Kümmern Dienstag, -en 6. September Jahrgang Mr GieWerZamilieitblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Um Mitternacht. Von Eduard M ö r i k e. Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand; Ihr Auge sieht die goldne Waage nun 2>er Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied — Sie achtet's nicht, sie ist es müb'; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch. Der flücht'gen Stunden gleichgsschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlaf« noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tag«. Der Balzac des 20. Jahrhunderts. Von B. Arne-Manz. Es war in Paris, so in den Jahren 1900 bis 1905. Da trafen sich fast täglich im Restaurant Weber in der Rue Royale allerlei Künstler und Schriftsteller; hin und wieder konnte man in dieser Schar, mehr oder minder jugendlicher Parnasstürmer einen bleichgesichtigen jungen Mann von etwa dreißig Jahren entdecken, der vorsorglich in wollene Schals gehüllt, die verkörperte Kränklichkeit war. Er trank bescheiden ein Glas Wasser, aß ein« Traube, erklärte, er könne den Lärm um ihn herum nicht ertragen, sei eben aus >dem Bett aufgestanden und werde sich gleich wieder hinlegen. Was aber geschah dann? Derselbe junge Mann mit dem Spottlächeln auf seinen unruhigen Zügen wurde plötzlich lebendig. Seine Lippen öffneten sich, um unter staunende Zuhörer geistvolle Wortblitze zu' schleudern. So etwa erzählt uns Leon Daudet in seinen „Erinnerungen" von Marcel Proust — diesem seltsamen Menschen, dem rund ein halbes Jahrhundert (1871—1922) irdischen Lebens beschieden, beinahe ebenso lange Zeit schwere Krankheit auferlegt war, der das merkwürdige Kunststück zuwege brachte, zugleich ein geistvoller Plauderer, ein feinnerviger Aesthet und ein rührend geduldiger Patient zu sein, ja noch mehr, dessen Name im Augenblick den tönenden Klang des Weltrufes erhielt, als man seine irdische Hülle ins Grab legte. Das also war dieser Marcel Proust, der geniale Sprößling eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter, Ergebnis einer Rassenmischung, deren Wirkungen nicht nur in seinem persönlichen Leben, sondern vor allem auch in jenem großen Vermächtnis seiner Dichtung zu verspüren {mb: Mischung fabulierender Phantasie mit analytischem Verstände. In der stillen Dämmerung seiner Krankenstube hat Marcel Proust, ähnlich wie Balzac in feiner „Menschlichen Komödie", in einem Riesenwerk von nicht weniger als 13 Bänden das medergelegt, wozu ihn sein fieberhafter Gestaltungsdrang trieb. „Auf den Spuren der verlorenen Zeit" (A la recherche du temps perdu), so lautet der Titel in der eben begonnenen deutschen Uebersetzung. lieber mehr als zwanzig Jahre dehnt sich die Geburtsgeschichte dieses Romangiganten. Fern von jedem kleinen Ehrgeiz, nur besessen vom Arbeitsdäman, hat er dies Werk aus sich herausgestaltet. Erst als es bis zum letzten Striche vollendet war, gab er 1913 die Erlaubnis zum Druck des ersten Bandes. Und dann kam die Zeit des Krieges und des Nachkrieges: noch einmal arbeitete dieser Heros der Gewissenhaftigkeit in jagender Eile das ganze Werk um, denn er selbst wußte, daß seine Tage gezählt seien. Die Sammlung tragischer Did)teranekdoten bereichert siä) durch ihn um eine der ergreifendsten. Denn als er im lobe stampf lag, bat er die Krankenschwester um die Seit« des Manuskripts, auf der die Agonie einer seiner Romangestalten beschrieben war, und er meinte dabei: „Ich bin jetzt in der Lage, einige Aenderungen vorzunehmen, da ich selbst auf demselben Punkt angelangt bin." Mit Recht schrieb sein Bruder Robert über ihn: „Er glaubte siä) keinen Augenblick Ruhe gönnen zu dürfen, ehe nicht seine erschöpfende Arbeit getan war. In der Tat, er hauchte seine Seele aus, als er den Schlußpunkt gesetzt hatte, ein vollkommenes Opfer des schriftstellerischen Gewissens." * Was erzählt uns nun Marcel Proust in den 13 Bänden seines Romans? Darauf ist ebenso schwer zu antworten, wie auf die Frage des alten Fritz in Fontanes bekanntem ' Gedicht, was denn der Adolf Menzel in seinem langen Leben zusammengemalt hab«? Auch Proust hat auf seiner Palette „die große und die kleine Welt", und Forst- Battaglia hat ganz recht, wenn er in seinem Buch über die „Französische Literatur der Gegenwart" meint: „Aus dieser Enzyklopädie mondäner Urteile und Vorurteile, aus diesem praktischen theatrum ceremoniale werden neugierige Nachkommen Sitten und Gebräuche der oberen Zehntausend an der Schwelle des 20. Jahrhunderts studieren können." Es sind die Jahre zwischen 1880 und 1914, die in einer fast verwirrenden Fülle van Menschen und Dingen, von persönlichen Beziehungen und Schicksalsverpflichtungen lebendig werden, immer gespiegelt in ihrem Verhältnis zu Proust selbst, der von sich in erster Person redet, außerdem aber auch, leicht erkennbar, sich hinter der Gestalt des Swann, des Helden seines ersten Bandes, verbirgt. Wie «in tragisch grollender Orgelpunkt zieht sich durch das ganze Werk der soziale Niedergang des französischen Adels, fein« Verschmelzung mit dem Bürgertum, seine Verderbnis, seine Auflösung. Dabei besteht das reizende Sondergepräge der Prauftschen Darstellung darin, daß alles, was sich da begibt, nicht in der Reihenfolge der Geschehnisse sich abfpielt, sondern in dem zufällig scheinenden Ablauf des Films der Erinnerung. Aber nur anscheinend ist der Zufall! Sa schwer es glaubhaft scheinen mag, die orbnenbe Intelligenz bieses Dichter-Denkers hat über der Menge des einzelnen die Architektonik des Ganzen nicht übersehen. Wie in einer gewaltigen Symphonie entwickeln sich im Verlauf der Handlung aus leitmotioischen Anfängen thematische Durchführungen. Und überall leuchtet aus der Darstellung jener klare Verstand eines Menschen, der mit wachsender Enttäuschung hinter dem blendenden Schein das hohle Sein erkennt, dessen überempfindliches Nervensystem zugleich mit der bohrenden psychologischen Methode, mit den wissenschaftlichen Hilfsmitteln der Freud, Bergfon und Einstein arbeitet. Weit gefehlt wär« es, nach diesen Andeutungen zu glauben, Prousts Schilderung verlöre sich etwa im rein Verstandesmäßigen, gleichsam in einer Registratur der Seele. Im Gegenteil, immer wieder meldet sich sein gestaltendes Dichtertum und schenkt ihm jene bilderreiche Galerie der Porträts: Aristokraten und Künstler, Frauen aller sozialen Schichten, Grade und Temperamente, die glänzenden Vertreter des gesellschaftlichen Lebens, ebenso wie die mit rü-hrender Liebe gezeichneten Angehörigen seiner eigenen Familie, Herrschende und Dienende, Liebende und Leidende, Schwerblütige. und Flatterhafte, Unersättliche und Entsagende, — sie bilden das Personal feiner menschlichen Komödie des 20. Jahrhunderts, zu dessen Tun und Lassen er selbst in einem Sprühwerk der Gedanken die philosophischen Regiebemerkungen gibt. So wird es gleichermaßen zu einem Weltbild untergehenden Abendlandes in französischer Auffassung wie zu einer Selbstbarstellung, die sich mit ihrer sezierenden Kraft ben großen Seelenbekenntnissen der Weltliteratur als neuestes Glied anreiht. Tragödie und Satirspiel sind von jeher nahe beieinander gewesen. Auch der Fall Proust schenkt einen Beitrag dazu. Heut«, ein paar Jahre nach seinem Tode, seitdem sich die Einzelbände der französischen Originalausgabe fast kataraktmähig über die Lefewelt stürzten, ist dieser Name in aller Leute Mund, soweit sie sich überhaupt um schöngeistige Erzeugnisse bekümmern. In allen Kulturländern regen sich die Federn und klappern die Schreibmaschinen, um sein Werk zu übertragen, ober sein Wesen in großen Abhandlungen zu ergründen. Selten hat die Geschichte der literarischen Erfolge das Beispiel eines so jä^en Aufstiegs zur Sonne der Anerkennung gesehen. Denn obwohl einst kein Geringerer als Anatvl France vor nunnrehr dreißig Jahren einem Frühwerk des Dichters das ehrenvolle Geleite gegeben und den seelischen Röntgenblick zugespro- chen hatte, blieb der 1913 veröffentlichte erste Band seiner Romanreihe ohne sichtlid;e Wirkung. Ja, es war geradezu ein Wunder, daß er überhaupt einen Verleger fand! Denn, wie gerade in diesen Tagen ein Freund Prousts, Louis de R o b e r t, zu allgemeinem Erstaunen aufzudecken weiß, hatten zwei der ersten Pariser Verleger die Uebernahme abgelehnt, ein dritter sich nur zum Druck bereit erklärt, wenn der Verfasser die Kosten tragen wolle. Wir haben ja in Deutschland ähnliche Fälle mangelnder Prophetie erlebt: Man darf daran erinnern, daß z. B. die „Briefe, die ihn nicht erreichten", von Elisabeth von Heyking von zwei bekannten Verlegern abgeiehnt wurden, um bann dem dritten, der einen besseren Instinkt hatte, einen der größten Bucherfolge unserer Zeit zu schenken. Proust selbst äußerte sich schmerzhaft-ironisch zu den Ablehnungen, die er erlebte. Er wußte sehr wohl, daß die landläufigen Verleger, wie der Teufel hinter der armen Seele, nad) dem Roman mit vieler Handlung herjagen. „Ein ernsthafter Verleger", so schrieb er damals seinem Freunde, „weih natürlich, daß ein Roman nur dann gut ist, wenn in ihm jeder lyrische PslaHenwuchs ausgetilgt ist. Handlung, Handlung, — und noch einmal Handlung. Nur immer vonvärts! Mit letzter Schnelligkeit! Träumen ober Philosophieren ist nicht erlaubt. Aber seltsamerweise schätzt bas Publikum, manchmal wenigstens, diejenigen Werke höher, in welchen die Personen einen Augenblick stehen bleiben, um laut zu denken." Und im weiteren Verlauf tröstet sich der enttäuschte Dichter damit, daß auch der „Temps" gewisse Artikel des schon berühmren Staat ole France zurückwies, daß sogar die „Revue des deux mondes“ seinen Roman „Thais" nicht zu Ende drucken wollte, weil er schlecht geschrieben sei, und ihn schließlich ? nicht an der üblichen, sondern nn einer versteckten Stelle der Zeitschrift zu Ende führte. v Auch im Falle Proust war die Stimme des Volkes, das Urteil der Oeffentlichkeit instinktsicherer als Angst oder Beschränktheit jener Verleger, die daran zweifelten, daß mit diesem unbekannten Herrn Marcel Proust ein Geschäft zu machen sei. Er^te im Süden. Von Ada N e g r i. Vom Lerchenhause will ich erzählen. Eigentlich heißt es nicht so, aber als ich mitten auf der Landstraße zwischen Perugia und Assisi liegen sah zwischen den wogenden Länderbreiten und dem Hintergründe, von Maulbeerbäumen, so niedrig imb dunkel, schien es mir wie ein Lerchen- nsst. Damals reifte gerade das Getreide, vielleicht war es schon ein wenig verbrannt von der Mittagsglut. So hoch stand es, daß es bis an dis Brüstungen der Gitterfenster reichte. Jetzt ist die Ernte vorbei. Die Garbenbündel haben ein paar Tage in regelmäßigen Abständen auf den Feldern gestanden, jetzt sind sie in riesigen kegelförmigen Mieten aus den Tennen aufgebaut. In der Form unterscheiden sie sich nicht von den Strohmieten, aber ihr Blond ist heller, leuchtender. Manch« haben die Gestalt des Trapezes. Die sehen wir große Meerbarken aus. Schwer senkt sich die Sommerhitze auf die goldige Fülle der Dreschplätze und die verdorrten, nackten Stoppelfelder und Raine. Kein lebendiges Wasserrinnsel ringsum, hier und da ein Baum in dieser Frucht- ebene. Zwischen Bastia und Assisi schlängelt sich der trockene Kiesgrund zweier Flüßchen gleich einer feurigen Zunge. Monate schon dauert die Dürre an. Der Wind jagt die Wolken auseinander, täglich, unfehlbar, unerbittlich. Er gebärdet sich wie ein Wüstensamum. Er fegt die gelben Stoppeln rein, läßt Sand und Staub in Wirbeln sich drehen. Einen Salzgeruch strömt er aus wie der Meerschirokko. Die Grillen zirpen wie toll durch das Brausen, und die trockene, blasse Erde birst mit unheimlichem Knistern. Wenn ich mich zu Boden werse und horche, geht es mir durch und durch. Die Aengste und Spannungen aller Jahrhunderte zittern in mir nach. Wie sind wir doch eins mit der Erde und den irdischen Dingen! Zwischen dem freien Felde und dem Hause liegt kein Gartenland gebreitet, keine blanken Kiespfade führen dorthin. Weder Mauern noch Hecken sieht man, auch keinen Drahtzaun. Gleich beim Hause fangen die Felder an. Der geringe Schatten, den ein paar Pinien und Zypressen spenden, nimmt es nicht aus dem lebendigen Felde heraus. Zwei schnurgerade Straßen, eine nach Süd, eine nach Nord, nehmen hier ihren Ausgang. Sic führen zu andern Landstellen. Da trifft man auf die Meierei des alten Malizia, der reichsten und am besten geführten im ganzen Umland. Dann kommt Morettos, dann Parafeculos, Michios. Seit langen Jahren gehören sie denselben Bauern. Immer findet man da Frauen mit ihren Hausgeschäften im Gange, Kindergewimmel, Männer mit verbrannten Gesichtern und einem offenen Wort auf den Lippen. Wenn sie lachen, kann man Gebisse sehen wie bei Askarinegern. Dazu ein Durcheinander von Gänsen, Hühnern, Enten, Schweinen, Hunden, prachtvollen und geruhigen, hellfarbigen Ochsen. Den Leuten geht es gut. Sie backen ihr Brot im eigenen Backofen, brechen ihre eigenen Oliven vom Baum, trinken den Wein ihrer eigenen Reblauben und gehen zur Viehmesse, um ihr Vieh zu verkaufen. Jetzt, wo die Ernte beendet ist, haben einige schon wieder den Pflug über das Land gezogen, um für die Neusaat zu sorgen. Aber das ausgeüurstete Land ist schwer zu beackern. Da haben sie gleich wieder aufgehört. Und dann ist ja auch mit großer Feierlichkeit und vielem Gepränge die rote Dreschmaschine eingeholt worden. Erst war sie bei Paraseculo. Das gab ein Getöse und Getümmel den ganzen Tag, von morgens um drei bis abends. Dazwischen wurde gesungen und gejuchzt und auch Essen und Trinken nicht vergessen, wie's reicher bei Hofe nicht sein kann. ' Dann kam Beretta dran, heute sind sie beim alten Malizia, eine Meile vom Lerchenhaus weg. Und ihre rote Dreschmaschine, dies Ungetüm, das da zwischen all dem fahlen Gelb aufgetaucht ist, muh man sehen, mit dem breiten, unverschämten Maul. Vom Morgengrauen ab geht das „Maschinen" los. Um Mittag ist schon ein großer Teil des sauberen Getreides in die Säcke gefüllt. Dick zum Platzen werden sie auf der Schulter zum Speicher getragen. Mengen staubiger Spreu fahren am Boden umher und häufen sich auf. Besen und Schaufel fördern sie wog. Oben zieht der Kran die leeren Strohbündel der Reihe nach hoch, die, wie von einem besonderen Willen gelenkt, von oben thronenden Landleuten zu einem großen Würfel ausgetürmt werden. Drei Kornmieten sind bei Malizia zu vermahlen. Schon ist die zweite an der Reihe. Der Schweiß rinnt in dicken Strähnen von den Stirnen und dem Genick der Einbringer, die unablässig abwechselnd die Garbenbündel in den Rachen der Maschine schieben, die ihnen auf der Gabel von Frauen und Knaben zugeworfen werden, die aufrecht auf der Mete stehen. Wie alle ländlichen Beschäftigungen, so wickelt sich auch diese Arbeit taktmäßig ab. Man könnte sie in Musik setzen! Dank der guten Luft, der Sonne und dem Korn läßt sie kein Gefühl des Müdeseins aufkommen. Alles ist freudig erregt und fieberhaft tätig, wenigstens in den Anfangs- stunden. Cs ist ein Glücksraufch! Alle Bauern der umliegenden Güter find anwesend. Daß man sich gegenseitig hilft, ist Landesbrauch. Man geht auf „Ausleih". Ausbleiben wäre einem feindlichen Akt gleichzustellen, grobe Unhöfstchkeit, Kriegserklärung. Zu den Freunden gesellen sich die Werklerinnen. Da steht mitten unter den Einbringern die fast siebzigjährige alte Barila, die mehr Knoten und Rinde angefetzt hat als ein Baumklotz. Um ein paar Lire Verdienst und das Efsen schuftet sie mehr als jeder Mann. Nun ja, ihr Mann ist kränklich und die Tochter ein unnützes Weibsbild. Dies Jahr ist's schon die dritte Maschinendrusche. Dabei lacht und singt sie mit dem zahnlosen Mund, daß es eine wahre Freude ist. Dann ist auch die Vsnrrer-Hilf« da: sie sieht aus wie ein Mann in Weiberkleidern zu Fastnacht. O, sie können etwas aushalten, diese Weiber, wenn sie einmal anfangen. Ein wahres Büffelfell muffen sie haben, und sie ließen sich's stückweise herunterreißen, ehe sie auf den Ernteschmaus verzichten. Nach altem Branche haben inzwischen die Frauen im Hause wahre Wunder verrichtet, die sich auf die Mahlzeit beziehen. Ganze Körbe voll Brot, Kuchen, gebratene Hühner und Gänse und dampfende Schüsseln mit Makkaroni stehen bereit. Weißer und roter Wein fließt in Strömen. Fetter und duftender Schinken sticht in die Nase. Gewöhnlich setzt es vier Mahlzeiten an so hohen Tagen, um sieben, zehn, ein Uhr und abends. Mittags wird vor dem Haufe gedeckt auf langen Tischen. Sonne, Hitze und Müdigkeit legen sich aufs Gehirn. Da verfällt einer auf den Gedanken, auch der braven Dreschmaschine zu trinken zu geben, die da unbeweglich gleißend in ihrem Zinnobergewand und böse, wie alle Maschinen, die nicht in-Tätigkeit find, inmitten des gelben Mittags steht und ein unnahbares, feindliches Gesicht macht. Das eigentliche Festessen finbet aber erst am Abend statt, wenn die letzte Aehre zersprungen, der letzte Sack fortgetragen ist, und die Dreschmaschine endlich schläft oder zu schlafen scheint. All« Verwandten und befreundete Frauen der Nachbarschaft sind herbeigeeilt, um den Frauen des Hauses zu helfen. Hinter den Männern stehen, bedienen sie sie und warten, bis sie mit dem Essen fertig sind un dsie an die Reihe kommen. Die Männer stopfen sich hinein, was das Leder hält. Ueberall mahlende Kiefern und leuchtende Augen. In ihrem angeheiterten Zustande finden manch«, wie Fischia, Turbaluna und Tordo, zwischen Schlucken und Kauen noch Zeit, die Mädchen zu necken und aufzuziehen. Da gibt einer ein Ritornell zum besten. Aber der Gesang zieht nicht. Die Kadenzen sind mißtönend, unrein. Wer weiß, weshalb? Jetzt sind sie alle satt und werfen Stühle und Schemel weg. Man fetzt sich auf den Boden und raucht. Wieder und wieder wird durchgekaut, wieviel Zentner Korn am Tage „geschafft" sind, wie hoch der Preis sein wird, wieviel auf den Gutsherrn und wieviel auf den Pächter entfällt, und der Gewinn und der Verlust. . . Ja, voriges Jahr war's erheblich besser. Diesmal ist das Korn verbrannt und wiegt weniger. Wenn's mit der Trockenheit noch weiter dauert, ist's mit dem zweiten Heu aus. Da und dort sicht map den einen und andern im schwachen Schein einer Oelsunsel Schlaf und Gedanken im Morrafpiel vertreiben. Wieder andere schlafen auf dem Rücken lieaend ein, auch sie, wie Stroh und Spreu von der roten Maschine entkräftet und entnervt. Ihr jetzt schwarzer Umriß hebt sich gespenstisch gegen den Sternenhimmel ab. Die Frauen decken di« Tische ab und verschwinden. Hunde und Katzen nagen im Dunkel Knochen und Krusten unter den Tischen ab. Aus dem Innern des Gehöftes dringt Kinderweinen. Ein Wiegengesang stellt die Ruhe wieder her. Schweigen ... Wie viele Sterne glitzern am Himmel! Wieviel tausendmal mehr als heute Körner aus der Maschine in die Säcke gefallen sind! Keiner der Landleute hat einen Blick zum Firmament geworfen. Wenn es eine Dreschmaschine für die Sterne gäbe, dann vielleicht. Aber die Landleute, Bauern und Kätner, würden Sack für Sack auf der Waage abwiegen und über den Preis herummarkten und sich herumstreiten bis aufs Blut. Das rauhe Dasein, der Kampf ums Leben hat sie so werden lassen, an die Scholle Erde find sie gefesselt. Sie können nicht anders fein, als sie sind. Die Sterne find stumm und glänzen. (Autorisierte Uebertragung aus dem Italienischen -von Dr. Fritz Rose.) Amor schreibt . . . Von Carry Brachvogel. Durch einen Zufall entdeckte ich bei einem Trödler ein kleines Buch in veilchenfarbenem Umschlag. Auf diesem Umschläge sieht man ein weibliches Wesen, nach der Mode der sechziger Jahre gekleidet, das gesenkten Blickes nachdenklich vor einem Briefbogen und einem Tintenfaß sitzt und augenscheinlich gar nicht weiß, was es schreiben soll. Leider hebt die Dame in ihrer Geistesnot die Augen nicht von dem leeren Blatt empor, sonst sah« sie, daß ihr zu Häupten Rat und Hilfe winkt. Da steht nämlich in großen, schwarzen Lettern zu lesen: „Briefsteller für Liebende . . ." Daß es solche Briefsteller gab und gibt, wissen wir alle, aber die weniosten kennen solch vorgedruckte Zärtlichkeitssormulare aus eigener Anschauung. Voll Vergnügen und Wißbegierde erlegte rch daher die 25 Pfennig, die Amors Vokabelschatz kostete, und versenkte mich unverzüglich in das veilchenfarbene Buch mit der rat- und gedankenlosen Dame auf dem Umschlag«. Schon auf den ersten Seiten merkt« ich, daß meine Begriffe über Art und Gemütsverfassung eines amoureufen Briefstellers ganz falsch waren. Ich hatte mir ein Rasen in Leidenschaft vorgeftellt, einen furiosen Rttt Amors auf ungesatteltem Steckenpferde, statt dessen belehrt mich ein kühler und offenbar recht weltkluger Verfasser, daß man ein« „nähere Bekannt schäft erst dann einleitet, wenn man ein Wesen gefunden hat, das durch körperliche und geistige Vorzüge, Rang, Stand, Bermögen oder sonstige materielle Eigenschaften unser besonderes Interesse erregt hat". Bitte zu beachten: Rang, Stand, Vermögen oder sonstige materielle Eigenschaften — kein berufsmäßiger Heiratsvermittler könnte sich niederschmetternder ausdrücken als dieser angeblich für „Liebende" besorgte Herr. Aber der Schlaumeier weiß noch mehr. „Schon bei Personen, die sich nur eben über das Gewöhnliche erheben, darf man nicht mit der Tür ms Haus fallen, selbst dann nicht, wenn bei solchen Personen eine berechnete Spekulation nicht geahnt werden kann. Durch Uebereilung in diesem Punkte hat schon mancher seine sestestgegründeten Hoffnungen in Nichts verschwinden sehen." Also spricht der Liebende. Aber weil er eben ein Schlaumeier ist, weiß er, wie man eine Sache drechselt, ohne daß von „der Spekulation" gleich etwas geahnt wird, und verfaßte zu diesem Zweck „Briefe zur Einleitung einer näheren Bekannt- . schäft". Sie zeigen deutlich, wie sehr man die Gegenwart überschätzt, wenn man meint, daß die in jeder Hinsicht erleichterten Verkehrsmögllch- teiten, der Sport usw., die Annäherung der Geschlechter mehr als früher begünstige. Weit gefehlt! Aus der geringen Reiseroutine, aus dem engeren Gebundensein der Frau ergeben sich Anknüpfungschancen, von denen dcw Rundreisebillett, das Postauto und der Rodelschlitten sich nichts träumen lassen. Da bietet ein junger Herr einer Dam« einen Platz in seinem Wagen an- „Da ich nun zufällig erfahren habe, daß auch Sie, hochgeehrres Frürn lein, an diesem Tage eine Reise nach Berlin antreten wollen, wobei sich für Sie die Notwendigkeit einer Fußwanderung nach O. herausstellt, so erlaube ich mir hiermit gang ergebenst usw. usw." Ein andresmal bietet er ihr einen Reisekoffer an: „Der Zufall hat mich mit dem Umstande bekanntgemacht, daß Sie bei Ihrer bevorstehenden plö zlichen Reise eines Reisekosfers benötigt sind"; ein drittesmal einen Fuhsack, denn „eine weitere Reise im Winter und noch dazu in einem Postwagen, hat für eine Dame immer viel Beschwerliches, um so mehr, wenn das Wetter unfreundlich ist". Speditionsgeschäfte scheinen damals auch noch unbekannt gewesen zu sein, sonst könnten wir mmmer lesen „ein junger Mann bietet einer Dame seine Hilfe beim Transport eines Instrumentes an". Um so unerläßlicher war aber offenbar der männliche Schutz für das zarte Geschlecht, und der spekulative Liebende benützt auch gleich diese gute Gelegenheit und „erbietet sich, eine junge Dame in das elterliche Haus zurückzubringen". Er schreibt an ein „lieber alles hochgeschätztes Fräulein! (Wahrscheinlich ein alter Drache!) Erst gegen Abend habe ich erfahren, daß Sie in großer Sorge sind, wie Sie Ihre junge Anverwandte in das Haus Ihrer Eltern zurückbringen sollen, darum beeile ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich sehr gern bereit bin, das kleine Fräulein unbeschadet nach M. mitzunehmen." Ein paar Zeilen weiter, betrachtet er „das keine Fräulein" fast nur noch wie ein Paket, das durch „Güte" befördert wird. „Wenn Sie daher die Kleine mit Ihrem Paket bereithalten wollen..." Wenn „die junge Dame" das erfahren hätte, die hätte ihm schön heimgeleuchtet! Zuweilen ist der Liebende ganz schlau, pirscht sich, statt an das Mädel, an den Vater an, und formuliert eine „Bitte um Gewährung des Zutrittes in ein achtbares Haus". Er schreibt dem Schwiegerpapa in spe: „Wohlgeborner Herr! Hochgeehrtester Herr Kanzleidirektor! Obschon ich feit längerer Zeit das Glück hatte, meine ehrfurchtsvollen Grüße von Ihnen aufs freundlichste erwidert zu fehen, jo darf ich in meiner Bescheidenheit doch kaum glauben, daß meine Person in irgendeiner Weise Ihr besonderes Interesse für mich erweckt haben könnte." Und dann wird er sentimental: „Mein Chef steht mir als Vorgesetzter kalt gegenüber, meine Mitarbeiter haben ihre eigenen Kreise, in die ich mich nicht hinein- drängen mag", und darum wäre er „hochbeglückt", wenn er den Herrn Kanzleidirektor ab und zu besuchen dürfte. Der angehimmelte Kanzleidirektor entgegnet verbindlich und zugleich prätentiös: „Wenn ich auch noch nicht Gelegenheit gehabt hätte, die vorteilhaftesten Zeugnisse über Ihre Solidität zu vernehmen, so würde mich schon meine Physiognomik belehrt haben, daß ich es in Ihrer Person mit einem sehr achtungswerten jungen Mann zu tun habe." O, Herr Kanzleidirektor, wie oft mag Ihre Physiognomik Sie getäuscht haben! Aber da der junge Vereinsamte mit dem kälten Chef auch Klavier spielt, so betrachten Kanzleidirektors es „als eine freundliche Fügung des Geschickes", ihn kennen zu lernen. (Die Optimisten!) „Wenn Sie uns am nächsten Sonntag mit Ihrem Besuche erfreuen und mit einem Teller Suppe zu Mittag vorlieb nehmen wollen, so werden Sie uns sehr willkommen sein." Den mageren, kanzleirätlichen „Teller Suppe" gönn' ich dem Streber! Hoffentlich muß er dafür auch Klavier hacken, daß er keinen Finger mehr spürt! Nun scharwenzelt er also bei Kanzleirats herum und tauscht mit der Tochter Stammbuchblätter. Er schwefelt: „Dieser Bries enthält das Blatt, welches die Züge Ihrer schönen Hand für mich zum unvergeßlichen Andenken aufnehmen soll", und sie schickt ihm eine offenbar sehr gefühlvolle Sentenz, die leider nicht auf die Nachwelt gekommen ist, und phantasiert zu „vereinten Wünschen", die mir jetzt doppelt heilig sind, da ich weiß, daß sie ein edler Mann in feiner Brust nährt". Außerdem erinnert sie ihn „an unser Gespräch am kleinen Wasserfall" und ihre (offenbar lebhafte) Phantasie „führt mich wieder auf den dunklen Tannenhügel, die Sonne goß ihre letzten Strahlen über das friedliche Tal, in ihrem Gold« walleten die Wipfel der Erlen, die Berg- spitzen standen in Dunkelblau gehüllt in der Ferne, und Kühlung und Ruhe weheten um uns her. Leise Wehmut beschleicht das Herz, und eine Träne entschlüpft unwillkürlich dem trunkenen Auge". Aus diesen nicht mihzuverstehenden, schmachtenden Tupfer hin rast er nun im folgenden Abschnitt: „Wirkliche Liebeserklärungen". Da gehl's also gleich los: „Jlnbetungswüdiger Engel! Als ich Sie zum erstenmal erblickte, hatte der Glanz Ihrer Schönheit mich dermaßen geblendet, daß ich nicht wagte, das Auge aufzuschlagen." Oder: „Angebetete Julie! O, gestatten Sie mir die Kühnheit, Sie schon jetzt bei diesem Namen nennen zu dürfen, der einen so süßen Klang in meinem Herzen hat!" Auch eine „Süße Laura!" gibt es, und „nur Sie von allen Millionen weiblicher Wesen, die auf dieser Erde wallen, sind imstande, die Glut zu dämpfen, die mein ganzes Sein durchdringt". Aber gleich nach der dämpfenden Laura begeistert ihn schon wieder eine „Himmlische Hulda! Ich liebe Sie und werde Sie ewig lieben. Ohne Sie wäre ein längeres Leben eine Last, die Welt eine Einöde für mich." All diese Glut ist jedoch noch lange nicht das Höchste, was der spekulative Liebende zu bkkeuern hat. Denn, während man schon ganz neidisch geworden ist auf diese Huldas und Lauras, verheißt plötzlich Nr. 60 (der Briefe, nicht der Geliebten!): „Liebeserklärung feuriger Natur an eine jugendliche Schöne". Ich muß nun allerdings sagen, daß der Berfasier hier mehr verspricht, als er halten kann — was nach all der vo rau {gegangenen Leidenschaft nicht weiter verblüffen kann. Die „feurige Natur" findet nämlich auch keine größeren Worte als die früheren „wirklichen Liebeserklärungen", es sei denn der Schluß, wo der Verliebte behauptet, daß „diese Liebe mit ihrer Allgewalt für Zeit und Ewigkeit in diamantene Fesseln geschlagen hat Ihren ewig treu liebenden N. N.". Nummer 61 verspricht dann schon im Titel „Liebeserklärung. Etwas ruhiger" eine schöne Mäßigung, während in Nummer 65 leider Alter nicht vor Torheit schützt. „Ein älterer Herr macht einer alleinstehenden jüngeren Dame einen Antrag." Sehr verlockend scheinen die Beaux restes nicht allerdings, die er ihr anbietet: Er spricht eigentlich nur von dem Lebensabend, den sie ihm durch „freundliche Fürsorge" verschönern soll; dagegen „würde es meine größte Pflicht sein, bei den reichen Mitteln, die mir die Vorsehung geschenkt hat, Ihre Zukunft sicherzustellen und Ihnen ein behagliches Leben zu bereiten. Sie würden, mehr als Tochter und Freundin, dennoch durch unsere Verbindung die Rechte einer Hausfrau genießen können, und wenn Sie entschlossen sind, an meiner Seite in innigster Freundschaft mit mir die paar Jahre meines Lebens zu durchwallen (das „Wallen" muh damals epidemisch gewesen sein!), so werden Sie miet) sehr glücklich machen. Ob dieser väterliche Gatte „die jüngere Dame" gleichfalls sehr glücklich gemacht hat, weih ich leider nicht. Folgen etliche „Briefe aus der Ferne", in denen Lerchen, Nachtigallen, Sehnsucht und heiße Tränen eine bedeutsame Rolle spielen. Oder auch verspricht der Liebende: „Wie bald, meine geliebte Wilhelmine, werde ich persönlich um Dich [ein, mit Dir kosen und tändeln können." Kosen und Tändeln — kann man sich etwas Neckischeres vorstellen? Schon aber pfeift der Wind aus einer anderen Richtung und weht ein Kapitel auf: „Unglückliche Liebe." Schon jammert eine ,church Dich unglückliche Henriette": „Heinrich, Heinrich! Gott hörte Deinen Schwur; ich fürchte, daß der Allgerechte Deinen Meineid nicht ungestraft lassen wird! Glaube nicht, daß es Dir gelingt, Dein Gewissen durch rauschende Sinnes- freuben in betäubenden Schlaf zu wiegen! Nein, auch Dir kommt einst die schreckliche Stunde des Erwachens; dann gedenke ewig Deiner Schuld. Gott möge Dir verzeihen, so wie ich Dir verzeihe!" Einer der feinsten Abschnitte des veilchenfarbenen Buches ist dann „Die Sprache des Herzens, die Gefühle der reinsten Liebe in eleganten Wendungen", die einer Alma beteuert: „Ich liebe Dich mit der innigsten Ueberzeugung, daß, auf welche Probe das Schicksal Dich auch stellen könnte, im Innern Deiner Seele stets ein Engel thront, welcher, würde er auch unterdrückt und dem Untergänge nahegeführt, sich doch stets erheben müßte." Trotz des nicht umzubringenden Engels scheint Alma den Mann mit den eleganten Wendungen doch manche harte Nuß zum Knacken gegeben zu haben: „Ich möchte gerne leben, um zu hoffen, aber nicht hoffen, um zu leben, denn was gilt mir das Leben ohne Dich, wo ich zu allen Freudengenüsfen unfähig bin und bleiben werde. Mag der gütige Gott meiner trüben Lage bald eine andere Wendung geben, und wie Dr. Luther einst gesprochen, so spreche auch ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders." Daß ein Verliebter Himmel und Hölle für seine Siebe anruft, ist schon öfters dagewesen, daß einer aber die Reformation dazu bemüht, ist sicher ungewöhnlich und gibt dem Schreiber sozusagen einen welthistorischen Zug. Sollte sich's nicht vielleicht für einen Dozenten der Philologie oder Historie lohnen, seinen Spuren nachzuforfchen und den Schleier seiner Anonymität zu lüften? Das veilchenfarbene Buch stelle ich als Quellenmaterial gern zur Verfügung. Gdi Stehens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Paul lachte herzlich. . „Und das haben Sie zwei Jahre ausgehalten?" spottete Werminghaus. „Ja, und ich habe mich ganz wohl dabei befunden." „Nehmen Sie's weiter nicht krumm, Mariinius. Entweder haben Jäte einen ausgewachsenen Spleen oder Sie sind bemitleidenswert verliebt." „Verlobt!" verbesserte Büsgen. „Mit wem?" .. „Geben Sie sich keine Mühe, meine Herren!" lächelte Paul. „Schade, daß Sie sich wie eine Schnecke verkrochen haben", sagte Büsgen. „Was hätten Sie mit Ihrem Renommierschmiß in der Londoner Gesellschaft für Staat machen können." Paul ging auf den ironisierenden Ton Büsgens ein. „Leider hab' ich's versäumt, mich von Ihnen protegieren zu lassen." „Sei'n Sie doch 'mal nicht so", drang Werminghaus in Paul. „Mit wem sind Sie verlobt?" „Mit einem Engel!" rief Büsgen empfindungsvoll. Paul wurde plötzlich ernst. „Wenn ich verlobt wäre, würd' ich mir's jedenfalls verbitten, daß Sie in diesem Tone von meiner Braut sprechen." „Aber Mariinius, sei'n Sie doch kein Essigtops", begütigte Werminghaus. „Sie lebe hoch!" lachte Büsgen etwas gezwungen. Paul erhob sich und ging. „Dämelak!" rief ihm Stegen nach. „Was sich so'n Kerl einbildet!" sagte Werminghaus protzig. „Soll doch froh sein, wenn wir mit ihm verkehren. Nee, so was! Steward, noch einen Grog" ... Ws die Verlobten, Edi Stevens und Peppi Dornhöfer, sich ihrem Chef vorstellten, sagte dieser in jovialem Tone: „Wünsche viel Glück! Das ist ja alles recht gut und schön, aber nun schreiben Sie 'mal gleich nach München, Fräulein Dornhöfer, daß Ihre Papiere in Ordnung kommen. Langen Brautstand gibt’s nicht. Das führt zu Unzuträ glicht eiten im Geschäft. Die Sache muß prompt efsektuiert werden. Danach richten Sie sich." „Da brauchen wir am End' gar keine Verlobungsanzeigen zu verschicken", meinte Edi. „Das wär' noch schöner", sagte Peppi verletzt. „Kinder, macht das unter euch ab, ich habe zu tun", verabschiedete Herr Mariinius die Brautleute. „Sieh mal einer an," murmelte er vor sich hin, „wie sich das alles glatt abwickelt." Darauf langte er einen Briefbogen aus feinem Pult hervor, setzte sich in Schreibpositur und kritzelte mit seiner spitzen Feder: „Lieber Sohn! Es ist mir sehr angenehm, daß ich Dich bald wieder hier habe. Du weißt, ich spreche nicht gern von mir, allein ich kann Dir doch nicht verhehlen, daß ich immer mehr die Beschwerden des Alters spüre. Ich bedarf im Geschäft einer Stütze und habe mich daher entschlossen, Dich als Teilhaber in die Firma aufzunehmen. Du betrittst Dein Vaterhaus als Chef und damit streichst Du endgültig die Jugendtorheit aus Deinem Kalender, auf die Du in Deinem Briefe anspielst. Die Sache erledigt sich überdies von selbst. Wie ich höre, hat sich Herr Stevens mit Fräulein Dornhöfer verlobt. Ein ganz passendes Paar, es hat meinen Segen. Die Preis kurante verschlingen eine Unsumme Geld. Da sich jetzt jeder Iahrg bist ein wortbrüchiger armer Teufel!" VI. mals hoch'" „Ich bitt' schön, Edi! Wir haben am Tag im Gefchaft IF*ä,“L Rach dieser glänzenden oratovischen Leistung proklamierte der Repetent Kreuz. Red' daheim von was anderem. Wan wird sonst ganz rawai ein donnerndes „Initium fidelitatis!“ „Und wenn will keinen Vater Bestes wäre, haben es «r- ich's Teil Indes die Hochzeitsgesellschaft in einem Meer von Fröhlichkeit schwamm und bis in dis späte Nacht hinein zechte und jubilierte, stand Herr Mar- tinius, den Kopf vornübergebeugt, an seinem Arbeitspult und hielt in „Du hast Dich von deinem wilden Blut in di« Aufregung treiben lassen. Du wirst's bereuen. Deinem Vater gegenüber eine solche Sprache gebraucht zu haben. Nimm Vernunft an und komme zurück." Wenn Dir's ein Dorn im Auge ist, dem Stevens irni) seiner Frau hier zu begegnen, will ich ihnen kündigen. Das ist mein gutes Recht. Du weiht, wie ich den Klatsch der Leute scheue. Was wir miteinander haben, braucht nicht an die Oeffentlichkeit zu kommen. Versündige Dich nicht an Deinem Vater, dem nur Dein Glück am Herzen liegt. Ich bitte Dich, kehre zurück. Erst als er den Brief besorgt hatte, ward er ruhiger. Um Mitternacht suchte er todmatt sein Lager auf. . Tage, Wochen vergingen, Paul schwieg. Herr Martimus lieh dem ersten Brief einen zweiten, dem zweiten einen dritten folgen. Keine Antwort. Er wandte sich an die Herren Herbst Brothers. Diese lehnten eine Vermittlung mit der Begründung ab, Mr. Paul sei Herr seiner Entschlüsse, und sie erachteten es nicht für angemessen, in eine Sache einzugreifen, d», wie es den Anschein habe, einen durchaus privaten Charakter trage. Mr. Paul erfülle bei ihnen im vollsten Maße seine Pflicht, und es freue sie, seins Kraft ihrem Geschäft erhalten zu wissen. Herr Ma.rtinms brach zu- sammen. Seine Zukunftspläne waren zertrümmert, er hatte ein Leben lang umsonst geschafft, sein Sohn war ihm verloren. Und em tödlicher Haß erfüllte ihn gegen die Buchhalterin. Sie war im Grunde genommen an allem Unglück schuld. Am liebsten hätte er sie auf und davon gejagt. Jin Geschäft behielt er zwar die Disposition, allein er griff nicht mehr selbst zu, und die ganz« Arbeitslast ruhte auf Edis Schultern. Wenn der Alte langsam in gebückter Haltung über die Straße schlich, blieben die Leute unwillkürlich stehen, und einer sagte zum andern: „Seh'n sie mal den Mar- tinius an. Mit dem geht's stark abwärts. War sein Leben lang ein Knicker und Knauser. Für wen? Er nimmt nichts mit. Ein reicher Monn und cm j man nich Vzusammen ’ eingepaßt | was das j und viert | Nova vor! wackre H i Unter des . meine, fit So ist Eigeni i Pistols n > schon erst wenn ehe ' tun soll: i Dann weiß, wie nicht, unk --Letzter es und wl fahren, daß tni ihn um seine Liebe schnöde betrogen hast!" „Rein, Paul," stöhnte der Alt«, „den Schimpf wirst du deinem nicht antun. Wie kannst du meine Güte so verkennen? Ich habe dein gewollt, so wahr mir Gott helfe!" Mühsam hielt er sich aufrecht. Es war keine Minute zu verlieren. Er mußte ihm schreiben — sofort. Mensch!" „Rein, nein, tausendmal nein!" gab er zurück, hab' ich's allein mit meinem Sohn abzumachen." „Aber dein Sohn sagt sich von dir los, er an deinem Mammon. Er meidet dein Haus, und alle Welt soll Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. - Druck und Verlag: Vrühl'sche D.niversitäts.Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen- Kopf. Gelt, das siehst doch ein? , . Gewiß sah er das ein und er verwünschte sein« Ungewandtheit, holte er seine Bücher herbei. (Fortsetzung folgt.) . Von dem Augenblick an, da Herr Martinius den Brief seines Sohnes entsiegelt, sah er sich von einem Gespenst verfolgt, das ihm unaufhörlich zuraunte: „Du bist ein wortbrüchiger Mensch!" Vergeblich, daß er all sein« Willenskraft aufbot, seiner Erregung Herr zu werden. In der Kirche hatte ihn ein Schwindel gepackt und er hatte sich nicht stark genug gefühlt, an der Hochzeitstafel auszuharren. Jetzt im stillen Gelaß suchte er feine Gedanken zu ordnen. Was hatte er denn verbrochen? Weil er seinen Sohn vor einem unglaublich törichten Streich bewahrt, beschuldigte ihn dieser des Wortbruchs? Was erschütterte ihn denn so gewaltig? Es war sein Sohn, der ihn anklagte, sonst niemand. Wer konnte ihm denn etwas anhaben? War er nicht sein Leben lang ein reeller Mann? Wog er nicht jedem, der da kam, seine Sache ehrlich zu? Hätte er's vermocht, einen Menschen um einen Pfennig zu bringen? Sein Name war geachtet weit und breit. Kein Makel ruhte auf der Firma. Wer wollte es wagen, dagegen aufzutreten? Gewaltsam stemmte er sich gegen die Gewissensangst, die ihn den ganzen Tag über schon gepeinigt hatte. Er schritt energisch in seinem Kontor auf und ab, und er schien die Kraft gewonnen zu haben, di« finsteren Geister zu bannen, die ihn folterten. Da klang es wieder wie von unsichtbaren Stimmen an sein Ohr: „Du l'st " ' “t1? Im Nordoieriel der Stadt, das noch wenig bebaut rrxir, hatte Edi nut feiner jungen Frau eine kleine Wohnung bezogen. Die Einrichtungskosten waren gering, weil Edi das Mobiliar aus der Verlassenschaft seiner Eltern in die Ehe brachte. Frau Dornhöfer hatte ihrer Tochter eine anständige Aussteuer mitgegeben, so daß Herr Martinius zu seiner Befriedigung nicht in den Geld sack zu greifen brauchte. Nun saßen die Leutchen int warmen Nest, aber ihr Zusammenleben gestaltete sich doch ganz anders, mi« &oi sich's in seiner Phantasie ausgemalt hatte. Tagsüber nahm sie das Geschäft in Anspruch, in dem sie beide eine verantwortungsvolle Stellung verleideten. Svät am Abend kamen sie nach Hause, und Peppi suhlt« I'ch dann meist 'so abgespannt, daß keine rechte Gemütlichkeit in der neuen Häuslichkeit aufkommen wollte. Edi war überzeugt, daß er daran Ichuw fei. Er überhäufte seine Frau mit kleinen Aufmerksamkeiten. freundlich lächelnd hin, aber sie erwiderte sie nie mit einer Zarmnp.i, nach der der junge Ehemann lechzte. Er zerbrach sich den Kopf,, wie er 1 abends am besten unterhalten könne. Da sein Jdeenkreis ntcht rw»r snne Beruf hinausging, sprach er beim Essen zuweilen von geschaftu-W Dingen. Dann unterbrach ihn Peppi: ,Jch bitt' schön, Edi! Wir haben am Tag im Geschäft genug uns^ feinen zitternden Händen einen Brief, den ihm die Vormittagspost von London gebracht hatte. Der Brief war von Paul. „Erst jetzt, nachdem ich Stevens Brief gelesen, durchschaue ich den sauberen Händel. Du hast Dein Spiel mit mir getrieben, mehr noch, Du hast Dein Wort gebrochen! Stevens und Peppi Dornhöfer waren Marionetten in Deinen Händen, Du hast sie einfach zusammengekuppelt. Ich »ediere kein Wort mehr 'darüber. Nur soviel noch: ich verzichte ein für allemal auf die Teilhaberschaft an Deinem Geschäft. Ich kehre nicht wieder zu Dir zurück, fortan sind wir geschieden." darauf legt, stehe ich vor der Frage, ob wir die Druck- und Ver- fendungskoften nicht sparen und dafür einen ständigen Reifenden engagieren. Wir wollen das später überlegen. Sage den Herren Herbst Brothers meine Empfehlung. End« des Jahres erwarte ich Dich gesund zurück und verbleibe Dein treuer Vater ., „ „ . „ Joh. Emmeruy Martinius. * Eine der zierlichen Verlobungskarten, auf denen Edi mit großem Stolz feinen und feiner Peppi Namen in gotischen Lettern prangen sah, hatte der glücklich« Bräutigam nach London geschickt. Aber Tag um Tag wartete er vergeblich und mit wachsender Unruhe auf des Freundes Glückwunsry. Unter mannigfachen Vorbereitungen zur Hochzeit flogen die, Wochen dahin. Von Paul kam keine Nachricht. Ein Schatten fiel auf Edis Gluck. Er grübelte hin und her, sich Pauls Schweigen zu deuten, und es war ihm Bedürfnis, dem fernen Freund sein Herz auszuschütten: „Lieber Paul! Die andere Woche ist mein Hochzeitstag. Manchmal könnte ich aufjauchzen, aber dann legt es sich wieder wie ein Alpdruck auf mich. Du bist mein Fretind und hast keinen Glückwunsch für mich gehabt. Damit haft Du mir sehr weh getan. Die Karte an Dich könnte ja verloren- qeqangen sein, allein Dein Vater hat Dir doch auch die Verlobung mit« geteilt. Ich bitte Dich inständig, sage mir, daß Du an meinem großen Glück Anteil nimmst. Sonst fehlt mir etwas und ich kann nicht recht froh werden. Was ich bin, habe ich Euch zu verdanken. Dein Vater hat sich sehr edel gegen mich benommen. Ich bin nun einmal ein bißchen schüchtern von Natur und hätte nie den.Mut gehabt, um die Peppi anzuhalten. Dein Vater hat das vorausgesehen. Er hat wirklich ein Herz für seine Leute. Vorher besprach er alles mit mir, wahrhaft väterlich! Dann verstand er es förmlich zartfühlend einzurichten, ja wir : waren verlobt und wußten nicht wie. Ich bekomme die hefte Frau. ] Gestern waren wir auf dem Grab der Ellern. Wenn sie das noch erlebt , hätten! Frau Dornhöfer trifft morgen von München ein. Das Essen : ist im „Schwan". Ich teure jetzt immer auf den Postboten, ich meine, es muffe ein Brief von Dir kommen. Das wäre mein schönstes Hoch- zeitsaeschenk. Dein treuer Edi Stevens." . . . Die Hochzeitsgäste waren in der Kirche versammelt, das Brautpaar trat an den Altar. Während der Zeremonie ereignete sich ein Zwischenfall. Herr Martinius fühlte sich plötzlich so unwohl, daß er das Gotteshaus verlas en mußte. Zwar erschien er spater beim Hochzeitsessen, aber allen siel seine fahle Gesichtsfarbe aus. Den teilnehmend Fragenden erwiderte er- Macht doch nicht gleich aus einer Mücke einen Eelefanten. Meine alte Kopfgicht ift’s, weiter nichts." Dabei war's ihm selbst nicht recht geheuer, die Speisen, die man ihm vorsetzte, berührte er kaum und empfahl sich bald Rim kam erst Lebei in die Gesellschaft. Der Repetent, der schon beim Braten einen kleinen Schwips weg hatte, übernahm es in Vertretung : des Handelsherrn, das junge Ehepaar zu feiern. Mit einem riesigen Hausschlüssel entlockte er feinem Glase einige rhythmisch gehaltene melodische Klänge, erhob sich gravitätisch, zupfte nachdenklich seine grauen Bartkoteletten und sprach: „Hochverehrte Festversammluwg! Ich bin Jurist. Das wissen Sie. Ich halte es daher für notwendig ! Sie von vornherein der Besorgnis zu entheben, als ob ich Ihnen nach soviel guten Dingen, die wir hier gegessen haben, noch ein Ragout von Handels- und Wechselrecht vorsetzen wollte. Seitdem ich Spezialist m der Behandlung einer weitverbreiteten Krankheit, des Examensfiebers, geworden bin, ist es mein unerschütterlicher Grundsatz, außerhalb meiner vier Wände nicht mehr Fach zu simpeln. Aber dennoch kann ny nicht umhin. Ihnen zu bemerken, daß an uns Juristen aus der alten Schule bei dem allgemeinen Sinken unseres Rechtslebens fetzt mehr denn je die Verpflichtung herantritt, das ideale Element in unserer । Wissenschaft hochzuhalten. Ich für meine Person gehe noch weiter. Ich mache Ihnen das ehrliche Geständnis, daß ich auch im sozialen Leben immer auf der Suche nach idealen Menschen bin. Leider mit geringem Erfolg. Um so mehr gereicht es mir zur Freude, hier konstatieren zu können, daß ich auf ein Exemplar des genius homo gestoßen bin, das das Attribut „ideal" im wahrsten Sinn« des Wortes verdient. Es ist niemand anderes als unser lieber Stevens, dem Hymen heute die Fackel schwingt. Er hat sich seinen Idealismus sozusagen mitten unter Hermgs- tonnen und Petroleumfässern erobern müssen. Das will etwas heißen. Ich habe nun jahrelang gleichsam aus der Vogelperspektive ein kleines niedliches Geschöpf beobachtet, das in seinem wackeren Streben, in seiner tüchtigen Art ganz dazu angetan schien, sich unferm lieben Stevens als treue Gefährtin zu gesellen. Zwei Flammen glühten nebeneinander,,sie züngelten hin, sie züngelten her. Mir war es keinen Augenblick zweifelhaft, daß diese Flammen einmal zusammenschlagen würden.,Und letzt ist zur herrlichen Tat geworden, was ich prophetischen Geistes vorausgeahnt habe: Peppi Dornhöfer und Edi Stevens haben den Bund jurs Leben geschlossen. Meine lieben Neuvermählten! Ich gebe Ihnen einen aufrichtigen Wunsch mit auf den Weg: Bleiben Sie die,— wie soll ich sagen — die Sonnenmenschen, die Sie sind. Kreisen Sie , heiteren Gemütes um die große Jdeal-Zentralfonne und lassen Sie sich , durch den Realismus der modernen Welt nicht aus Ihrer Lichtbahn drängen. Sie aber, verehrte Anwesende, bitte ich, die Gläser mit Nektar zu füllen. Sehen Sie, wie er schäumt und perlt. Das sind Jdealperlen, die einen Strahlenkranz um die Häupter unseres lieben Paares schlingen. Stimmen Sie mit mir ein in den Rüf: Unser Jdealpaar lebe hoch, hoch und noch- Jrgeni dachte, m und ruht Deckel: „5 laucht zu Daniel vc ich mufft, Hauptstad HuMenkr öffnet bas .allmodisch spielen lä