GiehenerKmnIienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang X92Z Samstag, den Z. November eckten Ge- alle Klimate Die rote Rose. Von Per Hallströ m*). *) Aus dein im Insel-Berlage zu Leipzig erschienenen Nonellen v««de ,,Me rote Rose". sa'.'.1 . ' —!—!U Hummer 88 i jetzt, nachdem das Mähen vorüber war, ganz ! einer Art Rollschlitten fuhren. Ihre Rufe fth Luft, als wäre es ein Wintersport, den sie 1 jenen begegnete ich nur ! sooft stieß ich auf Rehe j wo ihre zierlichen Füg ES war vor einigen Jahren im Spätsommer, in einem kleinen Orte des Schweizer Jura namens Saint-Cergues. Ich war aus Genf hingekommen, nachdem ich in einem Zuge die Alpenpässe durchwandert hatte. Den einen hinauf, den anderen hinunter, von der Bernina bis zur Gemmi. Mehr als einmal hatte ich vom Morgen bis zum Abend so ziemlich " Europas passiert. Es begann mir dem sprühenden Gebirgs nur das Wafft ' " ' ' ‘ versässig wie die Sonne und, wie diese, eine Welt für sich, denn er gehörte nicht so recht in das hinein, was man sah. Er war wie die Erinnerung an die Herrlichkeiten der Gebirgswanderung, jetzt schon so ferne und halb unfaßbar, eine Erinnerung, die über das Maß der Wirklichkeit hinaus- ivachsen und zum Märchen werden wollte, aber dennoch die Gewißheit des Erlebnisses behielt. So wurde das Gefühl der Zerstreutheit noch verstärkt, das ohnehin jo nahe liegt, wenn man lauter fremdes Leben um sich sieht und nichts einen verlockt, sich daran zu beteiligen. Die drei oder vier großen Hotels waren voll Menschen, und überdies waren alle Zimmer im Dorfe von jenen besetzt, die es gleich mir vor- .ionen, für sich zu wohnen. Auf all den abschüssigen Grasmatten war es Ich war es gewöhnt, ungestört nahe dem Anhang zu liegen und zu leien und hie und da in einem Blick dir wechselnde Beleuchtung des großen Bildes aufzufangen, und das kleine, das mir recht einförmig schien, aber in seiner Weise auch schön. Ich sah beide ungefähr gleich an, denn die Menfthen waren mir -mbekamit, mit Ausnahme der Tisckmachbarn an der Tablc d'hote. Es schien mir unwahrscheinlich, daß ich je etwas von Interesse über einen von ihnen erfahren könnte. Rach dem Typus und der Art riet ich richtig oder unrichiig auf ihre Nationalität, und im übrigen waren sie für mich nur Exemplare des weitverbreiteten und wenig merk- würdigen Bokksschlages Touristen, nichts anderes. Einer von ihnen pflegte zu mir zu kommen und ein Weilchen zu plaudern, wie er es in feiner vertrauensvollen und freundlichen Artigkeit mit allen machte, denen er feine Karie gegeben hatte. Cs war ein junger Rumäne, ein Jurist, der feine Studien beendet und die Reise sicherlich als Belohnung für fein Wohl- verhalten bekommen hatte. Er war eifrig bestrebt, fo viel als möglich daraus zu machen und aus allen Quellen Menschenkenntnis und Erfahrung zu schöpfen. Er hotte es auch nötig, er war ein richtiger Candids mit munteren und erstaunten Augen. Warum er in Saint-Cergues geblieben war, verstand ich zuerst nicht, denn aus der Natur machte er sich nichts, und etwas anderes schien, da nicht zu finden. Aber es war auch für das zerstreuteste Interesse nicht schwer, sein Geheimnis zu erraten. Unter den Gruppen auf dem Burgplatz wer eine, in der zwei schöne kleine, stets weißgekleidete Amerikanerinnen den Kern bildeten. Sie wären offenbar Schwestern, und da sie einander sehr ähnlich und immer gleich gekleidet waren, hielt man sie für Zwillinge, ob dies nun zuiras oder nicht. Aus der Wh« sah man den Unterschied sehr gut. Die eine war frisch, aber die ander-« zart von Gesundheit — man konnte erraten, daß es sich um die Lunge handelte. Ihr feiner Teint war wie von innen erleuchtet, und sie glich einer Christrose oder irgendeiner anderen weißen Blume, die Nur an einer Stelle sonnte ich sicher sein, stets Leute zu treffen, das war nahe dem Dorf auf einem großen Hügel, wo früher einmal eine Burg gestanden hatte. Es war nicht mehr viel von ihr übrig; aber der Boden hatte gleichsam noch eine Erinnerung an die Nähe und Pflege der Men- scheu behalten. Es war schön, dort in dem kurzen Gras« zu ruhen, und unter pch hatte man die Aussicht über den See, nicht Minz so weit gestreckt wie von La-DÄe, aber beinahe noch schöner. Auch den Montblanc fand man wieder, doch nicht gleich auf den ersten Blick. Er hatte sich halb hinter anoeren Gipfeln verborgen, und auch die Wolken konnten einen beirren, denn hier sah man nicht, um wie viel niedriger ihre Sphäre war. Nament- uch nachmittags war es sehr lebhaft auf dem ganzen roeitgeftri biet. Damen in Hellen Farben und Herren in Sportanzügen, die von Gruppe zu Gruppe zogen. Alle schienen witzig und munter zu sein, nach dem Murmeln und Lachen zu urteilen, das sie hervorriefen. Der Flirt spielte wohl auch feine Rotte dabei und noch mehr die Dankbarkeit, in der tragen Benommenheit und träumenden Stimmung von Luftrausch, Sonne und Weite feine Aktivität auslösen zu lassen. Wenn die Sonne unterging, erhoben sich alle und grüßten das Schauspiel schweigend. Mehr als einer zeigte da die etwas angestrengte Feier- lichkeit und Beseeltheit, die für die Modernen von ästhetischen Eindrücken unzertrennlich geworden ist und rote auf Kommando kommt und geht. Es war nicht ausgeschlossen, daß auch der Flirr in solchen Augenblicken sich zu etwas anderem aufspielte. als er war. Aber sowie die Prackt von Gold und Rosenrot und Violett ihren Höhepunkt erreicht hatte rmd sich abkühlte, ging ein jeder wieder zu dem Seinen zurück. Am nächsten Tage hieß es dann, von neuem an demselben Punkt zu beginnen. Harmonie der Umrahmung. Das Grün der Ufer hatte eine blaue Nuance, wie von Wemlaub, und die lichten Städtchen brachten Flecke von Gelblich- weiß und schillerndem Perlmutter hinein. Man sah über den ganzen See. bis er sich weit im Osten in das dunklere Blau der Walliser Berge wie m das glänzende Halbdunkel einer Grotte verlor. Im Süden stiegen die r-avoyischen Alpen steil aus der Tiefe an, und meit, weit in der Ferne, aber dennoch deutüch und groß, leuchtete der Montblanc. Dieser Berg zog überall den Blick auf sich, wo eine Aussicht sich austat, Selbst von dem Fenster meines Arbeitszimmers hatte ich ihn gerade gegenüber, zu- .. , sbirgsfrühling, wo .jer lebte und sang, und den dunklen Steinroüsten mit dem pfeifenden Schrei der Murmeltiere. Es ging weiter durch Wälder, deren Nadelrauschen heimatlich anmutete, und andere, die immer fremder mürben, bis hinab zur Kastanie und Weinranke, ja bis zu den hellgrünen Feldern des Reis und Maises. Das gab ein Gefühl wunderbarer Neuheit, eine Illusion von Abenteuer und Entdeckung, es war, als wäre man mit dabei und sähe die Welt werden. Wenn es dann wieder bergauf ging, auf einer anderen Straße mit ähnlichen Bildern in umgekehrter Ordnung, dann glaubte man, das Leben zu seinem Ursprimg zurück zu verfolgen, und das war ebenso sröhttch und noch traumhafter. Die Luft gab einen immer leichteren Rausch; immer reiner klang und glänzte das Wasser. Alle Sinne schärften sich, und doch glaubte man, ohne sie am melfter, zu empfinden. Es war, als sollie man zu der Quelle seines eigenen Lebens kommen, dort oben unter all den anderen frischen Quellen, an der Grenze zwischen dem ewig Unveränderlichen und dem ewig Wechselnden. Auch dies war nur eine Illusion. Die Gedanken verwehten, ehe man sie noch fangen konnte, in der unbekümmerten Freude, da zu sein, und man ging ebenso klug, als man gekommen war. Was blieb, war nur ein Gefühl der schwebenden Zeitlosigkeit, des wachen Traumes. Das verließ mich auch in Saint-Cergues nicht. Es lag nur etwa tausend Meter über dem Meer, und die Berge, die es umgaben, waren von sehr mäßiger Höhe. Der höchste war Ln-Düle. Der sah aus wie ein richtiger kleiner Felsen und war sehr schön geformt mit seinem turmähnlichen Gipfel und einem scharfen Bergrücken, über den das letzte Stück Pfad ging, mit jähen Ab gründen zu beiden Seiten. Aber um diese Zeit des Jahres tag. kein Schnee darauf. Die Aussicht war mehr lieblich als gewaltig, und sie statte auch in der sanften Zeit der Borromantik, des epikuräischeu Rousseauis- mus und der Frsundschaftsschwärmerei ihve poetische Berühmtheit durch Matthissau bekommen. Den Grundton gab das auch von dieser Hohe ebenso seidenweiche Blau des Genfer sees, ein südländisches Gewässer, mit klassischer Festigkeit und HerdMisd. Bon Johannes Heinrich Brauch. Sturmfaust schüttelt des Waldes Wipfel ab und auf. Welke Blätter fallen von Zweigen, wirbeln im Winde, tollen und steigen ab und auf. Raben kreisen über dem Berge ab und auf, stoßen zur Höhe mit krächzendem Lärmen, schweben zur Erde, schwirren und schwärme» ab und auf. Wellen des Stromes spritzen und schäumen ab und auf, zerren am Damm mit gierigen Händen, brausen und brechen wie Wut von Brände» ab und auf. Schreitet dein Leben durch Sturm und S>i- ab und auf, ivill es heute in Drangsal gleiten, rotrb es dich morgen in Fülle leiten — ab und auf? i bunt von Kindern, die auf , , iegen fo lustig in die leichte . . . ..mtersport, den sie da betrieben. Den Crwach- enen begegnete ich nur selten auf meinen Wanderungen, und fast eben- . - oder Damhirsche in den dichten Buchenwäldern, , > yre zierlichen Fuße in dem Laub des Bodens raschelten und die i Sonnenstrahlen wie magisch leuchtende Gitter zersplitterten. Höher hin- - ?u7 lltLter den Nadelbäumen, war es ganz einsam und still, erst auf den | freien Grashalden gab es wieder Bewegung und Geräusch. Das waren die Almtdyllen mit weiß und braun gescheckten Kuhherden und dem launenhaft verklingenden Ton der großen Glocken unter den gleitenden Wolken- jchatren. neue, ob es m- war wie Chopin, trogen sich verdorben hat. echt war. C«rl Maria von WeLsr. Bon Emil Ludwig. Emil Ludwig läßt soeben bei Ernst Rowohlt in Berlin eine neue Reihe seiner Kiinstler-PortrSts erscheinen, Re aus den Charakteren Rembrandts, Beethovens, «Bebers Uich Balzacs die geheftmiisvollen Beziehungen von „Kunst und Schicksal" beleuchtet. Ein Meisterstück ist Re Darstellung der Kunst Webers, Re wtr hier wiedergeben. dramatisch. ... Bon dem, was er für den Konzertjaal schrieb, .behalt wenig BestaM, das herrliche Klarinettenkanzert, das Konzertstücks Klavier. Was WM, sind nur ein paar Stücke, aber wenn vier Gedichte von einem Dichter bleiben, ist das nicht wenig. Zuerst die drei Ouvertüren: die Essenz des Dramatikers Grundsttm- mungen wie bei Gluck und später bei Wagner, doch an Ganzheit alle übertreffend, was diese beiden Meister des Vorspiels vor und nach ihm geleistet. Denn mit Ausnahme der Ouvertüre zum Figaro Wunder und deshalb mit nichts zu vergleichen — stehen die drei ©tude außer Vergleich: die ganze spannende Kraft jener furchtbar schonen Augenbuci Kommt man von der Musik, so zweifelt man —- --- „ möglich sei, von ihr zu reden; die Kunst des historrsäun Hortrats kann in den überlieferten Formen Res Reich nicht erobern. Neue Wege wären zu finden. Einer führt Wer den Vergleich. , Sn der Psychographie hat Web er mit Wagner auf der einenSelte so wenig zu tun wie mit Schumann aus der anderen, obwohl beDe ferne Nachfolge aus verschiedenen Gebieten antraten; ro,ondechert ist derleicht faßliche Schumann kein Wegweiser zurück zum höheren Weber. Weber ist unmodern? daß man bei voller Gesundheit die feinsten Neroen Kenntnis der Seele und noch dazu ein singendes Herz haben kann, wird Herste bezweifelt. Tritt man aus der Helke der Philologiern die Dämmerungen seelischer Verwandtschaften zurück, so wird man Weber in der Nahe hochzeitlichen Correggio finden, dessen Zauber er freilich nur selten erreicht. Zu seinen Zetten ist er flankiert von S ch u b e r t und Chopin. Me drei starben jung, Chopin im 40. Jahre wie Weber, Schubert kder sich übrigens mit Weber überworfen hat), in tote von m«naEN erreichbar, vollendete in allen anderen Gattungen der Musik als Deistscher das was Weber im Drama erreichte. Will man den Geist deutscher Musik mit' ben Nachbarn vergleichen, so soll man Weber nach Chopin anhoren, als Sänger sind sie gleich begnadet. Welche Naturkraft, die Schwäche und Leiden des Schöpfers derart in feinem Werk verschwinden läßt! Wd man es nicht, an W^rs^Mustk könnte man ables nur zart und nur durch Taumel und Kränkungen sich verdorben hast Weber schmilzt nie, er bittet, ja, er fordert, aber im letzten Augenblick weiß er sein Begehren in einer Verbeugung zu verbergen, wie er sie auf Deardsleys delikater Zeichnung macht. Sein Antrieb ist immer Ich verließ sie so, aber unten im Dorfe war ich von memem Fenster Zeuge ihres Einzugs. Der Amerikaner sprang im Uebermut über ein stäket und stahl zwei rote Rosen, die er den Reiterinnen reichte, zum Erfatz für die vereitelte Huldigung oben auf dem Berg. Er schien es zuerst bei einer bewenden lassen zu wollen, aber überlegte es sich und brachfe seinen Tribut mit einer Galanterie dar, Re fernen Unterschied in dK Person machte. Miß Maud war die erste auf seinem Wege, unb als sie bie Rose nahm, beugte sie sich tief über das Pferd, so daß ihr Gesicht vor mir verborgen war. Aber Re Hand zitterte, und es dauerte einige Zech bis Re Blume an der Brust befestigt war. Die Schwester nahm Re ihre lächelnd und unbekümmert und hielt sie zwischen den Zügeln m der Hand, Unbam aben^fonb’lm Hotel eine Unterhaltung statt. Schon ein paar Tage war sie an den Wänden des Speisesaales durch ein paar prachM Plakate annonciert, bie bie Neugier jedoch nicht sonderlich Xu lockG schienen. Cs waren zwei übernatürlich große unb übernatürlich färben- Kne Porträts des unvergleichsichen Hypnotiseurs und Gedankenlesers Monsieur Soundso aus Paris unb feines ebenso hervorragenden magnetischen telepathischen unb auch offenbar etwas apathischen Mediums und Ehegesponses. Sie waren in großer Toilette abgebdbet, mit blendende.^ Diamanten an der Hemdbrust des Herrn unb den Negern der Frau, wie es den Löwen einer Weltstadt geziemt. Sie hätten vermutlich trotz alledegi nicht viel Zuhörer angezogen, märe der Zufall ihnen nicht SU Hüse gekommen. Es war im Laufe des Tages sehr heiß geworben, unb b,e Lust war schwer. Während der Mohlzest rüttelte es plötzlich an den Fenstern, und es wurde so dunkel, bah Licht angezündet werden mutzte^ Das Gewitter war über uns, plötzlich unb gewaltsam wie immer im Gebirge; eg zog rasch vorüber, aber ber Regen ließ nur langsam nach. Es war willkommen, nicht nach Hause gehen xu müssen, sondern mw über den Hof zu einem anderen Gebäude zu laufen, wo bie Vorstellung eben in einfm Saal im ersten Stockwerk stattfinden sollte. Die Possaae vollzog sich er Lachen und Geschrei, bloße Damenkopfe, gehobene fcotfe, lmr#ro«ng Strumpfe und HalRchuhe, Re über den feuchten Sand huschten.. Die kleinen, weihen Amerikanerinnen blitzten wie selbsileuchtenbe Dinge in der Dunkelheit auf. Die Lust war noch trotz ihrer ^e gleichsam von elektrischer Bewegung erfüllt, unb der Donner grollte wie eine ferne KanH nabe. Der Magnetiseur hat leichtes Spiel, sagte man. Er muß sich nur vor 3U S^betam'meinen Platz in ber Nähe von Miß Maud und sah sie mit Ueberrafdiung an. Sie hatte vom Lauf mehr Farbe als gewöhnlich, unb tn ihrem 'schönen Haar glifeertcn Regentropfen. Die rote Nos« steckte grgß und leuchtend an ihrer Taille, und auch sie hatte zitterndes Naß SwisclM den Blättern. Basilics sah neben ihr, ganz naive Bewunderung, bann die Schwester und der junge Verwandte. (Schluß folgt.) Die neuen Ankömmlinge blieben nach den ersten Rufen des Staunens eine Weile stumm. Ader bann begannen sie sich heimlich zu fühlen und Städte unb Orte unten am See wieberzuerkennen, unb ließen das übrige fein. Es gibt eine Sage, die sich gerade an bie Stelle knüpft, auf ber sie standen. Die fanden sie in ihren Büchern, unb als echte Amerikaner vergaßen sie alles andere über dem Leckerbissen einer solchen romantischen Antiquität. Miß Maud las sie laut mit ihrer dünnen deutlichen Stimme, «nb da ich den Inhalt kannte, konnte ich von meinem Platze ans Jo halbwegs folgen. Ein Brautpaar war einmal unmittelbar von der Trauung dort hinaufgewandert, mit seinem ganzen munteren und prächtigen Ge- K. Der Bräutigam war zu weit an den Raub des Abgrunds vorge- rt, um eine Blume zu pflücken, hatte den Halt verloren unb war hin- mitergestürzt. Die Ueberiebenbe hatte in einem Augenblick die Tiefe des Unglücks ermeßen und auch noch eine andere Tiefe in sich. Ehe noch ein Schrei sich Luft gemacht ober eine Träne hervorgestürzt war, war der Sprung getan, unb mit ausgebreiteten Armen suchte und sand sie den Bcrlotenen in gemeinsamem Tobe wieder. Es war etwa dieselbe rühreiwe «nb schlichte Tragik wie in Boccaccios Novelle von Simona und ber Giftblume, dieselbe Unmittelbarkeit, dieselbe blitzartig erhellte Unendlichkeit m einem Herzen. Das Ganze war so himmelweit von moderner Reflexion. Ein Schmerz, der sich nicht Zeit lieh, auch nur zu ahnen, wie interessant er war und wie unerhört das Schicksal, ein Mut, ber seinen Entschluß in instinktiver Sicherheit faßte, ohne ein Zaudern ober eine Klage! Kein Wunder, daß bie Zuhörer dem wie etwas halb drollig Unbegreiflichen und Unwahrscheinlichen lauschten, eben nur einer Sage, bie dem Ort Stimmung gab. Aber ihr, die las, hatte die Stimme zu zittern begonnen, und sie stand bleich unb ergriffen, bis sie durch die Diskussion abgelenkt wurde, die sich entspann. Sie drehte sich darum, ob einer von ihnen so hatte handeln können wie die Heldin in der Geschichte; sie wurde sehr munter und lebhaft. Der amerikanische Herr wollte versuchsweise ein paar Blumen pflücken, die gar nicht besonders gefährlich ftanben, unb wurde mit Geschrei, Lachen und Bitten zurückgehalten. Die zwei Mädchen faßten ihn an ben Armen, und es wurde eine recht graziöse und kokette kleine szene. Basilics wurde so befeuert, daß er nur um ber Sache selbst willen hm- miterspringen zu wollen schien, mit Pickel unb Seil und allem, gleichviel, ob jemand nachfolgte, wenn er nur sicher war, betrauert zu werben. Dieses Versprechen erhielt er von zwei Seiten, aber verzichtete doch darauf, m einer Begeisterung strahlend, Sie etwas unbestimmt, aber offenbar sm Schnee sprießt. Vermutlich hielt sich bie ganze Familie ihretwegen hier euf.roo die Lust sich zum Uebergang von ben Hohensanatorlen eignete. Sie war jetzt ganz wähl, sagte der Rumäne, unb ftuher uberhmtpt nw krank geraden — er hatte es offenbar von Zuverlässigster Seite. Er kam immer gerade von dieser Gruppe zu mir unb kehrte, (obalb er glaubte, haß es anging, wieder dorthin zurück. Es fehlte auch sonst dort nicht an einem ständigen Kavalier, denn da war ein anderer junger Mann, ein Verwandter, so gut wie ein Bruder, sagte der Rumäne, ber nie von ber Seite ber Schwestern wich. Sie waren zierlich unb vogelahnlich tn ihren Bewegungen, hatten bünne, amerikanische Stimmen unb jenen aufge* „eckten, unbefangenen Blick, ber für Amerikanerinnen charakteristisch ist. Aus ber (Entfernung, aus der ich sie gesehen — sie atzen auch an meiner Zahle b'hote, aber nicht am selben Tisch —, hatte ich nur jenes Typische bemerkt, bas bei fast allen Amerikanern der erste unb oft der einzige Eindruck ist. Aber Basilics — so hieß mein junger Freund — wußte stets neue Züge von ihrer Originalität, ihrer Intelligenz und ihren Kenntnissen zu erzählen. Namentlich war Miß Maud, die Blassere, etwas Merkwürdiges. Dieses Wort gehörte zu feinen Lieblingsausbrücken unb erweckte beim Zuhörer nicht biefetbe feurige Witzbegierde, die er selbst ausstrahlte. Für ihr war alles rührend neu unb frisch, das hatte mir schon (eine erste Replik gezeigt. Wir sprachen von einem Monument in Genf. Unb ich begegnete feiner Begeisterung mit einem kleinen Vorbehalt. „3a, gewiß, mein Herr/ sagte er mit leuchtenden Augen, „selbst die Sonne hat ja Flecken, wie unser geistvoller Colorescu so treffend sagt." Das bezwang mich sofort. Ich konnte mich gar nicht bei dem Gedanken an Colorescu unb feinen offenbar beneibenswerten leichten Posten aufhalten, ich beneidete Basilics, unb es fiel mir nie mehr ein, ihm im geringsten zu widersprechen. Darum kam er auch zu mir und erzählte, was Miß Maud in dem wunderbarsten Französisch gesagt hätte — sein eigenes roarmffit wunderbar, aber immerhin viel bester als meines —, und auf diese Weife wurde ich aus zweiter Hand mit ihr bekannt. Eines Tages fließ ich mit der ganzen Gesellschaft oben auf La-Döle zusammen. Sie hatten Pferde für bie Damen mit, unb der Zug nahm sich ganz stattlich unb cntbccfermägtg aus, wie er sich unten auf dem Reitweg dahinschlängelte. Ms dieser aushörte, gingen alle zu Fuß mit Stocken und Bergschaden weiter und machten auch aus dieser Promenade so viel als möglich. Basilics hatte sogar eine volle Alpinistenausrüstung mit Seil und Eispickel. Seine Freude wurde nur ein wenig von dem Bedauern verschleiert, nichts davon anwenden zu können, um Miß Maud aus Lebensgefahr zu erretten. Sie achtete nicht viel auf ihn, wie sie da tn ihrer Abenteuerstimmung dahinhüpfte, und schien mehr geneigt, sich dem anderen Kavalier zuzuwenden. Oben auf dem Gipfel hatte man an diesem Tage eine wunderliche Aussicht. Der See und der ganze Abhang hinunter waren beinahe voll be- wucht-t. Da mar es Hefter und berückend schön, wie gewöhnlich, eine Idylle in großem Stil, eitel Harmonie in allen Linien. Aber auf ber anderen Seite, über Savoyen, lag ein Wolkenseld in langen, weihen Bändern, und aus dem Nebelmeer schoß der Montblanc empor, viel höher als sonst, rote eine leuchtende Riefeninsel. Es war ein fast schmerzlich starker Kontrast zwischen diesen Welten. Die eine für bas Glück, bie andere streng unb unfaßbar, aber bei all ihrem fremben Gepräge in irgendeiner Weise wirklicher. Es war, als sagte sie: So kann man dort unten spielen. So mttb und faust kann man träumen. Aber sieh hier, was schließlich daraus wird. Es war, als ob die Wolken sich einem die Phantasie anreizenden Fernblick öffneten, einem Märchen gleUenber und wechselnder Gewaltigkeit. Äser Nichts rührte sich darin, es stand wie verzaubert unb unveränderlich. cht glauben. Da bin ich selbst schon mitten in der In ihren Bewegungen verschönern sich die Mädchen der Mund öffnen. Weit lerollt — wie bei einem _ _ zaghaft nähert, Sie Lame ihn av- veist^ wie er dringender wirbt, mm laßt sies zum Gespräch kommen, tzvch stimmt sie nur leise bei, doch er wird feuriger, es gcht ihm um den Tanz. Sie zögert, er beschwört beinahe, nun denn, man tritt zu- ßmmcn, tritt an; die zarteste Pause vor dem Beginn. Was sie nun tanzen, das ist der erste Wiener Walzer, Hunderte werden diesem Muster solgen. Dann faßt er sich in einer Art von Menuett, mit einem Wald von Ber- teugungen. Dazwischen jubiliert eine heimliche Arie, die niEand singt; denn während sich alles zur Dorffidel dreht, haucht er ihr seine Geständnisse zu, sie antwortet nur mit einem Druck des Armes. Da dämmern Gefahren, alles wird wirblicht, doch mit unsichtbarer Hand hält der Dramatiker die spielend Kämpfenden zusammen und hebt sie in die Stürme seiner WtMckung. - „ , , Wenn aber alles vorüber ist, und eine lange Pause scheint der Schluß, tritt die alte Form in ihre Rechte. Leise schreitet das Paar zurück, rbeugung, Stille. Wieder ist sie die Dame vom Hofe, die unberührbare. Der Tänzer taucht zurück, dort, wo der Wald zur Wiese hin sich breitet, m seinem abendlich bestrahlten Rande, bei Hirt und Jäger, im Gebüsch. bringen, ihr ganzes Körperliches verwandeln und ein ekstatisches Phä» nomen sind, das nichts anderes als den sinnlichsten Gegenpol zum Abstrakten einer Mary W i g m a n darstellt, ohne daß damit die rein fünft- lerischen Resultate gegeneinander abgewogen werden sollen. Die Kunst dieser Traumbühne liegt auf einem ganz anderen Gebiet. Direktor N e i d h a r t hat den intimen Raum seines „Clou sar die Vorführung, deren einziger Zuschauer und Erleber ich bin, zur Verfügung gestellt. Keine Bühne. Fünf Mädchen, leichtest gewandet, um mich herum. Ein roter Lampion brennt über dem Flügel, an den sich ein Jüngling setzt, sizilianisch gekleidet. Die Mädchen, durchweg sehr jung, nicht überragend schönen Körperbaus, lächeln. Sie freuen sich, tanzen zu dürfen, schlafen zu dürfen, im Schlaf tanzen zu können. Sie heben ganz tanzlustig die Beine. Ein Gongschlag. Ich trete etwas abseits. Der Tanz beginnt — nach einer Musik, die ganz unrhythmisch anhebt, leise aufklingt und in der doch irgendwie tänzerische Weise ist. Drehung, langsam, schon schneller. Augen schließen sich. Ein Sprung ins Ungewisse. Durcheinander — ohne sich anzustoßen. Der Gong donnert dumpf, dreimal. Raschere Drehungen, kühnere Sprünge, durcheinander — ohne daß sich die Mädchen anstoßen. Von einem überentwickelten Tastsinn hat mir Dr. Scherte! gesprochen. „Zwei schlafen bereits!" Ich glaube es nicht, will es nick' ------ t-=- hoT Der Scherte! setzt sich jetzt selbst an das Klavier. Der Jüngling, der eben spielte, tanzt mit. Da die Musik abbricht, folgt er der Aufforderung, sich wieder ans Klavier zu fetzen. Auch er schläft. Er svielt tm Schlafe zutreten. , . Mit der Musik hört auch jede Bewegung auf.. Statuen sind erstarrt in den Stellungen, mögen sie noch so kühn sein, wie sie in dem Augenblick waren. Ein wacher Mensch würde höchstens drei, vier Sekunden so verharren können. Diese Statuen stehen also über eine Viertelstunde oder noch länger, wie man will. Maler, Bildhauer — wie müßtet ihr begeistert sein! Solche Modelle findet ihr nirgends auf der Welt! Die Hände allein — wie unwirklich sie gekrampft sind! Und wie schön sie wurden! Nun gar erst das Antlitz, das ich wie eine Maske in beide Hände nehme, drehe und erschüttert bewundere! Hier ist das letzte überirdische, ganz unwirkliche, tief geheimnisvolle Lächeln wie bei Totenmasken, dessen Sinn wir nicht verstehen, dessen Sinn uns schon in der Ahnung zusammenbrechen läßt. Das ist wie bei der Ineonnue de la Seine aus der Morgue zu Paris. „Ein zarter Schmetterling, der, sorglos beschwingt, an der Leuchte des Lebens feine feinen Flügel vor der Zelt versengte ..." Lest das in Ernst Benkards Buch „Das ewige Antlitz nach! Hier, in Dr. Schertels Traumbühne, habt ihr für Minuten also verwandeltes Leben. Diese Masken — nur mühsam läßt sich ihr Auge offnen. Krampf sträubt sich gegen solches Bemühen. Das hochgezogene Lid zeigt nur noch das Weiße des Augapfels; die vergrößerten Pupillen find ganz zur Nasenwurzel gekehrt. Ein Streichholz flammt auf. Da sein Licht eme Pupille trifft, bricht ein anderer, viel stärkerer Krampf los. Leben will nicht erweckt werden, möchte „drüben" bleiben, läßt sich nur schwer be- Metamorphose drin. In ihren Bewegungen verschönern sich die Mädchen plötzlich. Die Gelöstheit ihrer Glieder wird eine freiere, unirdischere. Tanz wird adimensionales Schweben und Fliegen — ganz unwirklich. Kunst? Ich weiß nicht recht. Die Füße, die Hände sind merkwürdig gekrampft — ähnlich wie ich es bei Toten im Kriege sah. Das sind Leidenschaften, bildhaft gewordene Leidenschaften in erwachten Statuen. Maler, Bildhauer müßten begeistert sein. Ihre Kunst, nach der sie suchen, ist es, die hier plastisch traumhaftes Leben hat. Und darum ist dieser Tanz hier auch Kunst — getanzt von einer Gruppe, die als solche nicht einexerzlert ist nach Thema oder Schema. Eine einzige Traumtänzerin gab es vor einem Menschenalter: die Slawin Madeleine, vor der Duncan. „Wir sind in Suggestion", schrieb damals der Lyriker Ernst Schur. Hatte er recht? Bin auch ich hier in Suggestion? Ist Dr. Scherte! der Magier? Sind die Tänzerinnen lediglich seine Hypnotisierten? Ich weiß nicht ... Derwische schaffen sich selbst ihren Trancezustand. Und diese Mädchen — sie sind längst, da der Gong strenger und gehetzter den Rhythmus gebietet, Derwische geworden, wälzen sich auf dem Teppich, lassen alle Glieder in Ekstase rasen, schnellen wieder empor, schwirren in Hyperbeln von Sprüngen durcheinander, drehen sich wie Kreisel, ohne sich — und das ist wirklich merkwürdig — je anzustoßen. Im letzten Bruchtett der Sekunde biegen sie einander aus um Millimeter. Cm Mädchen ist schlafend liegen geblieben — in einer Pose, die einfach imd doch so künstlerisch plastisch genannt werden muß. Die anderen toben weiter. Letzte Leidenschaft hat jeden Tanz zersprengt. Dr. Scherte! winkt der Musik jäh ab und bittet mich, an die Tänzerinnen heran- Weibliche Derwische in Deutschland. Von Alfred Richard Meyer. Stuttgart, Herbst 1927. Äa hat man sich nun fein ganzes Leben lang weidlich in der Welt herumgetrieben, um hier, in Stuttgart, anno 1927, da es erheblich herbstelt, sestzustellen: es gibt in Deutschland Derwische, und zwar sogar weibliche Derwische; und es könnte deren sogar in jeder deutschen Stadt geben, . wenn ein Mann namens Dr. Ernst Scherte! sein Geheimnis verraten würde ... Der aber begnügt sich damit, die. Angelegenheit „Traum- bühne" zu nennen, die bislang, außer in Stuttgart, nur in Zürich, Leipzig, Hamburg kurz gastierte, ohne das Interesse zu finden, das einer solchen, an sich gewiß schon genügend sensationellen, wie besonders künstlerisch wertvollen Sache wert wäre. Berlin hinkt wieder einmal nach und zieht es vor, seine Sensattonen teurer aus dem Auslande zu beziehen. Ich las von Dr. Schertels „Traumbühne" zuerst in der Zeitschrift ; .Die Schönheit" und in dem Leipziger Magazin „Äsa". Was mich fesselte, war weniger, was hier etwas verschwommen über Tanzerotik und Okkultismus gesagt wurde, als vielmehr die Bilder dieser Mädchen, deren ' Trance-Züge mich an die seltsame Entrücktheit der Tänzerin Charlotte Sara erinnerten. Damals war auch ein Geheimnis an mich herange- äeten, das nicht von dieser Welt war und das sich leider im Laufe der Lahre langsam verflüchtigt hat. In Stuttgart sollte dieses selbe Geheimais, nut noch tausendfach vervielfältigt, zu mir kommen, ausgehend von einer ganzen Gruppe von Tänzerinnen, die sich selbst durch ihre Tanz- bemegungen, durch Musik und gedämpftes Licht, in somnambulen Schlaf in in ihnen, in denen ein paar tausend Mensche« vor den Falten des Geheimnisses sitzen und möchten gerne erstaunen. In diesem Stücke schlägt >a/Herz der Charaktere, die nachher handeln werden, mit voller Realistik, aber der große Colorist überströmt sie mit den Schaumgebilden seines Orchesters. West über den Gedankengang der Opern hinaus ist die Seele iy Carl Maria von Webet in diesen Stücken ganz gefangen, die Heiter- M und Bangnis feines Menschenherzens. Wen« im Freischütz nach den ersten schmächtigen Passagen der klare NaldLSMvrgsn aufklingt, in dem das Mädchen ruhig erwacht ist, schon «Mitert in rasch gesteigerter Unruhe ihre Jugend vor plötzlicher Wirrnis, B sendet sie kurze, betende Rufe nach oben, sie stärkt der Glaube: da i mit hohem Aufschwung der erste jener Weber scheu Stürme einer Ückung himmelan. Schon dringt die dunklere Gewalt nächtlicher Kräfte dawider ein, ein Kampf beginnt, und wie sich durch das Prasseln der Wtönmg, durch das Knistern des Zweifels in den Geigen hilfreich und «ä der Glauben immer wieder durchringt, tönt vom anderen Ufer der Meruf des Geliebten über die Schlucht, es stürmt, es blitzt, bis dann M ein paar langen Pausen plötzlich der diktatorische Dreiklang aufstrahtt erd ruft: wir siegen! , v m gn einem ganz anderen. Walde, abendlich, beginnt das Vorspiel zum Oberon; befangen tastet sich das Waldhorn durch die Dämmerung, hier M, es gute Geister, die durchs Gezweigs schweben, und wie Weber für & Herzensstimmung zwischen Mut und Dangen seine Lieblingswaffen, Korn und Oboe einsetzt, hüllt er den Elfenschleier um seinen suchenden tzeDen. Plötzlich bricht seine hochzeitliche Musik herein, schnell steigt sie leichtem Spiel zu einem seiner Polonäsenmärsche an, bis alles wieder je Mondesdämmerung zurücksinkt. In einem ganz Weberschen Andante Acht er in seiner trotzigen Weise scheinbar grundlos ab, und seine Ent- Mmig beginnt immer wie der romantische Kavallerieangriff seiner Väter, £>r Freiherren von Weber, bis sich die Waldesstille wieder durchsetzt. Bald feigt alles zum dramatischen Kampsspiel der beiden Hauptmotive, dann M paar befangene Momente — und in Überstrahltem Allegro führt der Neister alles zur Hochzeit. Und dies hat ein sterbender Mann geschrieben. Nur die größte seiner Ouvertüren, Euryanthe, ganz Zukunftsmusik und afe solche von Wagner erkannt, beginnt schon mit der Auflösung des Miete, setzt mit dem kühnen Marsche ein, den eine Art holden Trios kurz unterbricht; dann folgen gleich die Schicksalstöne, wieder unterbrochen von Mater Zuversicht. Esti himmlisch bittendes Frauenmotiv, das Weber nie überboten hat, leitet zur Energie des Kämpfers zurück. Doch in der Kitte verwirrt fichs, wieder klingt das Unheimliche herein, das Menschenterz fürchtet, betet, klagt. Ein großartig fugato aufgebauter Seitensatz, ter die Haltung von Beethovens späteren Symphonien annimmt, mündet -hi den Zweikampf der Ritter und Gedanken, aber der erschreckte Herz- tofofl zeigt dazwischen die Gegenwart der kämpfenden Heldin. Dann findet ö sich in den kühnen Anfang zurück, bringt noch einmal die lange Pause tes scheuen Mädchens, das sich vom Entschluß des Geliebten heben laßt, 8t auch hier alles jubstierend endet. In der Zeit des „Freischütz" schrieb Weber, Wiahrig, die Aufforderung «m Tanz. Niemand, der sie gesehen, vergißt die Deutung, die uns die Mischen Tänzer im „Geist der Rose" von dieser Musik aufgedrungen teben. Doch was zugrunde liegt, ist kostbarer, und Weber hat es selbst einmal gedeutet. Wie sich der Tänzer zaghaft nähert, die Dame ihn abruhigen. , ... Diese Masken — noch weniger leicht laßt sich nach hinten und nach oben ist die Zunge hmaufg'. .. indischen Fakir. Leise, aber ganz regelmäßig sind die Atemzuge. Der d^Die^Schmerzenivfindung ist ausgeschaltet. Ein Nadelstich in die Achselhöhle oder in die Fußsohle hat keine Wirkung. Ein angestammtes Streich- holz, an den Härchen der Beine heraufgeführt, erweckt kein Geftihl. Heber Traum und Schlaf hinaus sind Menschen „weg", von aller Triebintensitat, die sie hierher brachte, befrett — bis die Musik wieder autklmgt, Leben wild erwacht und dennoch noch immer im Schlafe ist. Fern legucher Müdigkeit hebt der Tanz von neuem an, entfesselter denn vorerst, zur ^^Med^schweigt die Musik. Jedes Mädchen muß vorsickstig unä einzeln erweckt werden. Das geht manchmal schneller, mal langsamer. Wieder ist Krampf da, energische Abwehr, fetzt gegen das Aufwecken. Ist es „drüben" so schön? Keine Erinnerung kann darüber aussagen, nur ein Lächeln, wie ich es nie sah. Ueberirdisch — muß ich es schon nennen. Rur auf wenigen Bildern alter Meister sich ich gteches. Abgespanntheit, wie man sie stets nach spirittstischen Sitzungen bei Medien beobachtet, fehlt völlig. Am liebsten würden die Mädchen gleich wieder lostanzen. Also muß es schon etwas Angenehmes, Schönes um solchen Traum- weiter — diese gänzlich unbestimmbare Musik. Auf Befehl hört er auf. Auf Befehl spielt er lueiter. Er zeigt dieselben äußerlichen Phänomene wie die Mädchen, die aus der Starrheit ihres Statuentums wieder erwachen und doch im Schlafe find ... bis zum abermaligen Erwecken. Wir trinken zusammen Kaffee, da sich die Mädchen angezogen haben. Alle lächeln, aber ein ganz anderes, wiülicheres Lächeln als eben. Nun lachen sie alle, da sie sich über Schlagsahne und Kuchen hermachen. Ja, schön, sehr schön war es — erwidern sie auf meine Frage. Sie wissen nichts, als daß sie getanzt, als daß sie geschlafen haben. Körperliches mutet jetzt fast plump an; Hände sind nicht nur in ihren profanen Gesten vergröbert. Desillusioniert wirkt der Raum, da ein roter Lampion erlosch und da der Flügel schwieg, da letzter Gongschlag verstummte. Es ist nichts als: harmlose Menschen trinken Kaffee und essen Kuchen, von Frau Neidhart liebevoll bewirtet ... war alles Traum? — Und woher kam dieser Traum? Ich selbst glaube, bestimmt zu wissen, daß ich keiner Suggestion unterlag. Sachlich habe ich mich und die anderen geprüft. Gewiß ist nicht jeder Mensch geeignet, in diesem Traumtheater also zu tanzen. Hysterie, nicht im ärztlichen Sinne als Krankheit verstanden, solche des Infantilismus, der Pubertät, der Askese, scheint mir die Vorbedingung zu sein. Aus diesem Kreise ging die einzigartige Kunst der Toni von Eyck und dec Inge Frank hervor. Ihnen beiden ist ein somnambuler Zauber geblieben, wenn sie sich auch längst aus dieser „Gruppe" losgelöst haben. Es ist zu befürchten, daß die Atmosphäre der Jntellektualität diesen Zauber allmählich vollends aufsaugen wird. Wenn es so ganz einfach wäre, hätte Dr. Schertet heute schon ein Dutzend geschäftstüchtiMrer Konkurrenzen: die Mode der Traumbühnen wäre längst als Seuche über uns hereingebrochen, wie im Mittelalter die St. Veits-Tänze oder wie sich die Tanzepidemien sonst nannten. Vorerst steht den weiblichen Derwischen in Deutschland noch das Schicksal bevor, als Sensation entdeckt zu werden. Ich preise mich glücklich, sie vor der allgemeinen Sensation erlebt zu haben und fie als mein Geheimnis — ; weiter geben zu können, das jeden Künstler nur beglücken kann und muß. j Eine weibliche Derwisch-Industrie — das möchte ich lieber nicht er- ! leben ... Am nächsten Tage ist mir noch Gelegenheit geboten, einer Uebungs- ! stunde bei Dr. Schertel beiwohnen zu können. Nicht etwa „Schlafen" ! oder doch, wie man „hinüber" kommt, wird hier geübt. Stramme Gym- ! nastikübungen füllen den größeren Teil der Stunde aus. Wie in anderen Schulen wird hier „geschliffen", nicht umsonst ist Dr. Schertel vorher jahrelang Lehrer in der Stuttgarter Tanzschule Herion gewesen, die ich i auch in exakten Hebungen sah, die jedoch über ein gutes Mttelniveau in Einzelleistungen nicht hinaus kam. Erst zum Schluß wird getanzt. Einige Mütter stellen ihre Töchter vor und bitten um Auskunft, ob jene überhaupt „geeignet" seien. Am Schluß der Stunde „schlafen" einige der Novizen schon „schön". Sie dürfen an dem weiteren Unterricht teilnehmen, um Wochen später vielleicht der Gruppe eingereiht zu werden. Aus erstem leisen Schlaf kann vielleicht der tiefere werden, aus dem alles entsteht: > letzte Entrücktheit, Abstreifung jeden Wachlebens, Hingabe an eine Weit, deren Geheimnisse wir nicht kennen, nur ahnen dürfen, ekstatische Verbindung zwischen Erde und Himmel, Entrückung in eine Sphäre, aus der roir alle einst kamen, in die wir alle einst wiedereingehen muffen und für die wir, solange wir in das Gefäß eines vergänglichen Körpers gebannt find, keinen Namen haben — es fei denn ben des Metapsychischen. BKS Eichkätzchen. Von Otto Chrharr. Direkt vor unserem Hause zieht ein blanker Kiesweg vorüber, den eine Reihe starker, fröhlicher Birken nach dem nahen Gemeindewald begleiten. t Es ist ein prachtvoller Morgen, durch die weit geöffneten Fenster sieht : man eine fette Wiese, dahinter stehen gelbende 'Kornfelder voll feurig- glühenden Mohns. Heber einem fernen Waldstreifen blitzt und blinkte es ' ... dort liegt das Moor. Das große, einsame Moor.' Der Himmel ist - wolkenlos, wie eine klingende Glasglocke über das Land gestülpt. Mau kann nicht arbeiten, wenn es so schön wie heute morgen ist. : Meine Gedanken sind überall; im Wald, im Freien, am Flusse, im Moor s — überall, mir nicht hier, wo sie sein sollen, an meinem Schreibtisch, vor dem glatten Papier. Bald daraus flitze ich mit meinem alten, treuen Rade durch den Ge- mcin-dewald. So früh geht nur selten jemand dort spazieren und der Wald gehört jetzt fast nur mir. Hasen hoppeln noch ganz vertraut über die i stillen Wege, Wildtauben gurren und Höher und Elstern find frech und ; übermütig wie nie am Nachmittage. In den rauchenden Lichtungen äsen, ? zwischen Johanniskraut und Weidenröschen, liebe schlanke Rehe. Es rasselt vom nahen Stamme, faucht und zischt über meinen Weg. ; Schnell wie der Blitz, bin. ich abgesprungen und dahinter her. Nach kurzer j Hatz ist das junge Eichkätzchen mein. Ich halte es fest zwischen meinen ■ beiden Händen und bin so glücklich dabei. Wie sein Herzchen schlägt! Das zierliche Köpfchen schaut wie aus einer Höhle aus meinen Fäusten heraus, s es hat sich fest in meine Finger verkrallt, und den Schwanz, das buschige, - rotbraune Schwänzchen, hat es zart und weich, wie eine Feder um meine t Hände geringelt. Was für putzige Büschelöhrchen es hat! — Es beißt und t schreit nicht mehr, es hat sich ganz ergeben und starrt mit großen, i traurigen Augen verschüchtert vor sich hin. \ Ich wollte schon längst wieder einmal ein Eichkätzchen haben und jetzt - -- jetzt habe ich eins! Jüggele, meine kleine Freundin, ist ganz selig, tri» ich ihr das | Dingelchen bringe. Noch am selben Vormittage frißt es in Milch getunktes ' Brot aus der Hand und wir können uns en dem graziösen Wesen gar nicht satt sehen. Das ganze Haus ist entzückt von ihm. und Mutter Plötz, di« brave Pensionspatronin, meint: „Dös wird fei ganz zahm. Dös sonnens später wie Hunderl am Ketterl führnl" O ja, wir weichen sicher Fiel Freude an ihm erleben. Unser Eichkätzchen sitzt bald reglos und müde hinter der große« Schachtel auf meinem Kleiderschrank. Cs preßt sich dicht an die Wand und hat die Augen geschlossen. Nun, es wird schon wieder munter werden! * Nachmittags fahre ich in das Moor. Ich liebe besonders die Landschaft, die man „In den Vierteln" nennt. Dort hinten, wo die armen, vom Torfstich und geringer Landwirtschaft lebenden Mösler Hausen, ist das Moor am allerschönsten. Besonders die lange, gerade, von tiefen braunen Abzugsgräben und Torfstichen flankierte Straße, die etwa hinter dem Eschen- Hofe gegen Graßlfing führt, hat es mir angetan. Sie liegt fo ganz ver- lassen, in der braunen Weite, ihre Telegraphenstangen sind zum Teil umgestürzt (kein Mensch denkt daran, sie wieder aufzurichten ober zu erneuern), und die Drähte hängen dort, wo die Mösler keine Verwendung dafür hatten, schlaff und nutzlos in das Unkraut am Rande der Straße hinab. Man möchte glauben, daß hier bald die Welt aufhörte .... Auf einmal steigst du vom Rade und beginnst — wer weiß warum — ein ernstes, besinnliches Wandern. Du horchst und sinnst, und wenn es Abend wird, beginnen alle Dinge, die armen Häuschen und Schuppen, die kümmerlichen Birken und die steifen Telegraphenstangen, sachte mit dir heimzuwanüern. Sie geben dir das Geleite. Brüderlich gehen sie neben dir her, durch das Moor, durch den großen, stillen Feierabend, an dessen Rande, über dem schlafmüden Land, die große, rote, runde Sonne steht... An dieser Straße, noch ehe man zu den schiefen Mooshäusern kommt, liegt ein kleiner Wald. Man kann ihn, der uneigennützig und bescheiden wie eine kleine Insel in der großen Flache steht, fast übersehen. Springt man westwärts über den Graben, so steht man bald, nach kurzem Gang durch allerlei Zwerggesträuche, mitten im Schatten wohlriechender Kiefern und Tannen. Unter den dichten Zweigen herrscht kühle, feierliche Still«. Der Boden ist dicht mit welken, den Schritt eigentümlich dämpfenden Nadeln bedeckt, so daß man unwillkürlich noch leiser, wie vorher, als man die federnde Glätte betrat, geht. Zwischen den niedersten, abgestorbene» Zweigen, hängen viel Spinnweben, die sich gern im Gesicht und in den Haaren verfangen. Man fühlt aus allem, daß hier nur selten ein Mensch geht. Bis dicht zum gestrüppumwucherten Rande ist der Wald von tiefer, grünnächtiger Verworrenheit erfüllt, und man muß schnell die Augen schließen, roetm man wieder vor der lodernden Helle des Moores steht. Einmal gelangt man an eine Lichtung, auf der zwischen hohem, scharfem Gras dicke, junge Tännchen stehen. Im Vordergründe dieser lichten Freiung prangen mit weißen, seidigen Leibern mehrere alte, starke Birken. Zu ihren Füßen find ein paar Schichten Torf gestochen, wodurch sie wie auf einer dunklen Erhebung stehen. Diese braun« Zerschneidung gibt dem »erträumten Orte erst besonderen Charakter. Sie bewirkt, daß das viele Grün nicht wahllos ineinander fließt, schafft Distanzen, vertieft den Grund wie auch die Farben, und hält die Bäume frei und schon dem reichen Himmel entgegen. Hier läßt sichs herrlich schauen und träumen! Di« Jungtannen sind heuer ganz besonders schön. Trotz des späten Frostes, der ihr« ersten zarten Triebe versengt«, haben sich die guten Bäumchen von neuem mit lauter weichen saftgrünen Sprossen geschmückt. Munter« Vögel, bunte Falter und eine vielstimmige, summende und zirpende Jnfektenwelt, treib« glücklich über der Schonung dahin. Hoch oben rüttelt ein Stößer im Blau. Mein Eichkätzchen hätte es hier wohl schön. Ich kann mir gut vorstellen, wie es sich dort drüben auf den schwanken Westen der Großfichte schaukelt, rasselnd um di« Rundung des Stammes nieder auf den Boden fegt, einen Pilz pstickt und ihn, schon wieder im höchsten Birkenwipfel -droben, anmutig verzehrt. Nahrung fände es hier übergenug. Beeren, Samen, Nüsse, saftige Trieb« und Kerfen — hier hätte es alles! Und daheim? Ach, wir "wollen lieber nicht vergleichen. Wenn ich ihen das ganze Zimmer mit Zweigen und Schaukeln zum Springen und Klettern ausfüllte; es ist doch kein Wald. Himmel, Luft, Erde und strömendes Sonnenlicht, freie Bewegung rm-d frisch lebendige Nahrung kann ich ihm nie ersetzen. Man müßte gerade ein Herrgott sein! Ich bin aber nur ein Mensch. Ein freier Mensch .... Am Abend fahre ich recht nachdenklich heim. Vor dem Gebetläuten besuche ich es noch einmal. Es hat sich jecp unter den Schrank verkrochen. Meine Freundin kommt dazu. Wir liegen vor ihm auf den Knien, wir locken und rufen — umsonst. Wir erfinden die innigsten Namen, aber es nützt alles nichts. Die schönen Augen schimmern traurig aus dem Dunkeln. Matt ist fein Blick. Und während wir es so beftarren, in zähem Egoismus Siebe ertrotzen wollen, benimmt es sich auf einmal wie ein Mensch: es hält bl« Händchen vor die Augen und bedeckt fein kleines Köpfchen wie aus Angst und Scham! „Nein, nein, ich kann euch keine Liebe geben. Ich will euch nicht sehen!" Verwirrt und bestimmt schleichen wir zur Türe hinaus. Diese Nacht schlief ich s-lstecht. „Wenn es nur nicht stirbt!", war mein einziger Gedanke. Am andern Morgen, in aller Frühe, schau ich unter den Schrank. Es hat sich ganz zufammengekuschelt, es zittert und friert, aber es lebt noch, Gott sei Dank! Eins Stunde später ist auch Iüggele da. Wir brauche« gar nicht darüber zu reden. „Ja, ja, schnell! Es ist gar keine Frage mehr. Sorglich wird es in ein Taschentuch gebunden, und -dann tragen wir es zusammen an denselben Platz, wo ich es gestern fing. Wie hämmert feitt kleines Herz! Wir find da. Das Taschentuch ist «rtfnotet. Es fitzt frei auf de« Boden, frei in der ihm von Gott cm-vertrauten Welt. Wit einem Satze stürzt es fort — stürmt schneller und immer schneller über das Gras, über Wurzeln und Steine, springt eine Tanne an, stutzt einen Moment und klettert dann wie rasend in die Höhe. Jetzt ist es droben! Jetzt kctmeN es auf den nächsten Wipfel hinüber und listet herab..... „Pschauch!!" Oö das wo-hl „Ducke" hieß? Wir waren beide sehr, -sehr glücklich. Aber irgendwo, fleme JwktM, es uns doch ein bißchen weh? Verantwortlich: Dr. HanS Dhchrio-t. — Druck und Verlag: Vrtzhl'stHe Anivers itäts.Vrcch-- und Ktsindruckerei, V. Swnge,MeIN.