SietzenerKmiilienbliitler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, den 2. August Nummer 61 Ritt int Mondschein. Von Achim von Arnim. Herz zum Herzen ist nicht weit Unter lichten Sternen, Und das Äug', vom Tau geweiht. Blickt zu lieben Femen. Unterm Huffchlag klingt die Welt, Und. die Himmel schweigen; Zwischen beiden mir gesellt. Will der Mond sich zeigen. Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande. Doch nun flieht er scheu empor, Glänzt im reinen Lichte, Und ich scheu« mich auch"vor Seinem Angesichte. — Der Tod des Freundes. Von Erich Ebermayer. Ein heißer, sonniger Maitag des Jahres 1805 ging endlich zur Neige. Die Hitze lagerte noch schwül in den engen Straßen Weimars, und an den niedrigen Häuserreihen rechts und links der Gasse waren die Fensterflügel weit geöffnet, um die erhoffte Kühle des Abends in die dumpfen Stuben einzulassen. Vor den Haustüren hatten sich allerorts Gruppen schwatzender Bürger gebildet. Kinder spielten in den Gärten ihre letzten heißen Spiele vor dem Schlafengehen. Die, Erwachsenen sprachen nur gedämpft heute abend, als bände sie irgendein Gemeinsames, das ihnen nicht erlaube, so harmlos laut wie sonst zu sein. Ihre Gesten warm hastig und verhalten, ihr Sprechen eher ein Flüstern und bedächtig-ernstes Einanderzunicken. Unruhe lag über alten. Eine geheime, mühsam beherrschte Unstetigkeit fieberte durch die Stadt. Am Markt, der sich in der Dämmerung übergrüß aäsnahm, war Jugmd versammelt. Wagen waren auf einer Seite aufgefahren, die Mitte des Marktes jedoch war schwarz von einer Kopf an Kopf sich drängenden Mmge. Halblautes Gemurmel vieler Stimmen erfüllte hier die Luft. Studenten aus Jena waren herübergekommen, und zwischen ihnen standen eingekeilt die Jüngeren, Gymnasiasten und Handwerksburschen. Keiner mochte nach Hause gehen heute abmd oder sich in eine der Kneipen setzen, die leer waren, und deren Wirte sich mißmutig unter die Bürger gemischt hatten. Allmählich wurde es völlig finster in den Straßen. Aus den Fenstern leuchtete erster Lichtschein: Mütter, die ihre Kinder zu Bett brachten, während die Väter noch draußen, vor dem Hause standen. Im Dunkeln ballten sich die Wartenden zu unkenntlichen, kaum bewegten grauen Klumpen, aus denen dann und wann sich eine Gestalt loslöste, um schnell, als ob sie das Alleinsein fürchtete, mit einer anderen Gruppe zu verschmelzen. Bet Goethe brannte nur nach der Straße zu Licht. Ein einziges Fenster hart unterm Dach war erleuchtet, sonst lag das weite Haus in völliger Dunkelheit. Im Arbeitszimmer ließ der Widerschein des blassen Himmels die Umrisse der Möbel gespenstisch aus der Dämmerung ragen. Die beiden kleinen Fenster nach dem Garten zu standen offen; fliederschwere Abendluft drang herein. Meyer hatte den Stuhl des Meisters ganz nahe an das rechte Fenster gerückt. Er hatte es so gewollt. Auch >daß kein Licht angebrannt würde, hatte er befohlen. Niemand solle vorgelassen werden, Boten jedoch, die Nachricht für ihn hätten, seien keinesfalls abzuweisen. Seit dem Abendbrot saß er nun, ohne sich zu bewegen, in seinem Stuhl am offenen Fenster und schaute hinaus in das dichte Gezweig des Gartens und in den Abendhimmel. Goethe war heute nicht gesprächig. Ob man ging und ihn allein ließ? Ob er es wünschte? Sollte man fragen? Nein, besser nicht, er würde es andeuten, wenn er allein sein wollte, er tat es sonst ja auch. Ahnte er was die ganze Stadt befürchtete? Niemand hatte mit ihm davon zu sprechen gewagtz keiner hatte eine Andeutung gemacht, daß seit gestern mittag sich die Krankheit zum Schlimmen gewendet hatte, und daß nichts, nichts mehr zu hoffen war. Es galt, ihn zu schonen, denn noch zeugten die tiefen blauen Ringe, die seifte Augen unterhöhlten, von der kaum überstandenen Krankheit. Wie würde er es tragen, das, was kommen mußte, letzt atwr morgen oder übermorgen? Würde der Wille, der riesenhafte Wille, auch diesmal wieder Herr über den noch kranken Körper bleiben? Meyer ging im dunklen Zimmer auf und ab, die Dielen knarrten unter [einen Tritten. Er konnte nicht mehr ruhig neben ihm sitzen, wie seit Stunden schon. Es war qualvoll, dies warten und nicht spreche!: dürfen von dem, was die Gedanken doch einzig ohne Unterlaß umkreist« . . . Da regte sich die große Gestalt am Fenster, und seine Stimme, die heut« milder und weicher klang als sonst und alle Schärfe vermissen ließ, sagte: „Kommen Sie, Meyer, setzten Sie sich zu mir, hier sicht Ihr Stuhl, kommen Sie her." Dann saßen sie wieder nebeneinander am Fenster und atmeten schweigend die schwere Nachtluft. Die Decke war von Goethes Schoß herab- geglitten, Meyer hob sie auf und legte sie von neuem um seine Knie. Ohne den Versuch der Abwehr, der sonst nicht fehlte, ließ er es geschehen. Später fragte er: „Wie spät ist es?" Meyer konnte es aber nicht erkennen, und als er aufstchen wollte, um Licht zu schlagen, drückte ihn die schwere Hand des anderen auf den Stuhl zurück. „Bleiben Sie, lasten Sie. Es muß ja von den Türmen schlagen. Dann werden wir es hören." Vor dem Fenster balgten sich kreischend drei Spatzen um einen Bissen Semmel, den Rest des Brotes, den der Diener hinausgelegt hatte. Goethe beugte sich vor, um dem Kampf bester zusehen zu können. Ms eins der Tiere mit dem Bisten im weit gesperrten Schnabel entfloh, sank er in den Stuhl zurück und beschattete di« Augen mit der Hand. Er stöhnte lest«, so daß Meyer erzitterte. „Haben Sie vom Hofrat Schiller Nachricht?", durchschnitt es plötzlich die Stille. Meyer fuhr zusammen. Nun war doch das Wort ausgesprochen, dieser Name, der hinter allem lauerte. „Heute... heute noch nicht..." antwortete er verwirrt und schlug den Blick zu Boden, denn er fühlte, daß des Fragenden Auge schwer auf ihm ruhte. Noch während er stammelte, wandte Goethe sich schnell wieder von ihm ab, als ob ihn die Lüge ekele. Dann fiel alles wieder in Stille zusammen. Auch das Gezwitscher der Vögel im Weinlaub an der Mauer wurde allmählich müder. Von der Straße drang fernes Summen menschlicher Stimmen ins Zimmer und ah und zu das harte Klappern von Schritten auf dem Pflaster vor der Haus- front. „Mel Lärm heute draußen", äußerte Goethe, und Aerger lag in seiner Stimme. „Was haben die Menschen heute abend? Warum liegen sie nicht in ihren Betten?" „Cs sind die ersten warmen Nächt«, Exzellenz. Das Volk freut sich des Frühlings. Der Winter war hart und lang." „Sie haben recht, die Leute, sollen sie." Auf einmal klang die Stimme wieder mild, und seine Hand, die auf der Lehne des Sessels lag, und weih aus dem Dunkel aufleuchtete, machte mehrmals eine lästige müöe Seroegung. Meyer wagte nicht zu reden. Er sah da, ohne sich zu rühren. Seine Nerven roareit zum Zerspringen gespannt. Es mußte etwas geschehen. Aber es geschah nichts. Cs blieb alles ruhig wie zuvor. Alle Geräusche, auch der Lärm von der Straße waren erstorben. Nur des Geheimrats schwerer, ein wenig röchelnder Atem klang durch den Raum. „Ob wir die Fenster schließen, Meyer?", fragte nach einer Weil« seine Stimme aus dem Dunkeln. „Sehen Sie, — Wind hat sich ausgemacht, es wird doch kühl mit 6er Zeit." Meyer erhob sich und schloß klirrend die kleinen Scheiben. Im Augen« blick, als er sich wieder auf den Stuhl neben Goethe setzen wollte, klopfte es mehrmals, kaum hörbar an der Tür, di« nach dem Flur führte. Meyer erschrak; er hatte keine Schritte kommen hören. Goethe schien das Klopsen nicht gehört zu haben; er rührte sich nicht. Er hatte die Augen geschlossen. Langsam, wie gelähmt, mit schweren, bleiernen Schritten tastet sich Meyer durch das dunkle Zimmer zur Tür. Seine Hand streift« gleitend Blätter, di« vom Diktat des Nachmittag, noch auf dem Tische lagen. Dann war der Tisch zu Ende; dann kam elft freies Stück; bann das Bücherregal, dann rechts der Ofen, dann wieder freies Stück; nun die Tür; dunkel, unentscheidbar, nur Maste stand fte vor ihm. Was war dahinter? Er zitterte. Einen Augenblick lang stand e.r regungslos da und bohrte feinen Mick in die Finsternis und wagte nicht, die Klinke zu fasten. Dann öffnete er. Warme, dumpfe Luft schlug ihm entgegen. Matter Kerzenschein flackerte von irgendwo über die abgetretenen Dielen. Eine leise, halb erstickte Stimme flüsterte: „Herr Hofrat, kommen Sie ... kommen Sie doch ....!" Er trat auf den Gang hinaus und schloß leise hinter sich die Tür. Die Vulpius trat auf ihn zu. Sie trug ein leichtes, weites, fallendes Gewand aus hellem Stoff und gestickte Pantoffeln an den Füßen. Ihr Gesicht, das von der Kerze, die sie in der Hand hielt, voll beleuchtet wurde, war rot und verweint. ' „Um Himmelswillen, Herr Hofrat, was tun wir? Schiller ist eben gestorben. Man hat geschickt. Schiller ist tot. Wie sagen wir es ihm? Man muß es ihm sagen; ich kann es nicht. Dun Sie s, Freund, tun «ie s. Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: Helfen Sie .mir, sagen Sie s ihm; langsam, schonend müssen Sie es ihm sagen! Mein Gott, es ist so furchtbar! Er war der Einzige, den er hatte, der Einzige! Nun ist alle» aus, nun versteht ihn keiner mehr. Wie wird alles werden? Jetzt rst er ganz allein. Er trägt es nicht, er stirbt mir, Sie werden sehen, Meyer, er stirbt mir, wenn e?s erfährt..." Schluchzen erstickte ihre Stimme nun vollends. Sie lehnte mit geschlossenen Augen an der kahlen grauen Wand, während Ströme von Tränen über ihre Wangen rannen. Das Licht, das ihre Hand schief hielt, tropfte und war am Verlöschen. Meyer war fahl im Gesicht, und seine Augen starrten ins Leere. Mit der Rechten stützte er die wankende Frau, seine Linke ergriff den Leuchter, der ihrer Hand entsinken wollte, um seine Lippen spielte ein Lächeln, wie Kinder es haben, bevor das Weinen aus ihnen hervorbricht. , , „Sie können cs ihm nicht sagen, Sie nicht und ich auch nicht. Niemand kann das. Das ist übermenschlich. Gehen Sie hinaus, schlafen Sie..., weinen Sie... ich verlasse das Haus, ich gehe nicht wieder zu ihm hinein. Er wird es ohnhin wissen, wir brauchen es ihm nicht zu sagen, er wird es fühlen, er fühlt ja alles. Ich weih keinen anderen Rat." Flüsternd, drängend hatte er es zu ihr gesagt. Schweigend zog er sie mm mit sich fort durch den Gang; er ging auf den Zehenspitzen und hielt die Finger schützend vor die flackernde Kerze. Sie begleitete ihn bis an die Haustür. Als er ihr die Hand reichte, brach sie in lautes Schluchzen aus. Da wandte er sich schnell ab und ging die Stufen hinunter auf den Platz, hinaus in die warme, duftende Nacht.... * Goethe hatte zuerst nicht bemerkt, daß Meyer nicht mehr neben ihm saß. Seine Gedanken war fern, bei ihm — dem Kranken. Es war kein Zweifel, es konnte kein Zweifel mehr fein: Schiller war sehr, sehr krank. Er wußte nichts Bestimmtes, er hatte mit niemanden darüber gesprochen; man sagte es ihm nicht. Aber es war sicher, daß es schlimm stand, und daß man es ihm verheimlichte. Seit Tagen keine Nachricht, kein Brief, kein Zettel, wie sonst immer. Dieses Schweigen war hart, es war das Schlimmste! Wenn er wenigstens wüßte, wie es stand um ihn! Dann wäre alles soviel leichter zu ertragen... Die Toren, die glaubten, ihn dadurch zu schonen, daß sie ihn im Zweiefel ließen! Er sah auf und glaubte die Gestalt Meyers neben sich. Aber der Platz war leer, bie' Kanten des Stuhles gleißten ihn an. Er wendete sich um nach dem Zimmer. „Meyer!" ruft er halblaut. „Meyer!" Keine Antwort. Da wirft er mit einem Ruck die Decke von den Knien, stößt den Stuhl zurück, springt auf und geht zur Tür. Er reißt sie auf. „Meyer!" ruft er in die Gänge hinaus. „Meyer!" Aber es hallt nur seine eigene Stimme aus dem Dunkel ihm entgegen. Doch nein — da ist noch ein anderes zu hören, vorn im Treppenhaus... Was ist das? Getrapp von Schritten, Tuscheln von Stimmen unb da, — jetzt, — leises, unterdrücktes Weinen einer Frau... Christianes Weinen — Christiane weint! Sie haben sein Rufen gehört, keiner kommt, Christiane nicht und Mener nicht... Man flieht vor ihm. — Da wendet er sich zurück zum Zimmer, schließt leise und vorsichtig die Tür, taste? sich langsam am Ofen vorbei und am Tisch entlang zu der bleichen Helle der Fenster zurück. Er öffnet die Flügel weit, schlägt den Kragen des Schlafrocks hoch und atmet tief die reine, kühle Nachtluft. Seine Hand umklammert mit eisernem Griff das Holz des Fensterrahmens, fein Blick starrt hinauf in das ragende Gewirr der Aeste, über das fahl ein sternbesäter Himmel sich spannt. Tränen stießen über die Wangen herab, und seine Lippen zittern, ohne daß ein Laut sich von ihnen zu lösen vermag. Was man früher auf Keifen las. Ein Beitrag zur Geschichte der Reiselektüre. Von Dr. Kurt Haack. Das Lesen auf Reisen ist in unserer Zeit, die „im Zeichen des Verkehrs" B, ein nicht zu unterschätzender Faktor der geistigen Bildung geworden. >et doch heute so mancher, den das hastende Getriebe des modernen Geschäfts- ober Gesellschaftslebens völlig in Anspruch nimmt, nur auf der Eisenbahn, während der notgedrungenen Mutze einer Reise Zeit, um ein Buch in die Hand zu nehmen. In der Zeit, als Urgroßvater und Großvater sich zum erstenmal auf das „schnaubende Dampfroß" wagten und erregten Gemütes die Aufregungen und Wunder einer Eisenbahnfahrt genossen, kam der Begriff der Reiselektüre recht eigentlich auf, hatte aber damals schon eine längere Vorgeschichte. Der Reisende des Mittelalters, der sich mit schwerem Herzen zu einer Fahrt in Geschäften ober nach einem heiligen Ort, um seine sündige Seele zu entlasten, bewogen sah, hatte viel zuviel mit den Schwierigkeiten des Weges, den Unbilden der Witterung und der Gasthöfe, den Gefahren der Landstraße zu tun, als baß er besonders auf seine Unterhaltung bedacht gewesen märe. Die Kreuzfahrer sangen ihre Lieber, die wohl auch aufgeschrieben wurden, um sich zu ihrem großen Unternehmen anzuseuern und durch den Rhythmus der Verse Müdigkeit und Kleinmut auf langer schlimmer Wanderung zu vertreiben. Lesen konnten nur die wenigsten; die Kunst des Druckens war noch nicht erfunden. Doch der Unterhaltungstrieb wurde allmählich auf der Reife größer und größer. Hohe Herren führten deshalb auf ihren Fahrten Spielleute und Gaukler mit sich, bie ihnen burch bas Vortragen von Heldengedichten, durch allerlei Kunststücke die Zeit vertreiben sollten. Das Volk aber schuf sich seine Kurzweil selber; ein unerschöpflicher Drang zum Erzählen regte sich im Mittelalter und ließ einen stets strömenden Quell des Vergnügens aus der regen Phantasie hervorsprudeln. Aus diesem reichen Brunnen trauriger und fröblidjer, moralischer und frecher, zarter und grober Geschichten, Anekdoten, Späße und Schnurren hat bie ganze spätere Literatur geschöpft, und auch uns werben heute noch Mären und Schwänke aufgetischt, bie sich vielleicht zuerst ein paar lustige Gesellen auf bem Wege von Florenz nach Rom zu Dantes Zeit erzählt haben, ober bie einer Wallfahrergesellschaft zwischen Southwavk und Canterbury, während der Kriege der weihen und roten Rose, die müde schleichenden Stunden Der@eoffreg Chaucor unsterbliche „Canterbury-Tales", ein Kranz von Erzählungen, die auf einer solchen frommen Reise zum besten gegeben wurden, aber zumeist einen sehr weltlich unterhaltsamen Inhalt haben, sind das schönste Beispiel solch gesprochener „Reiselektüre". In den großen Rollwagen", die damals alle Reisenden beförderten, die sich ■ fein eigenes Gefährt leisten konnten, erzählte sich die Gesellschaft zum Zeitvertreib allerlei Begebenheiten und Erlebnisse, die zuweilen nicht sehr sauber waren. G e i l e r v o n K a y s e r s b e r g gebraucht ein Sprichwort: Das gehört uff den rollwagen", um anzudeuten, daß etwas unanständig ist. Dieser aufgefpeicherte Schatz „kurtzweiliger Possen, Historien und Fabeln" wurde dann nach der Erfindung bes Buchbrucks in bie zahlreichen Schwankbücher aufgenommen, die nach dem lateinischen Vorbild der Facetten" Poggios im 16. Jahrhundett entstanden. Eines dieser deutschen Werke gibt sich direkt als „Reiselektüre", nämlich Jörg W i ck r a m s R o l l w a g e n b ü ch l e i n", „so man auf Schiffen und Rollwagen, desgleichen in Scheerhäusern und Badstuben zu langweiligen Zeiten erzählen mag . . . allen Kaufleuten, so die Messen hin und wieder brauchen, zu einer Kurtzweil". Aber auch für all die anderen Bucher die sich z. B. Wegkürzer", „Rastbüchlein" nennen, gilt, was der gelehrteste Kenner unserer deutschen Schwankliteratur, Johannes B ölte, von ihnen sagt: „Der Zweck dieser Bücher ist, einer fröhlichen Tafelrunde oder einer tm Schiffe ober im Wagen zufällig vereinten Reisegesellschaft heitere unb mertmürbige Vorfälle und Geschichten zur Unterhaltung vorzutragem Wickram hat seine Sammlung bem „Wirt zur Blume zu Colmar", Martin Neuen, gewidmet, der alle Jahre zur Straßburger Messe einen eigenen Rollwagen ausrüstete. „Als bann mdcht ihr Euch zusammt, gute Herren unb Freunde, mit diesem Büchlein ergehen, dieweil Ihr auf der Fcchrt seid, welches auch vor männiglich ohne allen Anstoß mag gelesen werben" Wenn er sich dann aber ausbrücklich dagegen verwahrt, daß er so grobe Sachen erzähle, wie sie sonst „aus Rollwagen üblich, wenn er behauptet, daß seine Sachen auch für die kHren von Frauen passend seien menn er also eine Reform der „pikanten Reiselektüre antunbigt, so ist ihm dies nach unfern Begriffen sehr ^16^ gelungen. Mag er^auch stets eine moralische Lehre anhängen und gar sittsam sich anstcllen es herrscht doch bei ihm, wie bei allen Schwankerzahlern des „grobianischen Zeitalters", eine naive Freude an Zoten und Derbheiten. Die Reiselektüre des 16. Jahrhunderts hat weder im 17. noch 18. eine eigentliche Nachfolge gefunden. Wohl machten einige Apophthegmen- Sammlungen und Zeremonienbücher darauf Anspruch, Kavalieren arfi der „großen Tour" als amüsante und lchrreiche Begleiter zu bienen, aber im allgemeinen verstieß damals Lesen auf, der Reife gegen ben guten Ton denn ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Bildungsmittel auf , ber Sour ist m- Gelegenheit zu Diskursen", Beniamin Neukirch tn seinem politisch-moralischen Maximen" nennt einen, der auf Reife lefe, einen Duckmäuser", der seine Zeit schlecht anwende, da man nur burd) ®e= spräche fremde Sprachen lernen unb einen Einblick in die des bereisten Landes erhalten könne. Die gemütliche, Enge der Postkutsche, die nahen Beziehungen der Wagengenossen, bie miteinander m vielfache Verübrung kamen, begünstigten Unterhaltungen, wahrend das Hin- und Herrütteln des Wagens, bie Härte der Sitze, bie Tücke der Landstraßen, die heftigen Stöße eine rechte Muße und Sammlung zum Lesen nicht °UfTnunerbi n ^entf teht im 18. Jahrhundert schon eine reichhaltige Literatur, die besonders fürs Reifen geeignet unb bisweilen auch für Reisende bestimmt ist. Da sind die bändereichen Reiseschilberungen, die man aber nicht gut im Mantelsack mitnehmen konnte, dze poetischen Reisebnefe die Chau11eu in Mode brachte, und die in Deutschland Gleim, Jacobi und Wieland pflegten, bann die geistvollen Reisenovellen, die ihr Vorbild in Sternes „Empfindsamen Reisen" fanden. Aber trotzdem bur- gerte sich das Lesen auf Reisen nicht ein. Es war em Geschlecht von Augen- unb Sinnesmenschen, bas in der Epoche des Sturmes und Dranges sich an G o e t h e s hohem Muster bildete. Erlt der bistorische Mensch" des 18. Jahrhunderts, auf Semen unb Bildung versessen, verlangte bas Buch für die RÄse. In dem Prosp^kt ru einer Reise-Bibliothek", die ums Jahr 1850 erschien, find dm wichtigsten Gründe für bie Entstehung der Reiselektüre zusammengefatzt: „Eisenbahnen und Dampfschiffe haben auf das Leben der Völker den unermeßlichsten Einfluß geübt und üben ihn fortwährend in immer gesteigeriem Gra^. Jedermann reist jetzt zehnmal häufiger und weiter als sonst. Seber erleb weit mehr als früher in gleicher Zeit. Die Zeit hat dadurch erhöhten Wett erhalten, sie ist um so kostbarer geworden, je mehr sich tn 'hr erreiche läßt. Und doch, während bei der jetzigen raschen Art zu reisen soviel gespart unb gewonnen wird, geht gerade dabei wiederum so viel Zett loren. Aus ben frühem, langsamem und gemütlichem Reisen wollte und konnte man von Beginn derselben an alles fid) Darbietenbe, ruM 0 meßen. Jetzt eilt man oft Hunderte von Meilen durch wemg mtere an» ober oft gesehene Gegenden, um erst bann eine genußreiche Reife 5» ginnen. Früher unterhielt sich bie Reisegesellschaft viel miteinander, man schloß sich bald näher an seine Mitreisenden an. Jetzt ist ein längere Gespräch auf der Eisenbahn bei dem Rasseln der Wagen fast unmogittN Und wenn wir uns bann stumm gegenübersitzen, wenn die RefieMllMY nicht anregt, wenn schlechtes Wetter uns ftunbenlang tn bie Kajüte Dampfschiffes verbannt, werden wir da nicht oft von tödlicher Ämgewen geplagt, von Aerger erfüllt über den Bericht der kostbaren Zeit. Abe gibt ein Mittel gegen diese „kleinen Leiden" des menschlichen Lebens Reisens, bie uns den ganzen Reisegenutz verleiden können, und Dies i • „interessante Reiselektüre". . . Der erste, der bie Begründung und Ausgestaltung dieses treuen raturzweiges ins Auge faßte, war Macaulay; in einem Auffay, Aus der Werkstatt der Schönheit. Die Chemie der Kosmetik. Van Dr. Severin Franke). Ungebrochen durch den Wechsel der Zeiten und Staatsformen gibt es eine Macht, der alle sich beugen: die Schönheit. Ihr wurden Tempel und Altäre gebaut, Maler und Dichter wetteiferten darin, ihr Wesen zu erfassen und zu verherrlichen; die Schönheit einer Helena mußte ein ganzes Volk mit seinem Untergang -bezahlen. Auch unser hastendes Maschinen-zeitalter verweigert der Schönheit seinen Tribut nicht, und gerade in Amerika, dem Lande des „business“, wird mit der Schönheit nicht nur ein unerhörter Kult getrieben, sondern auch viel Geld verdient. Dabei sind wohl auf keinem andern Gebiet bn Laufe der Zeiten und bei den verschiedenen Völkern die Meinungen so weit auseinandergegangen, a-ls gerade bei der Beurteilung menschlicher Schönheit. Die Figur des vorgeschichtlichen, viele Jahrtausende alten, sogenannten Venus von. Willendorf oder die im Orient als besonderes Merkmal der Schönheit geschätzte Körperfülle stehen dem Schönheitsideal des A-bendländers- ebenso fern wie die von vielen Negerstämme durch Nasenringe oder Ohren- und Mundpflöcke erreichte „Verzierung" des Gesichtes. Aber schon die Römer waren bekanntlich der Ansicht, daß de gustibus non est dispuiandum, zu deutsch: daß die Geschmäcker äußerst verschieden seien. So sehr sich nun das Schönheitsideal im Laufe der Zeiten gewandelt hat, stets waren die Menschen und besonders die Frauen bestrebt, durch die Kunst der Verschönerung dem jeweiligen Ideal möglichst nahezukommen. Fast alle heute verwendeten Kosmetika blicken ans eine Jahrtausende alte Geschichte zurück. Die jüngsten Funde im Grabe des Dut-Anch-Amon haben wieder gezeigt, daß auch die ägyptischen Damen es verstanden haben, nicht nur auf Papyrus zu malen. Selbst die knlturärmsten Völker kennen die Kunst der Bemalung, und der Anblick so mancher Holden kann einen an die in der Jugend so gern gelesenen Schilderungen von den in voller Kriegsbemalung auf dem Kriegspfad wandelnden Indianern erinnern. Es soll allerdings nicht verkannt werden, daß die moderne Kosmetik auch neue Wege geht und über eine Fülle von Methoden verfügt, die zu erfinden unserer Zeit vorbehalten geblieben ist. Der Wert von Licht-und Luftbädern und Massagen war zwar schon den Griechen und Römern bekannt, der modernen Kosmetik stehen aber außerdem noch die verschiedenen elektrischen Bestrahlungsmethoden, Paraffinbäder und Einspritzungen und, als ultima ratio, das Messer des Chirurgen zur Verfügung. Die Zahl der kosmeti- chen Mittel, die heute erzeugt und angepriesen werden, geht in die Tauende. Auch auf diesem Gebiet ist Amerika führend, das sich seine Ver- chönerung jedes Jahr viele Millionen Dollars kosten läßt. So manche Dame wird sich vielleicht angesichts dieser Unzahl von Cremes, Puder, Schminken, Enthaarungsmitteln, Schönheitswassern ufw. fchon Gedanken Wer den wirklichen Wert und die Zusammensetzung aller dieser Präparate gemacht haben. Auf keinem anderen Gebiet ist ja aus der Unkenntnis des Publikums fo viel Kapital geschlagen worden, und der wahre Wert mancher teurer Präparate mit klangvollem Namen betragt nur wenige Das^ wichtigste Kosmetikum ist und bleibt die -seife, da Reinlichkeit die Vorbedingung jeder Schönheitspflege ist. Nicht immer war man dieser Meinung, und zur Zeit des Rokoko glichen die Schonen und ihre Kavaliere ein Zuwenig an Seife gern durch ein Zuviel an Puder und Pachem aus. Die Seife wird bekanntlich aus tierischen und pflanzlichen Fetten (Talg, Palmöl) mittels.Aetznatron gewonnen; die einzelnen Porten unterscheiden sich durck verschiedenen Gehalt an diesen beiden Stoffm. Eine Haut mit dünner, fettarmer Hornhautschicht erfordert milde (fettreiche) seife, eine fette Haut braucht wieder eine Seife mit mehr 2Utah. Einzelne ortm enthalten noch verschiedene Zusätze, wie Glyzerin, Mandelmilch und andere, Farbe und Geruch der Seife sind für die Qualität derselben unwesentlich. Für das Bad werden gern Badesalze verwendet, die neben duftenden Ertraktstoffen vor allem Borax, Soda und Kochsalz enthalten, um das Wasser zu enthärten. Die oft angepriesene fettlösende und Mant machende Wirkung mancher Badesalze ist sehr fraglich, da die Haut für geloste Stoffe im allgemeinen wenig durchlässig ist. Wirksamer sind schon die m glichen Badesalzen enthaltenen Peroxyde (Salze des Wasserstoffstiperoxyds), d sich im Waschwasser unter Abgabe von Sauerstoff zersetzen. Der speziellen Hautpflege find alle jene Mittel gewidmet, welche der Haut Fett zuführen oder deren übermäßige Fettbildung em-schranten (sett- baltiae oder settireie Creme), Ha-utfehler entfernen, bleichen oder überdecken lWaschwässer und Puder) oder eine bestimmte Hautfarbe vortausthen sollen (Schminken lind Puder). Die Hautcreme dient nicht nur Mr Fett- lufuhr bzw -entfern-ung, sondern soll auch wärmeisolierend und eventuell als Sckmü gegen zu starte Sonnenstrahlung wirken (Sonnenbrandsalbe). Sie Mrf keine zersetzAm Fette enthalten und muß sich gut, vor allem mit Wasser mischen. Bei den unter den verschiedensten Namen aus den Markt fnmmeniben Hautcremes ist zwischen fetthaltigen und fettsreien. bzw. -armen zu unterscheiden. Die fetthaltigen Cremes enchalten hauptsächlich tierische und pflanzliche Fette, wie Kakaobutter, Paraffin, Lanolin (Wollfett mit verschieden hohem Wassergehalt. Dazu kommen noch Zusätze wie kZ ^Borax, Kampher, Wachs, Gurkensast und last not least -.Parfums. Die fettarmen (-freien) Cremes bestehen aus stearinsaurem Natron, Glyzerin und gelatinartigen Pslanzenstoffen wie Agar mrd ^agant auch finniri Nmknrvd und Stärke finden hier Verwendung. Ein beliebtes Mittel mm GZchmeidigmachm Mr Haut ist das Glyzerin, doch wird es meistens mel^ n/ konzentriert angewendet, was feine Wirkung vermindert. Zur Crtieluna einer glatten weißen Haut werden außerdem noch S ch o n - Kmöftit verwendet, die die Säfte von Pistazien, bittem Mandeln, lRnrken Löwen-mbn wurzeln usw. enthalten. Zur Entfernung von Sommer- sprossen 5ft besonders Wismut- und Queck- ^um8eünen-tbebrüdien Requisit der Dame gehört heute der Puder, herein keinem Handtäschchen fehlen darf. Der Puder soll einerseits Febler und Unschönheiten der Haut verdecken (deckende Puder), andererseits, Fett /RAmeiti aufs äugen (saugende Puder) und wirkt in diesem Fall durck; B-ück-leuniaung der Verdunstung auch kühlend. Die Grundmasse der beden= Mn Mder Wd pflanzliche Stoffe, vor allem Reis-, Weiten-und Kartoffelstärke sowie Lycopodium (Bärlappsamen), während die Grundlagm de. 'S L ÄÄÄ schm oraan sch n Uvbstofst (Teer arbstofse) 'immer mehr in Gebrauch, vor !.f.S iS* Ä& »Ä LELLLMH'Ms die Livven, Verwendung. _ „ .. . . , . ,__ -tiip Mode der ärmellosen Kleider und dünnen Florstrumpie hat in Mn WWW Die moderne Dame verfügt also über ein mnzes Arsenal Mstteck -L-ESWchAs-Z-- der unedles Metall in Gold verwandeln sollte, so ist es den mooern Hexenmeistern der Kosmetik gelungen, mit ihren Mitteln das Gold der Schönheit und Jugend hervorzuzaubern. viel Beachtung fand, vertrat er den Gedanken, daß die Eisenbahn- und s Dampfschifslinien auch ein neues und vorzügliches Verbreitungsmittel. für die geistige Bildung abgeben könnten. Seine Idee wurde m den vierziger Jahren von zwei Londoner Verlegern, Longman und Murray, w die Tat umg-esetzt. Während Longmans „Reissbibliothek hauptsächlich belehrende Werke brachte, bevorzugte die Murrays Unterhaltungsschriften. Bald entstanden noch andere derartige Unternehmen; eins brachte z. B. eine Uebersetzung von W. v. Humboldts „Briefen an eine Freundin . Es wurde also dem britischen Publikum ziemlich schwere Kost Mgemntet. Mit einem reichhaltigeren und abwechslungsreicheren Programm wartete die rasch dem englischen Beispiel folgende Bibliotheque des chemins de fer“ des französischen Verlages Hachette auf, die sich zur Aufgabe machte, „den Reisenden über alles, was sie längs der Route und in den Stationsorten interessieren könne, , genaue und vollständige Auskunft zu verschaffen, wie überhaupt anständig (donnetement) $u unter-omten und zugleich zu belhren." Die Hachettefche Bibliothek brachte etiva 500 Bände, sogar auch Bilderbücher für Kinder, „damit diese hübsch „rotzig bleiben und -den Erwachsenen während der Reise nicht lästig werden . Die Bücher fanden große Verbreitung, da Hachette sich ein Monopol für den gesamten französischen Buchhandel auf den Bahnhöfen und in den Estenbahnen gesichert hatte. Auf allen größeren Stationen hatte, er kleine Kontors eingerichtet, in denen durch seine Angestellten die Bucher vertrieben wurden. Auch im Zuge selbst konnte man -seine Lektüre kaufen, -denn die Buchhändler hatten auf allen Strecken freie Fahrt. Sogar Rußland besaß schon um 1850 feine Rei-sebibliothek, in der in rascher Folge mehrere hundert Bände in einem handlichen Mmiatur- fvrmat erschienen. Verhältnismäßig -spät, aber dajür in -der gründlichsten Form wurde die Reiselektüre in Deutschland eingeführt. Die umfasfenden Resteblblio- theken, die in den 50er Jahren große Verbreitung fanden, suchten das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, „durch Schilderung der Länder und Städte, wohin der Zug der Reisenden sich vorzüglich richtet, und durch Beschreibungen, die mit Tagesfragen in Beziehung stehen, anmutig geordnete, zugleich erfreuende Lektüre M bieten'. Wer das Land der „Roten Erde durchquerte, mußte sich z. B. mit Levin Schuckings „Eisen-bahnfahrt durch Westfalen" bewaffnen; den Rhein entlang „Von Mainz bis Köln" führte ein Buch des Sagenforfchers Nikolaus Hocker. Von Breslau und den schlesischen Eisenbahnen erzählte eine inhaltsreiche Arbeit K u r n i k s, während Rudolf G o t t s ch a l l m pathetischem Schwünge „Das schlesische Gebirge" feierte. So gab es für jeben Gau Deutschlands ein anziehendes Schriftchen, mit Tatsachen an-gefüllt und doch von einem romantischen Hauch durchweht. Für jede wichtigere Route sollte auch die passende Lektüre da sein. Für München empfahlen sich Muller von Königs-winters nette „Münchner Skizzen", für Wien Gustav Kühnes „Wien in alter und neuer Zeit", für die Schweiz Koffacks -heute so veraltete „Schweizer Fahrten" und für Venedig — „Casanovas Flucht aus den Bleikammern". Für spannende Untechaltung sorgte Willibald Alexis' „R-eisepitava-l", eine Sammlung von Kriminalgeschichten, und der Humor wird durch Adolf G l a s b r e n n e r s „Erfrischungen" -und die Reiseabenteuer der beiden „Gelehrten des Kladderadatsch Müller und Schultze" würdig vertreten. Vom gefundnen Reinhold und „verlorn" Grellem. Von Heinrich St e i n h a u s e n. (Fortsetzung.) Unser nun wohlseliger Herr Pfarrer, Herr Ehrn Schroppius (denn dazumal war unsre Pfarrei noch nicht verwaiset, wie setz und leider seit vielen Jahren), dem ich noch selbigen Tages, wie kaum not anzuzeigen, von dem Funde Meldung tat, verwunderte sich nicht wenig über diese Zeitung; noch mehr aber über meinen steifen Fürsatz, daß ich das Kind als meines behalten wollte, bis solche, denen mehreres Recht daran zustünde, herfürtreten und es fordern würden. Er meinte, ich sollte doch die unsäglichen Molesten wohl in Konsideration nehmen, so ich mir damit aufbürdete, und mich vorerst vor Sott prüfen, ob solche meine Meinung mehr wäre als primo impetu gefastet, wies mich auch dabei auf Luc. 14, 28 hin. Wie er aber ersah, daß ich mein Fürnehmen mit allem Bedacht gefastet, so redte er fürderhin nicht weiter dagegen, sagte, es möchte Gottes Finger sein, und meinte, das Kreuzlein so man dem Kind um- gehünget, bewiese ja genugsam, daß es von christlichen Eltern geboren wäre und die Taufe empfangen hätt'. Da denn fiel mir zum ersten Male ein, daß ich ja des Knäbleins Namen nicht wüßte, doch aber ihm ein Name zukäme, mit dem es zu nennen. Ehrn Schroppius selig war ein gelahrter Herr, nicht allein der teutschen Poeterie zugetan und. auch manchen Reim zu stellen trefflich geschickt, sondern auch in lateinischer und griechischer Sprache tief belesen; von dessentwegen er mir riet, das Kind Theognot zu nennen, welches zu teutsch heiße: „Gott bekannt". Mich dünkte aber solcher Name zu ungewohnt zu klingen uikd von dem R. auf dem Kreuzlein schien mir's übel nicht, ihn Reinhold zu nennen, welcher Name dem Herrn Pfarrer auch wohl gefiel, gestalten sein Oheim mütterlicher Seite, ein v. Aerzen, so zubenennet war. An dem Tag hat man allnm gesuchet, ob nicht eine Spur, wie das Kindlein dahin kommen sei, zu finden. Aber es hat niemand was erkunden können. — Wie ich an das zurückdachie in jener Nacht, als draußen der Regen troff, und der Maiendust von Laub und Blüten durchs offene Fenster in die Stube zog! Dort gegen den Ofen hatte feine Wiege gestanden, und oft, wenn der Bub drin wusgesthlafen, sah ich von dem nämlichen Platz am Fenster, da ich jetzo sah, ihn mit seinen Fingerlein spielen und hört ihn dazu mit seiner feinen Stimme lallen, dann bog ich mich hinterwärts, damit, er mich nicht ansehn möcht, maßen es dann mit seinem Spiel vorbei war, und also sah auch ich nur seine Fingerlein, wie sie her und hin, hin und her gingen und hörte sei-nem Lallen zu. — Dabei hatte ich größere Kurzweil (die Wahrheit zu sagen), denn da ich vor langen Jahren der Solemnität zuschaute, die mit italienischer Musik und sinnreichen prächtigen Allegorien bei unsere gnädigen Prinzen Beilager gefeiert wurde. Ja, dort stund die Wiege wieder am alten Ort, und das Kind lag drin, spielte und lallte. Und je länger es währte, desto viel vernehmlicher ward sein Lallen, und erzählte mir von all dem Glück, das den Menschen am Hellen Morgen seines Öebenstages umgibt, uni) mit seinen kleinen Fingerlern führte es mich zurück weiter, weiter zu den Spuren feiner ersten trippelnden Kinderschritte. Darüber verschwand ganz der Gedanke an Feremont und die vorhandene Not, nur der Nachtigallen Freudenschall tönte fort und Reinhold spielte mir zur Seiten. Aber horch! kam da nicht ein anderer Klang dazwischen, den ich wohl kennete und der doch zu dieser fröhlichen Welt nicht stimmte, so mich jetzt umgab?! Zu Straßburg auf der Schanz, Da ging mein Trauren an, Das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen. Ins Vaterland wollt' ich hinüberschwimmen, Das ging nicht an! Zwar es schwebte leise dieser Ton dahin und laut sang auf dem Kirchhof die Nachtigall, ja die in meinem Gürtlein gesellte ihre Stimme ihr zu: von Leben, Freud und Hoffen, aber sie konnten doch nicht hin- i. daß ich die Weife verstund: Eine Stund in der Nacht Sie haben mich gebracht; Sie führten mich gleich vor des Hauptmanns Haus, Ach Gott, sie fischten mich im Strome auf, Mit mir ist's aus! Da wurden die Nachttgallen auch traurig und modulierten ihre Siir me. Aber das Lied tönte fort: Früh morgens um zehn Uhr Stellt man mich vor das Regiment; Ich soll da bitten um Pardon Und ich bekomm' gewiß doch meinen Lohn, Das weiß ich schon. Da schwieg die Nachtigall im Garten. Ihr Brüder alle drei, Was ich euch bitt’, erschießt mich gleich! Da ward auch die andere auf dem Kirchhof still. ■ Verschont mein junges Leben nicht, Schießt zu, daß das Blut 'rausspritzt, Das bitt' ich euch! Verschwunden war der Knabe mir zur Seite. „Reinhold," rief ich, „Reinhold, wo bist du?" — Von drüben her antwortete er mir: „Ich sang dir, Vater, das Lied, so mich Gretlein lehrete, kennst du es nicht mehr?" — Dort am Grabe stund er, allwo ich ihn einst gefunden. Er war zum Jüngling worden, zum Mann; aber wie bleich s«H er aus! „Von wem denn hast du gesungen?" fragte ich wieder, „weil es so traurig nimmer geklungen Hai." Da winkte er zu mir hin, wie zum Abschied: „Von mir, Vater, ach, von mir!" und verschwand. — Ich wollt' -hm Nacheilen und ihn halten; aber ich stürzte über die Grüber, ich alter Mann und — erwachte. — „Wie bang hast du doch geträumt, und wie schreckhaft", sprach ich bei mir, dieweil ich von meinem Lehnstuhl aufstund, in dem ich die Nacht verschlafen. Ich sah mich um; der frühe Tag war schon erglommen und der Morgenstern im Verschwinden; ums Haus zwifcherten die Schwalben, überm Feld fang die Lerche, und aus den Furchen rief die Wachtel ihr: lobet Gott! Der Himmel hatte sich abgeregnet, und alle Kreatur war neu erquicket. — Ich stieg den Turm hinan und übersah das Land. Wer da war nirgend von Soldaten etwas zu erblicken, dessen ich mich verwunderte, da ich doch des Nachts den Knall von Musketen wohl hatte unterscheiden können. Unter diesem war die güldne Sonne überm Wald herfürgestrahlt und der volle Tag erschienen. Ueber Nacht war den Birnbäumen die Blüt« erbrochen, und ihre Wipfel schimmerten im Sonnenglanz wie weiße Friedenssahnenl Wie flogen die Immen von Blume zu Blume, und ihre Fußkörblein sah ich gefüllt mit Blütenstaub, weiß, gelb und rot — rotl Ich muhte denken, wie zur selben Stunde vielleicht nicht weit von hier Bim' und Käferlein ihre Spur auch rot bezeichnete auf Blum' und Blatt, rot vom Blut der Walstatt; ich mußt« denken, wie da vielleicht die Lerche, wenn sie ihr Würmlein im Grase erhascht und emporstieg in die Lüfte, sich ihre Brust noch mit einem andren Tau benetzet hatte, als der dies« Nacht vom Himmel gefallen war. Hub sich da drüben nicht ein Schwarm von Krähen, als wärm sie verscheucht vom Kolke! O, wer konnte mir sagen, von welch leckerem Mahle ihnen der Windstoß die Witterung entgegengeführt hatte?! In solchen Gedanken ward ich gar unerwartet und freundlich unter» brachen. Denn hinter den blühenden Bäumen, siehe, trat das Gretlein herfür, und hatte in seiner Hand einen zierlichen Strauß und im Arm trug sie einen Rosmarinstock, der war in einen Topf gepflanzt. Ueber ihren Anblick war meine Freude ebenso groß, wie meine Verwunderung. „So hast du doch noch hierher gedacht?" rief ich, dieweil ich sie zur Bank führte am Beet, allwo bunte Primeln blühten. „Aber wo kommst du her? Du solltest vor längsten mit den andern von dannen sein!" — „Wo ich herkomm', Schulmeister?" fragte sie wieder, „vom ,verlor» Hoff, und bin da seit acht Tagen eingesessen, wie eine Schneck' im Häuslein. Daß ich nimmer zu Euch könnt', war mir leid genug." „Welchen Weg bist du hergegangen, Gretlein?" fragt' ich sie wieder. „Dort den Fußsteig durch die Saaten." „So bist du nicht im Dorf gewesen — weißt nicht, was sich zu- getragen hat?" „Nein," antwortete sie, „Schulmeister, wie sollt' ich? Die letzte Wach' hat niemand drauß nach mir gefragt. Was aber ist's?" Da verwundert' ich mich billig, daß sie, die doch in ihrer Einsamkeit am ehisten sich zu 'sorgen hält' Ursach' gehabt, dieweilen alle andern ob der umgehenden Gefahr in Unruh und Aengsten geschwebet, so in un» gekränktem Frieden erhalten war; ich besorgte mich aber auch, daß sie da noch verlassen weilen sollte, wenn die Soldaten hereinbrächen. — So erzählt' ich ihr denn von Feremont, und wie sich vor ihm die Gemeinde des Lebens erweget hätt« und hin nach'm Staufenberg entwichen wäre; ich war if)Y einräiig, sie sollte nicht länger verziehn und auch dahin sich allsogleich aufmachen. Da erschrak sie wohl über das, was sie hörte, aber sie sagt«, vom ,verlorn Hoff könnte sie jetzund nicht weichen, käme was möchte: maßen daheim von ihr di« alte Lore zu pflegen wäre, so sie jüngsthin krank im. Walde angetroffen. Die bürdete sich ganz seltsamlich, wäre nacht- und tagdurch im schweren Fieber gelegen, und sie, das Gretlein, hätt' chr einmal Obdach geboten und sie gepfleget. So < müßt' und wollt' sie jetzt bei der Alten bestehn bleiben, es ginge ihr nun zum Bessern oder zum Schlimmem.. „Ich weiß nicht, Schulmeister," sagte sie weiter, „wie ich mich aus der alten Lore vernehmen soll; sie rebt so vieles durchhin, wirft das Tausendste ins Hundert, daß einem davon ganz wirr möcht' werden im Kopfe, 's ist wohl besonderlich die Fieberhitz', bie aus ihr spricht; aber meist kommt sie in ihren Reden aufs nämliche hin, daß man denken kann, sie hat's ernstlich im Sinn. Hernach freilich erschrickt sie wohl selber darob und sagt dann: Glaub's nicht, Greil, 's ist all nichts, all nichts!" — „Was sind's denn für Reden, so di« Alte führt, Gretlein?" fragt' ich die Jungfer. „Ach, Schulmeister," antwortete sie, „da wär' viel von zu erzählen; ich kann's Euch gar nicht zusammenbringen. — Sogleich wie sie von mir hereingeführt ist, hat sie wieder fort gewollt und gesagt: vom .verlorn Hoff müßt' sie weg,' warum ich sie nicht lieber hätt' verderben lassen und umkommen im Walde; ja sie wollt' von mir'nicht gepflegt [ein, gerade von mir nicht, sie wollt' ohne das lieber sterben. Nachgehends aber hat sie ihre Gedanken wieder aufs Gesunden gestellet, hat gesagt: sie müßt' noch i weit, weit weg; müßt's Glück suchen gehen, sie mürb s schon finden uab - mir sollt's auch gchören, und alsdann follt's sich's ausweisen, daß alles, was ihr manchen Tag so verhrnderlichs Gewirr hier (wies dabei nach ihrem Haupt.) gemacht, sich wieder zu Rechten fände. Gestern da wirft die Sonne durchs Fenster ihren Schein auf ihr Bette, daß so die Lichter vor ihr zittern und Hüpfen, derweil ich meinte sie schliefe. Ungedacht richtet sie sich hoch, greift mit ihren Fingern herum und murmelt: „Ha, wie's blitzt, wie's gleißt, Gold und Ebelgestein, endlich, endlich glückt's der alstn Lore!" Alsdann sogleich hat sie gestöhnt und geächzt, mich herzugerufen und gebeten, ich möcht' ihr vergeben; sie wollt' mir auch meine Guttat an ihr vergelten. Nachgehends nimmt sie meine rechte Hand, besieht sie gar genau und lacht; rÄ't dabei seltsame Ding' von Bräuterei und Hochzeit, daß ich auch schier lachen nmßt', so wenig mir sonst zu derlei Possen der Sinn gericht war." — ' , „Gretlein," fragte ich da scherzweis dazwischen, „hast doch am End' Hochzeiten im Sinn, maßen du so stattlich heut mit 'nem Rosmarinstockl daherkommen bist." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.