GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1(927 Dienstag, den 6. Dezember Kummer 97 Legende vom KuSruck. Von Dr. Owlglaß. Wo steckt denn der Kuckuck zur Winterszeit, wenn's vom Himmel die silbernen Flocken schneit? Da wohnt er beim heiligen Nikolaus in einem ur-uralten Uhrenhaus. Und zieht die Weihnacht gemach ins Land, dann fährt er heraus und ruft und mahnt: „He, Niklas! He, Christkind! So rüstet den Baum! Die Kinder auf Erden erwarten es kaum!" Und gibt nicht nach, bis der heilige Christ in alle Stuben gekommen ist. Dann aber schlüpft er zurück ins Haus. Schnapp — schließt sich die Tür. Und nun schläft er sich aus. Und schläft, den Kops in die Federn versteckt, bis daß ihn der heilige Nikolaus weckt: „(Buten Morgen, Herr Kuckuck, wohlauf und herfür! Schon wartet der Frühling und steht vor der Tür. Hält die Himmelsschlüsse! wohl in der Hand. Zeig' ihm schleunig den Weg und künd' ihn dem Land!" Der Meine Häwelmann. Von Theodor Storm. Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Häwelmann. Des Nachts schlief er in einem Rollenbett und auch des Nachmittags, wenn er müde war; wenn er aber nicht müde war, so mußte seine Mutter ihn darin in der Stube umherfahren, und davon konnte er nie genug bekommen. Nun lag der kleine Häwelmann eines Nachts in seinem Rollenbett und konnte nicht einjchlqfen; die Mutter aber schlief schon lange neben ihm in ihrem großen Himmelbett. „Mutter", rief der kleine Häwelmann, „ich will fahren!" Und die Mutter langte im Schlaf mit dem Arm aus dem Bett und rollte die kleine Bettstelle hin und her, und wenn ihr der Arm müde werden wollte, so rief der kleine Häwelmann: „Mehr, mehr!" und dann ging das Rollen wieder von vorne an. Endlich aber schlief sie gänzlich ein; und soviel Häwelmann auch schreien mochte, sie hörte es nicht; es war rein vorbei. — — Da dauerte es nicht lange, so sah der Mond in die Fensterscheiben, der gute, alte Mond, und was er da sah, war so possierlich, daß er sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um stch die Augen auszuwischen; so etwas hatte der alte Mond all sein Lebtage nicht gesehen. Da lag der kleine Häwelmann mit offenen Augen in seinem Rollenbett und hielt das eine Beinchen wie einen Mastbaum in die Höhe. Sein kleines Hemd hatte er ausgezogen und hing es wie ein Segel an seiner kleinen Zehe aus; dann nahm er ein Hemdzipfelchen in jede Hand und fing mit beiden Backen an zu blasen. Und allmählich, leise, leise fing es an zu rollen, über den Fußboden, dann die Wand hinauf, dann kopfüber die Decke entlang und bann die andere Wand wieder hinunter. „Mehr mehr!" schrie Häwelmann, als er wieder auf dem Boden war; und dann blies er wieder seine Backen auf, und dann ging es wieder kopfüber und kopsunter. Es war ein großes Gluck für den kleinen Häwelmann, daß es gerade Nacht war und die Erde auf dem Kopf stand; sonst hätte er doch gar zu leicht den Hals brechen können. Als er dreimal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm plötzlich ins Gesicht. „Junge," sagte er, „hast du noch nicht genug?" — „Nein," schrie Häwelmann, „mehr, mehr! Mach mir die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen." — „Das kann ich nicht", sagte der gute Mond; aber er ließ einen langen Strahl durch das Schüsselloch fallen; und darauf fuhr der kleine Häwelmann zum Haufe hinaus. Auf der Straße war es ganz still und einsam. Die hohen Häuser standen im hellen Mondschein und glotzten mit ihren schwarzen Fenstern recht dumm in die Stadt hinaus; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Es rasselte recht, als der kleine Häwelmann in seinem Rollenbette über das Straßenpflaste'' fuhr; und der gute Mond ging immer neben ihm und leuchtete. So ' een sie Straßen aus, Straßen ein; aber die Menschen waren nirge. :>_> zu sehen. Ms sie bei der Kirche vorbeikamen, da krähte auf einmal der große, golden« Hahn auf dem Glockenturme. Sie hielten still. „Was machst du da?" rief der kleine Hän>elmann hinauf. — „Ich krähe zum erstenmal!" rief der goldene Hahn herunter. — „Wo sind denn die Menschen?" rief der kleine Häwelmann hinauf. — „Die schlafen," rief der goldene Hahn herunter, „wenn ich zum drittenmal krähe, dann wacht der erste Mensch auf." — „Das dauert mir zu lange," sagte Häwelmann, „ich will in den Wald fahren, alle Tiere sollen mich fahren sehen!" — „Junge," sagte der gute, alte Mond, „hast du noch nicht genug?" — „Nein," schrie Häwelmann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!" Und damit blies er die Backen auf, und der gute, alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Stadttor hinaus und übers Feld und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte große Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen; mitunter war er ein ganzes ©tüd zurück, aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer wieder ein. Im Walde war es still und einsam; die Tiere waren nicht zu se!)«n; weder die Hirsche noch die Hasen auch nicht die kleinen Mäuse. So fuhren sie immer weiter, durch Tannen- und Buchenwälder, bergauf und bergab. Der gute Mond ging nebenher und leuchtete in alle Büsche; aber die Tiere waren nicht zu sehen; nur eine kleine Katze saß oben in einem Eichbaum und funkelte mit den Augen. Da hielten sie still. „Das ist der kleine Hinze!" sagte Häwelmann, „ich kenne ihn wohl; er will die Sterne nachmachen." Und als sie weiterfuhren, sprang die kleine Katze mit von Saum zu Baurn. „Was machst du da?" rief der kleine Häwelmann hinauf. — „Ich illuminiere!" rief die kleine Katze herunter. — „Wo sind denn die andern Ziere?" rief der kleine Häwelmann hinauf. — „Die schlafen!" rief die kleine Katze herunter und sprang wieder einen Baum weiter; „horch nur, wie sie fchnarchen!" — „So will ich in den Himmel fahren!" rief Häwelmann, „alle Sterne sollen mich fahren sehen!" — „Junge," sagte der gute, alte Mond, „hast du noch nicht genug?" — „Nein," schrie Hä- welmann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!" und dann blies er die Backen auf, und der gute, alte Mond leuchtete; und so fuhren sie zum Walde hinaus und bann über die Heide bis ans Gnbe ber Welt, und bann geräbe in den Himmel hinein. Hier war es luftig; alle Sterne waren wach und hatten die Augen auf und funkelten, daß der ganz« Himmel blitzte. „Platz da!" schrie Häwelmann und fuhr in den hellen Haufen hinein, daß die Sterne links und rechts vor Angst vom Himmel fielen. — „Junge," jagte der gute, alte Mond, „haft du noch nicht genug? — „Nein!" schrie der kleine Häwelmann, „mehr, mehr!" und — hast du nicht gesehen! fuhr er dem allen, guten Mond quer über die Nase, daß er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. „Pfui!" sagte der Mond und nieste dreimal, „alles mit Maßen!" und damit putzte er seine Laterne aus, und alle Sterne machten die Augen zu. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, daß ! man es ordentlich mit Händen greifen konnte. „Leuchte, alter Mond, ; leuchte!" schrie Häwelmann, aber der Mond war nirgends zu jehen und ' auch die Sterne nicht; sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da fürchtete der kleine Häwelmann sich sehr, weil er so allein im Himmel war. Er nahm fein Hemdzipfelchen in die Hände und blies die Backen auf; aber er wußte weder aus noch ein, er fuhr kreuz und quer, hin und her, und niemand sah ihn fahren, weder die Menschen noch die Tiere, noch auch die lieben Sterne. Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsranbe ein rotes, rundes Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Häwelmann meinte, der Mond fei wieder aufgegangen. „Leuchte, alter Mond, leuchte!" rief er, und dann blies er wieder die Backen auf und fuhr quer durch den ganzen Himmel und gerade darauf los. Cs war aber die Sonne, die gerade au» dem Meere heraufkam. „Junge," rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, „was machst du hier in meinem Himmel?" Und — eins, zwei, drei! nahm sie den kleinen Häwelmann und warf ihn mitten in bas große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen. Und bann? Ja unb bann? Weißt bu nicht mehr? Wenn ich und bu nicht gekommen wären unb ben kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er boch leicht ertrinken können! Der Winter im Märchen. Bon Dr. Hedwig Fischmann. Wenn der Winter mit weichen, weißen Hänben über bie Erde streicht, jede [djarfe Linie, jeben harten Laut verwischenb, bann geht mit leise klingenden, singenden Schritten das Märchen durch die Welt. Dann schaut es mit seinem die Wirklichkeit bannenden Blick hinein in die Menschenwohnungen und entzündet warm leuchtende Flammen in tausend Kinberaugen, heute wie vor Jahrhunderten. Winterzeit — Märchenzeit. Unb ber innige Bunb, ben bie beiben wesensverwaubten Um« gestalter ber Wirklichkeit geschlossen haben, spiegelt sich auch in ben Märchen selber roiber: bie Winterlandschaft mit ihrem berückenden Zauber, mit ihren phantastisch geformten schneebedeckten Baumgestalten und Bergformen, ihren herabwallenden, die Sinne betörenden Schnee- schlciern und ihren funkelnden Eisgebilden ist bas wahrste Märchenheimatland. Zumal die Märchen und Sagen ber norbischen Völker, in beren Leben ja bie lange Winterszeit mit ihren Leiden unb Freuben eine so beherrschende Rolle spielt, find in diesem Boden verwurzelt. So ist tet den finnischen und estnischen wie in den isländischen Volksmärchen, in denen auf der Schilderung der Umwelt, der rauhen nordischen Natur, «in viel stärkerer Ton liegt als in unseren häufig kaum die Jahreszeit andeutenden deutschen Märchenerzählungen, die winterliche Landschaft meist der ganz selbstverständliche Hintergrund, vor dem sich die Handlung abspielt. Wenn der arme Besenbinder in die Stadt fährt, um seine Besen zu verkaufen, dann ist — ohne besondere Erwähnung der Jahreszeit — notwendigerweise ein Schlitten sein Beförderungsmittel, wie auch der berühmteste, sagenumwobene Heid der estnischen Volksdichtung, der riesenstarke Kalevipoeg schon als Knabe „Sich aus hohen schlanken Birken, Die er aus der Erde rupfte, Als wenn' dünne Halme wären, Kleine nette Schlittchen machte." Ja, so fest ist der Zusammenhang zwischen dem Schlitten und der winterlichen Jahreszeit im Volksbewußtsein verwachsen, daß sein Dolmetsch, das Märchen, den Schlitten schlechthin zum Symbol des Winters erhebt und „Das kluge Weib" den Auftrag des Richters, sein Reittier zwischen Winter und Sommer anzubinden, erfüllt, indem er das Tier mit einem Fuß an einem Schlitten, mit dem andern an einem Wagen festmacht. Doch neben den Schlittenfahrten sind auch manch winterliche Freuden den altnordischen Sagenhelden, in deren Gestalten viel märchenhafte Züge eingeflofsen sind, nicht fremd. So eilt Ullr oder Skadhi in der Edda auf Schrittschuhen aus Knochen über die Eisfelder der Jagd entgegen, wie auch der junge Frithjof auf der Eisfläche seine kunstvolle Bahn zieht, während die Helden der finnischen und altisländischen Engen auf schnellen Schneeschuhen dahinstürmen. Aber neben den winterlichen Freuden weiß das Märchen auch von manchem Leid zu künden, daß diese Jahreszeit den nordischen Helden als ein Hemmnis weiter Abenteuerfahrten und kühner Unternehmungen bereitet. Besonders die isländischen Märchen erzählen immer wieder von der unfreiwilligen Wintermütze, zu der die Helden durch diesen mächtigen Zwingherrn verurteilt werden, in die nur die Freuden des Julsestes eine angenehme Unterbrechung der Eintönigkeit bringen. Freilich, die tatenlustigsten der Helden lassen sich auch durch die Unbilden der Jahreszeit nicht abschrecken und suchen südlichere Fisch- und Jagd- pläize auf; doch müssen sie aus diesen Fahrten durch Schneestürme und über die weiten Eisflächen, von Riesen und andern bösen Geistern umlauert, furchtbaren Gefahren trotzen. Das Märchen von „Asmund Eüdfahrer" entwirft ein Bild voll packender Wucht von den Schrecknissen des Nordlandwinters, die den in einem Schneesturm auf menschenöder Heide Zurückgebliebenen umtoben. Denn nicht jedem der tollkühnen, den Wintergefahren sich aussetzenden Abenteurern ergeht es so gut wie dem „Mann von Grimsö", den eine mitleidige Bärin zusammen mit ihren Jungen nährt und wärmt und schließlich durch die Fluten zurücktrügt oder dem auf einsamer winterlicher Insel zurückgebliebenen Fischerknecht, den des „Eibenkönigs auf Selö" Tochter gastlich und immer wieder verzeihend aufnimmt, und der es ihr doch mit schnödestem Undank lohnt. Auch sonst weiß das nordische Märchen von manch schönem Zug winterlicher Gastfreundschaft und Mildtätigkeit zu berichten, die gegen den vor bitterster Not geborgenen Wintergast, fei es Mensch oder Tier, ausgeübt werden, wie auch unser deutsches Märchen von „Schneeweißchen und Rosenrot" von der liebevollen Aufnahme und Pflege des halberfrorenen Bären am gastlichen Herdfeuer erzählt. Unter den deutschen Märchen ist vor allem „Frau Holle" das wahre deutsche Wintermärchen, lieber viele Länder der Erde verbreitet, hat das Motiv von der fleißigen und der faulen Schwester, das im Deutschen mit der Gestalt der Frau Holle in Verbindung gebracht ist, in dem verschiedenartigsten Erdreich Wurzel geschlagen. Aber seltsam: außer dem deutschen Märchen trägt nur noch die bei den zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer wohnenden Üben beheimatete Fassung ein ausgesprochen winterliches Gepräge, indem dort die Stieftochter zu dem Schneedämon Moroz Jwanssohn gelangt und, nachdem sie seine Betten zu seiner Zufriedenheit geklopft hat, von ihm mit einem Eimer voll Silberstücken belohnt wird, während die faule Schwester als Lohn ihrer Lässigkeit ein Eisstück davonträgt. Im deutschen Märchen übt Frau Holle, deren Gestalt im Mittelpunkt eines weit verzweigten Naturmythos steht, das Amt der lohnenden und strafenden Richterin über die Goldman« und Pechmarie aus, wie ihr ja auch der Volksglaube die gleiche Aufgabe in den winterlichen Spinnstuben zuteilt. Zumal die Nächte um die Jahreswende, die Zwölften, deren letzte ihr besonders heilig ist, gelten als die Zeit ihrer Herrschaft. Dann hält sie ihren Umzug durch die winterlichen Fluren, bestimmt als Wettergöttin das Weiter des kommenden Jahres und segnet, eine Hegerin des Wachstums, Baum und Kraut. Aber nicht selten zeigt sich Frau Holle auch als Unholdin; dann laust sie im wirbelnden Schneesturm durch die Wälder und gesellt sich dem Heere der Wilden Jäger zu, Unheil drohend jedem Wanderer. Wie in der Gestalt der Frau Holle zweifellos Züge des Märchens' und Naturmythos zufammengeflofsen sind, so hat eine sich in mythologischen Andeutungen gefallende Epoche der Märchenforschung auch in dem im Zauberschlaf liegenden „Dornröschen" die in Winterbanden schlummernde, dem erlösenden Sonnengott entgegenharrende Erde zu erkennen geglaubt. Doch ursprünglicher als in diesem Märchen, lauter als tat „Schneewittchen", wo die Schneelandschaft nur in der Vorgeschichte und im Namen der Heldin wie eine schimmernde Vision emporleuchtet, tritt das winterliche Element in dem Märchen von den „Drei Männlein im Walde" zutage. „Da war nichts als Schnee die Weite und die Breite, und war kein grünes Hälmchen zu merken", so schildert das Märchen die unendliche Oede der winterlichen Landschaft, in der das arme Mädchen, gehorsam dem Willen der bösen Stiefmutter, Erdbeeren suchen mutz. Doch des Schnees wandelbare Fülle, fein plötzliches Dahinschwinden in der Sonne scheint auch so recht der geeignete Stoff, an dem die üppig wuchernde Phantasie des Lügenmärchens ihre Kunst übt. So entlehnt das seit den Tagen der fahrenden Spielleute in Deutschland gern gehörte, noch heute in Schwaben lebendige Märchen vom „Schneekind" sein Motiv, den vorgeschützten Grund für das Austauchen und Verschwinden des Kindes, diesem schnell vergänglichen Element, wie auch die Fabulierkunst des berühmten Lügenbarons Münchhausen bald von der kaum aus den Schneemassen herauslugenden Kirchturmspitze, an der er sein später in der Luft hängendes Pferd anbindet, bald von der im Posthorn eingefrorenen und in der Wärme von selbst ertönenden Melodie zu erzählen weitz, die noch heute in einem im Schwarzwald lokalisierten Mar- dien „Das Posthorn" nachtönt. , ., , , Und wie die alten Märchen des Volkes Jahrhunderte lang ihre leuchtendsten Blütenranken durch die winterliche Landschaft geschlungen, so ward auch für den nordischen Märchendichter einer spateren Zeit, für Andersen, der Winter das grötzte, das wunderbarste aller Märchen selbst. Keinem klang wie ihm das Raunen des fallenden Schnees, das Knirschen des Eises, das Heulen des Wintersturmes mit der lei en Melodie alter Märchenweisen zu einer so unlösbaren Einheit zusammen, keiner ward wie er der Winter-Märchendichter. Da steht das arme kleine annenbäumchen im schneebedeckten Wald, trauernd ob des kecken Has« leine, das über [ein Wipfelchen hinwegfpringt; dort träumt die alte Eiche in der sturmdurchtobten Weihnachtsnacht ihren letzten Traum, bevor sie entwurzelt auf der kalten Schneedecke ruht. Hier trotzt das tapfere kleme Mädchen allen Schrecken des Nordlandwinters, um den m die Gewalt der Schneekönigin gefallenen Freund aus ihren Banden zu erlösen, wa^ renb die Eisjungfrau den ihr schon als Kind Verfallenen unwiderstehlich in ihr Reich des ewigen Winters hinabzieht. Und der Dichter erzählt, wie der Winter mit milden, weichen Schneehänden das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von der Erde hinweggetragen, es in einen letzten Glückstraum von strahlenden Weihnachtslichtern, von köstlichen Gerichten und einem warm leuchtenden Ofen wiegend. Dann wieder laßt er das Bild des grimmen Frostwinters, dieses Feindes der Vogelwelt erstehen, wie er sich in einein Spcrtzenköpschen malt, oder schildert Schneemanns Glück und Ende — Bilder, farbenschimmernd wie die im Regenbogen- fpiel strahlenden Eiskristalle, vielgestaltig wie ihre Formenwelt. Winterzeit — Märchenzeit. „Vom Roroima zum Orinoko." Crgebnisie einer Reise von Prof. Koch-Grünberg in Nordbrasilien und Venezuela. Besprochen von Dr. Wolfgang Panzer. Das Hochland von Guayana im nördlichen Südamerika erhebt sich wie ein breiter Schild zwischen der ungeheuren Niederung des Amazonenstroms im Süden und der Orinokosenke im Norden. Breite Streifen undurchdringlichen Urwalds an der fieberheißen Pfeffert liste und tm Amazonentiefland legen sich fast wie ein Ring um diese Landschaft und verwehren so den Zutritt. Nur wenige Forscher haben diesen Urwald- qürtel durchbrochen und sind ins Innere vorgedrungen. Große Teile sind noch heute völlig unbekannt. Weit im Westen hat vor hundert Jahren Alexander v. Humboldt das Stromgeflecht des Oberen Orinoko enträtselt. Den Gebrüdern Schomburgk verdanken wir die erste eingehendere Kunde von diesen weitgedehnten Urwald- und Sa- vannenlandschaften mit ihren vielen großen Flüssen, ihren riesigen Taselbergen und den in großer Unberührcheit von der Außenwelt lebenden Indianen,, und der Botaniker U 1 e erforschte die eigentümliche Pslan- zenwelt. Aber das blieben nur schmale Gassen der Kenntnis inmitten einer ungeheuren Fläche, über deren Bodengestaltung und Gewässernetz, deren Pflanzenwelt und deren Bewohner vor allem man nicht viel mehr als bloße Vermutungen zur Verfügung hatte. , .. Einen Völkerkundler mutzte es besonders locken, tn dies sungfrauliche Gebiet einzudringen und die Jndianerftämme auszusuchen, die noch unberührt von europäischer Zivilisation die geistige und stoffliche Kultur bewahrt haben muhten, wie sie aus dem Geist und Willen und den Fähigkeiten dieser „Wilden" und den Gaben ihres Landes sich entwickelt haben. Im Mai 1911 kam Professor Theodor K o ch - G r u n b e r a , der schon zwei große Reisen in Brasilien unternommen hatte, in Manaos am Amazonenstrom an und begann hier eine Forschungsreise, die ign mit dem deutschen Begleiter Schmidt an die Grenzen von Guayana, Brasilien und Venezuela durch das noch kaum erforschte Gebiet der Wasser- cheide zwischen Rio Orinoko- und Rio Negro-Stromgebiei führte. Die Ergebnisse dieser zweijährigen Forschungsreise sind in einem großen Werke niedergelegt, das unter dem Titel „B o m Roroima zum O r i n o k o" in fünf stattlichen Bänden im Verlag von Strecker & Schröder in Stuttgart erschienen ist*). Der erste Band bringt die Schilderung der Reife, der zweite enthält Mythen und Legenden der Taulipang- und Arekuna-Jndianer. Im dritten Band wird die geistige und stoffliche Kultur verschiedener Jndianerstämme behandelt. Der fünfte Band, ein Tafelwerk, bringt auf 180 Tafeln anthropologische Typen und Gruppen. Im vierten Band, der noch nicht erschienen ist, sind die sprachlichen Ergeb- *“ niste niedergelegt, Texte mit Interlinearübersetzungen und Wörterlisten von 23 Sprachen und Dialekten, von denen sechs bis dahin ganz unbekannt waren. „ Es genügt fast, das Titelbild zu betrachten, das dem zweiten Bande vorgeheftet ist, um den Geist zu erkennen, mit dem die Reise durchgeführt und das Werk von Theodor Koch-Grünberg geschrieben wurde: Zwischen Felsblöcken unter einem Baum am Rande des Urwaldes fitzt der Forscher, barfüßig und kragenlos, das Notizbuch auf den Knien, und Ihm gegenüber ein nackter Indianer, die Arme gelassen auf den dunkel- glänzenden Schenkeln, Märchen erzählend. Nicht jedem Weißen öffnen die Indianer so ihr Herz. Sie, die so bittere Erfahrungen gemacht haben *) Vom Roroima zum Orinoko. Ergebnisse einer Reise in Nordbrasilien und Venezuela in den Jahren 1911 bis 1913. Unternommen und herausgegeben im Auftrag und mit Unterstützung des Baehler- Jnstitutes in Berlin von Theodor Koch-Grünberg. Bd. 1: 1917, 2: 1924, 3: 1923, 4: noch nicht erschienen, 5: 1923. — Die Bünde sind völlig in sich abgeschlossen und daher auf einzeln käuflich. — 404 Lit gewissenlosen, Vertragsbrüchigen, grausamen und hinterlistigen Män- Lrn jenseits vom großen Urwald, die auf den Flüssen herausgefahren ‘tonen, Gold und Kautschuk suchend und die mit der Flinte die Indianer jegfnallten, als wäre es Jagdwild — immer wieder mußte Koch-Grün- ierg von solchen niederträchtigen Handlungen eines Gesindels von ver- Wwenen Mischlingen gegen die Indianer hören und empört verurteilt t dies Vorgehen. Freilich, einen besseren Freund vermochten die Jn- taner nicht zu finden. Er lebt mit Urnen, er ißt ihre Speisen, tanzt mit snen und trinkt das Kakchiri, er tauscht seinen Namen mit einem der toianer und belächelt nicht ihren Aberglauben, der in jeder Stromschnelle «ne lauernde Schlange erblickt, die das Boot in den Stube! ziehen will, i)er der eigentümlich geformte Felsen für verzauberte Fische hält, die iuj ihrem Laichzug in Stein verwandelt wurden. Nur dies auhergewöhn- Hche Verständnis und Eingehen auf das Wesen und die Seele der Jn- flaner hat Koch-Grünberg die oft unerhörten Mühen und Gefahren der ftwaldrelse glücklich überstehen lassen, wo die Indianer ihn als einen )er Ihren ansahen und für ihn alles erduldeten und wagten, was dis j (tot des Augenblicks erforderte. Nur versteckt erkennt man in dem Reise- -jmcht, der den ersten Band des Werkes füllt, die unzähligen Gefahren, enen die Reife im brüchigen Boot, über Hunderte von Stromschnellen, urd; nässetriesenden Urwald und Fiebersümpse in wegelosem unbekann- im Gebiet unter einer oft mißtrauischen Bevölkerung ausgesetzt war. jies alles wird nur angedeutet. Denn die Gedanken des Forschers und Menschenfreundes im Boot, auf dem heißen Fußmarsch über die Savanne, in Dämmer des Urwaldes, beim Lagerfeuer, unterm Sternhimmel, gehen den Indianern, unter denen und mit denen er reist. So ist der irfte Band weit mehr als ein bloßer Bericht über die Reife: er gibt in lebendiges Bild von dem Land und vor allem von den Menschen, it dies Land bevölkern und deren Seele wohl selten ein Weißer so nahe Kommen ist wie Koch-Grünberg. Im Spiegel einer reinen, gesunden und lebenswarmen Menschlichkeit rtlicfen wir das Land und nehmen teil an den ungezählten kleinen und roßen Erlebnissen des Tages, manchen Widerwärtigkeiten, ungezählten tfafjren und all den tiefen Eindrücken, die eine offene empfängliche vrjcherseele auf sich wirken läßt. Mit wenig Strichen meist wird die < moschaft gezeichnet, die endlosen Savannen, über die ein glühendheißer Sind fegt, und deren Schweigen nur die Grillen mit ihrem Zirpen stören, irr die Galeriewälder, die die großen Flüsse durch die Savannen geleiten «d die sich schließlich zum Urwald zusammenschließen, in dessen feuchtem Ammer die Reisesachen schimmeln und rosten und die Nachtruhe durch Mionen blutgieriger Mücken zur Qual wird. Die Landschaft ist im > roßen immer die gleiche. Nur die Sandsteintafel des Roroirna, die sich 500 Meter über ihre Umgebung zu 2600 Meter Meereshöhe erhebt, bildet ine Landschaft für sich mit einem Ring schier undurchdringlichen, von I Ässe triefenden Regenwaldes, wo umgestürzte und vermoderte Baurn- imme, schlüpfrige Wurzeln über.. Felsblöcken und das Geschling der i Ionen ein Vorwärtskommen ganz ungemein erschweren. Die Gipfelplatte k Berges trägt eine nur kümmerliche, aber in ihrem Artbestand einzig- rtige Vegetation. Schwere Regengüsse und die ungewohnte Kälte stell- ,« harte Anforderungen an die Indianer, die aus ihrer warmen Sa- mnenheimat Koch Grünberg hier herauf begleitet hatten. Aber die Fährnisse und Mühen waren nicht geringer, als er später om Standlager Koimälemong aus, im Gebiet der Taulipang und Wa- uschana, den Weg auf unbekannten Pfaden nach Westen antrat. Galt es > sch, in ein Gebiet vorzudringen, das noch nie von einem wissenschaftlich ' lösenden betreten worden war. Auf dem Uraricuera aufwärts und über li Wasserscheide zum Merewari hinüber erreichten die beiden Weißen, ie von wenigen Indianern begleitet wurden, das Gebiet der Majong- eng, die eine auffällig Helle Hautfarbe haben und in ungesundem Klima I «rch Fieber, wohl von der Orinokomündung eingeschleppt, langsam zu Krtommen scheinen. Die langen Monate der Regenzeit mußten hier bei iichrungsmangel inmitten einer verderbten, unzuverlässigen Bevölke- ung verbracht werden. Unter unsäglichen Schwierigkeiten, gegen den jiimlichen und offenen Widerstand der Indianer, wurde dann der «iiermarsch nach Westen erzwungen und auf dem Rio Ventuari, dessen : Ms bis dahin noch fast unbekannt war, der Orinoko bei San Fernando k Alabapo erreicht. Damit war nach fast einem Jahr anstrengendsten mb aufreibendsten Lebens in der Wildnis der Anschluß an die Zivilisa- M und das Bekannte erreicht. Orinokoauswärts und auf dem sich ab- peigenben Casstquiare ins Rio Negro-Gebiet hinüber gelangten die Rei- Mden dann wieder zum Ausgangspunkt Manaos am 2lmnzonenstrom ■tütf. Der vollen Hingabe an eine schwere Forschungsaufgabe war auch ein Wer Erfolg beschieden. Die vier weiteren Bände des großen Werkes An davon beredtes Zeugnis ab. Haben die wundervollen Lichtdruck- iMN des ersten Bandes vor allem das Bild der Landschaft vermittelt, ! bringt der fünfte Band gleich einen ganzen Atlas von Raffenbildern, je für die Taulipang, unter denen Koch-Grünberg besonders lange weilte, «geradezu einzigartiges Studienmaterial darstellen (für diese allein 115 §eln!), da die Seelenzahl dieses Stammes nur 1000 bis höchstens 1500 ' «tagt. ®en meisten Beobachtungsstoff lieferten die Taulipang auch hinsichtlich ■ stofflichen und geistigen Kultur. Unermüdlich hat Koch-Grünberg da AMmelt, photographische, Laufbild- und phonographische Aufnahmen emacht, gezeichnet und gemessen, Wörterlisten der vielen verschiedenen Manersprachen angelegt und so geradezu eine völkerbundliche Mono- ulphle der Jndianerstämme südlich vom Roroirna geschrieben (Band 3), L eine Fülle von Zeichnungen, Skizzen und Tafelbildern erläutert ll»n r er en sehr bemerkenswerten zeichnerischen Versuchen der Inner selbst sind für den Geographen einige Skizzen der Flußsysteme M fr erstaunlicher Beweis für ihren Ortssinn und ihr räumliches twt “njgoermögen. Eine so tiefdringende, auch alle seelischen Regungen imlt £ ,?esintnis der Indianer, wie sie Koch-Grünberg sich erwerben befähigt ihn natürlich wie keinen anderen, die allgemeine n® !ef,r vieler seiner Beobachtungen zu erkennen. Wohl allzu be- en weist er selbst nur gelegentlich, oft nur in Anmerkungen, auf diese Bedeutung hin. So ist auch der zweite Band, der die Mythen und Legenden der Taulipang und Aretuna-Jndianer enthält, ein ganz besonders kostbares Gut, das seinen vollen Wert erst erweisen kann, wenn von allen anderen Jndianerstämmen ähnlich vollständige Legenden- und Märchensammlungen oorliegen. Erst dann werden die „Verwandtschaften und Entsprechungen", die Koch-Grünberg in einem besonderen Kapitel des zweiten Bandes behandelt, in ihrer ganzen Tragweite zur Erkenntnis der Besiedlungsgefchichte Amerikas genützt werden können. Ein überreicher Stoff ist es, den Theodor Koch-Grünberg von dieser Reise heimgebracht hat. Die Verarbeitung zu dem prachtvollen Werke er» forderte Jahre, aber schon bald nach dem Kriege zog es ihn erneut in die Wildnis: galt es doch, vor der unaufhaltsam vordringenden Zivilisation die letzten, noch unberührten Jndianerstämme aufzusuchen. Eine mit reichen Mitteln ausgeftattete amerikanische Expedition sollte ihm Gelegenheit dazu geben. Koch-Grünberg ist von dieser Reise nicht zurückgekehrt. Am Rio Branco, auf dem Wege feiner letzten Expedition, raffte ihn das Fieber dahin. Sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust. Aber sein Name lebt in der Wissenschaft unauslöschlich fort, und im Gedächtnis und Herzen seiner Mitmenschen hat er sich ein unvergängliches Denkmal der Verehrung und Dankbarkeit gesetzt. Die Handschuhe der Kaiserin. Eine Novelle von Alfons v. Czibulka. (Fortsetzung.) Der General, der bis spät in die Nacht mit Friedrich gearbeitet hatte — sie hatten den Plan zum Angriff auf die Franzosen entworfen — dachte, daß diese Nachricht nicht gerade erschütternd sei, und es ihretwegen nicht nötig gewesen wäre, ihn so srüh aus dem Bette zu holen. Hätte der Hadik vielleicht warten sollen, bis ihm der Dessauer und der Seydlitz auf den Hals gekommen wären? So antwortete er gleichgültig: „Das war zu erwarten! Wie recht hatten doch Euer Majestät, zu sagen, daß diese Panduren zu nichts taugten, als die Fourage zu plündern!" „Laß Er seine Komplimente!" verwies ihn ärgerlich der König. „Auch habe ich sie nicht verdient." Fragend sah der Manstein auf seinen Souverän. „Versteht Er denn nicht?" sprach der König weiter und stieß die Spitze seines Stockes mißmutig gegen den Boden. „Verschwunden ist er, der Hadik, wie von der Erde verschlungen. Der Seydlitz jagt seine Husaren durch die Lausitz bis nach Böhmen und kann ihn nicht finden." „Er wird eben ä la häte sich retirieret haben." „Meint Er? Dacht' ich auch, aber les' Er doch!" Der General nahm das Schreiben und las. Dann starrte er sprachlos den König an. Denn der Prinz Moritz von Dessau meldete mit Cilstaseite, die Oesterreicher hätten Sonntag plötzlich ihr Lager verlassen, und der Seydlitz lasse sich von seiner Opinion nicht detournieren, daß der Hadik geradewegs nach Berlin reite. „Sottise!" entfuhr es dem General. Friedrich nahm's nicht übel. Vielleicht hatte er es auch nicht gehört. Seinen Spaziergang fortsetzend, die Hönde auf dem Rücken, den Blick auf den Boden geheftet, sagte er fast wie im Selbstgespräch: „Wir haben zu wenig Phantasie, mein Lieder. Glaub' Er mir, der Seydlitz weiß es besser als Er und ich, weich' ein Narr ein Reitergeneral sein kann. Narren sind gefährlich, weiß Er das? — Ich wollte fast, der Seydlitz wäre einer!" Der König schellte heftig. Der Adjutant trat ein. „Eine Cilstafette, rasch, rasch — so geh' Er doch!" Kaurn war der Adjutant gegangen, warf Friedrich im Stehen hastig einige Worte auf ein Papier. Dann sprach er weiter. Er mußte reden, während er unruhig in der Stube auf- und niederlief. — „Weiß Er was, Manstein? Wenn der Seydlitz jetzt kein Narr ist und nicht, unbekümmert um den Dessauer, in dieser Stunde schon hinter dem Hadik herreitet — dann adieu bas Mirakel von Brandenburg!" „Aber, Euer Majestät, der Hadik hat kaum mehr als dreitausend Mann, nur Reiterei, keine Infanterie ..." Der König antwortete nicht und trat ans Fenster. Draußen war der Huffchlag einer Patrouille zu hören. Es war nicht die Stafette, die er befohlen. Ein Offizier glitt aus dem Sattel. Polternde Sprünge über die Treppen, hastiges Laufen auf den Gängen, die Tür flog auf, und ein Major vom Stabe des Dessauers stand in der Stube, Staubbedeckt, keuchend, schweißtriefend auch er. Forschend sah ihn der König an. Ein Major als Kurier, das war Slten. Ohne den Blick von dem Offizier zu wenden, als wollte er in seinen ugen lesen, ob er Schlimmes bringe, nahm er das Schriftstück, riß es auf. Ungläubig starrte er auf das Blatt. Langsam begannen seine Augen zu strahlen. Mit einer Handbewegung entließ er den Major. Dann warf er den Stock auf bas Bett, griff nach ben Hänben bes Generals und rief lachend: „Dieu merci, Manstein! Der Seydlitz ist ein Starr! Ausgelassen ist er dem Dessauer und jagt hinter dem Hadik drein nach Berlin! — Mein Seydlitz — wenn ich den nicht hält'! — Mille tonnerres, was wird der Dessauer fluchen!" Hemmungslos fast lachte der König. Eine Weile ging er noch im Zimmer umher, las dann noch einmal das Schreiben, legte es hin, nahm es wieder auf und sagte schließlich: „Setz' Er sich, Manstein!--Nehm' Er Papier!" Langsam um den Tisch wandernd, manchmal stehenbleibend unb mit dem Krückstock über ben Boden tastend wie über eine Landkarte, diktierte er dem General die Befehle. Den ersten für ben Felbmarschall Moritz von Dessau: „Marschieren Sie, prince, immediatement nach Berlin! Fallen Sie bem Feind mit vivacit6 an ben Hals! Fangen Sie ihn, ob tot ober (ebenbig. Keine Katze barf mir echappieren!" — Den zweiten für die Generale in Eckartsberga. Um zwölf Uhr werde marschiert, mit allem, was Beine hat, mit leichtem Gepäck! Nur das Corps d’armSe des Marschalls Keith bleibe zurück, um gegen die Franzosen unb bie Reichsarmee zu sichern. Verwundert sah der Generalleutnant auf. War man doch im besten Zuge gewefen, bie Franzofen erbärmlich zu traktieren. Der König verstand den Blick. „Begreift Er denn nicht?" sagte er. „Es geht um Berlin! Weiß Er, was das heißt, wenn der Hadik Zeit hat, (Schluß folgt.) Stimme seinen Auftrag herunter. - - »ruck und ‘Betlag: DrLhl'fche UnivetfltätS.Buch. und Stetndrucker-i,«. Longe, G,eh«l Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. die Magazine zu plündern, die Geschützgießereien zu zerstören und die - Pulpermuhlen auffliegen zu la jun? Dann kann ich der Theresia huldigen als Marquis von Brandenburg! Versteht Er bas?" — UnÖ knurrig fügte er hinzu: „Wird sich freuen, die Theresia, wie mich ihr General vexiert! Mit dreitausend Grasteuseln mich und den Dessauer aus die Beine bringen! Er versteht sein Handwerk, der General!" IV. Der Hadik ritt wie die Hölle. Ohne Train und Proviant, kaum mit der nötigsten Munition versehen, flog er durch Brandenburg. Am dritten Abend glitt er in der Dämmerung an Wusterhausen vorbei in den Königswalü, am vierten ftand er vor Berlin. Er war bester Laune und satz, was er nur selten tat, inmitten iemer Offiziere. Aus einer Waldblösze im Monbschein, denn Feuer anzuzünden, hatte er verboten. Er war sogar gesprächig. Nur wenn die Offiziere damit prahlten, daß man morgen dem preußischen König Berlin nehmen, und bann wohl bald Frieden sein werde, lachte er ärgerlich aus und schwieg. Sah dann selbst nach den Posten. Sprach mit ihnen, kroatisch, deutsch und ' ^öpät'ain Abend, da alles schon schlief, und nur die Posten hinter den Bäumen spähten, rief er den Kolowrat zu sich. Ging mit ihm an den Waldrand hinaus, fetzte sich auf einen Baumstrunk und begann leise zu sprechen. Der Mond stand schon hoch. Nahe flimmerten die Lichter von Berlin. Schattenhaft sah man Wälle und Mauern und das Schlesische Tor. „Hör' Er, Kolowrat," so sagte er, „Er ist ein halber Diplomat, wenigstens sieht Er so aus. Morgen," und er deutete mit der Reitgerte nach der Stadt, „kann ich einen brauchen. Denn so gescheit wird Er ja wohl sein, nicht gleich diesen Eseln zu glauben, daß wir dem preußischen König Berlin konfiszieren können — mit dreitausend Reitern! „Die Berliner Garnison," warf der Rittmeister ein, „wird nicht viel stärker sein als wir." o „Fünftausend Mann, kalkuliere ich, und sicher nicht oie besten, Invalide, Rekruten. Aber daraus lommt's auch gar nicht an. Kann sein, daß wir morgen in den Mauern von Berlin schlafen. Aber es wird nichts als eine kleine Visite sein, eine Anstandsvisite sozusagen — da bleibt man nicht lang." , . ' , „ .„ Der Kolowrat lachte: „Un peu trop de bruit pour une omelette! — Der Hadik vertrug viel, wenn er bei Laune war. Dennoch schnaubte er und pfiff bedrohlich durch die Zähne. Aber schließlich sagte er ruhig: „Er hat recht, Kolowrat! Nur meint Er mit seinem proverbe mich, und ich den König. Denn Er kann mir glauben, daß der Seydlitz heute Nacht seine Regimenter zu Schanden hetzt, um mir morgen, noch vor den Toren von Berlin nach seiner Art bonjour zu sagen. Wir hätten unsere Freude dran, er und ich. Das gäbe eine süperbe Attacke auf dem -bempeb hofer Feld dort drüben. Aber ich lege meinen Kopf zum Pfand, daß auch der Moritz von Dessau in Eilmärschen heranzieht und vielleicht der König selbst auf Berlin marschiert." „Eine admirable Revanche," lachte der Kolowrat, „die Eure Exzellenz sich erlauben!" , ... Der Hadik knurrte belustigt: „Er halt mich doch wohl nicht für so bete, daß ich meinen Kops wegen der Scherze, die sich der König Uber meine Panduren zu jagen erlaubt, in die Schlinge lege und nur wegen her Revanche, wie ein Narr nach Berlin geritten bin? Aber feine Pläne boulversiere ich ihm ein wenig und schaff' ihn diesen Windbeuteln von Franzosen für eine Weile vom Hals. Geb s Gott, daß diese Schass- köpfe ihre Seide dabei zu spinnen verstehen! Glaubs freilich nicht. — Aber jetzt hör' Er mich an!" Und der General dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern. . Er sprach noch lange. Es schlug Mitternacht von einem Turm der Stadt, zum zweitenmal waren die Posten abgelöst, als der Hadik sich endlich erhob, seinem Adjutanten die Hand reichte und sagte: „Also mach Er das gescheit morgen früh!" — Um acht Uhr morgens, als der Rittmeister, aus dem Walde hervarreitend, feinen Trompeter, der an der Lanze die weiße Fahne schwenkte, vor den Mauern blasen ließ, war das Schlesische Tor noch geschlossen. Das war zu dieser Stunde nichts Ungewöhnliches und nicht etwa dadurch verursacht, daß man den Feind erwartete. Denn von diesem ahnte man nicht viel zu Berlin. . Nur die Wachen hatte man gestern an den Toren verstärkt, weil ein dunkles, unerklärliches Gerücht durch die Stadt gegangen war, österreichische Reiter wären im Königswald gesehen worden. Niemand glaubte es recht. Auch nicht der Minister von Finkenstein, hatte er auch aus Vorsicht die königliche Familie, den Kronschatz und die geheimen Staatspapiere noch in der Nacht nach Spandau geschickt. Deshalb war auch die Bestürzung groß, als plötzlich am frühen Morgen in allen Gassen zu hören war, die Bäckerjungen es in die Fenster riefen, ein kaiserlicher Offizier mit einem Trompeter hatte am Schlesischen Tore Einlaß begehrt und werde soeben zum Magistrat geführt. Bestürzt und neugierig zugleich, schreiend und stoßend rannten die Leute aus den Türen und liefen zum Rathaus. Wirklich fjielt dort, umgeben von einem Hausen Krazianer, wie man die halbmoaliden Soldaten des neuen Landregiments nannte, ein Kerl in weißem Rock, dem eine Trompete Über dem Rücken hing, zwei gesattelte Pferde, einen Schimmel und einen Braunen. In einem Augenblick war der Platz vom Volk überschwemmt. Wie weggespült waren die Krazianer, und der Trompeter mit feinen Pferden an die Wand des Rathauses gedrängt, wo er um sich die Neugierigen, aufgeregt Schwätzenden einigermaßen vom Leibe zu halten, unaufhörlich rief: „Patzt's auf, Leutln, der Braun schlagt! — Aufpassen sag' i!" Indessen stand droben im großen Ratssaale in weißer Uniform, den goldbetreßten, rotgefütterten Dreispitz unterm Arm, der Reichsgraf Norbert von Kolowrat vor dem versammelten Magistrat und las mit eisiger Der kaiserliche Feldmarschalleutnant Andreas von Hadik, so las J ■ der den Vortrab der Armee des Marschalls Daun to„ununö,ere, gd vor Berlin. Er lasse den Messieurs vermelden, sie hätten Zeit bis sw ihm auf Ehre und Gewissen zuzusagen, binnen acht Stunden, das u also bis fünf Uhr nachmittags, dreirnalhunderttausend Taler Sontribut» gegen ordnungsgemäße Quittung zu bezahlen. Bliebe das Versprech» aus oder laute es ungenügend, jo werde die Stadt bombardiert werde. Fast mußte der Kolowrat lächeln, als er, während er jo drohend an die vier armseligen Achtpsünder des Hadik dachte, an die breitauiJ Reiter und vor sich die ratlosen, bestürzten Gesichter der Räte jal), bei : Bürgermeister, der wohl mit Würde, aber doch mühsam 'jey । Contenance noch zu wahren wußte. Da konnte er sich den Spaß [J j verjagen, die Herren durch einen letzten Schreckschuß um alle Besim,« ' zu bringen. Langsam faltete er das Schriftstück, bas er verlesen, zuj« men, schob es bedächtig unter den roten Aufschlag seines linken ätenntf und fragte sehr höflich, liebenswürdig fast: „Und wegen der liebet* . der Stadt, Messieurs, wende ich mich wohl an seine Exzellenz, Stadtkommandanten Generalleutnant von Rochow? Ich bitte, wenn tt possible ist, mich zu ihm zu führen." Die Räte sanken förmlich unter ihren Perücken zusammen. konnte eine Fliege summen hören, die oben um den Kronleuchter kreiß So still war es, Nachdem der Rittmeister gesprochen hatte. Das war d, Ende. Hatten sie es nicht immer gesagt, es sei eine Tollheit, gegen 8 • Kaiserin und halb Europa Krieg zu führen? Run war es also soweit . Nun stand der Saun vor Berlin! Was war da noch viel zu tun? Fjj, < schwache Bataillone, dazu Rekruten von den Regimentern Bayreuth m Jung-Kleist, das Landregiment, die Krazianer, ungediente alte Lch Militär dem Namen nach, kaum Bürgergarde in Wirklichkeit, das « alles, was in der Stadt garnifonierte. Als erster faßte sich der Bürgermeister, den seines Witzes und A,, ftanbes wegen selbst der König schätzte, nestelte nervös an seiner ji| • benen Kette, strich sich den kalten Schweiß aus ber Stirn, gab Anime: Ausweichend, klug, benn alles, was geschehen konnte, war Zeit gi roinnen, Zeit um jeben Preis. Vielleicht, Gott gebe es, log auch dich ; Gerücht nicht, bas in der Nacht, man wußte nicht woher, plötzlich ai 1 geflackert und rasch roieber erloschen war, ber Dessauer ziehe heran, m i auch ber König komme nach Berlin. Kam ber König selbst, bann moch ber Saun ober wer zum Teufel es war, sehen, wie er heil roieber m Hause käme! — Sie Frist sei kurz, sagte ber Bürgermeister, sehr tut sogar, doch werde man sich bemühen, zur festgesetzten Stunde die Slnl , wort zu überbringen. Wegen der Visite beim Generalleutnant aber hü ' es seine Schwierigkeiten, Senn da man natürlich längst von ber Annch ■ rung des Feindes gewußt hätte, so sei der Stadtkommandant schon |ti ! gestern Abend ununterbrochen auf den Wällen, wohin man einen seiet lichen Offizier wohl nicht gut führen könne. Ob man aber dem ©eneral leutnant eine Botschaft sagen dürfe? Ser Bürgermeister wußte, warum er Märchen erzählte. Ser Gemi war alt, gebrechlich, hatte schon im Frieden den Abschied erhalten ui war, nur, weil man keinen anderen wußte, zum Befehlshaber ber Hans stadt ernannt worden. Ser König hatte recht gehabt, als er sagte, mich Teufel in der Not Fliegen fresse, so müsse er, der König, den Roch« zum Stadtkommandanten von Berlin machen. Es konnte gefährlich neben, diesen gewandten, glänzenden Offizier zum General zu lassen, in weiß Gott, kein rechter friderizianischer war. Der Kolowrat war es zusrieben, baß ihm der Besuch erspart iA Denn er hatte burchaus nicht den Auftrag, die Kapitulation zu foriin An die glaubte der Hadik nicht. Dazu war er zu sehr Soldat. KM bution erzwingen, wenn es sein müsse, mit Kanonade, das war alle was sich, wie er meinte, in zwölf Stunden erreichen ließe. Solmj glaubte er Zeit zu haben. Aber nicht mehr. Denn bereits in der M hatten ihm seine Husaren gemeldet, sie hätten am Abend die Wachtjeni des Dessauers schon herwärts von Luckenwalde gesehen. Der Rittmeister war froh, daß er gehen tonnte. Auch drängte # Zeit. Es hatte eine Weile gedauert, bis man ihm bas Schlesische Tor y öffnet, unb zu fo früher Stunbe der Magistrat versammelt war. 6 wußte, der Hadik war pünktlich. Um Neun würde er zu rationieren ii ginnen. Das konnte ber Herrgott nicht änbern. So gab ber Coloiwi übermütig zur Antwort, man möge belieben, dem Generalleutnant sagen, daß der General von Hadik sofortige, bedingungslose Uebergaj der Stadt bet freiem Abzug der Garnison fordere, sonst könne er (i Gut und Leben der friedlichen Bürger nicht einstehen. „Im übrigen ßi ein Mertel vor Neun, Messieurs!" fetzte ber Offizier bebeutfam W unb ging. Hinter sich hörte er im Saale die Räte aufgeregt sprechen W disputieren. Statt des Zuges Krazianer, der ihm vom Schlesischen Tore j« Magistrat geführt hatte, erwarteten ihn auf dem Platze zwei Offiziere! Pferd der Rekruten des Regiments Bayreuth, grüßten kühl und fön® unb fagten, sie hätten ben Befehl, ihn zur Stadt hinauszubegleiten. u Ratsplatz, auf dem sich noch eben die Menge um den Trompeter gebrani, war nun teer. Grenadiere hatten die Straßen gesäubert und sahen « böse auf den feindlichen Offizier. Nur aus Fenstern und halbgeöffnet Türen gafften ihm scheu di« Bürger nach, als er inmitten ber beiW preußischen Offiziere, den Trompeter hinter sich, davontrabte. L i Noch war man kaum in der Köpenicker Vorstadt, als es von em Kirche die neunte Stunde schlug. Da krachte draußen der erste Kanons schuß, ein zweiter, ein dritter. Von den Wällen kam Antwort. J Kolowrat unterschied deutlich den helleren, schärferen Knall der leia’l Achtpsünder des Hadik und das tiefere Drohnen ber Festungsgesit) q Dom Schlesischen Tore her war Kampf und Tumult zu hören. Sie bot Begleiter des Rittmeisters, junge Offiziere, hatten, als sie bas »am, hörten, ihren Auftrag, ihn aus ber Stadt zu führen, gänzlich oerg r unb waren im Galopp in der Richtung des Kampfes davongejpreng ■ ihm kühb Zeit kitzel her, brr Q seine gar Sa, ■ an sc Arm dick < I wohl wollt Zeit nur schick! S Sein Holz, Schec lässig nur Pupp ein n lieber Pfuw nichts Sie k ihr n bitzi l Jc war j er sei Breit ha - Di Zweig ganz i tuirb’s weit i bie Si ber fd Rockte zu ive bie Hc W kniffen nefe," hak fd bie Hi jeffin Bett. ! M< m! sich in Sachte über ! Rock g