Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Samstag, den S.Kebrmr Nummer 10 AbsnLNsrgs. Von Anton Schnack. Der Tee singt wie ein Vogel aus dem Samowar. Bald wird das Dunkel an die Fenster kommen, Die Dinge ringsum machen mich beklommen, Ws wären sie voll Feindschaft und Gefahr. Mein Herz schließt sich in müdem Träumersinn, Das scheue Licht beschattet Wan-d und Stein. Und das Gesäß aus mattem Edelzinn Saugt wie ein Spiegel alles in sich ein. Ein Buch liegt da mit marmorkühlen Worten, Ein Geigeninstrument, der Flöte schwarzer Stab, Was ich "versuchte, hielt nicht ab die Trauer . . . Der Schattenraum klingt noch in den Akkorden, Als stiegen sie aus meinem eignen Grad, Boll Schwermut einer ungebroch'nen Dauer. Me Geschichte des Prinzen Alexius. Don Albert H. Rausch, Wir sahen, wie so oft in jenem begnadeten Jahr der Bläue und des Lichtes, unter den Palmen vor Margherita Avellines Haus. Der Pellegrino hatte das Wondlicht auf seinen Graten in malvenfarbigen Dunst aufgelöst, die vielen weihen Häuserwände des halb schon entschlummerten Palermo liehen es lautlos als grünes Silber an sich niedergleiten. Percy Dantadvur, der junge provenzalische Dichter, halb an der Brüstung lehnend, die gegen Äcquasanta hinabwies, halb sich mit der Linken am Knaus des Sessels haltend, in dem die Hausherrin Platz genommen hatte, erzählte uns aus unser Bitten hin die Geschichte des byzantinischen Prinzen Alexius, so wie er sie aus einzelnen Bruchstücken der alten städtischen Chroniken hatte zusammensehen können: Eines Abends, als das Schiff von Neapel in den Hasen von Palermo einlief, schritt über die schmale Landungsbrücke ein Knabe, dessen zarte Schönheit der Mengtz auf fiel. Ihm folgte ein alter Mann, der den braunen Mantel der Diener trug. Der .Knabe schaute sich nicht um, betrachtete nicht die Menschen, nicht die Schiffe und nicht die Pracht der Gebäude. Er lehnte sich an den Arm des alten Mannes und schritt gesenkten Blickes dem Hause zu, in das er geführt wurde. Dort begrüßte eine alte Frau die Fremden, warf, sich auf den Boden und küßte das Knie des Knaben, dem Greis aber gab sie die Hand und sagte mit bewegter Stimme: „Gesegnet sei dein Eintritt, o Mkephoros, in mein bescheidenes "Haus. Ich bin glücklich, daß ich den Tag noch sehe, der dich und den Kaiser hierherbringt. Deine Botschaft ist mir zugegangen, und ich habe seit vielen Wochen alles bereit gehalten, um euch so würdig zu empfangen, als es in meinen Kräften steht." „Ich danke Euch. Daucis," erwiderte Nikephoros. „Ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß Ihr mir im Andenken an die Tage, die ich vor Jahren hier zubrachte, Eure Freundschaft erweisen würdet, und Ihr mögt es mir glauben: gelingt mir der Plan, von desfentwillen ich die weite, beschwerliche Reife antrat, so soll es an Lohn für Euch nicht fehlen. Aber ich ersuche Euch von neuem, wie ich es schon in meinem Schreiben tat, daß Ähr vor den Weibern schweigt. Auch sollt Ihr mit dem Prinzen nicht sprechen, wenn er Euch nicht fragt." Mit diesen Worten nahm er aus seinem Gürtel einen kleinen, ledernen Beutel und gab ihn der Alten. Sie kniete abermals nieder und küßte das Gewand des Knaben, der seine Lippen zu einem leisen Lächeln verzog, während er mit der linken Hand eine Bewegung in der Luft machte: sie möge es an Ehrbezeugungen genug sein lassen. Da führte sie die Fremden in die oberen Gemächer und entfernte sich, um das Abendmahl zu Bereiten. Kurz nach Sonnenuntergang brachten Matrosen das Gepäck der Reisenden auf einem Wagen. Die Männer und Weiber der Rachbarschaft standen neugierig vor der Tür und machten sich ihre Gedanken darüber, wem diese vielen Dinge gehören könnten. Daucis aber trat nur einen Augenblick lang aus die Straße, faltete die Hände und warf die Augen gegen den Himmel, um die Leute ahnen zu lassen, daß in ihrem Hause etwas Außergewöhnliches geschehe, von dem sie zwar gerne reden möchte, aber nicht dürfe. , Mkephoros bereitete indessen das Lager für den jungen Prinzen »nb legte eine purpurne Seidendecke auf das Polster, in deren Mitte ein schwarzes Wappen gestickt war. Dor diesem Wappen verneigte sich der Alte, wie betend einige dunkle Worte murmelnd. Der Prinz aber — an den gleichen Vorgang von vielen Abenden her gewöhnt —- besprengte seine Finger mit persischem Rvsenwasser und gähnte: „Kleide mich aus. Mkephoros, ich will schlafen gehen." „Erlauchter Herr," erwiderte der Diener, „ich hätte Euch gerne noch gefragt, ob Ihr mit meinen Plänen einverstanden seid..." „Nikephoros," unterbrach Alexius, „scheuche mich nicht mit Fragen aus meiner Müdigkeit, die mich glücklich macht. Denke und handle du meine Kräfte sind erschöpft, und es ist mir alles gleich. Ruhen will ich, ruhen..." Der Alte verneigte sich und begann, ohne noch ein Wort zu sagen, den Prinzen zu entlleiden, der rasch in tiefen Schlummer sank, Dann ging er in das Rebenzimmer. Er setzte sich an das Fenster, um noch ein wenig die kühle Abendluft zu atmen und seine Plane für die nächsten Tage zu überdenken. Richt ohne Absicht war er zur Witwe Baucis gezogen, in das belebte Viertel, das den Namen Chalessa trug. Denn es lag nahe am Hafen und war mit Gasthöfen, mit Darbierstuben und Schenken überfüllt, in denen das Dolk und die Soldaten des Königs ein« und ausgingen. Es kam darauf an, zunächst das Aufsehen der Menge zu erregen. Wie ein Lauffeuer würde die Kunde von der Ankunft des Prinzen Alexius aus Byzanz in die Kasernen eilen, von den Kasernen zu den höheren Offizieren und von diesen zum König. Auch wohnten hier unten viele Araber, deren phantastische Seele das Nötige zu dem Gehörten dazutun und so dafür sorgen würde, daß in wenig Tagen der Prinz das Gespräch der gesamten Bevölkerung sei, der Reichen und der Armen. Da nun der König fein Dolk liebte und auf die Meinung des Volkes hörte — man nannte ihn den Guten — o würde er den Prinzen unverzüglich in den Palast rufen und ich nach feinem Schicksal erkundigen. War das erst geschehen, so hatte er, Mkephoros, das ganze Spiel gewonnen. Doch während er dies alles überdachte, erhob sich vor der Haustür ein Gewirr von Stimmen, unter denen er die der Witwe Daucis deutlich erkennen konnte: „Ihr sollt nach Haufe gehen, fage ich euch! Es ist Nacht, und meine Gäste wollen schlafen!" „Gut. wir gehen nach Hause. Aber sage uns zuvor: was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Prinzen?" „Ich darf es nicht sagen!" „Ihr dürft es nicht? Ans nicht, deinen Nachbarn? Haben wir jemals ein Geheimnis verraten, das du uns anvertraut hast? Sind wir nicht immer deine zuverlässigen Freunde gewesen?" Hier brachen die Stimmen ab. Schritte kamen herangeschlürft, und man hörte ein Flüstern. Da schlug Nikephoros das Kreuz und schickte, wie die Propheten, ein Lächeln in seinen großen, weißen Bart, „Der Herr ist mit mir! Der Name des Herrn sei gelobt!" Ein paar Tage später trat Alexius in einen der großen Gasthöfe, um eine Schale Sorbet zu trinken. Die Diener standen um ihn her, betrachteten ihn ohne .Unterlaß und flüsterten untereinander. Er beachtete dies nicht weiter, ließ aber den Oberaufseher rufen und warf nachlässig die Worte hin, es erstaune ihn, daß man in einen Weltstadt wie Palermo noch die Fremden begaffe, die keine Diertel- ftun.be lang unbelästigt in einer Ecke sitzen könnten, um sich auszuruhen. Dann gab er Nikephoros einen Wink, zu bezahlen und aufzustehen. Die Wirkung dieses kleinen Auftrittes war so groß, daß der Besitzer des Gasthofs erschien, sich tief verneigte und tausendmal um Entschuldigung bat, wobei er hinzufügte, Palermo sehe ja des öfteren große Herren in feinen Mauern, aber der Zauber feiner Kaiserlichen Hoheit sei so ungewöhnlich mächtig, und die Bescheidenheit und Zurückhaltung seines Auftretens erwecke in solchem Maße die Liebe und Bewunderung der gesamten Bevölkerung, daß er doch den ganz von seiner Würde und Schönheit Bestrickten eine milde Beurteilung angedeihen lassen möge, wenn sie die Bewegung ihres Herzens allzudeutlich zu erkennen gäben. Worauf Alexius die unbewußte Wehmut feines Lächelns spiäen ließ und leise grüßend über die Stufen hinab ins Freie ging. Es war fein Wunsch gewesen, gegen Abend in die etwas höhere Stadt hinaufzusteigen, wo der Kasr lag, der Palast des Königs, und Nikephoros, der sich in den ersten Tagen mit aller Absicht mehr in der unteren Stadt gehalten hatte, war nun vollkommen mit diesem Plane einverstanden, zumal schon am frühen Morgen (was er aber dem Prinzen noch verschwieg) eine geheime Anfrage des Hofes an ihn ergangen war, welche Bewandtnis es mit der seltsamen Kunde habe, der Sohn des Kaiser- Emanuel von Dyzanz und seiner Gemahlin Maria von Antiochien weile mit Absicht unerkannt in den Mauern der Stadt. Er hatte sich gar nicht weiter auf diese Frage eingelassen, sondern nur geantwortet, tt habe keine Befugnis, Auskunft zu geben. Man möge sich an feinen Herrn wenden. . Während sie nun, nicht unfern der Statte, wo der Admiral Georg die Martvrana--Kirche hatte errichten lassen, im Schatten einer Palme sahen und über die weihen Kuppeln und Wände schauten, die im Abendgold glänzten, geschah es, daß Seite an Seite der Großadmiral Margeritus und der Kanzler Ajellus vorüberritten. Als sie den Prinzen gewahrten, der sich gerade erhoben hatte, um einen Sänftenträger heranzuwinken, stutzten sie, hielten ihre Pferde an, hoben die Hand vor die Augen und sahen sich mit der Miene von Menschen an, die ganz zur selben Sekunde denselben Gedanken gefaßt haben. Sie nickten noch einmal bestätigend mit den Köpfen, berieten sich einen Augenblick und ritten nach den Loren des Palastes zurück. Alexius aber lieh sich, immer gefolgt von Aikephoros, nach einem anderen Gasthof der oberen Stadt tragen, um dort zu Abend zu speisen. Als er aber kaum die Halle betreten hatte und Diener Heranbefahl, die ihm ein Bad bereiten sollten, warfen sich plötzlich einige Grohkaufleute aus Byzanz, die gerade in Palermo eine Traubenernte angekauft hatten, vor ihm auf den Boden nieder, küßten den Saum seines Kleides und riefen: „Gesegnet sei die Stunde, die uns hierher geführt hat! Gesegnet der Ort, an bent es uns vergönnt ist, den geretteten Sohn unseres unvergeßlichen Kaisers hier zu begrüßen, und so bestätigt zu finden, was unsere Ohren nicht glauben wollten: daß Emanuels Sohn lebt und der Wut des Verbrechers Andronikus auf wunderbare Weise entronnen ist. Aun, da wir Euch von Auge zu Auge gesehen wie bei den Prozessionen in Byzanz, erkennen wir Euch wieder — und Ihr dürft uns nicht der Freude berauben, der ganzen Stadt zu verkünden, daß wir unseren Kaiser hier gefunden haben." Alexius sah schweigend auf sie nieder, hieß sie aufstehen und hielt, als sie seiner Aufforderung gefolgt waren, seine Fingerspitzen zum Kusse hin. „O seht! Bei Gott, der schwarze Saphir der Komnenen!" rief einer und preßte seine Lippen auf den Ring, dessen Wasser dunkel waren, unergründlich wie das Schicksal der Sterblichen. Und so taten alle. Der Besitzer des Gasthofes aber sandte Boten in die Stadt und hieß sie, obwohl es schon Abend wurde, die große Kunde verbreiten. Sein Speisesaal war so überfüllt in dieser Rächt, wie nie zuvor, da alle den Prinzen sehen wollten. Alexius aber hatte sich, ermüdet von den vielen Erregungen des Tages, in die Gemächer zurückgezogen, die ihn der Wirt gebeten hatte, für diese Rächt zu bewohnen, und den alten Aikephoros nach Hause geschickt. Während nun Aikephoros mit der Witwe Bauris im kleinen Blumenhof hinter dem Hause saß und allerhand Erinnerungen an die Zeit austauschte, da er noch im Dienste des großen Königs Roger gestanden und die schöne junge Griechin öfter besucht hatte als ihrem Gemahl lieb gewesen war. ertönte plötzlich Klopfen an der Haustüre und eine Stimme rief laut und deutlich: Sm Aamen des Königs, macht auf! „Mein Gott," schrie Baucis, „was geht hier vor?" „Fürchtet nichts," sagte Aikephoros, „ich stehe für alles. Ja, ich zweifle sogar keinen Augenblick daran, daß uns allen di« große Stunde naht, und bitte euch deshalb, den Sklaven Ali die Tür öffnen zu lassen. Ich selbst gehe in mein Zimmer hinauf und warte dort oben auf die Dinge, die sich ereignen werden." Mit diesen Worten wandte er sich zur Treppe, über der eine blaue Ampel brannte, die Witwe Baucis aber rief dem Sklaven und befahl ihm, die Tür zu öffnen: „Aber zunächst die Fremden zu mir." Änd um sich den Anschein vollkommener Gelassenheit zu geben, blieb sie int Garten und begann mit einer kleinen Gieskanne die Wurzeln des Granatapfelbaumes zu befeuchten, der neben bent Goldfischteiche blühte. Da nahten, von Ali geleitet, die Botett des Königs, drei an der Zahl, zwei Soldaten und ein hoher Beamter des Gerichtshofes. Dieser begrüßte höflich die Witwe, welche nur langsam das Haupt erhob und nicht daran , dachte, die Gießkanne hinzustellen: „Frau Baucis. es sollte mir leid tun, toenn unser spätes Kommen Euch erschreckt hätte..." „Aber nicht im geringsten, erlauchter Claudius!" „Wie — Ihr kennt meinen Aamen?" „Wer kennt nicht Euren Aamen? Das Land ist voll von der Weisheit Eurer Llrteilssprüche und von der Milde, di« Ihr gegen geringe Leute übt... Ihr wollt zu Aikephoros?" „Ihr habt es erraten! So ist es also wahr? (Sortierung folgt.) Elisabeth« Keller. Im „Grünen Heinrich" hat Gottfried Keller seiner ÜDtutter em rührendes Denkmal gesetzt, der Mutter, die in opferooller Selbstlosigkeit ihrem Sohne aus Not, Enttäuschung und Entbehrung immer wieder den Weg mit ihren arbeitsharten Händen freimachte. Sie, die Tochter des Arztes und Vezirksrichters Schleuchzer, hatte den Drechslermeister Keller geheiratet und ihn nach siebenjähriger Ehe verloren, damit dem Schicksal ihren Tribut entrichtend wie in der Todesernte unter ihren sechs Kindern, oon denen ihr nur zwei. Gottfried und seine Schwester Regula, blieben. Auch ihr Glaube, in dem ersten Gesellen des Meisters wieder eine Stütze fürs Leben zu finden, wurde in bald gelöster Ehe enttäuscht. Elisabetha Keller muhte fortan sich mit den Kindern von dem kargen Mietzins des ihr überkommenen Hauses durchbringen, rechnend, sparend, darbend. Ein heute schon alltäglich gewordenes Witwenschicksal. Erinnernswert r auf vor träi dies Les in e in t wer geh- Sah slim Aeg Wüj sehe: ortet C unte Nils, über da, träch der: turnt die dahü 2 die 2 und laufe die 1 sich ! Nase Hals Begr ich a mit i Jpräd der r Sehr sagen daß i unter einer liche Glasz 3i lange kleine Gelin sonde mofe- richtu 5 schen nur die Art, wie sie, immer wieder den Nackenschlägen des unbarmherzigen Lebens trotzend, mit unbeugsamer Energie es meisterte. Sie ist nicht, wie Frau Aja, die umschmeichelte Mutter des weima. rischen Gemeinderats »cheruhmt" geworden. Wie wenige wissen von ihr, die ihr ganzes Dasein drangab, damit aus ihrem Sohn eben jener Gottfried Keller werden konnte, den die Literaturgeschichte unter den Auserwählten nennt. Sie ist nur Mutter, Mensch; sie schließt keineswegs die (ehenden Augen vor seinen Fehlern und Schwächen, und dennoch schaut ie weder rechts, noch links, wenn es gilt, den mit sich selbst Zerfallenen von neuem mit starker Hand unter die Marschierenden aus der Lebens« straße einzureihen. Wie oft hat sie ihn aufheben, trösten, stärken müssen... Daß er wegen eines Jugendstreiches die Industrieschule verlassen muhte, war der Auftakt zu den ungeahnten Mühseligkeiten. In dem Fünfzehnjährigen rang seine dichterische Veranlagung mit unklarem Hinneigen zur Malerei als einer wesensverwandten Kunst. Die lebensuntunbige Mutter ließ ihn von Zürich weg nach München gehen. Die wenigen Gulden, die sie zu vergeben hatte, wanderten mit, wanderten nach, bis eines Tages nichts mehr da war. Da begab es sich, daß man sie aufs Rathaus lud wegen der Münchener Schulden ihres Sohnes. Sie leiht mit unsäglichen Schwierigkeiten 300 sl. auf ihr Haus und schickt sie dem Jungen. Im „Grünen Heinrich" ist das arg c unter Freu! von ! derB das s streift von faltet Gölte dem oben, Heilst erfaß leuch! Auch Ende mach! G uns 1 schien also । umrä stund getor N unter des l Hebet D Übers der 3 von Höchs noch Frie! sehen Zeige also geschildert: „Sie fügte die Taler zu Rollen und diese zu einem unförmlichen Pakete, umwand es mehrmals mit starkem Papier und dieses mit Schnüren, beträufelte es überall mit Siegellack und drückte das Petschaft darauf, alles sehr unkaufmännisch mit überflüssiger Mühe. Dann schob sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Ridikül, legte es auf den Ann und eilte auf Seitenwegen zur Post: denn sie wünschte nicht gesehen zu werden, weil sie nicht gesonnen war, zu antworten, wenn jemand sie befragt hätte, wo sie mit dem Gelds hin wolle. Mühselig und mit zitternder Hand streifte sie das seidene Säcklein von dem Geldkloben, reichte ihn durch das Schiebfensterchen und gab ihn mit einem Gefühle der Erleichterung aus der Hand. Der Beamte besah die Adresse, bann die Frau, machte seine umständlichen Verrichtungen, gab ihr den Empfangsschein, und sie begab sich, ohne sich umzuschauen, hinweg, als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte. Der linke Arm, auf bem sie die Last getragen, war stets und ermüdet und so kehrte sie etwas angegriffen in ihre Wohnung zurück, stillschweigend durch ein Gedränge von Leuten, ,z welche feinen Gulden für ihre Kinder hergeben, ohne damit zu prahlen, zu lärmen oder darüber zu jammern und zu klagen. Zu Hause fand die Mutter die Klappe des Schreibtisches noch geöffnet und die Schublädchen aufgezogen, die nun leer waren; sie schloß dieselben und öffnete Beiläufig dasjenige, in welchem für ihr tägliches Bedürfnis ein unbeträchtliches Häuflein Münze in einem Schälchen lag und verkündigte, daß zunächst nun jede Wahl verschwunden war zwischen Gütlichtun und wei- terern Darben, und daß die gute Frau jetzt mit dem besten Willen sich keine guten Tage mehr hätte machen können. Allein das wurde von chr weder bemerkt, noch kam es in Frage. Sie stieß auch dies Lädchen sogleich wieder zu, versorgte Schreibzeug und Siegellack, verschloß den Schrank und setzte sich auf das alte Sorgenstühlchen ohne Lehne, um von ihren Taten ansKiruhen, aufrecht wie ein Tännlein." . H Zweieinhalb Jahre dauerte dies Martyrium von Angst und Besorgnis . für sie, mit intuitiver Frauenahnung fühlt sie beinahe, daß ihr Sohn erst einem Pfuscher und bann wohl einem Künstler, aber einem geisteskranken, in die Hände gefallen und selber durch Krankheit kampfunfähig geworden war. Ein Jugendfreund schreibt ihm einmal: „Deine liebe Mutter spricht immer nur von dir, wann du kommst. Sie schauet vielmal auf die Straße, . und wenn sie irgendeinen so kleinen Burschen sehe, so meine sie, sie muffe rufen: Regelt, der Gottfried kommt!" _ . , . Man schreibt 1842 und es ist die Zeit der Schweizer Sonderbunds, kämpfe. In bem zurückgekehrten Dreiundzwanzigjährigen regt sich das politisch leidenschaftliche Blut des Vaters. Seine lyrische Begabung drangt zum Licht. Noch heute ist eines seiner ersten Gedichte die schweizer Rationalhymne. , Nach sechs Jahren Seßhaftigkeit beginnt wieder sein Wanderleben. Alles zerrinnt unter seinen Händen: das die Mutter so stolz machenoe Reisestipendium der Züricher Regierung, die Honorare für seine Bucher, Er schreibt der Mutter nicht mehr, er will nicht Hunger und Demütigung eingestehen . . . Ober schließlich muß sie doch mit den Notgroschen ihres Alters einspringen. Cs war rote vor vielen Jahren, da sie zitternd uns doch mutig mit dem Gemälde ihres Sohnes von einem Herrn des -Oscher Ausstellungskomitees zum andern gelaufen war, bittend, empfehlend, uns schließlich voller Angst, ob es verkauft werde . . . Und Enttäuschung über Enttäuschung. Bitternis über Bitternis. Das war damals in der Münchener Zeit ihres Sohnes, wo er seinen ganzen Künstlertraum an einen r Trödler verhökern muhte. Skizzen, Farben, Aquarelle. Stück für Stuck um 24 Kreuzer. Wo er, der Maler, zur Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Fahnenstangen anstrich... „ , . Die Mutter sorgt, spart, darbt voller Gottvertrauen. Doa; immer war es für sie „eine eigentliche Ehrensache, sich zuerst selber mit Hand uns Fuß zu wehren. Denn ein doppelter Strick hatte besser, und wenn auf Erden und im Himmel zugleich gesorgt würde, so könne es um weniger fehlen". n Nicht nur im „Grünen Heinrich", auch in den spateren .Leuten von Seldwyla" hat Keller sein tiefstes Erleben um die Mütterlichkeit verewigt, die für hin, nach manchen Enttäuschungen des Herzens, Angelpunkt oes Menschengeschehens in den Werken seiner epischen Gestaltung wurde. Elisabeth Keller ist, betreut von Dankbarkeit, als Greisin nach einem Leben der treuen Muttererfüllung in der behäbigen Amtswohnung >h"° inzwischen 47 Jahre alt gewordenen Sorgenkindes heimgegangen. Sie Y«> . noch seine dichterischen Erfolge, fein geehrtes Ansehen als Staatsschreiv« von Zürich erlebt. Die stille, in all ihrer Schlichtheit großzügige, verschwenderisch ihr Herzblut austeUenbe Frau steht hoch über so maiuye geistvollen iveidlichen Berühmtheit der Geschichte. Das leuchtende w eroigte Mutteropfer ragt über alle Zeiten im Pantheon deutschspraaM Dichtung als Urbild des Tiefsten und Höchsten geheimnisvoll sch^ps^^ Unter Sykomoren. Von Theodor D ü u b l e r. Auf der Fahrt von Assuan nach dem Sudan war ich bet einem Gestade vorbeigekommen, wo besonders hohe Sykomoren die Nilgeländs bekränzen. Doch da es damals zu dämmern begonnen halte, beschloß ich, diesem wunderbaren Strich Flußufer erst aus der Rückreise einen längeren Besuch abzustaiten. Und meine Absicht führte ich denn auch aus. An einem wundervollen Ianuarmorgen legte dort mein Segetkahn, in einer Bucht unter Dattelpalmen und Sykomoren, an. Ich wähnte mich in eine Vorwelt versetzt. So urwüchsig«, von den Wurzeln an voll Blattwerk wuchernde Pflanzen hatte ich nie vorher bestaunen können. Ungeheure Mengen ihrer Zweige waren vertrocknet, sind aber seit unzähligen Jahren um ihren Stamm haften geblieben. In diesem strohgelben Dickicht flimmerte der Tag besonders zart rosenrot. Ueberhaupt flimmert das Licht Aegyptens oft in fleischfarbener Anmut. Das Blau des Himmels über der Wüste konnte ich bloß durch Lücken in der Waldwildnis durchfunkeln sehen. Der Sandboden hat, wo ich ging, auch im Schatten, wie Goldocker gefüttert. Erst bei längerem Bummeln bemerkte ich die Nähe eines Nubierdorfes unter hochstämmigen Dattelpalmen. Es war, wie meistens, aus braunen Nilschlammziegeln erbaut und mit schönen, ost alten Majolika-Tellern über Pforten oder sogar Fenstern geziert. Ganze Straßenzüge scheinen da, mit ihren fensterarmen Wänden, spärlichen Türen, ein einziger beträchtlicher Gutshof zu sein. Auf dem ziemlich rechteckigen Platz lungerten der Dorfbewohner Kamele herum. Hühner und große schneeweiße Tauben tummelten sich dazwischen umher.. Im Palmen- und Sykomorengürtel tun die Wohnstätten erblickte ich manchen Wiedehopf, Raben und mir bis dahin unbekannt gewesene grasgrüne Vögel in der Größe eines Stares. Die Menschen sind in Nubien weniger aufdringlich und neugierig wie die Araber Aegyptens. Ich vermochte es, sie selbst, doch besonders ihr Hab und Gut, recht unbehelligt zu betrachten. Die schwarzen, kleinen Jungens laufen dortzulande ganz nackt; die größeren tragen bloß einen Schurz um die Lenden. Erwachsene haben kaftanartige Gewänder an. Frauen lassen sich selten sehen: sie sind häufig hübsch. Sogar an den Goldring im rechten Nasenflügel gewöhnt man sich. Wirkliche Freude bereiten diesem Volk Halsketten aus Glasperlen, die sich die Schönen in Unmengen umhängen. Begrüßungen eines Europäers gehen mit etwas Zeremoniell vor sich. Da ich an Bord einen Nubier hatte, der etwas englisch versteht, gelang es, mit den Honoratioren meines Sykomorendorfes ein konventionelles Gespräch zu führen. Wie immer, erkundigte man sich bei mir, wie Europa der neue Friede bekommt, ob ich es wisse, wie lange er dauern könnte. Sehr zufrieden waren die freundlichen Nubier jedesmal, wenn ich ihnen sagen ließ, daß mir ihr Land gefiel, daß die Leute gesittet wären, und daß ich beabsichtigte, nochmals eine Nilreise mit mehreren Freunden zu unternehmen. Da ich jedesmal mit Datteln, Bananen, einmal sogar mit einer Büchse Ananas beschenkt worden bin, rate ich jedem, der eine ähnliche Fahrt zu unternehmen gedächte, kleine Gaben, wie beispielsweise Glasperlenketlen, mitzunehmen, um auch etwas barbringen zu können. In den Mittagsstunden segelten wir ab. Noch ging es an Sykomoren lange Zeit entlang. Endlich erreichten wir das kahlere Gestade vor dem kleinen Tempel von Amada. Er liegt glücklicherweise an einem erhöhten Gelände, so daß ihn Nilüberschwemmungen nicht erreichen. Das ist besonders erfreulich, weil er alt ist: Könige der achtzehnten Dynastie, Thut- moses III. und Amenhotep II., haben größtenteils an feiner Aufrichtung teil. Wundervoll und auch gut erhalten sind, im Vergleich zu andern nubi- schen Heiligtümern, in diesem die oft auch jetzt noch bunten Relieffiguren auf den Wänden. Leider hat man es für nötig befunden, die Ruine gar arg wiederherzustellen. Die vergipsten Altertümer Aegyptens, auf Zement- untermauerungen, bereiten einem überhaupt nicht häufig unbeeinträchtigte Freude. Dennoch habe ich unvergeßliche Stunden dort oben beim Tempel von Amada mutterseelenallein zugebracht. Schwarze, krausköpfige Berge der Wildnis bei der Tropensonne goldgelb blendenden Sandhalden rahmen das großartige Wüstenbild wundervoll ein. Unter mir glitzerte der Riesen- ftreifen Nil. Am andern Ufer ist es fruchtbar wie in einer Oase. Taufende von Sykomoren, Zehntaufende von allerschlankesten Dattelpalmen entfalten in dieser Gegend, auf kleinem Fleck, alle hohe Lebenskraft von Görtern hochbevorzugten Bodens. Wie kommt es, daß die Aegypter, außer dem ihnen greifbaren Vater Nil, nicht auch einem unbekannten Gott dort oben, woher die Ueberschwemmungen, die sich keiner erklären konnte, Heiligtümer errichtet haben? Einen Verursacher haben sie wohl nicht erfaßt. Wie ein Mann zunehmen und mager werden kann, war ihnen einleuchtend geworden: das konnte auch auf den Nilgott übertragen werden. Auch bei ihren Toten kam es ihnen auf gewohntes Weiterleben an. Ein Ende mag ihnen unbegreiflich gewesen fein: nicht einzusehen aber vermochten sie wohl ein überweltliches Jenseits. Gegen Abend fuhr ich fort. Ueberschwänglich viel Gold strömte um uns her. Riesenreichtum eines Landes der Einbildung im Herzen Afrikas schien feine unendlichen Spenden vor uns auftun zu wollen: Ophir wälzte also alle seine Schätze dem Delta entgegen. Berge waren von Karfunkeln umrändert; die Sonne selbst, Zauberin einer ungeheuerlichen Viertelstunde, erschien als der funkelndste Rubin, der jemals auf Erden zutage gekommen wäre. Nachdem die Nacht bald ihre Pracht entfaltet hatte, ließ ich abermals unter Sykomoren anlegen: man hatte mir mitgeteilt, daß wir zu Füßen des Tempels von Wadi-Sebua vor Anker gehen konnten, doch wollte ich lieber den Morgen unter Sykomoren erwarten. Mir zu Haupte» ergoß die Milchstraße ihren schimmernden Sternenüberschwang um den halben Himmel, unter uns floß friedlich flimmernd der Nil. Der Gürtel des Orion, Sirius, Jupiter leuchteten mir auf einmal von drei verschiedenen Seiten durch das Dykomorendickicht. Unter der höchsten Dattelpalme, die mir bis zur Milchstraße gereicht hat, ist der noch nahe Mars hochrot aufgebläht. Doch merkte ich endlich, daß auch ein Friedhof unter unfern Prachtpalmen lag. Gleich hatte ich das nicht gesehen, denn bloß kleine, lose — rhythmisch weiß zueinander gestellte Steine zeigen an: hier liegt ein Schwarzer unter der Erde. Ich gab dann 'Auftrag, die Segel aufzuspannen, wollte kosfahren. 6e legten wir noch, nach einem Stündchen, vor dem Tempel an. Ich hakt« ihn noch nicht besucht, denn auch bei der Fahrt stromaufwärts war es Nacht gewesen, cis mir hier vorbeikamen. Ich war aber nun einverstanden, das Heiligtum bei Fackellicht zu besuchen, denn da beeinträchtigen plumpe Ausbesserungen und häßliche Ergänzungen weniger den Eindruck. Wadi-Sebua heißt auf Arabisch Löwental. Diesen prächtigen Namen hat das Doppeldorf auf beiden Seiten des Stromes, wegen der noch erhaltenen, hoch gekrönten, vor dem Tempel lagernden Sphinxe, erhalten, Nhamfes II. hat den Tempel bauen lassen: zwei Kolosse mit seinen Zügen, die mit des Antlitzes festen Backenknochen, einer breitflügelnben Ras« über sacht lächelndem, bedeutendem Mund, etwas fernasiatisch anmuten, stehen noch vor der merkwürdigsten Sphinxallee. Auch diese Löwenkörper- Männer sind mongolenhast anzujehen und wirkten mir, unter Nubiens Sternenhimmel, besonders eigenhsrrlich hieratisch. In eine von uns verkannte Ungeheuerlichkeit schien ich mir aus der Welt unserer verwirrenden Gewohnheiten plötzlich geraten. Sollte ich mich nicht, vor solchen turmtragenden Herrschern in der Wildnis, vor Ausgaben, denen kein Geschlecht gewachsen sein konnte, umsonst gestellt sehen? Solche Tierleiber halten dich an der Wüste festgekiammert; ihre Gesichter: lind ein Ebenbild der Sonne. Hier — das bestätigte sich mir nochmals — soll das Tagesgestirn, bei Nacht, durch den Menschen von de» andern Sonnen wissen. Im Gehirn, über den merkwürdigsten kosmischen Jrrgängen, wird das All sichtbar. Durch das Urirdische der Sphinxe schien mich Stern um Stern, hervor, stechend an Plarheit, zum verwegensten Grübeln herauszufordern. EnIwiMlungsgrenzsn der Technik. Von Professor Df. Weilburg. Daß die erstaunliche Entwicklung der Technik sowie die sie erst et« möglicfyenbe Blüte unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis die bezeichnenden Merkmale unseres Zeitalters find, wird heute kaum ernsttich bezweifelt. Wir alle sind ja in fast jeder Lebensäußerung von der Technik und ihren immer neue Arbeitsgelegenheit schaffenden Fortschritten abhängig. So ist denn die Ueberzeugung, daß das bisherige äußerst stürmische Schrittmaß unserer technischen Entwicklung unbegrenzte Zeit anhalten wird, eigentlich allgemein verbreitet. Nun hat es aber kürzlich I. Petzold, Professor der Philosophie an der Technischen Hochschule zu Berlin, in sehr beachtenswerten Ausführungen unternommen, dieser Ansicht entgegenzutreten. „Entwicklung" ist insbesondere seit Darwin das Zauberwort, unter dem wir alles verstehen. Alls Lebewesen, die Menschheit, die Völker, entwickeln sich aus mehr oder tpeniger unvollkommenen Anfängen allmählich zu größerer Vollkommenheit. Sehen wir nun aber genauer zu, so bemerken wir, daß diese Entwicklung nicht gleichmäßig vor sich geht. Scho« in der Geschichte kennen wir Völker, die in wenigen Jahrhunderten einen ganz erstaunlichen Fortschritt aufzuweisen haben, während sich andere in ebensoviel Jahrtausenden kaum merklich änbem. Dem Gesetz der Entwicklung wirkt ein anderes Gesetz, nämlich die Neigung zur Angleichung an gegebene Bedingungen, zum Ausgleich vorhandener Spannungen und zur Erringung eines Gleichgewichtszustandes, kurz ein Streben nach einem Beharrungszustand, entgegen. Diese Erscheinung zeigt sich auch in der uns umgebenden organischen Welt. Hat irgendeine Tieroder Pflanzenart eine Form gefunden, in der sie zu leben vermag, so ist kein Grund gegeben, diese Form zu verlassen, die Neigung zum Be° harrungszustand überwiegt hier die zur Entwicklung. Eine solche beharrende Art wird sich nun insofern ändern, als sie durch die äußeren Verhältnisse dazu gezwungen ist, z. B. durch die erdgeschichtliche Entwicklung, die eine langsame Aenderung des Kümos zur Folge hat. Aber diese, durch äußere Umstände notwendig gewordene Anpassung an veränderte Seberts« bedingungen wird immer nur eine ganz langsame allmähliche Entwicklung zur Folge haben, im Gegensatz zu den sprunghaften Entwicklungen, die dann eintreten, wenn sich eine Art ihren natürlichen Lebensbedtn- gungen noch nicht angepaßt hat, wenn gewissermaßen noch Spannungen bestehen, die durch die Entwicklung ausgeglichen werden müssen. Es besteht nun kein Grund dafür, daß für das geistige Leben des Menschen andere Gesetze gelten sollten als für die gesamte übrige organische Welt. Das Denken, das den Menschen vor anderen Geschöpfen aus« zeichnet und ihn erst zum Menschen macht, ist ihm nicht von außen angeflogen, und noch weniger ist es seine eigene Schöpfung, durch die er sich etwa in Gegensatz zur umgebenden Natur stellen könnte. Es ist vielmehr eine ihm natürliche Lebensform, vermutlich hervorgerufen durch die Not und die Erfahrung, daß sich der körperlich schwache Mensch nur auf diese Weise gegen feinen stärkeren Wettbewerber im Kamps ums Dasein behaupten könne. Man hat den Versuch gemacht, einen hochentwickelten Affen in einen Käfig zu sperren, in dem er nur durch Benutzung eines bereitüegenben Astes oder durch Aufeinandertürmen umherstehender Kisten zu seiner Nahrung gelangen konnte. Der Versuch gelang zwar, aber dec Affe machte erst nach vieler Mühe die uns so einfach erscheinenden Erfindungen, woraus man wohl schließen kann, daß auch das höher ent« wickelte Tier erfinderische Gaben hat, die aber für gewöhnlich ruhen, weil nicht, rote beim Menschen, ein unbedingter Zwang zu ihrer Entwicklung besteht. Fassen wir so das Denken des Menschen als eine natürliche, durch feine Sebensumftänbe notwendig gemachte Lebensäußerung auf, so werden wir auch die Ergebnisse dieses Denkens als mit zur natürlichen Entwicklung des Menschen gehörig onjehen. Diese Ergebnisse des Denkens sind seine Werkzeuge, die Technik im weitesten Sinne des Wortes. So sind gewifsermahen die selbstgeschaffenen Werkzeuge der Technik vervollkommnete menschliche Glleder und Organe. Der Hammer ist eine natürliche Ergänzung seiner Faust, das Fernrohr oder das Mikroskop seines Auges, die mannigfaltigen durch die Technik geschaflenen Verkehrsmittel sind vervollkommnete Beine oder felbstgefchchfene Flügel. Es ist irreführend, solche Werkzeuge als „künstlich'' zu bezeichnen, wenn mit diesem Wort ein Gegensatz zur Natur ausgedrückt werden soll. Denn Natur ist alles, nicht bringt # Druck und Verlag: Brühl'schs Änivrrsitäts-Vuch- und Hteindruckerei,R. Lange, Verantwortlich'. l)r. Hans Thyrlot. — , fen lebendiges Gold heim, R'inoer oer crroe, M« aufs neue keimt, blüht, Frucht trägt und sich niemals «rschoptt unfruchtbare Mine, die totes Metall im steinernen Schoße birgt.__, verabscheute. Doch auch Feinde, mächtige Feinde erstanden dem Tabak aus dm alten Kontinent, der sich doch willig an Baumwolle, Zuckerrohr uni Molukkengewächse gewöhnt hatte. Von Rom her flogen Bullen gegen ta „höllisch Rauch", Monarchen kamen der Kirche zu Hilfe, vereint mit h den Tabakverbrauch zu unterbinden. In der Türkei stieß man bei Rauchern die Pfeife durch die Nase, in Rußland war man noch radikale, und schnitt gleich das Riechorgan weg, am allerradikalsten aber ging bi, kläglich- Nachfolger der kolonialfreundlichen Elisabeth — Jakob I. — vor er verbot kurzerhand Virginien den Tabakanbau! Dann aber erhob sich über all die gekrönten und feindseligen Hiiupin ein Kops, der zwar kein Diadem trug, sich aber als findiger erwies, als sie all« zusammen, und der bis auf den heutigen Tag der beste !RM ganger geblieben ist, sofern es sich nicht um die Auffindung von Wessen sondern um Geldquellen handelt. Dieser findig« Kaps war der Mbis und er lehrte die kurzsichtigen Herren, daß auch ohne „rote Tinktur tti! „Stein der Weisen" jedes Tabakblatt in eitel Gold verwandelt weck, könne, sofern man sich nur auf die rechte Methode verstehe. Da begs die europäische Landkarte sich mit Tabakpflanzen zu bedecken, 1116 vielleicht hat der vreußische Soldatenkönig sein Tabakkollegium nicht m der deutsch-bürgerlich-soldatischen Gemütlichkeit, sondern auch dem b» denburgischen Tabak zuliebe eingerichtet. Der bäuerliche Maiskolben von San Dommgo hat langst em meito zweigtes Geschlecht erlesener und weniger erlesener Nachkommen gezeu Wer vermöchte all die Namen der Köstlichen zu nennen, die da wo feiten, makellosen Braun bis zur peinlichen Fehlfarbe keuchten, M straffen Leib bald unverhüllt, bald mit einer schämigen Bauch» bekleidet, zeigen? An erster Stelle steht natürlich die Jmpoiü Havanna bis ins Mark, in der Wirklichkeit der Dinge nicht mtnit, beliebt als im Kitschroman, wo zumeist ein abgefeimter Millionär in einem tiefen Klubsessel fitzend, raucht und dabei neue Niedertracht! feiten aussinnt. Neben der aristokratisrhen Importe sieht man di« kl« Verwandten, mit den billigeren Einlagen, dem minderwertigen UnAlc- iiber die das Deckblatt von Havanna täuschen soll. Ihnen gesellt F kindlich die kleine Zigarillo und die lilienbkasse zarte Tochter der neuer Zeit, die Zigarette mit dem Halsband aus Gold oder Silber, wenn' nicht ein Korkgürtelchen trägt, als wollte sie Schwimmstunde neh« Rauch- und Schnupftabak umfängt in allen Qualitäten die Enkeunmn r Maiskolbens von San Domingo, und wer kann sagen, ob der beliebte Kaugummi nicht demnächst vom Kautabak abgelpst w,rd, deu>r — wer vermöchte diese Vorstellung zu deB - - ■ *■ • - *----v*-\ 'Ü5CII i* A!z Kolumbus Amerika enideckt hatte, begann in Europa eine neue Kraßheit — das Gordfieber — zrr grassieren. Die phantastischen Berichte über die Wunderschätze der neuen Welt berauschten die Kopse, verwirrten die Begriffe, und jeder fünfte Europäer wäre damals wohl am «ebsten gleich in See gestochen, um jenseits des Ozeans Säcke voll Gold und Edelsteine mühelos zu erraffen. Doch die hispanisch« Weltmacht, klug und oor- sichtia wie frühere und spätere Weltmächte, sperrte allen Frenke» ihre ItebersrecSsten und verbot den Eingeborenen den Handel mit Rlcht- spaniern. So mochten die Konquistadoren allein und unbehindert durch die junairäulichen Länder ziehen, Träume spinnen. Eingeborene martern und morden, Boden und kostbare Kulturen verwüsten und immer, ort bem Trugbild des Dorado nachjagen, der Stadt der letzten Inta, deren Dächer mit Goldpkatten geschindelt und deren Straßen mit Goldstaub bestreut sein sollten. Gehetzt vom Galdfieber, rasten sie achtlos an einer hohen Pflanze mit sastiggrünen Blättern und schlankgestengelter Blute vorüber, hielten sie wohl für ein unnütz Kraut und ahnten nicht, daß in der Wurzel dieser mißachteten Pflanze Industrien der Zukunft schlummerten, daß ihre Blätter dereinst Milliardenreichtum über die Welt hm- strömen würden. Denn diese Pflanze, die um toten Metalls und trügerischer Vorstellungen willen übersehen wurde, war die Tabakpflanze. Es wäre nun hübsch, wenn man berichten könnte, daß die Deutschen mehr wirtschaftliche Intuition als die Spanier gehabt und gleich b