Jahrgang (927 Samstag, den 8. Januar Nummer 2 SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Wintsrnacht. Bon Anton Schnack. Fahl und milchig blitzt des Fensters Glas In des Mondes grünem Zauberschein, Meine Kerze steht allein In der Dämm'rung Riesenmatz. Langsam und verschwiegen geht die Uhr. Hinter dem Getäfel jagt die Maus In das Dunkel ihres Nesterbaus. Wind pfeift auf dem Flur. Herz für Herz schläft ein und wacht nicht mehr Und der Himmel fällt herab im Schnee, Leise stirbt im Winterwald das Reh Und die Rabenwolke kommt aus Osten her. Eine alte Spieluhr klingt im Schrank Wie aus einem Traum heraus. Unbekannt und überirdisch schlank Tritt ein wciher Enge! in dar Haus . . . Die Kurgans. Von Alexander Lernet-Lolenia. Der Verfasser der folgenden Schilderung, der österreichische Dichter Lernet-Lolenia, wurde an erster Stelle mit dem vorjährigen Kleistpreise, sowie mit dem Bremer Sckam spielpreise ausgezeichnet. Am letzten Abend vor dem Abmarsch in den äußersten Osten der Ukraine war den Offizieren eines österreicüischen Dragonerregiments auf einem polnischen Grit ein Abschiedsfest gegeben worden. Ich erinnere mich noch des ebenerdigen, weißgetünchten Äerrenhauses und seines Säulen - Vorbaus, der hohen, nächtlichen Zimmer, in denen hier und da Licht auf :ilbernen Leuchtern brannte, des Vorplatzes, dessen Wände mit bräun- ich verbleichenden Daguerreotypien von Pferden und Lunden über und über bedeckt waren wie mit unzähligen, schmutzigen Fischsckuppen, der Zimmer überhaupt, des Kerzenlichts, das auf den Goldborten und Spangen der Offiziere und auf den» Schmuck der Damen aufleuchtete. Man tanzte eigentümliche, polnische Tänze, im Reigen sich an den Länden haltend. Der Gastgeber (der ein halbes Jahr später von den Russen erstochen worden ift),-zeigte Briefe Griegs herum. Vor de» offenen Fen- stern, im Garten mit seinen verwildernden Lauben, schwankte das Gras und das Laubwerk im warmen Lufthauch, als wüchse es in die Nacht hinauf wie in ein schwarzes Wasser, so ging es mit den Strömungen hin und her. Es schaukelte und schwamm gespenstisch in der Nacht. Damals spürte ich zum erstennral die Anzeichen der Krankbeit, die man zu jener Zeit noch nicht genau erkannt hatte und als die „spanische" bezeichnete, vielleicht deshalb, rveil sie sich im Lause Labsburg zuerst gezeigt hatte. Sie verließ uns während der ganzen nächsten Monate nicht mehr. Wie nun, von, nächsten Morgen an, das Regiment in enormen Zügen von Waggons nach Rußland hineingefiihrt ward, eichenbcstandene Lügel Jast schon vertraut gewordener, polnischer Landschaft versanken und zurück- 'lieben, wie das Land selbst Gehöfte, Flußläufe und Bäume immer mehr in bewohnte Mulden zurücknahm, um, schließlich ganz zur menschen- losen Sleppe geworden, den ungeheuren, blauen Ausblick auf Asien freizugebcn, entstanden und verstärkten sich, neben dem reisenden Regiment, die Visionen und Schatten früherer Leere, die vor uns hier eingezogen waren. Der heiße Sommettvind begünstigte Phantasien, ja, er rief sie sogar selbst hervor, fiebrig wie er war. Ein Gefühl von »amen- losen, nomadisch durchwanderten Alter dieses Landes drängte sich auf und verstärkte sich um so unabweisbarer, als eben dieses Alter ohne hinterlassene Zeichen dahingegangen war. Unzählige Schritte ziehender Völker, Lufspuren und die Bahnen nachgeschleifter Zeltstangen waren in diesem weichen Boden und im Gras wieder verweht, aber über der Steppe selbst erschien die gleißende Lust von dem Rieseln und Wehen längst vorübergezogener und schattenhaft wieder vorüberziehender Leere erfüllt. Der berühmte, ukrainische Zug Karls des Zwölften von Schweden ward vor allen, so deutlich vor dem inneren Auge, als erhöbe sich sein furchtbares Leer, das hier gefallen war, blutig, verwest und verschmiert, in modernen Anlformen, mit Trommeln und Fahnen, aus dem Staub, aus dem glchlamm, aus dem Gras, Bataillone auf wunden Füßen und in vermorschten Schuhen, Eskadronen auf toten Pferden, phantastisch und graßllch. Es war, indem man nur um sich sah, sofort einzusehen, warum Karl im Leben nicht mehr aus diesem Land herauszubringen gewesen war, warum er sich so versessen darauf gezeigt hatte, zu bleiben, daß er mit allen Regimentern auch im Tode hier noch umging. Denn das Land war so riesig groß, so weit offen gegen die Unermeßlichkeit Asiens, so schrankenlos für einen Schrankenlosen, daß es den Krieg, die Völkerwanderung, das Schweifende förmlich verlangte, zu sich hereinlockterund in sich dauernd erhielt. Lier war Raum zu jeder Bewegung, hier mag der König, in unserer Erinnerung, Krieg führen bis zum Jüngsten Tag. Nach achttägiger Fahrt war das Regiment zu seinen neuen Stand- Plätzen endlich gelangt und teils in einer Stadt, deren Bewohner di« Gewohnheit hatten, bei Tag zu schlafen und Nacht für Nacht bis zum Morgen in öffentlichen Gärten und Teepavillons sich zu unterhalten, teils in entfernteren Dörfern bequartiert worden. Enorme Fabriken, wt« Laufen aufeinandergeworfenen, verrosteten Eisens, und turmhohe Gesteins- Halden und Aufschüttungen aus dem Innern der Bergwerke zeigten sich hin und wieder über der Ebene. Zwischen der Stadt und den Dörfern waren die Wege häufig abzureiten, damit, für den Fall der Gefahr, Ordonnanzen sicher sich durchschlagen könnten. Beordert, sie zu instruieren, fand ich die Kurgane. Indem ich, gefolgt von etlichen Dragonern und Chargen, unter dem kessen Anschlägen der Säbelan die Sporen und dem Schnauben der Pferde, auf deren Sommerfell die Sonne glänzte, eine Erhebung hinaufritt, sah S vor mir den ersten Kurgan. Die eigentliche Natur des etwa zwanzig Fuß langen, zehn Fuß breiten und über mannshohen, steinuntermengten Rasenhügels, der sich wie der Rücken eines riesigen Tieres drohend aus der Steppe hob, war nicht gleich wahrzunehmen und irgendwie zu be- stimmen; vielmehr aber ging, kaum daß er ins Auge ttat, auch schon em schwer zu beschreibender Eindruck von ihm aus, unbestimmt zwar, aber einen in rätselhafter Weise aufs Tieffte angehend, eine Art magnetischen Schreckens. Cs war nicht einzusehen, warum der grasige Gegen- stand einen |o Plötzlich betraf oder was sonst Anheimliches von seiner runden Erhebung ausging wie von einem schweren Atemzug der Erde. Aber über dem Anhalten der Pferde hörte der schwache Luftzug auf, der einem das Gesicht abgekühlt hatte, die umgehängten Pelzelagen schwer und Hess; auf dem Zügelarm. Die gespenstische Litze des Mittags war plötzlich da. Ich saß ab, ich ging auf den Erdhügel zu. In AbstLnden von Viertelstunde zu Viertelstunde etwa zeigten sich unter dem iveißlichen Limmel der Steppe andere solche Kurgane, in zwei deutlichen Reihen von Osten nach Westen ziehend, abwechselnd links einer und rechts einer, gleichsam Fußstapfen eines übergewaltigen Tieres. Eine Direktion war entschieden, es sah wie Wegzeichen aus, wie eine Straße, eine Leerstraße. And kaum war der Gedanke gefaßt, so erzeugt er auch schon Leben. Es waren Völker hier gezogen. Das stellte sich der Einbildung dar. Als rieselte Wind durch das Gras, als schlichen die Füße Ansichtbarer, fing in der heißen Stille ein Geräusch von vielen Schritten an, von geisterhaften Schritten sich bewegender Menschen und Pferde, ein leiser Lärm wie von Wagen und Vieh, schwach im Anfang, dann deutlicher und deutlicher, em Glitzern ging in der Lust mit, man bildete sich ein, einen schwachen Andrang zu spüren wie vom Wind, vom Luftzug der Phantome. Die Stelle war zauberisch offenbar. Kaum waren sie imaginiert worden, so zogen sie auch schon wieder vorbei: Völker, von Osten nach Westen. Das war ihr Weg gewesen, fein innerer Linweis auf ein Ziel zu, sein Zwang, zu geleiten, war nach Jahrtausenden noch immer so stark, daß die Bewegung Wandernder in ihm unsichtbar lebendig blieb und sich auf das Gemüt übertrug. Er füllte sich, so wie einem nur der Gedanke daran kam, mit Schatten an, ziehenden Schatten, wandernden. And da, mit einem neuen Erschrecken, fiel einem ein, daß, wenn Völker hier gegangen wären, auch das eigene dabei gewesen sein werde, Leute au» eigenem Blut, hier, von dem Osten her nach dem Westen hin, an die hun- dert Geschlechte vorher, aber doch von demselben Blut, das man noch in sich selber spürte. Die waren hier gezogen. Auf wen zu? Auf einen selbst. Lier, in unglaublicher Fremde, fand man seine eigene Spur. Sier waren sie vorüber: Männer, Frauen, Kinder; Ahnherren, Verwandtschaft von ftüher, reiner noch als wir, ungeheure Verheißung mit sich bringend aus dem Paradies. Das war chr Weg nach Europa ge- wefen, diese Kurgane waren ihre Gräber. Wie Ermüdende zu Seiten der Straße liegen bleiben, waren sie aus dem Zug des Seers getreten, da hatte man sie begraben unter den heiligdrohenden Malen der antikischen Kurgane, als Wegweiser der Zukünftigen, diese, die Toten, die man hier in der Ferne wiederfand die so gewesen waren wie wir selbst. Die ganze Erschütterung, die geheimnisvolle, furchtbar-sinnliche Gewalt des BluteS spürte man über diesem Wiederfinden in sich selber. Zu denken: hier waren sie zu Pferd begraben, die aus dem Völkerzug, hier, angesichts ihres Weltweges, schwand die Zeit zu nichts, noch immer war alle Verheißung und Wanderung gegenwärtig wie seit je, und als man wieder aussaß, um weiterzureiten, trug einen das lebendige Pferd nochimmer so, und mtt allen Waffen, wie innen im Lüge! den gewafsneten Toten das tote. £im mein damaliges unschönes Treibe«, das ja geradezu einer Frozzelei des .Heiligen Geistes gleichkam, mir selbst zur Zerknirschung und Buße näher zu beleuchten, seien drei meiner Beantwortungen einbekannt aus den edlen Wissenschaften der Geschichte, der Chemie und der Geographie. " , Als erste Frage aus der Weltgeschichte hatte ich anzugeben wann Julius Cäsar geboren sei. Ich sagte, man Pflegte nach römischer Zeitrechnung gewöhnlich das Jahr 654 anzusehen, weil er nach Sueton, Plutarch, und Appian bei seinem Tode am 15. März 710 im 56. Jahre stand; womit auch die Angabe, daß er zur Zeit der Sullanischen Proskription 18 Jahre alt gewesen, ungefähr iibereinstimme. Allerdings stehe damit in unlöslichen! Widerspruche, daß Cäsar im Jahre 689 die Aedilität, 692 die Prärur, 695 das Konsulat bekleidete und jene Aemter nach den Annalgesehen frühestens im 37., 49. und 53. Lebensjahre bekleidet werden durften. Cs sei nicht abzusehen, sagte ich, wie Cäsar sämtliche kurulische Aemter zwei Jahre vor der gesetzlichen Zeit bekleidet habe, vielmehr legten die Tatsachen die Vermutung nahe, daß er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. Juli fiel, nicht 654, sondern 652 geboren ist. Für diesen letzten Ansatz, fügte ich mit sinniger.Handbewegung hinzu, lasse sich ferner geltend machen, daß Cäsar „paene puer" von Marms und Cinna zum Flamen des Jupiter bestellt wurde, denn Manus starb im Jänner 668, wo Cäsar nach dem gewöhnlichen Ansatz 13 Jahre 6 Monate alt gewesen, also einer solchen priesterlichen Würde kaum noch fähig war. .Hier stockte ich, mir war das weitere nicht mehr geläufig, und es war mein Glück, denn der Oberleutnant ans Geschichte wandte sich, cttoa6 blaß geworden, an den Hauptmann aus Chemie und sagte: „Geh, Himmelmayer, Prüf' ihn Du jetzt, ich bin schon fertig." Anter erhöhtem Ansehen richtete nunmehr der Hauptmann aus Chemie die Aufforderung an mich, die chemische Formel der Schwefelsäure auf die Tafel zu schreiben. Auch hier tat ich vor Freude einen innerlichen Lustsprung und wußte nicht nur die Formel richtig hinzusehen, sondern auch eine ganze Reihe industrieller Verwendungen dieser braven Saure anzu- führen, wobei ick schließlich wie nebenher die Bemerkung emfließen ließ, dau sie auck in der Medizin keine unwesentliche Rolle sprele und daß man sie besonders in jüngster Zeit zur Herstellung des sogenannten Katrins, eines Fiebermittels, verwende, welches eigentlich ;alzsaures Orytetrahydroäthylchinolin sei, das gewonnen werde, wenn man -zlnu- dophenol mit Glyzerin durch Behandlung mit Zinn imd Salzsaure in Oxytetrahydrochinolin imd dies mit Iodäthyl in OxNtctrahydroat- Der ^Hauptmann aus Cheniie nickte verstört vor sich hin >md übergab nrich mit einem hilfesuchenden Blick dem Leutnant aus Geographie. Nun aber überfiel mich fast ein leises Grauen vor meinem G uick, denn man stellte inich wahrhaftig vor die Aufgabe, die Küste von Nordamerika auf die Tafel zu zeichnen. And gerade hier hatte ich mir einen besonderen Pflanz", ivie man in Oesterraick sagt, ausgedacht, indem ich nur die Nordostküste von Labrador, wo man ja füglich anfangen konnte, in den Details einer Mappierungsausnahme aus Stickers großem Handatlas eingedrillt hatte und nun mit der geduldigen welchen Kreide ern so tolles dicktverschlungenes Gewirr von Buchten, Fjorden und vorgelagerten Inselcken zu entwerfen begann, daß man meinen konnte, EMpele eher eine Brüsseler Spitze, als daß es um die Zeichnung eines soliden Schul entwurses von Nordamerika ging. Dabei wurde ich, und es geschah mir durchaus recht, von einer nicht geringen Ängst gepeinigt, schon ums Cck von Neuschottland herum meinen wissenschaftlichen Konkurs ansagen oder mich im weiteren aus eine Art von Phantasieklöppe^ei verlasse» ,lt müssen, denn ich hätte nicht einmal auf die einfachste Weise wettcr- gewußt, geschweige in solch märchenhaft detaillierter Land- und Seekenntnis des fernablieqenden Kontinents. ., , Mein unverschämtes Glück verließ inich aber auch diesmal Nicht Die gedrückte Stimmung meiner völlig verblüfften Prüfer begann fick mählich in befreite Heiterkeit zu lösen, so daß der vorsitzende Ol erst e sckließlick für geraten fand, mir abwmkend zuzurufen. „Schon gut, schon gut! Wenn sie so fortfahren, kommen Sie ja erst übermorgen im Golf von Mexiko an, und Wir haben keine Zeit!", was auch in "ur begreiflicherweise' keine geringe Befreiung auslöste, mich rasch die Kreide wealeaen und mich dankend wie bei etwas Aeberstandenem verbeugen ließ. Der eigentliche Schlüssel zum Zauber meines Glücks.mag aber*»J« mobl in dem Amstande gelegen sein, daß ich als letzter zur Vrufiing gekommen, und die Kommission daher schon wesentlich ermüdet war. Ich entsinne mich, daß im Saal bereits gelinde Dämmerung herrschte, a man noch rasch ein paar Fragen an mich richtete, die ich famt und sonders glatt erledigte, wenn auch nur im schlichten Gewände einer Schulantnwrt. Ich hatte damit die Prüfung bestanden und in ftrst sämtlichen Ab Mußgegenständen Vorzüglich erhalten, wobei ich mich lreute nock in tiefer Beschämung als Schuldner des Schicksals erkläre. Der König der GaiLpagosinseln. Von William Beebe.*) Die Galapagosinseln würbe« als Zufluchtsort bei den Walfischsängern noch beliebter, als sie es bei den Seeräubern gewcsen waren. L me der beliebtesten Ankerplätze lag in derruesiglaugeuhal^ Bucht, die durch die Krümmung von Alberuasie um Naroorough gebilde •) Wir geben im Folgenden eine Kostprobe aus einem im Verlage von F. A. Brockhaus, Leipzig, erschienenenNeisew«rk:Gal äpagosdas Ende der Welt, von William Beebe. (^Selten mit 95 bunten und einfarbigen Abbildimgon und 3 Karten). Das ?uch ist das Cigel' nis einer Crpedition nach den Galäpagosmseln. ^/^/otselhaftts Lai führt der Naturforscher seine Schar^ bereit im Dionstder W se'ssÄM die letzte Bequemlichkeit zu opfern. Die Liebe zur Natur: — fei e« «« , das kleinste Tier- ober eine mikroskopische Pflanze — ^>1 den Wissen schaftler zum Dichter werben. Die Meisterschaft seiner Ct^älsierkunst u die Tiefe seines Wissens rechtfertigen deutsche 2lilsgabenseinerW«ke, deren Anschaulichkeit unb Kraft der Darstellung verbimden mit einem feinen Humor an Wilhelm Bölsche erinnern. Die Aufnahmsprüfung. Bon Franz Karl Ginzkey. Ans einer noch unveröffentlichten Reihe von „Geschichten aus seltsamer Jugend". Das unrühmliche Ende meiner Lanfbahii in der k. u. k. Marineaka- d«nie zu Fiume, ich habe das bereits andernorts erzählt, bestimmte meinen guten Vater, mich nuiimehr der Obhut der Infanteriekadetten- schUle zu Triest anzuvertrauen. Es sollte dies bet letzte Versuch sein, mich zu einem Halbwegs brauchbaren Menschen zu machen. Am bett Begriff Kabettenschule webte damals noch eme Art von bürgerlicher Scheu, als ginge es da um irgendeine staatlich betriebene Korrektionsanstalt oder eine heimische Fremdenlegion, worm sich alles zusammenfand, was ansonsten für das reinliche Gefüge des Staates nicht mehr taugte. Das stimmte jedoch Nicht, es befanden sich viele strebsame, tüchtige Jungens in den zehn ober zwölf 3niontottef«betten- schulen bet österreichisch-ungarischen Monarchie, sie entstammten meist den ärmeren Mittelstanbskreisen, ba das lächerlich geringe Schulgeld für jedermann erschwinglich wat, und überdies genossen ye, zum Anter- schiBe von den Akademikern, den Vorteil, nach vier Schul;ahren bereits, wenn auch nur als armselig entlohnte Kadettlein einem Regimente zugeteilt und damit ihrer heißerfehnten „Freiheit" bergeben zu sein. Ändernseits ivat es aber nicht zit leugnen, daß manchev, was sich in den Gymnasien ober Realschulen als unfähig erwies, m den Kabetten- schuken sich schlecht oder recht durchzubeißen wußte unb es schließlich zum Offizier brachte. Rückten bann die jungen Hochschüler unb Doktoren als Einjährig-Freiwillige zum Regimente ein, so wat bet einstige unbrauchbare Kamerad nunmehr ihr Vorgesetzter, zuweilen sogar ihr Schicksalsbestimmer geworben, was nicht wenig zu bet etwas mißlichen Betrachtimg beitrug, die ben aktiven Offizieren von festen akabemisch Gebildeter aus dem Zivilstand zuteil wurde. Mein Eintritt in die Kabettenschule begann mst etwas Merkwürdigem, man wies mir nämlich klipp und klar nach, baß ich bisher ausi er Welt überhaupt nicht vorhauben gewesen sei. Ich wurde bet bet Verlesung plötzlich unter bem Namen Karl Ginzkey aufgerufen, woraus ich geflissentlich erklärte, baß ich voir meiner Geburt, bas heißt vom Sage meinet Taufe an, bie Ehre gehabt habe, Franz zu heißen, unb baß auch alle meine Zeugnisse und amtlichen Dokumente aus diesen gefälligen Namen lauteten. Wie seltsam wurde mir aber zumute, als der Schreiber mir lächelnd den Taufschein vorwies — da stand es schwarz auf wesst ich hieß wahrhaftig an erster Stelle Karl und nicht >Vranz. Ls han- velte sich jedenfalls um eine irrtümliche Eintragung m das Taufregister und niemand, auch mein Vater nicht, hatte den Taufschein jemals nahet besichtigt. Daraus folgte mm aber, wenn man es polizeilich genau nehmen wollte, daß alle meine bisherigen Lebensdokumente so gut Wie ungültig waren und ich derart vom Himmel gefallen dastand in meiner amtlich nicht zu beweisenden Vorexistenz. Der Vorsicht halber unb wohl auch zur pietätvollen Ermnermig an meine nunmehr nur noch im guten Glauben vorhandene franziszeyche Periode führe ich von da ab bis hetste beide Vornamen vor dem Familiennamen, womit der etwas ungeziemend breite ^autn ein fitt allemal entschuldigt fei, den ich in bet Nomenklatur bet Sterblichen einnehme. Ginge es nach meiner Wahl, so hatte ich wahrhaftig «n einer einzigen Silbe genug, etwa wie der brave Chinese Ct ober Lu, doch ist die Sache nun einmal nicht zu ändern. . Meine Wiedergeburt schützte mich im übrigen keineswegs vor der Frage, wie es beim mit meinen Kenntnissen beschaffen fei, ich hatte gleich ben anbeten bie übliche Aufnahmsprüfung abzulegen. Anb da ereignete sich etwas durchaus Angewöhnkches, unb da ich es mm erzählen will, überfällt mich leise Besorgnis, es mögeckamst em nwrtwürbigeS Licht auf meinen Charakter geworfen werben. Ich tröffe mich aber mit bem Bewußtsein, baß es seit jeher zur Eigenschaft aller künstlerisch sick Bestrebenben gehörte, allem Tatsächlichen noch ein Endchenan sensationeller Betrachtung zuzulegen, bamit bas liebliche Spiel zwischen Wissen unb «Staunen vor sich gehe, bas man Freude an bet Kunst nennt. Ich hatte nämlich seit meiner Ausschließung aus bet Marmeaka- bemie an gut ein halbes Jahr auf bie Aufnahme in bie Kabettenschule zu warten und daher auch Zeit genug gehabt, mich auf die Aufnahms- vrüfung in ben dritten Jahrgang vorzubereiten. Da meinem jugendlich ungebärdigen Geiste jedoch das vorgeschriebene Studium tm normalen Geleise zu wenig anregfam erschien, verfiel ich auf ben etwas anrüchigen Gebauten, zu dieser über jener Frage noch eine kleine Sensation, einen Nebenmnstand, eine Besonderheit hinzuzulernen, die ich deii vielen gelehrten Büchern meines Vaters entnahm unb womit ich meinen erstaunten Prüfern entsprechenden Eindruck zu machen hoffte. Das war gewiß nicht schön von mir, doch nach bem früher Gesagten immerhin begreiflich. And es wäre nun Sache des strafenden Schicksals gewesen, mein schnödes Spiel zu hintertreiben unb mich mit allen mir zukommenben Fragen auf bem trockenen sitzen zu lassen. Es geschah jedoch gerade das Gegenteil, ich hatte unbändiges Glück, Frage für Trage mürbe für mich ein Treffer, immer wieder zog ich ftohlockend ein neues Sensattön- chen, eine neue Erstaunlichkeit aus dem Wundersack meines Wissens hervor unb präsentierte sie mit bem Triumph eines Zauberkünstlers bet immer verblüffter breinschauenden Prüfungskommission, die aus etwa einem Dutzend älterer unb jüngerer Jnfanterieoffiziere bestand. Man sagte mir später, der Eindruck, den meine Kenntnisse hervorgerufen hätten, sei ein geradezu bedrückender, gleichgewichtsstörenbet gewesen, und die Note „vorzüglich", bie ich aus ben meisten Gegenständen erhielt, sei mir nicht ohne Verlegenheit wie ein armes Geschenk überreicht worben, mit bem schmerzlichen Bedauern, nichts Würdigeres zur Versügimg zu haben. Nur mein späterer Klassenoffizier, ein Heller unbestechlicher Kopf, mochte mich irgendwie ahnungsvoll durchschaut haben, denn erpflegte später zuweilen 'mit malitiösem Lächeln zu sagen: Mein lieber Zögling Ginzkey, Sie find zwar ein guter, ja ein sehr guter Schiller geworden, aber was Sie bei ihrer Aufnahmeprüfung versprachen, das haben Sie nicht im entferntesten gehalten. wird. In dieser Bucht liegt ein besonders geschützter Winkel, den die Wal- fischfänger Port Rendezvous (Stelldicheinhafen) nannten. Jetzt geht er unter dem Namen der Tagusbucht. Es ist ein kleiner, enger Lasen, mit tiefem Wasser fast bis unmittelbar an den Fnß der hohen schwarzen Klippen, die ihn umsäumen. Seltsamerweise war die erste Niederlassung irgendwelcher Art auf den Galapagosinseln ein Postamt, obwohl es keine Einwohner gab. Es war ein sehr einfacher Bau. Er bestand aus einem Fass, das an einen Baun, gebunden war, und lag an einer Ankerstelle der Insel Charles, die noch heute den Namen Postamtsbucht trägt. Lier ließen die Walfischsänger, die um das Kap Lorn gefahren waren, auf Reisen, die vielleicht zwei, drei oder sogar fünf Jahre dauerten, Briefe für ihre Angehörigen zurück, und hier hielten die heimfahrenden Schiffe, um die Post an Bord zu nehmen, die sie dort vorfanden. Es war ein ganz nnanttlicher, völlig freiwilliger Dienst. Die Vorräte an frischem Fleisch, die die Inseln lieferten, waren für die Walfischfahrer eine wahre Fundgrube; denn sie entdeckten, dass die Riesenschildkröten monatelang ohne Futter und Wasser leben konnten und erstaunlich wenig Fleisch verloren. Auf ihren endlosen Reisen waren die Seefahrer ständig vom Scharbock bedroht, und die Schildkröte war in jenen Tagen etwa das, was heute ein Kühlraum bedeutet, da es kein anderes Tier gab, das sie lebend mitführen konnten, um immer frisches Fleisch für die Monate zu haben, wo sie nie Land sichteten. Die meisten Walfischfänger legten ganz regelmässig auf diesen Inseln an, und jedes Schiff nahm so viele Schildkröten mit, wie im Schiffsraum verstaut werden konnten, wo sie in der ihnen eigenen Art ohne scheinbares Unbehagen weiterlebten. Es liegen Berichte von Schiffen vor, die fünf- und sechshundert Tiere auf einmal mitnahmen und so eine Speisekammer hatten, die man nach Lerzenslust plündern konnte. Kein Wunder, daß 1923 die Expedition unserer „Noma" nur noch eine einsame Schildkröte vorfand, die nach allem, was man dagegen anführen mag, vielleicht die Lehre eines grossen Geschlechts gewesen ist. Die Geschichte des ersten Bewohners der Galapagosinseln ist der Erzählung wert. Wir entnehmen sieKapitänPorters „Journalof aCruise": ,.. .aus der Ostseite der Inffl (Charles) findet sich eine andere Landungsstelle, die er Pats Landungsstelle nennt. Dieser Ort wird wahr- scheinlich einen Iren namens Patrick Watkins unsterblich machen, der vor einigen Jahren ein englisches Schiff verließ und aus der Insel seinen Wohnsitz aufschlug. Er baute sich eine dürftige Lütte, etwa anderthalb Kilometer von der nach ihm benannten Landungsstelle. Sie lag in einem Tale, das etwa 80 Ar bestellbaren Bodens enthielt und vielleicht der ein zige Ort auf der Insel war, der zu diesem Zweck genügend Feuchtigkeit bietet. Lier gelang es ihm, Kartoffeln und Kürbisse in großen Mengen zu ziehen, die er im allgemeinen gegen Rum aus tauschte oder bar verkaufte. Die. äussere Erscheinung dieses Mannes warnachdein, wasmanmirvonihm erzählt hat, so schrecklich, wie man es sich nur denken kann; er hatte zerlumpte Kleider an, die kaum genügten, seine Blösse zu bedecken, und starrte vor !ln- gezieser; seine roten Laare und sein Bart waren wirr, seine Laut völlig verbrannt, weil er sie beständig der Sonne ausgesetzt hatte, und er erschien so wild und furchtbar in seinem Benehmen und Aussehen, dass er jeden mit Grausen erfüllte. Verschiedene Jahre lebte diese Elende allein an diesem öden Ort, scheinbar ohne jeden Wunsch als den, sich Rum in genügender Menge zu verschaffen, um dauernd betrtrnken zu sein; dann sand man ihn wohl nach einer inehrtägigen. Abwesenheit von seiner Lütte in einem Zustand völliger Bewusstlosigkeit, sich auf den Steinen der Berge muherwäl- zend. Er war offenbar aus die niedrigste Stuse gesunken, auf die ein Mensch nur sinken kann, und schien außer den Schildkröten und andern Tieren der Insel nur das eine zu begehren, sich ztt betrinken. Aber so elend und erbärmlich dieser Mann auch erschien, er toar nicht ganz ohne Streben und auch nicht unfähig, ein Unternehmen zt> planen, welches das Lerz jeden andern Menschen entsetzt hätte. Er besaß auch das Geschick, andere ztt bewegen, seine Mühsal zu teilen. irgendeine Weise kam er in den Besitz einer alten Muskete, sowie von ein paar Ladungen Pulver und Kugeln; der Besitz dieser Waffe reizte wahrscheinlich zuerst seinen Ehrgeiz. Er ftihlte sich als mächtiger Lerrscher der Insel und war begierig, feine Macht an dem ersten menschlichen Wese" zu erprobe», das ihm in den Weg lief. Dies war zufälltzz ein Neger, der auf ein Boot aufpassen sollte, das zu einem ainerikanischen Schiffe gehörte, welches hier angelaufen war, um frische Nahrungsmittel aufzunehmen. Patrick kam zum Strande, wo das Boot lag, mit seiner Muskete bewaffnet, die nunmehr feine beständige Begleiteritt geworden war, wies den Neger in gebieterifchem Ton an, ihm zu folgen, und als er sich weigerte, drückte er seine Muskete zweimal auf ihn ab. Glücklicherweise versagte sie. Der Neger indessen bekam es mit der Attgst und folgte ihm. Patrick hingnun seine Muskete über die Schulter, marschierte voran ttnd teilte dem Neger auf seinem Wege den Berg hinauf frohlockend mit, er hätte künftig für ihn zu arbeiten und sei fein Sklave; ob er gut oder schlecht behandelt werde, hänge ganz von seiner weiteren Führung ab. Als sie ztt einer engen Schlucht kanten und der Neger sah, daß Patrick nicht auf der Lut war, nutzte er den Augenblick, packte ihn, warf ihn zu Boden, fesselte ihm die Arme auf den Rücken, nahm ihn auf die Schulter und schleppte ihtt zu seinem Boot, und als die Mannschaft ankant, wurde er an Bord des Schiffes gebracht. Ein ettgiisches Schmugglerschiff lag gerade im Lasen, und der Kapitän diesesSchiffes verurteilte Patrick, anB ord beider Schiffe gehörig ausgepeitscht zu werden. Dies geschah auch, und spater wurde er von den Engländern mit Landschellen cm§ Ufer gebracht. Sie zwangen ihn, die Stelle zu zeigen, wo er die paar Dollar versteckt hatte. Welche er sich aus dem Verkauf seiner Kartoffeln und Kürbisse hatte sparen können. Sie nahmen sie ihm weg. Aber während fte mit der Zerstörung seiner Lütte und feines Gartens beschäftigt waren, entfloh der Unglückliche und verbarg sich zwischen den Felsen im Innern der Insel, bts das Schiff fortgesegelt war. Dann erst wagte er sich aus seinem Versteck heraus und befteite sich von den Landschellen mittels einer alten Fette, die er in einen Baum trieb. Jetzt sann er eine grausame Rache aus, lief; aber von seinen Absichten nichts merken. Die Schiffe legten weiter dort an, und Patrick belieferte sie. Wie gewöhnlicb, mit Gemüsen; aber von Zeit zu Zeit gelang es ihm, dadurch daß er einigen Leuten der Schiffsbesatzung ein paar kräftige Schluck seines geliebten Branntweins verabfolgte, sie so betrunken zu machen, daß sie ganz bewusslos wurden; dann versteckte er sie, bis das Schiff abgefegett war. Wenn die Leute sich dann ganz auf ihn angewiesen sahen, traten sie gern in seinen Dienst und wurden seine Sklaven, er aber wurde der gewaltherrlichste Leuteschinder. Auf diese. Weise hatte er die Zahl der Inselbewohner auf fünf erhöht, sich selbst eingerechnet, und er tat alles, um für sie Waffen zu bekommen, aber ohne Erfolg. Wahrscheinlich hatte er vor, irgendein Schiff zu über- fallen, die Besatzung niederzumetzeln und das Schiff wegzunehmen. Während Patrick seine' Pläne schmiedete, legten zwei Schiffe an, ein amerikanisches und ein englisches, und baten Patrick um Gemüse. Er versprach ihnen reichlich davon,wennsteihreBootezuseinemLandungsplatz senden und ihre Leute schicken wollten, sie aus seinem Garten zu holen; seine Kerls seien nämlich in der letzten Zeit so faul geworden, dass er sie nicht mehr zur Arbeit zwingen könne. Man ging aus seinen Vorschlag ein; zwei Boote wurden von jedem Schiff abgesandt und auf den Strand gezogen. Die Leute von der Schiffsbesatzung gingen alle zu Patricks Behausung, aber weder er noch einer von seinen Leuten war zu finden. Nachdem sie gewartet hatten, bis ihre Geduld erschöpft war, kehrten sie an den Strand zurück, wo sie nur die Trümmer dreier ihrer Boote sanden, die in Stücke geschlagen waren. Das vierte fehlte. Es gelang ihnen indessen unter großen Schwierigkeiten, um die Insel herum zu der Bucht zu kommen, die ihren Schiffen gegenüber lag. Andere Boote wurden ausgeschickt, sie zu holen; aber die Führer der Schiffe, die noch irgendeinen andern Streich fürchteten, beschlossen, der Sicherheit halber von der Insel zu fliehen, und ließen so Patrick und seine Bande ruhig im Besitz des Boots. Liber ehe sie abfuhren, steckten sie einen Vries in ein Fass, der die Angelegenheit meldete, und machten es in der Bucht fest. Lier fand es Kapitän Randatt, freilich erst, nachdem er sein Boot an Patricks Landungsplatz abgeschickt hatte, um frisches Gemüse zu holen. Wie man sich denken kann, war er in ziemlicher Sorge, bis das Boot zurückkehrte und ihm einen Brief brachte, den Patrick von man in seiner Lütte gesunden hatte und der folgendermaßen lautete: „Sehr geehrter Lerr, ich habe wiederholt Schiffskapitäne gebeten, mir ein Boot zu verkaufen oder mich von diesem Ort fortzuschaffen; aber in jedem. Falle wurde meine Bitte abgeschlagen. Es bot sich mit die Gelegenheit, ein Boot zu bekommen, und ich nutzte sie. Ich habe mich lange durch harte Arbeit und viel Mühsal bemüht, mir etwas z« sparen, um es mir später behaglich zu machen, aber verschiedene Male hat man mich beraubt und misshandelt; so züchtigte mich noch kürzlicb der Kapitän Paddock und raubte mir etwa fünfhundert Dollar, in bar und andern Gegenständen. Solches Benehmen verträgt sich weder mit den Grundsätzen^ zu denen er sich bekennt*), noch sollte man so etwas nach seinem glatten Rock erwarten. _ Am 29. März 1809 segle ich von der Vernnmschenen Insel im Black Prince zu den Marquesas. Töten Sie nicht die alte Lenne; sie gluckt jetzt und bekommt bald Küken. gez. Fatherless Oberlus. Patrick kam allein in seinem offenen Boot in Guayaguil an. Die übrigen, die mit ihm segelten, waren bei dem Wassermangel verdurstet, ober, wie man allgemein ännahm, von ihm umgebracht worden, als er sand dass das Wasser ausging. Von dort zog er nach Payta, wo er die Zuneigung einer braunen Maid gewann. Er redete seiner Liebsten so zu, daß sie schliesslich ehiwtlligtc, ihn zurück zu seiner verwunschenen Insel zu begleiten, deren Schönheiten er ihr zweifellos in glühenden Farben ausmalte. Aber bei seinem wüsten Aussehen galt er bei der Polizei als verdächtiger Mensch, und als man ihn unter dem Kiel eines kleinen Schiffes fand, das vom Stapel gelassen werden sollte, vermutete man, dass er böse Absichten hegte, und steckte ihn in das Gefängnis in Payta, in dem er noch ist. Diesen Amstand ist es wahrscheinlich zuzu schreib en, daß die Insel Charles sowie die übrigen Galapagosinseln noch viele Jahre unbewohnt bleiben werden. .. . Wenn Patrick aus der Last entlassen würde und mit seiner Liebsten zu dem verwunschenen Ort führe, dann möchte eS wohl geschehen, daß, wenn er und die Galapagosinseln längst vergessen sind, ein künftiger Seefahrer die Welt durch eine Neuentdeckung der Insel überrascht, und er wird dann von den seltsamen Bewohnern erzählen, die er wahrscheinlich auf ihnen antrifft. Bei dem Ahnherrn, von dem sie abstammen, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass sie einen Charakterzug zeigen werben, der den Eingeborenen aller Inselti im Stillen Ozean gemeinsam ist, nämlich «ine Neigung, sich das Eigentum anderer anzueignen. Dieser Umstand mag künftige Forscher dazu sichren, ihren Xlrfprtmg mit dem aller übrigen zu vermengen." Das Domkind. Copyright bei Führer-Verlag, M.-GIadbach. Van Nikolaus Schwarzkopf. (Fortsetzung.) Familie Strohschnitter stand um den Alten, ihm diese Pracht zu zeigen, als Jci sie ein Familienstück, das man nur selten aus der Truhe hervorholt! Der Alte freute sich und streichelte Paulus fortgesetzt über die blonden Locken, die lang bis auf die schmalen Schultern niederhingen, als liebe er Paulus sehr. „Tipppengucker!" sagte plötzlich der Türmer, und die Tiirmerm nahm ihr Kind von den Männern weg mit hinein in die Stube. „Tippengucker, was für schreckliche Dinge erzählt ihr alten Männer meinem Sohn?" „Wissen Sie das auch schon wieder, Herr Türmer? — Der Joseph hat Angst vor dem Teufel!" antwortete der Alte verschmitzt lächelnd, jedoch der Türmer sah ihn fest an und sprach: „Angst hin, Angst her: auch Sie haben schon Spuk und Dreck dem Kind aufgehalst: das dürfen Sie nicht, Tippen- guckeri Sonst können wir nicht lang Freunde bleiben, verstanden?" Da ging der Gloriaengel betrübt schlafen, und bas Kind sagte ihm nicht einmal „Gute Nacht!" *) Kapitän Paddock war Quäker. glnbeni Trigs machte er sich auf dem Speicher zu schaffen, spaltete Holz und trug es in die Küche, brachte einen altsilbernen Weihwafserkessek und stellte ihn neben sein Bett auf den Stein. Brachte einen messingenen Heiligenschein, den er einem verstaubten Heiligen angenommen, und hing ihn an den gedrechselten Knopf seiner Bettlade! So schmückte er sein Stübchen, und das Kind durfte ihm dabei helfen, und schließlich lief es auch wieder mit ihm auf den Speicher und verblieb ganze Stunden bei ihm. Was aber nun geschah, ergötzt« das Kind und jagte dem Alten großen Schrecken ein: der Domhahn sollte herabgenommen und neu vergoldet werden! Les Alten erster Gedanke war: sie wollen dich ärgern, sie wollen dir «inen Schabernack spielen, sie wollen dich mit Gewalt aus dein Dom vertreiben! Doch verbarg er seine Aufregung und krähte sogar dem kleinen Paulus, so oft dieser es wünscht«; so wenig fürchtete er sich vor dem Turmhahn! Doch als am andern Morgen zwei Dachdecker in der Türmerei erschienen Wich Tippengucker sich weg, ging in den Dom hinunter, ruckt« an den Leuchtern der Altäre, brach an den Kerzen Wachsllumpen ab, zupfte Tücher zurecht und schlüpfte schließlich durch die Raume des Gehilfen Hämmerlein, als fei er beauftragt, irgend etwas zu suchen! Und setzte sich neben einen alten gipsernen Petrus, der seinen Himmelsschlüflel gerade aus dem Gürtel lvskordelt, auf di« zerbrochene Brüstung einer Kanzel, die noch von einer über und über verstaubten Trikolore aus dem Jahre 1793 drapiert war. Di« Dachdecker aber stießen uon innen eine Stange durch die obersten Schiefer des Turmes, dann noch eine Stange mit den Ketten und Rollen eine« Flalchenzuges, und das Domkind stand im Rundgang und sah von außen zu. Und mit dem Glockenschlag zehn erhob sich der Hahn mit jähem Ruck aus seiner Turmspitze, schwebte ein paar Augenblicke und gleitete nun wie abgeschossen an den, Standbaum nieder auf den jähen First und rutschte über eine Leiter herab zu den Füßen des Domkindes. Der Vater Strohschnitter erfaßte ihn. stellte ihn aufrecht, und siehe: die starken Messingzacken seines Kammes ragten über des Kindes Scheitel empor, so sehr sich dies auch strecken mochte! Kräftig war der Bursch! Der Vater setzte Paulus drauf, und es war dem Hahn ein leichtes, das Kind zu tragen! Paulus hielt sich mit beiden Händchen am Halse fest und hatte doch ein bißchen Angst in den Augen liegen! Der Domdekan kam sogar; er klopfte dem Hahn wider die Schenkel und sprach: „Schad, daß sie von Messing sind, Herr Strohschnitter, das gäb ein gutes Frühstück'" Der Techniker kratzte ein Teilck)en an einem Flügel sauber, und unter der grau verwitterten Schicht leuchtete sauberes Gold. Dann schraubt« er am Hals mit einem feinen Meißel ein Türchen auf, reichte über den ganzen Kropf hin, und der Domdekan hieß das Kind, mit feinem Händchen hineinzugreifen in die HM«. Das Kind zwängte sein Händchen hinein und zog ein Röllchen Papier heraus, darauf stand allerhand geschrieben, was die Männer entziffern konnten, und dann holte es ein Fläschchen heraus, das war mit Wein gefüllt ans dem Jahre 1809. „Da hätten wir auch einen guten Tropfen zum Frühstück!" scherzte der Türmer. Der Dekan aber nahm di« beiden offenbar wichtigen Dinge an sich und verbarg sie in einer Ledertasche, die er sorgsam verschloß. Nun packte der jüngere Dachdecker den Hahn auf die Schulter, deutete hinunter in die Gassen, wo viele Menschen stehen blieben und heraufglotzten, und ging. Das Domkind aber durfte an der Seit« des Dachdeckers durch die Menschen hindurch schreiten bis zur Werkstatt des Vergolders in der Welschnonnengaffe. 11. Als der kleine Paulus wieder hineintrat in den Dom, stand der Gloriaengel an der Tür und nahm ihn an der Hand und sagt«: er wolle ihm einen andern Weg zeigen in die Türmerei. Das Kind ging ohne weiteres mit. Sie schlüpften mühsam _ über Schotter und Gerümpel und kamen nach einer Viertelstunde auf den Speicher. Liefen über die schwanken Bretter und lachten laut und krochen hinaus ans große Loch, das, einen Meter im Durchmesser und mehr, auch unten vom Hauptschiff aus sichtbar ist. Da sahen di« beiden den Domschweizer schreiten, der Messingknopf seines Stabes glitzerte, war aber kaum größer als ein Stecknadelkopf, und man hörte nicht, wie er die Spitze auf die Steinplatten stieß. Kinder faßen dicht gedrängt beisammen in den vorderen Bankreihen, und ein Geistlicher, der nicht zu erkennen war, stand vor den Bänken und katechesiert«. Wie in einer Pappdeckelschachtel hockten die Kinder da beisammen, Reihe hinter Reihe. Niedlich, wie vom Zuckerbäcker gemacht, hob sich der Hochaltar zwischen den Glockenseilen. „Guck," sagte der Gloriaengel, „mein Nachfolger trägt das Löschhorn in der linken Hand!" Cr steckte sein Pfeifchen an und ließ es wieder erkalten und schob es in die Rocktasche: vielleicht weil er den Weihrauch nicht zerstören wollte! Er ließ das Streichholz hinunterfallen in den Dom; es wirbelt« etlichemal um sich herum und ward unsichtbar in der Tiefe. „Ich sehe den ßaurentiusattar", sprach bas Domkind. „Wo? Zeig mir’s, komm, deut mir hin: wo ist der ßaurentiusatter?" Der Küster legte den Arm um bas Kind und schob es ganz dicht an das Geländer. Dann aus einmal, nachdem er den Altar auch entdeckt hatte, zog er das Kind fester an sich und sprach: „Ich wollte dich schon lange etwas frage», Paulus Nikolaus: warum hast du mich «igentllch verraten?" Das Kind hebt den Kopf, will sich frei machen aus der Umarmung, und sagt« dem alten Mann in den Bart hinein: „Verraten, Großvater? Ich hab Euch doch nicht verraten!" „Doch!" kreischt jetzt der Alte und zittert, „doch, doch! Verraten, Scheu- fall hast du mich! Vertrieben hast du mich aus meinem Dienst." Und packt das Kind mit beiden Armen und umklammert es fest. Es schreit auf, es krallt sich an den Eisenstengen des Geländers, es sieht ihm Ui die wirren Augen, spürt, wie er mit den Füßen sich Halt verschafft, spürt, wie er ihm den schreienden Mund verdecken möchte, und schreit um so mehr, strampelt mit den Beinen gegen des Alten Leib, beißt chm in die Nase und läßt Zähn« und Hände nicht mehr los. Er knurrt in langen Stößen, schnaubt, speit aus dem Mund. „Wenn er mich holt, soll er dich als Trinkgeld haben!" kreischt er. Doch plötzlich wankt sein Fuß, gleitet zurück, findet erst weit Hinte« wieder Halt auf der abschüssigen Mauerwand. Das Kind reißt ein Bein in die Lücke und stößt dem Alten mit furchtbar aufgezerrter Kraft auf den Brustkasten, daß er zu taumeln beginnt und nach einem weitern Tritt hinabsinkt aufs Knie und hinkollert. Mit ein paar heftigen Zuckungen hat sich das Kind freigemacht aus der Umklammerung und läuft nun über die Wölbung schräg herab aus die Borde und nach der Ausgangstür und beginnt erst dort wieder mit entsetzlicher Stimme zu kreischen, so daß alsobald oben die Tür der Türmer«i sich öffnet und Vater und Mutter erlösend antworten. Das Kind fliegt in ihre Arm« und kann nichts sagen, deutet zurück in den Speicher und strebt fort in die Türmerei. Es wischt sich voller Abscheu Üderm Mund, zappelt in den Armen des Vaters, strebt nach der Mutter, und endlich, wie die Mutter eine Stufe emporsteigt, deutet das Kind wieder auf den Speicher und sagt: „Der Großvater wollte mich durchs Loch werfen!" Der Vater schiebt Mutter und Kind hinter die Tür der Wohnung, schließt ab und eilt auf den Speicher. Alles ist still; am Luftloch sieht er etliche Tropfen Blut auf dem von vielen Besuchern blank getretenen Gestein, sonst entdeckt er nichts, ruft den Alten, bekommt keine Antwort und kehrt in die Türmerei zurück. Sein Kind sitzt im Bett, die Mutter hat es gewaschen und trocknet es gerade ab. Sie zeigt dem Türmer Schrammen an der linken Seite und am linken Oberschenkel, die stammen von den Fingern des Alten. Der Vater geht wieder und schließt ab; eilt hinunter, alles, was im Dom lebt, aufzuscheuchen: den Narren zu suchen, auf daß nicht ein noch größeres Unglück geschehe! Man suchte vom Turmgebälk bis zu den Krypten, aber man sand ihn nicht. Die ganze Nacht gingen Wachmannschaften durch alle Räume des Domes, besonders in Speicher und Gebälk, denn der Alt« hatte Streichhölzer im Sack, aber es regte sich nirgends etwas. Das Kind wollte nicht in feinem Bettck)en bleiben, spielte ein Weilchen auf seinem Schaukelpferd, das ihm der Vater zurechtgezimmert und der König Saul bemalt hatte, bann kam der König Saul und machte Seifenblasen, da konnte