Jahrgang 1927 Dienstag, den 5. Juli Nummer 55 Gießener KimilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mseresstrand. Von Theodor Storm. Ans Haff nun fliegt die Möwe, Urob Dämm'rung bricht herein; lieber die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein. Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer. Ich höre des gärenden Schlamm Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon. Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen Die über der Tiefe sind." Helgoland. Von Dr. Karl Neurath. Du bist Drplid, mein Land . . . Wer eines Sommertages — noch müde von der Seefahrt — die rote Insel durchstreift, die wie ein Märchen über den glasgrünen Fluten schwebt, der sieht sie wohl trunkenen Auges, aber er lernt sie nicht kennen. Man muß seßhaft werden für Tage und Wochen, um ihren Zauber auszukosten, die ganze Schönheit dieses Felseneilandes in sich aufnehmen, auf dem einst strenge Priester das Heiligtum ihres Gottes hüteten. Noch heute bedarf es keiner großen Einbildungskraft, auf getürmten Wogen das gepanzerte Doot eines fee-erprobten Wikings heranbrausen zu sehen, wenn man einsam auf der Klippe steht, denn der Fels hat sich in geschichtlicher Zeit kaum verändert, wenn man von dem mit unendlichen Mühen und Kosten errichteten und dann wieder zerstörten Hafen und seinem breiten Vorland absieht. Wie in alten Zeiten braust das Meer über den am Ende der Tertiärzeit abgesunkenen Felsengrund, der einst die Küste mit der Insel verband, wie in alten Zeiten wandern die Wolken daher und die geheimnisvollen Funken der Serne ... Ist man fern genug von dem Lärm der wonne- tlunkenen Zeitgenossen, dann ist man mitten in der reinsten, von keines Menschen Hand entstellten Natur, und man mag sich wohl einbiiben, daß da, wo weit im Westen die Sonne flammend ins Meer sinkt, heute noch der Rhein flutete wie vor Jahrtausenden, und daß ihm die Themse ihr Wasser noch immer zuführe wie damals, als Helgoland ein Fels des Festlandes war. Heute führen die Hochstraßen des Weltverkehrs vorüber, Dampfer und Jachten liegen auf der Reede, die breiten Fischerboote eilen über die seidigen Wellen wie Käfer über blinkendes Blattgold, der Fremdenstrom überschwemmt den Strand, braust die hohe, unbequeme Treppe hinauf, ergießt sich über das Oberland, und doch lebst du auf einer einsamen Felsenrippe weit über aller Zeit. Anfangs ist man bange. Die Insel ist gar so klein, und man glaubt immer, wenn man darüber hinwandelt, daß man mit dem einen oder dem anderen Fuß ins Meer treten müsse. Bald aber gewöhnt man sich, und wenn man wohlig müde von Bad und Strand zurückgekehrt ist und feinen abendlichen Rundgang macht, dann merkt man, daß man sich reichlich müde laufen kann auf Helgoland, und streckt sich behaglich im zerzausten Gras, indes langsam die Sterne heranwandern und Meer und Wind das ewige Lied rauschen — das auch in unserem Blute brandet, das Heim- wehlisd von Orplid, dem Land . . . Die Düne. Auf der Dune drüben, die glänzend weiß vor dem Türkis der ewigen See funkelt, liegt ein kleines Stück Grasland, um das ein schwarzer Zaun gezogen ist. Ein Dutzend Kreuze, schwarz vom Teer wie 'bas Gatter, stehen in Reih und Glied, ohne Namen, ohne Schmuck. Schlicht und einfach wie die Fischer, die hier kargem Fang nachgingen, ehe Jakob Andresen Siemens den ersten Dadekarren gebaut hatte. Geborgen im weißen Sand ruhen hier die Tatzen, von denen niemand Name noch Heimat weiß. Irgendwo wird wohl ein Herz gebangt haben Tag um Sag, aber stumm blieb das Meer, stumm der Mund, der einst ein fröhliches Wiedersehen gelächelt hatte. Der Friedhof der Heimatlosen nahm ihn auf und schryeigt. Am Eingang steht ein Denkstein mit einem Gedicht von Geheimrat Hesselbarth auf bronzener Platte. Der Gelehrte, der so mannhaft für Helgoland eingetreten ist wider die Regierungen, hat hier Worte zarter Liebe gefunden für die Schlafenden, die den Seemannstod erlitten, und ergriffenen Herzens geht man weiter, indes der Sand unter den Schritten riefelt . . . und über den Dünenrücken die Freude der Badenden schallt. Die säuberlich aufgestellten und immerzu vermehrten Kabinen mit ihrem freundlich frischen Grün reichen nicht aus für all den Andrang, der sich mit jedem neuen Boot vermehrt, und so hilft man sich selbst, so gut es eben geht, und freut sich der Selbstverständlichkeit, mit der aus dem Bürger plötzlich ein Mensch wird. Herrlich, wie sich heute selbst Frauen mit weißen Haaren froh und ungebunden im Wasser tummeln und sich des Segens freuen, der wohlig über ihrem Körper riefelt. Und erst die Jugend! Da wächst ein Geschlecht heran, das für unsere Zukunft bürgt... In brausender Fahrt kommt ein Flugboot. In entzückender Schleife schwebt es über der Insel und geht bann dicht bei der Düne, um jubelt von jung und alt, auf das bewegte Wasser nieder, bootet seine Fahrgäste aus, nimmt neue an Bord und erhebt sich dann mit dem Gefühl der selbstverständlichen Sicherheit wieder über die Wogen, um heimwärts zu ziehen nach Bremerhaven und Bremen. Die Badegäste. Vor dem Kurhaus und auf der neuen Landungsbrücke wandeln und wirbeln die bunen Mengen der fremden Maidlein, spärlich von Jünglingen umschwirrt, und darüber flattern im steifen Südwest die Flaggen aller deutschen Staaten in der gleißenden Sonne. Dahinter der rote Fels, darüber der seidig blaue Himmel und rundum der schimmernde Smaragd des ruhig atmenden Meeres, über das nur hin und wieder kleine weiße Wellenkämme laufen. Und jeder Dampfer bringt neue Gäste. Manche laufen nur hurtig über die Insel, schauen ergriffen ins weite Gestüte und fahren bann wieder ■ weiter, anderen Gestaden zu, indes der seßhafte Fischer auf dem Geländer der Brücke hockt, mit gleichgültigen Augen über die lauten Schwärme ins Meer sieht und vergnügt seinen Priem taut. Andere wieder schlucken hastig eine Tasse Kaffee, schlingen ein paar Bissen hinunter, füllen sich Taschen und Handkoffer mit Schmuggelwaren oder schauderhaften Andenken und erreichen abgehetzt und müde gerade nach bas letzte Boot, um weiter zu rasen. Die glücklich Besitzenden aber lehnen schadenfroh an der Falrn und ergötzen sich an den Leuchtfeuern. Von Wangerooge, vom Roten Sand, von Elbe I, von den Türmen und Feuerschiffen der Eider herüber leuchten die trostvollen Funken, und darüber ziehen die drei Büschelfeuer von Helgoland ihre breiten Streifen, von dem roten Fositesland, um das uralte Wasser ruhevoll steigen . . . Bad Helgoland. Vor dem Norbseemuseum steht ein Gedenkstein für Öen Begründer des Bades, den alten Schiffszimmermann Jakob Andresen Siemens, dem Helgoland seinen ganzen heutigen Wohlstand zu danken hat, der aber arm und mittellos in einem englischen Armenhaus gestorben ist. Der einfache graue Stein erzählt von jener Zeit, da man mit einem halben Dutzend Badekarren vor hundert Jahren ein neues Glück nach Helgoland fahren wollte. Schwer genug ist es gewesen, und lang genug hat es gedauert, bis politische Flüchtlinge aus Deutschland und Oesterreich, bis Männer wie Heine, Dingelstedt und Hoffmann von Fallersleben seine Schönheit in alle Winde fangen und seinen Ruhm verbreiteten. Neckisch sahen sie aus, die Schönen, die vor hundert Jahren daher- = kamen, um das heilsame Bad zu brauchen, in großen Schutenhüten stiegen ! sie ins Meer, einen wohlgarnierten Badeanzug um die Glieder, aber oft ’i genug auch ganz so wie sie gewachsen waren, denn die damaligen Bade- f ärzte' hielten den Badeanzug für schädlich, und bei dem für Männlein und Weiblein gesonderten Strand gab’s auch wohl nur wenige, die Anstoß daran nahmen. Am wenigsten wohl die Herren, die unterm gravitätischen Zylinder und im schwungvollen Vatermörder einherwandelten und — wenn man alten Gerüchten trauen darf — mitunter versuchen, einen kecken Blick ins verbotene Paradies zu werfen. Heute ist man nicht mehr so prüde. Der Leid ist nicht mehr des Teufels Lockspeise, um die brave Seele zu ködern, und so gibt man sich mit freierer Lust und lebendigerem Weltgefühl als Kind der Erde und genießt die Wohltat der flutenden Wasser und der wärmenden Sonne in vollen Zügen. Die Natur ist wieder auf dem Wege selbstverständlich zu werde, und da man heute das Weib vom Mann kaum mehr unterscheiden : kann, wenn sie im Wasser stehen und die kurzgeschnittenen Köpfe recken, i so kehrt das alte Ideal der Helgoländer Badeärzte vielleicht in gar nicht ' so ferner Zeit einmal wieder. Das Rordseemusernn. ! Hier gibt es alles mögliche zu sehen, was man sonst selten findet, vor ‘ allem Fische und Vögel. Vor allem Fische in jeglicher Gestatt. Und dann ; Vögel. Lummen, Schwalben, Stare und Sperlinge sind so ziernttch die ' einzigen Strandvögel auf Helgoland — was sonst vorkommt, sind nur ! Gäste auf dem Zug, aber es sind eine ganze Stenge, denn Helgoland ist i eine viel besuchte Gaststätte der Zugvögel, die hier zur Rast einfallen. • 400 Arten ziehen vorüber . . . Die Vogelfammlung des Novdseemuseums — das Aquarium ist wegen Umbaus geschlossen — ist vor vielen Jahrzehnten von Heinrich Gätke angelegt worden. An einem kleinen Haus in der Nähe des Hamburger Hofes erinnert eine Gedenktafel an diesen tüchtigen Vogelforscher. Sehr hübsch und aufschlußreich ist auch die Sammlung von Helgoländer Altertümern, die manche Ueberraschnng bietet und den innersten Kern dieses helläugigen Jnselvolkes in künstlerischer Läuterung stark und erbaulich offenbart. So klar, so deutsch in Form, Farbe und Zierwerk, so ganz und gar echt, daß auch der diesen Dingen fernstehende Laie einen starken Eindruck erhält. Rund um Helgoland. Das Meer wallt im Sonnenspiel wie zerronnenes Silber, ein leichter Wind weht von West über die See und rollt weiße Wellen heran. Wie Rosen auf grüner Schale sieht das aus, wenn man hinüberblickt nach England zu. Hohl rauscht die Brandung über die mächtigen Blöcke, die als Sicherung gegen die ewigen Fluten dienen. Mächtig streben die Felsen auf, tief leuchten die Wände über der starken Preuhenmauer, steile Schroffen recken sich auf, unheimliche Grotten gähnen uns drohend an, Klippen mit messerscharfen Graten springen vor, das Wasser brodelt und rauscht, eine unglaublich hohe Holztreppe zieht sich von der Werkstelle in schwindelnde Höhe aufs Oberland hinauf, das ein schmaler, grüner Streifen anmutig krönt. Der Lummenfelsen ist verlassen, mir die breiten, schneeweißen Guano- bänder, die seine Kanten säumen, machen ihn kenntlich als den deutschen Vogelfelsen, den einzigen, den wir haben. Sonst nisten hier Hunderte und Hunderte von Lummen und Alken wie Soldaten in Reih und Glied an der Felswand ausgerichet und schnattern von früh bis spät. Die Preußenmauer, der gewaltige Uferschuß, an dem schon seit Jahren gearbeitet wird, legt sich langsam um die Insel herum. Unser Führer zeigt uns, wie sie geplant ist. Ob es gelingen wird, dem Meer soviel Raum wegzunehmen, das hängt heute nicht sowohl von den technischen Möglichkeiten, als vielmehr von dem verfügbaren Geld ab. Von den feit dem Mittelalter in der Nordsee versunkenen 5000 Geviertkilometern hat zähe Arbeit die gute Hälfte wieder erobert. Möge das auch bei Helgoland gelingen, der herrlichsten der deutschen Inseln. Käthe KoKwitz. Von Dr. Ludwig Neundörfer. Professor Käthe Kollwitz begeht dieses Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Cs ist das Anlaß, auf ihr Werk zurückzublicken und ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Käthe Schmidt, wie der Mädchenname der Künstlerin lautet, ist 1867 geboren. Ihre Jugend liegt also in jener Zeit, da das neue Deutsche Reich mächtig sich entwickelte, da die. Grundlage der Industrialisierung gelegt wurde. Ihr Vater war Maurermeister/ursprünglich jedoch Jurist, der wegen seiner Anschauungen diese Laufbahn aufqegeben hat. Die Künstlerin kam zu Stauffer-Bern in Berlin und zu Herterich-München in die Lehre. Starken Einfluß aiff ihr« Kunst hat vor allem auch Klinger aus- geübt. 1891 verheiratete sie sich mit dem Kassenarzt Dr. Karl Kollwitz und ließ sich mit ihm in Berlin N nieder. Ob es innere Wahlverwandtschaft war, die sie in jenes arme Viertel Berlins mit seinem großen Elend gezogen hat? Auf jeden Fall entstammen die Motive ihres Werkes von vornherein dieser Welt: Bettlergestalten, Vorstadt- und Wirtshausszenen! Das erste große Werk war dann der Zyklus von sechs Blättern: „Ein Weberaufstand", der 1897 erschien. Diese Folge hat Käthe Kollwitz mit einem Schlag berühmt gemacht, ihr aber auch viele Feindschaft eingetragen. Wie Gerhart Hauptmann, von dessen Spiel „Die Weber" Käthe Kollwitz angeregt worden ist, legte sie die Hand aus eine Wunde der Zeit. Die Umstellung auf Fabrikarbeit hatte großes Elend, besonders unter den Heimarbeitern, hervorgerufen. Es kam darüber zu Unruhen, die mit Waffengewalt unterdrückt wurden. Noch eindringlicher wie in Hauptmanns Spiel, wird uns das Schicksal dieser Weber aus den Bildern deutlich. Es fehlen die Gegenspieler: Der Fabrikant, seine Frau, der Expedient und der Pastor, der Gastwirt und der Gendarm. Nur das Volk, seine Not in den dumpfen Hütten, wo Hunger und Tod ständige Gäste sind, die dumpfe Lust des Wirtshauses, da sie mit heißen Köpfen zusammenhocken und beraten, der Auszug so wenig sieghaft, müde sich hinschleppende Gestalten mit stumpfen Mienen, der fruchtlose Kampf vor dem geschlossenen Villentor und schließlich wieder die enge Stube mit dem Webstuhl,' noch vom Pulverdampf erfüllt, aus der man die Toten hinansträgt. Als Schluhblatt für den Weberzyklus, das den ganzen Sinn dieser Folge enthüllt, plante. Käthe Kollwitz ein symbolisches Blatt: Ein auf Dornen gebetteter Leichnam, wie Christus im Grabe und rechts uniä links zwei 0e^eu^igte Frauen mit der Unterschrift: „Aus vielen Wunden blutest du, Mit dem Weberaufstand hatte Käthe Kollwitz ihr Lebenswerk Umrissen. In immer neuen Gestalten zeigt sie das eine, die Not eines gedrückten Volkes, sein Kampf mit dem Tode. „Zertretene" heißt ein Blatt von 1900; da sitzt eine Frau, schwer müde und hoffnungslos, den Kopf eines Kindes zwischen den Händen im Schoß haltend, der Mann steht daneben mit abgewandtem Gesicht und kann nichts anderes, als den Strick zu reichen, damit man diesem Leben ein Ende machen kann. In diesen Blättern ist wohl bewußt die Anklage gegen schlimme Zustände im Volk hinausgeschrien. Aber dieses allein könnte Küche Kollwitz nicht die allseitige Bedeutung sichern, die sie genießt. Wäre ihre Kunst reine Tendenz, so würden sich alle die davon abwenden, die vom Kunstwerk mehr verlangen als das. Es ist gar kein Zweifel, daß Käthe Kollwitz mit ihrem Schaffen künden wollte. Aber sie ist als Mensch so groß, daß sie über das äußere Elend hinaus die Menschenwürde in diesen Aermsten entdeckt hat. Sie fordert nicht, sondern sie zeigt, daß es da ist. Da steht eine Frau, hoffnungslos müde, und pocht an der Tür um Arheit. Die ganze Gestalt verhärmt und zerschosst, aber im Antlitz wird Menschlichkeit ganz tief offenbart. Und das ist es, was Käthe Kollwitz allgemein beideutet: Ihre Köpf«, ihre Gestalten künden wirklich! Dabei soll auch der rein künstlerischen Meisterschaft, mit der Käthe Kollwitz Kohle und Radiernadel Handhabt, gedacht sein. Wir kennen von ihr kein Gemälde, aber SUft und Nadel weiß sie zu handhaben, wie kaum einer ihrer Genossen. Seit 1912 hat sie sich auch mit plastischen Werken versucht, von denen aber bis jetzt noch nichts an die Oeffentlich- keit gedrungen ist. Mch einer langen Pause, über die Kriegsjahre hin, ist Käthe Kollwitz 1919 erneut auf den Plan getreten. Wir spüren einen deutlichen Wandel im Spiel dieser letzten Jahre. Immer mehr wird das schildernde Detail zurückgedrängt gegenüber großen zusammenfassenden Linien, die nur das Wesentliche des Ausdrucks geben wollen. So ist es natürlich, daß Küche Kollwitz in der großen Folge von sieben Blättern, in der sie ihr Erlebnis des Krieges niedergelegt hat, zum Holzschnitt gegriffen, ber mit reinen Flächen und Linien arbeitet. Das Arbeitsgebiet von Käthe Kollwitz ist beschränkt. Sie kennt nicht Landschaft, sie hat außer Selbstbildnissen keine Porträts geschaffen, sie hat nie Geschichten erzählt. Es ist wie selten,bei einem Künstler ein einziges Motiv, das ihr Lebenswerk beherrscht. Aber wenn wir in großer Schau das Schaffen von bald 40 Jahren überblicken, so werden wir nicht müde. Käthe Kollwitz hat eben nicht eine Spezialität, die, einmal gefunden, in virtuoser Weife immer wieder vorgeführt wird, ihr Lebenswerk ist beherrscht von einem tiefen Erlebnis, daß sie alles ander« Darstellenswerte vergessen läßt und nur dies eine in immer neuen Bildern künden läßt: Die Not der Mitmenschen, ihr Kampf und ihr Leid! Die Stimme des Orakels Von Paul Abt*). Eines Nachts kam Solomoni ganz aufgeregt in meine Hütte gelaufen und erzählte mir eine verworrene Geschichte von einem Mädchen, das vorn Teufel besessen sei. Er führte mich zu einer Hütte am Ende des Dorfes. Schon von weitem vernahm ich ein eigenartiges Summen, das oft von schrillen Schreien unterbrochen wurde, und als ich den engen Raum betrat, blieb ich erstaunt stehen, denn seltsam war der Anblick, der sich mir bot: Da lag am Boden, splitternackt, ein junges Mädchen auf dem Rücken. Arme und Beine waren weit nusgestreckt und wurden von je einem Fidschianer am Boden festgehalten. Die Brust der jungen Schönen wogte, der ganze Körper zuckte wie im Krampf, keuchend kam der Atem aus den Lungen, und oft rang sich ein heiserer Schrei aus ihrer Kehle. Die Llugen waren vollständig nach innen gekehrt, der Mund halb geöffnet, und auf den schön geschwungenen Lippen stand ein feiner, weißer Schaum. In der Ecke der Hütte brannte ein großes Feuer, welches gespenstische Lichter auf die glänzenden, dunklen Körper warf. Die Aeltesten des Dorfes faßen in einem Kreise nahe dem Mädchen am Boden. Solomoni forderte mich auf, an seiner Seite Platz zu nehmen. Dann brachten auf einen Wink des Häuptlings einige Fidschianer ein riesiges Kawabecken, das sie mitten in unseren Kreis stellten. Und nun erschien Meemea, die Bortänzerin des Dorfes, mit einer großen Kawawurzel. Vor dem Häuptling niederkniend, zeigte sie den Mund und ihre Zähne, zum Beweis, daß sie rein und gesund seien. Auf ein Zeichen fing sie an di« Wurzel zu kauen, spuckte den Brei in das Kawabecken und schüttete etwas Wasser dazu; die Kawa war fertig. Eine alte Kokosnuhschale, durch den vielen Gebrauch poliert, wurde herumgereicht. Jeder nahm einen Schluck, dabei irgendeinen Spruch murmelnd, und tauchte dann die Hände in die Flüssigkeit des Beckens. Auch ich tat dies gespannt, was nun kommen würde. Kaum aber hatte ich die Kawa berührt, da fühlte ich ein eigenartiges Prickeln in den Fingerspitzen. Und erstaunt sah ich, wie die Kawa zu brodeln begann. Die Fidschianer sangen eine düstere Melodie, bewegten ihre Körper im Takte hin und her, und das Feuer malte gar seltsame Schatten an die Wand. Immer stärker wurde das Brodeln, immer höher quoll die Flüssigkeit. Schaum bildete sich an der Oberfläche, da — — — stockte mein Atem, erstarrte das Blut in meinen Adern, denn Schlangen!... eklige Schlangen schwammen plötzlich in der Kawa. Ihre Leiber schillerten grünlichblau, sie umschlangen meine Hände, krochen darüber hinweg, kalt und schleimig... Eisig lief es über meinen Rücken; denn das war das Entsetzlichste: Ich konnte meine Hände nicht wegnehm en; die Arme waren wie gelähmt. Daß auch die Fidschianer dasselbe sahen und fühlten, wurde mir zur Gewißheit, als ich wahrnahm, wie geängstigt sie nach der Kawa blickten und mit den Händen zuckten. Ich schloß.die Augen, denn ich konnte den grausigen Anblick nicht länger ertragen. Die Bewegungen der Schlangen suhlte ich aber dennoch, und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn sich eine feucht und klebrig um mein Harchegelenk wand. . Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht; aber nach einiger Zett fühlte ich, wie die Bewegungen langsamer wurden, und als ich die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß die Kawa nur noch ganz schwach in Bewegung war. Der Gesang verstummte, und alles war wieder wie zuvor. , Schnell zog ich die Hände aus der Kawa. Sie waren eisEalt, trotz der Hitze, und das schleimig-klebrige Gefühl der Berührung nut den Schlangen empfand ich noch stundenlang. Totenstille herrschte in der Hütte; nur das Feuer kn-ffterte m der Ecke. Das Mädchen am Boden lag wie tot. Dann plötzlich durchzuckte ein Krampf den Körper, stöhnend kam der Mmr aus der Brust . . . Und nun geschah das Seltsame: Ein Fidschianer berührte mtt selber Stirn dreimal den Boden und blieb bann tn halberhobener Stellung *) Die nachstehende spannende Geschichte ist dem im Verlag von Strecker und Schröder in Stuttgart erschienenen Buche: Paul Abt, „-Sm Banne des Zauberers" (Leinenband 5 Mk) entnommen. Verfasser erzählt in seinen Geschichten Erlebnisse aus der Sudsee, du ganz unglaublich klingen und doch seltsame und furchtbare Wahrheit smd. danken erratend: „Herr, Latoo ist gefährlich. Ich habe ihn beobachtet, er sinnt Böses. Wir müssen heute nacht wachen." Und damit löschte er das Feuer und setzte sich in der Ecke beim Eingang nieder. Draußen schien der Mond; da wir im Dunkeln sahen, konnten wir deutlich sehen, was sich vor der Hütte ereignete. Das war eine bange Nacht. Langsam, langsam schlichen die Minuten vorüber; Stunden vergingen — nichts rührte sich. Mein« Augen schmerzten vom Starren nach dem Eingang. Der Diener war eingeschlafen, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen hörte; man konnte es ihm nicht Übelnehmen, denn auch ich war todmüde nach dem anstrengenden Marsch und kämpfte . . . kämpfte verzweifelt mit dem Schlafe . . . Einige Stunden später erwachte ich plötzlich zum Bewußtsein, mit dem Gefühl, daß etwas geschehen sei.---Und wirklich, jetzt vernahm ich ein leises Geräusch vor der Hütte. Aha,-er kommt, dachte ich und griff nach einer schweren Fidschianerkeule, denn eine andere Waffe hatte ich nicht. Wieder hörte ich das Geräusch, diesmal näher---und dann sah ich «inen schwarzen Kopf, der sich ganz, ganz behutsam über die Schwelle hob ... ein Messer blitzte zwischen weihen Zähnen ... ein dunkler Körper folgte . . . Jetzt verschwand beides im Dunkeln der Hütte. Rur zwei grünlich schillernde Punkte . . . die Augen eines Raubtiers . . . näherten sich schleichend der Stelle, wo ich lag . . . Grausen packte mich, Grausen, das nur derjenige nachfühlen kann, der selber schon, des Nachs im Dschungel, die glühenden Augen eines sprungbereiten Panthers auf sich ruhen fühlte. ---- Der Mond warf durch irgendeinen Spalt im Dach einen Streifen Licht quer über den Boden. Der dunkle Körper, der sich jetzt ganz deutlich vom helleren Eingänge abhob, stutzte einen Augenblick, dann schob sich der schwarze Schatten lautlos über den lichten Fleck. Wieder sah ich das grausige Messer funkeln, diesmal aber in der Hand des Ungeheuers . . . Ich bemühte mich ganz ruhig zu liegen und gleichmäßig weiter zu atmen, obwohl mein Herz die Brust zu sprengen drohte, unter dem gleichgültigen Aeuhern aber spannten sich alle meine Muskeln. Die Augen hielt ich beinahe geschlossen, um mein Wachsein nicht zu verraten, und das rechte Knie hatte ich, bereit zum Stoße, eng an den Körper gezogen.-- Noch zwei Schritte . . . noch ein Schritt . . . jetzt war die Bestie an meiner Seite. Langsam hob sich der Arm mit dem grausigen Messer . . . Da sauste mein Fuß mit voller Kraft durch die Luft und traf den Körper in die Magengegend. Er klappte zusammen wie ein Messer und wälzte sich am Boden. Mit einem Satze hatte ich den Kerl gepackt, und mein Diener, der durch den Lärm aufgewacht war, half mir ihn festbinden. Dann mar meine Kraft zu Ende.--- Kinderfeste. Von Hermann Hesse. (Fortsetzung.) Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer führte. Diese kleine Treppe mit ihrem eigenen Dapetengevuch und dem trockenen Klang der hohlen, leichten Holzstufen war noch unendlich viel mehr als die Hausflur ein bedeutsamer Weg und ein Schicksalstor; über, diese Stufen haften viele wichtige Gänge mich geführt, Angst und Gewissensqual hatte ich hundertmal dort hinaufgeschleppt. Trotz und wilden Zorn, und nicht selten hatte ich Erlösung und neue Sicherheit zurückgebracht. Unten in unserer Wohnung waren Mutter und Kind zu Hause, dort wehte harmlose Luft; hier oben wohnten Macht und Geist, hier waren Gericht und Tempel und das „Reich des Bakers". Etwas beklommen wie immer drückte ich die altmodische Klinke nieder und öffnete die Tür halb. Der väterliche Studierzimmergemch floß mir wohlbekannt entgegen: Bücher- und Tintendust verdünnt durch blaue Luft aus halboffenen Fenstern, weiße, reine Vorhänge, ein verlorener Faden von Kötnislh-Wasser-Duft, und auf dem Schreibtisch ein Apfel. — Aber die Stube war leer. Mit einer Empfindung halb von Enttäuschung und halb von Sluf- atmen trat ich ein. Ich dämpfte meinen Schritt und trat nur mit den Zehen auf, so wie wir hier oben manchmal gehen muhten, wenn der Vater schlief oder Kopfweh hatte. Und kaum war dies leise Gehen mir bewußt geworden, so bekam ich Herzklopfen und verspürte verstärkt den angstvollen Druck im Unterleib und in der Kehle wieder. Ich ging schleichend und angstvoll weiter, einen Schritt und wieder einen Schritt, und schon war ich nicht mehr ein harmloser Besucher und Bittsteller, sondem ein Eindringling. Mehrmals schon hatte ich heimlich in des Vaters Abwesenheit mich in seine beiden Zimmer geschlichen, hatte sein geheimes Reich belauscht und erforscht und hatte zweimal auch etwas daraus entwendet. t ., ... Die Erinnerung daran war alsbald da und erfüllte mich, und ich wußte sofort: Jetzt war -das Unglück da, jetzt passierte etwas, jetzt tat ich Verbotenes und Böses. Kein Gedanke an Flucht! Vielmehr, ich dac^e wlchl daran, dachte sehnlich und inbrünstig daran, davonzulaufen, die Treppe hinab und in mein Stübchen oder in den Garten — aber ich Wußte ich werde das doch nicht tun, nicht tun können. Innig wünschte ich mein Vater möchte sich im Nebenzimmer «ihren und hereintreten und den qanzm grauenvollen Bann durchbrechen, der mich dämonisch zog und fesselt«. O käme er doch! Käme er doch, scheltend meinetwegen, aber käme er nur, ehe es zu spät ist! , , Ich hustete, um meine Anwesenheit zu melden, und als keme, Mitwort kam, rief ich leis«: „Papa!" Es blieb alles still an dm Wanden schwiegen die vielen Bücher, ein Fensterflügel bewegte sich rm Winde und warf einen hastigen Sonnenspiegel über dm Boden. Niemand erlöste mich, und in mir selber war feine Feiheit, anders zu tun, als der Dämon wollte. Verbrechergefühl zog mir dm Wagen zufammm und mackste mir die Fingerspitzen kalt, mein Herz flatterte angstvoll. Roch wußte ich keineswegs, was ich tun würde. Ich wußte nur, es würde etwas Schlechtes [ein. sch--,,. Seine Augen weideten sich und schienen in der Fern« irgend etwas zu sehen. Die Muskeln seines Körpers strafften sich, der Atem ward schwacher und schwächer, und langsam erstarrte der ganze Leib. Das Pochen des Herzens war auf feiner nacktm Brust nicht mehr wahrnehmbar; ich hatte dm bestimmten Eindruck, daß dieser Mensch mit seiner Seele nicht mehr auf Erden weile.----Darauf frag er mit sonderbar hohler Stimme nach seinem uerftoebenen Vater und Großvater. Jto5 Orakel gab auf jede Frage mit mtstellter Stimme eine deutliche Mttwort. So sprach nun jeder der im Kreise anwesenden Männer durch das Mädchen mit seinen Ahnen. Der Häuptling sprach mit seinem Vater über Staatsgeschäfte, wie er sich in dieser und jener Lage zu verhalten habe, und erhielt auf jede, oft sehr verwickelte Frag«, eine wohldurchdachte Antwort. Zum Schluß bat Solomoni die Geister mit bewegten Worten, auch seinem weißen Freunde (damit meinte er mich) einen Fingerzeig zu geben. Einen Augenblick schien das Orakel überrascht, zuckt« unruhig, dann tarn es stoßweise aus ihrem Munde: „Ich sehe deinen Siern ... er leuchtet hell . . . di« erst« Nacht . . . die zweite Nacht ... die dritte Na . . .---es wird dunkel . . . eine schwarze Wolke ... ich kann nichts mehr scheu . . ." Ihre Lippen bewegten sich fieberhaft, und plötzlich schrie st« gellend: JSs droht dir Gefahr . . . hüte dich vor Latoo . . .1" Ich zuckte zusammen; grausig gellte dieser Schrei in meinen Ohren und verhallte in der ftiUen Nacht. — --- Wieder war es totenstille. Ein bläulicher Rauch bildet« wunderliche Gestalten, und ein süßlicher Geruch verbreitete sich in der Hütte. Die Fidschianer saßen am Boden, starr und stumm, und stterten ins Leere; chre Augen waren seltsam glasig. Auch ich war wie gebannt und sah alles wie im Traume. Die Rauchschwaden formten sich zu durchsichtigen Geistergestalten, die gespensttsch auf- und abwogten. Und ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß wir nicht allein in diesem Raume seien, daß ich hier einen Blick in eine fremde Wett tun durfte, die uns Europäern verlorengegangen ist.--- Langsam kam wieder Ausdruck und Leben in die starren Gesichter, und wie aus tiefstem Schlafe erwachend, erhobm sich die Männer. Das Mädchen am Boden keuchte nicht mehr. Die Spannung in den Muskeln hatte sich gelöst; der Mund klappte mit einem hörbaren Geräusch xu, und die Zähne preßten sich knirschend aufeinander. Einer der Fidschianer beugte sich über den leblosen Körper, preßte mit seinem Messer die Zähne ein wenig auseinander und goß dem Mädchen ein paar Tropfen eines röüichen Saftes in den Mund. Dieses krümmte sich zusammen, ruhig atmend, wie in tiefem Schlafe . . . Uni) während der Häuptling mich zu meiner Hütte begleitete, erzählte «, wie das Orakel ohne den geheimnisvollen roten Saft, dessen Zu- kammensetzung nur der älteste Mann des Dorfes kenne, noch in derstlben Rächt sterben würde. Immer vor wichtigen Ereignissen werde eine Jungfrau von den Göttern zum Orakel auserwählt, und dadurch sei nes mog- 8ch, den Rat der Vorfahren einzuholen. Kein wichtiger Entscheid werde lchne diesen Rat gefällt. — . Als ich allein in meiner Hütte saß, klang mir immer und immer wieder die Warnung des Orakels in den Ohren: „Hüte dich vor Latoo. Wie konnte dieses Mädchen wißen, daß ich einen Trager dieses Namens hatte, da ich ja erst fett einer Stunde im Dorfe war und meine Träger erst gegen Mitterancht eintreffen konnten? „Zufall!" sagte ich mir, aber gleich daneben war eine andere Stimme: „Zufall??" ... , ...... . , t Denn wahrlich, wenn mir ismand ubelsmnen konnte, so war es Latoo den ich einst erwischte, wie er meinem Papagei, fröhlich grinsend, eine Schwanzfeder ausriß. Dies hatte mich derart in Wut gebracht, daß ich ihm eine schallende Ohrfeige verabreicht« und ihn mit einem Fußtritt »Ur Hütt« hinausbeförderte. Ob er mir nun dies nachtrug und sich auf Ugendeine Art rächen wollte? . . Latoo war kein Fidschianer, sondern ein Eingeborener der Salomo- iwseln viel dunkler als die Fidschianer und im Gesicht ein richtiger Menschenfresser. Sein Ausdruck hatte mir nie gefallen, aber sein Körper war so stark aebaut, daß er mir als Träger willkommen war. Die Fidschianer hatten ihn gleich von Anfang an nicht leiden mögen, und mein Diener sagte mir am ersten Abend: „He no good; bad eye, I no like hini.“--- . . , .. .. ... Schritte weckten mich aus diesen Gedanken, und als ,ch mich umdrehte, stand hinter mir — Latoo. Grinsend zeigte er mir seine scharfen Men- Ichenfresserzähne; in seinen grünlich schillernden Augen lauerte etwas Hinterlistiges, Barbarisches--- r, Zwei Tage waren Bergungen, und die dritte Nacht kam heran, schwul Und unheilschwanger. Je dunkler es ward, desto bedenklicher schien mir, was ich soeben gesehen: Von einem Spaziergange zurückkehrend, war mir ein eigenartiges Geräusch ausgefallen, das aus einem dichten Gebüsch zu kommen schien. Leise näherttetend, sah ich — Latoo, am Boden kauernd und sorgsam an einem Stein sein Messer wetzend. Von Zeit zu Zeit fuhr er prüfend mit dem Daumen über die Schneide und nickte befriedigend «üt dem Kopfe. Um seine wulstigen Lippen zuckte ein barbarisches Lachen, wid seine scharfen Raubierzähne leucheten weiß aus dem schwarzen Gesicht. Mir graut« vor diesem Menschen, und Unheil ahnend, schritt ich eiligst meiner Hütte zu. Doch kaum hatte ich diese betreten, da fuhr ich erschreckt zusammen, denn eindringlich und warnend tönte non ^neuern der Schrei Bes Orakels in meinen Ohren: „Hüte dich vor Latoo!" •--— — Cs war mir um so unheimlicher, da ich wußte, daß die Einwohner des Dorfes zu einem Feste gegangen und außer mir nur ein, paar ganz alte Leute zurückgeblieben waren. Jetzt fiel mir auch ein, wie Latoo meine übrigen Träger am Vormittag überredet hatte, ebenfalls an dem Feste teilzunehmm', und wie er am Nachmittag noch einmal zu mir gekommen war, um mir zu sagen, daß nun auch er ins Nachbardorf zum Feste gehe. — Wie es sich nun aber zeigte, war er wahrscheinlich am Abend wieder zurückgeschlichen und hatte sich hinter dem Busch auf die Lauer gelegt. Nur mein treuer Diener war bei mir geblieben. Er saß am Feuer und braute Tee. Dann wandte er sich plötzlich um und sagte, meine Ge Nun war ich beim Schreibtisch, nahm ein Buch in die Han- unib las einen englischen Titel, den ich nicht verstand. Englisch haßte ich — das sprach der Vater stets mit der Mutter, wenn wir es nicht verstehen sollten und auch wenn sie Streit hatten. In einer Schale lagen allerlei kleine Sachen, Zahnstocher, Stahlfedern, Stecknadeln. Ich nahm zwei von den Stahlfedern und steckte sie in die Tasche, Gott weih wozu, ich brauchte sie nicht und hatte keinen Mangel an Federn. Ich bat es nur, um dem Zwang zu folgen, der mich fast erstickt hätte, dem Zwang, Böses zu tun, mir selbst zu schaden, mich mit Schuld zu beladen. Ich blätterte in meines Vaters Papieren, sah einen angefangenen Brief liegen, ich las die Worte: „es geht uns und den Kindern, Gott fei Dank, recht gut", und die lateinischen Buchstaben seiner Handschrift sahen mich an wie Augen. Dann ging ich leise und schleichend in das Schlafzimmer hinüber. Da stand Vaters eisernes Feldbett, seine braunen Hausschuhe darunter, «in Taschentuch lag auf dem Nachttisch. I chatmete die väterliche Luft in dem kühlen, hellen Zimmer ein, und das Bild des Vaters stieg deutlich vor mir auf, Ehrfurcht und Auflehnung stritten in meinem beladenen Herzen. Für Augenblicke haßte ich ihn und erinnerte mich seiner mit Bosheit und Schadenfreude, wie er zuweilen an Kopfwshtagen still und flach in seinem niederen Feldbett lag, sehr lang und gestreckt, ein nasses Tuch über der Stirn, manchmal seufzend. Ich ahnte wohl, daß auch er, der Gewaltige, kein leichtes Leben habe, daß auch ihm, dem Ehrwürdigen, Zweifel an sich selbst und Bangigkeit nicht unbekannt waren. Schon war mein seltsamer Haß verflogen, Mitleid und Rührung folgten ihm. Aber inzwischen hatte ich eine Schieblade der Kommode herausgezogen. Da lag Wäsche geschichtet und eine Flasche Kölnisches Wasser, das er liebte; ich wollte daran riechen, aber die Flasche war noch ungeöffnet und feft verstöpselt, ich legte sie wieder zurück. Daneben fand ich eine kleine runde Dose mit Mundpastillen, die nach Lakritzen schmeckten, von denen steckte ich einige in den Mund. Eine gewisse Enttäuschung und Ernüchterung kam über mich, und zugleich war ich doch froh, nicht mehr gefunden und genommen zu haben Schon im Ablassen und Verzichten zog ich noch spielend an einer andern Lade, mit etwas erleichtertem Gefühl und mit dem Vorsatz, nachher die zwei gestohlenen Stahlfedern drüben wieder an ihren Ort zu legen. Vielleicht waren Rückkehr und Reue möglich, Wiedergutmachung und Erlösung. Vielleicht war Gottes Hand über mir stärker als alle Versuchung . . . Da sah ich mit schnellem Blick noch eilig in den Spalt der kaum aufgezogenen ßabe. Ach, wären Strümpfe ober Hemden ober alte Zeitungen darin gewesen! Aber da war nun die Versuchung, und sekundenschnell kehrte der kaum gelockerte Krampf und Angstbann wieder, meine Hände zitterten, und mein Herz schlug rasend. Ich sah in einer aus Bast geflochtenen, indischen oder sonst exotischen Schale etwas liegen, ewas Ueberraschendes, Verlockendes, einen ganzen Kranz von weiß bezuckerten, getrockneten Feigen! Ich nahm ihn in die Hand. Er war wundervoll schwer. Dann zog ich zwei, drei Feigen heraus, steckte eine in den Mund, einige in die ^Tasche. Nun waren alle Angst und alles Abenteuer doch nicht umsonst gewesen. Keine Erlösung, keinen Trost könne ich mehr von hier forinehmen, so wollte ich wenigstens nicht leer ausgehen. Ich zog noch drei vier Feigen von dem Ring, der davon kaum leichter wurde, und noch einige, und als meine Taschen gefüllt und von dem Kranz wohl mehr als die Hälfte verschwunden war, ordnete ich die übriggebliebenen Feigen auf dem etwas klebrigen Ring, lockerer an, so daß weniger zu fehlen schienen. Dann stieß ich, in plötzlichem hellen Schrecken, die Lade heftig zu und rannte davon, durch beide Zimmer, die kleine Stiege hinab und in mein Stübchen, wo ich stehen blieb und mich auf meinen kleinen Stehpult stützte, in den Knien wankend und nach Atem ringend. Bald darauf tönte unsere Tischglocke. Mit leerem Kops und ganz von Ernüchterung und Ekel erfüllt, stopfte ich die Feigen in mein Bücherbrett, verbarg sie hinter Büchern und ging zu Tische. Vor der Eßzimmeriür merkte ich, daß meine Hände klebten. Ich wusch sie in der Küche. Im Eßzimmer fand ich schon alle am Tische warten. Ich sagte schnell Gutentag, der Vater sprach das Tischgebet, und ich beugte mich über meine Suppe. Ich hatte keinen Hunger, jeher Schluck machte mir Mühe. Und neben mir saßen meine Schwestern, die Eltern gegenüber, alle hell und munter und in Ehren, nur ich Verbrecher elend dazwischen, allein und unwürdig, mich fürchtend vor jedem freundlichen Blick, den Geschmack der Feigen noch ! im Munde. Hatte ich oben die Schlafzimmertür auch zugemacht? Und i die Schublade? Nun war das Elend da. Ich hätte mir die Hand abhauen lassen, wenn \ dafür meine Feigen wieder oben in der Kommode gelegen hätten. Ich j beschloß, sie fortzuwerfen, sie mit in die Schule zu nehmen und zu ver- i schenken. Nur daß sie wegkämen, daß ich sie nie wieder sehen müßte! „Du siehst heut' schlecht aus", sagte mein Vater über den Tisch weg. Ich sahauf meinen Teller und fühlte seine Blicke auf meinem Gesicht. Nun würde er es merken. Er merkte ja alles, immer. Warum quälte er mich vorher noch? Mochte er mich lieber gleich abführen und meinetwegen totschlagen. „Fehlt dir etwas?" hörte ich feine Stimme wieder. Ich log, ich sagte, ich habe Kopfweh. „Du mußt dich nach Tisch ein wenig hinlegen", sagte er. „Wieviel ; Stunden habt ihr heut nachmittag?" „Bloß Turnen." „Nun, Turnen wird dir nicht schaden. Aber iß auch, zwinge dich ein bißchen! Es wird schon vergehen." Ich schielte hinüber. Die Mutier sagte nichts, aber ich wußte, daß sie ■ mich anschaue. Ich aß meine Supep hinunter, kämpfte mit Fleisch und Gemüse, schenkte mir zweimal Wasser ein. Es geschah nichts weiter. Man ließ mich in Ruhe. Als zum Schluß mein Vater das Dankgebet sprach: „Herr, wir danken dir, denn du bist so freundlich, und deine Güte währet ewiglich", da trennte wieder ein ätzender Schnitt mich von den hellen, heiligen, vertrauensvollen Worten und von allen, die am Tische saßen; > mein Händefalten war Lüge, und mehre andächtige Haltung war > Lästerung. , Ms ich aufftand, strich mir die Mutter übers Haar und ließ ihre Hand : einen Augenblick auf meiner Stirn liegen, ob sie heiß sei. Wie bitter i war bas alles! ' In meinem Stübchen stand ich dann vor dem Bücherbrett. Der I Morgen hatte nicht gelogen, alle Anzeichen hatten recht gehabt. Es war ein Unglückstag geworden, der schlimmste, den ich je erlebt hatte. Schlim- ’ meres konnte kein Mensch ertragen. Wenn noch Schlimmeres über einen : kam, dann mußte man sich das Leben nehmen. Man mühte Gift haben, das war das beste, ober sich hängen. Es war überhaupt besser, tot zu jein^ als zu leben. Es war ja alles so falsch und häßlich. Ich stand und sann und griff zerstreut nach den verborgenen Feigen und aß davon, eine imb mehrere, ohne es recht zu wissen. Unser« Sparkasse fiel mir in di« Augen, sie stand im Bord unter den Büchern. Es war eine Zigarrenkiste, die ich fest zugenagett hatte; in den । Deckel hatte ich mit dem Taschenmesser einen ungefügen Schlitz für die ■ Geldstücke geschnitten. Er war schlecht und roh geschnitten, der Schlitz, ■ Holzsplitter standen heraus. Auch das konnte ich nicht richttg. Ich halt« ! Kameraden, die konnten so etwas mühsam und geduldig und tadellos । machen, baß es aussah wie vom Schreiner gehobelt. Ich aber pfuscht« : immer nur, hatte es eilig und machte nichts sauber fertig. So war es i mit meinen Holzarbeiten, so mit meiner Handschrift und meinen Zeich. ! nungen, so war es mit meiner Schmetterlingssammlung und mit allem, i Es war nichts mit mir. Und nun stand ich da und hatte wieder gestohlen, schlimmer als je. Auch die Stahlfedern hatte ich noch in der Tasche. Wozu? Warum hatte ich sie genommen — nehmen müssen? Warum mußte man, was man gar nicht wollte? In der Zigarrenkiste klapperte ein einziges Geldstück, der Zehner von Oskar Weber. Seither war nichts dazugekommen. Auch diese Sparkassengeschichte war so eine meiner Unternehmungen! Alles taugt« nichts, alles mißriet und blieb im Anfang stecken, was ich begann! Mochte der Teufel diese unsinnige Sparkasse holen! Ich mochte nichts mehr von ihr wissen. Diese Zeit zwischen Mittagessen und Schulbeginn war an solchen Tage wie heute immer mißlich und schwer herumzubringen. An guten Tagen, an friedlichen, vernünftigen, liebenswerten Tagen war es eine schöne und erwünschte Stunde; ich las bann entweder in meinem Zimmer - an einem Jndianerbuche oder lief sofort nach Tische wieder auf den j Schulplatz, wo ich immer einige unternehmungslustige Kameraden traf, j und dann spielten wir, schrien und rannten und erhitzten uns, bis der 1 Glockenschlag uns in die völlig vergessene „Wirklichkeit" zurückrief. Aber i an Tagen wie heute — mit wem wollte man da spielen und wie die i Teufel in der Brust betäuben? Ich sah es kommen — noch nicht heute, : aber ein nächstes Mal, vielleicht bald. Da würde mein Schicksal vollends ! zum Ausbruch kommen. Es fehlte ja nur noch eine Kleinigkeit, eine ! winzige Kleinigkeit mehr an Angst und Leid und Ratlosigkeit, bann lief ! es über, dann mußte es ein Ende mit Schrecken nehmen. Eines Tages, ; an gerade so einem Tage wie heute, würde ich vollends im Bösen unter» j sinken, ich würde in Trotz und Wut und wegen der sinnlosen Unerträglich- j kett dieses Lebens etwas Gräßliches und Entscheidendes tun, aber etwas Befreiendes, das der Angst und Quälerei ein Ende machte, für immer. Ungewiß war, was es fein würde; aber Phantasien und vorläufige Zwangsvorstellungen davon waren mir schon mehrmals verwirrend durch den Kopf gegangen, Vorstellungen von Verbrechen, mit denen ich an der Welt Rache nehmen und zugleich mich selbst preisgeben und vernichten würde. ■ Manchmal war es mir so, als würde ich unser Haus anzünden: ungeheure : Flammen schlugen mit Flügeln durch di« Nacht, Häuser und Gassen i wurden vom Brand ergriffen, die ganze Stadt loderte riesig gegen ben > schwarzen Himmel. Oder zu andern Zeiten war das Verbrechen meiner i Träume eine Rache an meinem Vater, ein Mord und grausiger Totschlag. Ich aber würde mich dann benehmen wie jener Verbrecher, jener einzige, richtige Verbrecher, ben ich einmal hatte durch di« Gassen unserer Stadt führen fei)en. Es war «in Einbrecher, ben man gefangen hatte und in das Amtsgericht führte, mit Handschellen gefesselt, einen steifen Melonenhut schief auf dem Kopf, vor ihm und hinter ihm ein Landjäger. Dieser Mann, der durch die Straßen und durch einen riesigen Volksauflauf von Neugierigen getrieben wurde, an tausend Flüchen, boshaften i Witzen und herausgeschrienen bösen Wünschen vorbei, dieser Mann hatte \ in nichts jenen armen, scheuen Teufeln geglichen, bi« man zuweilen vom i Polizeidiener über die Straße begleitet sah und welche meistens bloß - arme Handwerksburschen waren, die gebettelt hatten. Nein, dieser war । fein Handwerksbursche und sah nicht windig, scheu und weinerlich aus, I ober flüchtete in ein verlegen-dummes Grinsen, wie ich es auch schon gesehen hatte — dieser war ein echter Verbrecher und trug den etwas zerbeulten Hut kühn auf einem trotzigen und ungebeugten Schädel, er war bleich und lächelte sttll verachtungsvoll, und das Volk, das ihn beschimpfte und anspie, wurde neben ihm zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals selbst mitgeschrien: „Wan hat ihn, der gehört gehängt!"; aber dann sah ich feinen aufrechten, stolzen Gang, wie er die gefesselten Hande vor sich her trug, und wie er auf dorn zähen, bösen Kopf den Melonen- ; Hut kühn wie eine phantastische Kron« trug — und wie er fanjeite! uno , da schwieg ich. So wie dieser Verbrecher aber würde auch ich lächelni und> den i Kopf steif Halten, wenn man mich ins Gericht und auf das Schafott fuhrt«, , und wenn die vielen Leute um mich her drängten und hohn-voll auf» ’ schrien — ich würde nicht ja und nicht nein sagen, einfach schweigen und i verachten. ■ Und wenn ich hingerichtet und tot war und im Himmel vor den ewigen l Richter kam, dann wollte ich mich keineswegs beugen und unterwerfen. O nein, und wenn alle Engelscharen ihn umstanden und alle Heingkett und Würde aus ihm strahlte! Mochte er mich verdammen, mochte er mich in Pech sieden lassen! (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich i.V.:vr,Fr.W.Lange.- Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei,D.Lange,Gießen