Eichener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage znm Gießener Anzeiger Ichrgang 1927 Samstag, den Z. Dezember Nummer 96 Wintermärchen. Von Otto Ernst. Auf dem Baum vor meinem Fenster Sah im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch? Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?" Antwort gab sie leisen Tones: „Weil ich nicht wie andre bin. Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn. Die da wandern nach der Sonn« Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt. Mir erglüht's mit ewigem Strahle — Ob auch Nacht auf Erden zieht —, Sing' icb unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied. Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich, Doch es schaut dein Blick nach innen In das ewige Sonnenrsich. Lah uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit." Der kostbare Lessing. Eine Weihnachtserzählung von Franz Karl G i n z k e y. Zu den wertvollsten Büchern meiner kleinen Bibliochek gehört eine schlichte, einbändige Auswahl von „Lessings poetischen Schriften", die vor etwa drei Jahrzehnten in der Goschenschen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erschienen ist. Sie hat gewiß keinen Seltenheitswert und kann auch, ihrem bescheidenen Aussehen nach, keinerlei bibliophile Schätzung beanspruchen. Und doch bedeutet mir der angejahrte, auf dünnes Papier gedruckte, in gewaltsam verziertes Seinen gebundene Band einen kostbaren Besitz, aus den ich um vieles nicht verzichten möchte. Er ist mir im Lauf der Zeit zu etwas sehr Lebendigem, Beziehungsreichem, symbolisch Bedeutsamen geworden, und zwar um der merkwürdigen Umstände halber, unter denen ich ihn «inst erwarb. Die kleine Geschichte mag erzählenswert sein, wenn man den etwas abseitigen Abenteuern eines fünfzehnjährigen Jungen überhaupt Beachtung schenken will. In der Jnfanterie-Kadettenschule zu Triest nämlich, in der ich, nicht ganz nach meinen inneren Wünschen, zum Vaterlandsverteidiger herangebildet wurde, pflegten wir das Weihnachtsfest durch ein großes gemeinsames Tombolaspiel zu verschönen, was unseren bescheidenen Ver- gnügungsanipriidjen durchaus angemessen war. Wir hatten als Bedingung ausgestellt, daß es ebensoviele Gewinste geben mutzte, wie man Teilnehmer am Spiel zählte, wobei für die Würdigkeit und Auswahl der Geschenke lediglich der liebe Gott verantwortlich blieb. Das Schulkommando sah sich solcherart der Sorge enthoben, ledern einzelnen das für ihn passende Weihnachtsgeschenk zu überreichen, und wir Zöglinge betrachteten das Ganze als eine Art kommunistischer Unterhaltung, die aus einen gesunden Konkurrenzneid fidelen Glücksrittertums ausgebaut war, was allerdings in einigem Widerspruch stand mit der sanften Botschaft des heiligen Christ. Vor allem wurden wir Zöglinge, ehe die Geschichte losging, in langem Zuge an den weitzgedeckten Tischen vorbeigeführt, auf denen die vielen schönen Geschenke säuberlich ausgebreitet tagen; es gab da besonders unter den höheren Gewinsten, mancherlei begehrenswerte Sachen, die das Herz eines werdenden Kriegers höher schlagen lassen konnten, wie ziselierte Taschenuhren mit Hufeisenkettchen, strammgefüllte Zigaretten- kistchen, Bronzegegenstände militärsymbolischen Charakters, Reitpeitschen mit silbernem Pferdekopf und ähnliche Wunderdinge. Die Tombola begann gleich nach dem Weihnachtsessen; es saß ein jeder vor seinem mystischen Zisserntäfelchen und lauschte den Nummern., die da schicksalsverkündend ausgerufen wurden. Ich sAbst, die Stimmung jenes Abends schwebt mir noch deutlich vor, teilte damals die Aufregung meiner Kameraden nicht. Ich hatte meine Hoffnungen von Anfang aufs Bescheidene gestellt, ich rechnete mit keiner hohen Glückszahl und hatte auch bereits meine sichere Wahl getroffen: um den schlichten, weißgebundenen Lessing war es mir zu tun, der da unter den vielen blitzenden Gegenständen als einziges geistiges Wertobjekt den militärischen Weihnachtstisch zierte. Hätte ich fürchten sollen, daß mir jemand darum zuoorkomme? Unter allen Kameraden kannte ich nur einen, dem das zuzutrauen gewesen wäre. Er saß unweit von mir am Nachbartische und lächelte eben, wie es seine Art war, mit seinem hübschen, verschmitzten Bubengesicht auf seine Tombolakarte nieder. Er war ein aufgeweckter, grundgescheiter Bursche, der nur selten ein Lehrbuch zur Hand nahm und trotzdem immer einer der ersten im Jahrgang war. Am liebsten las er in den deutschen Klassikern, wo immer er sie erwischen konnte. Bei den Kameraden mar er beliebt, obwohl sein spöttisches Wesen sie zuweilen bedrückte. Das also war der Mann, mit dem ich allenfalls zu rechnen hatte. Ich konnte mich im Laufe des Spieles nicht enthalten, hin und wieder nach ihm hin zu spähen, war aber immer wieder beruhigt, denn ich war ihm, so schien es, auf dem Ritt ums Glück immer um irgendeine fette Rümmer voraus. Unb nun geschah es plötzlich, daß ich, wohl ganz gegen meine Erwartung, die dritte Tombola gewann. Mein Täfelchen hatte sich nämlich Schlag auf Schlag mit den gezogenen Nummern gefüllt, und auf einmal war es voll gewesen. Unter dem johlenden Protest der Kameraden, wie es nämlich zu einer richtigen Tombola dazu gehört, spazierte ich nun an den Weihnachtstisch um den mir zukommenden dritthöchsten der Gewinste einzustreichen. Unb da ging nun etwas Merkwürdiges in mir vor. Ich sah die vielen schönen Geschenke werbend vor mir ausgebreitet und dachte mir: was nun? Die Offiziere, meine Lehrer, standen teilnehmend und belustigt um den Tisch herum und schienen auf meine Wahl begierig. In diesem Augenblick war es, daß eine abseitige Stimme zu mir sprach: „Du hast dich für heute bereits auf eine Stunde mit Lessing gefreut, bleib babeil" Zugleich fühlte der Büchermensch in mir so etwas rote, einen geheimen Groll in sich auffteigen, daß diesmal nur dieses einzige einsame Buch den Weihnachtstisch zierte, unb mir war, als sollte ich es für mich allein erretten; auch war so etwas wie eine vermessene Botschaft von Trotz unb höherer Sendung in mir aufgebrochen, als ginge es nämlich hier, bei Gott, um nichts Geringeres, als um eine sofortige, höchst unerläßliche Betonung der Majestät alles Geistigen. Und so fischte ich denn nach kurzer Ueberlegung meinen Lessing aus seiner prunkvollen Umgebung heraus unb kehrte damit zufrieden auf meinen Platz zurück, zum Erstaunen, ja zur Verblüffung aller meiner Lehrer und Kameraden. Nun besaß ich also, was ich wollte, und das Spiel wurde fortgesetzt. Ich spähte unterdessen ein wenig schuldbewußt zu meinem Konkurrenten aus; dieser tat aber so, als ging ihn das alles nichts an, er lächelte nur immer mit gleicher Ueberlegenheit fein Spitzbubenlächeln wie bisher. Nun, um so besser, dachte ich, besonders nahe geht ihm, so scheint es, der verlorene Lessing nicht. Es ereignete sich aber nun etwas Merkwürdiges: auch der Kamerad gewann plötzlich eine schöne Tombola, ich glaube die vierte oder fünfte. Und ich sehe ihn noch heute, wie er, förmlich im Paradeschritt, seines Zieles durchaus sicher, auf den Tisch mit den köstlichen Gaben zu- marschiert. Er steuerte geradeaus auf das wertvollste noch verbliebene Stück zu, einen in Bronze gegossenen Ulanen, der da in prächtiger Uniform mit vorgehaltener Lanze auf einem wahnsinnig gewordenen Pferdchen um seine künstlerische Berechtigung zu reiten schien. Des Kameraden kluge, treffliche Wahl wurde natürlich allseits mit lautem Hallo und Bravo begrüßt, es schien wie ein befreites Aufatmen durch den weihnachtlichen Saal zu gehen, bah sich nämlich wieder einer gefunden hatte, der die Dinge nach ihrem sicheren Werte zu schätzen wußte. Wir saßen uns bann wieder gegenüber, der Kamerad unb ich, er neben seinem herrlichen Ulanen, den er bedeutsam vor sich hingestellt hatte, ich mit meinem bescheidenen Lessing, in dem ich hin unb wieder gedankenvoll und neugierig blätterte Des Kameraden überlegenes Lächeln focht mich nicht mehr an; ich wußte, was ich wissen wollte, der große geistige Augenblick des Abends war doch mein gewesen! Hätte ich aber geahnt, was mir in dieser Affäre noch bevorstand, ich wäre in meinem Hochgefühl doch etwas weniger zuversichtlich gewesen. Am nächsten Tage nämlich, da wir Zöglinge „Ausgang" hatten, sah ich meinen Kameraden mit Verwunderung, wie er sich frühnachmittags in den Waffenrock warf, feinen bronzenen Ulanen unter den Arm packte und zuversichtlich mit ihm in die Stadt ging. Ich selbst blieb an jenem Nachmittage zu Hause Ich hatte gerade begönnern in Lessings kühne», funkelnden Sinngedichten zu lesen, das ließ mich nicht mehr los. Und ich saß auch noch des Abends davor, mit brennenden Schläfen, bei der singenden Gaslampe, als mein Freund vergnügt hereinstolzierte, unter dem Arm ein ganz gewaltiges Paket, das er lächelnd vor mich hinstellte. Er nestelte gemächlich die Schnüre los, entfaltete den Karton und — es lag vor meinen erstaunten Blicken eine stattliche Reihe köstlich in duftendes Halbfranz gebundener — Bücheri „Da schau her, was ein kalter Ulane noch alles wert sein kann", lachte der Kamerad und schlug mir wohlwollend auf die Schulter. O Gott, wie wurde mir da! Stück für Stück legte er langsam vor mich hin: Lessings gesammelte Werke in vier Bänden, Shakespeare in acht, Uhland und Wieland in je drei Bänden! Und das alles hatte sich der Schlaukopf für seinen bronzenen Ulanen eingetauscht! Wir wurde bei dieser Erkenntnis merkwürdig schwül zumute. „Die Bücher stehen dir natürlich sämtlich zur Verfügung," fuhr der Kamerad mit gönnerhafter Gebärde und immer lächelnd fort, „wir haben wohl beide genug daran zu lesen, bis wir alte Generäle sind, meinst du nicht?" Gewiß, ich meinte es, zugleich aber fühlte ich inmitten meiner Zerknirschung so etwas aufsteigen wie eine heiße, verrückte Liebe zu meinem- armen, schmucklosen Lessing, den ich mir so wahnsinnig teuer erworben hatte, Liebe von jener Art, wie sie etwa eine Mutter empfindet für dasjenige ihrer Kinderlein, für das sie die schwersten Opfer gebracht, obgleich es das am wenigsten schöne ist. Das ist die Geschichte meines kostbaren Lessings. Ich lernte trotz aller Enttäuschung daraus, daß der Wert der Dinge nicht immer nur von ihrer bloßen Wesenheit bestimmt wird. Oft ergänzt er sich auch aus dem, was wir aus Eigenem hinzuzugeben haben auf dem Wege zu ihrem tieferen Besitz. Deutsche BAder der „Verkündigung". Ein Kapitel Weihnachtskunst von Walther A p p e l t. Dis meisten Stoffe der Heilandsgeschichte find bis in unsere Tage immer wieder gemalt oder sonstwie künstlerisch gestaltet worden, — trotz der Indifferenz oder gar Skepsis, mit der weite Kreise heute den kirchlichen Dingen gegenüberstehen. Dagegen treten, vorwiegend wohl aus konfessionellen Ursachen, die Verherrlichungen des Marienlebens seit der Reformation mehr und mehr zurück. Unter den Themen, an die wir hierbei vornehmlich denken, steht die „Verkündigung" (Lukas 1) mit an erster Stelle. Gerade sie ist in der frühen deutschen Kunst häufig gebildet worden. Einige der hervorragendsten dieser Werke wollen mir betrachten. Ohne im einzelnen Beeinflussungen und Abhängigkeiten zu suchen, sei ganz allgemein vorausgeschickt, daß viele unserer Künstler sich in Aeuherlich- keiten der — im Aufbau verhältnismäßig einfachen — Szene an italienische Vorbilder angelehnt haben, so die Gemälde von Botticelli, Fra Giovanni Angelico, Filippo Lippi, oder an die Reliefs der Donatello, Pisano usw. Das gilt nicht nur für die Entfaltung eines oft glänzenden Prunkes (besonders im Gewand des Erzengels Gabriel und in der umrahmenden Architektur), sondern auch für gewisse, fast stets wiederkehrende Momente und ausschmückende Beigaben: die niederschwebende Taube des „Heiligen Geistes", das Lesepult der Maria, die von dem Engel überbrachten oder bereits in einer Vase stehenden Lilien. Weitere Hinzufügungen, die der auf naive Anschaulichkeit zielenden Art der deutschen Primitiven entsprechen, sind namentlich in Buchminiaturen anzutreffen. Da ist der Erzengel meist von einem zahlreichen Gefolge umgeben. Aber auch in Gemälden finden wir das, und viele Künstler lassen sogar Gott selbst segnend aus die beiden Hauptgestalten herabschauen (Brixener Dom, Wolfgangsaltar in Breslau, Kölner Meister um 1410, und selbst noch der sog. Meister der Heiligen Sippe, 1810). Nicht anders ist es, man möchte sagen: selbstverständlich, bei unferm Meister Bertram (14. Jahrhundert), der auch eine andere Eigentümlichkeit der deutschen Bilder am augenfälligsten macht: die Schriftbänder, die die Botschaft des Engels an die Jungfrau tragen. Sie beeinträchtigen natürlich mehr oder weniger das rein Bildhafte der Darstellung, zumal wenn auch noch Marias Worte ebenso festgehalten werden (Lübecker Meister um 1420). Darum wohl läßt Stephan L o ch n e r, dessen „Verkündigung" eines der bemerkenswertesten unter den hierher gehörigen Werken ist, den Himmelsboten nur ein Pergament in der Hand halten, das sich dem Bilde passend einfügt. Im übrigen ist die Maria bei weitem der künstlerische Schwerpunkt seines Bildes, das er leicht stilisierend in zwei getrennte Hälften teilt. In Haltung und Gebärde — demütiges Hinnehmen des ihr Bestimmten — der des "Conrad v o » S o e st (Wildunger Altar) frei nachgeschaffen, ist sie die hinreißendste Personifizierung und in ihrer schlicht-frommen Schönheit unerreichte Weihe deutsch-mädchenhafter Zartheit und Innigkeit. Selbst Dürer konnte die ragende Einmaligkeit dieses Werkes huldigender Hingabe nicht erschüttern. Er, dessen Madonnen durchweg mehr fraulich lebensgereifte Züge haben, bleibt gerade im Bemühen um den gleichen Stoff weiter dahinter zurück als in anderen seiner zahlreichen Marienbilder. Der Dürerschen „Verkündigung" und ihrem Marientyp vergleichbar ist die Darstellung des Hermann tom Ring, Ende des 16. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu Stephan Lochner faßt Matthias Grünewald (Jfenheimer Altar) den Vorgang, den er in die Gebetnische eines Domes verlegt, wieder ganz zur Bildeinheit zusammen. Seine Maria, die in Abweichung von allen Vorgenannten noch keinen Heiligenschein trägt, ist geblendet von der stattlich unirdischen Erscheinung des Engels, senkt die Augenlider und neigt unwillkürlich das Haupt zur Seite. Aber ihre wundervollen, im wahrsten Sinne des Wortes „sprechenden" Hände drücken deutlich genug die gottergebene, abgeklärte Bereitschaft aus, zu erfüllen, "ozu sie berufen wurde. Vielleicht sind es nicht einmal so sehr, oder doch nicht allein die eingangs erwähnten konfessionellen Ursachen, die die Künst.er späterhin auffallend das Thema der „Verkündigung" meiden ließen. Vielleicht haben sie auch erkannt, daß die besprochenen Gestaltungen des erhabenen Vorwurfs endgültig sind und bleiben müssen, — daß sie selber nichts als schwächlich-epigonenhafte Abbilder davon hätten hervorbringen können. Vermächtnis der Anirks. Von Hugo von Hofmannsthal. Der soeben erschienene Insel-Almanach auf das Jahr 1928 bringt eine Rede, die Hofmannsihal bei einem Feste von Freunden des humanistischen Gymnasiums gehalten hat. Der Dichter behandelt hier kn einem bedeutsamen Bekenntnis die wichtigsten Fragen unserer Eeistesku-ltur. Die Unruhe ist nach wie vor allgemein, der Zweifel und die Verworrenheit eher im Wachsen als im Abnehmen. Die materiellen Auswirkungen der Katastrophe, durch die wir gegangen find, bleiben ungeheure: aber wir gewahren, daß di« geistigen noch fruchtbarer und noch folgenreicher sind. Wir versuchen, uns zur Klarheit durchzuringen, zu erkennen, was dahingestürzt und was noch aufrecht ist; aber _äer ordnende Sinn in uns selber, der allein zu solchen Urteilen fähig wäre, ist im tiefsten beschädigt. Niemand ist geistesmächtig. niemand scharfsinnig genug, sich über das. zu erheben, was alle und alles umstrickt. Unsere Befürchtungen, die manchmal die Betonung des Schreckens annehmen, finden immerfort und von allen Seiten her neue Nahrung, unsere Hoffnungen sind unsicher und vag; di« stärkste von ihnen, paradoxerweise, ist die, welche wir gerade aus der Größe der Bedrohung, aus der umfassenden Gewalt des Ereignisses ziehen. Es gibt nichts im geistigen Bereich, das nicht versehrt märe. „Der Geist selbst ist verwundet", sagt ein Franzose. „Unsere Welt ist im Untergehen", schreibt ein Deutscher auf sein Buch. „Wir find allein", ruft ein Spanier aus. „Der Europäer von heute steht allein ohne lebende Tote an seiner Seite." In der Tat, das, was fünfzehn Jahre hinter uns liegt, ist so fern, ; von uns, so unerreichbar wie Sesostris und Nimrod. Wir sind ganz allein. Die Geschichte, wenn wir uns an sie wenden, ist kalt und vieldeutig in ihren Antworten wie ein Orakel. Schlagen wir heute ihre Blätter auf, so scheinen uns die Jahrhunderte bis zurück an den Ausgang des Mittelalters von nichts zu sprechen als von dem Kommen des Kataklysmas, das uns heute unter Trümmern erschlägt. Was immer sich im Geistesleben vollzogen hat, von jener Anfangstat des 16. Jahrhunderts an, jener Setzung des Ethos über den Logos, di« wir den Protestantismus nennen — mit dem wissenden Auge, das der heutig« Tag uns gibt, sehen wir in die Kett« der Geschehnisse nicht als di« Vorbereitung deßen, was heute Wirklichkeit wird. Der rückwärts gewandte Prophet heftet den gleichen, eisigen, un- durchdringlichen Blick auf uns wie die Gegenwart selber. Zwischen der Zeit, in -der wir jung waren, und heute liegt ein Abgrund, und einer, dessen Ränder nicht einmal fest sind, sondern der stündlich weiter um sich frißt. Das Begrenzte, auf dem allein wir geistig zu fußen vermögen, ist im Begriff, sich zu verflüchtigen wie Rauch; das Unmeßbar«, die indefinit« formlose Materie unserer Wetterfahrun-g, überflutet den Bezirk unseres Daseins. Das, was sich vollzieht, ist schreckensvoll und kaum mehr deutbar. Es gibt diesem Ungeheuren gegenüber di« Haltungen einzelner: Gebärden der Abwehr, des Stoizismus und der Verzweiflung, aber die Grundgebände des Europäers ist nicht mehr wahrnehmbar, und auch jenen einzelnen Gebärden fehlt es an Kraft und Größe. Da und dort flammt ein jäher Orientalismus auf — auch Rußland ist Orient! —, aber ohne fortreißende Kräfte; und an denen, die ihm huldigen, wird nichts so deutlich wie der Wunsch, allen Ballast abzuwerfen, und wäre es das eigene, denkende Selbst. Achtet man dieser einen Fluchtgebärde nicht, so geht alles darauf aus, sich der „Wirklichkeit" zu unterwerfen. Diese aber wechselt dämonisch ihre Mienen: -denn Wirklichkeit ist geistige Schöpfung» und jene wechselnden Mienen sind nichts als der Reflex des inneren Seelenschwindels einer Menschheit, die zur Schöpfung nicht mehr die Seelenkräfte in sich trägt. 5 Wir leben in einem kritischen Weltmoment, der zu Festen kaum Raum i gibt. Aus Kriegen der Völker und Konflikten der Klassen sind neuartige , Religionskriege geworden, Geisteslriege, um so mörderischer, als sie in i der Holbnacht wechselseitigen Nichterkennens geführt werden; Sekte ringt i mit Sekte, und niemand will es wahr haben, in welch unheimlicher Weife i über Rackst von unsichtbaren Händen die furchtbaren Gewichte des leib« j liehen und des geistigen Behauvtungswillens der Massen lautlos vertauscht | werden: bald verkleidet sich Oekonomie als Geist, bald Geist als Oeko- i nomi«. In der verworrensten der Welten treten sie zusammen und wollen f das Fest der Unverworrenheit feiern, der höchsten Offenbarung geistiger ! Klarheit, die je da war. Das, wofür sie einstehen, ist der Geist der Antike, ein so großes Numen, daß kein einzelner Tempel, obwohl viele ihm geweiht sind, es faßt. Es ist unser Denken selber; es ist das, was den europäischen Intellekt geformt hat. Es ist di« eine Erundfeste der Kirche und aus dem zur Weltreligion gewordenen Christentum nicht auszuscheiden; ohne Platon und Aristoteles nicht Augustin noch Thomas. Es ist die Sprache der Politik, ihr geistiges Element, vermöge dessen ihr« wechselnden >md ewig wiederkehrenden Formen in unser geistiges Leben eingehen können. Cs ist der Mythos unseres europäischen Daseins, die Kreation unserer geistigen Welt (ohne welche die religiös« nicht sein kann), di« Setzung von Kosmos gegen Chaos, und er umschließt den Helden und das Opfer, di« Ordnung und die Verwandlung, das Maß und die Weihe. Es ist kein angehäufter Vorrat, der veralten könnte, sondern eine mit Leben trächtige Geisterwelt in uns selbst: unser wahrer innerer Orient, offenes unverwesliches Geheimnis. Es ist ein herrliches Ganzes; tragender Strom zugleich und jungfrau» licher Quell, der immer rein hervorbricht. Nichts in seinem Bereich ist I“ alt, daß es nicht morgen als ein Neues, strahlend vor Jugend, hervor- treten könnte. Homer glänzt in alter Herrlichkeit alterslos wie das Meer, aoer jeinen Heiden Achilleus hat Hölderlins Seelenblick getroffen, und er steht in neuem, ungeahntem Licht. Heraklit, für ein Jahrtausend nichts als ein Name, ist an den Tag getreten, und seine dunkle Lehre ist heute wieder seelenbildende Gewalt. Die dunkeln ältesten Mythen, eingemauert in die Grundfeste des Werkes der Tragiker, haben in dem wunderbaren Schweizer*), 'dem lange verkannten, ihren Deuter gefunden; noch einmal bereitet sich in seinen Werken, wie einst im antiken Lebensbereich, das Ganze dieser Geisteswelt, vom orphijchen Spruch bis zur mythischen Anekdote, dis ein byzantinischer Spätling überliefert. In der mittelsten Region aber der Naturwissenschaften, dort, wo der Begriff der „Wirkung" den Begriff der „Energie" heute ablöst, wo von den Begriffen Raum, Zeit und Schwere her jenes Geheimnis, das wir zuletzt mit dem Wort Materie bedeckten, einer neuen Enthüllung entgegenharrt, dort, wo das nüchtern-großartige Wort laut wird: Was ich messen kann, das existiert — dort erhebt sich aus den brauenden Nebeln der Theoreme, wie das Licht des uralten, ewig jungen Tages, die Vision Platons von einer Zahlentheorie der Natur und mit ihr die Weisheit des Pythagoras. Moderne Schatzgräber. Von Grasen Carl von Klinkowstroem (München). Deutschland ist, verglichen mit anderen Ländern, nicht übermäßig reich an nutzbaren Bodenschätzen. Der Friede von Versailles und seine Konsequenzen haben uns noch der wertvollsten Lagerstätten beraubt: Erze und Kali im Elsaß, Erze und Kohle in Oberschlesien. So ist die intensive Ausnutzung bzw. Feststellung der uns noch verbleibenden Bodenschätze für Deutschland eine Lebensfrage geworden. Dieser Aufgabe, sind unsere Geologen und Bergleute gottlob vollauf gewachsen, und es gibt wohl kein Land, das geologisch so gut durchforscht ist wie unser Vaterland. Dennoch mögen auch . in deutschem Boden noch abbauwürdige Bodenschätze schlummern, die sich bisher der Erforschung entzogen haben. Wir haben aber gerade in Deutschland in den letzten Jahren eine Anzahl Methoden ausgebildet, die geeignet sind, hier neue Ausschlüsse zu schaffen. Wenn der Geologe den Aufbau des Landes kennen lernen will, so tritt er an eine Aufgabe heran, die nicht so einfach ist. Hinsichtlich der Obor- stächengestaltung bieten ihm dazu die natürlichen Auffchlüsse die nötige Handhabe: Entblößungen des gewachsenen Gesteins etwa an Felswänden, an Flächen steil eingeschnittener Täler und Schluchten, in Flußbetten usw. Ebenso gestatten Steinbrüche, Sand- und Kiesgruben, Eisenbahneinschnitte und Tunnels, Tagebaue, Brunnen usw. vielfache Rückschlüsse auf anstehende Lagerstätten. Dazu treten die geologischen oder bergmännischen Anfschlußarbeiten: Schürfgräben, -stollen und -schächte, Bohrungen, sowie aus der Erfahrung bekannte Anzeichen aller Art. Schon früh hat man versucht, außer diesen realen Hilfsmitteln sich von weiteren, mehr od:r weniger unsicheren Anzeichen leiten zu lassen, wie z. B. durch Pslanzenwuchs, durch die sogenannten Bergschwaden usw., und von alters her hat im Bergbau die vielumstrittene Wünschelrute eine große Rolle gespielt. Ehe wir auf die in neuerer Zeit ausgebildeten geophysikalischen Hilfsmethoden näher eingehern seien dem interessanten Problem der Wünschelrute einige Worte gewidmet. Dieses Problem ist jetzt in manchen Punkten so weit geklärt worden, daß man darüber immerhin schon einige positive Angaben machen kann, die als gesichert gelten können. Abgesehen von rein psychischen Einflüssen, die die Reaktion der Wünschelrute veranlassen können, wie Autosuggestion, Wunsch, Erwartung oder auch unbewußte Deutung etwa perzipierter Bobenmerkmale, stich es zwei Hauptkomponenten, aus denen sich das Problem znsammensetzt: der physikalische Teil, die Wirkung der Reizursache auf das sensible Nervensystem des Rutengängers, die in unwillkürlichen und unbewußt bleibenden Muskelbewegungen ihren Ausdruck findet. Der physikalische Teil ist noch nicht hinreichend geklärt, doch stehen heute Geologen wie Professor Johann Walther (Halle), oder Physiker, wie Dr. R. A m b r o n n (Göttingen), Herzfeld (München) und H a s ch e k (Wien) nicht an, eine tatsächliche Beeinflussung des Rutengängers durch Störungszonen im Untergründe, durch Verwerfungen und Spalten, in denen sich etwa Erze abgesetzt haben oder Wasser zirkuliert, vollauf anzuerkennen. Haschek und Herzfeld sehen die Reizursache in plötzlichen Veränderungen des elektromagnetischen Feldes, und Ambronn hat eine Veränderung der radioaktiven Zustands- größen an solchen Stellen festgestellt, an denen der Rutengänger reagiert. Die physiologische Seite des Reaktiondvorganges ist neuerdings in weitgehendem Maße aufgeklärt worden, wenigstens soweit es den typischen Ausschlag der Wünschelrute betrifft. Es handelt sich um Kontraktions- schwankungen der Brust- und Armmuskulatur, die sich auf die Rute übertragen. Dec schwache Punkt beim rutengängerischen Aufschlußverfahren ist die Deutung der jeweiligen Reaktion, die naturgemäß leicht zu Fehlschlüssen Anlaß geben kann. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß demnächst mit Unterstützung des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage durch einen auch psychologisch geschulten Geologen, Rudolf v. M a l tz a h n München), der zugleich Rutengänger ist, unter Heranziehung berufener Fachleute eine weitere experimentelle Klärung des verwickelten Wünschelrutenproblems in Angriff genommen werden soll. Vhysikalische Apparate in den Dienst bergmännischer Schürfarbeit zu stellen, ist schon ziemlich früh versucht worden. Das einfachste Verfahren dieser Art ist die magnetische Schürfung mittels des Bergkompasses. Im übrigen sei von älteren Apparaten nur das Magnetometer des chwedifchen Physikers R. T h a l e n (1875) genannt, mit dem Erzlager- tätten durch ihren örtlich störenden Einfluß auf das erdrnagnelische Feld estgestellt werden sollten. Tatsächlich hat man auch in Schweden und in Südrußland erfolgreich durch magnetische Vermessung die Ausbreitung von Eisenerzlagern bestimmt. In neuerer Zeit ist nun eine Anzahl Methoden zur Erforschung des Erdinnern ausgebildet worden, die vielfach bereits zu prak- tffchon Ergebnissen geführt haben. Sie umfassen in der Hauptsache e) Böcklin. Messungen über die Verteilung der magnetischen Bestimmungsgriißen m* deren lokale Anomalien, elektrische Messungen, Bestimmung der Au» breitung elastischer und Schallwellen im Erdinnern, StMum der Verteilung 6er radioaktiven Substanzen im Erdinnern oder an der Erdoberfläche usw. Die gesteigerte Schürftätigkeit läßt diese geophysikalischen Meßmethoden heute besonders wichtig und aktuell erscheinen, so daß eine kurze Beschreibung derselben nicht überslüssig erscheint. Die verschiedenen Gesteine, aus denen sich die Erdkruste zusammensetzt, weisen sehr verschiedene Eigenschaften auf: ihre elektrische Leitfähigkeit, ihre magnetischen Eigenschaften, chre Dichte und Schwere usw. gaben Anhaltspunkte für besondere Methoden ihrer Erforschung, die besonders von den Göttinger Physikern G.Leimbach und R.Ambronn ausgebildet worden sind. Die elektrischen Methoden gliedern sich in zwei Gruppen, je nachdem es sich um die Untersuchung leitender oder nichtleitender Gesteine handelt. Erstere waren mittels elektrischer Ströme, letztere mittels elektrischer Wellen durchforscht. Das zuerst genannte Verfahren dient z. B. dazu, um in sonst schlecht leitendem Gebirge einzelne besser leitende Teile — Erzgänge, Wasservorkommen u. ä. — aufzufinden und festzulegen. Durch in den Boden geleiteten Wechselstrom werden die Stromlinien gleichen Ponten- tials festgelegt und kartiert. Deren Konfigurationen geben dann Anhaltspunkte zu Rückschlüssen auf das Vorhandensein und die Form etwaiger bergbaulich wertvoller Objekte. In größeren Tiefen sind die Gesteine im allgemeinen — außer Kohle, Erzen u. a. — völlig trocken und nicht leitend. Dann tritt das Verfahren der Hertzschen Wellen ein. Diese haben die Eigentümlichkeit, daß sie sich nur in nichtleitendem Gebirge ungehindert aus- breiten, von leidenden Schichten aber — z. B. Kohlenflözen — reflektiert werden. Man sendet also die Hertzschen Wellen nach Art der drahttosen Telegraphie ins Erdinnere und kann aus der Art ihrer Ausbreitung feine Rückschlüsse ziehen. Auch die Verteilung der radioaktiven Stoffe im Erdinnern ist zur Er- sorschung des Untergrundes herangezogen worden, denn die Verteilung der Radioaktivität an der Erdoberfläche hängt wesentlich vom Untergründe ab. So erhält man (nach Ambronn) stets eine Erhöhung der Radioaktvität über Verwerfungen, über Eisenerzlagern eine Verminderung. Dieses Verfahren eignet sich auf Grund radioaktiver Messungen zum Auffuchen von Störungszonen in der regelmäßigen Gebirgslagerung, mich unter starkem Deckgebirge, zum Auffinden von Erzgängen unter Gehänge- und Tat- schutt, zur Untersuchung des Baugrundes von Talsperren usw. Zu nicht minder interessanten Resultaten haben die Schwerkraftmessungen geführt. Die empfindlichste Vorrichtung für solche Messungen ist die Drehwaage (Schwerevariometer) des ungarischen Physikers R. von E ö t o ö s , welche die Veränderung der Schwerkraft auf der Erdoberfläche zwischen Punkten von nur wenigen Dezimetern Entfernung zu messen gestattet. Diese genauen Messungen können z. B. dazu dienen, di« Lage einer Verwerfung in schwerem Grundgebirge, deren einer Rand einige hundert Meter emporragt, unterhalb sehr dicker Sandschichten festzustellen ober die genaue Begrenzung «nes spezifisch leichteren Salzstocks gegen das schwerere Nachbargebirge. Mit Hilfe der Methode der elastischen Wellen «Mich läßt sich z.B. die Tiefenlage der Oberfläche des anstehenden Gebirges und des Ausgehenden von Salzlagerstätten unter toniger oder sandiger Bedeckung dort feststellen, wo scharfe Grenzen zwischen Schichten verschiedener Elastizität auftreten. Die elastischen Wellen (künstliche Erdbebenwellen) werden dabei etwa durch Dynamitexplosionen unter der Erdoberfläche erzeugt, und die Fortpstanzungsgefchwindigkeit dieser Wellen läßt Rückschlüsse zu auf die Verteilung dec Elastizität und damit auf den Bau der tieferliegenden Schichten der Erdrinde. Alle diese Verfahren haben sich, von sachkundiger Hand benützt, bereits bewährt. Die Handschuhe der Kaiserin. Eine Novelle von Alfons v. Czibulka. (Fortsetzung.) „Halbregiment de Signe und Regiment Savoyen hatten gestern Rast", entgegnete der Adjutant verärgert. „Versteh' Er doch einen Spaß!" brummte der Hadik. Der Rittmeister überlegte, dann wagte er es. Denn er hielt sich immer etwas auf feine höhere militärische Bildung zugute, die ihm auch die Adjutantenstelle eingetragen. Er gab zu bedenken, daß die beiden feindlichen Korps und die beste Reiterei des Königs doch eigentlich im Rücken des kleinen kaiserlichen Beobachtungskorps stünden, daß auch von Schlesien her preußische Truppen im Anmarsch feien, also mit jeder Stunde der Rückmarsch aus der Lausitz nach Böhmen gefährdeter werde. Belustigt blickte der General auf den jungen Offizier, bann fragte er den Major: „Wohin schaut er, der Moritz?" Der Husarenmajoc, der merkte, daß der General plötzlich bet Laune sei, lachte und gab Antwort: „Den Moritz selbst haben meine Husaren nicht gesehen." Der Hadik tat entrüstet: „Richt gesehen? Nicht gesehen! — Wo stehen denn seine Hauptposten?" „Südlich der Elbe, Euer Exzellenz." „Na also, bann schaut er nach Süden, der Moritz — kapiert?" Selbst der hochmütige, immer ein wenig indigniert und gelangweilt dreinschauende Kolowcat, Reichsgraf und Rittmeister, mußte lachen. Denn so war er, der Hadik. Der aber reichte dem Husaren die Zeitung, tippte mit dem Finger auf die Stelle und sagte: „Les' Er und geb' Cr's bann den andern! Bonsoir die Herren!" Aber der Rittmeister blieb noch stehen und fragte: „Die Befehle für morgen. Euer Exzellenz!" Da lachte der Hadik infernalisch — der Teufel mochte wissen, warum — und gab bann gleichmütig zur Antwort: „Morgen? Morgen ist doch Sonntag? — Feldmesse wie gewöhnlich für meine Heiden, bann Parade acht Uhr! Oder glaubt Er vielleicht, ich reiße aus von dem Moritz?" Die Offiziere waren entlassen. p. Der Sturm, der schon am Nach-,...rage die Molken zerrissen hotte, aus denen seit Wochen eintönig der Regen rauschte, Hütte am Abnb die Luft so rein gefegt, daß man in der stemenUaren Nacht die Wachtfeuer der Preußen sehen konnte. Nun brannte die Sonne schon am frühen Morgen grell und warm über die weiten Wiesen und Auen am Flusse vor Elsterwerda. Sie pflegten nicht lange zu dauern, die Feldmessen des Pandurengenerals. Doch schien es, als hätte es heute der Praedicant noch eiliger als sonst Kaum war er mit seinem Amte zu Ende, so ordneten sich schon die Regimenter auf einem breiten Wiesensirich an dem Ufer der Elster. Vor sich das grüne Land und die sich verfärbenden Wälder, im Rucken das schmale blitzende Band des Flusses hinter Büschen und Weiden. Wie's alle Sonntage war seit fünf langen Wochen. An einem Wäldchen zwischen Städtchen und Lager wartete der Hadik mit seinem kleinen Stabe: dem Koiowrat, zwei Leutnants, einem Kornett und einem Wachtmeister. Mehr liebte er nicht. Der Adjutant sah besorgt nach den nahen flachen Hügelketten und Wäldern. Er begriff den General nicht recht. Auf eine Stunde schneidigen Ritts hinter nicht zu übersehendem Land die feindlichen Borposten, und der Hadik ließ, unbekümmert um alle preußischen Neitergenerale paradieren, als wäre man auf dem Glacis zu Wien. Eine Husarenschwadron war draußen auf Sicherung, sonst nichts. Der Kolowrat hatte nicht lange Zeit, zu denken. Drüben waren die Regimenter erstarrt. Der Hadik stieg in den Sattel. Ein kurzes Tänzeln des ungarischen Schimmels, dann jagte er. sein kleines Gefolge hinter sich, gegen die funkelnden, glitzernden Linien. Der Wind, der immer noch wehte, trug ein zerfetztes Signa! den Arbeitenden entgegen. Es blitzte und spielte die Sonne in dreitausend Säbeln, in Schnüren und Knöpfen, aus Bügeln und Zaumzeug. Schnurgerade standen auf sechs Schritt Abstand die Eskadrons, auf zwölf die Regimenter. Er waren ihrer nicht viele. Es standen im ersten Treffen Regiment Eugenius von Savoyen, daneben sechs Schwadronen ungarischer Husaren, es standen im zweiten Halbregiment de Ligne, zwölfhunderl Panduren und vier Kanonen. Kommandorufe, Trompetengeschmetter: der älteste Obrist flog mit gesenktem Säbel heran, parierte, meldete, warf sein Pferd herum und tagte neben dem Hadik her. So dicht brauste der General an den Regimentern vorüber, daß die von den Schultern wehenden Attilas und Dolmans des Gefolges die Nasen der Eskadronsführer streiften. Das erste Treffen hinauf, das zweite herunter. Mit einem Ruck wandten sich die Köpfe ihm nach. Wie eine Erscheinung war er vorüber. Dann hielt er. D»r Obrist wartete auf den Befehl zur Defilierung. Er wußte ihn auswendig feit fünf Sonntagen: „Regimenter in entwickelter Linie — Galopp! Ader furios 1"--Wehe der Schwadron, bei der eine Pferdenase aus dem schnurgeraden, schimmernden, jagenden Bande hervorsah! Die ließ der Hadik reiten und exerzieren, bis das Vesperläuten aus Elsterwerda herüberklang. Er dachte nicht an Sonntag und Essen, wenn er eine Schwadron kuranzte. Aber der Hadik schwieg. Ritt langsam vor die noch immer erstarrte Front, hielt sah die Linien hinauf und hinunter, als überlegte er. Dann erst befahl er: „Regimentskolonnen mit vieren rechts — Schritt!" Der Obrist sah drein, als hätte er nicht recht gehört, wiederholte mechanisch den Befehl, preschte davon. Denn das war, bei Gott, noch nicht geschehen, seit der Hadik als Pandurengeneral Parade hielt. Verwundert sah auch der Koiowrat auf den General. Sollten ihm die „charmanten Kanaillen" das Temperament verdorben haben? Fast schien es ihm, als hätte der Hadik den Blick bemerkt, denn der schm- nzelte, als er sich langsam an die Spitze der Kolonne setzte. Dann zog er den Säbel. Ein Blitzen über seinem Kalpak. eine kurze Wendung des Kopfes: „Galopp!" Dröhnend, polternd raffelten die Regimenter am Lager vorbei über die noch feuchten Wiesen und Aecker. An Elsterwerda vorüber, wo die Bürger eben vom Gottesdienst kamen, doch nicht weiter glotzten und gafften, weil sie des höllischen Reitens all die Wochen genug gesehen hatten. Kleiner und kleiner wurden die Zelte und schmäler das silberne Blitzen der Elster. Die Offiziere und Reiter sahen einander an. Belustigt die älteren, grimmig die jungen. Das sah dem Hadik ähnlich, am Sonntag Manöver zu halten, statt daß man die Bürgermädels hofieren konnte. Werden Augen machen, die Mädels, wenn sie in den Zelten .nichts als Marode und Fuhrwerker finden! Das Städtchen flog vorüber. Da bog der Hadik hart nach Norden, neben die Poststraße, die heraus aus Elsterwerda führte. Er dröhnte das Pochen von zwölftausend Husen. Es kreischten die Sättel und klirrten die Waffen. Wälder verschlangen die glitzernde, vorwärts schießen de Schlange. Da fiel der Hadik in Schritt. Er sprach fein Work. Regelmäßig nur wie die Schläge einer Uhr kam von Zeit zu Zeit sein Kommando: Schritt — Trab! — Schritt! — Trab! Kam ein weiches Wegstück oder eine weite Wiesenfläche für eine Weile — Galopp. Die Stunden vergingen, die Sonne stieg gegen Mittag, und der Hadik ritt. Manchmal nur nahm er den Kalpak vom Haupt, um sich den Schweiß aus der Stirne zu wischen. Erst am frühen Nachmittag ließ er rasten. Nach einer Sterbe war man wieder im Sattel. Kehrte man jetzt um, konnte man um Mitternacht wieder im Lager sein, wenn der Dessauer nicht inzwischen im Neste saß. Aber der Hadik dachte nicht an Umkehr und ritt, bis die Sonne sank, gleichmäßig weiter. Hufarenpatrouillen jagten, hinter der Kolonne auftauchend, nach vorne zum General. Sie mußten ein Höllentempo reiten, um die Regimenter zu Überholen. Bei jeder, die kam, nickte der General befriedigter. Als endlich auch der Rittmeister jener Schwadron, die am Morgen auf Sicherung gewesen war, an ihn heransprengte, da kam es dem Kolowrat in den Sinn: „Der Hadik reißt aus vor dem Herrn Bruder Moritz von Dessau, Feld- marschall und Prinz!" Grimmig genug sah er drein und ritt, daß den Seinen Hören und Sehen verging. Dann Hütter er aber, dachte der Adjutant, nicht so prahlerisch tun zu brauchen am Abend vorher. . Erst als der letzte Sonnenstrahl über eine flache, sandige Hügelkette ' in eine von Buschwerk bestandene Niederung einfiel, schwenkte der General mit seiner Suite vom Wege ab und ließ die Regimenter passieren. Ausmerlsam musterte er die Seine der Pferde, die Haltung der Reiter, die wohl müde und steif waren, sich aber strafften und reckten, als sie an ihm oorübertrabten. Da strich der Hadik lachend [einen Schnurrbart, sah . den Kolowrat an, zwinkerte und sagte: „Charmante Kanaillen — was?? • Ein Gedanke durchzuckte den jungen Offizier, der sich den ganzen Tag hindurch den Kopf zerbrochen hatte, wohin zum Teufel der Hadik doch reite. Selber sein Einfall schien ihm zu närrisch, als daß er ihn glauben wollte. Dennoch starrte er fragend den Hadik an. Der aber drehte seinen Schnurrbart, nickte kurz und lachte: „Erraten, Rittmeister! Aber halt Er'« j Maul darüber!" j Zwei Stunden später, in einem moorigen, von Tümpeln, Brackwasser ! und Weihern durchzogenen Wald, ließ der General endlich halten und ! abfatteln. Als hinter kleinen Felsblöcken und vom Sturm zerbrochenen Bäumen versteckt, die Feuer brannten, nur das Brodeln der Kessel und das Kauen der Pferde in der stockdunklen Nacht zu hören war, saß der Kolowrat, an einen Stamm gelehnt, allein vor einem Feuer, hatte eine Karte auf den Knien und zirkelte an die zwanzig Male kopfschüttelnd die Entfernung: Elsterwerda—Berlin. Hatten schon am Abend die Wälder der Spree die Kolonnen verschlungen, die unhörbar fast auf dem Moos des Waldes und dem Wald» doden pochten, so waren am folgenden Tage die Regimenter wie von der Erde verschwunden. Daß dreitausend Reiter der Kaiserin durch Brandenburg ritten, wer konnte das ahnen? Erschrocken und ängstlich duckten sich die wenigen Bauern im Moor, wenn, aus einem Waldstück vor- drechend, der glitzernde Heerwurm sich zwischen Tümpeln, Weihern und Seen hindurch wand ober des Morgens und Abends hinter den ziehenden Nebeln schattenhaft wie eine Geisterjagd oorüberbraufte. i Der Hadik ritt, kaum daß ein Schimmer des Morgens sich über die schwarzen moorigen Seen legte, bis tief in die Nacht hinein, da schon da» Mondlicht über die Wasserflächen, über Stämme und Weiden rieselte. In den Kolonnen begann es zu raunen. Niemand, auch nicht die Obristen, wußten das Ziel dieses Reitens. Dennoch ging das Geflüster von Glied zu Glied und sprang über die jagenden, gehetzten Schwadronen: es geht nach Berlin! Doch die Offiziere schüttelten den Kopf. Waren Verwegene genug unter ihnen! Aber im Rücken weit von Thüringen bis Schlesien die feindlichen Armeen — und der Hadik jagte mit dreitausend Mann nach Berlin. Wer mochte das glauben? i III. Verwundert hörte es auch der Feldmarschall Moritz von Dessau, daß seit dem Sonntagmorgen das österreichische Lager vor Elsterwerda verlassen sei. Noch am Abend dieses Tages hatte man die Zelte des Feindes gesehen, lieber Nacht waren auch diese verschwunden. Als der Seydlitz, sein Reitergeneral, jung noch wie kaum sonst ein Major, berühmt wie ein Alter, es ihm meldete, lachte der Dessauer schallend: „Ist den Kanaillen zu heiß geworden, als sie meine Serie spürten!" Ungläubig schüttelte er den Kopf, auf dem der Dreispitz tief in die braune Stirne gedrückt war, als der Seydlitz zu reden fortfuhr, Patrouillenmeldungen wiedergab, bei seiner Meinung verblieb. Aber am Nachmittage jagte eine Stafette zum König nach Eckartsberga vor Weimar. Das zehnte Pferd von den Relaisstationen hatte der Kornett der Seyd- litzkürafsiere zuschanden geritten, als er am folgenden Morgen durch die Gassen des Hauptquartiers fegte. „Zum König!" schrie er, heiser von Reiten und Staub, als eine Gruppe von Offizieren fluchend vor ihm auseinanberftob. Man wies ihm den Weg. — Die Beine schmerzten ihn, als er die hölzerne Treppe de» Rathauses hinaufsprang. Hinter dem meldenden Adjutanten trat er ein. In einem kleinen Zimmer mit einem Bett, einem Tisch und zwei Stühlen, stand am Fenster, wohin ihn der Hufschlag getrieben, die Hände auf dem Rücken, in blauem Rock Friedrich und sah auf den Platz hinunter. Ms er die hastigen Schritte, Klopfen und das Oeffnen der Türe hörte, wandte er sich um. Rasch trat er an den Kurier heran. Während die großen strahlenden Augen fragend auf den Kürassier ruhten, dem die Beine von dem höllischen Reiten zitterten, und der atemlos, aber kerzengerade an der Tür stand, griff der König nach dem Schreiben. I „Er kommt?" \ „Von Sr. Durchlaucht, dem Prinzen Moritz von Desian, aus Torgau, (Eure Majestät!" ! „Wann ritt Er ab?" | „Gestern nachmittag vier Uhr." < „A la bonne heure! Das nenn’ ich reiten!" Anerkennend klopfte der König dem Kornett auf den Arm. „Er kann's zu was bringen! Aber jetzt geh' Er! Laß Er sich Essen geben und leg' Er sich bann schlafen!" Der Kornett machte kehrt unb ging. Da riß Friedrich das Schreiben auf, las es im Gehen, schüttelte den Kopf, sah von der Seite nach dem Adjutanten, der wartete unb die Fliegen an der Deck« zu zählen schien. Der König trat an den Tisch, auf dem die Karten lagen, zirkelte, überlegte. Dann fuhr er auf: „Den Generalleutnant von Manstein! Vit« vite!" Ms sich die Tür hinter dem Offizier geschlossen, nahm der König seinen Spaziergang wieder auf. Sechs Schritt hin, sechs zurück, zwischen Türe und Fenster. In der Linken, die am Rücken ruhte, hielt er bas Papier, bas der Kornett in einer Nacht von Torgau nach Eckartsberga getragen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Sorte, horchte, stapfte oerbroffen weiter, wartete. Nach wenigen Minuten erschien der Generalleutnant. Der König blieb stehen, er war blaß. Aber seine Stimme klang wie sonst, als er den General ansah und sagte: „Hör' Er, Manstein, der Hadik ist aus dem Lager von Elsterwerda echappiert!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: i)r. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.