GiehmerKmilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang mx Samstag^en 4. Juni Nummer 44 Der RachtrgM Pfiugftgefang. Van Friedrich Rückert. ZuPfingsten fa«8^die 'Nachtigall, Nachdem sie Tau getrauten: Di« Rose hob beim Hellen Schall Das Haupt, das ihr gesunken. O kommt, ihr alle, trinkt und speist, Ihr Frühlin-gsfeftgenofsen, Wetl übers ird'sche Wahl der Geist Des Herrn ist ausgegossen. Di« Himmclsjünger groß und klein Sind von der Kruft durchdrungen. Man hört sie reden insgemein In wunderbaren Zungen. Und d. ist keine Zung' am Baum, Kein Watt ist da so kleines. Es redet auch mit drein im Traum, Als sei's voll süßen Weines. O- ihr Apostel gehet aus Und predigt allen Landen Mit Süuselluft und Sturmesbraus Von dem, -der ist erstanden! tiegt aus sein Evangelium, Aus Frühlingsau'n geschrieben. Daß er uns lieben will darum. Wenn wir einander lieben. Sprecht von der Liebe Löhnungen, Sprecht von des Friedens SchnÄmse, Sprecht von den Dreien Wohnungen In unseres Vaters Hause. Die Liebe macht die Sonne drehir. Die Liebe wölbt den Himmel, Und freut sich, unter ihm zu sehn Ein liebendes Gewimmel. Wer liebend sich ans Nächste hält Und will nur das gewinnen, Umfaßt darin di« ganze Welt, Und Gott ist mitten drinnen. Ich hab am heil'gen Pfingstentag, Indes mein Weib gebrütet. Mit frohem Nachtigallenschlag Mein frommes Nest gehütet. Die StMe. Eine Pfingftandacht von Johannes Schlaf. Einmal Enikrst-ung zu finden von der schweren Not der Zeitläufte, treibt'» einen wohl aus der schwirrenörn, wie in’ einem allgemeinen Zusammensturz immer wirrer durcheinander knatternden und explodierenden Unrast hinaus in die Stille der freien Natur. Und wahrlich, wer so recht erleben will, was die Ausgießung des Geistes ist, der gehe ins Feld, so weit rote möglich, und lege sich an einen Rain ins grüne Gras. Weitab vom durchemandergewürfslten tosenden Gefiedel, dort draußen, wo heut, am ersten Feiertag, nicht mal mehr die letzten, verlorensten Klänge des Feftgeläutes herüberfin-üen. Oben über etaan die klare Himmelstiefeim Zenith ein unbeschreiblich leuchtendes Azurblau, gegen den Horizont leise von lrchtdurchwirkten Dünster verschleiert, die eine wunderbare Feierlichkeit haben. Dir «tille -leben, allein zu sein mit Liefer großen Äille! Und mit -dem einsamen, seinem fährlichen Hochstand zustrebenden Gestirn. Wer wahrlich, du fühlst nicht: ungeheurer elektrischer Stoff-ball mit Protuberanzen, dunklen Fleckenlöchern und ununterbrochen in grausig erhabener Eins-am- keit rund herum rasenden, über alles Maß gigantischen Glutorkcmen, bist weit ab von astrophpsikcckifchen Boten; und wenn du empfindest: Krastquell und allumfassende Ausgießung von Kraft, so hat das in diesem Augenblick mit „mechanischem Naturgesetz" nichts zu tun. Me leis«, in sich ruhig, dies über alles wundersame, übergswaltige Wirken von Licht Und Wärme, rings um dich her kn alle Weite hinein! Es ist -das, was man gu leben nicht satt bekommt: sich erfassend, in einer großen Ruhe, nden sich selbst wissenden, ernstseligen Gefühls ganz nur sein schlechthin. Das rhythmische Flirren der durchglühten, nicht vom leisesten Win-deshauch bewegten Luft übers Gefi-id hin. Es ist wohl das Wellen- spiel eines kerngeroMigen, knapp präzisen, geistigen Brausens von da oben, dem vor Urgrundkraft wsihglühend in sich zuckenden Rund her- rl-«>e.r *?u.rc^ Weltallraum und Atmosphäre: und doch so ohrenraunend still m feiner Uebermacht. Diese große mystische Stille und ihr Beben! — Da sie beisammen waren in lenem jerusalemitischen Haus, steht geschrieben, aus noch nicht überwundener Menschenfurcht hinter verschlossenen Türen, geschah plötz- lrch, als vom HrmmÄ her ein gewaltiges Brausen tönte, daß die Ur- gememde, von der alsdann über Erdball und Menschheit hin die mächtig« Kraß auswirkte, erfüllte, also daß Feuerflammen auf ihren Häuptern stanSen und aus ihrem Mund hervorbrachen, und sie, aller Menscherr- surcht entbunden, ~ür und Tor öffneten und -hervortraten und in Zungen cor allem Volke die großen Taten Gottes kündeten. Doch ist kein Zweifel- Bevor diese Auswirkung geschah, da war sie große Stille gewesen, Eingehen gimz und Einigung., .... So hält sich auch jetzt hin und strebt still, was Winter- und Frühjahrs- fturme und allen Wechsel von Jahreszeit überdauert, geweckt vom groß gleichförmigen Gestirnpendelgang des Jahres, in einer großen Seligkeit staunend hinein ms mächtig verschlossene Gefühl -seines unvergänglichen Sems und ewigen Lenzes, feiner durch nichts zu erschütternden Urgru-nd- ruhe gewahr zu fern. Und sprießt und sprüht und blüht und leuchtet und P™Sftt bad? mCf?t D”f 8drms und Wesens, ist große Eirchei! Richt einmal ein leisester Winshauch in der mächtigen, glastenden betoroette. Etwa, aus blauer, feierlich in sich selbst starrender Tief«, man weig mcht woher, das seine Getön einer Hummel sich erhebend, nahend einen Augenblick anschiv ellend, dann wieder verebbend, man weiß nick'i wohin und wohinein, weiß kaum, was es war; es ist einem: wohl mehr und etwas anderes als eine Hummel, etwas zum Staunen, ein plötzlich, kaum vorhanden schon wieder entfchwimdener, ins große, stlme, sonnige Erne eingeglichener mystischer Akkord. M In ferner Wette der Goldschimmer eines in voller Blüte stehenden Rapsfelües. Lange, dunkelgrün gekrauste Kleeflächen, ganz von gelbem Löwenzahn übersprenkelt, aber still, eingeglichen in die große Einheit Die fernen, grauweiß und leis zimmetrSWch, also schr diskret wirkenden Muhenden Obstbaumreihen eines Feldweges. Im geballten Junagrün ihrer Gartenvaume die.roten Dächer eines Dorfes. Die endlos fckmur- geraden Rechen noch winziger, sehr frifchgrüner Hälmchen. Anderes Getreide schon hoher in den Halmen, ein weites, weißliches Glastweben druverhin, das sie auszufprichen scheinen. Ein einsamer Busch am Weg mn zahllosen, leisglaftenden Reflexen. Das stille Gebrömfel und Kluckern eines gleißend dahinzuckenden Wäsferleins. Die Würz« von all dem frisch erregt a-usftrebeirden Ehlorophyll steigt aus dem dichten Gras zu dir auf, dessen köstliche Kühle deine Hände fichten. was rst s, was man fühlt? Ein Hümpekchen weißer und roter Gänseblümchen. In der tferne groß mit lieblicher Linie hingezogene, freie Hugelchen, ffeldbanider dran herniedergehend, zart irisfarben wie em draufgelegter Regenbogen. Die Laubmassen eines Waldhügelzuges, licht graugrun-wvlkig gekräuselt in ihrer Ferne, ganz in Lichtglast getaucht, mit breingetegten, sehr hellblauen Schatten. Nirgends eine aufdringlich schmetterird grell hervorstechende Pracht wie in einem Garten: mir feier und da still «ingeordn-ete Flecken blauer, weißer, roter Blumen. Einsam, monummtal, fern mitten im Gelände, mit dunkelgrünem, qlänziaem Jun glaub eine Pappel. Alles so still, in alle sonnige Weite hinein, so groß und feierlich, hin- gegeben einem Unaussprechlichen, ruhend in einer höheren Dimension die sich aufgetan, eingentstet, ganz Geist geworden. Das ferne Getön der Insekten wie nicht endende, selige J-ibelchore, fern aus einer noch tieferen Tiefe. Und du weißt: Ausgießung des Geistes ist Gewahrwerüen, daß im in dir eine große Gottiefe von Stille und ewigem Leben, Rhythmus einer unerschütterlich ihrer selbst gewissen Stille -un6 Kraft. Und wenn du dich ganz von bi «fern Gefühl durchdrungen fühlst, dann kommt der Auaenblick, wo es übergewaltig wird und dich in die Höhe reißt und sichern dir oftenbart als gewaltiges Sraufen und Austrieb unüberwindbarer Kraft. Und du verstehst auch das dunkle Erbrausen der dich heut« umgebenben Welt, weist, daß auch dies, was -dir in deinem Alltag so zusetzte. Wer- gewaltige Ausgießung und Vollbringung des Geistes ist und Anrufung auswirkender Kraft. Di« erregten kosmischen Vorgänge, die unaufhörlichen Erdbeben, Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, vernichtungsoalle Wirbelstürme, Regengüsse, Ueberschwemmu-ngen, Katastrophen, Unglücksfülle, das Rasen äußerlicher Genuß mut, verbuchter Macchravellismus der Zeitläufte, die Wirrung, das Auchenkopf-gestelltsein der politischen und sozialen Vorgänge, die gehäuften Verbrechen, -die bedrohliche Erhebung der gewal» tigen exotischen FrsmdvAker, denen chre Unterdrücker und Ausnutzer fett einem halben Jahrtausend die zivilisatorischen und technischen Mittel zu chrer endlichen Befreiung -selber gegeben -haben, -deren st« nun Herr zu werden -begannen, es ist wie das -ungeheuer sich zusammenziehende Dunkelgewölk einer sehr großen Gefahr, die Europa bedroht: das alles kann bie Gewißheit, die dir gemorSen- oirbi erschüttern. im — es handelt sich um da in in Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höh'n, in Büschen und Hecken liebte« ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel; Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde. Goethe und Pfingsten. Noch ein unentdecktes Gespräch. Von I. P. Eckermann redivivus. Vorbemerkung der Redaktion: Für die Echtheit können wir leider keine Gewähr übernehmen. sesseln ... Zwei Stunden später. Auch Goethen hat es heut früh nicht im Arbeitszimmer gelitten, da ich komme, finde ich ihn schon zu einer Spazier- sahrt bereit, nun lädt er mich ein, ihn in seinem Wagen zu begleiten. Unser Weg geht wieder wie so oft durch Oberweimar über die Hügel, wo man gegen Westen die Ansicht des Parkes hat. Die Bäume blühten, die Birken trugen ihr zartestes Laub, die Wiesen waren durchaus ein grüner Teppich, aus die ein paar Vormittagswölkchen farbige Schatten malten. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, wie mir jetzt, just im Genüsse der so ähnlichen Landschaft, die oben gedachten Verse erst recht folgten, ja, Goethen zu eröffnen, wie sie mir schon seit dem Morgen den vollkommensten Ersatz einer andächtigen Lithurgie, oder des frommen Gottesdienstes daheim im gläubigen Bauernhause zu bieten schienen. Goethes Antwort war nun sogleich aus einen scherzenden, neckenden, s sogar etwas sarkastischen Ton gestimmt. „Sieh da, so dürfte ich am Ende doch nicht so ganz der heidnische ungläubige Dichtersmann heißen, als den man mich schon verschrien hat! Da habe ich sogar Pfingsten besungen und fromme Empfindungen geweckt. Und wollte mich neulich ja fast schon ausjpielen, weil ich kein einziges geistliches Lied gemacht hätte! Nun, mich deucht, — es fiel mir selbst erst bei Ihren Worten ein — da habe ich gar unversehens den christlichen Mantel um ein doch arg weltliches Ding, wie einmal solche Tierfabel ist, geschlungen, wie steht es eigentlich um solchen Zwitter?" Ich hatte Goethen schon selbst — bei längerem Nachdenken, um die Struktur seiner herrlichen „Reineke-Fuchs"-Erweckung befragen wollen, ob er denn etwa diese Zeit so genau auch schon in der alten Quelle angegeben gefunden habe, — da doch die Tiere sich schwerlich um unser Pfingsten kümmerten!, — und daß ihm also sicher unter der eigenen, noch näheren, liebevollen Ausschmückung solchen Eingangs vielleicht noch allerlei mehr vorgeschwebt haben dkürste. „Hat es auch!" antwortet mir da Goethe lachend nach kurzem Besinnen, „und zwar scheint mir dieses Fest, obzwar es sich hie und da, jo wie auch heuer, in den Juni verirrt, doch von je das richtige Maienoder Wonnemondsfest gewesen zu sein, daher man ja auch die Birke, die wir Pfingsten vor allen Häusern sehen, auch schlechthin als Maibaum oder Maienbäumchen bezeichnet, und unsere berühmten „Pfingstochsen" halt überall mit „Maien" schmückt. Wenn Sie das aber bedenken und sich nun ferner erinnern, wann unsere altgermanischen Könige alljährlich den „Thing" oder Gerichtstag einzuberusen pflegten, wie auch Karl der Große im Wo nemo nd auf der Pfingstwiese vor Paderborn seine Mannen versammelte, so möchte wohl schon mit diesem Zug die Tiersage — deren erste Entstehung zudem in das Zeitalter kurz nach dem großen Karl fällt — eben das menschliche Vorbild und menschliche Sitte streifen wollen." „Und das nun", griff ich jetzt mit Lebhaftigkeit wieder auf, „würde doch gewissermaßen nur die äußerliche Seite und den ganzen Rahmen der Fabel betreffen. Wissen Sie aber auch, Exzellenz, daß mir während Ihrer Worte auch noch ein viel tieferer, gleichsam innerlicher Bezug zum Ganzen klar geworden ist, weshalb man es bisher auch noch im mindesten nicht gewahr geworden zu sein scheint, daß Natur und Festzeit Du weißt: -all diese Kraft kann nicht aus dem großen Rhythmus fallen, der dich erfüllt, weißt: auch dies alles schwingt nicht außer ihm. Und so ist es wohl eine große, sich bereitende Erfüllung, Vollendungsgang eines hohen Werkes. Vollendung der Menschheit. Steht geschrieben: Es wird eine Herde und ein Hirte fein? Europas Zivilisation zur allgemeinen Weltzivilisation, Menschheitsbindung werdend. Die Befreiung, das endliche Gleichgewicht aller Völker, sich vollendendes Prinzip der Gerecht,^ feit. Die äußere Gewaltpolitik zur einigenden, den Austrieb der Kraft nach innen, ins Seelisch-Geistige wendenden Kulturpolitik werdend. Durch was auch immer hindurch ist dieser Tag im Nahen. 2tm Tage aber eines letzten großen Menschheitspfingstens dereinst, nach vollbrachter äußerer Zusammenfassung Ausgießung der letzten, höchsten Offenbarung erst ganz verbindenden Gottgeistes, und das weitgeöffnete Tor einer letzten Freude allen Menschen. So nimrn's, so stell dich ein, so fährst du gut, bist du des rechten Geistes. Pfingsten in Eis und Schnee. Ein Erlebnis an der feuerländifchen Küste. Von John F r e e m a n. Eine Woche vor Pfingsten ging ich an Bord des Tramp Jossifoghu. Es war in Buenos Aires. Solch ein Tramp, ein kleiner Frachtdampfer, der, ohne eine bestimmte Schiffahrtsroute zu haben, auf, wilde Fahrten gebt, wohin gerade die Frachtgelegenheit ihn führt, solch ein Tramp, sage ich, ist ein gottverlassenes Fahrzeug. Der Kapitän ein lunger Abenteurer, in Smyrna zu Hause, ein waschechter Levantiner. Diese halben Griechen, im übrigen Türken und Armenier, haben den Teufel im Selbe. Sie haben . das Zeug dazu, Piraten zu werden. Die übrige Mannschaft war dementsprechen, roh, ungebildet, streitsüchtig. Eine tolle Gesellschaft vmt Lacedämoniern, Jnselgriechen und im Kesselraum — westindische Misch- blüter. Sie würfelten und spielten Karten um hohes Geld, verprellen dabei im voraus ihren Lohn für die nächsten sechs Monate, fluchten, kauten getrocknete Oliven und tranken einen fluchwürdigen Schnaps, der Mastica hieß. Wir steuerten bei bewegter See an der Küste Patagoniens dahin, an Bahia Blanea vorüber, dann kam das Leuchtfeuer des Cabo de las Vir- genes in Sicht, denn es war Nacht. Der Winter hatte feinen Einzug gehalten, nachdem der herbstlick-e April vorüber war. Der Mai brachte heftige Schneegestöber, die Temperatur sank, je mehr wir uns der Sud- fpitze des Kontinents näherten. Die Griechen hockten tagsüber, sobald sie die Hände frei Hatton, in der Schiffsküche, sich die klammen Pfoten über dem rotglühenden Herd wärmend, indes der Koch, ein zierlich gebauter, gutmütiger Mann von der Insel Chios, Hammelköpfe in einem kesjel- ö rügen Riefentopf kochte. Von Zeit zu Zett schöpfte er den schmutzigen Schaum von dem brodelnden Wasser. Da kamen die Felsen an der Einfahrt zur Maghellanstraße in Sicht, denn das Schneegestöber, das erneut eingesetzt hatte, begann nachzulassen. Zu unserer Linken, also an der Backbordseite, zeigte sich nun im Tageslicht die flache Küste Feuerlands. Eis und Schnee, so wett das Auge reichte. Am anderen Tage war Pfingsten! Mein Gott! Und wie anders hatte ich dieses Blütenfest bisher begangen! Ausflug in die neu erwachte Natur, Vögel singen, Dbftbaume stehen blütenbedeckt, frohe Menschen ziehen vergnügt plaudernd ins Freie, hinaus in die Berge, oder wenigstens in die umliegenden Dörfer. Hier nun faß ich bei bitterster Kälte unter Griechen, deren Kalmder zu dieser Zeit des Jahres kein Pfingstfest nennt, unter Schiffsknechten deren heisere Flüche in allen Sprachen Europas und Vorderaftens micy nicht gerade in Eittzücken versetzten. Doch ich schluckte meinen: Mißm-u darüber ebenso hinunter, wie die seltsamen Speisen dieser JJittteinue völker, nämlich Tintenfischf angarme in Olivenöl, Stockfisch und awocr Gerichte. Eis und Schnee ringsum! Je weiter wir in die wildromanttzcye, felsenstarrende Meerenge hin-einfuhren, um so mehr nahm die ra Pracht der Natur zu. Gletscher leuchteten grün, und die gewaltigen e starrten Massen zogen sich bis tief hinab in die See, die, ungleich azurnen Ozean, smaragdgrün leuchtete. Albatrosse flogen init ungege Flügelspannweite vorüber, schreiende Seelöwen streckten herdenweye schwarzen Kugelköpfe aus der Flut hervor. _ , ü Dann war das Pfingstfest da. Unter der Mannschaft herrjchte 1 Wochen Unzufriedenheit, und dieser verhaltene Ingrimm kant fprave,. diesem mir so lieben Fest zum offenen Ausbruch. Es war eure ep» rechte Meuterei; Kapitän und Offiziere gegen Matrosen, Heizer, Itmu Noch hatte ich mit keiner Sylbe meines täglichen hohen Geschäftes hier Weimar gedacht, und wie mich Kleinen das Schicksal weiter und weiter seine wunderlich-geheimnisvollen Kreise einzuspinnen unternommen, „„ es mich einmal des nächsten und häufigen Umgangs mit wohl einem der größten je lebenden Menschen gewürdigt hätte. Nun erst fällt mir ein, daß ich ihm ja in zwei Stunden wieder gegenübertrete, — aber es sind nicht bloß diese kleinen Dienste, die ich dem Menschen leiste, es sind auch fern von ihm, überall und stets, seine Worte, die Worte eines Dichters, die mich in so unzerreißbare Anhänglichkeit an ihn ja weiterhin im Epos keiner weiteren Ausführung oder Schmückung ' bedurften? Es mußte nur einfach, Exzellenz, diese ganze Handlung, dies ganze Schauspiel sich um Pfingsten begeben, zur Zeit der Aus- ' gießung des 'Geistes, — eines Geistes nämlich der allumfassenden Gemeinsamkeit sowie der höchsten göttlichen Gerechtigkeit, deren Ahnung wenigstens hier satt auch sämtliche übrige Kratur ergreifen will . . ." Ich sah, wie Goethe die Augenbrauen hochzog, was er immer tat, wenn er von einer bloß abstrakten Idee oder allegorischen Deutung mißbilligend ablenken wollte, und hörte ihn auch schon sagen: „Und ent- sinnen Sie sich nicht mehr unseres Gespräches von neulich, ba wir denn die falsche Tendenz solcher Künstler, welche die Religion zur Kunst machen wollen, während ihnen die Kunst Religion sein sollte, festgestellt haben?" „Und sehe ich nicht gerade auch hierin das Tiefreligiöse," antwortete ich Goethen begeistert, „daß selbst aus einem scheinbar so weltlichen Stoff wie dem „Reineke Fuchs" sprechen muß und immer wird, wenn Jemand wie Sie mit vollster Nüchternheit nur bei den einmal angenommenen Gegegebenheiten und Voraussetzungen d. i. den „Tatsachen" auch dieser bloßen „Fabel" bleibt, indem er unter allen vielleicht ja auch sonst noch beim Tier zu treffenden Mängeln stoffgetreu solche wählt und schildert, womit unermüdlich, unerbittlich grabe nur alle menschlichen Schwächen vor Augen geführt und enthüllt werden; so -daß wir uns, alles andere vergessend, ganz zuletzt eben nur wie in der einig-einzigen anerkannten und immer cmzuerkenenden Kirche der einen gemeinsam handelnden, gemeinsam leidenden Kreatur zu befinden glauben!? Deshalb haben Sie Recht, dreimal Recht, Exzellenz, wenn Sie diese uns scheinbar doch immer noch am allerfremdesten anmutenden „Tierstimmen" wie zum ersten Mal ebenfalls an einem Pfingstfest reden, zusammentönen, auch sie unter Einwirkung des heiligen Geistes, d.h. noch immer derselben einzigbleibenden göttlichen Gerechtigkeit, gleichsam „dasselbe" verkünden lassen! Hierbei nun aber macht es für den echten und wahren Leser auch nicht das mindeste aus, daß ja nach eben dieser Fabel Reineke selbst, der Böse, der Schlimme, der ewige Ränkeschmied noch geehrt und geachtet davonzukommen scheint: es bandelt sich doch überhaupt nicht um irgendwelchen äußeren, irdischen Sieg, — es handelt sich um Idee und Notwendigkeit des Gerechtseins selber, -das hier zum ersten Ma! als Ahnung in die unvernünftige Natur einzieht, auch sie psingstlich mii- einbegreifen möchte!" Goethe schien es jetzt zufrieden zu fein. Wir waren indes um das Gehölz, das WÄ>icht, gefahren und bogen in der Nähe von Tiefurt in den Weg nach Weimar zurück, wo wir zur gemeinsamen Mittagstafel von den Frauen im Haufe schon erwartet wurden. Weimar, Pfingsten 182 . Einer der wunderbarsten Morgen weckt mich heute schon früher, als sonst; mein Zimmer ist in Sonne gebadet. Alle Schwermut von gestern Abend wegen der I . . ist, wie verflogen. Ich kleide mich rasch an, trete ans Fenster, 6a haben sie überall schon die Maibäume vor den Türen gepflanzt. Mein Spion zeigt mir ein paar Burschen und Mägde, festlich geputzt, lachend und schwatzend auf der unteren Straße nach Berka, die schwänzen heute sicherlich auch die Kirche. Ich glaube singen zu hören, — und auch mir summen plötzlich Kopf die herrlichen Anfangsverse des „Reineke Fuchs": mann. Die wildesten unter den Matrosen stürzten sich mit dolchartigen Messern bewaffnet auf die Gegenpartei des Achterdecks. Die Offiziere drohten mit dem Revolver, voran der Kapitän. Aber, Gott fei Dank, zum Schiehen kam es nicht. Ein Riese von Tenedos, namens Anjulopulos, überwältigte den zweiten Offizier uni) richtete ihn mit feinem Messer so übel zu, das; der Mann dem Tode nahe war. Das Ende vom Liede war, bah die Offiziere mitsamt ihrem Kapitän in dessen Kajüte eingeschlossen blieben, nachdem der Zustand des arg zugerichteten zmeiten Offiziers ihnen den Mut genommen. Es war eine feige Gesellschaft. Der Grund für diese Meuterei war die Herabsetzung der Löhne, welche der Kapitän willkürlich vorgenommen, nachdem er vergeblich in Rosario drei Monate auf Fracht gewartet hatte. Wir waren noch nicht bis Punia Arenas gekommen, und auf einmal liefen wir fest. Nirgends auf Erden laufen fo viele Schiffe auf verborgene Riffe, wie in dieser gefährlichen Meerenge. Das Schiff hatte ein schweres Leck. Land war nahe. Wir erbaten telegraphisch, auf draht- lofem Wege, Hilfe von dem nicht allzu fernen Punta Arenas. Dann — im Augenblick der Gefahr kam die Aussöhnung rasch zustande — wurden die Eingeschlossenen befreit, die Boote herabgelasssn, alles stteg ein. Ein schönes Pfingstfest! Ohne Zwischenfall landeten wir an der Küste Feuerlands, welche hier in der Meerenge drei Meilen entfernt war. Klugerweise 'hatte einer von 'den Leuten genügend Proviant eingeladen, über jenen eisernen Bestand hinaus, der stets in den Rettungsbooten bereit liegt und von Zeit zu Zeit erneuert wird: Hartbrot und Wasser, das letztere in einem Fäßchen. Auch ich stieg ein. An der allgemeinen Keilerei hatte ich mich nicht beteiligt, denn ich hatte genug derlei erlebt. Zwei Tage verbrachten wir unter fast unaufhörlichem Schneegestöber auf ben Eisfelsen Feuerlands, unmittelbar an der Küste verharrend. Wir zerschlugen eins der Boote, steckten das so gewonnene Holz an und hielten uns an dem Feuer wach. Dann folgten die anderen beiden Boote, so daß eins für alle Fälle bkieb. Hilfe konnte nicht ausbfeiben. Es war ein wunderbarer Anblick, wie bei eintretender Dunkelheit die lodernden Flaminen sich in den nahen Gletschermassen spiegelten, von denen der eisige sturmartige Südwind den kurz zuvor gefallenen Schnee fortgefegt hatte. Einige Stunden lang blieb bas Wetter sternenklar. Schneekristalle glitzerten, weiße, gewaltige Massen ragten auf. Dann verhüllte der neu einsetzende Wirbelsturm die Landschaft Ich schlief in meinem Mantel, nicht weit von mir lagerte der kleine schwarze Schiffshund zwischen ben rauhen Gestalten der Schiffsleute. Dann kam Hilfe. Ein kleiner Dampfer durchschnitt die Flut, bog in kurzer Wendung ab und näherte sich vorsichtig dein Felsenufer. Die beiden Pfingsttage neigten sich gerade zu Ende. In meiner Erinnerung werden sie fortleben! Uff Pingste gibt's Hochzeit! Von Wanda Jcus-Rothe. Am rauschenden Waldbach, in einem der tiefen Täler des einsamen Hunsrückgebirges stand ein kleines Haus; es war mit blauem Schiefer gedeckt, und jein über die niederen Fenster herunterhängendes Dach unterschied sich in nichts von den anderen ärmlichen Hütten, die da den Bach hinauf und hinab standen. Aber „von innewendig" wäre es ganz anders, sagten die Nachbarn. Und damit hatten sie recht, wenn man es auch nicht so auf den ersten Hieb erkennen konnte. Da war es gang wie bei den anderen Leuten. Die alte Holzschwelle unter der Haustür war vom Laufen der vielen großen und kleinen Füße bis zum lehmigen Boden ausgehöhlt, die Schieferplatten im Hausgang wackelten und knackten bedrohlich, wenn einer hart darauf trat, und die Wände in der Küche glänzten von Alter und Kienruß so schwarz wie ein schön gewichster Sonntagsschuh. Auch die Kinderschar war genau so zahlreich wie bei den Nachbarn, aber es war etwas eigenes um sie. Auf niedrigen, breiten Gestalten saßen große, schwarzhaarige Köpfe mit dunklen fragenden Augen. Die betben Alten, nicht viel größer als die Kinder, waren verwittert, wie ein paar Felssteine im Hochwald droben. Die Wichtel hießen sie, so weit sie einer 'kannte, und mit ihrer kichernden Fröhlichkeit und Schläue glichen sie auch den kleinen Erdmännlein im Märchen. Nur, daß sie keine Schätze besaßen; nein, die hatten sie bestimmt nicht. Wovon sie eigentlich noch immer alle satt wurden, das wußte eigentlich niemand, denn außer ein paar kümmerlichen Bohnenrabatten, der feuchten Wiese am Dach in jedem Jahr mühselig abgeritngen, besaßen sie keine Rute eigenen Besitzes. Und ach! Diese Bohnen! Noch im Juni standen sie mit angeschwärzten Blättern und konnten sich nicht von den scharfen Maifrösten erholen, die vom Erbeskopf herab durch die Täler strichen und den Sauern manche schlaflos« Nacht bereiteten. Die Wichtel waren nicht traurig. Sie hatten ja die „Fcckrik"; so nannten sie die kleine Drehbank, die in einer winzigen Werkstatt links vom Hausgang stand. Dort fabrizierte der alte Wichtel, die Brille mit den zersprungenen Gläsern ganz vorn auf der Nasenspitze, mit den beiden ältesten Söhnen Holzleisten, wie sie die Schuster gebrauchen. Es war nichts Großartiges an dem Betrieb, außer dem riesigen SchwufelrcÄ), das, vom Waldbach getrieben, die Drehbank in Schwung hielt, aber die ganze Familie hielt große Stücke auf die „Fabrik^; und wenn auch nicht immer Arbeit für das Riesenrad vorhanden war, laufen mußte es und trieb so manchen Tag allerhand Wännchen, Rädchen und kleine Mühlen, die die Buben gebosselt hatten, und worüber die Kinder von allen Dörfern staunend und jauchzend zusammenliefen. Die Alten hingegen schüttelten die Köpfe über fo eine Gumpelei und meinten, man könne seine Zett wahrhaftig besser verwenden. Die kleinen Leute störten sich nicht daran. Sobald die ersten Haselnußkätzchen staubten, ging das fröhliche Treiben unten am Bach an und hörte erst auf, wenn der Schnee das Tal fast zuschüttete. Aber auch dann hatten die Leute noch viel zu Men. Wer immer auch nachts über die Chaussee fuhr, der sah Licht in dem Häuschen, manchmal noch um zwei Uhr in der Nacht. Dann saßen die Wichtels wieder , über ben Büchern, verstudierten ihren Verstand und verbrannten in einer Nacht so viel Del wie andere Leute die ganze Woche, schalten di« Bauern, die nur am Sonntag bas Blättchen für den Hunsrück lasen und abends über dem Kalender einschliefen. Die Wichtels holten sich den Lesestoff, wo sie ihn kriegen konnten: alte Zeitschriften vom Lehrer, Bücher und Erbauungsschriften, aber am liebsten Roman«, wo einer reich geworden ober eine Gräfin geheiratet hatte. Die Leut« in den Stückelchen waren gleichfalls arm, und wenn auch sie, die Alten, nicht mehr fo viel Glück haben würben, warum sollten nicht der Nickla ober der Franz es einmal gut haben? So träumten und spintisierten sie in den langen Winternächten, wenn der Sturm die weißen Flocken um bas Haus wirbelte und der Bach unter einer dicken Eisschicht vorübergluckste. Der Nickla war doch ein seiner Bub, wenn er frisch gewaschen und rasiert im schwarzen Rock, ben bie Frau Pfarrer aus ben abgelegten Sachen ihres Mannes hervorgesucht und ihm geschenkt hatte, vor ihnen stand; und der Nickla meinte das selbst, wenn er sich in der winzigen Spiegelscherbe besah. „Wie e Skurierter, balläh wie e Parre kimmste daher!" hatte der Bach- pitt, der es dicke hinter den Ohren hatte, zu dem Nickla gesagt und bann so allerhand hin und hergeschwätzt: er wisse eine Fran für ihn, eine ganz seine, die zu ihrem schönen Gesicht auch noch Geld wie Heu habe. Der Nickla war nach Hause gelaufen und hatte erzählt. Ja, wo sie denn wohne, riefen bie Alten, und warum er sich denn nicht gleich die Adresse hätte geben lassen, so ein Dummerjahn wäre ihnen doch noch nickst vorgekommen. Das wäre gewiß eine Gräfin, wie es erst neulich in dem schönen Stückelchen gestanden hätte. Der Nickla sagte, eine Adresse hätte ihm ber Bachpitt selbst nickst geben können, denn er habe auch feine gewußt, aber er hätte ihm hier zwei Buchstaben und eine Zahl ausgeschrieben, und wenn man die auf ein Kuvert täte, dann käme ber Brief ganz von selbst an bas schöne Mädel mit dem vielen Geld. Da waren sie sehr sroh, und ber Nickla mußte sich an ben Tisch setzen und schreiben: „Geliebte meines Herzens", gerade wie sie es in dem Roman gelesen hatten. Der Brief wurde sehr schön, aber eine ganze Nacht ging darüber hm, bis er endlich fertig war. Die Worte fehlten ihnen keinen Augenblick, immer wieder fielen ihnen schöne Wendungen ein; nicht umsonst hatten sie die Nächte studiert; aber bie Finger kamen mit den Buchstaben nicht so hurtig in bie Reihe. Jetzt lag der Brief schon im Kasten. Oben in die Ecke hatte der Nickla noch ein Vergißmeinnicht geklebt, das von einem Zuckerherzen noch in der Schublade lag. Mutter Wichtel hatte bei diesem Einfall ihres klugen Buben vor Freude in die Hände geschlagen. Das Leben ging weiter, der Schnee schmolz, aus ber Wiese um den Bach bluten Schlüsselblumen und Vergißmeinnicht, der Wald wurde auch schon strähnig (streifig) von all dem verschiedenen Grün und Braun, das da über Birken und Buchen lag, aber nichts regte sich. Sie verplutzten sich die Köpfe, woran bas liegen konnte, sie fragten den Bachpitt, der machte ein wünfches (hinterlistiges) Gesicht und meinte, wo der Nickla hingeschrieben hätte, das wäre wett hinter Berlin, und so ein Brief brauchte Zett, und er wäre und bliebe der Meinung, daß es „uff Pingste" Hochzeit gäbe im Wichtelhaus. Wie er sich bann, mit den Buxensäckeln, umdrehte und lachte, das sa'hen die harmlosen Wichtels nicht. Er glaubte ja selbst am allerwenigsten daran, daß der Nickla auf die Heiratsanzeige, die schon nicht mehr ganz frisch gewesen, als er sie ihm gegeben, eine Antwort bekommen würde. Und das wollte der Bachpitt auch eigenttich nicht. Da draußen in der weiten Welt gab es mehr Spitzbuben als brave Leut«. W, er hatte sich nur so einen kleinen Jux machen wollen. Aber bie Antwort kam doch. Eines Tages winkte ber alte Postlouis schon von weitem, als er die „Schosie" heraufkam, und hielt einen Brief in die Höhe. Und da schrieb ja das Mädel aus ganz weit hinter Berlin, ja und es schrieb balläh so schön, wie ber Nickla geschrieben hatte; sie wollte gern feine Frau werden unib recht bald kommen. Wie ein Hase lief ber Bub zu dem Bachpitt und verkündete ihm bas große Glück. Der wollte das nicht recht glauben; aber als er den Brief gelesen, wurde es ihm ganz artelich unter dem Brust- lappen, und er fuhr sich ein paarmal durch bie struppigen Haare, und auch bas Halstuch wurde ihm ein wenig eng. Wer konnte wissen, was er da angerichtet! Ach wat, vielleicht wurde doch nichts daraus, aber es wurde etwas. Gleich nach Ostern kam ein Wagen die Schosie herauf, auf dem ein nicht mehr ganz junges Weibsbild mit sehr roten Backen saß, bas alle Leute anhielt und nach dem Fabrikbesitzer Nickla so und so fragte. Es 'bauerte lange, und sie mußte ziemlich weit die Chaussee hinauffahren, ehe sie eine Auskunft bekam, aber dann hielt sie doch schließlich vor dem richtigen Haus. Es waren keine verträumten Wichtelaugen, die jetzt prüfend über bas kleine Anwesen gingen. O nein, es waren die Augen eines Menschenkindes, das schon viele Enttäuschungen erlebt, und dem bas Leben schon manche Rune in bas vergrämte Antlitz geschrieben. Die schmalen Lippen preßten sich noch fester zusammen, so baß man nur eben noch ben feinen roten Strich sah, ben bie Frau am Morgen in hoffnungsvollem Erwarten gezogen. Aber als sie bann einer nach dem anderen aus der niederen Tür traten und sie in ihren modischen Kleidern anstaunten und ihr wieder und wieder versicherten, was für ein schönes Mädchen sie sei, da kam es doch wie ein leises Heimatgesühl über sie. Sie kannte das Leben und auch bie Männer. O, nur zu gut. Aber in den Augen des Nickla war kein Falsch. Sie schaute den silberspritzenden Bach hinauf über die blühende Wiese, und dann sahen sie alle um den blankgescheuerten Tisch in ber Stube und tranken Kaffee und aßen von dem feinen Kuchen, ben die Braut mitgebracht. Was nützte es noch, daß der Bachpitt stichelte und zu dem Nickla sagte: „Du Gumpel, du bist schön besautelt, die rote Backe von dem Fraumenfch gche mit Bachwasser aus ber Stell eweg!" Der Nickla glaubte ihm nicht, sondern wurde das, erste- mal in seinem Leben zornig und sagte, der Bachpitt falle doch sein giftiges Maul halten und erst einmal hören, wie wunderschön das L-onch« schwätzen könne, ganz fein wie die Herrenleut' und nicht so wie ber Bachpitt und die anderen Bauern. Hundert Mark hätte sie mitgebracht, und ein Klavierchen, wo man draus spielen könne, sollte auch noch kommen. „Mir soll et recht fein," grunzte ber Pitt zurück, „wannst« bei Lebe nit dahinner kimmst, daß de besautelt bist, aber ich Han et dir gejagt." Nein, der Nickla kam nicht dahinter. Aus Pfingsten war Hochzeit, und als bas viele Geld, von dem er gedacht hatte, daß es nicht alle werden könnte, verbraucht war, da war es aber auch viel besser in der Wichtel- Hütte geworden. Die Frau ging hinunter in die Städte und diskMerte mit den feinen Schuhmachern, b,d ! schön zugleich waren wie Augen und Antlitz Unserer lieben Frau ‘im Kirchlein, vor deren Bilde über dem Altäre Remigius so oft inbrünsti« i betete. Er plauderte ein Stündlein mit der Hirtin" wie er das ort mit f dem arbeitenden Landvolk zu tun pflegte. I Damit begann aber ersichtlich jenes höhere Walten und Unbegreifliche | einzusetzen, das die Schicksale des einzelnen so offenbar leitet und so oft | das deutlichst vorgezeichnete Leben von seinem Wege ablenkt, dessen I künftige Sationen ein jeder vor sich zu sehen und weissagen zu können r glaubte. Denn von -dieser Stunde an obsiegte in seinem Innern sichtbarlich der starke Kriegsmann, der sein Vater gewesen war und dem er, gesund geworden in den scharfen Lüften des Nordens und in den milden des | Südens, nun wunderbar glich. Wie sehr auch der Pfarrer gegen den Kriegsmann stritt, in frommem Zorn und mit der gläubigen Kraft, die er sich in täglichen Gebeten vor -dem G-na-denbil-de erflehte, es nützte nicht j viel. Aber auch Angelika hütete die väterlichen Herden noch viele Wochen • lang, nachdem der Bruder längst feine Kriegswunden geheilt hatte und ; nichts mehr dagegen stand, daß er wieder selbst feines Amtes walte. Und - sie ließ dis Ziegen immer näher dem Kirchlein grasen, von wo aus sie i den Weg überfshen konnte, der aus der deuffchen Siedlung aufstieg. Da sie aber beide so reinen Herzens waren, daß der Teufel nicht efft seine Zeit mit ihnen verlor, und sie also wußten, daß ihr Schicksal sie l voneinander trennte für alle Zeiten und für sie auch in der Ewigkeit ; nichts Gemeinsames sein werde, -da er der, der Pfarrer, sicherlich zu den l obersten himmlischen Herrschaften gehören würde, sie aber als arme : Ziegenhirtin wohl nur ein dienender, wenn auch seliger Engel werden könnte, so war ihre Trauer nicht minder groß als ihre Liebe. So kam dis Pfingstze-tt heran. Und da war es gerade, als man in den Wirtshäusern und unter den Haustüren über -den Pfarrer und Angelika zu reden begann, daß er feinen Entschluß ausführend, zu dem er sich : durchgerun-gen, einen Brief an den Bischof aufsetzte, worin er diesen i bitten wollte, ihm ein anderes Amt au-fzutragen. Wobei es ihm freilich war, als risst er sich selbst das Herz aus dem Leibe. Als er am Morgen des Pfingsttages müde und schier krank vor . Zweifel, Verwirrung und Liebe, zur Messe aufftieg, wollte ihm die j sommerliche Welt so schön erscheinen, daß er sterben zu müssen glaubte, - sollte er dieses Tal verlassen. Und er betete andächtig vor dem Madonnen- - bilde über dem Altäre, bis aus dem kleinen Turme das Pfingstgeläute - über das Tal z-u schwingen begann, und das auf der Höh« lagernde Volk - sich kangfam in die Kirche drängte. Wenn auch viele später von diesem j. Tage zu sogen wußten, daß es ihnen schon beim Betreten des Kirchleins so festlich und eigen gewesen wäre, als stünde an diesem Morgen etwas j Besonderes bevor, und manche dies gar schon von dem Ausstieg zur - Höhe erzählten, so war an dem Hochamte dennoch nichts Ungewöhnliches i und selbst während der Predigt nichts zu bemerken gewesen, a-ls daß f der Pfarrer absonderlich bleich mid traurig war. Da war es, als Remigius nach beendetem Gottesdienste sich vor dem Morienbilde neigte und noch einmal das Rauchfaß schwang, daß das Besondere begann. Das weiße Wölklein, das von dem silbernen Gefäße | aufftieg, entschwebte nicht, wie noch eben während -der Messe, irgendwohin ■ in die kleine Kuppel des Kirchleins, sondern wurde leuchtender ttnb ; größer, so recht wie eine schöne Wolke am Abend, -daß das versammelte I Volk meinte, es sehe zum Himmel hinein. Goldene Strahlen schossen ! hervor, und von den Stufen des Altars stieg eine hohe schöne Fron mit ’ einem Krönlein auf dem Haupte und einem bla-u-en, mit goldenen Sternen besäten Mantel. Ganz wie ein solcher auf dem Bilde Unserer lieben Frau zu sehen war. Und Gottes Mutter lächelte so fröhlich und ‘ zufrieden, als wäre es gar nicht so leicht gewesen, bei Gottvater und | Sohn die Erlaubnis zu diesem P-fingstgange zu erwirken. Zwei Engiein, । davon eines ein purpurnes Kissen truK auf dem es leuchtete wie i von zwei Sonnen-kringeln, umschwebten sie. Während die Ma- - donna lächelnd vor dem verzückten Priester stehen blieb, ihm das - Meßgewand von -den Schultern nahm und es dem einfältig dreinfchauen- • den Mesner in die Arme legte, der vor lauter Verwirrung unauHörli'ch j sein Glöcklein schwang, flatterten die Englein über die erstarrten (Bläu» i big-en, nahmen Angelika an den Händen und führten sie, neben ihr | schwebend, zum Altäre, wo sie hinkniete neben den Pfarrer. Da legte die j Maria die milden Hände auf die Häupter der beiden, daß sie meinten, * nun beginne die ewige Seligkeit, nahm dann von den Kissen des Engels i die Sonnenkringsl, die zwei goldene Ringe waren, und vereinte di« ! Hände Remigius-' und Angelikas. Dann küßte sie die also Getrauten i holdselig a-uf -die ©ferne und entschwebte, während von der Wolke mclsts i mehr zu sehen war als ein leichter Nebel, der in -der Kuppel zerrmm. i Nur Angelika und der einstige Pfarrer knieten verwirrt auf den Stufen indes der Mesner noch immer sein Glöcklein schwang. Die beiden Siedlungen sind längst zwei kleine Pfarrdörfer geworden, und das Bergkirchlein sieht einsam mi-d verlassen von Pfingsten zu Pfingsten. Aber durch alle Wirrnisse der Zeiten hat sich der Brauch erhalten, daß die Bewohner der beiden Gemeinden, die einander feind -geworden sind, vor urdenklichen Zeiten, dennoch das Pfingstfest zusammen in Frieden auf Madonna Amore feiern, zum Gedenken an das Wunder, das sich dort -begeben. Im welschen Dorfe zeigt man noch in der Sakristei das Meßgewand des Pfarers Remigius und im deutschen -das Kirchenbuch, darin auf einer vergilbten Seite in zierlicher Schrift zu lesen ist: „Am heutigen Pfingstsonntage wurden von Unserer lieben Fra-u vom Berge zu glücklicher Ehe verbunden Remigius und Angelika." Und noch eins geschieht. So oft ein Paar in einer der Kirchen vor den Altar niederkniet, um sich fürs Leben zu binden, tritt die jüngste Mutter des Dorfes vor -die Brautleute, legt ihnen die Hände aufs Haupt und i küßt ihre Stirnen, noch ehe -der Priester feines Amtes zu walten beginnt. (verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Lnidersitäts-Duch- und Steindruüerei, A. Lange, Gießen.