SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang \92Z Dienstag, den 4. Januar Nummer \ Die drei Könige. Von Peter Cornelius. Drei Könige wandern aus Mohrenland, Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand. In Juda fragen und forschen die drei. Wo der neugeborene König sei. Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer weihen dem Kindlein hold. Und hell erglänzet des Sternes Schein. Zum Stalle gehen die Könige ein, Das Kindlein schauen sie wonniglich. Anbetend neigen die Könige sich? Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer dar dem Kindlein hold. O Menschenkind, halt treulich Schritt, Die Könige wandern, o wandre mit! Der Stern des Friedens, der Gnade Stent, Erhelle dein Ziel, wenn du suchest den Herrin Und fehlen dir Weihrauch, Myrrhen und Gold, schenke dein Herz dem Kindlein hold. Eis-Bergnügung en masque. Alt-Weimarer Stimmungsbild zum 100. Todestage von Charlotte v. Stein. Von Alfred Richard Meyer. Die ersten Tage des Jahres 1778 sollten die schöne, tolle Zeit des vergangenen Jahres wieder lebendig machen, da der junge neue Freund des Herzogs Carl August, Goethe, die Herzogin zur Meisterin auf dem Schlittschuh oder, wie man mit Klopstock sagte, auf dem Schrittschuh über die gefrorene Spiegelflürhe der unter Wasser gesetzten Schwanseewiese ausgebildet hatte. Ein Wettlaufen nach Aepseln würde die neueste Sensation sein, dazu eine Aufführung von Paisiellos „Barbier von Sevilla" auf dem Eise mit nachfolgendem Schlittschuh-Ball en masque. Dem geflügelten Fuß, dem so lange verbannten Wasserkothurn, gestattete das herrlichste, sonnigste, windstillste Winterwetter endlich wieder die Freiheit der Persönlichkeit^ aber auch der Lust der einleitenden Schlittenpartie nach Tiefurt mit nachfolgendem „Carrousel“, die dem Meister des Schrittschuhlaufes Goethe ein wenig Kopfschmerzen bereitete, weil er in solcherlei Künsten nach höfischer Art noch weniger erfahren war. Er hatte sich am Nachmittag, da das Programm für diesen vielseitigen Vergnügungstag bekannkgegeben war, heimlich aus der herzoglichen Bibliothek des Francisci Philippi Florini „Oeconomus Prudens Et Legalis Oder Großer Herren Stands Und Adelicher Haus-Batter" kommen lassen und las nun austnerksam im Kapitel von der Schlittenfahrt, „wie ein Cavalier sich zu Schlitten praesentirt und wie dessen Gliedmaßen einzurichten: daß der Kopfs und gantze Ober-Leib wohl aufrecht gehalten werde. Die Achseln und Schuldem niedrich und gleich. Die Ellenbogen wohl am Leib geschlossen. Die Armen gerat) unter sich hängend. Die Hände schwebend und wohl rundirt, damit man die Leit- Seile desto besser führen könne. Mit dem Gesäß nur halb gesessen, und nur etwas auf den Sitz geruhet. Die Knie wohl einwärts gedrehet, damit die Füße längst der Kupffen wohl aufzustehen kommen, und ja nicht überzwerch aufgesetzet wenden. Was noch anbelangt das avenriren des Pferdes . . ." Da konnte einem ja schon etwas ängstlich werden, daß man vielleicht doch den einen oder anderen Punkt dieses „Periinenz fürstlichen Divertissemens" vergaß und im Zuge der phantastisch auf- geputzten und zauberisch durcheinander klingelnden Schlitten eine komische Figur abgab. Wozu noch das kam: daß den Herren die Damen zugelost wurden, die sie zu fahren hatten. Wenn er kurz nach seiner Ankunft an das „lieb Täntgen" Johanna Fahlmer geschrieben hatte: „Wie eine Schlittenfahrt geht mein Leben, rasch weg und klingelnd und promenierend auf und ab", so hatte er doch nicht an die Möglichkeit solch eines Schlitten-Carrovsels gedacht. Blauester Himmel lag über der gefrorenen Luft und der weißen, knistern-den Straße, da Sina, die Tochter des Geheimrats und Landschaftskassendirektors von Oppel, dem jungen Dichter als Schlitten-Dame zugelost ward. Daß es die Frau Kammerherrin, Stallmeisterin und Baronin von Stein werden würde, erwies sich als trügerische Hoffnung. Die Ausfahrt aus der Stadt mit Läufern und Heiducken und der Weg durch das entlaubte, reifstarrende Gehölz des Webichts machte sich ja noch ganz leidlich; da nun auf der weiten Wiese vor dem Tiefurter Schlößchen die Parade des Carrousels ausgestellt, die Stimme des Oberforstmeisters von Witzleben als des Maitre de Camp laut ward von allerlei Worten wie Volten, Levaden, schwindelte es Goethe; und er ahnte, daß er mindestens die zweite Volta links zu scharf nehmen und umkippen würde. Und da flog er auch schon mit seiner Dame in gar nicht kühner Hyperbel derb in den Schnee und wußte nicht, ob er sich mehr über sein Mißgeschick als über fein schmerzendes Schienbein und das Gelächter der fürstlichen Gesellschaft ärgern sollte. Mit artiger, süßsaurer Entschuldigung schied er aus dem Rennen aus. Auch nachmittags bei dem Wettlaufen nach Aepfeln würde er ! nun nicht unter den Wettbewerbern fein ... i Er hatte feine liebe Not, abends pünktlich maskiert in Altenburger - Bauerntracht mit langer, schwarzer, vorn mit Hefteln geschlossener Rock- ; Kappe, mit weiten bocksledern en Hosen, langen Stieseln, niedrigem Filz- > Hütchen und Knatenstock auf dem Schwanfee zur Opernaufführung auf dem Eise zu erscheinen. Fackeln, Lampen und Pechpfannen leuchteten über den Hoboisten und der Janitjcharenmusik, über dem „Barbier von Sevilla", bis Feuerräder, Raketen und Mörser den Beginn des Maskenballes auf Schrittschuhen anzeigten. Er würde sich sehr zusammennehmen müssen, sich nicht durch sein etwas hinkendes Bein allzu schnell zu verraten, wie er es sonst wohl durch sein meisterliches Bogenlaufspiel leicht hätte tun können. Seine Blicke irrten durch all die märchenhaft buntaufgeputzten Damen nach der einen einzigen, für die sein Herz seit den ersten Weimarer Tagen schlug, nach der liebsten Frau, die er in seinem Tagebuch nur mit dem mystischen Sonnenzeichen einschrieb — nach Frau von Stein —, indessen er sich bemühte, möglichst einen groben Bauernschlendrian vorzutäuschen. In halbbitterer Selbstironie stiegen Verse in ihm auf, die er im vergangenen Jahr solch reizender Eisvergnügung verdankte: „Sorglos über die Fläche weg, Wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben du siehst, Mache dir selber Bahn! stille, Liebchen, mein Herz! Kracht's gleich, brichi's doch nicht! Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!" Das Liebchen — diese große Schöne da, ihr eines Bein ein wenig nachziehend, war gewiß die gute arme Lina von Oppel von heute morgen; er würde sich fein zu hüten wissen, die sicher Erboste jetzt zu einem Eis- walzer zu engagieren, so sehr ihre figürliche Commodität an die liebste Frau erinnern mochte — die ihm jetzt durch den lachenden Trubel entgegenschwebte auf „schlüpfendem Stahl", im seligen Wissen seines Verses: „Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!" Und schon entführte sie beide der hold geflügelte Tanz in die mystische Schummrigkeit 'einer, ach, so kuß- günstigen Kulisse, daß plötzlich warmer Mund auf heißem Munde lag. Ein heller Trompetenstoß befahl die Demaskierung. Goethe stand der lachenden Lina gegenüber. Indessen jetzt, leicht hinkenden Fußes, von Herrn von Knebel geleitet, Frau von Stein ihre Erscheinung hertrug und den erstaunt fragenden Augen des Freundes nichts zu erwidern hatte als: „Ja, hat man Ihnen denn gar nichts von meinem Malheur gesagt, daß ich mittags auf der Treppe ausglitt .. Reiseeindrücks aus England. Von Dr. Eva Thaer. Es gibt heute noch manch einen Menschen in Deutschland, der glaubt, England und die Engländer hassen zu müssen, der nicht weiß, oder nicht daran denken will, daß auch über die Länder unserer Feinde der Krieg wie eine Gottesgeißel geschritten ist. Es ist überall — bei uns und den anderen — so viel gelitten worden, daß zuvor persönliche Anklage auf allen Seiten verstummen sollte. Und es gibt hüben wie drüben Menschen, die längst aufgegeben haben, anzuklagen, die nur das Bestreben haben, zu versöhnen, auszugleichen, zu mildern, was an furchtbaren Schrecknissen über Europa hereinbräch. Und wer das Lieben trotz aller Einsicht noch nicht fertigbringt, der sollte einmal hineinfahren in „Feindesland", und er wird, vielleicht zu seinem Erstaunen, finden, daß daviel zu lieben ist. So ging es mir während der Monate, die ich in England verbrachte. Das Gefühl, das von Anfang an sich einstellte und immer stärker zum Durchbruch kam, war das der Verwandtschaft, und es ist verständlich, wenn man an die uralte Zusammengehörigkeit denkt, die germanische Völker verbindet. Was auch immer den Krieg heroorgeusen, was ihn verschuldet hat, hier wurde er zum blutigen Bruderkrieg. Vielleicht muß man als unpolitischer Mensch Englands Boden betreten, um so zu empfinden, um von dem menschlichen Jammer des Geschehenen erfdiüttert zu werden. Der Engländer ist in seinem Haus, in feiner Familie liebenswert. Es ist vielleicht die Stelle, wo er. fein eigentliches Wesen am schönsten untiefsten offenbart. Richtig ist, daß er dem Fremden gegenüber im allgemeinen zurückhaltend, verschlossen, ablehnend erscheint. Hat er einmal Herz und Haus geöffnet, dann ist es zu steter treuer Freundschaft. Schön und behaglich ist das englische Familienleben. Es erscheint darum noch besonders eng und traulich, weil er sich meistens auf engem Raum abspielt. Der Kamin ist der Sammelpunkt, wo sich im Frühstücks sicheres gewandtes Auftreten. Für das praktische Leben, für Wirken und Betätigen in der Oessentlichkeit wird die englische Jugend, in erster Linie natürlich der englische Knabe und Jüngling, erzogen. Von der Art, wie das erreicht wird, sei hier nur ein Beispiel angesührt- Jch wohnte einmal einem, in größerem Privatzirkel abgehaltenen Bankett bei. Die Einladung dazu wat an die Herren schon ergangen, indem jedem eine bestimmte Rolle zudiktiert wurde. Es sollte der Gedanke eines politischen, offiziellen Essens durchgeführt werden. Einer der Herren, der Aelteste und Würdigste, präsidierte als Lord Mayor von London. Ein anderer hatte als französischer, einer als amerikanischer, ein dritter als deut, scher Botschafter über die augenblicklichen Beziehungen der Länder zueinander zu sprechen. Einer der Herren war offizieller Vertreter für Kunst und Literatur, ein anderer für die Wissenschaft. Man hörte an diesem Abend eine Reihe interessanterReden, man erhielt Aufschlüsse über wichtigeProblemederTagespolitik, man wurde eingeweiht in allerhand Fragenund Krisendes Wirtschaftslebens. Es wurden ernste Dinge erörtert und daneben wurde viel gelacht. Ich habe überhaupt nie soviel und herzlich lachen hören, wie in England. Der kleinste Witz wird dankbar ausgenommen, und eine gute Anekdote, die Schilderung einer lächerlichen Situation kann die Gemüter tagelang erheitern. Das Interessanteste an den einzelnen Reden waren die sehr verschiedenen Altersstufen der Redner, die sich zwischen 16 und 73 Jahren hielten. Die beste Ansprache des Abends wurde von einem achtzehnjährigen jungen Mann gehalten, der mit wahrhaft glänzender Dialektik scharf und geistreich über moderne Literatur sprach. Ein solches Rednertalent ist wohl auch in England — dem Lände der Redner — nichtsLäufiges,aber eine schlechte Rede wurde auch von demjüngstenSprecher nicht gehalten. Und besonders hübsch war die neidlose Anerkennung der Ael- teren den Jüngeren gegenüber, die ermunternden Zurufe, die beifälligen Zwischenbemerkungen, sowie eine gute Wendung, oder ein witziger oder treffender Ausspruch fiel. Es war nicht der Unterschied zwischen Jünglingen und Männern, den man manchmal in Deutschland treffen kann, der "durch gegenseitige Kampf- und Abwehrstellung ein fruchtbares Zusammenarbeiten unmöglich macht. Hier war gegenseitige Achtung und Anerkennung, freundschaftliches Verstehen und Entgegenkommen von Seiten der Aclteren, bescheidenes Selbstbewußtsein von Seiten der Jüngeren. Das Ergebnis ist ein erstaunliches Voneinanderlernen und gemeinsames Borangehen und Entwickeln im Dienste einer Sache: des Vaterlandes. Das Ausgezeichnete unb Nachahmenswerte dieser Veranstaltung ist, daß zur Beurteilung für jedes einzelne Gebiet namhafter Kritiker und Künstler von Ruf gewonnen wurden. Und diese gaben keineswegs aus der Höhe ihrer Vollkommenheit heran oberflächliche und kurze Urteile, sondern mit beispielloser, unermüdlicher Geduld und Beharrlichkeit kritisierten sie das Dargebotene. Und zwar gaben sie vor jedem Einzelurteil allgemeine Gesichtspunkte, sodaß jeder, auch der unbeteiligte Zuhörer, daraus lernen konnte. Ich möchte meine Betrachtungen über England nicht schließen, ohne den Streik zu erwähnen, den ich gerade in seinem aufregenden und spannenden Anfangsstadium in London miterlebte.*) Schon am Samstag wurde offiziell von den Kohlenarbeitern und dem mit ihnen sympathisierenden Angestellten aller Verkehrsmittel erklärt, daß in der Nacht von Sonntag auf Montag der Streik beginnen würde. Das war insofern rücksichtsvoll von den Streikenden, als jeder noch Gelegenheit hatte, sich in Sicherheit zubringen, d. h. in seine jeweilige Heimat zu fahren, auf alle Fälle für alle Möglichkeiten vorzusorgen usw. Denn was em Generalstreik sämtlicher Verkehrsmittel in einer Stadt wie London bedeutet, sollte man nur zu bald erfahren. Und es wurde zunächst noch schlimmer, als man befürchtete: Kilometerweite Entfernungen zwischen Wohnung und Arbeitsstätte für nahezu jeden Londoner. Dabei keine Elektrische, kein bus, keine Untergrundbahn, keine Eisenbahn, keine Autodroschken. Alles streikte. Ein mirbekannter Kaufmann ging in den ersten zwei Tagen jeden Morgen seine drei Stunden zu Fuß ins Geschäft und abends drei Stunden zurück. Und viele hatten das gleiche Schicksal. Dann kam das Erstaunliche. Schon am dritten Tage war der Streik der Verkehrsarbeiter so gut wie unwirksam gemacht durch freiwillige Hilfskräfte. Eine Organisation und eine Opferbereitschaft hatten eingesetzt, die jeder Beschreibung spotteten. Wüßte ich nichts von England und den Engländern, als die Erfahrungen dieser ersten Streiktage, es würde m,ch mrt unbegrenzter Achtung erfüllen. Bis in die kleinsten Einzelheiten hatte die eng- lische Regierung seit Jahren einen Plan bereitliegen für dre Möglichkeit eines solchen Generalstreiks. Es war ein glänzender und in fernem Teil versagender Plan, wie sich später erwies. Und doch wäre er unausfuhrbar gewesen ohne die Opferbereitschast von Tausenden. Aber es scheint, daß die englische Regierung weiß, daß sie die Treue und Vaterlandsliebe ihrer Untertanen als Faktor in jeden Plan einsetzen kann, ohne bauet Schiffbruch zu leiden. Wie aus dem Boden gestampft waren plötzlich die Männer und Frauen da, die keinen anderen Wunsch hatten, als zu helfen und der Allgemeinheit zu dienen. Bon einer Nacht zur anderen meldeten sich auf den ersten Radioaufruf (Zeitungen gab es keine, und das Radio wurde offizielles Organ der Regierung) sechzigtausend junge Männer für den Posten von Polizisten. Jeder zweite Besitzer eines Prwatautos stellte seinen Wagen sofort dem Staat zur Verfügung/ meistens zusammen m,t seiner eigenen Arbeitskraft. Es gab Kaufleute, die in diesen Tagen Tau- sende verloren oder aufs Spiel setzten, weil das Vaterland tief, und das eigene Geschäft Nebensache wurde. Man konnte an jenen Tagen, wenn man durch die Straßen ging, elegante Autos sehen, deren seidene oder atlasschimmernde Sitze hoch mit Kartoffelsäcken oder Gemusekürben beladen waren, durch deren weiche Lederkissen bald breite Risse klafften und deren zarte Farben bald durch Schmutz unb Staub unkenntlich wurden. Schon binnen kurzem fuhren eine große Anzahl der Bahnen wieder. Auch eine Zeitung wurde wieder gedruckt. Alles mit freiwilligen Hilfskräften. In den großen Parks wurden Feldküchen errichtet, wo die Burgersfrauen zusammen mit Damen der Gesellschaft für die Arbeitenden kochten, . *)Die Ereignisse liegen geraume Zeit zurück; aber die Schilderung scheint uns auch heute noch sehr lesenswert. D. Reb. zimmer morgens die Familie irissi, im drawmg-room abends den Tag beschließt. Gegensätze werden ausgeglichen, drohendes Auseinanderleben schwerer gemacht durch diese tägliche Berührung, diese Unmöglichkeit, sich auszuweichen, der jedes Familienmitglied unterworfen ist. Rührend ist die Liebe des Engländers zu Tieren und Blumen. Es ist ein Zug, der sie einem vor allem liebenswert macht. Es ist in jedem »>aus dasselbe — und ich bin in vielen Häusern gewesen, reichen und in solchen, wo man notwendige Einschränkung merkt. Ueberall sind Blumen. Ich entsinne mich an ein Haus, ein wundervolles altes Tudorschloß auf dem Lands, da war die Blütenpracht fast überwältigend. Es war im frühen Frühjahr. Draußen gingen noch Winterwinde, und die Luft war voller Schnee. Und drinnen blühten einem ans Vasen und Krügen und Schalen Blumen über Blumen entgegen und zauberten einen mitten in den Frühling hinein. Aber auch in der einfachsten Häuslichkeit fehlen die Blumen nicht. Niemals sah ich einen Tisch gedeckt zu Frühstück, lunch oder dinner, den nicht eine Schale voll Blumen schmückte. Und bringt man als Gast ein paar Blumen, kann man immer des herzlichsten Dankes gewiß sein. Und dann die Tiere. Es mag sein, daß es Häuser gibt ohne Hunde, Katzen oder Kanarienvögel. Ich bin in keinem solchen gewesen. Die Tiere gehören zur Familie, sie haben ihre Rechte an Pflege, Behaglichkeit und Zuneigung, nnd niemand enthält sie ihnen vor. Aber sie fühlen das auch und erwidern das in ihrer Art. Ich habe, obgleich es in England unzählig viel mehr Hunde gibt als in Deutschland und man sie dort viel näher um sich hat, nie die geringste Belästigung von ihnen gespürt. Sie sind gehorsam, sie passen sich den Menschen an, es ist, als fühlten sie ganz genau, daß alles gestattet ist, was man ihnen mit Fug und Recht gestatten kann, und daß es unbescheiden wäre, mehr zu verlangen. Tiere stehen unter dem Schutz der Oeffentlichkeit, und ich habe, mehr als einmal gesehen, daß ein Herr einen umherirrenden Hund mit Lebensgefahr aus dem rasenden Verkehr der Straßen rettete, daß ein Vorübergehender ein Pferd, das sich an seinem Wagen seitlich gewendet hatte und in Gefahr stand, von vorübersausenden Autos verletzt zu werden, sanft zurücklenkte, daß eine Dame eine Katze, die den Weg verloren hatte, auf ihren Armen aus dem Gedränge in irgendeinen geschützten.Winkel trug. Keiner hätte ein Tier, das hilflos oder in Not war, im Stich gelassen. Und ich erinnere mich noch deutlich an das Entsetzen und den Abscheu, der alle überfiel, als ein Herr, der gerade aus Spanien zurllckgekehrt war, von den beispiellosen Grausamkeiten spanischer Stiergefechte erzählte. Wahrlich, das alles ist keine Heuchelei oder Sentimentalität, sondern echte warme Gesinnung und Herzensgüte. Eine besondere Stellung hat in England die Frau. Es ist nicht so wie in Amerika, daß die Frau 'tonangebend und der Mann mehr oder weniger ein bloßer Geldverdiener ist. Dazu ist der englische Mann gegenüber dem amerikanischen zu gebildet und interessiert, und die englifdje Frau ist es im Durchschnitt zu wenig. Man darf hier allerdings nicht den deutschen Maßstab anlegen. Es ist mir geschehen, daß ich eine Stunde lang mit einer bildschönen Frau am Kamin faß, wir die üblichen, gangbaren Themen: Kleider, Sport, Tanzen, vhopping erledigt hatten, und für den Rest völlig schweigend nebeneinander faßen, und daß diese Frau nachher einer Freundin erklärte: „Oh, we had such an awfully interesting talk.“ Man kann sich in England — auch mit Männern — selten unterhalten, wie man es in Deutschland in jedem, auch nur halbwegs geistig angeregten Kreise gewohnt ist. Aber diese größere oder geringere Bildung hat nichts zu tun mit der feinen Kultur englischer Umgangsformen, der die Frau in England ihre Stellung verdankt. Obwohl die moderne englische Frau keineswegs schutzbedürftiger ober unselbständiger ist, als irgendeine andere moderne Frau, so hat sie doch stets und in erster Linie Anspruch auf die Zuvorkommenheit und Rücksichtnahme des Mannes. Und das erstreckt sich bis in das tägliche Leben innerhalb der Familie. Es sind scheinbare Kleinigkeiten. um die es sich handelt, deren Befolgung oder Nichtbefolgung aber dem täglichen Leben ein bestimmtes Gepräge geben. Daß ein Mann vor einer Frau zur Tür hinausgeht, daß er sich fetzt, solange eine Frau im selben. Raume steht, daß er sie etwas holen, tragen oder aufheben läßt, habe ich fo gut wie nie beobachtet. Es ist, als ob er durch eine stille und unauffällige Aufmerksamkeit ihren Gedanken zuvorkäme. Noch stärker betont ist dieser Zug im öffentlichen Leden, auf der Straße, in den Bahnen, überall da besonders, wo die Frau irgendeiner Gefahr ausgesetzt fein könnte. Anders ist es natürlich in den Verbrechervierteln von London. Aber da würde eine Dame ohne Begleitung auch nicht hingehen. Die gebildte englische Frau verbanktfichihre Stellung selbst. Sie empfindet es als selbstverständlich, baß sie, trotzihrerheutigengrößeren Selbstständigkeit den Schutz und die Zuvorkommenheit des Mannes genießt. In deutschen Häusern habe ich es zuweilen beobachtet, daß die Hausfrau sich scheut, Hilfeleistungen ihres Mannes zu beanspruchen, daß sie sich beinahe schämt, sich bedienen zu lassen, daß sie sich keine Bequemlichkeit gestattet, die nicht Mann und Kinder, zumindest der Mann, auch genießen. Aber ich habe nicht gefunden, daß die englische Hausfrau mit ihrem betonten Anspruch auf Rücksichtnahme und Zuvorkommenheit deshalb selbstsüchtig, lieblos oder etwa untüchtig sei. Sehr geschickt versteht sie es, sich zu kleiden und steht darin meiner Ansicht nach der Französin nicht nach. Sie stimmt gewöhnlich, soweit sie nicht reich ist, ihre Toilette auf ein oder zwei Farben ab, und kann es so erreichen, daß auch bei dem Besitz von nur wenig Kleidern, Hüten und Mänteln ihre Erscheinung stets geschlossen und wohltuend wirkt. Eine geschmacklos gekleidete Dame bildet die Ausnahme, eine geschmackvoll gekleidete die Regel. Interessante Eindrücke gewann ich davon, wie der Engländer seine Jugend erzieht. Die Schulen sind mit den deutschen garnicht zu vergleichen. Was da gearbeitet, an positivem Wissen erlangt oder auch nur an exakter Schulung des Geistes erreicht wird, ist ganz minimal im Vergleich zu dem, was wir in Deutschland allein schon von einer Durchschnittsschulbildung gewohnt sind. Ob der Engländer lernunbegabter ist, als der Deutsche, ob blos lernfauler, bliebe noch zu untersuchen. Tatsache ist, daß er nach Ablauf leinet Schul-, ja, in der Mehrheit der Fälle auch seiner Universitätsjahre, erstaunliche Lücken in der Allgemeinbildung aufweist. Dafür hat er aber üwas gewonnen, über das kaum ein deutscher junger Mann ober ein jun» "es Mädchen in diesem Maße verfügt. Weltmännisches Benehmen und Die während ihrer, oft unerhört lange«, Dienststunden rckcht «ach Haufe gehen konnten. Nie habe ich in England, trotz des schweren Ernstes dieser Tage, der im Grunde aus jedem Engländer lastete, einen so blühenden, köstlichen, lachenden Humor erlebt wie zu dieser Zeit. Allein die Inschriften an den Elektrischen und Omnibussen lohnten einen Gang durch die Straßen. Fremde Menschen lachten sich plötzlich an, wenn sie einen solchen zündenden Witz gelesen oder die treffende Bemerkung irgend eines Vorübergehenden aufgefangen hatten. Einmal, als ich durch eine der elegantesten Strauße des Westend ging, winkte mir plötzlich von dem Führersitz eines mächtigen Kohlenautos ein Mann lebhaft und lachend zu. Ich war sehr erstaunt über diese Bekanntschaft, und es dauerte eine Sekunde, ehe ich in dem blauen, schmutzigen Kittel und dem schwarzverschmierten vergnügten Gesicht Lord T. erkannte, mit dem ich zwei Abende vorher auf einer Gesellschaft getanzt hatte, und der jetzt den Tag über Dienst als Kohlenarbeiter und Chauffeur tat. Sehr beliebt wurde bald die Einrichtung der „iifts“. Ich bin während meines ganzen englischen Aufenthaltes nie so schnell und billig befördert worden wie damals. Ging man auf der Straße, so konnte man sicher sein, daß sehr bald ein elegantes Auto neben einem hielt und der Fahrer sich erkundigte, wohin man gebracht zu werden wünsche. Hielt der Wagen nicht von selber, so genügte ein kurzes Winken, um ihn zum Stehen zu bringen. Merkwürdigerweise waren die Streikenden selber weder gereizt noch bösartig, sondern schienen die freien Tage zu genießen. Mir hat einer einmal eine kurze Strecke mein Köfferchen getragen, als ich nicht gleich eine Fahrgelegenheit sand. Und als ich ihn verdutzt fragte, warum er das täte, anstatt froh zu sein, daß ich zu Fuß gehen müsse, sagte er höflich: „Wir streiken nicht gegen Damen und sind traurig, daß sie unter unserem Vorgehen leiden müssen. Meiner Mutter. Von Alfred Bock. Wie war mein tiefstes Sein mit dir verwoben In Harmonie, der jeder Mißklang wich, Wie war mein Blick so oft zu dir erhoben Im Lebensdrang: denn du verstandest mich! In dir war eine frühlingshafte Helle, War einer schön gestimmten Glocke Klang, Dein Wesen ward für mich zur Wunderquelle, Daraus mir Kraft und Mut und Friede sprang. Wir fühlten's, daß ein heiliges Gelübde Der Kunst, der himmlisch hohen, uns verband, Ach, daß dies Glück, das reine, ungetrübte. Vom Tod zerschellt, ein jähes Ende fand! Nun ziehn die Wolken über deinen Hügel, Mit weißen Rosen schmücke ich dein Grab, Es kommt der Tag und regt die goldnen Flügel, Es kommt die Nacht, ein ewig auf und ab. Was bleibt mir, der ich einsam um dich klage Und ohne dich mein Boot nun steuern soll? Daß ich dein Bild in meinem Herzen trage Und deinen Namen rufe, sehnsuchtsvoll! Daß ich mein Werk in deinem Geist vollende. Der fürder wirkt und unzerstörbar ist, Daß ich wie sonst mein Antlitz zu dir wende Und innerft spüre, daß du um mich bist. Vögel des Weltmeeres. Von George Lugh Banning.*) Sofort nach dem Frühstück besuchten wir die Nistplätze der Sturmvögel. Sie hatten sich dazu eine Fläche ausgesucht, die, von den Plätzen der andern Vögel abgesondert, mit Gras bewachsen war. Wir konnten nicht darüber gehen, ohne auf Nester zu treten. Der Kugel war ganz mit weißen Brüsten gesprengelt. Als wir die Vögel aufscheuchten, stoben sie in dichten Wolken empor, kreisten aber in unmittelbarster Nähe. Durch keinen Lärm ließen sie sich in die Ferne jagen. Die Seeschwalben unterschieden sich von denen der Clarioninsel durch himmelblaue statt der gelben Ständer. Das Federkleid war eher bräunlich als weiß. Sie hatten einen andern Teil der Insel inne. Sie verloren keine Zeit mit irgendwelchen Vorbereitungen, sondern legten die Eier einfach auf den Boden. Sie besiedelten sandige oder steinige £lferftreif en oder versammelten sich am Rand des Wäldchens, in dem die Fregattvögel hausten. Einige blieben bei den Jungen, einerlei wie nahe wir ihnen kamen; andere flogen unwillig auf,kehrten aber fofort zurück, nachdem wir uns wenige Schritte entfernt hatten. *) Mit Genehmigung des Verlages F- A. Brockhaus, Leipzig, sind wir in der Lage, unfern Lesern heute eine Textprobe aus dem neuen Reifewerk George Lugh Bannings: „Im Zauber mexikanifcher Gewässer" (260 Seiten, 69 Abb., eine Karte) zu geben. Die Jacht Velero II. besucht mit einer Expedition an Bord, an der Baiming teilnimmt, mexikanische Gewässer und Inseln. See-Elefanten, Teufelsrochen, Wale, Tintenfische, Schwertfifche, seltfame Vögel, wunderliche Versteinerungen, Salzseen, eine Feigenwildnis, kurz, die ganze Wunderwelt dieser Welt schildert der Autor in feinem Werk. Nach den „Inseln des Nichts" werden Seitenpfade in Mexiko besucht, San Blas, Tepie, Guadalajara, La Paz, alles Orte, die das ursprüngliche Mexiko zeigen, „glückselig faul, glückselig arm, Mexiko, wie es widerwillig aus dem Schlaf eines Jahrhunderts erwacht". Ein Autor, der es versteht, ein Buch zu schreiben, das Temperament, Freude an der Natur, Freude am „Nichts" ihm diktierten. 498 Die meisten Seeschwalben haben gegabelte Schwänze wie der Tropikvogel und der Fregattvogel. Laien glauben hieran den Unterschied zwischen Seeschwalben und Möwen zu erkennen. Aber die Seefchwalben von der Clarioninfel und der Ifabelinfel haben keilförmige Schwänze. Von echten Möwen unterscheiden sie sich durch das Fehlen des Grates auf dem Oberschnabel und die weniger ausgeprägte Krümmung an der Schnabelspitze. Nur diese Merkmale sind wirklich bestimmend. Die häßlichen, schwarzen Fregattvögel entdeckten wir in einem buschartigen Wald, der sich vom Strand bergan zu einem salzigen Kratersee erstreckte, wo meterlange Eidechsen (Iguanas) in der Sonne faulenzten. Warum sich die Fregattvögel das verfilzte Gebüsch ausgesucht hatten, blieb uns unverständlich. Ihre befiederten Gerippe lagen überall auf den Boden umher und hingen oben in den Bäumen. Auf jeden lebendigen Vogel kam ein toter. Oft hingen die Leichen dicht bei besetzten Nestern. Wir begriffen, daß sie zitterten und schnatterten. Sie lebten in einem Totenhaus. Außer den Toten gab es viele Sterbende. Nach dem Grund brauchte man nicht lange zu fahnden. Geriet ein Vogel unter dichtes Gezweig, dann vermochte er sich nicht mehr zu erheben und verwickelte sich immer mehr, je größere Anstrengungen er machte, um sich zu be freien. Weibchen und Männchen widmen sich abwechfelnd der Brutpflege. Beide Geschlechter waren glänzend kohlschwarz, nur daß die prahlerischen Herren einen scharlachenen Brustlatz vorgebunden hatten, der sich von einem schmalen roten Streifen zu einer Blase aufpusten läßt, die ebenso groß wie der Vogel ist. Auf diese sonderbare Einrichtung schienen die Besitzer ordentlich stolz zu sein. Anscheinend befriedigten sie ihre Eitelkeit in der Weise, daß jeder den Ballon weiter auszublasen trachtete als sein Nebenbuhler. Frau Fregatt saß derweil behäbig auf dem unordentlichen Nest, klapperte mit dem langen Lakenfchnabel und eiferte die Kämpen an. Der Fregattvogel wird ungefähr fo groß wie ein Bussard. Sein Schwanz ist tief ausgeschnitten, die Flügel sind lang und schmal, die Schwimmhäute der Füße sind mäßig groß. Er ist ein gewaltiger Räuber vor dem Serrn. Wir sahen eine Möwe, die einen Fisch im Schnabel trug und auf dem Weg zum Nest war. Lieber ihr fchwebte ein Fregattvogel. Da er der Wasserfläche nicht zu nahe kommen wollte, machte er einige Fintenstöße ans die schwächere Möwe, die jeweils nur zehn Meter weit zu si egen wagte. Schließlich aber, nachdem sie dem Wegelagerer mehrmals ausgewichen war, flog sie doch einmal zu weit und zu hoch. Blitzschnell und pfeilgerade stieß der Räuber herab. Die Möwe ließ voller Schreck ihre Beute fahren und schwenkte ab, während der Schwarzbeflügelte den Fisch in der Lust auffing und damit zum Wald flog. Auch der Tropikvogel ist ein Räuber, aber ein Räuber edleren Geblüts. Im Aberglauben der Seeleute spielt er dieselbe Rolle wie der Albatros; er ist die beschwingte Seele eines Ertrunkenen. Aber mit Lin- sicht auf feine Seeräuberei in Verbindung mit feiner prunkvollen Kleidung sollte man ihn. für den Geist eines edelmännifchen Bukaniers wie Sir Franeis Drake halten. Die verschiedenen Arten des Tropikvogels weichen in der Färbung voneinander ab. Aber ob hellrot, weiß oder schwarz, alle sind sie die Paradiesvögel unter den Flügelträgern des Meeres. Sie glänzen wie Atlas und haben als Verlängerung ihres Schwalbenschwanzes zwei meterlange Federn. Auch sie gehören zu den Fernfliegern, die das weite, blaue Meer aufsuchen und ohne Unterbrechung Lunderte von Kilometern zurücklegen. Manchmal setzen sie sich erschöpft auf die Rahen eines Schiffes, um eine andere Seele hinwegzuführen, wie die Matrofen sagen. Zu Seeräubern, die an Land gehen, gehören Köhlen, was sich bei den Tropikvögeln der Ifabelinfel bestätigte. Wir endeckten sie im kühlen Schatten einer großen Grotte, wo die Brandung über die Kiesel rollte, silberne Tümpel in Schaum verquirlend und Regenbögen in die Lust zaubernd. Wie bei den Fregattvögeln übernimmt der männliche Tropikvogel einen Teil der Laushaltsorgen. Wir nahmen das zuerst war, als die Alte bei unserer Annäherung einen gellenden Schreckensruf ausstieß, der das Echo in den Felsen weckte und ans Lerausziehen von Eisenstiften aus Eichenblöcken gemahnte. Sie fuchte Schutz bei ihrem Gatten und zwängte sich hinter ihn. Er fchimpste sie tüchtig aus, hackte mit dem Schnabel nach ihr, mußte aber fchließlich doch einwilligen. Trotzdem ist das Weibchen kein Feigling. Wenn allein auf dem Nest, flieht es nicht, sondern läßt sich eher totschlagen. Die sanftgeschwungenen Schnäbel der Tropikvögel sind korallenrot, die Brüste schneeweiß, und die Schleppfedern stehen an Zartheit den kostbarsten Reiherstößen Wenig nach. Diese Schönheit beschränkt sich aber aufs Federkleid. Wenn es wahr ist, daß der Gesang aus der Seele kommt, dann fintfbiefe unsterblichen Geister Ausbünde kreischender Verzweiflung. Man sollte den Aberglauben abändern; soschlimm kann kein einfacher Seemann getoefen sein. Der Tropikvogel ist nichtdie salzfrische Seele des Matrosen, sondern die eines Lerrengauners, den man für feine Verbrechen gehenkt hat, und der zu einem ewigen Gegensatz von Schönheit und Läßlichkeit verdammt ward. Nirgendwo konnten wir das Vogelleben besser kennenlernen, als auf der Insel Isabel. Aber der Fahrplan saß uns im Nacken, und die gleitenden Schwadronen der Sturnffchwalben begleiteten uns beider Ausfahrt im Zwielicht. Das Domkind. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. Von Nikolaus Schwarzkopf. (Fortsetzung.) In der Nische des letzten Guckloches saß das Domkind und sah über den Rhein. „Ei, mein Liebling!“ sagte der Alte, „was treibst du hier so alleine?“ „Ich sehe, wie am Rhein die ungetreuen Nonnen ihre Schleier waschen!“ „Falsch, das hat dir jemand falsch gesagt, denn die ungetreuenNonnen schämen sich ihrer Untreue und kommen nur bei Nacht und Nebel! Aber mein Schätzchen.' 10. die Luft. (Fortsetzung folgt.) Am Nachmittag kam wirklich der Joseph Güldenpenning, kam aufgeregt und verstörten Blickes. Die beiden Alten setzten sich auf die etutjle m den Rundgang, denn die Nooembersonne meinte es gut mit ihnen, und rauchten ihre Pfeifchen. Das Domkind lief um sie her und ließ sich bald von dem einen, bald von dem andern aus den Schoß nehmen. .... „Ich bin heute nacht beinah gestorben", sagte Joseph und ruckte am Stuhl und tat, als wolle er so bald nicht aufhören zu erzählen, und das Kind sah chn mit ausgerisienen Augen an und sprach: „Gelt, das schwarze Männchen war bös!" „Du hast recht, Paulus," erwiderte der Alte und fuhr fort: „Ja, das schwarze Männchen, mein Kind, aber paß jetzt hübsch auf, wie es mir ergangen ist!" . v Er sah sich ängstlich um, und da von den Türmersleuten memanÄ ihn hören konnte, begann er also: „Unser Kruzifixus — du weißt doch, der Nagel an der linken Hand — ja unser Kruzifixus steht da in meinem Traum ganz groß an einem Scheidewege, und der Körper unseres lieben Heilandes hängt nicht, sondern fällt! Die Hand reißt am Nagel aus, der Körper senkt sich — im Traum sah ich das, Paulus, im Traum! — senkt sich, fällt, der Nagel klingelt herab auf einen Stein, und der Heiland streckt hilfeflehend die Arme nach mir aus. Ja, auch das vom Tintenfaßdeckel angeknickte Vein bricht entzwei, der Beinstumpf dreht sich nach unten, und das Blut sickert hervor, und ich steh« da und kann nicht helfen!" Joseph wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuhr fort. „Wie ich so stehe und nicht helfen kann, und van dem Arm Jesu oftmals angerührt werde, wie von einem Zweig im Wind, da höre ich plötzlich ein Rauschen: und die Landstraße ist ein schöner Blumengarten, und mitten in den Blumen, Paulus, steht das Tinten- mohrchen, groß wie ein Mensch! „Hilf unserm lieben Herrn und Heiland!" 2er antwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'sche Llnivers itäts-Duch- und Steinbruckerei, 2k. Lange, Gießen. ruf ich ihm zu, es aber grinst mich an, fein Näschen aus Zwirn wird fleischig uni) hakig, sein Mündchen rot und breit, an den Beinchen hat es Hufe, und in der Hand hält es einen Büschel, mit dem spielt es wie mit einem Handschuh bei der Visit. In tänzelnden Schritten kommt es auf mich zu . . ." „Halt ein, Joseph!" ruft der Gloriaengel, das Kind lacht überaus heiter, und Jofeph fährt fort: „Sein Büschel, das seh ich jetzt, ist hinten festgewachfen, und im Nu ist mein Mohrchen knallrot wie ein siedender Krebs!" Andreas Tippengucker lief davon: mit ausgebreiteten Armen lief er Halbwegs rundum kam zurück, stieß den Arm in einen breiten Riß des Turmes und sprach hastig: „Weiter, Joseph, weiter!" „Ich könnte ihm helfen!" sagt der Verwandelte — das war jetzt aber wirklich der Teufel. „Was gibst du mir dafür?" „O, wenn du's auf meine arme Seele abgesehen hast: nimm sie dir, doch hilf ihm zuerst!" Der Teufel hält den Schwanzbüschel an die Erde, der Nagel springt dran, dann schiebt der Teufel mit dem kleinen Finger den Heilandskörper zurecht und schiebt den Nagel ein! Wie er alsdann auch den herabhängenden Beinstumpf heraufdreht, kann ich mich nicht mehr halten, ich klopfe ihm auf die Schulter — da fprühen Funken davon, ich laufe und schreie: „Du kreuzigst ihn ja wieder! Halt «in, halt ein, dafür hab ich dir meine Seele nicht gegeben!" Da läßt der Teufel den Beinstumpf wieder fallen und fragt mich: „Soll ich ihn etwa vom Kreuz befreien? He, Joseph Gülden- penning?" „Das sollst du!" erwiderte ich . . . Und nun beginnt der Teufel breit zu lachen, fo daß kleine, geschwänzte Teufel aus seinem Mund fortfliegen, und er sagt: „Sieh an," sagt er, „dieser Joseph da will die weise Weltordnung umstoßen: Das Oute soll nicht mehr am Kreuz und in Dornen leiden und soll wohl auf goldenem Thron fitzen! Wer ist der Herr der Welt, Joseph, er oder ich?" Was soll ich armer Mann da tun! „Wenn du ihn kreuzigst, so hab i ch ihn ja gekreuzigt", ruf« ich. „Soll ich ihn befreien, Joseph?" Ich denke: Weltordnung ändern, Joseph, das kannst du nicht: auch der Papst könnte den Heiland nicht vom Kreuze befreien .. . aber ich kann nicht anders und rufe laut: „Befreie ihn, ja, befreie ihn!" Der Gloriaengel streckt den Kopf in den Riß des Turms und knebelt an feinem Bart. „Schweig, Joseph!" ruft er am Turm hinauf, „schweig: das Kind braucht solch« Geschichten nicht zu hören!" Joseph Gütdenpenning aber fuhr fort: „Heft ihn an! Heft ihn an! ruf ich, aber da hab ich's nun erst recht falsch gesagt, denn kleine geschwänzte Teufel ilmschwirren mich wie Schnaken, der große Teufel hält den Beinstumpf an, die kleinen stoßen mich und zerren mich auf tue Straße mit den schönen Blumen, und weit im Hintergrund erhebt sich hoch oben ein Licht, zwei Striche nach unten, ein Querstrich dazwischen, dann ein Kreis mit zwei Pünktchen über sich, dann zwei LL und dann ein E. „Himmel, Himmel!" ruft Andreas, nimmt das Kind, als wolle er's vor der Hölle bewahren, rennt mit ihm umher und steht schließlich doch wieder und lauscht. .... „Ein Tor tut sich aus," sagt Joseph kaltblütig, „Flammen züngeln mir entgegen ..." . , , m .. . .. . „Schweig, Satan, schweig! Und das erzählst du tm Beisein dieses Kindes!" . , t „ Frau Strohschnitter reißt die Küchentür aus, sieht sich um und schließt sie wieder. Dann läuft das Kind zu ihr und sagt: „Mutter, der Großvater kommt in die Hölle!" Da lacht die Frau und nimmt das Kind von den Alten weg in dl« Kuck)«. Sie gehen, die Wen: Tippengucker führt den Besuch übern großen Speicher, zeigt ihm zwei Falkennester, sagt: daß er hier im Frühling, so Gott wolle, den Falken die Eier stibitzen werde, und macht dazu em Zeichen, wie man Eier austrinkt! Dann schaukelten die zwei Freunde auf den langen Borden, die am Gewölbe entlang bis zum jenseitigen Abstieg als Pfad gelegt waren, und wippten laut lachend fortgesetzt in die Höh«, als wenn die Borde mit ihnen Diabolo spielten! . , „ . .. , .... Die Sonne lag siebenmal da, und Staub wirbelte in sieoen schrägen Kästen durch die Dachfenster hinaus. In jedem Sonnenfetzen kräuselt« der Schatten eines Dachtraufenspeiers, der lag schon ein Stück über die holperige Wölbung hinan, und am großen Luftloch waren Stufen in di« Wölbung geschlagen, daß man bequem da hinauf kommen konnte an die entzückende Aussicht. . Güldenpenning hakt« von siebzehn Jahren schon einmal durch das Loch gesehen und hatte damals genug bekommen! Er aber, der Gloriaengel, stand oben, lehnte sich auf das Geländer, das in Bubenhöhe rundum führte und sprach: „Wenn du da hinuntersprüigst, Joseph, bist du unrettbar verloren! „Du willst sagen: ich falle sofort in di« Höll«?" Stern eilen stand Joseph schon am andern Abstieg und grinste. Als der Gloriaengel in die Türmerei zurückkehrte, war es Abend geworden, und der westliche Himmel glüht« auf. „Run muß Sturm geläutet werden," sagte Herr strahschmiter, „denn der Himmel brennt!" ... . „Und die ganze Stadt fängt jetzt an zu brennen, Großvater! fugte das Kind hinzu, „kommt nur und seht's Euch an!" Wirklich ftantxn alle Häusergiebel rot im Sonnengold, und viele Fenster brannten lichterloh. Auch der Fluß brannte jenjeite der atotit und floß in Glut wie Eisen, und jedes verschmutzt« Kohlenschifs trug Somien- qold an der breiten Stirn. Die Pappeln wedelten in Gold, und auch d-e Türme der fünfzehn Kirchen hoben Gold aus den verwinkelten Gassen: St. Christoph, aufoebuckelt wie ein Ries«, St. Johannes, ^oeiturmtg ab- qestutzt in großen, schrägen Vierecken, St. Quentin in einer Weinflasche, S . Stephan in einem Mostkruq. St. Bonifaz an blanker Klmge, die turmlofer. Kirchen St. Ignaz und St. Augustin in urweltlich weit emporgeschweiste Steinmassen; aufgekuppelt und durchleuchtet die neue Christusk>rche, u> di« vier Seitentürme des Domes hoben wie Baldachlnstangen Gon . ftt Zukunft läßt du dir solche Geschichten von deinem Gloriaengel erzählen! Dann fetzen wir uns in euren Rundgang und machen Seifenblasen, und unten bleiben die Leute stehen unb sagen: eben fliegt wiedereine Seele in den Himmel!" . . . , „ , Ha, denkt der Alte und starrt in die Tiefe: verloren Ware der Femd, wenn ich nut einen Finger krümmen ivollte! . . . „Was meint Ihr, Großvater?" fragte das Kind. . , Nichts, mein Liebling; habe ich etioas gesagt? Ich erschrak em wenig vor dieser Tiefe!" versetzte der Alte und stieg hinan. Der Türmer beide «päiibe über bem Slobf zummmen unb jptciu) „Gloria in excelsis, Tippenkucker! Ihr wollt näher zum Himmel, Groß- ^er Unb siehe: die Türmerei behielt den Alten oben und gab ihm das Zimmer, das zur Hälfte im Gewölbe der ziveiten Kuppel stak. Dorthin schlug der Gloriaenqel sein Lager auf, und die verkalkten Sterne ragten wie ein Panzerfort in sein Heim. Er gab an, fast nichts zu essen, aber die Aur- aterin sagte: er habe noch weit in den Himmel unb müße sich bei Kräften hsiten, sonst könne er unterwegs fallen! . .... Er legte sich früh zu Bett, aber er konnte mcht emschlafen. Tie Uhr tickte jarftin lautunb schlug alle Viertelstunde, daß sein Bettzitterte nnddas Gebalk; >?n Käuzchen krisch unter ihm, das Domkind schien laut zu träumen. Wenn Tippenkucker ans Domkind dachte, verloren ftch feine Gedanken in den Dom: da streckte sich in einem weißen Marmorbild der znm Kutz zugespitzte Mund des Verräters Judas ganz heimtückisch gegen Jesu Wange! Da stürzten auf einer Fichtentafel hoffärtige Engel, kraftstrotzende Kerle, oom Himmel herab in Flammen, die wollüstig ihnen entgegenzungelten. Bon diesen beiden Bildern konnte seine Seele nicht loskommen, wenn er ans Domkind dachte. . . Als er vier schlagen hörte, merkte er, daß er em schönes Stuck geschlafen hatte. Und gleich nach dem Glockenschlag krähte unten Hämmerlems Hahn zweimal hintereinander! Da zündete sich der Gloriaengel em Pfeifchen a« und rauchte es im Bett, wie's er seit dreißig Jahren schon allmorgendlrch tat. Er lauerte, ob der Nachfolger pünktlich läutete, und verrichtete m Gebauten jede Arbeit, die bet nun zu verrichten hatte. ... Der Tabak kroch durch alle Ritzen unb weckte das Domkind frühzeitig. Es wollte dem Alten „Guteii Morgen" sagen unb trippelte m ben Strümpfen an bie Holztür, klopfte unb sagte: „Guten Morgen, Großvater. Dieses Grußes wegen vergaß der Gloriaengel Hahnenschrei und^urm- fall. Frau Strohschnitter brachte ihm ben Kaffee herein, bas Kmd trug zwei Stück Butterbrot auf einem Teller, bas war allerliebst! „Heut ist Mittwoch, Großvater," sagte es, „heut werben bie Glocken ge- ußmiert!" . „Da geh ich aber mit," erwiderte der Alte, „unb steige ms Gebalki „Aber, wenn Ihr fallt?" „Dann steige ich! — Wenn ich falle, dann steige ich; Wieso?" "Dann sterbe ich unb fliege in den Himmel, siehste . . . Verstehst du das, mein Engelchen?" Und dann sagte der Gloriaengel noch dies: „Wenn aber der Joseph vom Scheneralvikar kommt, so brauchstdu keine Angst zu haben, wie er vor seinem schwarzen Männchen! Denn,ch bm doch kein so schwarzes Männchen, wennbumichauchbeimDomdekanangefcywarzr hast, du goldiges Kindchen, und er, der Joseph, der ist em ganz harmloser Alter, verstehst du das?" . , , , Tippenkucket half die Glocken schmieren, lief allem m den hohen Speicher, der unterm Längsdach sich hinstreckt, und saß dort eme geschlagene Stunde an dem großen Luftloch der hohen Wölbung, von wo aus et das ganze Innere des Domes bequem überschauen konnte. Als er zurückkam, fragte er Paulus, ob er dieses große Loch schon ge- >ehen habe, aber Paulus hatte es noch nicht gesehen! „Soll ich es dir einmal zeigen?" fragte er. , „ . „Lauft mit nicht so auf dem Speicher herum," jagte der -türmet, „da steckt überall Gefahr." . .. . f . „Ja, ja, gelt das große Loch!" machte der Alte, „wir bleiben lieber hier,