Samstag, den 3. September Nummer 70 Jahrgang 1927 • SichenerZamilieMStter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Verkündigung. Von Hansjürgen Wille*). Da der Ruf des Engels st« erweckte: „Sei gegrüßt, Marie . . ." Und ein Licht sich ihr entgegenstreckte, Sank sie lächelnd in die Knie. Und ein Duft von Lilien, süßen, zarten, Floß um ihren Leib. In der Ferne wußte ste den Garten Ihrer Kindheit. Und nun war sie Weib. Und sie sah das Antlitz dunkler Leiden Und ein Schwert, das ihr das Herz durchstieß — Doch ihr war es wie ein Tuch, das seiden Sie umhüllte. . . Weg zum Paradies. Plötzlich fühlte sie die hohe Sende: Magd des Herrn . . . Und sie faltete die fchönen Hände, In dem Fenster glomm ein weißer Stern. Lyeik der Jüngsten. Bemerkungen zu einer Anthologie. Von Dr. Hans Thyriot. Klaus Mann, des großen Thomas junger Sohn, und Willy R. Fehse, der bisher, soweit uns bekannt ist, literarisch noch'nicht an die Oeffentlichkeit getreten war, haben im Verlage der Gebrüder Enoch in Hamburg eine „Anthologie jüngster Lyrik" herausgegeben (170 Seiten 8°; 361). Stefan Zweig hat dem Bändchen ein Geleitwort mit auf den Weg gegeben, und dieser Prolog scheint uns das Allerbemerkenswerteste an dieser Sammlung zu fein. So ist es mit dem Geleitwort: wenn hier der nötige Raum zu Gebote stünde, dann sollte man es abdrucken vom ersten bis zum letzten Satz. Weil nämlich das Ganze nicht allein ausgezeichnet durchdacht und geschrieben ist und der Sammlung der Jüngsten ein charakteristisches Gesicht und autoritatives Gewicht verleiht, sondern auch und insbesondere um deswillen, weil hier einmal mit aller Offenheit und klarer Erkenntnis der gegenwärtigen Lage aus- gefprochen wird, wie es — abgesehen von diesem Versuch eines kleinen zeitgenössischen Kreises — heute bei uns um die Lyrik und um die lyrischen Dichter steht, und was man heute in Deutschland von Gedichten hält und zu halten hat. So steht es, und dies hat man davon zu halten: „Kein Geschehnis könnte die längst unleugbare Tatsache, daß lyrische Leistung im gegenwärtigen Deutschland wenig gilt, sinnfälliger veranschaulichen, als die öffentliche Haltung in den vier Wochen seit Rainer Maria Rilkes Tod. Welche beinah anmaßende Gleichgültigkeit, welches rasch Darüberhinweg, was für ein klägliches Stumm fein der zur Rede Verpflichteten, welches Schweigen aus jenem sonst unablässig manifestierenden Klüngel der Repräsentativen! Kein Wort von Staats wegen, keine gesenkte Flagge, keine sichtbar über die ganze Nation hin erhobene Trauer um Einen, der die deutsche Sprache mit Bildern durchströmt und dessen Andenken fast alle dieser Generation durch Reinheit und lautere Leistung zu überdauern gewiß ist. Ein Sechzigzeilengrab, hastig von irgendeinem Kärrner geschaufelt, das haben die meisten Zeitungen dem Unvergänglichen gerade noch bewilligt, Nachruf zwischen lärmenden Nachrichten, eine Handvoll Worte für den, der das Wort zur Welt erweitert und die lyrische Kunst zu einer Vollendung erhoben, wie sie kaum noch Kunst in unseren Tagen bewährt." Ist es nicht so? Kann dies geleugnet werden? Und die öffentliche Haltung nach Rilkes Tode fdjeint uns nur ein charakteristisches Merkmal, ein Ausdruck allgemeiner Stimmung und herrschenden Zeitgeistes zu fein, wie er sich mich anderwärts unverhüllt zu erkennen gibt; wir haben kein Verhältnis mehr zu Gedichten, Lyrik gilt nichts mehr; die Gegenwart, sofern sie künstlerischer Formung Überhaupt geneigt und zugetan sein sollte, sucht dergleichen zum mindesten Überall eher — im Drama vielleicht —, als in der Lyrik, die früheren Geschlechtern, das liegt sehr lange schon zurück, als ': > feinste, geschliffenste, sublimierteste Form künstlerischen Gestawlngsunuens gelten konnte. Ja, die „Zünftigen" sogar, wenn man so sprechen darf, die lyrischen Dichter selbst beginnen bereits, wie es scheint, den Mut zu verlieren; schon werfen manche von Ihnen die Flinte ins Korn, erachten es für die Pflicht der Stunde, dem „Geist der Zeit" gegenwärtig untertan zu fein, fangen an, die Achseln zu zucken und zu lachen über das, was ihnen *) Entnommen der „Anthologie jüngster Lyrik", heraus- gegeben von Willi R. Fehse und Klaus Mann; Gebrüder Enoch Verlag, Hamburg. heilig war und manchem noch ist, tun es schon ab als romantisches An- hängfel, veralteten Zopf, unzeitgemäße Ueberflüffigkeit. Lyrik scheint nicht wertbeständig zu sein; man muh sich „umstellen". Was man von Brecht und Klabund, von der „Hauspostille" und der „Harfe» jule" in jüngster Zeit zu lesen und zu hören bekam, stimmt traurig in* erscheint als eine grelle und unerfreuliche Bestätigung dessen, wovon hier öie Rede war. Wenn nun in der Lyrik — so etwa knüpft Stefan Zweig cm seine einleitenden Sätze an und kommt damit zum Eigentlichen, zu dieser Hamburger Anthologie —, wenn in der Lyrik schon der „ruhmreich Repräsentative" nichts mehr zu bedeuten scheint, wenn selbst seinem Tode Gleichgültigkeit und geschäftige Unbekümmertheit gegenüberstehen... wie hoffnungslos muß es dann mit einem solchen Bücheichen befteOt fein wie diesem hier, das um die lyrische Gestaltung der Allerjüngsten und völlig Unbekannten wirbt! Neunzehn Namen findet man hier vereint, von denen bisher kaum jemand etwas gewußt hat. Neunzehn junge Menschen (zwei oder drei Frauen sind darunter) haben den verzweifelten Mut, chre Gedichte drucken zu lassen und der Oeffentlichkeit vorzulegen. Aus allen Teil«» Deutschlands stammen sie, und nichts ist ihnen allen gemeinsam, als ihre Jugend und ihre — trotz alledem! — heiße und leidenschaftliche Liebe zum „wertlosesten" aller Kunstwerke, zum Gedicht. Der älteste unter ihnen — dies ist einem knappen biographischen Anhang zu entnehmen — wurde geboren im Jahre 1898, der jüngste 1910; die meisten entwuchsen den Jahren zwischen 1900 und 1906. . Wir haben das Buch nicht einmal, sondern mehrmals langsam m* aufmerksam gelesen, und dennoch sind wir ein wenig verlegen, wenn wir nun sagen sollten, was das Eigentliche oder gar das Gemeinsame und Verbindende In der Vielheit der Namen und der Buntheit der Strophen sei. Die Formel — wenn das Ganze schm auf eine Fornwl gebrach werden muß — klingt überraschend und trägt zunächst ein negatives Vorzeichen: es ist außerordentlich merkwürdig, wie fern schm diese jungen Menschen der unmittelbar vorhergehenden und auch härte noch nicht ganz ausgestorbenen Generation stehen, wie wenig der Expressionismus in ihren Gedichten nachklingt. Auch diese Jüngsten sind freilich nicht vom Himmel gefallen, nicht ohne Bindung, Beziehung und Tradition; aber sie haben eine Generation — und gerade die, die ihnen zeitlich am nächsten steht, die wir selbst noch vor wenigen Jahren als di« damals jüngste staunend haben entstehen und vergehen sehen — einfach übersprungen und knüpfen bei der vorhergehenden, der vorletzte«, wieder an. Diese vorhergehende aber — und das ist wohl der überwältigendste Eindruck, wenn man das Buch eine Zeitlang ruhig auf sich wirken läßt — scheint^ sich den jungen Dichtern hier in einem einzigen Namen, einem einzigen Bilde, einem einzigen, großen, musikalisch ausschwingenden Grundakkord zusammenzusügen: in Rilke. Wohl kaum zuvor hat man, was man früher erst ahnte, so finnfättigunb überzeugend, gleichsam greifbar empfunden, wie hier: die ganze Welt« und nachhallende Wirkung der lyrischen Kunst des viel zu früh geschie- denen Pragers; hier kann man ahnungswetfe spüren, wie die begnadete Musikalität eines Einzelnen das spärlich sich äußernde lyrische Gefühl und die künstlerische Haltung einer wahrhaft amusischen Epoche beherrscht. Immer und immer wieder drängt sich beim Lesen (beim Sautiefen zumal) [ein Name auf; und es ist manchmal, als ob diese Allerjüngsten mit ihrem Buche unbewußt (sicher ganz unbewußt) ihr bescheidenes Teil an jener schuldigen Totenehrung hätten barbringen wollen, die der Prolog leider mit Recht weithin vermissen mutzte. Sonderbar ist, wie selten man sich an Hosmannsthal, an George, auch an Werfel erinnert fühlt; einmal, zweimal, flüchtig, äußerlich, in* dann nicht wieder, und man kann sich auch getäuscht haben. Lyrik ist ja das Allerfeinste, Unwägbarste, immer nur mit ganz wachem Gefühl, mit den Fingerspitzen gleichsam im Wesen zu Ertastende unter den Kunstformen; man kann da so leicht verletzen, so bitter Unrecht hm, so schnell und unversehens im gültigen Wertmaß sich vergreisen. Aber der eine Name bleibt: Rilke . . . Und natürlich bleibt dabei auch da», was wir eben „unbewußt" nannten; dieser Hinweis auf den tote« Meister soll und kann in keinem Sinn Verletzendes enthalten, und es ist auch nicht so, daß man etwa den Finger auf ein Gedicht in diesem Buche legen könnte und zum Vergleiche einen Band Rilke daneben auf- schlagen — so ist es nicht. Aber man kann etwa ein Gedicht herausgreifen, das wir für eines der klingendsten und reifften der ganzen Sammlung halten — „Verkündigung" von Hansjürgen Wille, und einmal die erste mtb die dritte Strophe mit geschlossenen Augen sich vorsprechen lassem Da -der Ruf des Engels sie erweckter „Sei gegrüßt, Marie. . . Und ein Licht sich ihr entgegenstreckte, Sank sie lächelnd in die Knie. erber TsAtoburgisches. Von Wolfgang Goetz. Es ist ein Irrtum, zu glauben, datz der Teutoburger Wald mit dem 2ahre 9 n. Ehr. seine Aufgabe erfüllt hätte, um dann zu Der* schwinden. Er ist immer noch da und man kann zu chm reisen; das ist erstaunlich — wenigstens für mich — aber es ist eine ^atsache. Ich habe ihn sehr lieb, obwohl er irgendwie unheimlich ist. Warum er nicht heimlich ist, das ist schwer zu sagen. Seine Gestalt hat etwas von einer gestreckten Schlange, ganz schmal und unendlich lang verwogt er in Gelatine-Kulissen, als hätte sie Caspar David Friedrich gemalt, mit der Ebene unentschieden verschmelzend, die wiederum mit dem Himmel zusammendunstet. So liegt er und harrt. Jüan spürt in diesem Waldgebirge die Zeit schrumpfen. Es lagen, wohl ehedem noch ein paar gestürzte Bäume mehr umher, sonst wird er vor zweitausend Jahren kaum anders ausgesehen haben. Kein Mensch begegnet uns. Das Wild in schönen Dudeln allein grast durchs Gebüsch, hier und da am Boden erzählen blutige Federn von grahllchem Kampfe. Dumpfe Damen einzelner Plätze künden verschollene Taten nebelhaft gegenwärtig. Dieses Waldes Schweigen ist erschütternd, nichts regt sich. Man meint, die sinkende Sonne, di!e oben in den Wipfeln grünlich sich verspielt, da wir schon im Schatten schreiten, müsse ein wenig klingen. Aber die Bäume stehen nur, hinauslangend und immer wieder erwartungsvoll. Fast ist es freundlicher, toenn der Sturm darüberrennt, wenn Blitzschlag den,Donner drangt und der Degen niederbricht. Dann beginnen die Bäume von innen her zu glühen, hell, als schiene der Lief verborgens Mond. Aberdie Stämme dröhnen nur verbissen, wie der Orkan an ihren Wipfeln reißt, als wäre die Stunde noch nicht, da sie zu reden haben. Die Herren zu Lippe pflegten ihr Wild eifersüchtig. So^sind die Wildgatter in einem bewunderungswürdigen Zustand. Die Tore, die hindurchführen, sind kleine Labyrinthe und schwer, zu offnen. Mit Gewichten beschwerte Ketten ziehen sie zu; es kann jeweils nur ein einzelner hindurch. An einem solchen Pförtchen sah ich beglllckt zum ersten Male in meinem Leben eme Mooshutte, „deren Dasein ich wie das der Dasenbank, nur aus roniantischen Buchern kannte. Lind aus der MooMütte kam etwas nicht minder Verwunderliches, wie das Gehäuse, das es umschlingt. Krumm gezogen zu einem rechten Winkel, eine Soldatenmütze auf dem Kopf, das gute alte Fischergesicht voll tausend Dunzeln. Dies Mannen verdient sich fein Geld, indem es das Tor den Dorbeikommenden öffnet. Mem Begleiter, ein hoher Degierungsbeamter, an dem ich die wechselnde Fülle huldvoller Ansprachen bewunderte, nut der er alle Welt bedachte, spricht den Llrgreis an. Das wäre wohl eine Mutze von siebzig her. Es hält etwas schwer, bis das Mannlem, versteht. Aber dann wird seine Miene verächtlich. „Aüö," sagte es, „nao, ich war doch schon 64 veel zu alt zum Krieg spielen." Meinen freundlichen Höfling dreht es einmal um sich selbst. Ich stehe am Wildgatter und kann mich gottlob festhalten. Mit kleinen Kindern vermag man sich allerhand zu unterhalten, aber hier klafft unüberbrückbar eine Kluft. Wir sind verlegen, verloren. Die Zeit steht wieder still. Don unten her schauen uns zwei wasserblaue Augen an, wir glauben, einen leisen Spott darin zu sehen. Wir irren uns wohl, diese Augen sehen durch uns hindurch ganz andere Dinge als den Höfling und den armen Schreibersmann. „Ich denke, das ist verboten, so all zu werden, stottert mein vielgewandter, listenreicher Freund endlich. Die alten Augen lächeln. „Aäö, is nich," murmelt der Mund, „es gibt ja doch viel ältere als mich." Und es ist Trotz in dem Blick und wie eme Ditte. Ich muh an die Bäume dieses Waldes denken. Wir geben unmähiges Trinkgeld, und schweigend schreiten wir weiter, wahrend bas Männlein in seine Mooshütte kriecht. Zu Hause schwadroniert der Freund, er habe heute einen Herrn kennengelernt, dessen Groh- Vater noch eine Photographie von Hermann dem Cherusker nur eigenhändiger Widmung erhalten habe. Das mit der Photograpyw ist natürlich Schwindel, aber sonst bin ich im Zweifel, ob es doch vielleicht so ein wenig gewissermaßen — nicht wahr? Der Hermann. Es ist ein wunderliches Denkmal. Man kann es nämlich nie und nirgends von vorne sehen. Immer nur die Kehrleite Bietet sich bar. Soweit man also ein Urteil aussprechen kann, Ichon ist es nicht. Aber so häßlich wie es vor zwanzig Jahren etwa gewesen sein mag, ist es boch schon nicht mehr. Das „macht, es ist etwas vran von dem seltsamen Wann, des es schuf ein ganzes hartes ^eb. hindurch gegen tausend Widerstände, und der die Augen sHwv, als bas Werk vollbracht war. Es ist riesig, viel riesiger als die Porta, der Khffhäuser oder das Dölkerschlachtdenkmal, obschmi e? sehr viel kleiner ist als bas kleinste von denen. Quantitäten macyre^ noch nie. Auch die Jnschristen — sie sind vom Schöpfer Bandet übunq noch nicht verloren, wem die innere Gelassenheit und heimliche Freude am lyrischen Werk noch nicht verkümmert ist . - - der lese dieses Buch, langsam, geduldig und mit Besinnung —: er wird sich nicht unbelohnt finden. „ ,, r Wir aber, die wir am Ende sind, wissen uns zum Beschluß unserer Ankündigung keine bessere Säße als diese, die wiederum dem Geleitwort von Stefan Zweig entnommen sind: „. . . ich wünschte schr, es würde hier einem Dutzend junger, leidenschaftlich strebender Menschen ein Zehntel der Aufmerksamkeit gewidmet wie einem neuen Film oder einer belanglosen Premiere ... der Sinn dieses Buches ... ist nicht schon Endgültigkeit sondern Ermutigung, nicht Abschluß sondern Anfang. Hat es ein paar dichterisch gesinnte und dichterisch beseelte junge Menschen aus ihrem Wege bestärkt und auch nur eine m stark „Begabten um emen Schritt vorwärts geholfen, so scheint mir sein Dasein schon reichlich gerechtfertigt unter den alljährlich dreitzigtausend des deutschen Buchkatalogs." Und sie sah das Antlitz dunkler Leiden Uiid ein Schwert, das ihr das Herz durchstieß Doch ihr war es wie ein Tuch, das seiden Sie umhüllte . . . Weg zum Paradies. Mit diesen Versen glauben wir das eben „ Gesagte am besten hellen zu können; spürt man den Rilketon m ihnen? Und wer bei kurz abbrechenden zweiten Zeile der ersten Strophe stutzt sie s nicht von seiner Art —, wird cs beim uberfließenden dritten Vers der nächsten Strophe doch wiederum bestätigen. Dies sind Emzelhetten, die vielleicht kaum wesentlich sind; aber der Gesamteindruck laßt sich weder bei diesem Gedicht noch bei der ganzen Sammlung verwischen. Und es kam uns darauf an, das an einem Beispiel fühlbar zu magjen. Oder ein anderer ist da, heißt Wolf Bierotte, 190b geboren, „lebt in Köln, der leitet die Anthologie ein mit den drei „Gleichnissen einer iunaen Leidenschaft; und bei ihm findet man so ganz formgebundene, einer strengen und in sich ruhenden Bindung Angegebene Vierzeiler wie diesen: _, ,, ... . . Wenn ich mir jemals Schmerzen schon begehrte. So war es nie, daß ich mich Dir entwände, Nur daß ich tiefer Dir mich stets verbände Und Heller spürte, wie ich Dich entbehrte . . . Oder Jürgen Eggeb recht; der erzählt in ein paar kurzen Sätzen solches von 'feiner Knabenzeit: „. . . Später lockt mich die Freiheit der Felder. Ich bestehe heldische Abenteuer zwischen dunkelnden Fohren, und alsbald empfängt mich eine alte überfuntelte Stadt. Der eklige Lehrer! Immer fragt er, „Wo liegt der Popocaiepetl?" und „o yziovo; heißt?" „Das Kamel." „Falsch! Es genügt fürs ganze Vierteljahr. Ich werde es deinem Vater miiteilen. — Das Maultier heißt es. . . . der singt sich nun hier dieses Lied „Auf der Wanderschaft", und es ist m seiner Einfachheit und Unkünstlichkeit eben als lyrisches Stück das beste von denen, die er zu der Sammlung gab: Jeden Morgen bin ich aufgewacht. Jeden Abend schlief ich wieder ein. Untertags und bei der Mitternacht Wandelte mit mir der Sternenschein. Und ich träume mir den Frühling vor. Und ich höre, wie der Brunnen rauscht. Und das Leben singt an meinem Ohr altes Lied, dem es verwundert lauscht. Etwas Neues? Nein. Weder im Gedanklichen, noch im schlichten Maß der Zeilen. (Man könnte das kindlich, unbeholfen, primitiv klingende dreimalige „Md" in den ’Bersanfängen der letzten Strophe fast für einen sehr bewußten, literarisch raffinierten Kunstgriff ansehen; aber so hört sich das Ganze nicht an.) Wir empfinden nur, wie Naturlaut und Grundstimmung echter lyrischer Begabung hier versonnen zu Wort kommen. Wenn man bei Wolfgang Hellmert (Berlin, geb. 1906) ein Stück findet, das „Vorfrühling" überschrieben ist, und das so beginnt: Ein altes Fräulein geht durch die Allee..., dann möchte man zwischen Hofmannsthal und Werfel schwanken; aber das bleibt nicht hasten; in andern Versen wendet man sich wieder zu Rilke. Schon Ueberschriften wie „Hyacinths Gebet" und „Narziß" weisen in Vorkriegszeiten zurück, deuten die, einen Uebergangsstil völlig auslassende, merkwürdige Generationenverbundenheit an. Anderes liest man freilich daneben, wo alle Anklänge taub werden („Kinderkreuzzug", „Herbst- abend"), und wo das peinliche Gefühl verkrampfter Ekstase und ungesunder Ueberhitzung als letzter Eindruck zurückbleibt. David Luschnat ist wohl der älteste des Kreises und zahlt zu dm Wenigen, für die dieses Buch nicht dm „ersten Atemzug Oeffentlich- keii" bedeutet; er entwächst auch mit der klaren Formsestlgkelt und gedanklichen Schwere seiner Verse schon ein wenig der in so vielem spürbaren Jugendlichkeit der Gemeinschast, die in der Anthologie sich gesammelt hat. , Eine sanfte Beryeuse (für Marie Renee an ihr Kind) mochten wir von W.H.J.Maaß, Hamburg 1901, festhalten; ihr sind die folgendm Worte entnommen: . . . Noch bist Du mein Eigen wie mein Schmerz und Blut; muß ich einst Dir schweigen — bleibe mein und gut! Nur drei Junge gibt es in dem Buch, in deren Gedichten man einen Nachklang vom Expressionismus zu spüren meint — Herbert Schlüter, Hanns Bogts und Georg Zemke —; es „scheint uns bemerkenswert, nach dem zuvor Gesagten, daß von den dreien nicht die stärksten Wirkungen des Bandes ausgehen; motivisch vielleicht am ehesten in ihre Nachbarschaft zu stellen wäre W. E. Süskind, obwohl er stilistisch ganz eigne Wege geht; seine Gestaltung kreist — ähnlich wie bei dem hier nicht vertretenen, mit der jüngsten Kleistpreisehrung bedachten Martin Kessel — um das Erlebnis der großen Stadt. Von den Frauen des Buches fei Maria Luise Weißmann genannt; E' ist 1899 zu Schweinfurt am Main geboren, hat bereits Einiges drucken ff en können und kommt hier mit etlichen Versen aus ihrer „Robinson - Dichtung zu Worte, die eigenes Gesicht, persönlichen Klang und übrigens gar nicht ausgesprochen frauenhaften Charakter tragen. Dies sind nun bloß einige flüchtige Anmerkungen und Proben, die einen ungefähren Umriß von Art und Wesen dieses neuen Bandes geben mögen; ausführlicher davon zu sprechen und an die vielen Fragen zu rühren, die sich, im Großen und Kleinen, vor einer solchen Sammlung auftun, verbietet die Rücksicht auf den verfügbaren Raum; erschöpfend würde wohl freilich, wie uns bedünken will, auch eine Betrachtung vom doppelten Umfang dieser Zeilen nicht sein können. Uns genügt es, auf das Buch an sich hingewiesen zu haben und vor allem auf die in mehr als einem Sinne besondere Bedeutung, die ihm als einem, obzwar bescheidenen Dokument der geistigen Bemühungen der Gegenwart zukommt. Wem der Sinn für die stillste, weltabgewandteste, geschäftsloseste Kunst- mm if dem gewollten Kurse sein« Bahn, bis am Besteckaüfnahme wiederum die Richtung prüft Weit! UNd : sind seltsam; sie erinnern an ganz moderne EM und legen den Gedanken nahe, eine Arbeit zu schreiben:Friednch Ludwig Jahns Einfluß auf die neusthvchdeutsche Prosa. Aber das tut alles nichts. . m7Cm pilgert hier auf den Kegel, der seitab vom Gebirge steht, Staatsvisite der eigenen Vergangenheit zu machen rn Tagen, denen es höchst zweifelhaft erscheint, ob das Weltgericht mcht doch nach den Gründen fragt. Man muh Glück haben. Denn durch den Wald dröhnen zum Willkomm Posaunen, wunderlich«^ Instrumente, die zugleich aufrufen und stillen. Wenn diese -^otenstllle auf solcher Fahrt derartig unwahrscheinliche Töne 9“^«^ so wird man un weinerlich ein Opfer seiner Sentimentalität. Das Aatftl lost sich beim Anblick des Denkmals. Auf dem Rundgang zu Fußen Hermanns, wo man dann in das Land schauen kann, guckt ein blmrder Mädelkopf neben den anderen über die Brüstung. Bethel hat seine Höalinae entlasten und nun singen sie di« ,este Burg. Das aber dröhnte erwideriid den Weg hwauf. Abseits unter alten llich«i ganz allein nicht umbrandet von Menschmgetümmel, steht em klotziger Stein' Der Name Bismarck steht darauf. Vsm NLTvsusystem der Ozeanriesen. Von Dr. Dr. Gerhard Benzmer. Die fortschreitende Technik hat auch der Gestaltung unserer Ueber- jeedampser ihren Stempel aufgedrückt, sie hat em ganzes Arsenal von Hilfsmitteln geschaffen, die auf die verschiedenste Art und Weise dem obersten Gesetz an Bord, der Sicherheit des Schiffes, dienen. Bon allen diesen mannigfachen Einrichtungen bekommt man nirgends ein« so lebendige Vorstellung, wie auf der Kommandobrücke eines modernen Ozeanriesen, denn dort befindet sich recht eigentlich das Gehirn des ganzen gewaltigen Organismus; hier laufen alle jene fernen Fäden zusammen, mit denen das Nervensystem des Schiffsleibes teils von außen her Empfindungen aufnimmt, teils Reize zur Bewegungszentrale, der Maschine, aussendet. Ueberall auf der Brücke und in dem ihr an- oeschlossenen Steuerhaus« blitzen Apparate und Handgriffe, und lener biedere Kapitän, der vor gut hundert Jahren das erste Dampfschiff über den Atlantik steuerte, würde sich, wenn er plötzlich wieder zum Leben erwachte, auf dem Kommandostand eines großen Ozeandampfers unserer ' Tage wahrscheinlich fühlen wie ein Hinterwäldler in den Straßen einer heutigen Weltstadt. _ . Das erste, was dein aufzusallen pflegt, der den Kommandostand emes neuzeitlichen Riesenschtfses betritt, ist die zunächst verblufsende Feststellung, daß sich das Steuerrad — wie von Geisterhand bewegt — ständig hin und her dreht, ohne daß eines Menschen Hand es bedient. - » Der Kreiselkompaß ist es, der dem Menschen diese Arbeit abaenommen hat und der das Schiff in Verbindung mit der selbsttätigen Steuerung sicherer auf dem vorgeschriebenen Kurs hält, als es je Auge und Hand des Steuermannes zu tun vermöchten. Wie hat man sich die Einrichtung des Kreiselkompasses vorzusMtlen? Bekanntlich dient seit alten Zeiten di« Magnetnadel mit ihrer Eigenschaft, sich durch die Wirkung des Erdmagnetismus in dl« Sud-Nord- NichUlna einzustellen, als Schiffskompaß. Bessere Dienste aber noch leistet «in sich rasch drehender und beweglich aufgehangter Kreisel, der sich infolge der Erddrehung genau in den Meridian einstellt, und mit dem es ,ormt ebenfalls gelingt, eine bestimmte Richtung auf der Erde festzulegen. Diese Einrichtung hat vor dem alten Magnetkompaß auch noch den beträchtlichen Vorteil, daß sie in der Genauigkeit ihres Arbeitens durch das Vorhandensein großer, besonders in Bewegung befindlicher Effen- ' massen nicht beeinflußt wird, wie es sich beim Magnetschrffskompaß bei den eisernen Maschinenschiffen so überaus störend bemerkbar machtz Das Wirksame am Kreiselkompaß ist ein nach allen Richtungen beweglich auf- aehänater Kreisel, der durch einen Elektromotor in Bewegung gesetzt wird und in der Minute 20 000 Umdrehungen ausführt. Dieser Kreiselkompaß ist in sinnreicher Weise elektrisch mit der Steuermaschine des Schiffes o verbunden, daß jede noch so geringe Abweichung vom fest- aeleäten Kurs durch die entsprechende Bewegung des Kreisels einen elektrischen Strom auslöst, der alsbald die Steuermaschine in Bewegung setzt und das Schiff auf die gewollte Bahn zurückführt.. Stimmt die Richtung des Schiffes wieder mit dem feftgelegten Kurse überein, so erlischt die steuernde Kraft, bis eins neue Abweichung wieder selbsttätig die Tätigkeit der Steuermaschine auslöst. So geht es in fortwährendem Wechselspiel Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Der Mensch muß seine Ordnung haben. Sie Hausen da allein auf Ihrer Stube. Ei, heiraten Sie doch. Sie haben ja das kanonische Alter. „Ich, heiraten?" „Ja, fa. Ich habe gar nichts dagegen. „Aber du mein Gott, wen denn?" „Das ist Ihre Sache. Sie sind das reine Kind. . <( „Ich Hatz' gar keine Damenbekanntschasten, Herr Marnnms. ",Dte finden sich, wenn Sie nur Ernst machen." „Nein, wirklich, mir fehlt jede Gelegenheit. ' Die Sache eilt ja auch gar nicht. Man kommt mal auf so was. "Cs ist jedenfalls sehr freundlich von Ihnen, Herr Martmius. Na, einen Schub wird man Mnen geben müssen. Da fallt nur ein. Wie wär's denn mit der Leinen Dorichöfer?" . Edi schnellte von seinem Stuhl in die Hohe und sab’ ich meinen Hut ausgesetzt und bin fort und hab' keinen Schritt mehr ins Geschäft getan." „Das war sehr hübsch, Fräulein Peppi, daß Sie so festgeblieb en sind." „Wie man z« Haus angehalten wird, Herr Stavens." „Und dann find Sie stellenlos geworden?" „Nur sieben Wochen. Zum Glück hab' ich von einem weitläufigen Verwandten die Empfehlung an den Herrn Martinius gekriegt. Und jetzt bin ich hier. Wie's hast so geht in der Welt." „Es will wirklich etwas heißen für ein junges Mädchen, so allein in die Fremde zu gehen." „Und obendrein, wo man so am Familienleben hängt wie ich." „Ach ja, Fräulein Peppi, da geht nichts drüber." „Da wird's Ihnen jetzt auch kurios vorkommen, daß Sie die Junggesellenwirtschaft führen müssen." „Man wird's leid, Fräulein Peppi. Sie hätten die Mutter kennen müssen, wie sie noch nicht glledertahm war. Da ist kein Tag vergangen, „Wenn’s Ihnen Spaß macht, gewiß." „Also Achtung, Werminghaus. Lebensgeschichte des Herrn Paul Martinius in London: Von neun bis sechs Uhr Bureaudienst im Hause der Herren Herbst Brothers unterbrochen von einem spärlichen Luncheov bei William Pelps. Halb sieben Ankunft Liverpoolstreet 47. Drei Treppen links. Stube nach hinten heraus. Ameublement: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kleiderspind, ein Pianino. Herr Martinius macht Toilette. Hefter. Sechs Pensionäre essen wie die Wölfe. Martinius in [ein Zimmer und spielt Klavier. daß sie einem nicht die Sachen zurechtgelegt hat. Und da durst' kein Fisselchen an meinem Anzug sein." „3a, das freut einen, wenn man’s den Männer i so recht behaglich machen kann." „Jetzt muß ich mich schon so bet)elfen." „No, Herr Stevens, wenn Sie sich nach einem braven Mädchen Umschau en, Spien kann’s doch wahrhaftig nicht fehlen." Edi blieb stehen. Das Herz schlug ihm bis an den Hals und er rang nach Worten. „’s ist doch so ’n eigen Ding, Fräulein Peppi." „Ich wollt' mich schon getrauen, für Sie Umfrag' zu halten." „Wann ich mir dazu nur selbst ein Herz fassen konnf." Die kleine Peppi sah ihn voll an und ein schelmisches Lächeln umfptette ihren hübschen Mund. „Und wen würden's dann fragen, lieber Herr Stavens?" Er zitterte wie Espenlaub und brachte nichts heraus. Sie aber hatte Mitleid mit ihm und legte ihr Köpfchen sanft an feine breite Brust. Da preßte er sie an sich, daß ihr der Atem verging. Und er schluchzte wie ein Kind: „Peppi, meine liebe Peppi!" IV. Im Portal des „Athenaeum" in London trafen in später Nachtstunde zwei junge Deutsche zusammen, die bei schneidender Kälte einen weite» Weg zurückgelegt hatten und sich vor dem Schlafengehen noch an einem kräftigen Trunk erlaben wollten. Beide waren Sohne rheinischer Groß» taufleute und Volontäre im Hause der Herren Herbst Brothers. „’n Abend, Werminghaus!" „Sieh da, Büsgen! Woher?" „Shaftesbury. Und Sie?" „Alhambra." „Gut amüsiert?" „Nee, ’s war langweilig." „Na, tun Sie nur nicht fo. Wenn Sie erst wieder in Ihrem Reutz beim sauren Kutscher sitzen, werden Sie noch manchmal an die Alhambra denken." „Soll wohl sein. Aber man wird blasiert hier." Sie traten in einen der eleganten Restaurationsräume und bestellte» beim Steward, der Sie als Stammgäste mit einer gewissen Vertraulichkeit begrüßte, zwei steife Grogs. „Was haben Sie gestern getrieben, Büsgen?" „War bei Edward Smith. Musikalischer Abend." „Ach Sie! Mit Ihrer ewigen Familiensimpelei!" „Ja, lieber Werminghaus, wie soll man sonst seine Sonntage hier totschlagen?" „Wer war denn da?" „Unter anderen Miß Carmen Aberdeen." „Haben Sie wieder den angenehmen Schwerenöter gemacht?" „Wissen Sie was, Werminghaus?" „Na?" „Ich hätte Lust, der Miß Carmen einen Heiratsantrag zu machen." „Zum wievielten Male haben Sie sich denn hier verliebt?" „Sie wollen mich wohl konttollieren?" „Nee. Aber es ist zum Tottachen. Wo Sie eine semmelblonde Miß 'mal anlächett, haben Sie gleich einen Heiratsantrag in petto. Sie wollen wohl einen Mormonenstaat in Uerdingen gründen?" „Sie als Moralprediger, Werminghaus?" „Ich habe Prinzipien, lieber Büsgen." „Und was für welche?" „Mein Akter hat mich nut dem geistreichen Spruch nach London geschickt: „Lernst du was, so kannst du was!" Na, gelernt hab’ ich nichts, aber amüsiert hab' ich mich." „Glaub’s Ihnen." „Bei uns Werminghaus’ geht feit Anno Tobak alles programmäßig: Gymnasium. Wenn’s hoch kommt, Obersekunda. Mit zwanzig Jahren dienen. Dann Commis voyageur, um die Kundschaft kennenzulernen. Dann London. Mit sechsundzwanzig Jahren heiraten wir. ’ne Cousine oder sonst was Gediegenes aus der Umgegend. Keiner muckst sich. Und was sind wir für Kerle!" „Na und ob! Hol mich der Teufel! Da fitzt ja Martinius." . „Martinius, he!" Der Gerufene sah auf, legte seine Zeitung beiseite und kam herbei. „Wie kommt Saul unter die Propheten?" ulkte Werminghaus. „Ich habe drüben Schach gespielt", sagte Paul, „und wollte noch eben ’mal die Zeitungen durchsehen." „Nehmen Sie doch ’n bißchen Platz", lud ihn Büsgen ein. Paul schob einen Stuhl herbei. „Wann geht’s denn heim?" „In sechs Wochen, denk’ ich." „Sagen Sie ’mal, lieber Martinius, was haben Sie eigentlich VK London gemacht?" fragte Werminghaus. „Darf ich für Sie antworten?" scherzte Büsgen.