ttS Jahrgang 192Z Samstag, den 6. August Nummer 62 >er. - en. feit ber aus das dm die ent» und vas »en, gen anz und So ihr >ei ht ich en; mir om und ade !is mch und les, mch die vor hlet ie's tten ifen (tut si« vch» ssen chd' Öckl >rn US» M- och' feit ob uw da ar da etn nü Ite tze ree otl ier itt, he- te, es« rm nir nfc Natürlich verkehrte er vornehmlich in den deutschen Kreisen in Paris und mit den ihnen nahestehenden Franzosen, wie Frau v. Ttael, die ihn in ihrem berühmten Buche „De l'Allemagne“ (1810, Teil 3, Kap. 10) lobend hervorhob, und mit ihrem Freunde Benjamin C o n st a n t. In Paris sand er auch Chamisso wieder und lernte A.W.Schlegel kennen, den er von einer gefährlichen Krankheit heilte, ebenso dessen Bruder Friedrich Schlegel und seine Gattin Dorothea, di« Tochter Moses Mendelssohns, und beider Mitarbeiterin Helmine v. Chäzy, die durch bas Textbuch zu Webers „Euryanthe" bekannt ist. Im Sommer 1811 ging er mit der Marquise de Custine und ihrem Sohne Astolphe, dem späteren Schriftsteller, auf Reisen nach der Schweiz und nach Italien, wurde dort von Napoleons Zusammenbruch überrascht und in die Kriegswirren hinemgertssen, bot dann von Wien aus dem Vaterlande seine Dienste an und wurde durch Wilhelm v. Humboldt, dessen Gattin Karoline eine leidenschaftliche Zuneigung für ihn faßte, dem preußischen Staatskanzler Fürst v. Hardenberg zugefllhrt und kehrte im Sommer 1818, im Gefolge der Alliierten, als Leibarzt Hardenbergs und des preußischen Hauptquartiers, nach Paris zurück, wo er „unermüdlich tätig im Lazarettwesen mar", daneben aber noch Zeit zur Veröffentlichung seiner bereits genannten „Lyrischen Gedichte" fand, die schon durch den Druckort merkwürdig sind. Dann folgten Jahre fruchtbarer und einflußreicher Tätigkeit in Berlin, die aber mehr durch fremde als durch eigne Schuld, durch falsche Freunde und vor allem durch die traurigen Familienverhältnisse im Hause des Staatskanzlers, mit seinem Sturze endeten. Im Herbst 1822 kehrte er endgültig nach Paris zurück, um sein Leben als Weltmann und Modearzt wieder aufzunehmen. lieber sein dortiges Leben gibt es zahlreiche fesselnde Aufzeichnungen in zeitgenössischen Memoiren und Briefen und sogar «in Bild, bas ihn im Salon der Malerin und Schriftstellerin Virginie A n c e I o t während einer Rezitation der Tragödin Rachel zeigt. In der Mitte des Bildes sitzt der greife Chateaubriand und die einst gefeierte Madame R6- eamier, ihm gegenüber B e y le-Stendhal; unter den Gästen er» blickt man ferner den Geschichtsschreiber d e Tocqueville und den russischen Dichter Turgeniew. Aber das Bild stellt nur einen kleinen Ausschnitt aus Korefss Bekanntenkreis dar. Zu Beyle-StendhÄ kommen dessen Freunde, vor allem die Brüder Müsset und Prosper Märimäe, der groß« romantische Maler Delacroix und der Philosoph Victor Cousin, ferner Balzac, mit dem er sich später verfeindete, di« Häupter der französischen Romantik, Hugo und Dumas, der Aegyp- tologe Letronne und der große Naturforscher Cuvier, ber sich Koreffs hochherzig annahm, als der Neid der Pariser Aerzte ihm seine Praxis unterbinden wollte. Di« Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Vor allem aber verkehrte Koreff in feen Kreisen der in Paris ansässigen Deutschen, deren Haupttreffpunkt der Buchladen von Hei belass und Campe in der Rue Vivienne war. Hier ist vor allem Alexander von Humboldt zu nennen, der sein halbes Leben in Paris verbrachte und ein internationales Ansehen genoß, wie es vor ihm nur ßeib niz gehabt hatte. Besonders eng gestalteten sich Koreffs Beziehungen zu Meyer» beer, dem er di« Pforten der Großen Oper erschloß, und zu dessen kleinerem Bruder, dem Dramatiker Michael Beer, den er schon in Berlin in fein Herz geschlossen hatte. Als Heinrich Hein« 1831 nach Paris kam, ebnete er auch ihm die Wege und blieb fein hilfreicher Freund und Arzt, und Heine duldete es nicht, daß man Uebles von Koreff sagte ober schrieb. Beide kannten sich schon aus Berlin, aus dem Salon der Rahel Varnhagen, und Heine hatte Koreffs Versspiel „Aucassin und Nico- lette", das kurz vor Koreffs Scheiden aus Berlin als romantische Oper im Königlichen Theater aufgeführt worden war, glänzend besprochen und sogar mit einem Sonett gefeiert, das im „Buche der Lieder" steht. Ein neuerer Forscher*) hat darauf hingewiefen, wie stark der Einfluß dieses Versspiels auf Heines eigene Lyrik war. Zu wirklichen Freunden wurden beide aber erst in Paris, trotzdem ihre politische Meinung stark ausein- anberging, denn Ko reff ist zeitlebens Monarchist geblieben und hat sich mit Stolz conseiller intime du roi de Prusse genannt. Geistig jedoch standen beide sich sehr nahe, denn beide wurzelten in ber deutschen Rw mcmtik, Koreff als naturphilosophischer Arzt und Heine als Dichter. Uno was Heine als bie große Aufgabe feines Lebens betrachtete, die Brück« zwischen dem geistigen Deutschland und Frankreich zu schlagen, das hat auch Koreff schon lange vor Heine ins Werk gesetzt. Insofern gehört auch er in die große Reihe, di« von Frau v. S t a e l, A. W. v. Schlegel und Billers aus geht. Ein besonderes Verdienst erwarb Koreff sich, indem er feinen 1822 verstorbenen Freund E. Th. A. Hoffmann in Frankreich bekannt machte. Er war in Berlin einer der tätigsten „<5eraptonsbrüber" gewesen; als Vinzenz lebt er, sprechend gezeichnet, in Hoffmanns „Sergpicnsbrübern" fort, aber auch in feiner Novelle „Das öde Haus" (1817) ist er „der Dr. K„ *) H. Uhlendahl in „Fünf Kapitel über H. Heine und E. Dh. A. Hoffmann", Berlin 1919. er m, ir: ar Koresf in Paris. Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowf ki. Wer ist Koreff? wird man fragen. „Der geistreichste Deutsche, den ich kennengelernt habe", sagt ein französischer Politiker, ber General L a» margue. Und Fürst Talleyrand: „Dr. Koreff ist eine Fundgrube des Wissens. Er versteht alles, selbst etwas Medizin." Ein nicht minder hochmütiger Geistesaristvkrat, Beyle- St endhal, stellt ihn unter die ersten Geister seiner Zeit. Und doch ist Koreff so gut wie vergessen. Ein paar Notizen bei Ooebete, bei den Biographen E. Th. A. Hoffmanns, Heines und Rahel Varnhagens, ein paar einseitige Urteile Treitschkes und zwei neuere gelehrte Werk«, durch die fein Charakterbild verzerrt schwankt — das ist alles. Man muh sich schon in die Briefe und Memoiren der Zeitgenoffen vertiefen, in Archiven stöbern, um unmittelbare Spuren von ihm zu finden, und ba zeigt sich, daß Koreff überall bekannt war, in Berlin wie in Wien und Paris, in den Salons ber vornehmen Welt wie in den Kreisen ber geistigen Auslese, in den Amtsstuben der Behörden wie an den Tafeln ber Genußmenschen. Er war berühmt als Arzt und „Magnetiseur", als Leibarzt und Günstling des Fürsten Hardenberg, bekannt als Dichter, Uebersetzer und Schriftsteller, als Professor an ber Universität Berlin und als Geheimrat in der Staatskanzlei wie als Serapionsbruder E. Th. A. Hoffmanns. Kurz, er war einer der vielseitigsten Menschen, ein .Brennpunkt vieler geistiger und praktischer Strebungen, und zugleich einer der hilfreichsten Menschen. Durch Beyle-Stendhal bin ich schon vor zwanzig Jahren angeregt worden, feinen Spuren zu folgen, und ein neues französisches Buch „Le docteur Koreff“ von Marietta Martin hat mich bestimmt, meine Studien fortzusetzen und abzuschließen. Sie werden im Herbst in Gestatt einer Lebensbeschreibung und Urkundensammlung erscheinen. Hier möchte ich nur auf das Buch von Marietta Martin eingehen, das sich im wesentlichen mit Koreffs Leben in Paris befaßt, und es nach der deutschen Seite ergänzen, denn Koreff blieb in Paris ein Deutscher und ein „Preuße bis ins Mark", wie ein französischer Forscher ihn nennt. David Ferdinand Koreff war 1783 als Sohn eines angesehenen jüdischen Arztes in Breslau geboren und hat die größere Hälfte feines Lebens in Paris verbracht. Als junger Arzt kam er 1803 nach Berlin und bildete dort den geistigen Mittelpunkt des Varnhagen-Chamisfoschen Freundes- freifes, aus.bem jene drei Musenalmanache hervorgingen, die den ersten Hahnenschrei der Berliner Romantik darstellen. Dann vollendete er feine Ausbildung in Paris und wurde dort — nach CH amifsos Wort — „ber, vornehme deutsche Modearzt". Außer feinen Studien und feiner /•Wim Tätigkeit fand er noch Zeit zu einer Verdeutschung des Tibull D810), die Goethes Beifall fand, zu einem kornischen Operntext „Don Tacagno , ber 1812 in Berlin in der Vertonung Friedrichs v. Drie - berg öfter aufgeführt wurde, und zu zahlreichen literarischen Arbeiten, von denen aber nur eine gelehrte Arbeit über eine Dauch-maschine, bie fein Freund Drieberg erfunden hatte, und eine Reihe lyrischer Gedichte erhalten sind, die teils in Koreffs „Lyrischen Gedichten für Freunde" (Paris 1815) veröffentlicht wurden. Abenddämmerung. Von Heinrich Heine. Am blassen Meeresstrande saß ich gedankenbekümmert und einsam. Di« Sonne neigte sich tiefer und warf glührot« Streifen auf das Wasser, und die weißen, weiten Wellen, von der Flut gedrängt, schäumten und rauschten näher und näher — ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeisen, ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen — mir mar, als hört' ich verscholl'ne Sagen, uralte liebliche Märchen, die ich einst als Knabe von Nachbarskindern vernahm, menn mir am Sommerabend auf den Treppensteinen der Haustür zum stillen Erzählen niederkauerten mit kleinen, horchenden Herzen und neugierflugen Augen; während die großen Mädchen neben duftenden Blumentöpfen gegenüber am Fenster saßen, Rosengesichter, lächelnd und mondbeglänzt. Siebener ^amilknblütter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger er» ein rm ber ng. wr nst berühmt durch seine Behandlung und Heilung der Wahnsinnigen, durch sein tiefere- Eingehen auf das psychisch« Prinzip, meines sogar oft körperliche Krankheiten hervorzubringen und wieder zu heilen vermag . Sv erschien Koreff denn auch den Parisern als leibhaftige Verkörperung Hoffmann eher Gestalten, und inan dichtet« ihn als „medecin hoit- mannique“ an. Niemand war daher berufener, dem jungen loe e l" m a r s bei seiner Uebersetzung von Hoffmanns Werken (1829—1833) zu helfen und ihm die Umwelt des Dichters zu erklären. Wenn seitdem Hoff- marmsche Gestalten selbst im französischen Schrifttum auftauchen (so der Musiker Schmucke in Balzacs Novelle „Une kille dEve“), wenn Hoffmann in Paris einen lange währenden Nachruhm erlebte, der feinen letzten Ausdruck in Offenbachs Oper fand, wenn Hoffmann, neben Goethe und Heine, den Franzosen bis heute als typischer Vertreter des deutschen Geistes erschien, so hat Koreff erheblich dazu beigetragen. Aber damit ist Koreffs Mittlertätigkeit nicht erschöpft. Er erlief) einen „Aufruf an Deutschlands Aerzte", ihm die neuesten Ergebnisse ihrer Wissenschaft -mitzuteilen, und er veröffentlichte diese Angaben dann in einem französischen Fachblatt. Er half Philarste Chasles bei feiner Studie über Rahct Varnhagen, führte den jungen Philosophen Moritz C a t r i e r e in Paris ein und nahm sich wahrhaft rührend des launischen uni) scheuen Grillparzer an, als dieser 1836 nach Paris kam. Bei seinen engen Beziehungen zu Heine und zu Meyerbeer ist er auch sicherlich in Beziehungen zu R. Wagner getreten, als dieser vergebens fein Glück in Paris zu machen suchte. Leider läßt uns Wagners Selbstbiographie in dieser Hinsicht im Stich, aber sein Schweigen braucht uns nicht zu verwmidern, denn auch Grillparzer hat Koreffs Namen in seiner Lebensskizze verschwiegen; nur in seinen Tagebüchern erkennt er dankbar an, was dieser für ihn in Paris getan hat. Dagegen besitzen wir zum Gluck einen Brief von Franz Liszt an Koreff, aus dem sich ergibt, daß beide viel bei Marie Duplessis verkehrt haben, dem Urbild der durch den jüngeren Dumas und durch Verdis unsterbliche „Traviato bekannten Kameliendam«. Korsff war lange ihr Arzt und sr;chte sie umsonst durch eine Gewaltkur von der Schwindsucht zu heilen. Nach ihrem Tode hatte er einen ärgerlichen Prozeß mit ihren Erben um sein ärztliches Honorar, der zur Sensation ausgebauscht wurde und seine Wellen bis in die Berliner Zeitungen schlug. Man vertauschte die Akten, hängte seiner Forderung (1400 Franken) eine Null mehr an, kurz, man sucht« den „preußischen" Konkurrenten soviel wie möglich zu schädigen, was auch aufs beste gelang. Liszts Brief ist eine Ehrenrettung für Koreff, die freilich zu spät kam, denn das Fehlurteil des Pariser Gerichts war bereits gesprochen. Nicht so unschuldig war Koreff in einem anderen Sensationsprozeß gegen den Herzog von Hamilton, der ein paar Jahre vorher gespielt hatte. Er und ein Hilfsarzt hatten in monatelangen Anstrengungen eine „magnetisck-e" Wunderkur an der aufgegebenen Tochter des englischen Herzogs, Lady Lincoln, vollbracht. Als sie aber genesen war, verschloß man Koreff die Tür und reiste ab, ohne das -Honorar zu bezahlen. Durch diese Behandlung erbittert und durch häusliches Unglück — eine Fehlgeburt, die seine Frau tat —, verwirrt, ließ Koreff sich von seinem Anwalt zu einem unsinnigen Schritt verleiten. Er klagt« ein Honorar von 400 000 Franken ein und ließ Graf Lincoln bei seinem Wiederersche-inen in Paris verhaften. Der Prozeß wirbelte ungeheuren Staub auf und führte zur Verurteilung Koreffs und seines Gehilfen. Sein Ansehen sank seitdem rasch, und der Prozeß mit den Erben der Kameliendam« gab ihm den Rest. Dann kam die Revolution von 1848 mit ihren wirtschaftlichen Folgen; die Honorare mürben nicht mehr gezahlt, die Patienten blieben aus. Versuche, durch Berliner Zeitungsbericht« Geld zu verdienen, schlugen gleichfalls fehl, denn auch hier blieb man ihm die Honorare schuldig. Um das Unglück vollzumachen, verlor er noch seine kleine preußische Pension, und seine Schwester starb, ohne ihr Testament zu unterzeichnen, worin sie ihn reich bedacht hatte. Kurz, sein Alter war Not und Sorge und der Tod eine Erlösung. Sein Altersgenosse Beyle-Stendhal, der neun Jahre vor ihm gestorven war, hatte sich stets einen raschen und schmerzlosen Tod gewünscht, und dieser Wunsch war ihm erfüllt worden. Auch Koreff starb plötzlich am Schlag«, am 15. Mai 1851, mitten zwischen zwei Krankenbesuchen. Sein« Witwe blieb in verzweifelten Umständen zurück; seine Möbel und Instrumente, seine kostbare Bibliothek wurden um einen Spottpreis losgeschlagen, und was die rückständigen Honorare betraf, so sagte der Anwalt der Witwe achselzuckend: „May bezahlt die Aerzte schon bei Lebzeiten nicht; wie viel schwerer ist es, die Honorare nach ihrem Tode einzutreiben " Die Pariser Presse widmete ihm einige Nachrufe, von denen aber nur der von Philarete Chasles im „Journal des Debats“ verständnisvoll auf fein Wesen und Wirken einging. In Deutschland war er schon nahezu vergessen. Auch ein schöner Nachruf seines Jugendfreundes Varnhagen, aus dem später dessen liebevolles „Biographisches Porträt" (1871) hervorging, vermochte nichts daran zu ändern. Erst neuerdings ist Koreff unwürdiger Vergessenheit entrissen worden. Aber auch das neueste französisch« Buch von Marietta Martin steht noch teils im Banne alter Vorurteile, die nur durch gründliches Quellenstudium zu widerlegen sind. Immerhin zeigt diese Veröffentlichung, daß man Koreffs Bedeutung auch in Frankreich zu erkennen beginnt, und in der Tat gchört er zu den eigenartigsten Erscheinungen, sowohl im Berlin der Biedermeierzeit wie im Paris der Restaurationsepoche und des Bürgerkönigtums. Die Eroberung Mexikos. Von Egon Friedell. Als Hernan Cortez im Jahre 1519 den Boden Mexikos betrat, fand er dort eine hochentwickelte, ja überentwickelte Kultur, die der europäischen weit überlegen war; als Weiher und Katholik vermochte er sich jedoch nicht zu dem Gedanken zu erheben, daß Wesen von anderer Weltanschauung und Hautfarbe ihm auch nur ebenbürtig seien. Es ist tragisch und grotesk, mit welchem Dünkel diese Spanier, Angehörige der brutalsten, abergläubischsten und ungebildetsten Nation ihres Weltteils, eine Kultur betrachten, deren Grundlage sie nicht einmal ahnen konnten. Gleichwohl läßt sich der Gestalt bes Cortez eine gewisse Größe nicht absprechen; er war zwar ein Equistador -wie alle anderen: roh, verschlagen, gierig und ohne höhere moralische Hemmungen, aber es fehlte ihm nicht an planvollem Mut, politischer Klugheit und einer gewissen primitiven Anständigkeit; auch tat er nie etwas aus bloßer Blutgier, ja, er hatte sogar einen gewissen Abscheu gegen das Blutvergießen, wie er ja auch die Schlachtopfer der Azteken äbgeschafft hat: vielleicht die einzige eines Kulturmenschen würdige Handlung, die im Laufe der ganzen spanischen Cönq-uista begangen worden ist. Seine Umgebung bestand jedoch mit wenigen Ausnahmen) 5u denen vor allem die Geistlichen gehörten, aus Subjekten niedrigster Kategorie, Rowdys und Verbrechern, die ihr Mutterland ausgestoßen hatte: deklassierten Spaniern, also dem Abschaum des Abschaums des damaligen Europas. Das Motiv der ganzen Expedition war ganz gemeine Goldgier: „Die Spanier", sagt Cortez nicht ohne eine gewisse überlegene Ironie zu dem Statthalter, den ihm Kaiser Montezuma entgegenschickte, leiden an einer Herzkrankheit, gegen die Gold ein besonders geeignetes Mittel ist." Di« Kultur Mexikos haben wir uns ungefähr auf einer Entwicklungsstufe vorzustellen, die von der der römischen Kaiserzeit nicht allzuweit entfernt war. Sie war offenbar schon in jenes letzte Stadium getreten-, das Sp-mgler als „Zivilisation" bezeichnet und das durch Großstadtwesen, raffinierten Komfort, Imperialismus, autokratische Regierungsform, Massigkeit der Kunstbauten, gehäufte Ornamentik, ethischen Fatalismus und B-arbarisierung der Religion charakterisiert ist. In der Hcmpfftadt Tenochtttlan, die auf Pfählen in einem wunderschönen See gebaut war, sahen die Spanier riesige Tempel und Spitzsäulen, große Arsenale, Krankenhäuser und Kriegerasyle, Menagerien und botanische Garten, Barbierläden, Dampfbäder und Springbrunnen, Teppicl)e und Gemälde aus prachtvollem Federmosaik, köstliche Goldschmiedearbesten, kunstvoll gearbeitete Geräte aus Silber und Schildplatt, -herrliche Baumwollmantel und Lsderrüstungen, Plafonds aus wohlriechendem Schnitzwerk, Termo- phore für Speisen, Parfümzerstäuber und Warmwasserleitungen. Auf Den von Hunderttaufenden besuchten Wochenmärkten war eine tfülle aller erdenklichen gediegenen Waren zum Kauf a-usgebreitet. Eine bewunders- wert organifierte Poft beförderte durch Schnelläufer auf sorgfältig aus- q«bauten Wegen und Stufengängen, die -das ganze Land durchzogen, jede Nachricht mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzision; Polizei und Besteuer-ungsapparat -funktionierten mit der größten Genauigkeit und Zu- verlässi-gkeit. In den Küchen der Wohlhabenden dufteten die erlesensten Speisen und Getränke: Wildpret, Fische, Waffeln, Eingemachtes, zarte Brühen, pikante Gewürzgericht«; dazu -kamen noch eine Re,he Genüsse, die der alten Welt neu waren: der delikate Truthahn; Chocolatl, das Lreb- lingsgericht der Mexikaner, kein Getränk, sondern eine seine Creme, die, mit Vanille und anderen Spezereien gemischt, kalt gegessen wurde; Pulque, ein berauschender Trank aus der Aloe, die den Azteken außerdem ein schmackhaftes artischockenähnttches Gemüse und ausgezeichneten Zucker lieferte; und Yeti, der Tabak, der entweder, mit flüssiger Ambra vermischt, ’ aus reich vergoldeten Holzpfeifen oder in Zigarrenform aus schönen silbernen Spitzen geraucht wurde. Die Sauberkeit der Straßen war so groß, daß, wie ein spanischer Bericht sagt, em Mensch, der fie passiert, sicher fein konnte, sich die Hände ebensowenig wie die Fuße zu beschmutzen; ebenso erstaunlich war die Ehrlichkeit der Bevölkerung: alle Häuser standen vollkommen offen; wer feine Wohnung verlieh, legte zum Zeichen seiner Abwesenheit ein Rohrstäbchen vor die Turmato, und me- m-als gab dies Anlaß zu Diebstählen; überhaupt sollen die Gerichte tot niemals genötigt gewesen sein, über Eigentumsdelikte zu indizieren. Die Auszeichnungen geschahen aus piktographischem Wege, das heißt mit Hilfe einer sehr ausgebildeten Bilderschrift; außerdem gab es Si^rell- maler, die mit unglaublicher Geschwindigkeit alle Ereigmsse sprechend ähnlich festzuhalten wußten. Der mathematische Sinn der Azteken muh sehr entwickelt gewesen sein, 'beim ihr arithmetisches System war m.s dem schwierigen Prinzip der Potenzierung aufgebaut: die erste Grundzahl war 20, die nächsthöhere 20’ = 400, bie nächste 20--8000 und so weiter; auch sollen sie Maya, unabhängig von den Indern, die Null «rsunden haben, encn ebenso fruchtbaren wie komplizierten Begriff, der sich in Europa nur sehr langsam durch die Araber eingebürgert hat. Höchstwahrscheinlich war der amerikanische Kulturkreis ein Glied jenes großen Kulturgürtels, der in für uns prähistorisiher Zeit die ganze bewohnte Erde umschlang, indem er sich von Aegypten und Vorderasien über Indien und China bis nach Mittelamerika erstreckte und vermutlich auch die beiden vorantiken europäischen Welten, die etruskische und die ägäische in sich schloß: eine Hypothese, die unter dem Namen „Panbaby- lonismus" viel Widerspruch und Anerkennung hervorgerufen hat Und m der Tat zeigen die Azteken in ihrem Kalenderwesen, Gr«r Bilderschrift und ihrem Gestirnkult eine große Verwandtschaft mil den Babylomern, während andererseits eine ganz« Reihe von Eigentümlichkeiten sehr lebhaft an die Aegypter erinnert: ihr« Regierungssorm, die eine Verbindung von Gottkönigtum und Priesterherrschaft darstellt; ihr Bureaukra- tismus der in der pedantischen Bevormundung der breiten Volksinassen eine Hauptaufgabe der Verwaltung erblickt; das sorgfältig abgezirkelte Zeremoniell ihrer Verkehrsformen; die Fratzenhaftigk-eit und TiergÄtair ihrer Götterbildnisse; ihre große Begabung für das naturalistische Po^ trat, verbunden mit einem starken Hang zur Stilisierung der höheren Kunstformen; die verschwenderische Pracht und ausschweifende Kowtza- Ittät ihrer Bauten. x . . Am frappantesten sind jedoch die Aehnlichkeiten zwischen der ReliSion der Mexikaner und dem Christentum. Die Krone ihres Kaisers, der, zugleich der höchste Priester war, hatte fast dieselbe Form wie die päpstliche Tiara; ihre Mythologie kannte di« Geschichte von Eva und Der Schlange, der Sintflut und dem babylonischen Turmbau; sie besaßen m - etwas transformierter Gestalt das Institut -der Taufe, der Beichte und des Abendmahls; sie hatten Klöster mit Mönchen, die ihr Leben mit VigiUen, Fasten, Geißelungen verbrachten; -sie erblickte im Kreuz ein heiliges Symbol und hatten sogar eine Ahnung von der Dreieinigkeit und der Inkarnation. Einige ihrer Sittengebote zeigten eine fast wörtliche lieberem« stirnmung mit der Bibel. Eine ihrer Lehren lautet: „Halte Frieden nut allen, ertrage Schmähungen mit Demut: Gott, der alles sieht, wird dicy rächen", und eine andere: „Wer ein« Ehefrau $u aufmerksam ansicht, beacht Ehebruch mit den Augen". . Ihre Religion war jedoch, ganz ebenso rote die damalige christliche, befleckt durch die Sitte der Menschenopfer, wobei die Kriegsgefangenen die Rolle der Ketzer spielten. Dieser Brauch hat begreiflicherEise den Abscheu der Nachwelt erregt und der Vermutung Raum gegeben, datz. die Mexikaner doch nur eine Art Wilde gewesen feien, doch laßt sich zu seiner Entschuldigung einiges anführen. Zunächst war er auf ch« Azteken beschränkt, die Tolteken übten ihn nicht, und er scheint auch bei lenen im Schwinden gewesen zu sein: wenigstens gab es in Cholula, der zweiten Stadt Mexikos, einen Tempel des Gottes Quetzalcoatl, dessen Kultus die Menschenovfer durch Vegetationsopfer ersetzt wissen wollte. Sodann trug er keineswegsiden Charakter der Grausamkeit und Blutgier, sondern war eine, obschon höchst barbarische, religiöse Zeremonie, durch die der Gläubige sich die Gottheit geneigt zu stimmen suchte und die für so wenig entehrend galt, daß sich bisweilen fromme Personen freiwillig dazu erboten. Er war eine einfache Frucht der Angst und des Aberglaubens und stand moralisch zweifellos höher als die Gladiatorenspiele der Romer, die ihre Gefangenen zum Vergnügen schlachten liehen. . Eine merkwürdige Eigentümlichkeit der mexikanischen Religion war der Glaube an die Rückkehr des soeben -erwähnten Gottes Quetzalcoatl, von dem man annahm,-datz er vor langer Zeit geherrscht, das Volk w allen möglichen nützlichen Künsten unterrichtet, alle bestehenden gesellschnftlicyen Einrichtungen gestiftet und schließlich in seinem Zauberschiff mit dem Versprechen, eines Tages zurückzukehren, verschwunden ist. Run hatten gerade um jene Zeit die Priester erklärt, datz die Zeit der Wiederkunft des Gottes nahe fei. Er wurde aus dem Osten erwartet und es hieß, datz er sich von den Azteken durch weiße Hautfarbe, blaue Augen und blonden Bart unterscheiden werde. Alle diese Prophezeiungen sollten sich erfüllen, und dieser rührende (Staube, von den Spaniern in der niederträchtigsten Weise ausqenützt, war einer der Gründe für die wunderbar« Tatsache, datz es einer hergelaufenen Rotte von analphabetischen Banditen gelungen ist, dies« Kulturweit nicht nur zu unterjochen, sondern völlig zu zertrampeln. Dazu kamen noch andere Ursachen: die geringere physische Energie der Eingeborenen, deren Existenz durch das erschlaffende Tropenklmr« und das jahrhundertelange Leben in Ruhe und Üeberfluh allmählich etwas Vegetatives, Blumenhaftes angenommen zu haben scheint; die Ausrüstung der Europäer mit Feuergewehren, Pulvergeschützen, -stahlpauzern und Pferden, lauter Dingen, die den Mexikanern völlig unbekannt waren, und auf sie neben der physischen Wirkung auch einen ungeheuren moralischen Eindruck inachen mußten; die höhere Entwicklungsstufe der spam- schen Taktik, die der aztekischen etwa ebenso überlegen war rote der makedonische der persischen; die innere Uneinigkeit des Reichs und der Abfall mächtiger Stämme. Der Hauptgrund aber dürfte dann bestanden haben, daß die ganze Mayakultur sich bereits in dem Stadium der Agonie befand und es ihr irgendwie bestimmt gewesen sein muß, unterzugehen. In -der ganzen uns bekannten Geschichte können wir ja das Schauspiel verfolgen, daß ältere Kulturen durch jüngere unterworfen werden: die sumerische durch die babylonische, di« babylonisäi« durch die assyrische, di« assyrische durch die persische, die persische durch die griechische, di« griechische -durch die römische, die römische dur chdie germanische. Aber immer bemerken wir alich, daß die niedrigen Kulturen sich der höheren assimilieren: o übernahmen die Babylonier die sumerische Keilschrift, d,e Perser die chaldäische Sternkunde, die Römer die griechische Kunst und Philosophie, die Germanen die römische Kirche. Aber in Amerika hat sich nichts dergleichen ereignet: die indianische Kultur ist spurlos verschwunden. Dieser in der Weltgeschichte einzig dastehende Fall erklärt sich aber eben durch die ebenfalls einzig dastehende Tatsache, daß ein ganzes Volk nicht von einem anderen Volk, das zwar barbarischer, aber doch auch ein Volk war, unterjocht sondern von einer ruchlosen Räuberbande ausgeplündert und ausgemordet wurde, und während längst versunkene Kulturen wie die ägyptisch« oder die vorderasiatische, von der griechischen und roimschen gar nicht zu reden, noch heute auf geheimnisvoll« Weise ihre befruchtende Wirkung ausüben, ist durch die Conguista die Menschheit um eine hohe und einmalige Art, die Welt zu sehen, und damit gewissermatzen um einen Sinn ärmer geworden. Dom Qssundnen Reinhold und „verlorn" Gretlein. Von Heinrich St e i n h a u s e n. (Fortsetzung.) . ciQ Schulmeister," sprach sie wieder, „'s ist ein schön kraus Stocklern, ^.iAten ech^m finden - die Lore hat's immer am Fenster be, sich sfehn g-chabt und nie versäumet darnach zu sehn, Sie hat's a-uch drautzen icht wollen missen, un-b wie sie krank lag, hab' ich's ihr ans Bett stellen miissen auf'n Schemel, ganz nahe. Gestern nun, wie ich Euch lag, da sie ihr seid fröhlich so nimm's aus'm Topf und pflanz es auf deiner SÄSEMWM gestattsam ich gedachte, was ich die Nacht gettamnet. an dem Ihr eeÄÄÄfets eine schöne Blume gepflanzet. Wir _ ff & 9 morgen und mär’ iT&KW m* tm », * ^Solchermaßen fuhr das Grellein zu vkiwn, als gW', es nicht-, dadurch die fröhlich Hoffnung und gut« Zuversicht ihr könnt geimiio« stein", noch lange nicht nach Gebühr gewürdigt ist. Beherrschender Mittelpunkt des Ganzen und Hauptfigur auf der die Elbe kreuzenden Fahre ist ein Wanderer. Die Arme verschränkt und auf den Stock gestutzt, blickt er als wären die anderen für ihn überhaupt nicht da, hinaus zur Rums auf felsiger Höh«. Alle Symbolik (Lebensalter, Lieben und Entsagen usw.) und alle Hefe Gedanklichkeit des Bildes klingt in dieser Figur harmonisch zusammen und sieghaft ineinander. Wohl schaut der Wanderer nachdenklich zu den Trümmern vergangener Herrlichkeit hinauf — bald genug aber wird er, von seinem Reisebündel gar nicht beschwert, über anderen, freudigeren Eindrücken das Trübe und Trübstimmende dieses Eindrucks verwunden haben. Auf der Mittagshöhe des Lebens, hat er doch di« Welt in ihrer Unendlichkeit, die Zukunft in ihrer Unerschöpflichkeit vor fufb und in sich die Gewißheit, daß auch er — wandernd! — Sommer und Segen finden oder sich erkämpfen wird. Welcher Gegensatz ist das zu der reftgnre- renben Mildheit, die Caspar David Friedrichs Bild „In Betrachtung des Mondes" beherrscht--welcher Gegensatz auch zu der kultivierten Vornehmheit, di« Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna mehr ein repräsentatives Goethebild als eine Ausschöpfung des gewählten, dankbaren Themas fein läßt. Allerdings hat Ludwig Richter für feine Person weitgehend die Voraussetzungen erfüllt, der Maler des rm vernünftigen Sinne richtig verstandenen Wanderns zu werden: wir wissen, daß er selber eine große Jtalienreise durchweg im Fußmarsch ve- "^Noch^mehr von jener Dichterromantik, die lyrisch schön ist, aber nicht immer allzu weit in die Tiefe bringt, teilt sich uns aus manchem Bilde von Schwind mit. Di« bekannte „Hochzeitsreise mit der eben dl« gastliche Schenke verlassenden Postkutsche erinnert lebhaft an Eichen- üorsfs „Leben eines Taugenichts" ober Gaudys „Tagebuch eines wandernden Schneidergesellen, nur leider nicht an jene Kapitel dieser Bücher die das gesunde eigentliche Wandern preisen. Aber auch Schwi-nd HM um dieses gemuht: in einem schönen „Talblick" sind he am W ruhenden, die Landschaft in sich ausnehmenden Wanderer vtel roemger bloße Staffage als in vielen Bildern feiner Vorläufer und Zeitgenossen. Hans Thoma, der hier angeschlossen sei, hat dieses Motto m fernem „Blick in ein Taunustal" stofflich nahezu wiederholt, es aber mtt der ganzen innigen und echten Poesie erfüllt, die mich ander« ferner Werke über die von Schwind stellt (dem von der Mvnumentalmalerer her eme gewisse Glattheit und verstandesmäßig« Mhle eignet). Aehmich ist em Wanderer", bekannt vor allem durch bie. vielverbreitete Farbenlithographie: aus stillverträumtem Tal hemufgestiegm, tut der Wanderer eben den letzten Schritt zur Höhe, die ihm weite und lohnende Sicht über Berge ' ^Auch der liebenswürdig« Spitz weg darf >u he ser Betrachtung^nicht fehlen Seine „Zollvisitationen" und anderen Posttutschenbi der sind so feinfühlend genullt, seine Ironie: „Engländer, Rumen betrachtend is o boshaft, wie sie berechtigt ist, - seine „Futzwanderer un Gebirge und viele ähnliche Werke gehören, weil sie di« gleichen Empfindungen aus- hriirf-ßTi burcbciuß an bic Seife bet vorgenannten. . Von Werken der Lebenden seien zwei Wandbilder von Willy Ja eck el genannt: das eine, „Wandern", zeigt einen Wanderer der nberro« auf Fluß und Stabt unb Berg schaut, der erschauernd, aber doch auch binaeri sen Größen und Weiten und Zusammenhänge erahnt, in die auch « gestellt innerhalb deren auch er bestimmt und berufen rst, mitzuwirken und rnttzüschaffen. Ein anderer blickt (in dem Bild „Schauen") sinnend über wolkenumwogte Bergesgipfel An, deren Abende RafielschEe sich dem schicksalhaften „Wandern nähert, das Ernst Barlach- zuwei.en m seinen starken Holzplastiken und Graphiken packend gestaltet. — Man aun faK baf? au% S „modernsten" Künstler sich L romantischen Tendenzen bekennen, wenn sie das Wandern (weisen) schildern wollen. Und e/muh doch wohl irgendwie bezeichnend sein, daß noch Lum das Reifen mit der Eisenbahn einen nennenswerten Niederschlag m der Kunst gefunden hat, - geschweige denn das nicht mehr mit in erm, „Wan- dem und Reisen" vergleichbare Länderdurchgueren mit Hilfe der aller- neuzeitlichsten Verkehrsmittel. Wandern und Reisen in der Malerei. Von Walter A p p e l t, Plauen. Wandern und Reisen erschließt uns, heute wie immer, die Schönheiten der Erde und die Wunder der Natur. Wer in seinen vier Pfahlen hocken bleibt stellt sich selbst abseits und außerhalb des Reichtums, den heimisch« und fremde Landschaften und Kulturen dem Aufnahmewilligen vermitteln. Es konnte und kann nicht anders fein, als -daß die Künstler unter diesen Ausnahmewilligen — die zugleich aufnahmefähig sein müssen — an hervorragender Stelle stehen. Reisen zu -den Stätten der klassischen Anttke wie der Renaissance, zum vielfältigen Zauber südlicher Landschaften, später nach den Niederlanden und Paris gehören zu den wichtigsten Kapiteln unserer Künstler-, insbesondere Malerbiographien. Bis roeit ins 19. Jahrhundert waren die Reisen vielfach noch Wanderungen in jenem Sinne, der uns verwöhnteren Heutigen primitiv erscheinen will, der aber doch um vieles ertragreicher ist — zumal für den Künstler — als unser tilometerfrefjenbes Hasten. Wahres Reisen sollte eigentlich immer, wenn auch nicht ganz wörtlich, ein Wandern sein. Diese Erkenntnis (und diese Forderung) finden wir in Bildern bestätigt, die namentlich von Künsllern der letztvergangenen Perioden geschaffen wurden und die ihren Stoff im weitgespannten Thema „Wandern und Reisen" suchen. Es ist kein Zufall, daß es saft ausschließlich sich um Maler handelt, die der Romantik entweder direkt angehören (Ludwig Richter, Movitz von Schwind) oder doch als Spätlinge ihrer Anfchauungs- und Empfindungsweise zu gelten haben (S p i tz w e g , Thoma). Ludwig Richter ist den meisten mehr durch seine gemütvollen Holzschnitte als durch seine — freilich auch weniger zahlreichen — Gemälde bekannt. Das hat leider zur Folge, daß eines der schönsten und deutschesten Bilder unserer Kunst, sein« „Uebersahrt nach dem Schrecken- werden, ttnb' wie gern hört' ich ihr zu mit meinem kummerhaften Herzen. , Als sie um Mittag wieder ging, Hutt' ich von ihr erhalten, daß sie mir versprach, mit der Alten, so die das irgend vermöchte, heut noch zu mir herzukommen und hier zu beharren, bis, was Gott gäbe, die Fahr und Not vorüber märe. — . L < Aber die Stunden gingen herum und der Tag neigete sich zum Abend, ohne daß sie wiedergekehret war. Zwar auch vom Feinde war nichts sichtbar geworden, und ich dachte, da ich ins Abendrot sah, das so gülden durch die weißen Blütenbäume glänzte: bleiben wir auch die Nacht verschonet, so behält wohl das Gretlein recht, und mit der geretteten Gemeinde sing' ich wohl morgen dem Wächter Israels Lob und Dank. — Die Betglocke anschlagen durst' ich nicht, weil der Schall einen Maroder oder Landstörzer vielleicht herbeigelockt hätte, so faltet' ich meine Hände: Bor Schrecken, Gespenst und Feuersnot Bewahr' uns heint, o lieber Gott! und dazu, wie ich immer tät abends und morgens, betet' ich für meinen Reinhold: Bewahr' ihn vor dem Argen und allem Unglück, und wenn er sich verirret hat, bring' ihn sein Engel wieder auf rechte Straß'; ach, wenn es sein kann, auch noch einmal zurück zu mir! Horch, da hört' ich wie einen Schall von Rosseshufen, der kam näher, und als ich hinunter ins Dorf lugte, sprengten zween Reuter daher, die ich bald an ihren Montierungen Dragoner zu sein erkannte. Sie ritten darauf langsamer, lenkten hin und wieder gegen ein Haus, und schienen verwundert, da keiner Seele zu begegnen. Nach einer Weile blickten sie empor zur Kirche, wiesen mit ihren Säbeln herauf nach meinem Hause, und ich sah, daß sie mich wahrnahmen und mit ihren Tieren den Kirchweg herauf zu mir einschlugen. So ein Soldat ein Pferd unter sich hat, so läßt er noch eins so stolz. Zudem trugen die beiden hohe Federhüte und verbrämte Koller, und das Zaumzeug ihrer Gäule war nach hispanischer Art. Sie hielten am Garten- pförtlein und riefen mir zu. „Potz Strahl," sagte der eine zu seinem Kameraden, „in was vor Berdrüßlichkeiten haben wir uns gestecket aus pur lauter gutem Willen. Da frage sich einer zurecht, wenn das ganze Nest ausgeflogen ist." Unter diesem war ich vor sie getreten und verneigte mich. „Wir suchen hier den Schulmeister", rief mir der andere zu. „Dann hat der Herr gefunden, nach dem er fraget," antwortete ich ihm, „und sein Diener versichert Ihn alles geneigten Willens." „So kommt rasch, Alter," sagte der erste wieder, ,/setzet Euch hier vor mich auf mein Pferd, maßen wir Eil' haben!" Er sprach die Worte nicht, als wenn sie ein mutwillig Soldatenstücklein mit mir treiben wollten, aber doch mit Ungeduld, und reichte mir all- bereits seine Hand entgegen, mir auf sein Roß zu helfen. Aber ich trat erschrocken einen Schritt hinter mich, durfte doch mich ihnen nicht widersetzen. „He, Jobst, hurtig, daß wir fortkommen!" Dergestalt ermunterte der Dragoner seinen Kameraden, und eh' ich's mich versah, war der abgesessen und schwang mich auf des ersten Pferd. Was könnt' ich wider ihre Gewalt; ich fetzte mich fest, so wohl ich vermochte, und dachte dabei, in was vor einen seltsamen Handel ich so unversehens geraten wäre. Schon ritten wir das Dorf niederwärts, gegen Abend gerade in den Wald hinein. Die Buchen, deren Gezweig überm Weg hing, machten ihn uns schier finster; Wurzeln liefen da auch genug querüber, und die Rosse muhten die beiden langsamer schreiten lassen. Zu mir hatten sie nichts fürderhin geredt als nur, mir sollt nichts Uebles widerfahren, und ich brauchte gang keine Furcht zu haben; auch hießen sie mich ihnen den Weg nach'm Golm weisen, das ist von Warberge eine Wegstunde entfernt. Jedennoch, daß dieser Ritt kein lustsamer war, könnt' ich aus ihrem Ge- fpräch miteinander bald abnshmen, unangesehen sie mit Worten kargten. „Aus was Urfach' den Schulmeister, Franz, und nicht den Pfarrer?" fragte der erste. „Schert uns nichts, Jobst," war die Antwort, „genug, wir tun ihm seinen Willen." Davor hat er sich auch als braver und tapfrer Kerl gehalten, ob er zwar unsers Gegenteils ist. — Wie schweigsam er sich anzeigt, seit sie ihn einbrachten! — Weißt, Kam'rad, 's muß doch besonderlich sein, zu wissen: jetzt muht dran mit deinem jungen, frischen Leben." „Ah," rief der andere, „'s ist 'mal beim Soldatenhandwerk nicht anders, und mir sehen alltag diesen Weg vor uns!" „Aber doch denkt jeder, du wirst heut durchkommen, wie gestern, und macht sich unterdessen Gedanken von Beut' und Ehr' und Glorie! Dann kommt ihm's Ende ungeüacht, wie eines Roßbuben Kugel aus ’ner Hecken den Feldherrn trifft. Ganz anders acht' ich, so frischauf sein und jung und mit Augen sehen, wie sie kommt, Stund' und Minut', da man zum Kehraus anfspielet." Der so geredt hatte, schwieg und auch sein Kamerad. Nach ’ner Weil wollten sie ein Soldatenlied anheben, aber sie stunden bald wieder davon ab und waren nachdenklich. Indessen nun vermerkt ich, daß der Wald vor uns sich lichtete, und dahin nahmen wir unfern Weg über eine Wiese, gegen einen breiten Baum zu, der da zur Seiten einer Anhöhe stund. „Schulmeister", redete da mich der Soldat an, dessen Pferd mich trug, „was wir tun, das geschieht ’nem Soldatenblut zu lieb, ob es gleich wohl unfern Artikuln entgegen ist. Jedoch er hat zu hart uns darum angelegen; da sehet selber, wie ihr ihn beratet!" Unter diesem waren wir nahe dem Orte gekommen, den ich bemeldet habe. Die beiden Dragoner saßen ab und halfen auch mir herunter. Darnach, während sie sich anschickten, ihre Tiere hinwegzusühren, red'ten sie ein weniges mit einem Musketier, der herzugetreten war, das ich nicht verstund, und sagten mir, daß ich dem folgte. Der geleitete mich um den Baum herum und wies mich auf eine Gestalt hin, die da am Stamme lehnete und die ich ein Soldat zu sein erkannte, obgleich es hier wegen des Laubdaches gar dunkel war. Verantwortlich: Or. Hans Tyhriot. — Druck und „Reinhold!" Ich rief den Namen wohl so laut, daß der, den ich nannte, ob er nun geschlafen oder in Gedanken versunken gewesen, als ein Erschrockner sich aufrichtete und mich steif ansah. Ach, mit der traurigen Miene so bleich, so bleich, wie ich sie im Traum gesehen hatte die letzte Nacht! „Reinhold", weiter vermocht' ich nichts zu sprechen und bewegte meine Arme gegen ihn. Er aber lehnete sich gegen den Baum Hinter ihm, als wankten ihm die Kräfte, und jetzt erst ward ich's gewahr, daß er an Händen und Füßen in Ketten geschlossen war. — Ach, der Erzvater Jakob durste wohl klagen, da sie ihm den blutigen Rock seines liebsten Josephs brachten: aber was ich da sah, war das nicht noch viel kläglicher? So sahen wir uns eine Weile an. „Ich meinte nicht," sprach er darnach, „daß Ihr mich wieder erkennen würdet, denn es ist lang her, seitdem ich entlaufen bin, und ich weiß, ich habe mich die Weile sehr verändert." „Ich dich nicht wiedererkennen?" rief ich, „nach dem ich im Wachen und Träumen ausgesshen hab' voll Verlangen, all diese ganze Zeit?" „Nein, Vater," sprach er wieder, und feine Stimme wandelte sich und wurde bittend, „redet nicht das, nicht das! Sagt mir lieber, daß, seit ich Euer unwert geworden bin, Ihr mich ganz hinausgetan habt aus Eurer Seele; sagt mir, daß Ihr von der Stund an, da Ihr von mir verlassen wart, meinen Namen habt weggewischt aus dem Gedächtnis Eurer Liebe!" Ich sah, wie er zitterte, und wollt' hinzutreten, ihn zu halten mit meinen Armen. Er aber wich zur Seite, als scheute er, daß ich ihn berührte. — „Reinhold," sprach ich, „kann Liebe vergessen?" „Ach," rief er, „wenn sie's nicht kann, so ist der, so sie gekränket hat, desto elender, und wohnet ihm gleich das Lachen auf seinen Lippen — so hat er den Gift in seiner Seele!" Er griff sich bei solchen Worten mit den Händen ans Herz, daß die Ketten erklirrten. Davor schien ihm zu schaudern und er ließ seine Arme wiederum sinken, die er auch, wie ich vermerkte, fürderhin nicht mehr bewegte. Wohl nahm ich ab, wie groß sein Leid war; darum gedacht' ich ihm zuzureden und sagte: „Reinhold, laß derlei trostlose Gedanken! Was du unrecht an mir getan hast, ich vergeb' dir; und denk: Gott ist gnädig dem, der bereut." „Gott?!" rief er wieder, „Gott richtet streng. Vater, wir sehen uns heut zum letzten Male!" Auf solche Rede erstarb mir jed' Wort auf der Zunge und ich könnt' nur mit einem tiefen Seufzer antworten. Er aber winkte mir, daß ich mich niedersetzte ins Gras, und er tat auch gleich also. „Die Zeit geht geschwind herum, Vater," sagte er, „wir werden bald auf die Längst zusammen gewesen sein; darum so höret, was ich wollte, daß Jhr's wüßtet, bevor ich sterbe." Darnach erzählete er mir, daß den Frevel auf'm ,verlorn Host verübet, allein der Melzer vollbracht hätte; er selber aber wäre zufallens dazu- gekommen, wie der Bauer des Hauptmanns Pferd, so wirklich in den gewohnten Stall zurückgelaufen, erschlagen. Sonst aber wäre niemand auftm Hof gewesen, auch Gretlein nicht. Als aber der Melzer ihn gesehen, so wär' der ganz grimmig geworden und hätte sich wie hirnfchellig cmge- stellt mit Toben und Drohen, so er, Reinhold, von der Sach' das geringste ausbrächte. Hätte ihm auch gesagt, daß von der Straf', die alsdann den Melzer treffen würd’, nicht allein Armut, sondern auch Verachtung und Schänd' auf Gretlein fallen tät als eines Gehenkten Tochter. So würd' er gleicherweis auch ihr gewiß fluchen, so sie mit dem Angeber ihres Vaters ihr Leben lang sich wieder freundlich hielte, wovor sie selbst auch eine Abscheu haben würde. Ueberdas würd' er ihn, Reinhold, ohnschwer (und er hätt' einen greulichen Schwur dazu getan) dann in die L-chand' und Straf' mit hineinziehen und ihm gewißlich den größten Teil der Schuld zudrehen, was gar nicht schwer Jein würde, maßen alle feine Zu- täppifchkeit zu Holmers Pferd, auch seine Soldatengedanken genugsam wüßten. r < „Da hab' ich denn, Vater," sprach Reinhold weiter, „was er forderte, zu halten versprochen und hätt' ihn ohnedas nicht angeben können, des armen Gretleins wegen, auch mit keinem Worte nicht. Aber so im Verdacht stecken müssen, ein Dieb zu fein und mit dem Melzer zusammen eine Heimlichkeit haben, die ich auch Euch, Vater, nicht durfte offenbaren, darzu wenn fürderhin auf die Sach' die Red' oder Frage käme, -die Augen nicht frei aufheben können und je länger, desto vielmehr in des Untäters Gewalt mich gegeben sehn: das alles machte mir Feuer unter die Füße, daß mich’s daheim nicht länger litt. Und fo bin ich davongegangen; ich sah wohl, daß ich nun alle Schuld tragen würd’, aber doch blieb das Gretlein verschonet. „Ich lieh mich bei den Weimarischen anwerben, die darzumal wider den Grafen Götzen agierten, und nahm darnach, als unser Fähnlein aus- einanderging, schwed'sche Dienste. Das Soldatenleben hatte mich ganz eingenommen, seine Gefahren und Unruhe waren mir ganz recht. Ich hielt mich so, daß ich nach der Zeit eine Kornettstelle überkam. Aber so stolz ich manchmal daherprangte, auch unterm Bankettieren und Gastieren so wir in guten Quartieren von unsrer Beute zehrten: in Wahrheit hab ich doch.mein Herz von den schweren Gedanken an Euch, den ich heimlich verlassen, nicht abziehen können, noch schlug sie das gute Lob, so ich mir im Kriegshandwerk machte, nieder, noch verscheucht ich sie mit hoffärügem Leben. Auch war mit dem Gretlein, wie ich wohl an mir selber erftchr, mein guter Engel mir von der Seiten, und Gott vergeb' mir alle Torheit, in die ich mich nach andrer bösem Exempel habe verstricken lassen! — „Unterdessen führten uns die Kriegsläufe hieher, wider den Gallus zu fechten. Jedoch die Kaiserlichen warfen uns zurück und vor Neuburg, allwo ich mich im Scharmützel zu weit wägete, wurde ich gefangen. (Fortsetzung folgt.) Verlag: Brühl'sche Aniversitats-Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.