Eichener ZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zahrgangmr^^^^^ Dienstag, den 7. Juni Nummerns Der Abend. Bon Josef Freiherr« von Eichendorfs. Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen Was dem Herzen kaum bewußt. Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust. Durch das heimliche und unheimliche Deutschland. VI. Ein Abend in Stein am Rhein. Von Manfred Hausmann. Das Schiff, von Schaffhausen kommend, macht am Rheinkai fest, der Fremde geht gemächlich an Land. Er trägt einen grauen Reisehut, einen modischen Schlips, einen hellen Mantel, die Garderobe eines Mannes von einiger Welt. Aber allem und jedem an ihm, auch seinen Augen und den Bewegungen seiner Hände, haftet etwas Unruhiges an, eine heimliche Abenteuerlichkeit. Und die Leute, die am Kai herumstehen und ihn unverhohlen betrachten, merken ganz wohl, daß er kein Handlungs- reisender oder dergleichen, daß er überhaupt kein richtiger Biedermann ist. Er macht sich nichts daraus, sondern winkt im Vorübergehen einen Hausdiener heran und weist ihm sein weniges Gepäck. Nach etlichen Schritten hält er inne, zieht die Lust ein und blickt umher. Ja, er ist wieder einmal wo angekommen. Und der Abend senkt sich allmählich ins Rheintal. In den kleinen Städten waltet eine behutsame Ewigkeit. Was der Fremde hier vor hundert Jahren trieb, treibt er auch heute noch. Mag er auch den ganzen Atlantischen Ozean gesehen haben, das Gebirg in seiner bleichen Herrlichkeit, Paris, Berlin, Moskau ... in der kleinen Stadt muß er alles wieder vergessen. Sei still, fremder Mann, in.; hast einen grauen Hut mitgebracht, du präsentierst dich in einem hellen Mantel, ach ja, es hilft Nr alles nichts. Du bist in Stein am Rhein, wo nun die Kastanien blühen, und der weiß« Flieder übers Gemäuer hängt. Der Abend duftet nun, der Strom zieht dunkel unter der roten Brücke hin. Und am Schloßberg schimmern die Weingärten rosa hinauf bis zum Walde, tind über dem Walde, über aller Welt steht das feste Haus Hohenklingen mit seinem viereckigen Turm und wacht. Fühlst du nickst, fremder Mann, daß man hier manches beiseite lassen, daß man nichts als lächeln und träumen muß, fremder, törichter Monn? Doch, der Fremde fühlt wohl so etwas. Jedenfalls tritt er lächelnd in ein Gasthaus und speist erst einmal zu Abend. Gedämpfte Felchen, frische Kartoffeln und ein Viertel Steiner Roten. Das kostet vier Fränkli und vierzig Rappen. Und die es ihm bringt, die bas Geld geschwind einstreicht, ist ein schwarzhaariges, rotbackiges Maidli. Der Fremde findet, daß hier gut sein ist. Er sitzt im Fensterwinkel und träumt vor sich hin ... Nach einer Stunde schlendert er durch das verdämmerte Städtchen. Soweit es angeht, besieht er die bunten Fachwerkhäuser, die Schnitzereien, die Erker und Giebel. Er bleibt auch eine Weile in der Nähe des vierfach plätschernden Brunnens stehen und hört dem Gelächter der Mägde zu, die da ihre Eimer langsam voll Wasser laufen lassen. Und kaum daß er fünfzig Schritte weiter gekommen ist, muß er schon wieder verhalten und auf das zarte Andante achtgeben, das des Herrn Schulmeisters Töchterlein in der dunklen Stube aus dem Pianoforte aufschweben läßt. Ach Gott, wie hilflos die Melodie doch ist, wie bescheiden sich ein Ton an den anderen reiht, ein rührender Gesang! Aber nun will der Fremde weiter. Er geht an dem alten Kloster vorbei, dessen erleuchteter Hof wie ein Bühnenbild aus dem düsteren Rahmen des gotischen Torbogens hevausscheint, vorbei auch an den neugierigen Müttern, die aus den Fenstern auf die Gasse hinausgucken und den schlanken, jungen Menschen da unten gleich in ihre seltsamen Berechnungen hineinziehen, vorbei an diesem und jenem und schließlich durchs turmgekrönte Stadttor ins Freie. Da draußen vagen mächtige Linden auf, eine winzige Kapelle steht dazwischen, es steht so aus, als ob da seitwärts der Friedhof wäre, man kann's nicht richtig erkennen. Dann kommen lauter Gärten mit Lusthäusern und hängendem Goldregen, und dann geht's die schmale Wein- bergstisge hinauf. Und di« Grillen singen immerzu, zuweilen rührt sich klar und süß die Amsel. Es ist fast Nacht geworden. Di« Weinbevgsiiege mündet bei einem Brunnen auf den Schloßweg. -™le der Fremde noch ein wenig höher hinaufgedrunaen ist, findet er iw eine Bank auf halber Hohe und setzt sich. Unten im Tal richt das Städt- Gen mit seinen wenigen Lichtern, -Ser Rhein kommt aus der Ferne und strömt wieder still m die Fern« hinein. Das düstere Ufer spiegelt sich in der blassen Flut, ein Licht, noch ein Licht, zitternd. Aber der Himmel ist noch nicht völlig verfinstert, die Sterne schimmern nur schwach. In einem der Gärten am Strom spielt temand Ziehharmonika, es klingt so deuttich herauf. Dann und wann fällt eme schöne Männerstimme trällernd ein. Und wenn die Musik schweigt, hört man den Fluß rauschen und einen Wagen die Landstraße hin- knarren. Nun steigt auch das matte Licht des Dreiviertelmondes herauf. Die Nacht ist warm. Und di« Grillen fingen immerzu. Der Fremde fitzt da und blickt über das alles hin und sinnt. Er denkt, warum er so ruhelos in den Ländern Herumschweifen muh, und ob di« nicht glücklicher sind als er, di« Bürgersleute da unten, der Herr Zolleinnehmer und seine Zolleinnehmersgattin, der Metzger, der Schuster und der Wirt zum „Grünen Hahn". Sie wohnen jahraus jahrein an demselben Fleck dieser Welt, an einem gar so wundervollen Fleck. Sie haben ihre kleinen Sorgen, ihre kleinen Freuden, sie haben di« Stille, den Frieden, die Heimat sie haben auch Weib und Kind und alles miteinander. Und was hat er? Nichts. Er hat die Unruhe, er hat dies wehe und wirre Gefühl in der Brust. Ach ja. Und der Fremde sicht die dunstigen Sterne an, er kennt die Sternbilder, den großen Bären, den Polarstern, er denkt nach Norden und denkt an das unsäglich geliebte Menschenkind da oben im Norden, da oben am Meer von dem er sich gerissen hat. und um der Fremde willen, einzig um der Fremde, um der Weite, um der blinden Sehnsucht willen. „Irmgard", sagt er. Und noch einmal „Irmgard", so ruhig. Mit einem Male weiß er, daß ihm dieser Abend, das Städtchen, bat versunkene Tal nur deshalb so hold erscheint, weil er morgen wieder weiterwandern muß. Kein Mensch liebt ja so inbrünstig, wie der, dem es bestimmt ist, niemanden und nichts besitzen zu dürfen. Es webt ein Geheimnis um das schnell Vergängliche. Nur der Wanderer, der nichts behalten kann, spürt die letzte und schmerzlichste Schönheit alles dessen, der Menschen, der Mädchen und Landschaften, alles dessen, an dem er vorbeistreift Und der Fremde senkt das Gesicht in seine Hände und sinnt ergriffen vor sich hin. Ein ganz leiser Wind erhebt sich und weht durch die Bäume. Dann ist es wieder still .. . Wie vor hundert Jahren. Auch damals ging der Fluh dunkel durchs Tal, glitzerten Lichter, erklang Musik, auch damals sang jemand gedämpft an solch einem Abend in feinem Garten, auch damals gab es jenen Fremden, der verlangend durch di« Welt streifte und manchmal dasaß und traurig war, auch damals fiel in einer ruhigen Nacht unversehens ein kleiner Wind ins warme Laub der Linden, und verlor sich wieder. Bor hundert Jahren oder so . . . Geschloffenes Abenteuer. Von Walter Petry. Ein Privatgelehrter, Dr. Carlo Solei, auf dem Gebiete der mytho- logischen Symbolforschung ein angesehener Gelehrter, übrigens ein stiller, zufrieden hinlebender Mann, hatte einen Traum. Er war wie immer von der Bibliothek (er lebte in Brindisi) um acht Uhr abends nach Hause gekommen, hatte, wie er es seit Jahren gewohnt war, sein Essen sich selbst bereitet, später noch Notizen durchgesehen, war dann plötzlich müde ge- worden und, ohne dieser plötzlichen Schwere der Glieder, der Benommen- heit des Kopfes irgendeine Bedeutung beizumessen, schlafen gegangen. Er mochte etwa drei Stunden geschlafen haben, als er emporschreckte, mit einem Ruck im Bett aufsaß und, im Kreisen des Schweigens um ihn, noch deutlich eine Stimme zu hören meinte, die eine Zahl sprach. Eine Zahl, nichts weiter. Er horcht« noch eine Weile, die Hände vom vorgebeugten Körper seitwärts auf die Bettkanten gelegt, merkte dann, wie Müdigkeit ihn wieder ergriff, nahm, sich schwer zur Seite wendend und schon wieder halb schlafend, ein Blatt von den liegengebliebenen Notizen und einen Bleistift und kritzelte, ohne hinzusehen, etwas hin, ein paar Zeichen, flüchtig und ihm irgendwie abgenötigt — dann sank er in die warme Höhlung der Kissen zurück und schlief sofort wieder ein. Am andern Morgen, nachdem er aufgestanden war, gefrühstückt hatte und die Papiere für die Arbeit des Tages ordnete, überraschte es ihn, auf einem der Blätter, schräg und schwer über den anderen Text geschrieben, eine Zahl zu finden. Eine Zahl, nichts weiter. Eine vierstellige, ihm unbekannte Ziffer, 3468, auf die er, das Blatt in der ausgestreckten Hand haltend, lange niedersah. Dann war es,ihm, als hätte er in der Nacht schwer geträumt, und nun sich mühsam besinnend, fiel ihm ein, wie er im Traum sich selbst gAehen hatte, als alten Mann über einen antiken Sarkophag gebeugt, vMeicht um ein Symbol zu deuten. Auf dem Steindeckel des Grabes, sonst ganz ohne Ornament, waren nur, genau in der Mitte, ein paar Ziffern eingegraben, eben die des Zettels, wie es ihm schien, und wie er noch ihrer Bedeutung nachdachte, begann der spiegelnd schwarze Stein plötzlich zu glühen, durchscheinend zu werden, und jetzt, in der sich öffnenden Tiefe des Sarges, ungeheurer Reichtum glänzend und golden zu schimmern. — Der Gelehrte ging weiter seiner Arbeit nach, zur Bibliothek, mittags »u einem kleinen, in der Nähe gelegenen Restaurant, abends mit einem längst zur Gewohnheit gewordenen Umweg durch die schöne Strada degli Erimiti nach Hause. In dieser Straße war seit langem ein Lotterieladen, den er nie beachtet hatte, in dessen Schaufenster hingen, nebeneinander geklebt, Lose und Plakate des nächsten Ziehungstermins. Hier blieb unser Mann einmal stehen, sah die Lose an, las die Gewinnsumme, die in riesigen Ziffern über die Plakate marschierten, und war plötzlich im Laden, ohne selbst zu wissen, wie. Er kaufte zwei Löse, deren Wahl er dem Verkäufer, einem älteren kleinen Mann überlieh. Am andern Tag wählte er abends den näheren Weg nach^Hause; sucht, kaum in seinem Zimmer, unter seinen Notizbüchern ein noch unbeschriebenes hervor und beginnt auf der ersten Seite mit dem Datum des Kauftages Äe Nummern der beiden Lose einzutragen. Der nächste Tag findet ihn merkwürdig zerstreut. Nach dem Mittagessen beschließt er, in die innere Stadt zu fahren, zum Corso Lionardo, wo er msfteigt und inmitten der langsam flanierenden Spaziergänger dem altzm Theater zugeht. Bor ihm her geht ein Mann, ein großer, etwas gebückt schreitender Mensch, sonderbar nachlässig angezogen, mit einem Spazierstock in der rechten Hand, einem dünnen grünen Rohr, den er zu lebhaften Figuren schwingt. Ein sonderbares Interesse läßt ihn den Fremden beobachten; der biegt plötzlich, nicht ohne sich nach ihm umzusehen, in eine Nebenstraße, die menschenleer daliegt, und in die hinein er dem Fremden folgt. Kaum hat er hier einige Schritte getan, als der andere vor einem leinen Laden stehen bleibt und, die Hand auf der Klinke, auffordernd zu ihm zurücksieht. Dolci kommt langsam näher; der Mann ist im Laden verschwunden; es ist ein Lotteriegeschäft, in das nun der Gelehrte ebenfalls eintritt. Hier findet er den sonderbaren Spaziergänger hinter dem Ladentisch, anscheinend als Besitzer des Ladens, und auf ihn, beide Hände flach auf den Tisch gestützt, bereits wartend. Ohne daß er etwas zu äußern brauchte, schlägt der Mann ein Buch auf, eine Liste mit aufgereihten Zahlenreihen, die er dem Käufer (denn nichts anderes kann Dolci hier fein) vorlegt. Mit ein paar Strichen bezeichnet der so Aufgeforderte die gewählten Nummern. Der andere blickt auf die angestrichenen Ziffern, sieht dann zweifelnd wieder den Gelehrten an und fragt endlich, ob er wirklisch die so flüchtig und ohne Ueberlegung ausgewählten Lose wünsche. __ „Was hilft hier Ueberlegung," antwortet Carlo Dolci, über diese Frage etwas verwundert, „hier, in einem Lotterieladen, einem Bureau des unbestechlichen Zufalls, hört wohl alle Ueberlegung auf." „Wollen Sie den nicht gewinnen?" fragte der Besitzer eindringlich zurück. „Doch," gibt der Gelehrte lächelnd zurück, „ich kam eigentlich her mit der Hoffnung, das große Los zu ziehen, doch was kann ich, sagen Sie selbst, dazu tun?" Hier sieht er den Verkäufer langsam und bedauernd den Kopf schütteln, noch einmal die Zahlen prüfen und dann die betreffenden Lose aus einem geordneten Pack heraussuchen. Zu Hause trägt Dolci in seinem Büchelchen die Nummern ein; will dann noch arbeiten, muß aber erkennen, daß es ihm dazu an Kraft und Ruhe fehlt. Er geht bald schlasen. — Diese Gänge in den Lotterieladen häufen sich; kaum vergeht ein Tag, wo er nicht in das kleine Geschäft eintritt, darin der sonderbare Besitzer auf ihn schon immer zu warten scheint, und ein paar Loose kauft, die er jetzt gar nicht mehr bezeichnet, sondern, trotz dessen sichtbarem Widerstreben, vom Besitzer sich einfach zureichen läßt. Das Benehmen dieses Mannes wird sichtlich immer trauriger und verstörter. Und auch Dolci, aus ihm selbst unerklärlichen Ursachen, verbringt den ganzen Tag arbeitsunlustig und in Unruhe, um abends stundenlang die Eintragungen in seinem Notizbüchelchen zu betrachten. Allmählich haben die untereinander geschriebenen Zahlen eine Menge Seiten gefüllt; es wird nötig fein, die Lose, die er bisher in ein Schubfach seines Schreibtisches getan hat, zu ordnen und zu bündeln. — Eines Tages denkt er an den weit zurückliegenden Traum jener Nacht, denkt an die Ziffer, die ihm sofort wieder einfällt, 3468, und hat einen Gedanken, den er gleich als abergläubisch und beinahe verrückt fallen läßt. Doch wie er sich ihn gänzlich zu vergessen, auch müht, in einer tieferen Schicht feines Bewußtseins liegt diese beunruhigende Idee fest eingebettet und ist nicht mehr vollständig zu bannen. — Auf der Bibliothek haben Kollegen dem plötzlichen Ausbleiben Dolcis nachgeforscht; einmal, kommt ein befreundeter Gelehrter zu ihm ins Haus und ist erschrocken, den ruhigen, bisher ganz feiner Arbeit lebenden Mann verändert und in seltsamer Apathie auf dem Ruhebett seines ungeordneten Zimmers liegend zu finden, von wo er auch zur Begrüßung sich nicht erhebt und alle Fragen nach seinem Befinden, nach seiner Arbeit ausweichend und verwirrt beantwortet. Die befragte Hüterin des Hauses sagt ihm, daß Dr. Dolci schon seit längerer Zeit nur noch abends ausginge, kaum eine Stunde fortbleibe und im übrigen auch ihr durch fein krankes, wirres Aussehen schon Schrecken gemacht habe. Dieser Mann, dem Dolci wirklich zugetan war, glaubt die Erkrankung des Gelehrten seinen Angehörigen, deren Aufenthalt er weiß, nicht verheimlichen zu dürfen, und -benachrichtigt den Bruder, der, seit langem ohne jede Nachricht, auf den beunruhigenden Brief sofort nach Brindisi kommt. Er findet Carlo Dolci an seinem Schreibtisch, anscheinend schlafend, die Stirn auf ein ausgeschlagenes Notizbuch gelegt. Er muß erkennen, daß der Gelehrte, verfolgt von einem merkwürdigen Wahn, geisteskrank geworden ist, nur noch von einer Zahl erzählt, die ihm im Traume erschienen sei, und von der er wisse, daß sie das große Los bedeute. Er habe aber, um sich nicht selbst den Beweis feiner Verrücktheit zu geben, -diesen Wahn bisher bekämpft; habe allerdings feit langem Lase gekauft, die er, ordentlich eingetragen, in sauberen Packen gebündelt, in seinem Schreibtisch verwahre. Nach Gewinnen habe er nie geforscht, wisse auch genau, daß der Hauptgewinn nicht darunter fein könne. Das alles n-achzuprüfen nahm sich der Bruder keine Zeit; dem Arzt des Sanatoriums, in das er Dolci brachte, gab er Bericht und fuhr dann wieder in seine Stadt zurück. — Der Kranke war ruhig, hatte sich nur sein Notizbuch ausgebeten, in dem er lange las, und gab im übrigen auf alle Fragen nach feinem Befinden zur Antwort, daß es ihm an nichts fehle. Eines Tages aber wurde der Chefarzt gebeten, zu ihm zu kommen, er müsse etwas ganz Wichtiges mit ihm besprechen. Jetzt eröffnete er nun mit sichtlicher Ungeduld dem Arzt, es müsse sogleich zu jenem Händler in der und der Straße geschickt werden und in seinem Auftrag — man solle ihn ungefähr -beschreiben — ein Los gefordert werden, das die Nummer 3468 trage. Denn inzwischen, erklärte der Kranke, sei ihm immer klarer geworden, daß nur sein Widerstand gegen -die Eingebung ihn verrückt gemacht habe, -und -in dem Augenblick, wo er dem Wink des Traumes gehorsam folge, -das ihm bezeichnete Los verlange, müsse alles Sonderbare, als zu feinem Schluß gekommen, weichen, und er wieder gesund werden. Der Arzt hatte, die Bitte des Kranken zu erfüllen, einige Bedenken und ließ einige Tage, ohne etwas anzuordnen, hingchen. In dieser Zeit verschlimmerte sich aber der Zustand Dolcis so offenbar -und schnell, daß er nun doch beschloß, zu tun, was der verwirrte Gelehrte ihm immer wieder, und immer -beschwörender, auf-getragen hatte. In jenem bezeichneten Laden fand sich ein Mann, -der die ganze Erzählung des mit dem Kauf beauftragten Unterarztes gelassen und, wie es schien, mit einiger Befriedigung, hinahm, auf Sie Frage, ob er ein Los mit der Nummer 3468 zu verkaufen habe, es sofort unter dem Ladentisch hervorzog, es dem Arzte in die Hand legte und, nun mit offensichtlicher Freude, hinter dem Ladentisch hervor -zur Tür sprang, sie dem Arzt weit öffnete und, als dieser hinaus war, selbst -den Laden, ohne ihn irgendwie zu sichem, verlieh. Die in kurzem stattfindende Ziehung -brachte für die Nummer Dr. Dolcis den Hauptgewinn. Der Kranke nahm diese ihm vorsichtig mitgeteilte Nachricht ruhig und lächelnd entgegen; bat nur noch einige Tage in der Anstalt bleiben zu dürfen, obgleich mit diesem Augenblick er völlig aufgehört habe, zu den Kranken zu zählen. Die genau beobachtenden Aerzte konnten an dem ganz verwandelten, ruhigen Mann wirklich seit diesem Tage kein Symptom einer geistigen Störung -mehr entdecken; schüttelten über diese merkwürdige, unwissenschaftliche Heilung den Kopf und bescheinigten nach einigen Tagen des Gelehrten wiederhergestellte Gesundheit. Noch am Tage seiner Entlassung suchte Dr. Doci den Lotterieladen in der Nebenstraße des Corso Lionardo auf, sand, was er erwartet hatte, den Laden leer und verschlossen und ging, nachdem er auch von dem sonderbaren Besitzer sonst nichts erfahren konnte, langsam im Menschen- strom der Spaziergänger mittreibend, die schöne bunte Avenue hinunter in der Richtung zu seiner Wohnung. Nietzsches abendländische Sendung. Von Reinhold Lindemann, München. Friedrich Nietzsche — dieser Name ist Anruf und Inbegriff der stärksten geistigen Erschütterung und Krise, die unser abendländischer Kulturkreis im Zeitalter der Technik und der Industrie erlitt. Und wie noch selten der Repräsentant einer geistigen Wende — hat Nietzsche das ganze Unverständnis und die Ungerechtigkeit der Geschichte auf sich nehmen müssen. Modisches Lob, nicht minder schlimm als das Unmaß von Verlästerung und Haß, das dieser Name heraufbeschworen, haben das geistige Bild des Predigers vom Uebermenschen mit den Zügen eines Unmenschen aus« gestattet, ja — hin und wieder — selbst die menschliche Person des Zarathustradichters zur satanischen Fratze entstellt, bei deren Aburteilung nur sein tragisches Ende im Irrsinn als mildernder Umstand mitleidig zugebilligt wird. Der Mann mit dem martialischen Vercing-etorix-Schnurrbart, der gewaltigen, g-emeihelt-strengen Stirn-wölbung und jenen Augen, deren tief liegende Glut die buschigen Brauen drohend verdecken — dies herrische Bildnis, so wie es Max Klingers überstilisierte Bronzebüste gibt, tritt unwillkürlich den Meisten vor die Seele, die sich, auf Grund einer mehr oder weniger oberflächlichen Kenntnis der Werke Nietzsches, auch eine gewisse Vorstellung von seiner menschkichen Persönlichkeit zu machen suchen. Aber es sollte unerläßliche Vorbedingung für jedes tiefere Verständnis Nietzsches, vor allem aber ein Akt der selbstverständlichsten Gerechtigkeit fein, zuerst einmal — noch vor jeder Beschäftigung nnt seinem geistigen Wesen — das allgemein beliebte Bild vom M e n s chen Nietzsche auf seine Berechtigung hin zu prüfen und womöglich von einer Reihe höchst unzugehöriger Züge zu befreien. Wer Nietzsches Briefwechsel mit Mutter und Schwester kennt, oder die Briefe an den Jugendfreund Erwin Rohde, an Peter Gast, den Musikerfreund der Spätzeit oder auch an seinen „getreuen Eckhart" Franz Overbeck — der wird vergeblich nach irgendwelchen herrischen oder gar satanischen Zügen in Nietzsches Wesen suchen. Eine ungemein liebenswürdige unb liebebedürftige Persönlichkeit tritt uns vielmehr entgegen, deren zarte Rücksichtnahme und vornehme Zurückhaltung recht wenig zu der steilen Geste paßt, mit -der Nietzsche seine Werke herb und herrisch hinzusetzcn pflegt. Einstimmig rühmen alle Freunde seine lautere, gütige, immer hilfsbereite Gesinnung. „Nietzsche war unglaubwürdig gut, er war ein verkappter Heiliger" — schreibt einmal Erwin Rohde, der and) den besonderen Zauber bezeugt, der von der Person des geliebten Jugendfreundes, den er zuletzt doch in die mörderische Einsamkeit verstieß, seltsam ergreifend ausging: „Ich kann -das Gefühl nicht ausdrücken, mit dem ich stets den Adel seiner Natur auf mich wirken fühle und eine ganz besondere Poesie, die in seiner Atmosphäre liegt. — Soviel Mut, Klarheit und Feinheit, ein so freier und reiner Blick in die Welt, aber aus einer solchen Ferne von allem irdisch Derben und Trivialen: immer, wenn ich mit ihm zusammen bin, werde ich für eine Zeitlang in einen höheren Rang erhoben, wie als ob ich geistig geadelt würde." Es ift dies dasselbe unvergleichliche Gefühl, das der junge Heinrich von Stein rauschhaft erlebt hat, der nach drei Tagen des Zusammenseins mit Nietzsche sich Mi Es hieße Nietzsches steile Gestalt, ihre harten Ecken und Kanten ängstlich abschleisen und liebenswürdig »erstachen, wollte man neben dem faszinierenden Menschen und dem hymnischen Dichter nicht auch das ehen, was die dritte ausschlaggebende Komponente seines Wesens ausmacht, nämlich: den wortgewaltigen Prediger. Und in die Predigersphäre — Nietzsches Größe wie seine Grenze bezeichnend — gehört denn auch alles das, was als drohende Gefahr, als schreckhaft umstürzlerische Dmnonie an seiner Persönlichkeit vor allem gewirkt hat. Nur hat man meist überhört, daß aus dem, was als eigentliche Nietzschsgefahr gilt, den gottverneinenden Predigerworten — nicht so sehr die johanneische Borläuferstimme einer neuen Lehre redet, als vielmehr ein erbarmungsloses Zeitgericht, das äußerst zugespitzte Urteil über eine Zeit, der auch wir noch vielfach angehören. — War Nietzsche Antichrist? Za, aber er hat selbst das Christentum ,chas beste Stück idealen Lebens genannt, welches er kennengelernt habe" — „ich bin nie im Herzen gegen dasselbe gemein gewesen", heißt es noch 1881 — und hat vor allem gegen das flach und bescheiden gewordene Christentum einer Zeit gekämpft, die keine christliche Stärke der Seele, keinen großen Glanbensheroismus mehr — War Nietzsche Atheist? Ja, aber neben der extrem-blasphe- Formel „Gott ist tot" sicht jenes ungeheuerliche Gleichnis vom "rollen Menschen", der am Hellen Vormittag eine Laterne anziindet, aus den Markt läuft und unaufhörlich schreit: ,Sch suche Goft! Ich suche Gotti — Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Goft glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Aber der tolle durch einen „Sturmwind der Freiheit wi« umgewandelt fühlte, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben ist und Flügel bekommt? Neben den sympathischen Zügen reiner Menschlichkeit und einem hohen, menschenverwandelnden, pädagogischen Ethos — ist es «in Drittes gewesen, das die eigentümliche Faszination der menschlichen Persönlichkeit Nietzsches ausgemacht hat, nämlich jenes „immer mit einem Füße jenseits des Lebens Stehen", von dem er selbst noch ganz zuletzt im „Ecce homo“ als seinem tiefsten Wesensmerkmal spricht. Als etwas „völlig Unheimliches, eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit" hat Erwin Rohde diesen Wesenszug im späteren Nietzsche empfunden: „als hätte er ich über den Dunstkreis, in dem wir alle Herumwanken und Luft chnappen, emporgeschwungen, und die Erde mit ihrem Dunstmantel leiste unter ihm — als käme er aus einem Lande, wo sonst niemand wohnt". Aber was Rohde hier — feem Freunde der Jugend schon inner« lichst entfremdet — mit dem Schauder des gesicherten Bürgers als das unheimliche Etwas einer sich tragisch vollendenden Seele schreckhaft erkennt — diese seltsam zeitlose Atmosphäre hat Nietzsches ganzes Wesen von Jugend an geheimnisvoll umgeben. Aussagen seiner Schulkameraden und seiner Freunde bekunden dies übereinsttmmend. Und hält man unter den Schülern Umfrage, denen Nietzsche während seiner Baseler Lehrzeit am Gymnasium griechischen Unterricht gab, „so scheinen sie einig" — wie selbst der skeptische Bernvulli zugibt — „in der scheuen Empfindung, sie hätten da nicht so sehr einem Berufspädagogen zu Füßen geseflen, als etwa einem leibhaftigen Ephorus aus Alt-Griechenland, der Mit einem Sprung über Zeit und Sitten hinweg mitten unter sie trat, um ihnen von Homer, Sophokles, Platon und ihren Göttern zu erzählen. Als berichte er aus eigener Anschauung von ganz selbstverständlichen mrd noch vollauf zu Recht bestehenden Dingen — so wirkte Nietzsche auf sie." Solch vollkommen priesterliche Wirkung weist nun schon über die naturgegebenen Grenzen seines zeiüich bedingten Ich, über die bloß faszinierende Persönlichkeit hinaus, auf jene „Welt hoher und zarter Mnge" hin, die — wie er selbst bekannt hat — feine innerste Leidenschaft "si entbindet, jene priesterliche Sphäre, in der nicht mehr der Mensch Nietzsche sich persönlich auswirkt, sondern als Dichter einer über« persönlichen Ordnung des Geistigen dient. Welcher Art diese Geistordnung ist, der Nietzsche als Dichter dient, kann nicht mehr zweifelhaft [ein. Es ist das Reich der klassischen Antike, als dessen leibhafter Abgesandter schon der lehrende Nietzsche feinen Schülern erschien. Und damit ist auch die Stufe des Dichterischen bezeichnet, welcher große Hymniker seit Hölderlin, und in der dithyrambischen Hölderlinsphäre wurzelt — wenn auch nicht ausschließlich — die Zarathustradichtung. Denn die blitzhaste Ekstasis jener dreimal zehn Tage, in denen Nietzsche die ersten drei Teile des „Zarachustra" empfing, das verzückte Gefühl: „bloß Jnkarnatton, bloß Mundstück, bloß Medium Übermächtiger Gewalten zu sein", dies: „nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden" — das ist in der opfervollen <Älbst- oufgabe und Hingabe an den göttlichen Rausch durch und durch pindarisch, hölderlinisch, ganz im Sinne des dithyrambischen Dichters, „dem es geziemt, unter Gottes Gewittern zu stehen und den Blitzstrahl des Zeus, den reinen, als Feiergesang in der Seele zu empfangen." — Es machte den besonderen Zauber der Persönlichkeit Hölderlins aus, daß er — wohl auf Grund geheimer Wahlverwandtschaft zwischen Germanen- und Griechentum — den Traum der Antike noch einmal leibhaftig gelebt h«t, als ihr letzter priesterlicher Dichter, in einem wahrhaft jugendlichreinen Sprachlech. Und wenn auch in Trauer über eine entgötterte Welt, fo singt Hölderlin doch reine Begeisterung, selige Gewißheit der „emigen Götter" der Antike. Hier scheidet sich Nietzsche, wie sehr immer in der dichterischen Form einzig Hölderlin vergleichbar, von der hellenischen Gläubigkeit des Empedokles- und Hyperiondichters. Denn fein Zarathustra ist wirklich gottlos, wenn auch gottlos aus heiliger Not: er glaubt -war nicht wie Empedokles an Götter, die da sind, wohl aber an ein Göttliches, das er nach dem Bilde der Antike erst schaffen will. Ist somit Hölderlin noch ganz priesterliches Gefäß seines Götterhimmels, so ist Nietzsche nur noch der leidenschaftliche Predigerruf nach einer neuen Göttlichkeit. Und das gibt Nietzsches ganzer Dichtung im Gegensatz zur „heilig-nüchternen Trunkenheit" des Hölderlin, das großartig Zwiespältige, das schmerzhaft Ungelöste, die rhythmisch scharfe Gespanntheit: sie von neu ersehnten, aber nie geschauten Dingen als einer seligen Gewißheit dithyrambisch fingen und mutz dies Neue zugleich in zersetzender Rede predigend bilden und bannen; sie ist bildender Gesang, gedichtet und verdichtet, sie ist dichterische Schau und in einem aber ebensosehr zersplitterndes Sagen, sie ist mehr geträumt als bildhaft hadernde, heischende Predigt. Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicke». Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben iti# getötet — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!" — „Möws Gottes" — mit dieser grausigen Formel ist der innerste Kern von Nietzsches Atheismus bloßgelegt: er ist nicht etwa Grundergebnis rein metaphysischer Spekulationen wie bei Schopenhauer, keine Gottesleugnung aus letzter philosophischer Konsequenz, keine lehrhafte Leitidee auch eines neuen Propheten, sondern richtende Feststellung, anklagende Aussage über den Geist seiner Zeit, die entgöltet« Atmosphäre der Modernität, in der Nietzsche atmen mußte — und schließlich ek- stickte. Wie jener Ruf: Der große Pan ist tot! zu Zeiten des Tiberius durch die sterbende alte Welt gehallt sein soll, so hallt jetzt sein Ruf: Gött ist tot! schauerlich durch die „ungeheure, überall empfundene Leere her Moderne", das entseelte Zeitalter der Technik und der Industrie — und bezeichnet auch für ihn das Ende einer ganzen Welt. Denn Nietzsche, der als frommes und gläubiges Kind im Theismus aufwuchs, weiß mit unheimlicher Gewißheit um das, was aus dem Atheismus, dem fortschreitenden Niedergang des christlichen Weltbildes für Europa kommt, notwendig kommen muß. „Was taten wir" — fragt fröstelnd fein „toller Mensch" in der vollen Erkenntnis feiner fürchterlichen Mordtat — „was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort Nacht und mehr Nacht?" — Was Spengler, im deutlichen Anschluß an Nietzsche, nur als das Gefühl der herbstlichen Überreife, als organische Begleiterscheinung einer sterbenden Kultur versteht, die ganze Fülle von Verarmung, Vereisung, Zersplitterung unsres modernen Lebens, dies immer zunehmende nihilistische WÄtgefuhl, das Europa drohend überschattet — diesen „Untergang des Abendlandes" Hai Nietzsche, aus tieferer Einsicht heraus, als die notwendige Folge der modernen Entgottung von Natur und Leben schon lange vor Spengler unheimlich klar vorausgesagt. Nietzsche, der in sich selbst den „Mörder Gottes" wie in jedem Kinde seiner Zeit eMickte, der sich — als der „ekstatische Nihilist", der er ist, — nur zu gut an allem Kommenden mitschuldig wußte — Nietzsche ist damit der erste Philosoph und Prophet jenes drohenden gesamteuropäisch«: Nihilismus, der kommt, kommen muh, wenn die moderne Weltentgoftung weiterfchreitet. Und diese ganze ungeheure .Logik von Schrecken, diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, diese nihilistische Verdüsterung und Sonnenfinsternis", die ihre kalten Schatten über Europa schon oor- auswirft — all das als Erster vorausgeschen, oerausgesagt, ja mehr noch: im eigenen Innern schmerzhaft vorauserlebt, stellvertretend vorausgelitten und schließlich noch — als der Geopferte und der sich wMg Opfernde in Einem — mit seinem tragischen Schicksalsende mythisch groß besiegelt zu haben: darin, wenn irgendwo, liegt die strenge Sttm- haftigkeit, die mahnende Borbildlichkeit seiner Gestalt, darin bestcht Nietzsches große abendländische Sendung. Der Tempel des Lebens. Eine Milofophenschule im dunkelsten Tibet. Von Harry v. H a f f e r b e r g. Fast bei allen Völkern des Ostens hat sich der Glaube an eine tief im Innern Asiens, in feen Bergen verborgenen „Tempel des Lebens" erhallen, in dessen Einsamkeit die Bettler-Philosophen aller Rasse« und Glaubensbekenntnisie Zuflucht suchen, um hier, still und verborgen, das ewige Rätsel des Seins zu ergründen. . . Roch keinem Gelehrten oder Reisenden war es jedoch bisher gelungen, diesen geheimnisvollen Tempel ausfindig zu machen, ja nicht einmal feine ungefähre Lage zu erfahren, so daß die meisten Forscher das Märchen vom „Tempel des Lebens" entweder für ein Märchen hielten oder glaubten seine Existenz in längst vergangene Zeiten verlegen zu müssen. Nun aber ist es einem im Fernen Osten bekannten mongolischen Forscher, Historiker und Archäolimen, dem Chinesen Dr. Lja Zsin, gelungen, unanfechtbare Beweise dafür zu erbringen, daß der „Tempel des Lebens" tatsächlich existiert; er heft ihn selbst besucht. Die CinzÄheiten darüber durften bas größte Interesse der Mitwelt beanspruchen. Die „Shanghai Times" gibt folgende Schilderung seiner Erlebnisse wieder: Die Klöster im inneren Tibet sind reich an Geld und Land, sie beziehen ihr Einkommen aus dem Verkauf von medizinischen Kräutern und Gesundbeten, von Landverpachtungen und Leihgeschäften mit den Städtern. Der Einfluß und die Vorzugsstellung der Mönche ist ganz außerordentlich, denn feie Tibetaner sind eines der religiösesten Völker der Erde und begegnen dem Geistlichen mit größter Ehrfurcht. Die Erziehung der Söhne reicher Familien liegt ebenfalls in Händen der Priester. Diese Erziehung ist indessen meist recht oberfläiWch, denn sie besteht nur im Aussagen unendlich langer Gebete oder des unvermeid- lichea „Ommani-padme-hum", des „Schlüssels zu hohen Verdiensten"; bas letztere ist eine Art von religiösem Mrakadabra, durch dessen be= ständige Wiederholung Tibetaner wie Mongolen sich irdisches Glück, Wohlergehen nach feem Tode usw. zu sichern überzeugt sind. TaAfendmal am Tage wird es von den Gläubigen, oft mä Hufe von Rosenkränzen, aufgesagt. Auch die mechanische Wiederholung gilt für verdienstlich, daher die Erfindung von feen „Gebetsrüdern : auf viele Meter lange Papierstreifen geschrieben, wird bas „Om-mam“ in solchen Gebetsmühken niedergelegt, die meist mit der Hand gebrsht, zuweilen aber auch durch Wasserkraft getrieben werden. Seftiamer noch ist, daß die heiligen Worte auf Tausende von F Durch wellenartige, mit Schutt überzogene Höhenzüg« bahnte er sich , l'ciwn Weg, durch Lehm- und Kiessteppen, welche mit Zwiebelgewächsen, I dickwurzeligen Rhabarberarten, stacheligen Agriophyllum, Gobicum, Kobresia Tibetica und anderen seltenen Herbarien bedeckt waren, führte lein Weg. Schließlich — erzählt Dr. Lsa Zsin — erreichten wir ein mit Schnee '-edecktes, hoch über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau. Von hier hielten wir Ausschau, und wie groß war unser Erstaunen, als wir Nützlich jenseits des Plateaus ein Tal unter uns bemerkten, das, durch Warme und Fruchtbarkeit ausgezeichnet, einen seltsamen Kontrast zu dem mit Schnee bedeckten unfruchtbaren Berg blldete, auf dem wir itanden ... In dieser Ebene bemerkten wir zahlreiche Steingebäude, deren Baustil unsere Verwunderung erregte. Auf der einen Seite der Ebene gewahrten wir eine Anzahl hochragender Gebäude, von maje- ■tätischer Schönheit, die, wie wir nachher erfuhren, in ihrer Mitte den .Tempel des Lebens" bargen . . . Der Ursprung dieser Gebäude und des aus schwarzem Basalt und grauem Granit aufgeführten „Tempel des Lebens" verliert sich im Alter- ium. Es ist kaum möglich, feftzustellen, wer sie erbaut hat, und in welchem Zeitalter diese erfolat ist. Tatsache ist jedenfalls, daß sie älter als die „Große chinesische Mauer", älter als das Grabmal des Bao-Zfy, älter als die ältesten Pagoden Indiens, älter sogar als die ägyptischen Pyramiden sind. Den Grund, daß vom Dasein dieses tibetanischen Tempels s in die zivilisierte Welt bis jetzt noch keine Kunde gedrungen war, sieht Dr. Lja Zsin erstens in der völlig abgeschlossenen Lage des Tempels, in < einem kalten, unwegsamen Lande, weit entfernt van jeder menschlichen ; Behausung, andererseits aber in der Tatsache, daß alle Mönche, die sich ; im Laufe der Zeiten freiwillig in die Einsamkeit dieses Tempels verbannten, gleichzeitig absolutes Schweigen gelobten, denn nur aus diese Weise glaubten sie sich gänzlich von der Außenwelt abschließen zu können. So kam es — erzählt Dr. Lja Zsin —, daß die Existenz des „Tempels des Lebens", der jahrhundertelang der Zufluchtsort großer Geister und Propheten geroefen ist, bis zu heutiger Zeit der Welt ein völliges Geheimnis blieb. Diejenigen Reisenden, die den Tempel zufällig entdeckten, blieben entweder für den Rest ihres Lebens dort, oder starben auf dem ■ Rückwege in die „zivilisierte Welt" vor Hunger und Entbehrungen, wah- s rend die wenigen Menschen, denen es gelang, lebend zurückzukehren, i unzweifelhaft geschworen haben, nichts von dem zu verraten, was sie im Tempel gesehen oder gehört hatten. Dr. Lja Zsin wäre es vielleicht nicht geglückt, den sagenhasten Tempel aufzufinden, wenn ihn nicht ein Pilger aus Neapel, den er unterwegs getroffen und dem er das Leben gerettet hatte, zum Dank für diese Tat in die beschriebene Eben« geführt hätte. Zum „Tempel des Lebens" führt eine glatte, gut gepflasterte Straße. Auf dieser Straße — berichtet Dr. Lja Zsin — gelangten wir in das Dal, das vermöge seiner seltsamen klimatischen Verhältnisse inmitten von Frösten und Schneestürmen, die zehn und mehr Monate in diesem rauhen Lande herrschen, vollkommen bewohnbar ist. Als mir schließlich der Eintritt in den Tempel gestattet wurde, gelang es mir, die Hieroglyphen zu entzifsern, die in den Mauern jener düsteren Hallen eingegraben sind, in deren Inneres noch nie der Lärm der Außenwelt gedrungen ist. Zu den frühesten Bewohnern -des Tempels müssen augenscheinlich Chaldäer, Inder und Chinesen gehört haben. In dem Maße jedoch, wie im Laufe der Zeiten Gerüchte über den „Tempel -des Lebens" nach allen Weltteilen der Erdkugel drangen, müssen sich auch die Mystiker anderer Rassen und Religionen allmählich im Tempel eingefunden haben. Zur Zeit der Anwesenheit des Dr. Lja Zsin im Tempel befanden sich dort ca. 200 Mönche, die sich als „Mystiker" bezeichneten. Unter ihnen be- merkte Lja Zsin Bertreter von 20 verschiedenen Nationen und Glaubenslehren. In der Mehrzahl waren es Tibetaner, Stober und Chinesen. Es gab dort aber auch einige Perser, einige Russen und gar je einen Deutschen und Amerikaner, doch keine anderen Europäer.' Der Tempel und das ihn umgebende Dörfchen sind ausschließlich von Männern bewohnt, noch nie war einer Frau der Zutritt zum Tempel gestattet worden. Die Männer, die im Tempel ihre Zuflucht suchen, um sich hier ihren philo- sophisck)en Studien hinzugeben, müssen einen Eid ablegen, ihren Angehörigen und Freunden der Außenwelt nie mehr ein Lebenszeichen von sich zu geben und nie mehr mit der Außenwelt irgendwie in Berührung zu treten. Zwischen Tempel und Außenwelt gibt es keinen Verkehr. Die Ebene ist von der äußeren Welt abgeschlossen, ja vollkommen losgelöst, sie ist eine Welt für sich, wo es nichts gibt, was dte Denker von ihren Bestrebungen, die Probleme des Daseins zu ergründen, ablenken könnte. . In einem der Heiligtümer des Tempels gelang es mir, eine seiner merkwürdigsten Reliquien in Augenschein zu nehmen: dte Mumie eines dort vor 350 Jahren verstorbenen Weisen, gekleidet in tibetanische Nationaltracht, saß in einem Sessel, mehr einem Schlafenden, als einem vor Jahrhunderten Verstorbenen ähnlich. Vor ihm auf dem Tisch lag ein unvollendetes Manuskript, an dem er zu Lebzeiten gearbeitet hatte. Der Körper war, obwohl gelb und ausgetrocknet, außerordentlich gut erhalten. Die mystische Atmosphäre des Tempels hatte bereits eine Anzahl Legen- ben um den Körper dieses toten Weisen gesponnen. Unter anderem versicherte man mir, daß seit seinem Tode sein Körper sich mehrmals bewegt hätte und einmal auf drei Tage sogar gänzlich verschwunden wäre. Einst — so lautet eine weitere Legende —, als die Wach« den Raum betrat, in dem dte Mumie ruhte, fanden sie das Manuskript zu End« geführt auf dem Tische liegen. Der Schluß desselben war eine Mitteilung, welche eine Prophezeiung über die nächsten Deltereignisse enchielt. Die Bevölkerung des Dates ist vom übrigen Tibet völlig unabhängig. Die Kleidung, die sie trägt, und die Nahrung, die sie zu sich nimmt, sind Früchte eigener Arbeit. Fleischspeisen gibt es dort nicht, der Speisezettel besteht ausschließlich aus Honig, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst. Auch die Einrichtung des Geldes ist hier unbekannt. Die heiligsten Schätze des Tempels sind'die Manuskripte, dte die Bibliothek des Tempels süllen, und eine große Anzahl Karten und Instrumente, zum Studium der Astronomie, Astrologie und anderer Wissenschaften. Wie Dr. Lja Zsin ferner ergründete, verdankt das herrliche Tal sein« Wärme und Fruchtbarkeit den dort im Ueberfluß vorhandenen warmen Quellen, infolge derer die Temperatur im Tal um vieles wärmer ist, als die der es umgebenden Wüste. Der Boden des Tales ist außerordentlich fruchtbar und imstande, eine größere Bevölkerung zu ernähren. Wie Dr. Lja Zsin berichtet, durfte er im Tal drei Monate verweilen. Als er sich bereit machte, seine Rückreise anzutreten, wurde ihm erklärt, er dürfe in der „anderen Welt" über alles reden, was er im Tempel gesehen und gehört- habe, doch unter der Bedingung, daß er über die Theorien des Okkultismus, um deren Ausarbeitung die Weilen im „Tempel des Lebens" bemüht seien, nichts berichten dürfe . . . Vom Meichgewichisfrnn der Pflanzen. Von Priv.-Doz. Dr. Robert Petonie, Berlin. Wir Menschen haben fünf Sinne. Dies ist jedenfalls die althergebrachte Meinung. Ab und zu kommt es jedoch vor, wir hätten einen sechsten Sinn. Diejenige, die im Ernst oder Scherz allen oder mandyen Menschen einen sechsten Sinn zusprechen wollen, ziehen zu diesem Zweck meist Eigenschaften heran, die den Titel eines sechsten Sinnes langst nicht in dem Maße verdienen, wie mancher von den wenig bekannten -Linnen, die dem Menschen tatsächlich noch eigen sind, und die juy bloß nicht jo großer Augenfälligkeit erfreuen wie unsere fünf berühmtesten Sinne. Einer dieser wenigen bekannten Sinne ist der Gleichgewichtssinn, ^ as Organ dieses Sinnes hat seinen Sitz im inneren Ohr. Wenn wir dieses Organ nicht hätten, dann würden wir wohl nicht befähigt sein, aufrecht zu stehen, wir würden die unwillkürlichen Schwankungen unjeres Körpers nicht auszugleichen vermögen, ja, wahrscheinlich würden wir mcht einmal wissen, was oben und was unten ist. Die wichtigsten Bestandteile dieses Gleichgewichtsapparates sind einige kleine «teiiichen, dl« man früher als man ihre Funktion noch nicht kannte, als Gehorsteinchen zu bezeichnen pflegte. Da diese kleinen Steinchen sich in einem Raum be- finden, in dem sie frei beweglich sind, begeben sie sich, immer der Sa)wer- kraft folgend, an die unterste Stelle dieses Raumes, und da dessen Wan- dungen außerordentlich empfindlich sind, so kommt uns die jeweilige Lage unseres Körpers durch die Lage der Steinchen aufs genaueste zum Bewußtsein. . . . . , Gerade die Betrachtung des Gleichgewichtsstnnes ist nun jo besonders reizvoll, well er sich als ein Sinn erweist, der bei den allerverjchiedeiiften Lebewesen in ausfällig ähnlicher Form vorhanden ist. Suchen wir zum Beislpiel bei der Pflanze nach Augen, so werden wir an das was wir bei uns Augen nennen, nur ganz ferne Anklänge sinden. — Wie könnte aber ein Gleichgewichtsorgan anders beschaffen sein als das unsere? Es ijt ia alles Mögliche denkbar, aber wohin wir auch unsere Phantasie lenken mögen, es fallen uns immer nur Apparate ein, die der praktischen Ein- fachheit unseres eigenen Gteichgewichtsorgans entbehren. Wenn aber sie Tiere einen Gleichgewichtssinn nötig haben, dann ist cs recht rraheuegend, bei der Pflanze auch einen zu vermuten. Eine Wurzel wachst doch zum Beispiel genau senkrecht in den Boden und weicht von ihrer Bahn nur bann ab,' wenn besondere Hindernisse sie beiseite drängen. Em Stenge wächst gerade in die Höhe und kann nur durch ständigen Wind ober durch Lichtmangel abgelenkt werden. Unbedingt drängt uns bas jui bet Frage: Hat denn die Pflanze einen Gleichgewichtssmn nicht ebenso nobg wie wir selbst? In der Tat, wenn man so sieht, wie die Pftenz« sich im Raume verhält, dann möchte man fast meinen, sie „wußte , was obc und was unten ist! Eingehend haben denn auch ine Botaniker das J mere bes Pflanzenkörpers studiert, und wir können heute sagen, nicht nur ve> >ins, sondern auch bei der Pflanze finden sich Slnuesorga^, die wi^ ohne weiteres unserem eigenen Gleichgewichtsapparat an die Gute f fDP®er Apparat.der Pflanze besteht meist aus einer größeren AnzaPwon Zellen, und in jeder dieser Zelten besinden stch Diese Wände der Zellen sind ganz wie bei uns oußmcordentlich empftnb lich, sozusagen mit Nervenfubstanz belegt und so wird es den Wachsenden Teilen der Pflanze sofort zutetegraphiert, wenn ine Swrkekomchcn aus andere Zellwände geraten als auf die die zu unteZt li g j Durch Wachstum in den Gelenken des Wanzenstengeks, das heißt also n den Knoten, biegt sich dann der eventuell aus dem Gleichgewicht gerat Stengel wieder gerade. ___ Verantwortlich i.V.:Or. Fr. W-Lange.— Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch - und Steindruckerei.D.Lange,Gießen