EietzenerKmiilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1921 Samstag, -en 5. März Kummer |8 Llnser literarisches Wir bringen in der heutigen 2lumrr.ec die Aufgaben III und IV unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Alle zwölf Lösungen sind zusammen in der Zeit dvm 20. bis 26. Marz einzureichen. III. Ein schönes Mädchen vertrat mir den Weg und sagte mir das; ich weiß nicht, war's aus Mitleid mit meiner Jugend oder aus Furcht vor der Verunreinigung des Tempels durch einen Heiden. 2tun höre auf mich, v Herr, und achte meine Worte nicht gering. Laß forschen, ob dies Volk sich versündigt hat wider seinen Gott; ist das, so laß uns hinaufziehen; dann gibt ihr Gott sie dir gewiß in die Hände, und du wirst sie leicht unter deine Füße bringen. Haben sie sich aber nicht versündigt wider ihren Gott, so kehre um; denn ihr Gott wird sie beschirmen, und wir werden zum Spott dem ganzen Lande. Du bist ein gewaltiger Held, aber ihr Gott ist zu mächtig; kann er dir niemand entgegenstellen, der dir gleicht, so kann er dich zwingen, daß du dich wider dich selbst empörst und dich mit eigner Hand aus dem Wege räumst. O Gott, o Gott! Erbarme dich! Erbarme dich über den alten Mann! Nimm mich zu dir! Ihm ist nicht anders zu helfen! Sieh, der Sonnenschein liegt so goldig auf der Straße, daß die Kinder mit Händen nach ihm greifen; die Vögel fliegen hin und her, Blumen und Kräuter werden nicht müde, in die Höhe zu wachsen. Alles lebt, alles will leben, tausend Kranke zittern in dieser Stunde vor dir, o Tod; wer dich in der beklommenen Macht noch rief, weil er seine Schmerzen nicht mehr ertragen konnte, der findet sein Lager jetzt wieder sanft und weich; ich rufe dich! Verschone den, dessen Seele sich am tiefsten vor dir wegkrümmt, laß ihm so lange Frist, bis die schöne Welt wieder grau und öd« wird; nimm mich für ihn! Ich will nicht schaudern, wenn du mir deine kalte Hand reichst, ich will sie mutig fassen und dir freudiger folgen, als dir noch je ein Menschenkind gefolgt ist. IV. Wein liebes Herz! Muß ich auch vor Dir niederfallen und Dich um Verzeihung bitten, daß ich seit einem Jahrhundert nicht geschrieben Habe? Ich weiß nicht wann das letzte Mal war, die Preisausschreiben. Zeit ist mir so riefen lang, wenn ich zurückbkicke, daß ich gewiß um 10 Jahr älter fein werde, wenn Du mich wiedersiehst. Kein Sammet* rock, kein Jean Paul, nur Gesetz, Politik, Partheiwuth füllen meinen Kopf, und der ganze Alpenstamm mit seinen Seen wird mir keinen Blick entlocken, wenn die Preußische Allgemeine daneben liegt. So ! staubig, tintig, und papieren sieht es in meinem Kopfe aus, daß ich das Ehaos noch gar nicht durchschaue. Doch das ist im Kopfe, jetzt soll das Herz wieder walken, und Du in ihm, und ich will keine Götter haben neben Dir; verzeih die Blasphemie, ich spreche bild* lich; muß ich Dir Pommerin das sagen?----— so daß ich, wenn ich nicht noch anderweit schreibe, DonnerskaF den 8. Morgens, den Vater bitte mir Pferde nach Schlaw« zu schick«'.. Es kann einen Tag später werden, dann aber schreibe ich noch zuvor. Soll ich dann an einem lauwarmen Abend in schwarzem Sammt, mit wallender Straußfeder unter Deinem Fenster zur Cither singen: „entflieh etc.“ (was ich übrigens jetzt meiner Ansicht nach ganz'richtig singe, mit besonderm Schmelz in den Worten „und ruuh an meinem etc.“) oder soll ich am Hellen Mittag in grünem Reitfrack und rostbraunen Handschuhen erscheinen, und Dich umarmen ohne zu singen und zu sprechen? Die internationale Polltik ist ein flüssiges ©lernent, das unter Umständen zeitweillg fest wird, aber bei Veränderungen der Atmosphäre in seinen ursprünglichen Aggregatzustand zurückfällt. Die clausula rebus sic stantibus wird bei Staatsverträgen, die Leistungen bedingen, stillschweigend angenommen. Der Dreibund ist eine strategische Stellung, welche angesichts der zur Zeit seines 2lbschlusseS drohenden Gefahren rachsam und unter den obwaltenden Verhältnissen zu erreichen war. Er ist von Zeit zu Zeit verlängert worden, und es mag gellngen, ihn weiter zu verlängern; aber ewige Dauer ist keinem Vertrage zwischen Großmächten gesichert, und «S wäre unweise, ihn als sichre Grundlage für alle Möglichkeiten betrachten zu wollen, durch die in Zukunft die Verhältnisse, Bedürfnisse und Stimmungen verändert werden können, unter denen er zu Stande gebracht wurde. Er hat die Bedeutung einer strategischen Stellungnahme in der europäischen Politik nach Maßgabe ihrer Lage zur Zeit des Abschlusses; aber ein für jeden Wechsel haltbares ewige- Fundament bildet er für alle Zukunft ebenso wenig, wie viele frühere Tripel« und Quadrupel-Allianzen der letzten Jahrhunderte und insbesondere die heilige Allianz und der Deutsche Bund. Er dispensiert nicht von dem toujours en vedette! Die Lebensschicksale der Johanna Dreh. Von Heinrich BechtotsHeimer. Im Jahre 1863, zwei Wochen nach Pfingsten, stand Johanna, die Tochter des Eberhard Dietz, dem der Wiesberger Hof gehörte, an einem Sonntagmorgen um acht Uhr in dem Vorgarten vor ihrem Elternhause, um Blumen für den Strauß zu schneiden, der den Tisch im Wohnzimmer zieren sollte. MUder Sonnenschein lag aus der Landschaft, der Frühsommer war in diesem Jahre besonders schön. Das Mädchen hatte gerade einige Rosen abgeschnitten und sah nun in das Land hinaus. Kaum ein Haus gibt es in Rheinhessen, das eine so schöne Aussicht hak wie das Haus auf dem Wiesberg. Erhebt sich dieser Berg auch nur 260 Meter über dem Meeresspiegel, so wird er, da sich in südwestlicher Richtung eine weite, wellige Ebene ausbreitet, doch weichin im Lande gesehen. Wer von dem pfälzisch-bayerischen Dorfe Mörsfeld kommend die Anhöhe nach Steinbockenheim hinuntersteigt, der gewahrt das weißgestrichene Haus, wer mit der Eisenbahn von Alzey nach Mainz oder von Bingen nach Alzey fährt, sieht es zur linken Hand herübergrüßen. Ein wundervolles Panorama tut sich dem Beschauer auf, der auf dem Wies- berge steht. Vor ihm liegt das fruchtbare rheinhessische Land mit Aeckern und Weinbergen, bis zum Donnersberg dringt der Blick. Bei klarem Wetter sieht man zweiundzwanzig Dörfer. Am Fuße des Wiesberges liegt Gaubickelheim; zwischen Wingerten führte ein schmaler Weg an den Leidensstationen Christi vorüber nach der Kapelle, die damals noch klein und einfach war; heute steht an ihrer Stelle ein stattliches, künstlerisch vollendetes Gotteshaus. Johanna freute sich, daß der Sonntag gekommen war; denn in der letzten Woche hatte es viel Arbeit gegeben. Man hatte Klee vom Felde heimgeholt, die Kartoffeln waren gehäufelt worden, im Wingert hatte es zu tun gegeben, und bereits hatte man mit dem Mähen der Wiesen begonnen. War Johanna auch nicht von früh bis spät auf dem Felde gewesen, so hatte sie doch in Haus und Hof reichlich zu tun gehabt. Sie hatte den Mägden beim Mehfüttern und Melken geholfen und hatte mit der Mutter Butter bereitet Das war nicht immer eine leichte Arbeit; denn nicht immer formte sich die Milch rasch zur Butter, da mußte dann lange in das Butterfaß gestoßen werden. Mitunter brachten ba» di« Frauen nicht allein fertig, da wurden die Männer gerufen, und die ruhten nicht, bis sich die Butter im Faße gebildet hatte. Mußte doch die Butter am Donnerstagabend fertig fein; denn da kam die Jngendrand» Mine von St Johann, die Aufkäuferin, die alle Male Freitags mit ihrer Ware nach Mainz auf den Markt ging. Der Wiesberger Hof umfaßt dreihundert Morgen Land, so große Güter hat man sonst in dieser Gegend nicht, höchstens im Kreise Worms kommen sie vor. Bei einem Betrieb dieser Art braucht man viel Gesinde, Knechte, Mägde und Taglöhner, und für alle mutz gekocht werden. Wenn es um elf Uhr läutete, so tarnen die Leute hungrig vom Felde und wollten essen, ebenso mußte abends alles zur rechten Zeit hergerichtet werden. Aus dem Hose des Eberhard Dietz ging alles wie am Schnürchen. Als das Mädchen mit den abgeschnittenen Rosen in der Hand im Garten stand, erklangen unten in Gaubickelheim die Kirchenglocken. Nicht lange dauerte es, da kam Glockenschall von Gauweinheim und Wallertheim. Als diese Glocken schwiegen, kam Geläute von Dörfern, die weiter entfernt waren, und bald war es ein melodisches Klingen, ein gewaltiger Reigen, der durch das Sommerland ging und hinauf nach dem Berge drang. Infekten summten, aus den Ställen, die hinter dem Haufe liegen, hörte man, wie die Kühe brüllten und die Pferde gegen die Stände schlugen, sonst war alles still, und die Feiertagsruhe war allenthalben zu spüren. Da ertönte auf dem Wege, der die ßeibensftationen entlang führt, Gesang. Johanna trat an den Rand des Gartens und sah, wie drei Männer den Berg herauskamen. Sie hatten ihr« Hute mit Laub geschmückt und fangen mit geübten Stimmen das Lied: Draus ist alles - 41 Ukaden rSjährij , und ar । Direkto Vraf Lai entrücft Wohl l> deutsch« des Er Theorie nebel j drchunj ähnlich, ' fasfung entschie es auck Entsteh doch fd 216 gewöhn eine V Wissen! gleicht mit de Landes die Au batmad gaben i den Rc zurückst vor La entdeckt die Eni die (Re Wie sie ■„ mit Le herrsch! der 2ln das ®, tat, w< Kraft i bei Wei Di, Mechar bezeichr „klassisc mattier der bei Richtnr Deispie hatte d ungleick auf di, kommen hiermit weil er blicklich gungsa liegt, i und Fl in ihre wenigst' klargele planet« Behänd Place s, Aufgab „Mecan zeichnen chanik, metrie Zeit bi Ga einen Augen grober so verd Zweig steckte, Physik sind se Deutun vor al weitem elektrisc doch zu selbst, i zeitig 1 Zeit lst fessor ! ständen und w Sorgfal den, — men, b, hingege b 2a lachte der junge Mann, der vorher Antwort gegeben hatte und sagte: „Herr Dietz, dem Philipp Forbach geht es noch gut, der hat gestern noch fleißig Klee gemäht. Ich bin nämlich fern Sohn. Dietz gab dem jungen Mann die Hand und sagte: „Du bist der Will helm? Dich hätte ich nicht mehr gekannt, es können schon zehn Jahre her Mn, daß ich dich nicht mehr gesehen habe. Ich erinnere mich noch, daß du einmal bei der Treibjagd fleißig geholfen hast, die erlechen Hasen herbeizufchleppen. Jetzt kommt ihr bres aber herein Morgenessen, wenn ihr von Wöllstein gekommen seid, habt ihr gewiß hunger., -nie innaen Leute standen auf und folgten dem Gutsbesitzer m das Wohnzimmer. Dort war alles in schönster Ordnung, Wst dem großen, eichenen Tische, der mit einem Wachstuch bedeckt war, prangte der N denen sich alle Teilnehmer in dem Wunsche nach einem einigen, starken Vaterlande zusammenschlossen. ..... , . Eine Stunde und länger war man im Wohnzimmer auf dem Wies berge zusammen, dann sagte Valentin Stumpf zu seinen Freunden. Jetzt müssen wir aber weiter, damit wir am Abend wieder bei guter Zeit daheim sind." Da standen die drei auf und verabschiedeten sich von der Familie Dietz. Wilhelm Forbach versäumte nicht, diese zum Sängerfeste i-r sein Elternhaus einzuladen, und Dietz sagte auch zu. Als die drei Freunde durch den Hausflur schritten, war die Kuchentür halb geöffnet. Man sah, wie das Feuer auf dem Herde loderte. Johanna wollte von innen rasch die Tür schließen, aber da hatte Wilhelm Forbach sie schon gesehen, er trat auf sie zu und bat sie,, doch mit ihren Eltern uub Brüdern zum Sängerfeste zu kommen. Der junge Mann trug seine Einladung in herzlichen, beinahe schüchternem Tone vor, Johanna dankte ihm und sagte, wenn die Mutter, die etwas leidend sei, sich an dem Festtage wohl fühlen werde, so wolle sie gern mitkommen. Die drei Freunde zogen weiter. Nicht weil waren sie von dem Gutshofe entfernt, da hörte man wieder ihren Gesang. Sie sangen von Lützows wilder, verwegener Jagd und das Wanderlied „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein". Je weiter sie schritten, um so mehr verklang ihr Gesang. Johanna stand an der Steinbank vor dem Elternhause, iah den Abziehenden nach und lauschte ihrem Gesang. Als sie von den Sängern nichts mehr sah und hörte, ging sie zurück in das Haus. Von hieie3a3Ster." «miberte die Tochter, „mein Blumengärtchen macht mir “Mm «us ä syght sssxs ES? imstande und am rechten Orte angebracht, Fein Stroyhalm lag Hose. ZLn Knechte, ?er vorüberging, rkf. Dietz zu: ,^steter wenn du heute zu 8"”STn Ä'r 3.« »»-. i-„- d-- *• d-r Sch-»-- unb ton Ställ.n Ul» m» l«»’™ ®‘- finbe aeieben hatte ging er durch das Hostor in das Freie, j. ort hatten m hk bre iunaeti Banner, die unterdessen angekommen waren, auf W Bank aeietzt die vor dem H°ftor steht, um in die Landschaft hinaus- zuschauen?Dietz ttat an sk heran und sagte ihnen freundlich guten morgen. |(f)on unterwegs," fuhr er fort, „gelt, ihr wollt einmal fehen wie das Land vom Wiesberg aus aus,leist. V erwiderte einer der jungen Leute, ein schlanker, blonder Mensch ,wi7 haben den Wiesberg so oft von unten gesehen wenn wir Korn nach Mainz gefahren haben, und da haben wir gedacyi. heute i Minnen Wetter gehen wir einmal hinaus. Wollt ihr noch "weiter?" fragte Dietz, mehr, um mit den Migen Beuten einiae freundliche Worte zu wechseln, als aus Neugier. .Mir wollen nach Partenheim" sagte der. junge Mann der vorhni ickon das Wort geführt hatte. „Heute in vierzehn -tagen haben wir namüd) Sängerfest in Wöllstein, und da will der Partenheimer Gesang- ver^k—Wir"sind Mitglieder des Wöllsteiner Vereins und wollen mit den Sangesbrüdern in Partenheim über das Fest, sprechen. , So, aus Wöllstein seid ihr," erwiderte Dietz. »Dorthin bin ich ftuher ieben Winter zur Treibjagd gekommen, jetzt aber geht das nicht mehr, weil ich mit Rheumatismus geplagt din.^Was macht denn der Forbach, der war mir immer ein guter tfreunb und hat mich, als wir beide noch besser marschieren konnten als heute, auf dem Wiesberge oft ter5Sba9rbt2ieti hatte Wort gehalten, um ein Uhr kam er auf dem Ä SÄ-LL Ä'SJS als er seinen Freund und Jugendgenossen wiedersah, ,m Woynz.mm^ lallen die beiden Männer beieinander und rauchten die kurze PI st- toradien mUeinanöer, sie sprachen von früheren Zeiten, vom "nruhigen —SäS ix: 'S”“, SS ä*** Ä ISST Ä »SS äx» setss Bauernhause geweilt haben, um eme Ahnung *8. Sireuf3e[tuct;€n Li/AL?« K/IÄ- W i* -u. Reise gelangt. ferti„ war, war es Zeit, daß sich Als man mit Kaffee und Wn [ 9 Dorsausgange nach die Sänger zum Festzuge Susanunen char. iQ0 9gan.c Dorf Freilaubersheim stellte l'?) der Zug ach, er^gm^^ Q.^g nQd) bem Fest- hindurch, schwenkte am nordllche'1. f’2(n9{an[. „ghm. Ein Verein nach platze, wo sofort das Singer. semen Ans ^^rlandslieder, Volkslieder, dem anderen betrat die -trwane, nmuju » ~ , Qanq , ans Wanderlieder: »Was ist des Deutscheli . Turner'ziehen froh dahin". Wrt* SS Ä" «TSR über den Festplatz. Als der - n* ,um Abschiednehmen, und Feldern lMein, viele Sang r ustet n Eberhard die geschmiickten Wagen .rn^?e'./(pin,m So{,ne ab, der Tochter hatte SWS j-ä fikanten spielten Walzer, Galopp, "ften bie Alten, sprachen den Rebenstuben und in.den Ecken der Sale ,aßen^ unb ,u dem von ernsten Dingen, erzählten sich ) ch überlustigen Mädchen, Tanze zu. Johanna Detzge)orte llberlalli herausquietschen, die, wenn ein lunger Mann einen Witz maM, > ern» gestaltet, das ruhige Leben auf dem Gutshofe hatte ihre stMf Uhr An diesem Abend aber war sie fröhlich mrt den F HM- |-|r..rre;ü)ten sres: ä ts Forbach. _____________ Qaplctce nnd Volta. Zu ihrem 100. Todestage. Bon Professor Dr. Weilburg. 3n wie stürmischem. .fast atembenehmendem Schrtttmav^um.« Aaturwissenschast fortschreitet, das erkennt man, Ä Hatz nut tuxAc -Seit Autiidticktet. Heute iueröen C'S IC j - zwei Forscher aus dieser Zeitlichkeit abschieden dw uns f st Kindheit, ja beinahe dem Säuglingsalter unserer Datu .st anzugehören scheinen und die Aufgaben kosten, dfewirz. erledigten zu zählen gewohnt sind: Als Mitglied der lranzosstwe, einer seltsamen Bewegung war das Mädchen ergriffen, es eilte die Sllege hinauf in seine Kammer, und Tränen liefen ihm über das Angesicht. Eine io große Ansammlung von Menschen hatte man in Wöllstein noch nicht gesehen als bei dem Sängerseste des Jahres 1863. Von allen Seiten tarnen um die Mittagsstunde die Sänger herbei. Sie in der Stäbe wohnten, kamen zu Fuß, die, die ihren Wohnort weiter entfernt hatten kamen auf Wagen, die mit Reifen überspannt und über und über mit frischem Grün geschmückt waren. Alle Hauser waren festlich mit Fahnen und Girlanden geziert. Das „Hintergewatd am Appel ach, wo km Oktober der Jahrmarkt gehalten wird, war als Festplatz ans- ersehen. Dort hatte man die große Tribüne errickstet. au der gesungen werden sollte. Ueberall aus dem Festplatze waren Tische und Lanke aus 5 3U; torn. W «... kommenden Gesangvereine wurden an den Dorfenigangen feier lch w geholt und von Reitern nach dem Festplatze geleitet Mulikkapellen aus Volxheim, Neu-Bamberg, Kreuznacy und ^Mhelmbolanden btzestn ihr« Marschweisen, Böllerschüsse krachten von der Hohe, da man nach Pie, Akademie und Kanzler des sogenanitteu „Grhaftungssenates" starb 78jährig zu Paris Pierre Simon Marquis de Laplace, und am gleichen Tage beschloß in Como in Italien 82jährig als Direktor der philosophischen Fakultät der Universität zu Pavia Graf Ales,andro Volta sein Leben. Laplace ist wohl dem Gesichtskreis unserer Zeitgenossen ziemlich entrücft. Das einzige, was von ihm allgemeiner bekannt ist, dürfte wohl die von ihm — und unabhängig von ihm auch von dem großen deutschen Philosophen Kant — ausgestellte Lehre von der Entstehung des Sonnensystems sein, die unter dem Namen „Kant-Laplacesche Theorie" allgemein bekannt ist. Nach ihr hat sich aus einem Ar- nebel zunächst die feuerflüssige Sonne gebildet, durch deren Am- drehung die Planeten abgeschleudert wurden, die dann ihrerseits in ähnlicher Weise die Monde hervorbrachten. Inwieweit diese Auffassung richtig ist, ist auch jetzt noch nicht mit aller Bestimmtheit entschieden. Das eiilzige, was sich sicher sagen läßt, ist das, datz es auch heute keine bessere Art gibt, sich eine Vorstellung von der Entstehung unserer Sonnenwelt zu bilden, und irgendwie mutz diese doch schließlich entstanden sein. Aber natürlich kann dieser, wenngleich für die damalige Zeit ungewöhnlich kühn« und weittragende Gedanke doch noch nicht entfernt eine Vorstellung von der Bedeutung Laplaces in der Geschichte der Wissenschaft geben. Am ein« solche Vorstellung zu gewinnen, vergleicht man den damaligen Zustand der Wissenschaft am besten mit der Lage nach der Entdeckung eines ungeheuer ausgedehnten Landes, sagen wir etwa nach der Entdeckung Amerikas. Wohl war die Auffindung die größte Tat, aber es ist klar, datz auch chre Nutz- barmachung, nämlich die Durchforschung des neuen Landes, Aufgaben von ungeheurer Tragweite stellt, deren glückliche Lösung auch den Nachfahren des ersten Entdeckers einen kaum hinter dem seinen zurückstehenden Ruhm sichert. Isaak Newton, der gerade 100 Jahre vor Laplace gestorben war, hatte für die Wissenschaft ein Neuland entdeckt, das die geistige Welt in ähnlicher Weise erweiterte, wie die Entdeckung Amerikas die sichtbare Welt. Er hatte gezeigt, datz die Bewegungen der Himmelskörper denselben Gesetzen unterliegen, wie sie uns die irdische Mechanik zeigt, und gleichzeitg im Verein mit Leibniz die mathematischen Hilfsmittel geschaffen, die zur Beherrschung aller dieser verwickelten Erscheinungen dienen. Auch in der Anwendung dieser Gesetze war er ungewöhnlich erfolgreich. Aber das Gebiet, das sich nunmehr der wissenschaftlichen Forschung auftat, war so ungeheuer ausgedehnt, datz seine Durcharbeitung die Kraft nicht nur eines Mannes, sondern die aller Forscher der Zeit bei weitem überstieg. Die Ausbildung der von Newton begründeten mathematischen Mechanik gelang vorzugsweise in Frankreich, und die Wissenschaft bezeichnet noch heute die damals eingeschlagene Richtung als die „klassische Mechanik". Außer Laplace sind wohl der große Mathematiker Lagrange und d'Alembert, bekannt durch seine Mitarbeit an der berühmten Enzyklopädie, die hervorragendsten Vertreter dieser Richtung. Laplace war von ihnen der größte Astronom. Nur zwei Beispiele, wie er Newtons Arbeiten vervollkommnete: Schon Newton hatte das Wesen von Ebbe und Flut als hervorgerufen durch die ungleich starke Anziehung der Sonne und insbesondere des Mondes auf die nächsten und andererseits die entfernteren Erdteile vollkommen richtig gedeutet. Aber erst Laplace begriff, daß die. Frage hiermit bei weitem noch nicht gelöst sei, da das Wasser des Meeres, weil es sich nicht reibungslos bewegt, der Anziehung nützt augenblicklich nachkommen kann, mit anderen Worten, daß eine Bewegungsaufgabe und nicht eine bloß« Frage des Gleichgewichts vorliegt. Erst durch diesen Ansatz Laplaces wird die Frage von Ebbe und Flut, die auch heute nicht in jeder Einzelheit restlos gelöst ist, in ihrer ganzen Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit aufgerollt und wenigstens in den Grundzügen beantwortet. Schon Newton hatte klargelegt, daß nicht nur di« Sonne, sondern auch alle Nachbarplaneten anziehende Kräfte auf einen Planeten ausüben, aber die Dehandlungsweise war doch noch ziemlich unvollkommen. Erst Laplace schuf die Rechenverfahren, die eine vollkommenere Lösung der Aufgabe gestatten. So ist denn auch der Titel feines Hauptwerks „Mecanique cöleste“, Himmelsmechanik, für seine Auffassung bezeichnend. War nach einem Wort des großen Archimedes die Mechanik „nur ein Spiel der Mathemattk", so war nunmehr die Astrono- mettie ein Spiel der Mechanik geworden. und erst eine viel spätere Zeit brachte eine grundsätzliche Erweiterung der Himmelskunde. Ganz anders geartet sind die Verdienste des Mannes, der durch einen merkwürdigen Zufall am gleichen Tage wie Laplace in« Augen schloß, des italienischen Physikers Volta. War Laplace ein großer Theoretiker, der mit dem Rechenstift die Welt beherrschte, so verdanken wir Volta vor allem grundlegende Versuche auf einem Zweig der Physik, der damals fteilich noch in den ersten Anfängen steckte, seitdem aber mehr und mehr die Führung in der gesamten Physik an sich gerissen hat, der Elektrizttätslehre. Sehr vielseitig sind seine Entdeckungen auf diesem Gebiet, di« z. D. die richtige Deutung der sogenannten Influenz, den Bau eines Elektrophors und vor allein den Kondensator betreffen. Aber sie alle treten bei tveitem hinter feiner größten Entdeckung zurück, nämlich der des elektrischen Stromes, den wir nach seiner Anregung, aber eigentlich doch zu Anrecht, „galvanischen Strom" nennen; denn es war Volta sewst, der nicht nur zuerst sein 'Wesen begriff, sondern auch gleich- zeitig die Mittel angab. einen Strom von einer für di« damalig«. Zeit bettächtlichen Stärke zu gewinnen. Galvani, Arzt und Professor der Anatomie zu Bologna, hatte unter eigenttimlichen Am- ständen das Zucken von Schenkeln ftisch getöteter Frösche beobachtet und war dieser an sich unbedeutenden Beobachtung mit großer Sorgfalt nachgegangen. Aber trotzdem war er zu keinem anderen als dem — wie wir heute wissen, ganz irrtümlichen — Ergebnis gekommen, datz hier eine Aeutzerung tierischer Elektrizität vorliege. Volta hingegen gelang der damals ungemein schwieftge Nachweis, daß der Froschschenkol nur die vorhandene Elektrizität anzeigs, und datz sich diese auch ohne ihn durch die auch bei der Reibungselektrizität üblichen, von ihm selbst fteilich erheblich verbesserten Mittel sichtbar machen lasse. Er gründete hierauf den Dau des ersten chemischen Elements, das aus Kupfer und Zink in verdünnter Schwefelsäure bestand. Noch mehr Bewunderung erregte damals sein« Zusammensetzung vieler solcher Elemente zu einer „Säule" — wir würden heute Wohl „Batterie" sagen —. durch die er ihre Wirkung vervielfachte. So ist Volta der Entdecker des elektrischen Elements, daS viele Jahrzehnte lang die einzige Quelle des elektrischen Stromes war, und das auch heute, im Zeitalter der Dynamomaschine, weniger denn je entbehrlich ist. Durch die Benennung der Einheit der elek- ttischen Spannung nach seinem Namen hat ihm die Wissenschaft eine Ehrung erwiesen, durch die freilich die Dankesschuld für seine überragenden Verdienste nur teilweise abgetragen ist, die aber feinen Namen durch Jahrhunderte und Jahrtausende bewahren wird. Vorfrühling. Von Paul Heyse. Stürme brausten über Nacht, And die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt von mir zum Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder? Dort am Weg der weihe Streif Zweifelnd ftag' ich mein Gemüt«: Ist's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte? Ist die Sonne ein Wandelstern? Von Professor Dr. Kü st ermann. (Nachdruck verboten.) Die alten Sternkundigen unterschieden sieben Wandelsterne, nämlich Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jrchiter und Saturn. Noch heutzutage werden wir auf Schritt und Tritt an dies« alte Auffassung erinnert, am deutlichsten durch die Namen der Wochentage. Datz die Damen „Sonntag" und „Montag" von Sonne und Mond herrühren, ist wohl allgemein bekannt; weniger vielleicht, daß Dienstag nichts mit „Dienst" zu tun hat, sondern nach Ziu, dem altgermanischen Kriegsgott, der dem Mars entspricht, benannt ist. Der Name „Mittwoch" fällt ja im Deutschen freilich ganz aus der Reihe, aber beispielsweise erinnert das englische „mercredy“ noch deutlich an den Merkur; der Donnerstag ist dem Donnergott, also dem Jupiter geweiht, „Freitag" hat nichts mit einem fteien Tag zu tun, sondern er ist der Tag der Freya, der germanischen „Venus", und beim Sonnabend oder Samstag mag uns auch wieder das Englisch« aushelfen, das mit dem „saturday“ deutlich auf den Saturn verweist. Bei den Sternkundigen bezeichnen übrigens die Zeichen fiir die Wandelsterne ohne weiteres auch die Wochentage. Wer seinen Blick auf den Sternhimmel richtet, der wird ganz von selbst einen Anterschied in der Bewegung der Himmelskörper stnden: Die übergroße Mehrzahl der Himmelslichter erscheint uns fest aus einen Antergrund geheftet. Sie ziehen an uns vorüber, etwa wie die Gegenstände eines Panoramas, die, während sie weiterbewegt werden, ihre gegenseitige Lage nicht ändern. Solche Sterne nannten die Alten Fixsterne und faßten sie zu Sternbildern zusammen. Demgegenüber kann man alle Sterne, die dies« Starrheit nicht zeigen, als „Wandelsterne" bezeichnen; denn offenbar ist es für die Tatsache, daß diese Himmelskörper in keinem bestimmten Sternbild stehen, sondern von Sternbild zu Sternbild wandern, ganz gleichgültig, wie wir uns die inneren Gründ« dieser Bewegung erklären. Daß nun der Mond durch die Sternbilder hindurchwandert, kann man schon im Verlauf eines Winterabends ohne alle Hilfsmittel beobachten. Bei der Sonne ist dies fteilich schwerer, denn wir sehen sie ja nie gleichzeitig mit den eigentlichen Sternen, die zwar auch bei Tage am Himmel stehen, aber vor dem Glanz der Sonne erbleichen. Wäre unser Auge nicht so stark vom Glanz der Sonne geblendet, so würden wir die Sonne im Verlauf des Jahres in immer anderen Sternbildern erblicken. Es war daher ein guter Gedanke, datz man in den jetzt in vielen Städten errichteten Planetarien die Sonne wirklich durch die Sternenwelt hindurchwandern sehen kann. Aebrigens kann man sich and) leicht klar machen, datz «S gar nicht anders sein kann. Wer beispielsweise auf einem Karussell fährt, der wird die in seinem Mittelpunkt stehende, das Dach tragende Achse über den Hintergrund wandern sehen; auch wenn wir um einen fteistehenden Baum herumgehen, verdeckt der Daum dabei die verschiedensten Teile der Landschaft. Freilich, wenn wir Karussell fahren oder um einen Daum herumgehen, so wiffen wir dies sehr Wohl, während wir vom Amlauf der Erde um die Sonn« unmittelbar gar nichts merken und uns daher täuschen laffen. Damit der Vergleich mit dem Karussell einigermaßen zutrisst, müssen wir freilich annehmen, daß die Landschaft, di« bei diesem Vergleich an di« Stelle des Fixsternhimmels tritt, ganz ungeheuer weit entfernt ist Der nächstgelegene Fixstern ist etwa l/4 Million mal weiter entfernt als der Halbmesser der Erde Beträgt. Wir müßten uns also etwa denken, daß ganz Deutschland völlig leer sei und erst außerhalb unseres Vaterlandes die „Landschaft" begänne, In deren Mitte wir uns beim Fahren bewegen. Daß wir uns beim Amlauf einigen Punkten der Landschaft nähern, uns aber von andern entfernen, das macht bei dieser Entfernung so gut wie gar nichts aus. und so «scheint unS alles, was zue „Landschaft", d. h. zmn AWemtzimmel gch^ört, wie aus eine Fläche genialt. Zusmnmenfassend müssen wir also sagen: Die Sonne ist kein Wandelstern, sondern ein Fixstern wie alle anderen Fixsterne auch. Daß sie im Lauf eines Jahres durch den Fixsternhimmel zu wandern scheint, kommt lediglich daher, daß wir alljährlich einmal um sie herumfahren, so dah wir sie immer gegen einen anderen Hintergrund sehen. Die Täuschung hat also darin ihren Grund, daß die Sonne innerhalb der Erdbahn steht, während alle anderen Fixsterne außerhalb der Erdbahn liegen. Ltrindberg-Errnnerungen» Bon Birger Körner. Als der Schlitten auf dem Platze vor dem alten Hause hielt, stieg ich aus und ging auf den Hausflur zu, während der Kutscher meine Reisetasche und den kleinen Proviant, den ich mitbrachte, ablud. Jetzt konnte ich Strindberg deutlich durch das Fenster links vom Eingang sehen. Er stand da, den Hut auf dem Kopse, und musterte eine gläserne Retorte, die er gegen das Licht hielt. Ich klopfte, und er rief „herein". Eine Weile fuh^ er fort, seine Flüssigkeit zu betrachten, dann sagt« er halblaut: „So, da bist du!" Sorgfältig legte er seine Apparate fort und begrüßte mich freundlich. Anfangs lag etwas seltsam Scheues in seinem Wesen. Das kam, wie ich bald finden sollte, nicht nur von einem gerade damals stark ausgebildeten Verfolgungswahn, sondern auch davon, datz er ein halbes Jahr lang keine Gelegenheit gesunden hatte, sich einem gebildeten Menschen mitzuteilen, weil er einsam auf einer Insel lebte. Strindberg erzählte mir, wie alle auf dem Hofe ihm übel wollten. Mehrere Male habe er den Verdacht gehegt, dah sein Essen vergiftet sei. Aber jedesmal habe er eine chemische Analyse von dem gemacht, was auf- aetragen wurde, ohne eine Spur finden zu können. Auch glaubte er Feinds zu haben, die ins Haus einbrechen wollten. Darum hatte er alle Türen sorgfältig verriegelt, und bei einigen hatte er die Schlösser mit Schnüren umwunden und diese mit Lack versiegelt. — Du kannst nicht glauben, wie raffiniert sie in ihrer Bosheit sind! Hör« nur! Du weiht, daß ich gern Zigaretten rauche. Das wissen die Feinds, aber sie wissen auch, daß ich nicht die Mittel habe, Zigaretten zu kaufen, höchstens die elendesten! Gut! Vor einem Monat erhielt ich ein Paket, ich glaube, es war aus Helsingborg oder Malmö. Aber kein bekannter Absender: ein Zigarettengeschäft hatte es gesandt, lind weiht du, was es enthielt? — Eine Höllenmaschine? — Nein, du! Zigaretten! Zigaretten von der allerbesten Qualität. Nun denke nach. — Aber, erwiderte ich, schuldbewußt den Zusammenhang ahnend, dabei ist doch nichts Böses? Das war nur gut gemeint! — Verstehst du denn nicht das Raffinierte in dem Attentat? Der Absender berechnete natürlich ganz psychologisch, dah ich, da sie so gut waren, nicht eher ruhen würde, bis ich sie aufgeraucht, dann aber würde sich meine Qual, nicht mehr rauchen zu können, verdoppeln. — Mein lieber Strindberg, sagte ich, die Zigaretten habe i ch dir aus Helsingborg gesandt. Dort gibt es ein vortreffliches Zigarettengeschäft, das von einer Frau Möller geleitet wird. Sie hatte gerade eine ganz ausgezeichnete neue Zigarette hereinbekommen, und da ich es eilig hatte, bat ich sie, diese direkt an dich zu senden. Strindberg schwieg einen Augenblick, dann sagte er: — Warum hast du denn nicht geantwortet, als ich schrieb und dich fragte? Plötzlich erhellte sich seine ©tim, er sprang vom Sofa auf und eilte an den Tisch, um mir eine Leydener Flasche zu zeigen, die mit Kupfer- drähte-n eingeschaltet war. — Siehst du, die Blätter schlagen aus! Elektrizität! Und weißt du, wie ich diese sammle? Dadurch, daß sich die Kiefern gegeneinander reiben! Und hier kannst dn sehen... Ich war leider nicht genügend naturwissenschaftlich gebildet, um den Verlaus ganz begreifen zu können, als er mir nun zeigte, was die vielen chemischen und physikalischen Geräte bedeuteten, mit denen der Tisch am Fenster überladen war. Ich erinnere mich nur an ein Gewimmel von Flaschen, Reagensgläschen, Magneten, Mikroskopen, Mörsern und Messing. Aber einen bestimmten Eindruck hatte ich: datz er nicht über ein einziges Problem grübelte, sondern über fünfzig auf einmal! Mir wirbelte der Kops von allen diesen Ideen, di« mich wie eine Kaskade überfielen. Soweit ich erfahren konnte, hatte Strindbergs Diät seit Monaten nur aus Hafergrütze, Strömling und Hering bestanden. Deshalb hatte ich einige Delikatessen mitgebracht, aber ich erinnere mich, daß er davon nur naschte: es war ein zu starker Bruch mit seinen Gewohnheiten. Allmählich taute er auf und wurde gesprächig, beinahe munter. Da wagte ich meinen Vorschlag auszusprechen, mich doch am nächsten Morgen nach Lund zu begleiten. Aber es wurde ihm schwer, sich zu entschließen. Den einen Augenblick war er begeistert, doch im nächsten brachte er eine Menge Gründe vor, die ihn hinderten: er wollte die Kinder nicht verlassen, die auf d erfelben Insel wohnten; er mußte chemische Experimente vollenden, die er begonnen hatte. Aber schließlich gab er doch nach. Bevor er abreisen konnte, hatte er noch viele Dinge zu ordnen. So war er noch nicht damit fertig geworden, seine Papiere zu verbrennen. Wie er in einem Briefe an mich berichtet, hatte er bereits zwei Kisten verbrannt. Jetzt trug er einen Arm voll Papiere herbei, zog das eine nach dem andern hervor und warf es in das Feuer, an dem wir sahen. Es waren meistens Zeitschriften, Broschüren, Ausschnitte, Geschäftsbriefe und dergleichen. Aber einige Manuskripte mit Strindbergs klarer, leicht zu erkennender Handschrift waren auch dabei. — „Verbrennst du bebte Manuftr'tp«?" fragte ich entsetzt — „Ach, diese sind bereits gedruckt," erwiderte er. — Dann gib sie lieber mir, als daß du sie vernichtest. Er hatte in der Hand ein ganzes Manuskript von 64 Seite» Büttenpapier „Bienenkorb". Es waren die „Französischen Einflüsse auf die schwedische Kultur." — „Verehrst du Fetische?" fragte er höhnend. — „Ja, gewiß," erwiderte ich. Strindberg warf mir das Manuskript mit einem Lächeln zu, in dem ich deutlich ein gewisses Mitleid lesen konnte. — Und hier... und hier... und hier, fuhr er fort und vergrößerte den Haufen. Es waren Manuskripte und Entwürfe, leider oft fragmentarisch, au» seiner unglaublich reichen Produktton, seit der früheren Versicherungszeitung bis zu den letzten „Schwedischen Schicksalen", von denen er für* tief) Korrektur gelesen hatte. — „Und hier kannst du ein mißlungenes Stück haben, wenn bu willst", sagte er. „Es wurde nur in wenigen Exemplaren gedruckt. Lunde- gard hat seinen Senf dazu gegeben. (Strindbergs „Kameraden" mürben von den schwedischen Verlegern und Bühnen abgelehnt; der junge Dichter Lun de gard wollte sie „bühnengerecht" machen!)' Nimm das Zeug!" Es war die Komödie „Marodeure", aus dem später die „Kameraden" wurden. Als Manuskript gedruckt, mit diesem Hinweis auf dem Titelblatt: „Lieber Aenderungen und Striche wird mit beni Verfasser korrespondiert. Adresse: Dersau iKanton Schwyz), Schweiz. Gedruckt bei Albert Bonnier 1886.“ Wie ein Vierteljahrhundert später festgestellt wurde, dürft« außer diesem Exemplar nur noch zwei vorhanden fein. Das eine wurde vor einigen Jahren auf einer Auttion in Stockholm für 625 Kronen versteigert. Hur ein Bruchteil dieser Summe würde, wenn sie damals Strindberg zugefallen wäre, von unberechenbarem Segen gewesen sein. 2lber wer von uns konnte ahnen, was die Zukunft bringen sollte? Wir saßen diesen Abend lange auf bei einem Glase meines mitgebrachten Punsches. Als alter Student und Stockholmer liebt» Strindberg schwedischen Punsch; ?rft kurz vor seinem Tode, als wir das letzte Mal beisammen saßen, weigerte er sich, ihn zu trinken. Am folgenden Morgen fuhren wir im Schlitten nach Gustavs« berg. Strindberg war still und düster; der große Sprung, den « gemacht, erschreckte ihn. Der Dampfer rauchte schon, bereit, durch seine Eisrinne nach Stockholm zurückzukehren. Andere Menschen waren nicht zu sehen als die Seeleute und einige Jnsekbauern, die Kisten mit Strömling verluden. Wir lleßen uns im Rauchsalon nieder. Der Dampfer pfiff und stach in See. Jetzt klärte sich Strindberg auf, — „Alea jacta estt“ sagte er. Wir tranken Kaffee, und Strindberg begann gesprächig werden. Plötzlich sahen wir den Schatten eines Meirschen am Ventil vorbeiziehen. Mit einem entsetzten Ausdruck sprang Strindberg auf. — „Sie!" rief er. — „Wer?" — „ Frau Strindberg! Glaubst du, daß sie mich gesehen Hots Und auf dem gleichen Dampfer! Was hatte ich hier zu tun? Warum kamst du und nahmst nttch mit? Oder . . . solltest du . . ." Er sah mich an mit einem Mick, als glaubte er, ich hätte ihn in eine Falle gelockt . . . ich hätte mich mit seiner Gegnerin verschworen. Aber vor meinem ruhigen Mick schwand der wllde Ausdruck, und seine gepreßten Lippen lasten sich in das freundliche Lächelt» auf, das ich liebte. — „Rein, nein, das kann nicht sein. Aber dies ist furchtbar Vedenke, wenn der Dampfer im Eise festfriert! Die Passagier^ er und sie, die einander nicht treffen können, müssen es. Tragödie! Teuflisch! Kein Dichterhirn dürfte eine solche Idee oder Szeneri» ausdenken, ohne daß die Leute sagten, das ist nicht wahr, er lügt." Ms wir nach Stockholm kamen, war Strindberg geistig abwesend, und als der Dampfer am Quai anlegte, kroch er tiefer in seine Eck«, — „Tue mir den Gefallen, Ausguck zu halten, wenn sie bei Dampfer verläßt," Bat er. 3d) blickte zum Ventil hinaus, aber eine Dame war nicht $e erblicken: sie war noch nicht ausgestiegen. Ich konnte den Steuermann sehen, der auf dem Land stand, mit Papieren in der Hand, und mit einem Kommissionär sprach. Die Strömlingskisten wurde» gelöscht. Aha, dachte ich, Frau Strindberg weiß sicher, daß ihr geto«* den er Mann an Bord ist und will nicht aussteigen, bevor sie ihn pa gehen sehen. Jetzt sitzen beide da und warten aufeinander. Ich sagte Strindberg, was ich dachte, aber er antwortete: — „J’y suis, j’y teste!“ Es dauerte eine Viertelstunde, vielleicht länger. Da sah ich St®* Strindbergs geschmeidige elegante Figur, in einen anliegende» schwarzen Mantel gehüllt, über den Landungssteg verschwinden, — „Siehst du sie?" fragte Strindberg. — „Jetzt ist sie auf dem Quai. Sie geht schnell.“ Strindberg flog aus und sah ihr nach, aber schwieg. Dann flüster» er für sich: — „Wie ... schön ... sie .,, geht!“ Er wandte nicht die Augen von ihr, so lange sie zu sehen bx* Diesen Blick, mit dem er ihr nachschaute, habe ich nie vergessen. Aus der schwedischen Handschrift übertragen von Emil Scherrng Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.