SiehenerZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dienstag, den 4. Oktober Mrgang 1927 Nummer 79 Hände gefchätz, fanger fein fe ire Namen klangen auf. Namen -oruunicywelg ferne Rosse getränkt. Eine Ges auf und verband sich zu einem großen Zug« Gefühl, an den Ufern eines ganz deutschen 1 ias !el drei drei Wnstlern I Respekt chtsmaler „Kaiser- Abgeord- rauf, sich ühe war i Armen mach auf ür ür Bater wurde, ter der rn über- Iten. un trag« es keiner Ka- ihm uten um ich fiebert vorüber wußtest agte un- n. Wilhelm Raab e, babu: Heimat aufsuchte. In diesem Wunsch zu erfüllen: Ich hatte Eine Wanderung durch Wilhelm Raabes Heimat Von Hanns Martin E l st e r. on über- nrn auch, Rekruten ehe mich mt Halt! es auch, adel mit lgendesi >ppen in NN. Dort 'affe mit für den nich um. und be- iiber den mir aber Benn ich :der zum die Biel mit- für den ühstücks- rgs Ab- Soldat chlafe» schütze, e. Und >t: fein genug use anfeinen ranzen- Abreis» uf dem e Testa- ? Spiel- In der Tat, von Münden bis Hameln liegt Raabesche Stimmung über dem Wesergebiet: man mag nach Boffzen kommen, einem kleinen Dörfchen Höxter gegenüber, oder nach Fürstenberg, wo die Herzög« von Braunschweig Porzellan brennen ließen und heute noch fleißig» geschätzte Fabrikate erzeugen, oder nach Hameln, wo der Rattenfänger sein seltsam Spiel getrieben hatte und das 1602 erbaute, reich ornamentierte Haus noch an ihn erinnert, überall rauschen die Wälder und winkeligen Gaffen und Häuser mit ihren hohen Giebeln und altersgebeugten Wänden seltsame, tiefe, gemütvolle Sagen und Geschichten anheimelnder Art, so fern von jeder Sentimentalität, besonders von der, mit sie das an sich schöne, aber durch das „Pistonsolo" schrecklich verhunzt» „Weserlied" („Hier hab' ich so manches liebe Mal... ) verbreitet. Schon lange war es mein Wunsch gewesen, meinem Lieblingsdichter, " " " “ ' " ‘ 4) noch näherzukommen, daß ich seine ...................... Hatte ich nun Gelegenheit, meinen Wunsch zu erfüllen: Ich hatte beschloffen, Holzminden, wo Wilhelm Raabe das Gymnasium besucht hatte, znm Mittelpunkt meiner Wanderungen und Ausflüge zu machen. So ging es denn an dein schön gelegenen Goslar vorbei über Seesen, das ein entzückendes, altes, schloß- artiges Rathaus im schweren deutschen Burgstil besitzt, den bewaldeten ‘ ‘ "" 'erlandes zu. den Sollinger Wald, von dem Wilhelm - „Odseld , wie in den hat man zugleich auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte vor sich. Namen wie Franz von D i n g e l st e d t erscheinen, der im Hessischen geboren ist und in Rinteln das Gymnasium besuchte, wie Hoffman» von Fallersleben, der in Corvey Bibliothekar gewesen war und Ruhe vor dem Sturm der Welt da draußen gefunden hatte, wie Friedrich Wilhelm Weber, der in Nietheim bei Höxter die sieben letzten Jahr» seines Lebens verbracht und in feinem Epos „Dreizehnlinden" den Abt Warin verherrlicht hat, wie schließlich Wilhelm Raabe: so war ich denn wieder bei dem, der mich durch seine starke, tiefe Kunst diesem schönen Stück Erde zugeführt hatte. Ganz in diesen hin und her eilenden Gedanken war ich versunken, e» war spät geworden; die Bürger von Holzminden waren zur Ruhe gegangen, über dem brunnendurchrauschten Marktplatz lag der Mond, der über die Bäume, di« den Platz umsäumen, bleiche Lichter warf, und vom nahen Kirchturm klang der Glockenschlag der nächtlichen Stunde herab. Ich blickte zum Himmel aus, zu den Sternen, wie Wilhelm Raabe es so oft von seinen Helden schreibt... Am anderen Morgen leuchtete die Sonne hell in mein Zimmer. Ich machte mich auf zum Gang ins Städtchen. Zur Uferstraße, wo da, Gymnasium steht und wohin auch noch Wilhelm Raabe als Schüler gewandert ist. Ich fand eine alte Karikatur, die die Lehrer des Dichters in ihren bezeichnenden Eigentümlichkeiten festgehalten hat: wie oft hatte mir mein Baier aus persönlicher Kenntnis von ihnen erzählt. Vom alten Stadtschulrat Da über mit den aufwärts gebogenen Daumen, von dem Zeichenlehrer mit feiner Wichtigtuerei, von der Kneipe der Professoren „Zur Millionenlust" und manchem anderen mehr. Holzminden muß zn Wilhelm Raabes Zeiten, also von 1840—1850, ein kleines Ackerstädtchen gewesen sein; das ist es zum großen Teil heute noch, wenn auch natürlich einige Fabriken entstanden sind, wie überall, wohin die Eisenbahn ihr« kalten, glatte Finger streckt: berühmte chemische Fabriken, eine Pappenfabrik, die das Holz aus dem Sollinger Wald verwertet, Ziegeleten u. a. m. Das Städtchen ist sauber und in seinen älteren Teilen auch für das Aug« erfreulich, in den Straßen stehen manche Kulturgreuel, besonders leisten die öffentlichen Gebäude, die zum größten Teil aus der Gründerzeit stammen, ein Erkleckliches. Wir halten uns zu dem, was die Stadt Schönes und Gutes bietet; das führt immer wieder zu Wilhelm Raab« hin. Holzminden liegt in einer weiten Ebene, die der Ich, der Hils und der Sollinger Wald auf dem rechten User und ans dein linken Ufer der Teutoburger Wald und andere einzelne Namen tragende Weserberge bi» zum fernen hessischen Bergland umgrenzen. Fährt man die Weser abwärts, so rauscht der Dampfer an dem schönen, breit hingelagerten Kloster Corvey mit seiner alten, romantischen Kirche und den schattigen Kastanienalleen vorbei. Das Städtchen: Höxter liMi links auf hohem Ufer, feine alte Kirche, ganz im Stile der Corveyer, überragt mit feinen Doppel türmen die vielen hohen spitz«» Giebel, aus denen sich breit und behäbig das schwere Dach des Rathauses hervorhebt, eines Meisterwerkes niederländischer Baukunst mit einem geschnitzten eichenen Erker und einem Fachwerkoberbau; recht» sicht man schon von weitem auf steilen Felsen das einfache Schloß Fürstenberg ragen, in frühester Zeit den Grafen von Dassel gehörig. Unter den hochgeschwungenen Vogen einer eisernen Brücke geht es auf da» Dorf Werden zu, wo jeder, der diese Fahrt macht, aussteigen sollte, denn bie Wanderung von dem tiefgelegenen Werden über Blankenau, Beverungen und H erstell nach dein in sich eng zusammenschließenden, mit dichten Laubwäldern bedeckten Tälern gelegenen Carls Hafen, das auf Befehl der Landgrafen von Hesien für die Refngiös erbaut wurde und in seiner Regelmäßigkeit eine prächtige Anlage ist, gehört zu den schönsten, die man an den Ufern deutscher Ströme machen kann. In Carls- Hasen beendete ich meine Fahrt, denn hier geht das Land Wilhelm Raabe« zu Ende. Und Raabesches Heimatgebiet nach allen Seiten zu durchstreifen, war ja der Plan meiner Reise. So fuhr ich denn von Holzminden aus weserabwärts an der romantisch über dem Flusse gelegenen Ruine Poll», von der man eine» gjonen Fernblick genießen kann, vorbei nach dem in einem schmalen ergkessel tief eingebetteten Bodenwerder, von wo man auf an« und absteigender Straße, immer zum Ith und Hils aufblickend, in ungefähr zweistündigem Marsche nach Eschershausen kommt. Je näher Schicksal. Von Wilhelm -Raabe. Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen taffen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; Mit Trümmern Überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und halt! . . . ba liegt der bunte Tand: Und klagen müssen nun, die eben lachten. Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So muht die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und meinen über den zerstreuten Stücken. Bergen und Hügeln des Weser!.. Der Abend senkte sich über 1 Raabe in manchen seiner Bucher wie „Hastenbeck' „ßeuten aus dem Walde" erzählt. Bekannte Nanu „ ........... aus Wilhelm Raabes Werken und aus den Erzählungen meines Vaters, der wie der große Braunschweiger auch aus Eschershausen stammt und mit ihm in landschaftlicher Freundschaft gestanden hat. Da kam Vor wähle, ein kleines Dörfchen, hoch oben auf den Bergen gelegen, inmitten dichter Waldungen, überqualmt vom Rauche, großer Zement- fabrifen, Treffpunkt der Staatsbahn und einer Kleinbahn, die nach Eschershausen lind weiter fährt. Die langgestreckten Gebirgszüge der hils und der Ith flogen vorbei, die Eisenbahn ratterte über die schmale Leime, einen kleinen, im Solnnger Wald entspringenden und in die Weser mündenden, $ur Zeit der Schneeschmelze tückischen Flüßlein, an dem auch Eschershausen gelegen ist, und an dem Wilhelm Raabe als Kind gespielt hat. Weiter ging's: Stadtoldendorf, der Bahnhof dieses Städtchens, entzückend eingebettet in dunkelwaldige Täler und aufgebaut an hängen und Höhen, war belebt: ein großes Feuerwehrfest von dreitägiger Dauer hatte das Städtchen in Aufruhr versetzt und alle Feuerwehren, der Umgegend auf einen Platz zusammengerufen. Mir fielen Szenen Raabescher Romane ein, aus denen des Dichters Freude an solchen volkstümlichen Belustigungen humorvoll hervorstrahlt. Als ich in Holzminden eintraf, war es dunkel geworden, ich wanderte die breite und mit wenigen schönen, zum größeren Teil häßlichen Gebäuden besetzte neue Bahnhofstraße hinab, die so wenig Raabesches hat, das erst hervorkroch aus den engen ober breiten Straßen der Altstadt, die, ziemlich weitläustg angelegt, um die Keine alte Kirche gruppiert ist. Da war ich also mitten im Raab eschen Lande. Ich stand an der Weser und sah dem schnellsließenden grauen Gewässer nach. Eins der schönsten Landschaftsbilder zeigte sich mir, und ich, der ich schon mancherlei gesehen, aber die Weser noch nicht gekannt, fühlte sogleich lenen reinen Zusammenklang vom eigenen Ich und von der umgebenden Natur, wie das nur in der Heimat möglich ist. Ja, hier war ich „zu Hause", mitten in urdeutschem Lande, an der Grenze von Niedersachsen und Westfalen, nahe dem Rnhmesorte germanischer Kämpfe mit den Römern. Hier, an den Ufern der Weser, hatte Arminius gelagert, war Karl der Große entlanggezogen, hatten die welfischen und askamschen und spater die he fischen Fürsten gekämpft, war der wilde Herzog Christian von Braunschweig vorbeigebraust, und hatte Herzog Ferdinand von Braunschweig seine Rosse getränkt. Eine Gestalt nach der anderen tauchte auf und verband sich zu einem großen Zuge in schweigender Einheit: bas Gefühl, an den Ufern eines ganz deutschen Stromes zu stehen, wallte in Jrtir auf und zugleich der Umnut darüber, daß man ihn im allgemeinen io stiefmütterlich behandelt. Es gibt ja eine ganze Reihe Lieder, die die Weser besingen, und wenn man in Holzminden an dem breiten Hafen steht und in die Runde schaut, man dem Orte rfltft, desto häufiger werden die Erinnerungen an den Dichter, nur in Holmsen, wo Goeche einmal auf der Durchfahrt in einem heute noch bestehenden Gasthofe abgestiegen war, irrten die Gedanken noch einmal in andere Zeiten, dann hatte ich immer den Raabeturm vor mir, der am 7. August 1909 auf der großen Sohle, einer der höchsten Erhebungen des Hilsgebirges, enthüllt worden war. Em ungefähr hundert Zentner schwerer erratischer Block mit einem Reiiesportrat des Dichters erhebt sich neben dem eisernen Turm, eine Anschrift aus Raabes goldenen Worten schmückt den einfachen Stein: Die Berge sind den Göttern heilig, Hebt die Augen auf zu den deutschen Gipfeln! Schon rückte mir Eschershausen näher, schon sah ich die dunklen Dächer des allen Städtchens, den schweren breiten Kirchturm mit dem großen Giebel und bald klangen meine Schritte in der Raabestraße: hier das schlichte Haus, in dem der Dichter zur Welt tarn, die ront mit blau- qranen Sollingplatten bedeckt, eine kleine Freitreppe von ungefähr zwölf Stufen führt zu dem erhöhten Erdgeschoß empor, über dem sich noch ein Stockwerk sowie ein zweifenstriger Giebel erhebt. Schmucklos und einfach: es interessiert wirklich nicht als Haus, da ist die gegenüberliegende, in blaue Mematisblüten eingesponnene Apotheke schon anheimelnder; gemütlich und ganz im Grün der Bäume imd des wilden Weins verborgen sind aber die beiden Pfarrhäuser, alte Bauernhäuser in Fachwerk, deren Balken, vom Alter geschwärzt, mit dem weißen Kalk kontrastieren. Eschershausen liegt in einem weiter Tale, durch das nun auch die Eisenbahn dampft. Rechts und links von der Hauptstraße wandert man durch die Gärten, so glaubt man in der Stadt von „Horacker" zu fein: so ähneln sich die Menschen und Verhältnisse; wäre der Bahnhof nicht, waren die • Asphaltfabriken nicht, man könnte wohl sagen: Es ist alles noch wie zu Raabes Jugendzeit. ..... .... Das gilt auch von Stadtoldendorf, einem hügeligen, winkeligen Städtchen das man von Eschershausen aus — über die sagenumwobene Ruine Hornburg wandernd — in zwei Stunden erreicht. Verlaßt man dann die Heerstraße, hat man noch einmal einen herrlichen Rückblick auf oas braunschweigische Städtchen, wo Raabe die Vorschule besucht hat, und auf den Hils und den Ith mit dem fernen D e i st e r und S u n t e l, ehe die Blätterwogen des Solling über einem zusammenschlagen, und man Abschied nimmt von Raabes Jugend und Dichterheimat. Kar! Stauffer-Vern. Von Frank Lyskirchen. Wir besitzen von Gustav Frey tags Meisterhand einen Brief aus dem Jahre 1892 an Otto Brahm, in dem der Verfasser der „Journalisten" über sein Zusammensein mit Karl Stauffer-Bern berichtet, dabei aus dem Erlebnis heraus all das Große, Himmelstürmende, Genia- lische, zugleich aber auch das Trübe, Versagende, Zwiespältige, dem Untergang Geweihte gestaltete, das der Künstlernatur Stauffer-Bern den Wert gab und seinen frühzeitigen Untergang bewirkte. Stauffer-Bern hatte den staatlichen Auftrag bekommen, für die Natw- iialgalerie ein Bildnis Gustav Freytags zu malen, und der Dichter lud ihn auf sein Landgut Siebleben ein; es war im Jahre 1886, und Staufser- Bern stand auf der Höhe feiner Entwicklung. Er schilderte ihn: etwa zehn- zöllig nach altem Preuhenmaß, breitschultrig, mit behenden Gliedern, ein runder Blondkopf mit geröteten Wangen und scharfen, klugen Augen. Mit Feuereifer ging er aus Werk, das Handwerkliche meisterte er spielend. Es folgte Sitzung auf Sitzung, Woche verging auf Woche, jeder Tag brachte'drei Stunden angestrengter Arbeit, und doch konnte er nicht fertig werden Das fröhliche Vertrauen, mit dem er in der ersten Zeit gearbeitet hatte, schwand ihm allmählich, ein Schatten legte sich auf seine Zuge, sein Blick wurde unsicher, er rückte sich heftig zusammen und setzte tue Arbeit an anderer Stelle des Bildes fort. Die Grundlage des Kopfes hatte er bald entworfen, aber spater machte ihm die Farbe viel zu schaffen, den seelischen Ausdruck der bewegten Zuge vermochte er nicht zu fassen. Immer mehr Einzelheiten arbeitete er in das Gesicht hinein. Siebenundzwanzig Sitzungen waren schon gewesen. Endlich erklärte er plötzlich, daß er das Bild nicht an Ort und Stelle fertigmachen werde, was fehle, werde er im Atelier hinzufügen. Am letzten Tag'nahm er die Tafel noch einmal vor, nach kurzer Zeit hörte er auf, betrachtete das Bild einen Augenblick, tauchte den Pinsel in die weihe Farbe und zog blitzschnell eine große vernichtende Locke über das ganze Bild In dieser Stunde fühlte ich mit ihm das Weh, und ich ahnte, was während der Arbeit in der Seele des jungen Künstlers vorgegangen war. Das Gefühl der Unsicherheit über seine Kunstbegabung für die Malerei nKir ihm offenbar während der Arbeit gekommen und hatte ihn in den Kern seines Wesens getroffen." . Dieser Künstler, dessen Schicksal wir hier in einem Sammelbriefe em- gefangen finden, war der am 2. September 1857 geborene Sohn eines Schweizer Psarromtshelfers, der dem hochbegabten, aber oft störrisch eigenwilligen Kinde eine schwere Erbschaft mit auf den Lebensweg gab, eine Anlage zu geistiger Störung, der er selbst zweimal verfallen war. Schon aus dem Wesen des Knaben brach überall das Künstlerische hervor, ein elementarer Darftellungstrieb zwang ifm, jede neue Menschenersthei- nung, der er begegnete, zunächst mimisch zu begreifen, d. h. bis zur Karikatur anschaulich in Gebärde und Wesen darzustellen. Dann lenkte die erzieherisch hervorragende Mutter seinen Drang auf die Zeichnung. Au dem Gymnasium in Bern geriet es nicht, und von der Tertia weg schickte man ihn, da er nicht gut tat und mit seiner wilden Lebensgier überall anstieß, nach München zu einem Malermeister in die Lehre, doch nach harten Kämpfen rang er sich 1876 zum Akademieschiller durch; bei ~ o f f 6 und Dietz. Mit der ganzen großartigen Wildheit feines Temperaments stürzte er sich in die Arbeit, er zeichnete im Aktsaal, er malte Landschaften im Moor, er kopierte in der Pinakothek, er lernte handwerklich, trieb Literatur, dichtete. Plötzlich wurde ihm sein Stipendium, das ihn erhalten hatte, genommen und er stand brotlos in München. Da fuhr er als Drel- nndzwanzigj(ihriger nach Berlin. Ein namenloser Kunstjünger war Stauffer, als er 1880 nach Berlin tarn, einer der bekanntesten Künstler der Hauptstadt, als. er sieben Jahre darauf ihr für immer den Rücken kehrte. Ein Maler war er, da er kam, ein Bildhauer, da er ging, erfolgreiche, Schaffen mit Stichel und Nadel lag dazwischen. Entscheidende Jahre voll Anregung und Genuß hat er in Berlin zugebracht. Und als er der Stadt, der er so vieles dankte, unmutig entsagte, hoffend, em neues Dasein zu beginnen, da schritt er dem schwersten Erleben und einem trüben Ende zu. er ging, in Berlin eingetroffen, kühn zu Anton von Werner dem Akademiedirektor, und bat darum, seinen Lehrgang beenden zu dürfen. Werner fronte ihn, was er könne. Stauffer antwortete: „Malen! Er beroies es mit einem Bildnis, das ihm auf der Ausstellung 1881 die kleine goldene Medaille einbrachte. . ... Im Handumdrehen war er in Mode, der frische Schweizer Landsknecht zog auf seine Weise durch die Salons des Westens. Er besaß bald em schönes Atelier in der Potsdamer Strohe, und die Auftrage strömten ihm in fast bedrückender Fülle zu. Dabei wurde er selbst von tiefem Zweifel ausgehöhlt und fühlte immer brennender, daß die Musik der Farbe ihm eigentlich versagt sei; möglich, daß auch das .Beispiel seines Freundes Max Klinger, den er immer als größten Künstler verehrt hat, rnitwirkte, jedenfalls verließ er mitten aus dem Erfolg heraus tue Malerei und wurde Radierer und Kupferstecher. 28 Blätter hat er hinterlassen, darunter das herrliche Stück „Gustav Freytag im Garten , ine bewundernswerten Bildnisse der Mutter Gottfried Kellers, Conrad Ferdinand Meyers, Adolf Menzels; alle ausgezeichnet durch eine herbe Sachlichkeit, eine bis zur Derbheit einfache Chamkteri^ierungS'kunst, eine unerhört sichere Technik, aber auch ein eigentümliches unmusikalisches Wesen, wenn man so sagen darf, ein Fehlen einer mitschwingenden warmen Phantasie. Aber dabei gehören diese 28 Platten zum Besten und Edelsten, was graphische Kunst in Deutschland man kann sagen überhaupt hervorgebracht hat Und wer sehen kann, fühlt bei diesen Radierungen: das ist em Plastiker, der dem zeichnenden Künstler die Hand fuhrt! Und wieder war es Max Klinger, der ihm auf dem neuen Weg vorausschritt, vor Stauffers Augen entstand dessen erste Plastik Beethoven (nicht die spatere Beethoven- ^Auch'Stauffer begann zu bildhauern, und im Winter 1888 zog er nach Rom, seinem Schicksal entgegen. Dieses Schicksal führte ihn, den Genius, dem aber noch verborgene Krankheit die Flügel allzusehr bewegte, zu einer gleichfalls hochbegabten, aber ebenso krankhaft erregten Dame aus altem Schweizergeschlecht. Jahrelang hat sie ihn gefördert. Aus einer Freund- ckast mit der verheirateten Fran wurde Liebe, wurde Leidenschaft, und »er Schluß mar ein häßlich-grausiger Mihakkord, der s i e ins Irrenhaus, ihn ins Untersuchungsgefängnis brachte. Und das Ende dieses mit der Gewalt einer entzündeten Rakete sich abspielenden Vorganges war Zusammenbruch, bei Stauffer-Bern wurde die schwelende Geistesstörung offene Flamme, die manisch erregte Seele des Künstlers verbrannte in selt- amen Gedichte, die Hochflut und Banalität in rührender Weise mischen, md endlich endete eine zufällige oder beabsichtigte Chloralvergiftung am 24. Januar 1891 dies Leben von 33 Jahren, im Dezember desselben Jahres starb auch die von Natur hochherzige, aber abwegig-exaltierte Frau, die sein dunkles Schicksal mindestens beschleunigt hatte, an den Folgen einer Gasvergiftung. . ... Wilhelm Schäfer, der Stauffer-Berns Leben in einer ergreifenden Icherzählung „Eine Chronik der Leidenschaft" dargestellt hat, läßt ihn gleichsam als Schlußwort sagen: „Mein Leben war nun einmal auf Presto eingestellt, das geruhsame Andante liegt nur nicht. Es ist gespielt und abgerechnet, auch was ich mehr als andere genossen habe, mit Leidens- talern bezahlt bis auf die letzten Kummerpfennige, die ich dem Tod als Trinkgeld übrig taffen will!" Fan st und Kasperl- Von Dr. Otto Kunz. Auf der internationalen Presfeausstellung in Köln 1928 wird eine interessante Detailausstellung gezeigt werden, die das Faustproblem m Literatur und Kunst zum Inhalt hat. Sie ist vom Salzburger Museums- direktor E. Leisiying zusammengestellt, der sie gegenwärtig m Salzburg zeigt. Ihr besonderer Wert liegt darin, daß sie die Zusammenhänge aufdeckt, die auf dem Theater seltsamerweise zwischen Faust und — Kasperl bestehen. „ Das uralte Faustproblem des Ringens des Menschen um die Er- fortoung der tiefsten Geheimnisse der Welt ist schon in den Legenden der frühesten christlichen Zeit enthalten. Schon hier fuhrt der Weg der Er- kenntnis vielfach über das Bündnis mit den überirdischen Machten: Zauberer verschreiben sich für die Künste, welche sie der Hilfe Satans verdanken, dem Teufel, und sind damit auf Leben und Tod der Holle ver- fallen. Manchmal hat — den Legenden zufolge — Gottes Barmherzigkeit die Verwegenen gerettet, meist aber wurden sie schließlich doch unerbittlich ein Höllenbraten, den sich Satan zeitgerecht halte. Hervorragende Geisteskräfte und Fähigkeiten schienen dem Mittelalter überhaupt bedenklich, uns nicht selten standen Gelehrte im Verdachte, Beziehungen zi, Geistern zweifelhafter Herkunft zu haben. Trotzdem sah man mit einiger Bewunderung auf ihr Können und Wissen. Man betrachtete sie wenigstens solange, als ihnen der Teufe! gewogen schien, als glücklich (faustas). vs berichtet 1507 der Abt Johann von Trittenheim von einem Magister Georg Sabeöicus, dem jüngeren Faust, als einem „Quellbrunn der Beschwörer", her in späterer Zeit gar den Titel eines „Halbgottes von Heidelberg" genossen habe. Der historische Faust (Fust) stammt vermutlich aus Knittlingen, einem Dorfe bei Pforzheim und war ein Zettgenom Melanchtons. Man weiß wenig von ihm. Es scheint ein Schwarzkuninn besonderer Art gewesen zu sein, denn sein Bündnis mit dem Teufel gcm als äußerst intensiv. Er war als Vagant angesehen, der sich gefus stn u°l in den Ruf übernatürlicher Kräfte brachte, stand aber immerhin so 10 im Mittelpunkte des Interesses, daß die spätere Zeit alle Zauberftuam seiner Vorfahren auf ihn vereint hat. Wer das 1587 in Frankfurt a. • erschienene Büchlein „Historie von D. Johann Fausten, dem we beschreyten Zauberer und Schwarzkünstler zur Hand nahm, bekreuzre i bei der Lektüre gerne auf jedem Blatt. In dieser Fassung ist kecke Humanist, der sich über die von der Kirche gebotenen v> ■ hinaussetzt, und der in der Maßlosigkeit feines Erkenntmsdrange Schranken vergißt, die die Wissenschaft aufgetzraucht Hat. Faust ist der unchristliche Heide. Und der Volksglaube, der gerne in jedem Gärtner den Bock entdeckt, hat just den Teufel, als er sich dem grübelnden und ringenden Faust scheinheilig näherte, in ein Mönchsgewand gesteckt. In dem Pakt Faustens mit dem Bösen spielt sich nun alle geistige Bewegung ab, die die damalige Zeit erfüllt: Astrologie, Geographie, Entstehung der Welt, Himmelskunde, Gotteslehre, kurz — di« „Erforschung aller Gründe im Himmel und auf Erden". So zieht Faust unruhevoll durch Stadt und Land, überall bestaunt und dennoch scheel angesehen wie schlechtes Geld. Auch dieser Prophet hatte seine Jünger, Baccalaurei, Magister, Studenten. Darunter ist Christoph Wagner, sein Lieblingsschüler, angeblich auch sein Erbe. Seine Einsalt wird durch den Meister belehrt, in ihm spricht sich erstmals das Verlangen des Volkes aus, dem Faustproblem auch Humor abzugewinnen. Diese Aufgabe übernahm später, insbesondere als man Faust alsPuppenfpiel gab, ein anderer: der deutsche Hanswurst, der Kasperl. Er ist anfänglich nur die Nebenperson, der Nachtwächter, der die Stunden vor Faustens mitternächtlicher Ber- dammnis zitternd miterlebt, und schließlich, da der Teufel seinen Herrn holt, auch noch um seinen Dienstlohn kommt. Später aber ist Kasperl überhaupt der Parodist seines Herrn, der sich auch nicht scheut, ihm ins Gewissen zu reden und den Moralisten zu spielen. Denn Kasperl hat bürgerliche Züge, er repräsentiert den gesunden Menschenverstand, und ist kn Zweiweltensystem sozusagen der Vertreter der unbeschwerten gradlinigen komplikationslosen Denkungsart. Er ist dem Mystizismus gegenüber das Naturkind und bleibt es in allen seinen späteren Varianten bis über die theresianische und friderizianische Zeit hinein. So führt sich Kasperls Nachfolger, der Wiener Pepi Staberl, aus, als er vor dem Aktuarius wegen Straßenrandalierens verhört wird: Aktuarius: Und fein Handwerk? Staberl:--Künstler!-- Aktuarius: Wie? Staberl: In, ich mache Paraplü. Aktuarius: Ist das eine Kunst zu nennen? Staberl: Machen Sie eins, wenn Sie's können! Diese lustige Figur, der Gegenspieler, der groteske Lebensphilosoph, meditiert auch über soziale Probleme. Er bleibt aber dabei immer im Niveau seines Preisliedes auf „Kunst und Vlunzen". So ist er auf einem Bilde dargestellt, wo er glücklicher Vater von Vierlingen ist. Und darunter steht: „Dieses sind die kleinen Gaben, die man oft nicht gern tut haben." Kasperl ist Evdenmensch, Faust schwebt über den Sphären. Kasperls Philosophie beginnt bei den Bratwürsteln und endet beim Schwips. Faust ringt immateriell. In beiden zusammen ist der Zwiespalt des Menschenwesens vereint. Faust blieb der deutsche Grübler, Kasperl wurde der österreichische Spaßmacher. Gerade in Salzburg hat der Kasperl wesentliche Metamorphosen durchgemacht. Sein Urahne, der alte Hanswurst des Mittelalters, besitzt allerdings teinen salzburgischen Heimatschein. Aber jene Umwandlung, die der geniale Komödienspieler Stranitzky, nebstbei „examinierter Zahn- und Wundarzt", aus ihm machte, beruht auf salzburgischer Vorlage. Stranitzky, der, ehe er in Wien seine vielbesuchte „Comedienbude" errichtete, sein Gewerbe im Umherziehen betrieb, spielte in Salzburg mit dem begabten Puppenspieler Johann Hilv e r ding, dessen Vater Kammerportier gewesen war. Von da an trägt Hanswurst salzburgische Bauernzüge. Er wird zum ländlichen Sauschneider, eine Spottgeburt, die zwar weniger aus Dreck und Feuer als aus Witz und Ausfällen gegen die umherziehenden Aerzte besteht, aber bald in den Typus des gefräßigen, feigen, frechen, unflätigen, jedoch geistesgegenwärtigen und schlagfertigen Bauern mündet. Er wird die derblustige Figur des Steg- veiss, die sich an die Zuschauer wendet und sich selbst parodiert. Er macht fabelhafte Reisen durch die ganze Welt, erlebt peinlich unangenehme, drollige Mißgeschicke, lügt und flunkert, daß sich die „Waßkrugdeckeln biegen", verkleidet sich, wird hundertmal gefangen und schlägt ebenso oft „seinen Wächtern" ein Schnippchen, hängt schon in der Galgenschlinge und hält noch eine schwülstige Ansprache, mit 6er er sich vom Tode wegredet u.a. m. x „ r Als der geniale Johann Laroche den Hanswurst in den Kasperl umkleidete und durch seine Spähe ein Jahrzehnt lang ganz Wien auf den Kopf stellte, schüttelten die Zunftgelehrten ihre Perücken. Es war ihm nichts heilig und feine freche große Nase steckte überall drinnen. Seine Zeitgenossen hatten nichts zu lachen. Der gute alte Kritikus Johann Kürschner sagte noch lange nachher grimmig, der Kasperl hätte eine wahre „Pöbelphysiognomie". Mit Verlaub! So schlimm ist die Sache nicht. Denn in dieser Figur steckt das Heiterkeitsbedürfnis einer ganzen Generation, die österreichische Lust 6er harmlosen Persiflage, und die Neigung, ein bißchen zu raunzen und schwarz zu sehen. Und dann ist der unglücklich-glückliche befreiende Leichtsinn dabei, der dem Oesterreicher die Schwulitäten des Lebens ertragen hilft. So ein bißchen Mißachtung vor der Autorität ist's auch, eine Aufreizung gegen den Paragraphenzopf des Vormärzes. Und schließlich hat der „Spassettlmacher" immer die Lacher auf seiner Seite. Kasperl ist eben eine Bolksfigur, Ausdruck eines allgemeinen Empfindens, und daher durchaus als ZeitbW zu werten. Mit der Geste des gekränkten Moralisten kommt man ihm nicht nahe. Hanswurst war übrigens feinem geistigen Vater bantbar. Stranitzky verdiente sich viel Geld an ihm, so daß er sich ein Wohnhaus am Salz- §ries in Wien kaufen konnte, das noch späterhin das „Hanswursthaus" ieß. Dort hauste er mit seiner Frau, die den veritablen Ehrennamen „die Hanswurstin" führte. Das war die echte, luftige, rasche, verliebte Wienerzeit. Zu dieser Ausstellung, die sich mit den Problemen bis in die jüngste Zeit befaßt, haben Bibliotheken, Museen, Theaterarchive Deutschlands Nnd Oesterreichs ihre Schätze von alten und neuen Werken, von Abbildungen und Illustrationen, Sammlungen und Photos, Handschriften, Regiebüchern ufw. beigestellt. .So ist eine Sammlung zusammengekommen, die bis in 'bas Gebiet der Theaterkultur reicht. (Szenerien, Bühnenbilder, Guckkasten, Figurinen), und Salzburgs alte Theatertradition aus der Zeit der souveränen Fürsterzbischöfe (1618 wurde im Schlohpark zu Hellbrunn im steinernen Theater die erste deutsche Oper in deutschen Landen «tf< geführt) hat der Ausstellung Impulse gegeben, die zum Großteil ein Neuland der Kunst sind. Der Grübler Faust, die Lebensanmut am Rhein und das göttlich freche Mundwerk des alpenländischen Salzburger Hanswurstes werden der Ausstellung in Köln einen Dreiklang geben, in dem sich das vielfältige Wesen der deutschen Seele unverfälscht spiegelt. Schiff voll Menschenaffen. Von Paul E i p p e r. Im Palmenhaus des Amsterdamer zoologischen Gartens gingen seltsame Dinge vor sich. Der Inspektor lieh große Käfige links und rechts vom Hauptweg ausstellen, vor die Stachelgewächse und Schlingpflanzen, von deren fleischigen Blättern die feucht-heiße Atmosphäre dieses Treibhauses in schweren Tropfen niederfiel. Unterdessen fuhr von der Nordostküste Sumatras ein Frachtdampfer ab, an dessen Oberdeck festverschnürte Kisten aufgestapelt standen. Jeden Morgen beschäftigte sich ein Europäer stundenlang mit diesen Frachtstücken, und abends, wenn mit überraschender Schnelle die Tropensonne unter den Horizont tauchte, erklang von jenem Teil des Decks, der mit Seilen abgegrenzt war, dumpf orgelnder Gesang. Als das Schiff in den Golf von Aden einbog, verschwanden die Kisten unter Deck, blieben dort bis Amsterdam und wurden nach sechsundfünfzig- tägiger Seefahrt noch in der Ankunftsnacht ausgeladen. * Die Vorgeschichte dieser Reise ist so: Mynheer van (Säens, ein vielerfahrener lierfänger, brachte im Spätsommer 1926 der Alfelder Verhandlung L. Ruhe einen ausgewachsenen Orang-Utan-Mann. Das Tier erregte großes Aufsehen in Europa, war es doch den Zoologen bis dahin nur ganz selten gelungen, einen erwachsenen indischen Menschenaffen zu Gesicht zu bekommen. Als der Fänger das Tier wohlbehalten abgeliefert hatte, sagte er seinem Auftraggeber: „Wollen Sie mehr davon? Ich bringe Ihnen em Dutzend herüber, vielleicht sogar auch eine Familie mit Jungen! Kenne jetzt einen Platz, wo viele große Affen hausen!" Hermann Ruhe, ein Mann von erstaunlichem Unternehmungsgeist, schlug ein. Der Holländer bestieg das nächste Schiff, blieb ein halbes Jahr verschollen und schickte dann ein Kabeltelegramm: All right! FunstriÄ- zwanzig Menschenaffen an Bord! _n n , Alte erfahrene Tierpfleger, Männer, die feit 40 und 50 Jahren zoolo-- qifdje Kuriositäten betreuen, sind in stammelnde Bewunderung ausgebro- eben, als sie diesen Orang-Transport zum erstenmal betrachtet haben. Da waren nicht weniger als sieben ausgewachsene Affenpaare, sechs davon mit je einem Jungen, gesunde Exemplare, die sich nun von der langen Einzelhaft erholten und während der oierzehntatgigen Ruhepause m Amsterdam die Wiedervereinigung mit dem Ehepartner zärtlich begrüßten. „Fünfundzwanzig Tiere habe ich gefangen, fünfundzwanzig aus dem Urwald an Bord gebracht. Eines ist unterwegs gestorben, dafür hat tm Roten Meer ein Weibchen geboren." Amsterdam war aber schließlich nur Durchgangsstation. In der kleinen altertümlichen Leinestadt Alfeld verwandelte man unterdesien das Nil- pfevdhaus in einen höchst komfortablen Wohnraum für Menschenaffen, schuf aus Rundholz geräumige Kletterkaflge und erzeugte m der glas- bedachten Halle mit Dampf und heißem Wasser die tropische Atmosphäre der indischen Inselwelt. Und dorthin brachte nun Herr Ruhe seinen stolzen Besitz, dieweil Telephon und Telegraph spielten und 'die Direktoren fast aller Tiergärten ihren Besuch ankündigten. Alfeld wurde für eine Woche die Metropole der zoologischen Welt. Man kann sich den Eindruck nicht vorstellen. Da saßen sie nun, diese unheimlichsten Gfltalten des Tierreichs erschütternd durch chreMenschen- ähnlichkeit, Giganten der Urzeit, eingehullt in den rostroten Behang, mit schwarzen, überlangen Händen, grandios im Ausdruck ihrer Augen und ^^N?cht^e1ner°glich dem andern; Temperamente schieden sich, Persönlichkeiten. ^Hier ein Drangmann von vielleicht 18 Jahren; gutmutig hält er fein Weibchen umfangen, das — fast einen Meter vierzig hoch mtt Hellen Schnalzlauten das Junge aus dem Strohbett zu locken will. Im nächsten Käfig hängt oben an der Rundholzdecke mit allen Steren em anderes männliches Tier, gleich einer riesenhaften Traube, und Egt rückwärts nach unten den langen, schmalen Kopf, von dem etn stattlicher $aUeffiipt die Bärte! Einer wächst buschig unter dem Kinn hervor, mie bei einem wetterharten Oberförster. Jener hat eine kahle Oberlippe, aber links und rechts sproßt es mit altösterreichischer Grandezza. Ein anderes Männchen hat seinen Vollbart in zwei stattliche Zipfel gedreht, !o dak der mächtige Kehlsack dazwischen leuchtet. _ . Die Weibchen sind fast alle haarlos im Gesicht, hoben aber «n einen weich lockeren Schopf. Der Behang ihrer Arme hüllt petn einen Mantel ein, so daß man oft das steine Kind nicht erkennt, wenn es mit vier Händchen festgehaA - wie ein Menschensaug mg cm dernahr^ den Brust liegt. Denn die Mutter hält — auch hier ein echtes Menschen tier — den Sprößling mit beiden Armen wie in einer Wiege. * Drei Oranajünglinge spielen in einem gemeinsamen Käfig. Sie^d vielleicht 40 bis 60 Zentimeter hoch und toben und turnen "M "ernstesten Spielbaum auf und ab. Um ihre Augen sind hellere Haarkreffe, es steht aus, als trügen sie Brillen. „ Der eine ist fast haarlos, nur em dünner Wollflaum bedeckt feinen Körper; der Kopf ist gänzlich kahl. Und mit feinem dicken Kugelbauch gleicht er komisch-grotesk einem chinesischen Buddha, pfiffig, Wau und trinkfreudig. Der andere paradiert mit einer steil nach oben stehenden •X eil» VH «IW -*- ----------------- ' . ., selbst wenn sie Und tm Hintergründe lauem di« Sphinx des Wsltenraumes Jino M» UHU UB J/ULMfiyiUlUUV ItlUVLB UlV Labyrinth des Atomkosmos, in dem sich dis Geheimnisse von Stoff inw Kraft vereinigen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. erhörten, ein wenig lüstet. . Wir vergessen ost, daß alle unsere Physik und Chemie, , . Musik und Rede drahtlos um den Erdball sendet, Kohle verflüssigt und Atome spaltet, mit dem Makel der irdischen Beschränktheit behaftet ist. Nur an irdischen Stoffen und Körpem mit irdisch begrenzten Kräften Wenn man früher dem Physiker und Chemiker oft gern den Vorwurf der Vorwitzigkeit auf weltanschaulichem Gebiet« machte, so mehren sich in diesen Tagen die Stimmen, die vom entgegengesetzten Standpunkt aus tadeln. Man nennt die moderne physikalische Forschung „metaphysikscheu , zersplittert", „stillos", „volksfremd', „dem Materialismus oder Skep- tUismus verfallen" ufw. An die Grenzen des Experiments habe sie den herben Verzicht Dubois-Reymonds gesetzt: „Ignoramus et igno- rabimus“ („Wir wissen es nicht und werden es niemals wissen ). Nicht wenige mögen den „Untergang des Abendlandes auch auf dieser Lime suchen. Wer offenen Augen das Feld der heutigen physikalischen Forschung durchstreift, wird leicht das Körnchen Wahrheit, das in diesen Vorwürfen lieat entdecken und die ausreichende Erklärung dazu. . Denn nicht zum wenigsten ist es ein Gefühl selbstkritischer Bescheiden- heit, wenn nicht Hilflosigkeit, bas den heutigen Physiker zu einer fast übertriebenen Vorsicht und Zurückhaltung bei der Stellungnahme zu welr- anschaulichen Fragen und zur sogenannten Popularisierung seiner Wissenschaft veranlaßt und das ständig wiedergeboren wird durch den Wechsel der Ansichten auf seinem Gebiet durch die verwirrende Fülle der Schatze, die fast jeder Tag offenbart, und durch das Auftauchen von immer neuen und mannigfachen Problemen. Doch di« besten und modernstm Methoden und ihre Hilfsmittel führen schließlich immer wieder an die dunklen A I • . . . . I . .. ZV V* S XaV Sill 7 I Lem>m uiunci „.v Grenzen der Erkenntnis und des Könnens, an denen der Wille erlahmt und nur der Zufall steht, der bisweilen den Schleier des Unbekannten, Un- unb Hilfsmitteln, unter Energie verhaltmfsen der schmalen Grenze von Erdschale und Weltenraum übt sich die experimentelle Forschung. Immer mehr verdichtet sich die Annahme, daß unsere Naturgesetze und Begrifs« ausnahmslos nur schön gemalte Bilder, gut erdacht« „Fiktionen" (oft bewußt falsche Annahmen) sind, mit deren Hilfe wir den Wirrwarr de» Nacheinander der Naturgeschehnisse zu ordnen, zusammenzufassen und zu erklären versuchen ... Ost zwingt ein abweichendes Experiment, eine au» der Reihe fallende Beobachtung zum Verzicht auf jahrhundertelang für richtig gehaltene Anschauungen. Der Pferdefuß der Wahrscheinlichkeit oder gar des Zufalls schaut unter dem Gewand unserer Naturgesetze oft all- zu sichtbar hervor. Darum werden wir uns vergebens bemühen, die ehernen Gesetze der Welt völlig zu enträtseln. Aber was wir mit den Augen der modernen Teleskope leider allzu deutlich aus ihnen ablesen können, ist, daß im großen Kosmos eine anders geartete Physik und Chemie herrscht als die unsere. Ihre wahren Gesetze werden wohl immer außerhalb der Grenzen unserer Experimente liegen. Auch haben unser« Experimente nicht die Bedingungen der ungeheuren Weltenraum kälte erreicht, soweit die Rede vom „absoluten Nullpunkt" (—273,09 Grad), der „tiefsten" Temperatur überhaupt einen physikalischen Sinn hat. Immerhin haben die Versuche H. K. Onn«» mit flüssigem Helium und di« Entdeckung des dritten Hauptsatzes der Wärmetheorie von 97 e r n ft gezeigt, daß es sich dabei um eine wirkliche Grenze handelt, der wir nur zustreben, die wir aber nie erreichen können. Für den Zustand und das Verhalten von Kraft und Stoff an diesem Punkte haben sich die merkwürdiAten Aussichten ergeben: Metalle geraten in den „supraleitenden" Zustand, bei denen der stärkste Strom in ihnen kein« Wärme mehr erzeugt, bei der also elektrische Glühlampen und Heizkörper versagen; Gase „entarten", d. h. widersprechen den schönen Gesetzen der Wärmelehre; entsprechende Abnormitäten treten auch hinsichtlich des Magnetismus, der Atom-, Molekular- und spezifischen Wärmen, der Entropie und der Wärmeleitung auf. Vermullich wird di« bunte Reih« unserer Naturgesetz« auf diesem kalten Punkte wenn nicht ungültig, so doch bedeutungslos. Wenn einst der erträumte Flug ins Weltall Wirklichkeit werden sollte, werden die Kühnen vor Schwierigkeiten gestellt sein, die sie mit den Mitteln der gegenwärtigen Physik nicht meistern können. Und doch wird dieser Flug das einzig mögliche Experiment [ein, das uns jenseits der irdischen Versuche bringt. Denn auf Erden hat der absolut« Nullpunkt sich nur auf einige Dezimalen hinter dem Komma berechnen lassen, darüber hinaus aber hat er die Tücke aller Grenzwerte an sich, in deren Nähe di« experimentellen Schwierigkeiten sich zu Unmöglichkeiten steigern. Für die obere Grenze der Temperatur hat sich bisher weder experimentell noch theoretisch ein ähnlicher Wert feststellen lassen. Hier tappen wir noch völlig im Dunkeln. Zwar besagt das Versagen unserer Vor- stellungskraft nicht das Fehlen einer solchen Tsmperaturgrenze, aber die technischen Erfolge in der Erzeugung hoher Temperaturen, wie sie zur Zeit die Beleuchtungstechnik erstrebt, sind bis heute so gering und unsere Hilfsmittel und Methoden noch so kümmerlich, daß wir zur Zeit mit dem Erfolg Lummers, der in seiner Druckbogenlampe (Elektr. Flammen- boqen unter 25 Atmosphären Druck) unlängst die heißeste (4500 Grad!) Licht- und Wärmequelle erreicht hat, förmlich am Ende der Experiment« stehen. Jenseits dieser Temperatur dehnt sich noch ein ungeheures Feld physikalisch-chemischer Forschung aus, dessen Aufschließung sicherlich die gewaltigsten Erschütterungen und Umbildungen unseres Naturwissenschaft lichen Weltgebäudes zur Folge haben wird. Hat man doch schon theoretisch abgeleitet, daß bei Temperaturen von 10 Milliarden Grad ab selbst die radioaktiven Vorgänge stürmisch verlaufen und bei den Elementen der Zerfall der Atomkerne beginnen muß, unter Umständen mit explosionsartiger Heftigkeit (Nernst). Bis zur Erreichung dieses Zieles müssen wir uns damit begnügen, unsere Kenntnisse und Vermutungen auf dem Gebiete höchster Temperaturen aus der Beobachtung und dem Studium der in den Sternen und Weltennebeln vor sich gehenden Prozesse^adzuleiten, die unter abnormen Bedingungen von vieltausendfältigen Warmezustan- Heben. Aehnliches gilt von unterer Kenntnis der h öchsten Drucke und Unterdrücke. Auch hier scheitern unsere Experimente an der beschrankte« Festigkeit des Versuchsmaterials und der Leistungsfähigkeit der zu unserer Verfügung stehenden Kräfte und Kraftmaschinen. Die wenigen hundert Atmosphären, auf die wir es in der Technik gebracht haben, sind sozusagen ein Nichts vor den zahlenmäßig kaum zu erfaffenben Drucken und Spannungen innerhalb der Erde und Erdrinde, in den riesigen sonnenhaften Gestirnen des Weltenraumes, ja selbst in den mikroskopisch kleinen Zellen der Pflanzen- und Tierwelt, in denen „osmotische Drucke" von 4 bi» 20 Atmosphären herrschen (Wurzel- und Bakterienzellen). Hier obwalten wohl die größten Geheimnisse der Natur im Zusammenwirken von Dta- terie und Energie, und der Astronom verkündet augenscheinlich eine groß» Wahrheit, wenn er sagt, daß Extremdrucke und Extremtemperaturen den normalen Zustand des Kosmos im kleinen und großen bedingen. Jenseits des Experiments liegt auch wohl für immer die größte ® e< schwindigkeih, di« Einstein auf 300000 Kilometer pro Sekunde berechnet hat, der sich die Geschwindigkeit der Kathodenstrahlenteilchen nach Berechnung (!) auf ein Viertel und die der freien Elektronen bet radioaktiven Prozessen auf wenige tausend Kilometer pro Sekun« nähern (280 000 Km./Sek.). Jenseits auch die höchst erwünschten Höchstformen der elektrischen Stromstärke und Spannungen, wie sie tm Gewitter „erlebt" werden. Experimentell unerforscht sind auch noch die äußeren Grenzen der elektromagnetischen Welle« jenseits der Rundfunkwellen und der unendlich kleinen Radiumstrahlen..» Haartolle; er ist ein verschlagener Teufel und beißt alle Augenblicke den Gespielen ins herabhängend« Sein. Die zwei größten Orangmänner haben blau leuchtende Backenwulste. Ihre Gesichter sehen aus wie große flache Rundscheiben. Und seltsam winzig funkeln die dunklen Augen, ganz eng gefteat, über gedriickten Nase. Ihre Rücken strotzen von ungeheuren Muskelbandern, und der mittelste Finger ist wohl dreißig Zentimeter lang. z„ -:. . Einer von ihnen lag die ganze Zeit unten am Boden, das Gesicht auf beide Fäuste gestützt. Sein dichtes Haarkleid schimmerte an den Schul- tern altersgrau. Wie ein böser vorzeitlicher Höhlenbär sah er aus. Trat man in sein Gesichtsfeld, dann schoß plötzlich der unheimlich lange, wollig behaarte, dicke Arm nach vorn, die settschwarze Hand klammerte stch ans Eisengitter und riß scheinbar selbsttätig dieses .stbergroße, schauerliche Gesicht nach vorn. Das Maul öffnete sich, und Lwsschen den Lippen stand gelb das Gebiß, drohten furchterregend die gewaltigen Eckzahne. Knirschen ^Wenn^der Drang ausiprang. hangle sich die obere Hand am Dachbalken an, wahrend die Fußhand unten verankert blieb. Der Käfig aber war mehr als zwei Meter hoch. # Mit großer Sorgfalt werden di« Tiere gefüttert. Drangs haben «inm lehr emviindlicken Magen; Früchte, die nur ganz leicyi angestoßen sind, können gefährliche DarmkranklMen erzeugen. Gerostetes Wechbrot, mf- tiqe Meraner Trauben, ganz frische Trinke,er, ApfelreiS und Holland!.eher Kakao sind die Hauptbestandteile ihrer Nahrung. Eine liebliche Freude bereitet die Beobachtung jener tfunulte, bte unterwegs Zuwachs bekam. Der Vater schläft meist, etwas melancholisch, im Strohbett: ein heimwehkranker, edler Indianer. Di« Mutter aber sitzt oben auf einem Querbrett, und auch am Nachmittag, roenn "lle anderen schlafen, pflügt sie mit ihrem Blick jeder Bewegung, die das Kindcheni tut. Ist ein fremder Mensch im Raum, springt sie iah auf, halt di« Ann« geweitet drückt ihre Brust nach vorn und stößt den Drohruf aus: eine Folg« von wei Töncn mst n Helles Schnalzendem sofort ein böser dumpfer GrunMit folgt. Und dann greift sie mit ihrer Hand quer durch den ganzen Käfig und zieht das Kind zu sich heran, schützt das Hilflose an ii)r€Der Kleine liebt diese Borsorglichkeit nicht. Kaum daß er ein bißchen Milch genudelt hat, weint er mit dünnen hohen Pieptönen und re,ßt auv. Er ist nicht eine Sekunde still; jetzt rüttelt er an der -rinkschale, bann hängt er srine 25 Zentimeter Körperlange an einem Arm vom Ast herab und wirbelt sich selber im Kreis. Ober er versucht, was wohl am schwersten ist, auf allen Vieren am Boden zu gehen. Da fallt das Saumtier regel» Zu weilen schüttel t der Kleine eine Handvoll Stroh über sich und spielt Versteck. Die Mutter geht ihm gutmütig auf den Leim und sucht — oer zweifelt — ihr Kind, das mit allen Zeichen der Spannung zrm chen den Strohhalmen hervorblinzelt. Und am liebsten leckt es die Eierschalen sauber, die ihm der Baier gnädig überlaßt. * W-niqe Tage nur dauerte die Herrlichkeit in Alfeld. Ein Käfig nach dem änderen verlor seine Insassen. Düsseldorf. Frankfurt Nürnberg, Dresden, Hannover, Leipzig, Breslau, Amsterdam haben Drangs erworben Moskau und andere Städte verhandeln mit Herrn Ruhe rur ihre zoologischen Gärten. Auch Amerika funkt und,will kaufen. _ y ten nächsten Wochen aber werden in all diesen Stadien Taufende von Kindern, Tierfreunden, Künstlern und Gelehrten vor ,enen rot- braunen Waldmenschen stehen, die als größte Kostbarkeit wohlversorgt in ^^"Jn^unserer mechanisierten Zeit ein Anschauungsmittel von außergewöhnlichem Wert — und dieses Bewußtsein versöhnt em wemg mit der Trauer um ihre Gefangenschaft. Jenseits des Experiments. Von Or. I. Esser, Bochum.