Netzen« Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang \92l Samstag, den 2. Juli Nummer 52 Der Künstler. Van Hermann Hess e. Was ich schuf in heißer Jahre Glut, Steht am lauten Markt zur Schau gestellt. Leicht vorüber geht die frohe Welt, Lacht und labt und findet alles gut. Keiner weiß, daß dieser frohe Kranz, Den die Welt mir lachend drückt ins Haar, Meines Lebens Kra-ft verschlang und Glanz, Ach, und daß das Opfer unnütz war! Hermann Hssts. Zu seinem 50. Geburtstage am 2. Juli. Von F. A. Fahlen. „Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. Buchhändler. Literarische und kunsthistorische Studien. Reisen in Italien und Indien. Lebte am Bodensee, in Bern, und jetzt in Montagnola bei Lugano in der Schweiz." Ein Dichterleben in knappen vier Zeilen, ein gesegnetes Dichter^ leben. Denn, seitdem 1898 Hermann Hesses erstes schmales Gedichtbüchlein „Romantische Lieder" erschienen, hat er oft das Glück großer künstlerischer .(Erfolge genossen, sein Roman „Peter Camenzid", der 1904 veröffentlicht wurde, hat ihm eine treue Gemeinde geschaffen und steht jetzt im 110. Tausend; denselben Erfolg brachte auch sein Schulroman „Unterm Rad". „Rohhalde" und „Klingohrs letzter Sommer" gewannen ihm neu« Verehrer, und um den zunächst unter einem angenommenen Namen Sinklair erschienenen „Demian", der sich auch wieder mit den Wunderwegen der Pubertas beschäftigte, ist sogar viel Segen und Fluch von Berufenen und Unberufenen gewesen. Seine feinen Rovellenbände „Dies- seits", „Nachbarn", „Unterwegs", „Umwege", „Knulp", „In der alten Sonne" und wie sie sonst heißen, wurden uns liebe Wandergenossen. Und seine Verse und Reiseschilderungen begleiten den Weg seiner epischen Prosa anmutig und gedankenreich. Man sollte, wenn man Hermann Hesses Kunst feiert, feine bekannten Romane, Erzählungen und Novellen nur nebenher erwähnen. Aber mit seiner Lyrik anfangen und schließen. Denn er ist in seinem inneren Wesen Lyriker, und auch feine Erzählungen haben Leben und Blut von der Lyrik, einer ganz eigenartigen Landschaftslyrik, einem Sichüberströmen- stüsen von Wald, Berg und Tal, von Nacht, Dämmerung und Morgen, von Wolkengebilden, Nebel und tiefem Himmel, von See und breitem Strom. „Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die rch dem glänzenden See und den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken. Zeig mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat, als ich. Oder zeig mir das Ding in der Welt, das schöner ist, als Wolken sind." Und so versenkt er sich auch in Baum und Strauch, in alles, was wächst als grüne Pflanzenseele und freies fröhliches Tier und ruhender Stein. Manchmal, wenn ein Vogel ruft, Oder ein Wind geht in den Zweigen, Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft, Dann muß ich lange lauschen und schweigen. Meine Seele flieht zurück. Bis wo vor tausend vergessenen Jahren Der Vogel und der wehende Wind Mir ähnlich und meine Brüder waren. Meine Seele wird ein Baum Und ein Tier und ein Wolkenweben: Verwandelt und fremd kehrt sie zurück Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben: Und so sind all seine epischen Gestalten auch: Sie stürmen nicht auf das Leben zu und suchen es zu überwältigen, sie ringen nicht um die erlösende Tat, sie schaffen nicht, irrend und wirrend, am Werke. Sie lassen sich wie Bäume vom Sturm bewegen, ohne selbst von der Stelle zu können, sie lassen sich von stärkeren Händen formen und gestalten, sie, fliehen, wenn Tat von ihnen verlangt wird, sie suchen nicht das Glück, sie warten daraus, sie betrachten und fühlen, vor allem aber wandern sie vorüber und schauen verwundert in diese bewegte, hastende, selbstsick^re, fröhliche Um weit und finden die richtige Antwort nicht. Oder besser, sie finden sie in einem beschaulichen, wehmütig zurückblickenden oder ver- zsthtendeii Dasein, Gestrandete, die lächeln oder gar lachen können, Erledigte, die sich geborgen wissen, Verstoßene, die, wie einst der Heilige von Assisi, den Hermann Hesse besonders liebt und in einem köstlichen Büchlein gefeiert hat, des Lebens ganze Süßigkeit saugen aus diesem Gefühl des Ganz-Verstoßen-feins um der inneren Heiligung willen. Peter Camenzind ist so einer, der Landstreicher Knulp, der Kaufmann Walther Kömpfs, Demian und trotz seiner Hochgemutheit auch der große Künstler Klingsohr. Und daß der Dichter Hermann Hesse aus diesem Pflanzenwesen, aus diesem Ruhend-Schauenden, aus diesem Tatlos-sich-treiben- lasfen, solche Werke gestalten konnte, dankt er seiner großen Kunst des Lyrikers, seiner deutschen Echtheit, seinem tiefen Naturverstehen, das ihn aus dem Naturwesen heraus auch das Menschenschicksal begreifen und erfühlen läßt, wie es sein schönstes Gedicht „Im Nebel" ausspricht: Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum kennt den andern. Jeder ist allein. Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war. Nun, da der Nebel fällt. Ist keiner mehr sichtbar. Wahrlich, keiner ist weise. Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allem uns trennt. Seltsam, im Nebel zu wandern; Leben ist Einsamsein, Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein. Aarralronen über ein Thema. • Von Hermann Hesse. Wenn Maler ein Bild beurteilen, so stellen sie es nicht nur in ein gutes Licht, treten davor, treten zurück und suchen verschiedene Standpunkte, sondern manche von ihnen drehen das Bild auch um, hängen es verkehrt auf, den Himmel nach unten, und sind erst dann zufrieden, wenn das Bild auch diese Probe erträgt, wenn seine Farben auch dann beziehungsvoll und magisch ineinander schwingen. So habe ich es auch immer mit den Wahrheiten gehalten, von denen ich ein großer Liebhaber bin. Eine gute, eine richtige Wahrheit, so scheint mir, muß es vertragen, daß man sie auch umkehrt. Was wahr ist, davon muß das Gegenteil auch wahr sein können. Denn jede Wahrheit ist kurze Formel für den Blick in die Welt von einem bestimmten Pol aus, und es gibt keinen Pol ohne Gegenpol. Von jedem Punkt der Welt aus läßt sich Wahrheit aussagen, und jedesmal muß für den Gegenpol, er fei physisch oder seelisch, diese Wahrheit sich bewähren, indem sie sich umdrehen läßt. Ein von mir hochgeschätzter Schriftsteller, Wilhelm Schäfer, sagte mir vor manchen Jahren einen Satz über die Aufgabe des Dichters, den er gefunden hatte, und der später auch in einem seiner Bücher mitgeteilt worden ist. Der Satz machte mir Eindruck, er war zweifellos gut und wahr, und war vorzüglich formuliert, worin Schäfer bekanntlich ein Meister ist. Lange klang sein Satz über den Dichter in mir nach, ich habe ihn nie mehr vergessen, immer tauchte er von Zeit zu Zeit wieder vor mir auf. Das tun Wahrheiten nicht, mit welchen wir absolut und völlig einverstanden sind. Die schluckt, verdaut und vergißt man rasch. Der Satz hieß so: „Sache des Dichters ist es nicht, das Einfache bedeutend, sondern das Bedeutende einfach zu sagen." Lange und oft habe ich daran gewonnen, warum der famose Spruch (den ich auch heute noch bewundere) mir nicht ganz einging, einen Rest von Leere und Widerspruch in mir ließ. Ich habe an diesem Satz mehr als hundertmal auf einsamen Gedankengängen Analyse getrieben. Das erste, was ich fand, war ein leiser Mißklang, ein winziger Fehler, ein winzig kleiner Sprung im klaren Kristall dieser so sauber gefaßten Formel. „Das Bedeutende einfach sagen — nicht das Einfache bedeutend", das klang wie ein tadelloser Parallelismus, und war es doch nicht ganz. Denn der Sinn des Wortes „bedeutend" war in den beiden Satzhälften nicht genau, nicht haarscharf der gleiche. Das „Bedeutende", das der Dichter sagen soll, war ohne Zweifel gang redlich und aufrichtig gemeint, „bedeutend" hieß hier ungefähr soviel wie „unbedingt wertvoll". Das andere „bedeutend" aber, im Gegensatz, hatte einen Beiklang von Mißachtung. Wenn ein Dichter das „Einfache", das offenkundig Unbedeutende, „bedeutend" ausspricht, so macht er, nach Schäfers Sinn, also eigentlich etwas Falsches, und das „bedeutend", womit fein Tun bezeichnet wird, ist eigentlich Tuerei. Merkwürdig spät erst sah ich ein, daß offenbar Schäfers Standpunkt sich zu dem meinen wie Pol zu Gegenpol verhalte, und daß ich also, um seinen Satz zu prüfen, ihn für mich umdrehen müsse. Dann heißt der Satz: „Sache des Dichters ist es nicht, das Bedeutende einfach, sondern das Einfache bedeutend zu sagen." Und siehe da, eine neue Wahrheit stand vor mir. Ich sah, daß für mich die Umkehrung von Schäfers Wahrheit noch viel wahrer, noch viel wertvoller war, als was er eigentlich gesagt hatte. Nun war alles klar. Natürlich blieb Schäfers Salz wahr und schön wie zuvor — von seinem, von Schäfers Pol aus. Von meinem Gegenpol aus aber strahlte nun der umgekehrte Satz -mit ganz neuer Kraft und Wärme. Schäfer hatte gesagt, Sache des Dichters sei es nicht, irgend etwas Beliebiges und Belangloses so vorzutragen, daß es bedeutend erscheine, sondern für seine Darstellungen das wahrhaft Wertvolle und Wichtige zu wühlen und es fo einfach wie möglich zu sagen. Wein umgedrehter Satz aber bedeutete: „Sache des Dichters ist es nicht, darüber zu entscheiden, ob dies und jenes bedeutend und wichtig sei, seine Sache ist es nicht, gewissermaßen als Vormund für den Leser eine Auswahl aus dem Wirrwarr der Wett zu treffen und ihm nur das Wertvolle, wirklich Wichtige uriizuteiien. Nein, ganz im Gegenteil! Sache des Dichters ist es gerade, in jeder Kleinigkeit, in jedem Nichts das Ewige und Uegeheure zu wissen, und diesen Schatz, dies Wissen, daß Gott überall und in jedem Ding ist, immer wieder zu eröffnen und mitzuteilen." Damit hatte ich eine Formel für den Sinn oder die Aufgabe des Dichters gefunden, die mir, von meinem Pole aus, weit wertvoller und wahrer wurde als der ursprüngliche Satz, obwohl ich einst, mich an- passend, auch diesem zugestimmt hatte. Nein, der Dichter, wie ich ihn zuinnerst meinte, hat nicht das Amt, zwischen bedeutenden und unbedeutenden Dingen zu unterscheiden. Er hat im Gegenteil gerade das Amt, das heilige Amt, immer wieder zu zeigen, daß „Bedeutung" nur ein Wort ist, daß Bedeutung keinem Dinge auf Erden zukommt, oder allen, daß es nicht Dinge gibt, dis man ernst nehmen muß, und andern, die man nicht ernst nehmen muß. Etwa so wie der Philister die Politik und d-e Geschäfte ernst nimmt, die Kunst und das reihe Denken aber nicht. Gewiß, Schäfer hatte das anders gemeint, viel besser, viel höher. Der Dichier, den er ablehnt, ist ein Wann, der durch Kunst und Gefchicklich- keit aus einem Nichts etwas anscheinend Stattliches macht, der die Dinge aufbläst, der kurzum^Theatsr spielt. Diese Art von Dichter verneine auch xc§; Aber ich bin mit Schäfer darin uneinig, daß ich aneine Grenze zwischen „Bedeutend' und „Einfach" überhaupt nicht glaube. Von diesem Gedanken aus fand ich, im Lauf einiger Jahre, auch mehr Einsicht m eine Erscheinung der Dichtung uni» Geistesgeschichte, die mir immer etwas dunkel und bedrückend gewesen ist, die von unseren Lehrern und Literaturhistorikern niemals zu meiner Befriedigung besprochen worden war. Diese seltsame Erscheinung ist die der Problematiker einerseits, der „Kleinmeister" und Idylliker andererseits. Es gibt eine Reihe von Dichtern, deren Werke uns keineswegs entzücken, denen aber ein rätselhafter Hauch von Bedeutung und Wichtigkeit anhaftet, weil sie sich riesig Menschheitsstoffe „gewühlt" und gewaltige Probleme bearbeitet haben Andererseits gibt es sogenannte kleinere Dichter, welche keinen einzigen großen, -mächtigen, weltgeschichtlichen Gedanken ausgesprochen haben welche sich um Herkunft und Zukunft der Menschheit samt ihren Pro- bl«nen überhaupt nie gekümnrert haben, sondern es vorzogen, von kleinen Schicksalen, van Liebes- und Freundschaftsgefühlen, von der Trauer über die Vergänglichkeit, von Landschaften, von Tieren, singenden Vögeln und Wolken am Himmel zu singen und zu phantasieren, und welche von uns sehr geliebt und immer wieder gelesen werden. Wan war stets in Verlegenheit, wie man diese Dichter eigentlich einreihen und einschätzen solle, welche eigentlich nie etwas Ueberwültigendes zu sagen hatten und doch so lieb waren! Alle Eichendorffs und Stifter, alle diese Dichter gebären dahin. — Und andererseits standen in ihrer düstern Berühmtheit' jene anerkannten großen Problematiker, jene Aufroller der großen Fragen, lene Hebbel, jene Ibsen, alle jene seltsamen Riesen, in deren Werken zwar me tiefsten Brägen aufklangen, die uns, alles in allem, aber so wenig froh machten, und -die ich, es sei zugegeben, seit vielen Jahren nicht mehr gelesen habe. (Die wirklichen wenigen großen Dichterpropheten, zu denen ich Dante, Shakespeare, Goethe, Dostojewski zähle, stehen auf einer ganz anderen Ebene,) Rim, jene Eichendorffs und Stifters sind Dichter, welche das Einfach- bedsutsnd sagen, weil sie überhaupt den Unterschied zwischen einfach und bedeutend nicht bemerken, weil sie in einer ganz anderen Luft leben, von einem ganz anderen Pol aus in die Welt blicken. Und gerade sie, diese Idylliker, diese einfachen und helläugigen Kinder Gottes, denen der Grashalm zur Offenbarung wird, gerade sie, die wir nach Anleitung unserer Professoren die Kleinen nennen, geben uns das Beste. Sie lehren uns nickst ein Was, sondern ein Wie. Sie sind, neben jenen gedankenvollen „Großen, wie gute Mütter neben den Vätern, und wie oft haben wir eine Mutter soviel nötiger als «inen Vater! Es tut immer wohl, wenn eine Wahrheit umgedreht wird und sich dabei bewahrt. Cs tut wohl, wenn inan so mit den Wahrheiten spielt. Die ^edanken kommen leichter, die Einfälle spielen rascher, leichter gleitet unser Kahn durch den Strom der Welt. Wenn ich ein Lehrer wäre und Schule halten müßte, wenn ich Schüler hätte, welche Aussätze machen mußten und dergleichen, so würde ich.die, welche dafür zu haben sind, je unb je eine stunde beiseite nehmen und ihnen sagen: „Kinder, wie wir euch lehren, ist sehr gut. Aber probieret es zuweilen, unsere Regeln, unsere Wahryeiten auch einmal umzudrehen, nur zum Probieren, mir 3urn Spiel! Sogar wenn man irgendein Wort umdreht, Buchstabe für Buchstabe, entsteht oft eine erstaunliche Quelle von Belehrung, von Spaß und guten Einfällen." „-,.ÄU!5 solchem Spiel nämlich entsteht die Stimmung, in welcher die i-titelten von den Dingen fallen und sie neu und überraschend zu uns reden. Da werden aus dem dünnen Farbenspiel einer alten Fensterscheibe vyzantinische Mosaiken und aus Teekesseln Dampfmaschinen. Und gerade aiese Stimmung, diese Bereitschaft der Seele, die bekannte Welt nicht mehr zu kennen, sondern, sie neu und bedeutungsvoller zu entdecken, gerade sie finden wir bei jenen Dichtern, welche von der Bedeutung des Unbebeutenben sprechen. Der Wanderer an den Tsd.- Von Hermann H -e s s e. Auch zu mir kommst du einmal, Du vergißt mich nicht. Und zu Ende ist die Qual Und die Kette bricht. Noch erscheinst du fremd und fern, Lieber Bruder Tod, Stehest als ein kühler Stern Lieber meiner Not. Aber einmal wirst du nah Und voll Flammen sein. Komm, Geliebter, ich bin da, Nimm mich, ich bin dein! Kinderseele. Von Hermann Hesse Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar auch alles anders sein. Und manchmal, ju anderen Stunden, könnte nichts anderes sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal. Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu erzählen uns leicht füllt, sind fast alle von jener ersten, „leichten" Art, und wir vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen- uns Mühe macht, vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaßen mehr unser als andere, und ihre Schatten fallen lang über alle Tage unseres Lebens. Unser Vaterhaus, das groß und hell an einer hellen Straße lag, betrat man durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Kühl«, Dämmerung und steinern feuchter Lust umfangen. Eine hohe, düstere Halle nahm einen schweigsam auf, der Boden von roten Sandsteinfliesen führte leicht ansteigend gegen die Treppe, deren Beginn zuhinterst Hej im Halbdunkel lag. Viele tausend Male 6in ich durch dies hohe Tor eingegangen, und niemals hatte ich acht auf Tor und Flur, Fliesen und Treppe; dennoch "war es immer ein Ue'bergang in eine andere Wett, in „unsere" Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster und hoch, hinten führte die Trepp« aus der dunklen Kuhle empor und zu Licht und hellem Behagen. Immer aber war erst -die Halle und die ernste Dämmerung da: etwas von Vater, etwas von Würde und Macht, etwas von Strafe und schlechtem Gewissen. Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber trat man -herein und war zugleich erdrückt und zerkleinert, hatte Angst, suchte rasch die befreiende Treppe. Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Haufe, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie äu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wär suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände. Aehnlich war es an jenem Tage. Von frühe an bedrückte mich — w« weiß woher? vielleicht aus Träumen der Nacht — ein Gefühl wie schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts Besonderes begangen hatte. Meines Vaters Gesicht hatte am Morgen einen leidenden und vorwurfsvollen Ausdruck gehabt, die Frühstücksmilch war lau und fad gewesen. In der Schule war ich zwar nicht in Nöte geraten, aber es hatte alles wieder einmal trostlos, tot und entmutigend geschmeckt und hatte sich vereinigt zu jenem mir schon bekannten Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung, das uns sagt, daß die Zett endlos sei, daß wir ewig und ewig klein und -machtlos und im Zwang -dieser blöden, stinkenden Schule bleiben werden, Jahre und Jahre, und -daß dies ganze fieben sinnlos und widerwärtig fei. Auch über meinen derzeitigen Freund hatte ich mich heute geärgert. Ich hatte seit kurzem eine Freundschaft mit Oskar Weber, dem Sohn eines Lokomotivführers, ohne recht zu wissen, was mich zu ihm zog. Er hatte neulich damit geprahlt, -daß fein Vater sieben Mark im Tag verdiene, und ich hatte aufs Geratewohl erwidert, der meine verdiene vierzehn. Daß er sich dadurch hatte imponieren lassen, ohne Einwände zu machen, war der Anfang der Sache gewesen. Einig« Tage später hatte ich mit Weber einen Bund gegründet, indem wir eine gemeinsame Sparkasse anlegten, aus welcher später eine Pistole gekauft werden sollte. Die Pistole lag im Schaufenster eines Eisenhändlers, eine massive Waffe mit zwei bläulichen Stahlrohren. Und Weber hatte mir vorgerechnet, daß man mir eine Weile richtig zu sparen brauche, dann könne man sie kaufen. Geld gebe es ja immer, er bekomme sehr oft einen Zehner für Ausgän-ge, oder sonst ein Trinkgeld, und manchmal finde man Geld auf der Easst, ober Sachen mit Geldeswert, wie Hufeisen, Bleistücke und anderes, was man gut verkaufen könne. Einen Zehner hatte er auch sofort für unsere Kasse hergegeben, -und der hatte mich überzeugt und mir unseren ganzen Plan als möglich und hoffnungsvoll erscheinen lassen. Indem ich an jenem Mittag unsere Hausflur betrat und mir in der kellerig kühlen Luft dunkle Mahnungen an tausend unbequeme und hassenswer-te Dinge und Weltordnung entgegenwehten, waren meine Gedanken mit Oskar Weber beschäftigt. Ich fühlte, -daß ich ihn nicht liebte, obwohl sein gutmütiges Gesicht, das mich an eine Waschfrau erinnerte, mir sympathisch war. Was mich zu ihm hinzog, war nicht seine Person, sondern etwas anderes, ich könnte sagen sein Stand — es war etwas, das er mit fast allen Buben von seiner Art und Herkunft teilte: eine gewisse freche Lebenskunst, ein dickes Fell gegen Gefahr und Demütigung, eine Vertrautheit mit den kleinen praktischen Angelegenheien des Lebens, mit Geld, mit Kaufläden und Werkstätten, Waren und Preisen, mit Küche und Wäsche und dergleichen. Solche Knaben wie Weber, denen die Schläge in der Schule nicht weh zu tun schienen und di« mit Knechten, Fuhrleuten und F-abrikmädch-en verwandt und befreundet waren, du standen anders und gesicherter in der Welt, als ich; sie waren gleichsam erwachsener, sie wußten, wieviel ihr Vater im Tag verdiene, und wußten ohne Zweifel auch sonst noch vieles, worin ich unerfahren war. Sie lachten über Ausdrücke und Witze, die ich nicht verstand. Sie konnten überhaupt ans eine Weise lachen, die mir versagt war, auf eine dreckige und rohe, aber unleugbar erwachsene und beinahe „männliche" Weise. Es half nichts, daß man klüger war als sie und in der Schule viel mehr wußte. Es half nichts, daß man besser als sie gekleidet, gekämmt und gewaschen war. Im Gegenteil, eben diese Unterschiede kamen ihnen zugute. In die „Welt", wie sie mir im Dämmerschein und Abenteuer- schein vorschwebte, schienen mir solche Knaben wie Weber ganz ohne Schwierigkeiten eingehen zu können, während mir die „Welt" so sehr verschlossen war und jedes ihrer Tore durch unendliches Aelterwerden, Schulesitzen, durch Prüfungen und Erzogenwerden mühsam erobert werden müße. Natürlich fanden solche Knaben auch Hufeisen, Geld und Stück Blei auf der Straße, bekamen Lohn für Besorgungen, kriegten in Läden allerlei geschenkt und gediehen auf jede Weise. Ich fühlte dunkel, daß meine Freundschaft zu Weber und seiner Sparkasse nichts war als wilde Sehnsucht nach jener „Welt". An Weber war nichts für mich liebenswert, als fein großes Geheimnis, kraft dessen er den Erwachsenen näher stand als ich, in einer schleierlosen, nackteren robusteren Welt lebte, als ich mit meinen Träumen und Wünschen. Und ich sulstre voraus, daß er mich enttäuschen würde, daß es mir nicht gelingen werde, ihm sein Geheimnis und -den magischen Schlüssel zum Leben zu entreißen. Eben hatte er mich verlassen, und ich wußte, er ging nun nach Hause, breit und behäbig, pfeifend und vergnügt, von keiner Sehnsucht, von keinen Ahnungen verdüstert. Wenn er die Dienstmägde und Fabrikler antraf und ihr rätselhaftes, vielleicht wunderbares, vielleicht verbrecherisches Leben führen sah, so war es ihm kein Rätsel und ungeheures Geheimnis, keine Gefahr, nichts Wildes und Spannendes, sondern selbstverständlich, bekannt und heimatlich wie der Ente das Wasser. So war es. Und ich hingegen, ich würde immer nebendraußen stehen, allein und unsicher, voll von Ahnungen, aber ohne Gewißheit. Ueberhaupt das Leben schmeckte an jenem Tage wieder einmal hoff- nnngslos fade, der Tag hatte etwas von einem Montag an sich, obwohl er ein Samstag war, er roch nach Montag, dreimal so lang und dreimal so öde als die anderen Tage. Verdammt und widerwättig war dies Leben, verlogen und ekelhaft war es. Die Erwachsenen taten, als fei die Welt vollkommen und sie selber Halbgötter, wir Knaben aber nichts als Auswurf und Abschaum. Diese Lehrer —! Man fühlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm redliche und leidenschaftliche Anläufe zum Guten, sei es nun zum Lernen der griechischen Unregelmäßigkeiten oder zum Reinhallen seiner Kleider, zum Gehorsam gegen die Eltern oder zum schweigenden, heldenhaften Ertragen aller Schmerzen und De- nrütigungen — ja, immer und immer wieder erhob man sich, glühend und fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe zu gehen, Tugend zu üben, Böses stillschweigend zu dulden, anderen zu helfen — ach, und immer und immer wieder blieb es ein Anlauf, ein Versuch und kurzer Flatterflug! Immer wieder passierte schon nach Tagen, o schon nach Stunden etwas, was nicht hätte sein dürfen, etwas Elendes, Betrübendes und Beschämendes. Immer wieder fiel man mitten aus den trotzigsten und adligsten Entschlüssen und Gelöbnissen plötzlich unentrinnbar in Sünde und Lumperei, in Alltag und Gewöhnlichkeiten zurück! Warum war es so, daß man die Schönheit und Richtigkeit" guter Vorsätze so wohl und tief erkannte und im Herzen fühlte, wenn doch beständig und immerzu das ganze Leben (die Erwachsenen einbegriffen) nach Gewöhnlichkeit stank und überall darauf eingerichtet war, das Schäbige und Gemeine triumphieren zu lassen? Wie konnte es fein, daß man morgens im Bett auf den Knien oder nachts vor angezündeten Kerezen sich mit heiligem Schwur dem Guten und Lichten verbündete, Gott anrief und jedem Laster für immer Fehde ansagte — und daß man dann, vielleicht bloß ein paar Stunden später, an diesem selben heiligen Schwur und Vorsatz den elendesten Verrat über konnte, sei es auch nur durch das Einstimmen in ein verführerisches Gelächter, durch das Gehör, das man einem dummen Schulbubenwitze lieh? Warum war das fo? Ging es andern anders? Waren die Helden, die Römer und Griechen, die Ritter, die ersten Christen — waren diese alle ander« Menschen gewesen als ich, besser, vollkommener, ohne schlechte Triebe, ausgestattet mit irgendeinem Organ, das mir fehlte, das sie hinderte, immer wieder aus dem Himmel in den Alltag, aus dem Erhabenen ins Unzulängliche und Elende zurückzufallen? War die Erbsünde jenen Helden und Heiligen unbekannt? War das Heilige und Edle nur Wenigen, Seltenen, Auserwählten möglich? Aber warum war mir, wenn ich nun also kein Aus- erwählter war, dennoch dieser Trieb nach dem Schönen und Adligen eingeboren, diese wilde, schluchzende Sehnsucht nach Reinheit, Güte, Tugend? War das nicht zum Hohn? Gab es das in Gottes Welt, daß ein Mensch, ein Knabe, gleichzeitig alle hohen und alle bösen Triebe in sich hatte und leiden und verzweifeln mußte, nur so als eine unglückliche und komische Figur, zum Vergnügen des zuschauenden Gottes? Gab es das? Und war dann nicht — ja, war dann nicht die ganze Welt ein Tsufelsfpott, gerade wert, sie anzufpucken?! War dann nicht Gott ein Scheusal, ein Wahnsinniger, ein dummer, widerlicher Hanswurst? — Ach, und während ich mit einem Beigeschmack, von Empörerwollust diese Gedanken dachte, strafte mich schon mein banges Herz durch Zittern für die Blasphemie! Wie deutlich sehe ich, nach dreißig Jahren, jenes Treppenhaus wieder vor mir, mit den hohen, blinden Fenstern, die gegen die nahe Nachbarmauer gingen und so wenig Licht gaben, mit den weißgescheuerten, tannenen -treppen und Zwifchenböden und dem glatten, harthölzernen Geländer, das durch meine tausend sausenden Abfahrten poliert war! feo ;ern mir die Kindheit steht, und so unbegreiflich und märchenhaft sie mir im ganzen erscheint, so ist mir doch alles genau erinnerlich, was schon damals, mitten im Glück, in mir an Leid und Zwiespalt vorhanden war. Alle diese Gefühle waren damals im Herzen des Kindes schon dieselben, wie sie es immer blieben: Zweifel am eigenen Wert, Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Mutlosigkeit, zwischen wettverachtender Idealität und gewöhnlicher Sinnerlust — und wie damals/ so sah ich auch hundertmal später noch in diesen Zügen meines Wesens bald verächtliche Krankheit, bald Auszeichnung, Habe zu Zeiten den Glauben, daß mich Gott auf diesem qualvollen Wege zu besonderer Vereinsaniung und Vertiefung führen wolle, und finde zu andern Zeiten wieder in alledem nichts als die Zeichen einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose, wie Tausende sie mühsam durchs Leben schleppen. Wenn, ich all ,die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so, wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand. Auch in jener Stunde, von der ich erzähle, kam dies Angstgefühl wieder über mich, als ich in -dem Heller und Heller werdenden Treppen- 'haufe mich der Glastür näherte. Es begann' mit einer Beklemmung im Unterleib, die bis zum Halse emporstieg und dort zum Würgen oder zu Uebelkeit wurde. Zugleich damit empfand ich in diesen Momenten stets, und so auch jetzt, eine peinliche Geniertheit, ein Mißtrauen gegen jeden Beobachter, einen Drang zum Alleinsein und Sichoerstecken. Mit einem üblen und verfluchten Gefühl, einem wahren Verbrechergefühl, kam ich in den Korridor und in das Wohnzimmer. Ich fpürte: es ist heut der Teufel los, es wird etwas passieren. Ich spürte es, wie der Barometer einen veränderten Luftdruck spürt, mit rettungsloser Passivität. Ach, nun war es wieder da, dies Unsägliche! Der Dämon schlich durchs Haus, Erbsünde nagte am Herzen, riesig und unsichtbar stand hinter jeder Wand ein Geist, ein Vater und Richter. Noch wußte ich nichts, noch war alles bloß Alchung, Vorgefühl, nagendes Unbehagen. In solchen Lagen war es ost das beste, wenn man krank wurde, sich erbrach und sich ins Bett legte. Dann ging es manchmal ohne Schaden vorüber, die Mutter ober Schwester kam, man bekam Tee und spürte sich von liebender Sorge umgeben, und man konnte meinen ober schlafen, um nachher gesund oder froh in einer völlig verwandelen, erlösten und hellen Welt zu erwachen. Meine Mutter war nicht im Wohnzimmer, und in der Küche war nur die Magd. Ich beschloß, 3uni Vater hinaufzugchen, zu dessen Studi-er- zimmer eine schmal« Treppe hinaufführte. Wenn ich auch Furcht vor ihm hatte, zuweilen war es doch gut, sich an ihn zu wenden, dem man so viel abzubitten hatte. Bei der Mutter war es einfacher und leichter, Trost zu finden; beim Vater aber war der Trost wertvoller, er bedeutete einen Frieden mit dem richtenden Gewissen, eine Versöhnung und ein neues Bündnis mit den guten Mächten. Nach schlimmen Auftritten, Untersuchungen, Geständnissen und Strafen war ich oft aus des Vaters Zimmer gut und rein hervorgegangen, bestraft und ermahnt zwar, aber voll neuer Vorsätze, durch die Bundesgenossenschast des Mächtigen gestärkt gegen das feindliche Bös«. Ich beschloß, den Vater aufzusuchen und ihm zu sagen, daß mir Übel sei. (Fortsetzung folgt.) Das ewig Männliche. Von Per H a llst r ö m. (Schluß.) Er lag glatt und bläulichweitz unter einem scharfen Halbmond vor ihnen da. Es lag wenig Schnee und war ziemlich kalt. Ein paar matte, weiße Nordlichtflammen leuchteten auf und verschwanden, so als hätte jemand auf die blanke Himmelswölbung gehaucht. Der Himmelswagen stürzte feinen Hügel hinunter, und der Polarstern stand mit all den unbekannteren Lichtern still. Der Vorschlag erschien ihnen an und für sich munter und angenehm, und sie sehnten sich wie die Kinder danach anzufangen. Liber sie beherrschten sich und zeigten sportsmäßige Ruhe, während sie aussttegen und mit gewohnten kräftigen Liebkosungen ihr« Trab« ausmunterten und sich in der Dunkelheit davon überzeugten, daß sie in guter Kondition waren und sich am Hafer nicht zu schwer gefressen hatten. Sie einigten sich über das Ziel, eine langgestreckte Landzunge, em paar Kilometer entfernt, stellten die Schlitten genau nebeneinander, drückten die Mütze auf den Kopf, fetzten sich mit der Peitsche in der Hand zurecht und schwangen sie im Takt nach einem langsamen Zählen. Das Klatschen verschmolz zu einem einzigen Laut, Hektor und Ban Houten, die verstanden hatten, was es galt, streckten sich wie Pfeile auf den Bogensaiten. Sie wurden im selben Augenblick losgelassen, und fort ging es. _ , .. .. In den ersten Minuten kam es den beiden Herren vor, als waren ihre lieben Tiere nie so prächttiq gelaufen. Die Luft fang und pfiff um die Obren, und das Blut in den Adern jubelte in demselben Rhythmus. Das harte ' glatte Eis klang schwach und rein wie ein Resonanzboden unter Öen Schlägen der Hufe und den behenden Bogenstreichen der Schlittenkufen Der ttockene Frost stach in die Haut, und die Schattenlimen der Ufer wurde so rasch von ihnen weggezogen, als hätte jemand dagestanden und sie auf einen Knäuel gewickelt Brav Hektor, dachten sie, brav, Van Houten, du weitzt, was es gilt! Du läßt' dich nicht ausstechen. Alles heimsen wir ein, die Ehre und den Preis und das Glück für Zeit und Ewigkeit. Ein vortrefflicher Einfall! So durch und durch fröhlich und leicht! Man möchte es nur immer fo treiben und es ist fast schade, daß niemand den Triumph sehen kann. Aber wenn sie einen Seitenblick zum Nebenbuhler hmubergletten ließen, bann war das Ganze gleichlam wie verhext. Das Eis sang woch noch, die Lust sauste, die Bewegung war um sie, aber selbst waren sie ebenso still wie die Sterne dort oben. Derselbe schattenhafte Pferdekopf streckte sich unheimlich höhnend neben dem ihres eigenen Lausers, ohne seine Lage auch nur um Haaresbreite zu verändern, als wäre es wirklich nur ein Schatten, von irgendeinem unbekannten verfolgenden Licht geworfen. Dieselbe Figur im Pel, ein Stück hinter dem Tier, wiederholt« in abstoßend parodistischer Weise ihre eigenen Bewegungen. Es war, als führen sie wie im Traum, wo man nie weiterkommt, wie man sich auch müht. Und der Mond stahl sich einen Blick auf das Ganze, mit einem matten Grinsen feines faden und kühlen Profils, und der Wagen am Himmel stand ebenso reglos wie sie folbsk. -Druck und Verlag: Brühl'scheAniversitäts-Buch-und Steindruckerei,R.Lange,Grebe» Verantwortlich i,V.:vr. Fr. W-Lange.— und Die Im l f nur für iben Kampf. , .,, , _. So ging es weiter, bis sie die Mitte der Bahn errercht hatten. Die beiden Schattenpserde auf dem Eis eilten blau vor ihnen einher, so vollkommen nebeneinander, daß es war, als seien sie zusammen angeschirrt, und als könnte sich die Lage zwischen ihnen durch Menschenmacht nicht Die beiden Kutschierenden hoben artig die Peitschen zum Gruge, während sie den Abhang hinunter umbogen. Aber ihre Gesichter zeigten In der Dunkelheit nichts weniger als artige Mienen. „Nun," rief Baron Karl, „das hüten wir ebensogut bleiben lassen können Weiß der Teufel, was in dein Schokoladentier gefahren ist! Es schämt sich nicht einmal seiner Farbe. Sieh es nur im Mondschein an, wie der Frost es pudert. Es schaut geradezu grün aus. Der Besitzer verschmähte es, auf solche Reden zu antworten, er sprang aus dem Schlitten und streichelte seinen Ban Hauten, aber ohne besondere Freude. .. „ „Man muß es noch einmal machen," sagte er, „zuruck zum Ausgangs- punkt. Solange das Eis liegt, bleibe ich auf bem Platze. Unö er wünschte beinahe, daß eine Spalte sich austate und ihrem Wettbewerb ein Ende machte. Der Freund schämte sich nun selbst seiner Heftigkeit. „Es ist ein prächtiges Tier," sagte er, „das dir alle Ehre macht. Aber es hat einen Fehler, es ist offenbar ganz so tüchtig wie meines. Auf diese Art, wenn wir alle vier alles hineinlegen, was in uns ist, kann es zu keinem Resultat kommen." . Eine plötzliche Eingebung blitzte in ihm auf, und er fuhr fort. , Jetzt soll es umgekehrt sein, wer zuletzt ans Ziel kommt, gewinn.. Baron Gustav fühlte sich unangenehm von der Falle berührt, die er hinter diesem unübersehbaren Vorschlag ahnte. „Was sollte das für einen Sinn haben? „Verstehst du nicht? Es gab zu unserer Zeit in der Physik etwas, das das Kräfteparallellogramm genannt wurde, ein. verdammter Einfall übrigens, aber jetzt begreife ich. Ich und Hektor, du und em schokoladenes, sind offenbar gleich stark, wenn wir zwei und zwei znsammen- halten. Aber laß irgend etwas dich und mich abziehen, dann ist das Parallellogramm fertig. Und niemand weiß, was herauskommen kann. Einer soll das Gluck haben, aber einer die Ehre. Es soll ehrlich zugehen, und wir kennen einander genügend, um die Probe ■ wagen zu können. Mache du deine Sache unter diesen Bedingungen, so gut du kannst, ich werde das gleiche tun. Und die Pferde tun schon das ihre,, die kennen wir. , Baron Gustav wurde so gedankenvoll, wie er es seit fernem letzten ^"„Das 'is^ja^eine"tteine Hölle für uns beide", sagte er. „Dasitzen und sich die entgegengesetztesten Dinge wünschen und hin und her gezerrt werden. Das ist ja das schlimmste, in das man geraten kann. Und rote bu bemerkt hast, niemand weiß, was herauskommen wird. Aber es ist höchste Zeit, daß diese Sache entschieden wird. Ich gehe auf die Bedingung em. Aber ehe er sich in den Schlitten setzte, streifte er den Handschuh ab, um Van Houten so recht treuherzig und arglos streicheln zu können. Er stellte sich gerade vor den Kopf des, Pferdes und |ua)te feinen Blick zu fangen. Sei ehrlich, mein Junge, sei ehrlich! Damit kommt man am weitesten, dachte er. Das Pferd suchte sein Verständnis und die Reinheit seiner Absichten zu zeigen: aber da seine Augen ebenso lagen wie vei allen anderen Pferden, konnte es nicht mehr als eines seinem Herrn zuwenden und auch dieses nur scheu und ausweichend Gustav starrte die großen dunklen, blanken Bälle an, die traurig und sanft Mond und Sterne widerspiegelten. Er schöpste keine Stärke daraus, sondern er- fcbauerte in der Empfindung, wieviel Unbekanntes sich doch in der Liese ber Seelen barg. Eine Spalte im Eise, dachte er, wäre weniger unheimlich Und er vergaß sich ganz, so daß der Freund ihn ermahnen mußte. „Also los", sagte er kurz und machte sich bereit Als sie ihre Peitschen im Takte zu dem Zahlen schwangen, dachte keiner von ihnen an etwas anderes als an das, was sie unter der Hand hatten, und sie erzitterten leicht wie die Tiere, im Eifer, sich auf den Weg zu machen und zuerst an Ziel zu kommen. Das Kommando ertönte, und nun ging es über das Eis, munter, pfeilschnell, genau nebeneinander. Der Mond warf nun die Schatten nach vorn, wo sie ebenso lautlos neben- emander hinglitten. Es lag etwas unendlich Anreizendes darin. Es war, als stünden sie selbst still und sähen ein Wettlaufen, in das feiner ein* greifen konnte, aber bei dem sie alles, was sie befaßen, für die Kampfenden eingesetzt hatten. Doch ganz mechanisch, ohne recht zu wissen, was sie taten, erfüllten sie ihre Kutschierpflichten nach bestem Vermögen. Es war ebenso spannend wie zuvor, und wenn sie sich zu dem Bewuhffem aufrüttelten, daß sie selbst es waren, die so dahinflogen, genossen sie die Fahrt und ben Lauf und das Gefühl, die Ufer in der entgegengesetzten Richtung wie früher sich wieder aufwickeln zu sehen. Dieses Mal wird es gelingen, dachten sie. Hurra, Hektor, hurra, hurra, Ban Houten, nur so weiter, nur so weiter! Und sie fingen an zu rufen und zu schreien, m all das Singende und Klingende und übermütig Losgelassene hmem. Ihr Gewissen war leicht und stark, sie hatten keinen Gedanken für den Einsatz, verändern. Die beiden wirklichen Traber dahinter schnoberten ungeduldig in derselben Erkenntnis. Aber sie taten dennoch ihre Pflicht, so wie ihre Köpfe sie auffaßten, und setzten ihre scharf beschlagenen Hufe so auf, daß es von Eissplittern und Schnee um sie wirbelte. Baron Karl glühte vor Zorn und Spannung. „Ist denn heute nacht alles verhext?" zischte er. „Wird es denn ine Mar werden daß mein Pferd dieses blaue Gespenst tausendmal übertrifft? Er .hat nur keine Ambition, ich verstehe ihn gar nicht. Es ist doch seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zuerst anzukommen, dazu ist er geboren und trainiert, und er sollte sich bis über die Ohren schämen, und wenn sie noch doppelt so lang wären. Wenn ich doch an seiner Stelle wäre!" — Und er pfiff und schrie, ganz vergessend, was der feierlichen Stunde ziemte. Er suchte seine ganze Energie zu sammeln, um sie in irgendeiner okkulten Weise auf das Tier zu übertragen, wahrend er feine Kunst auf das äußerste anftrengte, das, was von ihm abhmg, auch recht zu tun. , ,, ,, _ „ Gustavs Gedanken hatten ungefähr denselben Ausgangspunkt: soll es auch diesmal vergeblich sein? Aber damit kam er in em anderes Geleise: Was sollen wir dann anfangen? Auf die Länge wird das unerträglich. Wenn ich ihm nur eine Handbreit vorkommen konnte! Und er blickte auf, um zu sehen, wie weit es noch sein mochte. Da erblickte er plötzlich das Schloß ziemlich nahe auf der Anhohe, es leuchtete noch aus vielen Fenstern, auch aus dem der Angebeteten. Werve ich sie verlieren können? dachte er. , Im selben Augenblick entsann er sich der tollen Abmachung. Es ist ja umgekehrt. Wenn ich gewinne, verliere ich, und wenn ich verliere.... Da schwindelte ihm der Kopf, und Van Houten, der Freund, die Sterne, alles wurde zu einAn Nebel. — Wird es jetzt nicht klar, dann heißt es, wieder und wieder von vorn beginnen. Ader man tarnt doch nicht m alle Ewigkeit über das Eis fahren — noch dazu bei dieser Kalte! Was soll ich tun? 2(ber als er wieder sehen konnte, fand er, daß es schon abgetan war. Für einen Augenblick von seinem Herrn im Stich gelassen, war Ban Houtens Schatten eine ganze Pferdelänge hinter dem Hektors $urü(^ geblieben. Selbst arbeitete er ebenso unverdrossen wie zuvor, aber es sprach ein bitterer Vorwurf aus seinen hängenden Ohren. Nun wurde Baron Gustav von dem reißendsten Strom der Gefühle erfaßt, den er noch erfahren hatte. Er war plötzlich müde, und froh, müde zu sein, froh, daß alles entschieden war, denn er begriff, daß es bas roar, gleichviel, was er noch anfangen mochte. Er war beschämt «nd geärgert für Van Houtens Rechnung und auch für seine eigene, nicht nur als (ein Herr. Er roar glücklich über das, was ihn nun erwartete, aber fühlte sich noch nicht berechtigt, sich dem Glück hinzugeben. Die Niederlage mutzte so gering als möglich gemacht werden, und er mußte versuchen, alles zu tun, was in feinen Kräften stand. Aber das half wenig, denn er war kein ganzer Mensch mehr, und es bedarf eines ganzen Menschen auch für einen Wettlauf. Was er tat, ver- schlimmerte bi# Sache nur. Unb als ein rettungslos gebemutlgtes, retlunas» los schokoladenfarbenes Tier stieß Van Houten mit seiner Schnauze an die hängenden Zweige der Tränenweiden am Ziele. Da stand Baron Karl, lächelnd, froh, sorglos und übermütig. „Siehst du," sagte er, „siehst du? Was habe ich immer gesagt? Ich habe doch zuletzt gewonnen, zuletzt gewonnen." Aber als er das Gesicht des Wetters mit ferner wunderlich zusammengesetzten Miene im Mondschein vor sich sah, siel es ihm em, datzdas nicht bas Ende roar. Seine eigene Miene umwölkte sich einen Augenb.ick. Doch einen Augenblick nur, benn einerseits roar sein Inneres jo voll komprimierter. Siegesfreube, baß sie hmausbrmgen ""d "ach außen strahlen mußte, andererseits versetzte er sich sofort in die etwas heikle Lage des Widersachers. Er beeilte sich taktvoll, ihn über ein mögliches Mißverständnis von feiner Seite zu beruhigen. Er hob die Peitsche zu einem kutschermäßigen Salut. ....... . .... . Ave, Caesar," sagte er, „ber unglückliche Freier grüßt den glücklichen und wünscht ihm weiteres Glück. Ganz aufrichtig, das bitte ich dich zu glauben. Ich vergaß alles andere, als oas, wobei uh mfüat. Du scheinst dich erinnert zu haben, und das ist nicht deine Schuld. Mehr wollen wir nicht über die Sache sprechen. Adieu für heute abend, du kannst nun gut und ruhig und lange schlafen. Denn jetzt bin ich derjenige, der fahrt, j wohin schlug der Hauptmann doch vor?" Gustavs Stimme war vor Rührung unklar. „Glückliche Reise, sagte er, „du bist mein lieber alter..." . . Aber der andere hatte sich schon in Bewegung gesetzt, ganz langsam, um das Pferd zu schonen und Zeit zum Denken zu haben Er sah sehr grüblerisch aus, wie er da, in scharfer, schwarzer Silhouette vornübergebeugt, über das Eis verschwand. Der glückliche Sieger blieb noch einige Minuten. Er sah zum sepsM empor, um sich von dort Träume zu holen, aber er fand es dunkel, fuhr er heimwärts, auch er ebenso langsam und ebenso grublerijch. Als sich Baron Karl am nächsten Tage zur Eisenbahnstation begaü, sah er vom Wege aus ben Vetter, ber über ben See fuhr, um 3U freien. Er sah ihm zuerst recht freundlich, obgleich ein wenig wehmütig nach. Aüct beim Anblick des Pferdes kam etwas kritisch Beurteilendes in seinen Ana, das anhielt und zu fast heiterer Gemütsruhe wurde „Ich möchte doch nicht an feiner Stelle fein, sagte er, fein wollte, wenn er bei dem ersten Wettlauf gewonnen hatte. Malym^ reufe Farbe hat dieses Tier doch! Es ist auch danach gegangen, «em, roo ich meines eingesetzt habe, unb wenn es noch so unwichtig erscheinen rann, ba will ich doch gewinnen. Unb so denke ich es immer zu halten, mag kosten, roas es wolle." . . . , . , . Unb er richtete sich auf unb sehnte sich danach, wieder daheim bei semeni Hektor zu sein, den er jetzt mit «Bebauern tm Stalle zuruckgelassen hatte, um ihn nach ben Leistungen bes gestrigen Tages Ruhe zu gönnen. „Wenn man es so recht bedenkt, ist es doch auch für das SBtabelrotft lieh schade, daß sie nicht mich bekommen hat/ sagte er mit tiefe. Ueoe zeugung, die alle Wehmut verjagte. ___•— ' Mr Kopf wirbelte bei dem Gedanken, was auf dem Spiele stand, aber sie unterdrückten den Zorn, ehe er noch recht Gestalt annahm, mit Aufgebot aller raschen Berechnung und aller Kunst, Zugel und Peiffche zu handhaben. Es dünkte ihnen, daß das Ziel ihrer Wunsche tm Schütten daneben saß, weich und warm und bereit, sich mit all der besonderen Würze und Wonne küssen zu lassen, die der Frost einer solchen Gunstbezeigung verleiht, wenn sie nur zuerst ans Ziel gekommen waren. Sie fühlten auch den Eifer der Pferde, sich auszuzeichnen und jur immer ihre persönliche Konkurrenz zu entscheiden. Aber nichts half. Wie das Eis auch krachte, wie es um sie pfiff fang der Schatten war daneben, hartnäckig wie eben ein Schatten. Bewegung war nur Einbildung, und nichts war damit gewonnen, selben Augenblick knirschte das Eis, die Kufen scharrten hart an die Steine bes Ufers. Man war am Ziele. Wan hatte bie Entfernung wirklich zurügelegt und offenbar sehr rasch, aber alles war auf demselben Ja WM Inst schw Mai zuko auf heut das wen liche und drei s zeit wie Fun trun Mei da, der Was Fest f Jach seidi übet hrrni andi wen aber müb Gra ewix weh! 2 See gezo in 3 die men ruhc Srgt bliet gelä 2 Hess gola gefu