avellino mit ihren Da« der Großadmiral Margeritus, der Graf Jordanus, der .oaumeita Bonnanus von Pisa, der gerade die Dronzetüven für Ben Dom m Monreale fertigstellte, und der junge arabische Prinz AbdurrhaWz.- der von Granada zu Besuch gekommen war und sich, wie man lagte, der besonderen Gunst des Königs erfreute. ... Alexius trug ein gelbseidenes Gewand und hatte über Jen schwarzes Haar den schmalen, kaum sichtbaren Kronreif gelegt. Sm Züge waren unbewegt. Er küßte den Königinnen und der Constanze die Fingerspitzen, verneigte sich leicht vvr den aMM Damen und lieh sich von dem König abermals die zwiefache W armung gefallen, wobei ihm der leise Duft entgegenstromt-Uw Wilhelm in seinen Leibröcken zu tragen pflegte, ilm wbes feierte Gespräch, das ihm peinlich war wie alles, was nach einem 2lu,M aussah. zu vermeiden, sagte er nicht sehr -laut, aber doch so, W die Umstehenden es hören konnten: . & „Die Essenz, die Ihr tragt, erinnert mich etwas an den w der Oleanderbäume, die ich über alles liebe." „Genau wie ich!" rief der König. „Genau wie ich! 3fl.eS« seltsam, daß wir selbst in solchen kleinen Vorlieben ubereinstimE „Gewiß, nur scheint es mir, dah die gleichen Vorlieben «u » gleichen Düften gar nicht ganz so unwesentlich seien, w,e L - Majestät es hinstellen", bemerkte der Prinz, wagrend er neben König in die Halle trat. ,, __ „Entzückend!" flüsterte Constanze, die gerade ihren &retBW Geburtstag gefeiert hatte, „entzückend!" . „Very nice, indeed“, meinte die Königin Johanna (sie stam»^ aus "England). „Perhaps too delicate!“ . . Und Richard Ajellus zu dem mandeläugigen Prinzen -wo» haman: _ „Was dünkt Euch nun, mein Teurer? . „Dah ich wohl bald reisen kann..." „Pfui!" lachte Richard, während er in das Innere des 4° i trat, „wollt Ihr so rasch das Feld verloren geben aus schöne Wettstreit erst beginnen soll? Seht mich, sofern 2yr versteht, als Euren Bundesgenossen an...“ So war der Einzug des Prinzen Alexius aus Byzanz Hofburg von Palermo. "— (Fortsetzung folgt.) r .Ihr seid von Gott geschickt! Ihr müht helfen, zu entkommen Bedenkt. was auf dem Spiele steht... Bedenkt den Lohn, der Euch winkt: Ihr rettet den rechtmäßigen Kaiser! Kennt Ihr Seitenausgänge? Ich habe Gold, viel Gold... „Gebt her!" flüsterte der andere. „Ich schwöre Euch bei dem Blute Herrn, Such zu helfen...“ „Und Euer Begleiter?" „ Er schläft! Ein Engländer, der das Saufen nicht lassen kann! ”©o eilt! Bestecht die Wachen..." ..._ Ich stand, das Schwert in der Faust, um den Schläfer zu toten, wenn er erwachen sollte... ich stand wohl eine Stunde, verzweifelnd, in iedem Augenblick den Wahnsinn fuEend. Da sah ich vom Ende des Ganges her den fränkischen Soldner winken 3ch lief in das abgelegene Gemach, wo der Prrnz schlief, nahm den Halberwachten vom Lager auf, flüsterte ihm zu, ganz still zu bleiben, raffte rasch die Decke und das Lagesgewand zusammen um> verschwand im Dunkel. An allen Treppen 'schliefen die Wachen, die Pförtner des äußeren Tores, di« sich widersetzt hatten, lagen er» m°r^5a6t Ihr noch von dem Gold?" rief ich dem Söldner zu. "Äoch eine Menge!" „So weiß ich, wohin: Zu meinem Freund, dem Pferdezuchtee Lrasvbulos. Dort ahnt uns niemand.“ , „ Um die zweite Morgenstunde kamen wir vor dem Hause an, der Prinz der Söldner und ich, und wurden aufgenommen, tot« es besser nicht sein konnte. Drei Wocheii hielt mein Freund uns verborgen bis es uns gelang, in unerkenntlicher Verkleidung an das Äser des Meeres zu gelangen. Ja, es wurde mir sogar noa) ermöglicht. durch den Soldaten, der sich als der treueste Diener erwies aus dem Schloß, das wir so viele Jahre bewohnt hatten, kostbare Kleider Decken, Schmuckstücke und Gold holen zu lassen, so daß wir, mit reichen Mitteln versehen, auf einer russischen Galeere zunächst nach Odessa und von da über Deutschland nach Venedig Gelangten. Dort starb zu unserem größten Schmede, der fränkische Söldner an einem raschen Fieber, ohne dah der Prinz ihm seinen Edelmut durch anderes als eine rührend« Zuneigung hatte lohnen können: obwohl es mich selbst ja dünkt, dah es schon Dankes genug sei für ein Menschenlebeii, so sehr von einem Purpurgeborenen 9elle®tefeU§ *Herr,"'ist die Geschichte des Prinzen Alexius, wie sie sich zutrua im Jahre 1182, dem Jahre des Schreckens und der Frevel. Viele Städte haben wir seitdem gesehen, Odessa, Charkow, Wien, Passau, Kostnitz, Mailand, Venedig, Florenz, Rom, Neapel — bis uns der Ruhm Eurer Stadt und Eures Königs nach Palermo führte^ei jjer Richter, „seltsame Dinge geschehen auf Erden. Lebt wohl, mein Freund! Morgen abend wohnt Ihr m anderen Gemächern!" $ Am nächsten Morgen geschah das Außergewöhnliche: Vor dem Gasthof des Melittos aus Girgentl hielten die Wagen des Königs Wilhelm, deren jeder mit zwei silbergezaumten Schimmeln bespannt war. Der Fürst, erschüttert von der Kund« des Richters hatte die Nacht über kaum ein Auge zugetan, obwohl ihn seine Gemahlin Johanna weniger als sonst banun gequält hatte, doch an die immer noch nicht gelöste Frage der Erbfolge zu benten, und beschlossen, selbst den Prinzen aufzusuchen, um ihm. den Palast oder das Lustschloß Cuba als Wohnung anzubreten. Alexius hatte gerade ein Schreiben an sein« Braut, die kleine französische Prinzessin Agnes, abgefaht, das er den Kaufleuten aus Byzanz mitgeben wollte, Äs ihm der Besuch des Königs Wilhelm gemeldet wurde. Der Gästhofbesitzer, der vor Erregung kaum den Amnen des Erlauchten Herrschers aussprecheii konnte, erzählte spater, der Prinz habe sich nicht einmal umgewandt, sondern ruhig zum üenster hinaus in das Spiel einiger Möven geschaut, die sich vom Hafen her über die Häuser verirrt hatten. . . , „ ~ r . . Erhobenen Hauptes betrat der König den hellen Saal und sah dem Prinzen ins Antlitz. Alexius erwiderte den Blick so kühl und gelassen, als es die weiche Glut seiner Augen zulieh und ging dem König einen Schritt entgegen. „ . ,, „Bei Allah," sagte dieser, „ich preise di« Stunde glücklich, da ich Euch vor mir sehe," und ging bewegten Fußes, indem er ein wenig sein langes arabisches Gewand hob, auf den Prinzen zu. »weid mir willkommen in meinem Land, Alexius, und möge es nur vergönnt fein, alles an Euch zu sühnen, was ein grausames Geschick an Euch verschuldet hat!“ .... , „ Alexius neigte den Kopf und ließ sich die Umarmung gefallen. Dann bat er den König, auf den Polstern niederzusitzen, die in der Mitte des Zimmers um ein fließendes Drunnenbecken gelegt waren, und begann, während er langsam eine Rose zerpflückte, die auf Du befand baden, heit u Betrai kündig spülen das D das ft Warn scharfe wache« den $ nungs zes ui tot un Da der he dem fl Ein st sich fe Kruzif kommt alter < jenem digte. 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