Gießener ZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Samstag, den 2. April Rümmer 26 Jahrgang 1927 Zitronenfalter im April. Bon Eduard M ö r i k e. ©raujnme Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zeit, Dem nur in Maien wonne Die zarte Kost gedeiht! Ist nicht ein liebes Mädchen hier. Das auf der Rojenlippe mir Ein Tröpfchen Honig beut, So muß ich jämmerlich vergehn, Und wird der Mai mich nimmer sehn In meinem gelben Kleid. Großvater Wang und der Silberbarren. Nach dem Chinesischen von Wilhelm Car l. In einem chinesischen Pfundleih- und Silbergeschäft erschien eines Tages ein älterer Chinese, klagte dem Geschäjtsführer des langen und breiten seine Not und bot ihm einen silbernen Armreifen zum Versatz an. Während der Geschäftsführer noch mit dem Manne verhandelte, ging die Ladentür auf, und ein junger Mann in bestaubten Kleidern kam herein und fragte den Kunden, ob er der alte „Großvater Wang" sei. „Ja, ja, der bin ich, was willst du von mir?" — „Ich komme aus Peking, wo ich Euren Neffen Wang Wen-sing kennen lernte. Als er vorige Woche hörte, daß ich nach unserer gemeinsamen Heimat reifen wollte, gab er mir ein Päckchen für Euch mit. Ich bin erst heute angenommen und begab mich sogleich nach Eurer Wohnung, doch sagte man mir, Ihr wäret soeben zum Pfandladen „Großer Nutzen" in der Pfeil- und Bogengasse gegangen, und da ich das Päckchen gern los fein wollte, bin ich Euch nachgegangen. Hier rft das Päckchen, und einen schönen Gruß soll ich Euch auch noch bestellen." — „So, [o, von meinem Neffen ist das Päckchen? Ich hätte nicht geglaubt, daß er sich seines alten Onkels noch erinnerte. Habe schönen Dank für deine Mühe und nimm dieses kleine Teegeld von mir an." — „Schönen Dank!" — „Bitte sehr." — „Auf Wiedersehen!" Als der Reisende gegangen war, wandte sich der alte Wang wieder dem Geschäftsführer zu und sagte: „Vor zwei Jahren ist mein Reffe fortgegangen, und erst jetzt höre ich das erstemal etwas von ihm — ich bin doch neugierig, was er mir geschickt haben mag — ich werde das Päckchen gleich hier öffnen." Umständlich löste der Alte die Siegel, knotete den Bindfaden auf und schälte aus mehreren Papierhüllen einen Silberbarren, der ja noch heute in China als Kurantgeld gilt, heraus. Auch ein Brieflein lag dabei. Der Alte gab feiner Freude lebhaften Ausdruck, lobte [einen Neffen feines guten Herzens wegen und bat den Geschäftsführer, das Brieflein vorzulesen, da er selbst des Lesens nicht mächtig sei. Der Geschäftsführer war dazu gern bereit und las: „Lieber Onkel! Ein Bekannter von mir reift nach unserer Heimat, und ich benutze gern die Gelegenheit, etwas von mir hören zu lassen. Als ich dich vor zwei Jahren verließ, wandte ich mich zunächst nach Schanghai, fand aber keine zusagende Arbeit. Ich reifte daher noch Tientsin weiter und sand auch bald Arbeit in einem großen Kaufmanns- geschäft. Vor drei Monaten sandte mich meine Firma als Geschäftsführer nach Peking, und hier geht es mir recht gut. Mit diesem Brief sende ich dir einen Silberbarren im Gewicht von 380 Gramm und hoffe, dich hinfort regelmäßig unterstützen zu können. Ich wünsche dir viel Glück und ein hohes Alter/ ' Dein Neffe Wan-wen-sing." „Sieh mal einer an." sagte der Alte, „da hat der Junge doch noch fein Glück gefunden in der weiten Welt! Da ich jetzt wieder Geld habe, möchte ich das Armband noch behalten. Geben Sie es mir zurück und wechseln Sie mir dasllr den Silberbarren ein; vielleicht wiegen Sie ihn erst nach, denn Sie wissen ja, wie oft mit diesen Barren Schwindel getrieben wird." Dr- Geschäftsführer ging in das Nebenzimmer, wo feine Silberwäge stand, und stellte dort fest, daß der Barren nicht 350, sondern 450 Gramm schwer war; zum alten Wang aber sagte er, das Gewicht stimme genau, es seien 350 Gramm Silber. Er gab dafür gemünztes Geld heraus und rieb sich die Hände vor Vergnügen, als der alte Wang gegangen war. Wenige Minuten später trat ein Bettler in den Laden und sagte zum Gesrhästsführer: „Ich sah soeben den alten Wang aus Ihrem Laden kommen. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Mann kennen, und was er bei Ihnen wollte, aber ich kenne ihn als den größten Betrüger der „duftenden Zwiebelgasse" und wollte Sie vor ihm warnen — hat er Geschäfte mit Ihnen gemacht?" — „Gewiß, er hat einen Silberbarren bei mir ein« wechseln lassen." — „Der Silberbarren ist falsch, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! Schneiden Sie den Barren durch, und sehen Sie nach, was darinnen ist!" Der Geschäftsführer wurde nun doch ängstlich schnitt den Barren durch und fand — eine dicke Messingeinlage. „Sehen Sie,* sagte der Bettler. Jdj kenne doch meine Leute!" — „Wissen Sie, wo der Betrüger wohnt?" fragte der Geschäftsführer, und der Bettler antwortet«: . Das weiß ich wohl, doch treffen wir ihn jetzt sicher nicht zu Hause an. Ich weite, er sitzt augenblicklich in der Herberge „Zur immerwährenden Glückseligkeit" und labt sich auf Ihre Kosten an heißem Reiswein und gerösteten Lotoskernen. Geben Sie mir zwei Dollar, und ich führe Sie hin und verhelfe Ihnen zu ihrem Gelds." Der Geschäftsführer ging bereitwillig auf den Handel ein, händigte dem Bettler zwei Dollar aus, schloß sorgsam feinen Laden ab und machte sich bann mit dem Zerlumpten auf den Weg. Die Herberge „Zur immerwährenden Glückseligkeit" war bald erreicht, und der alte Wang bald gefunden. Er faß mit fünf bis sechs Freunden an einem niedrigen Tischchen und aß eine vorzügliche Haifisch- slossen-Suppe. Der Geschäftsführer ging schnell auf ihn und ,agte: „Verzeiht, alter Großvater Wang, daß ich Euch stören muß, aber der Silberbarren, den Ihr mir vorhin verkauftet, ist falsch. Hier ist er, Ihr könnt Euch selbst überzeugen." Der alte Wang erwiderte ruhig und gelassen: „Wenn Sie sagen, der Barren sei falsch, so wird das wohl seine Richtigkeit haben, und ich muß ihn zurücknehmen. Sie werden mir gewiß keine Schuld geben, denn Sie haben ja gesehen, daß ich den Barren soeben aus Peking erhielt. Gedulden Sie sich nur noch ein Weilchen, bis ich gegessen habe — Haifischflossen müssen warm gegessen werden." Als der alte Wang fein Mahl beendet hatte, wischte er sich mit dem Handrücken den Mund und sagte bann zum Geschäftsführer: „So, nun geben Sie halt den Barren her — banke. Wieviel wog er doch gleich?" — „350 Gramm", erwiderte der Geschäftsführer. — „Ganz recht", antwortete der alte Wang und fuhr gemütlich fort: „Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis, das meinige hat leider schon arg nachgelassen. Herbergsvater! Habt Ihr eine Sifberroage? Ja? Dann seid so gut, und wiegt doch mal diesen falschen Silberbarren.—Wieviel sagt Ihr? 450 Gramm? Habt ihr Euch nicht verwogen? Stimmt Eure Wag«?" — „Sie stimmt!* — „So, so! Haben Sie es gehört, Herr Geschäftsführer! Einen 350 Gramm schweren echten Barren habe ich Ihnen verkauft, und einen 450 Gramm schweren falschen Silberbarren wollen Sie mir zurückzeden! He! Freunde! Habt Ihr schon von einem solchen Handel gehört? Was macht man mit einem Geschäftsführer wie diesem?" — „Wir werden ihm gleich auf die Sprünge helfen!" rief drohend die Tafelrunde, und fluchtartig verließ der Geschäftsführer die Herberge. Der Bettler aber setzte sich zum alten Wang, und beide hielten sich die Bäuche vor Lachen über den gelungenen Trick. Ein ideales Bolksmuseum in Schweden. Don Karl Schreiber. Sn den letzten Jahren ist das Verständnis für unseres Volkes Vergangenheit in immer weitere Kreise eingedrungen. Aeberall taucht der Gedanke auf, das wertvolle Gut der Vergangenheit, soweit es nicht schon eine Pietätlose Zeit hat verkommen lassen, zu sammeln und Heimatmuseen geordnet der öffentlichen De- sichtigung zugänglich zu machen. „Dölkerrnuseen", die das Kulturgut aller Völker der Welt zeigen, gibt es in vielen deutschen Städten. „Dolksmufeen" oder kleinere „Heimatmuseen" dürften weit zahlreicher vorhanden sein. Die großen deuffchen Dolksmuseen sind nur einem- kleinen Teil des deutschen Volkes zugängig, nur denen, die in oder in der Nähe der betreffenden Städte wohnen. Ein so vorbildliches kulturgeschichtliches Volksmuseum, wie das „Oberhefsische Dolksmufeurn" in Gießen gibt es nur selten. And doch — ehe der Zahn der Zeit und die fortschreitende moderne Technik alles „Alte" schonungslos beseitigt, sollte gerettet werden, was noch zu retten ist. Ein in jeder Beziehung vorbildliches „Dolksmufeurn" ist das schwedische in Skansen bei Stockholm. Von ihm will ich erzählen. @fanfen ist ein Teil des waldigen Rückens der Insel Dj urgarden bei Stockholm, keine gärtnerisch verkünstelte Anlage, sondern echter urwüchsiger schwedischer Wald, in dessen Lichtungen für alle Landschaften Schwedens charakteristische Siedelungen stehen, so daß man den Eindruck bekommt, als befinde man sich in den betreffenden Landschaften selbst. Der glückliche Gedanke eines solchen Freiluft- museumS geht zurück auf den Gründer des nordischen Museums, den 1901 verstorbenen Dr. Arthur Hazelius. Während diese» nordische Museum in der Hauptsache kulhtrgeschichtliche Schätze aufweist, von dem ersten Schlittschuh an, einem in der Mitte der Länge nach zersägten Knochen, auf dem einst die alten Aordgermanen über das Eis ihrer Seen eilten, bis zu den prunkvollen Königjs- kutschen der Barock- und Rokokozeit, ist Skansen daS beste und einfachste Hilfsmittel, das schwedische Äolksleben der Gegenwart, die Behausungen, die Geräte, Trachten, Sitten, Volkstänze, Haustiere, Wild, vom Süden bis zu dem hohen Norden Lapplands kennenzulernen. Das Besondere dabei ist, daß die Gebäude und ihre Einrichtungen meist echt, d. h. aus ihrer Heimat unmittelbar hierher verpflanzt sind. Auch die Trachten sieht man nur ansnahms- ■i weise an Puppen, in der Hauptsache an Einheimischen, die diese Häuser bewohnen, Aufsichtsdienste verrichten und Volkstänze zur Darstellung bringen. -Am Eingang zu Skansen befindet srch em Runenstern mrtuber« aus schöner und kunstvoller Ornamentik. Man rst uberrajcyt, auf welch hoher Kulturstufe schon damals vor 1500 Jahren diese alten Germanen im hohen Norden standen. Da ist ferner der Edberg, mit Blöcken aus Eisen, Silber, Kupfer, den Erzeugnissen schwedischer Bergwerke. Da sieht man die Tierwelt Schwedens: Rehe, Hirsche, Elche, Renntiere, Wisente, Wildschweine, Robben, Seehunde, Biber, Fischottern, Dachse, Füchse, Bären, unter den Bügeln besonders Adler und Schnee-Eulen. __ . .. Interessanter jedoch ist es, die Menschensredelungen auf Stanken zu betrachten. Eine jede von ihnen ist ein getreues Spiegelbild des Reichtums, oder der Armut der Landschaft, aber auch des Orb- nungs- und Schönheitssinns ihrer Bevölkerring. So scheint diejenige von Schonen im südlichsten Schweden im Vergleich mit anderen Ge- genden wenig von der letzteren Eigenschaft zu besitzen. Man sieht es dem stattlichen Bauernhof, der aus dieser Gegend hierher verpflanzt ist, daß es nicht an Besitztum fehlt; doch das Innere ist schmucklos, niedrig, überaus einfach, ja fast primitiv: ringsum an den Wänden roh gezimmerte Bänke. Das „Sofa" ist ein truhenartiges Gestell berm eisernen Kachelofen, ein Polster oder ein Teppich ist darüber gelegt; aber wenn der Besucher mit seinen Füßen die herzförmigen Oeffnungen an der Vorderwand dieses Möbels versperrt, so kann er empfindlich gezwickt werden, denn da unten. ist die Winterresidenz der Gänse, welche nicht gewillt sind, sich ihr Kistchen Lust und Licht rauben zu lassen. „ , „ Weit vornehmer ist der Hof aus Blekinge, ebenfalls noch im Süden Schwedens gelegen. Hier ist bereits di« für Schweden bezeichnende Holzbauart allgemein, während in Schonen das Klima noch mild genug ist, um Steinfüllung zwischen dem Fachwerk zu erlauben. Das Dach ist mit Erde und Gras bedeckt. Das Innere der Werck- tagsstube — im Gegensatz zur „guten Stube", die hallenartig, hoch und groß ist — trägt ein behäbig vornehmes Gepräge. In der Ecke ein breiter Kamin; die Rückwand der langen Polsterbank — aber ohne Gänsestall — zieren auf Leinwand gemalte biblische Szenen in naiver Volkskunst. Die Einrichtung ist eifach, aber gediegen: schwere Tische, Schränke, bemalte Truhen, auch das Spinnrad fehlt nicht, und zur Unterhaltung der Kleinen hängt von der Decke eine Sesselschaukel herab. Arm, aber reinlich sieht es in den Häuschen von Smaland aus. Rohe Möbel; die Betten gleichen großen Kisten, die Wiege der Kleinsten ist ein von der Decke herabhängender Korb. So finden wir noch Häuser aus dem Dergwerksdistrikt Westinanland, aus Wermland, Dalarne, bis zu den Hochländern von Jemtland, das durch eine Sennhütte vertreten ist, und dem Lappenlager im hohen Rorden. Wie primitiv ist so eine Lappenhütte: kegelförmig zusammengestellte Stangen, bei Regen und Kälte werden Tücher und Felle darüber gelegt, im Inneren ist in der Mitte die Feuerstätte und darüber eine Oefsnung, damit der Rauch abziehen kann. Rings um die Feuerstätte am Boden Renntierfelle um Lagern, das ist die ganze Behausung. Und die Leute, die darin wohneln, sind kleine gedrungene Gestalten in auffallender bunter Tracht, denen man auf den ersten Blick ansieht, dast sie einer anderen Menschenrasse angehören als der jener schönen, schlanken, blauäugigen und blonden Germanen im südlichen Schweden. Das find so einige Bilder aus dem „lebenden Museum" bei Stockholm; die anschaulichste Art, das Volkstum zu zeigen und die Liebe und das Interesse dafür zu pflegen. Ist dieser Gedanke nicht wert, auch anderweitig aufgegriffen und in die Wirklichkeit übertragen zu werden? mir ruhi schw "sch besu das ich Aug beol und Wir nun« Ber, Sie ist ' zu e Hove Gen sei, den ich mal Nai und grai zäh! ich trat Vor ich schlc die "°1 vorn auf nutze Trär auf. Ich mein dazu Ich Stra 3 in V Kaisi bege dünk fchci' keit mel! 5 topp bega die s Pub! Oper meld Dirn fchie, vern terni Helm Wer an Enti war aus das grei sich mach dies dies Wa den And eine: wir C siche ihm ftürt und 3 ich v auf Neue Aufgaben für Bayreuth. Von Professor Dr. Wilhelm Altmann, Direktor der Musik-Abteilung der Staatsbibliothek Berlin. Die Jahre 1924 und 1925 haben gezeigt, datz die Bayreuther Festspiele noch nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben, obwohl an manchen Orten ganz vortreffliche Aufführungen des „Rings der Nibelungen" und des „Parfifal" stattfinden. Allein, selbst wenn diese starke Anziehungskraft Bayreuths, was wir sehr hoffen, auch noch eine ganze Reihe von Jahren vorhalten sollte, so ziemt es sich doch für die Erben des Meisters, endlich an die Ausführung seines Planes zu gehen, neben Festvorftellungen seiner Werke auch wertvollen Tondramen anderer Komponisten zu Mufikauffllhrungen zu verhelfen. Vergessen dürfen wir nicht, datz er am 28. Juni 1880 von Neapel aus an Friedrich Schön geschrieben hat: „Unter solchen gesicherten Umständen (nämlich mit Hilfe des Königs von Bayern) gedenk« ich nach dem „Parsifal" alljährlich eines meiner älteren Werke — somit alle der Reihe nach — in musterhaften Aufführungen als mein künstlerisches Testament meinen Freunden vorzuführen. Da ich heute in meinem 68. Jahre stehe, habe ich ein hohes und rüstiges Alter meinerseits für die Ausführung dieses Planes in Berechnung zu ziehen und gedenke mit dieser Ausführung dann genug getan zu haben, somit auch der Aufführungen von „Zauberflöte", „Freischütz", „Fidelio" usw. enthoben zu sein. Alles, was ich hierauf bezüglich lehren und mitteilen kann, tue Ich sehr gern unter der Hand — man braucht mich nur in Bayreuth zu besuchen . . ." Man beachte, datz Wagner von allen feinen Werken spricht, datz demnach die bisherige Bayreuther Ausschließung des „Rienzi" (die „Feen" und das „Liebesverbot" können unberücksichtigt bleiben) nicht berechtigt ist, ferner, worauf es mir vor allem ankommt, daß er den Plan gehabt haben mutz, Meisterwerke wie die „Zauberflöte", den „Freischütz", „Fidelio" und wohl auch die beiden „Iphigenien" Glucks in Bayreuth aufzuführen. Eine Pilgerfahrt zu Beethoven. Van Richard Wagner. (Schluß.) Dieser Vorgang hatte die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich gezogen. Mit einem peinlichen Gefühle schien er zu erraten, datz er der Gegenstand unserer Aufregung sei, und nachdem er hastig sein Glas geleert, erhob sich, um fortzugehen. Kaum hatte dies der Engländer gewahrt, als er sich mit solcher Gewalt von mir losriß, datz er mir einen seiner Rock- schötze in der Hand zurückließ und sich Beethoven in den Weg warf. Dieser suchte ihm auszuweichen; der Nichtswürdige kam ihm aber zuvor, machte ihm eine herrliche Verbeugung nach den Regeln der neuesten englischen Mode und redete ihn folgendermaßen an: „Ich habe die Ehre mich dem sehr berühmten Kompositeur und sehr ehrenwerten Herrn Beethoven vorzustellen." Er hatte nicht nötig, mehr hinzuzufügen, denn nach den ersten Worten schon hatte Beethoven, nachdem er einen Blick auf mich geworfen, sich mit einem eiligen Seitensprunge abgewandt, und war mit Blitzesschnelle aus dem Garten verschwunden. Nichtsdestoweniger war der unerschütterliche Brite eben im Begriff, dem Entflohenen nachzulaufen, als ich mich in wütender Bewegung an den letzten seiner Rockschöße anhing. Einigermaßen verwundert hielt er an und rief mit seltsamen Tone: „Goddam! dieser Gentleman ist würdig, Engländer zu sein! Er ist gar ein großer Mann und ich werde nicht säumen, seine Bekanntschaft zu machen." Ich blieb versteinert; dieses schauderhafte Abenteuer vernichtete mir alle Hoffnung, den heißesten Wunsch meines Herzens erfüllt zu sehen. Jn der Tat wurde mir begreiflich, daß von nun an jeder Schritt, mich Beechoven auf eine gewöhnliche Art zu nähern, vollkommen fruchtlos geworden sei. Bei meinen gänzlich zerrütteten Vermögenszuständen hatte ich mich nur noch zu entscheiden, ob ich augenblicklich unverrichteter Dinge meine Heimfahrt antreten ober einen letzten verzweifelten Schritt tun sollte, mich an mein Ziel zu bringen. Bei dem ersten Gedanken schauderte ich bis in das Innerste meiner Seele. Wer mußte, so nah an den Pforten des höchsten Heiligtums, diese für immer sich schließen sehen, ohne nicyr in Vernichtung zu fallen! Ehe ich also das Heil meiner Seele aufgaw wollte ich noch einen Verzweiflungsschritt tun. Welcher Schritt aber wa Daß er schon, als er das Vorwort zu seiner Ausgabe der Dichtung des „Rings der Nibelungen" im Jahre 1862 schrieb, an Musteraufführungen nicht bloß des „Rings", fonbem auch von musikdramatischen Werken anderer Komponisten gedacht hat, unterliegt keinem Zweifel. Darin heißt es nämlich, nachdem er ausgesprochen, was er von der Uraufführung des „Rings" erhoffe: „Diese glücklichen . . . Wirkungen zu kräftigen und vor allmählichem gänzlichen Verlöschen zu behüten, wäre dann das sicherste Mittel, Wiederholungen der großen Original-Aufführungen selbst zu veranstalten. Sie müßten zunächst, je nach Umständen, ein-, zwei- ober auch dreijährig etwa wiederholt werden, und die ausschlaggebende Veranlassung hierzu würbe sein, wenn ein neues Originalwerk ähnlichen Stiles, ober überhaupt ber Auszeichnung solcher Aufführung wert erscheinend, geschaffen worden wäre." — „Hiermit hinge demnach eine Preisausschreibung für bas beste inusi- kalisch-bramatische Werk zusammen, unb der Preis würde in nichts anderem bestehen, als in der Bestimmung zu ber auszeichnenben Auf- fiihrung an den Festtagen. Die Form bes Werkes würbe bie jedesmalige Norm ber Aufführung bestimmen: Ein Werk, welches an einem Abenbe allein aufgeführt werden kann, würde feiner geringeren Darstellungskosten wegen etwa für jährlich wiederkehrende Feste genügen, während ausgedehntere, wie mein gegenwärtiges Bühnenfestspiel, für seltener wiederkehrenden Perioden bestimmt blieben . . ." Sogar an ein Preisausschreiben dachte also Wagner, um zu wertvollen, einer Musteraufführung würdigen Werken zu gelangen. Als er im April 1871 bie Mitteilung unb Aufforderung an bie Freunde feiner Kunst über bie Ausführung bes Bühnenfesffpiels ^,Der Ring ber Nibelungen" schrieb, nahm er auch bie vorstehenben Sätze aus jenem Vorwort in die Kundgebung wörtlich auf, ein Beweis, bah er über bie Berücksichtigung von ihm selbst nicht geschaffener Werke und über bas Preisausschreiben noch genau so buchte wie 1862. In biefer Kunbgebung von 1871 findet sich bann noch folgenber bedeutungsvoller Satz: „Ich rechne . . . mit Bestimmtheit auf den entsprechenben Erfolg, nicht meines Werkes als solchen, sondern ber vollendeten Richtigkeit ber theatralischen Aufführung desselben, sondern ber vollendeten Richtigkeit ber theatralischen Aufführung besfelben, unb nehme an, baß biefer Erfolg zunächst in dem Verlangen nach periodischer Wiederkehr ähnlicher Aufführungen sich aussprechen werde, für welche bann, in immer weiterer Ausbehnung vielleicht auf jede Gattung dramatischer Arbeiten, stets solche Werke bestimmt fein sollten, welche ber Originalität ihrer Konzeption unb ihres wirklich deutschen Stils wegen auf eine besonders korrekte theatralische Aufführung Anspruch zu erheben haben." Allein solche Werke sind nur sehr dünn gesät und dürften auch nicht durch Preisausschreiben gewonnen werden. Ueberblirten wir die ganze musikdramatische Produktion nach Wagners Tode, so kann ich beim besten Willen und bei sorgsamster Prüfung nur zwei Werke entdecken, bie würdig wären, auch auf dem Bayreuther Hügel zu erklingen, nämlich Pfitzners „Palestrina" unb bie „Frau ohne Schatten" von Richarb Strauß. Doch mag vielleicht noch bas eine ober andere Werk von wenig bekannten, vom Glück nicht begünstigten Komponisten es wert fein, in Bayreuth zur Uraufführung zu gelangen. Pflicht der Festfpietteitung, die das künstlerische Testament bes Mei- fters auch nach dieser Seite hin auszuführen hat, ist es also, nach Werken lebender Tonsetzer zu suchen, bie ber Meister in Bayreuth aufgeführt hätte, autzerbem bie von ihm beabsichtigten Musterausführungen ber „Zauberflöte", bes „Freischütz" unb bes „Fidelio" usw. nachzuholen. Ich bezweifle nicht, baß auch bazu Bayreuth-Pilger in genügenber An- zahl sich einfinden werben. Achtung auffüln atischen Zweifel. )er Ur- hlichem Wieder- m. Sie rijährig hierzu ■ über- schaffen musi- nichts n Auf- »malige Abende llungs- während seltener inert- Als er feiner Nibe- n Vorne Be- er das gebung : „Ich meines ilifdjen eatrali- unächst rungen chnung rfe be- > ihres ralifche h nicht ganze i beim tbetfen, lärnlich Richard wenig ein, in , Mei- Werken zeführt n der cholen. ir An- ich ge. Begen« jeleert rt, als • Rock- Dieser machte fischen d sehr Borten n, sich chnelle Hütter- ) mich > iniger« Er ist ast zu e mir sehen! , mich ichllos hatte Dinge tt tun uderte forten nicht ufgob, r war das, welcher Weg, den ich gehen sollte? Sange konnte ich nichts Durchgreifendes ersinnen. Ach, all mein Bewußtsein war gelähmt; nichts bot sich meiner aufgeregten Einbildungskraft dar, als die Erinnerung dessen, was ich erleben mußte, als ich den Rockschotz des entsetzlichen Engländers in den Händen hielt. Beethooens Seitenblick auf mich Unglückseligen in dieser furchtbaren Katastrophe war mir nicht entgangen; ich fühlte, was dieser Blick zu bedeuten hatte: er hatte mich zum Engländer gemacht! Was nun beginnen, um den Argwohn des Meisters zu enttäuschen? Alles kam darauf an, ihn wissen zu lassen, daß ich eine einfache, deutsche Seele sei, voll irdischer Armut, aber überirdischem Cnthusiamus. So entschied ich mich denn endlich, mein Herz auszuschütten, zu schreiben. Dies geschah. Ich schrieb; erzählte kurz meine Lebensgeschichte, wie ich zum Musiker geworden war, wie ich ihn anbetete, wie ich ihn einmal hätte kennen lernen wollen, wie ich zwei Jahre opferte, mir einen Namen als Galoppkomponist zu machen, wie ich meine Pilgerfahrt antrat und vollendete, welche Leiden der Engländer über mich brachte und welche grausame Sage gegenwärtig die meinige sei. Indem ich bei dieser Aufzählung meiner Leiden mein Herz sich merklich erleichtern fühlte, verfiel ich in der Wollust dieses Gefühls sogar in einen gewissen Grad von Vertraulichkeit; ich flocht meinem Briefe ganz freimütige und ziemlich starke Vorwürfe ein über die ungerechte Grausamkeit des Meisters, mit der ich Aermster von ihm behandelt ward. Mit wahrhafter Begeisterung schloß ich endlich diesen Brief; es flimmerte mir vor den Augen, als ich die Adresse: „An Herrn Ludwig van Beethoven" — schrieb.' Ich sprach noch ein stilles Gebet und gab diesen Brief selbst in Beethovens Hause ab. Als ich voll Enthusiasmus zu meinem Hotel zurückkehrte, o Himmel! — wer brachte mir auch da wieder den furchtbaren Engländer vor meine Augen! Von feinem Fenster aus hatte er auch diesen meinen letzten Gang beobachtet; er hatte in meinen Mienen die Freude der Hoffnung gelesen und das war genug, um mich wiederum seiner Macht verfallen zu lassen. Wirklich hielt er mich auf der Treppe an mit der Frage: „Gute Hoffnung? Wann werden wir Beethoven sehen?" „Nie, nie!“ — schrie ich in Verzweiflung — „Sie will Beethoven nie im Leben wieder sehen! Lassen Sie mich. Entsetzlicher, wir haben nichts gemein!" „Sehr wohl haben wir gemein" — entgegnete er kaltblütig — „wo 'st mein Rockschotz, Sir? Wer hat Sie autorisiert, mir ihn gewaltsam AU entwenden? Wissen Sie, daß Sie schuld sind an dem Benehmen Beethovens gegen mich? Wie konnte er es konvenable finden, sich mit einem Gentleman einzulassen, der nur einen Rockschoß hatte!“ Außer mir, diese Schuld auf mich gewälzt zu sehen, rief ich: „Herr, ben Rockschotz sollen Sie zurück haben; mögen Sie ihn schamvoll zum Andenken aufbewahren, wie Sie den großen Beethoven beleidigten und einen armen Musiker in das Verderben stürzten! Leben Sie wohl, mögen wir uns nie wiedersehen!“ Er suchte mich zurückzuhalten und zu beruhigen, indem er mir versicherte, daß er noch sehr viele Rocke im besten Zustande besitze; ich solle ihm nur sagen, wann uns Beethoven empfangen wollte? — Rastlos stürmte ich aber hinauf zu meinem fünften Stock; da schloß ich mich ein und erwartete Beethovens Antwort. Wie aber soll ich beschreiben, was in mir, was um mich vorging, als ich wirklich in der nächsten Stunde ein kleines Stück Notenpapier erhielt, auf welchem mit flüchtiger Hand geschrieben stand: „Entschuldigen Sie, i)err 9t...., wenn ich Sie bitte, mich erst morgen vormittag zu besuchen, da ich heute beschäftigt bin, ein Paket Musikalien auf die Post zu liefern. Morgen erwarte ich Sie. Beethoven." Zuerst sank ich auf meine Knie und dankte dem Himmel für diese außerordentliche Huld; meine Augen trübten sich mit den inbrünstigsten Tränen. Endlich brach aber mein Gefühl in wilde Lust aus; ich sprang auf, und wie ein Rasender tanzte ich in meinem kleinen Zimmer umher. Ich weiß nicht recht, was ich tanzte, nur entsinne ich mich, daß ich zu meiner grohen Scham plötzlich inne wurde, wie ich einen meiner Galopps dazu pfiff. Diese betrübende Entdeckung brachte mich wieder zu mir selbst. Ich verließ mein Stübchen, den Gasthof und stürzte freudetrunken in die Straßen Wiens. Mein Gott, meine Leiden hatten mich ganz vergessen gemacht, daß ich in Wien sei. Wie entzückte mich das heitere Treiben der Bewohner dieser Kaiserstadt. Ich war in einem begeisterten Zustande und sah alles mit begeisterten Augen. Die etwas oberflächliche Sinnlichkeit der Wiener dünkt: mich frische Lebenswärme; ihre leichtsinnige und nicht sehr unterscheidende Genußsucht galten mir für natürliche und offene Empfänglichkeit für alles Schöne. Ich erforschte die fünf täglichen Theaterzettel. Himmel! Da erblickte ich auf dem einen: Fidelio, Oper von Beethoven. Ich mußte in das Theater, und mochten die Einkünfte meiner Galopps noch so sehr zusammengeschmolzen fein. Als ich im Parterre ankam, begann soeben die Ouvertüre. Es war dies die Umarbeitung der Oper, die früher unter dem Titel: Leonore, zur Ehre des tiefsinnigen Wiener Publ-kums durchgefallen war. Auch in dieser zweiten Gestalt hatte ich die Oper noch nirgends aufführen hören; man denke sich also das Entzücken, welches ich empfand, als ich das herrliche Neue hier zum ersten Male vernahm! Ein sehr junges Mädchen gab die Leonore; diese Sängerin schien sich aber schon in so früher Jugend mit dem Genius Beethovens vermählt zu haben. Mit welcher Glut, mit welcher Poesie, wie tief erschütternd stellte sie dies außerordentliche Weib bar! Sie nannte sich Wilhelmine Schroder. Sie hat sich das hohe Berdienst erworben, Beethovens Werk dem deutschen Publikum erschlossen zu haben; denn wirklich sah ich an diesem Abend selbst die oberflächlichen Wiener vom gewaltigsten Enthusiasmus ergriffen. Mir für mein Teil war der Himmel geöffnet; ich war verklärt und betete den Genius an, der mich — gleich Florestan — aus Nacht und Ketten in das Licht und die Freiheit geführt hatte. , Ich konnte die Nacht nicht schlafen. Was ich soeben erlebt, und was wir morgen bevorstand, war zu groß und überoältigenb, als daß ich es ruhig hätte in einen Traum mit übertragen können. Ich wachte, ich schwärmte und bereitete mich, vor Beethoven zu erscheinen. — Endlich erschien der neue Tag; mit Ungeduld erwartete ich die zum Morgen- besuch schickliche Stunde; — auch sie schlug, und ich brach auf. Mir stand das wichtigste Ereignis meines Lebens bevor, von diesem Gedanken war ich erschüttert. Aber noch sollte ich eine furchtbare Prüfung überstehen. Mit großer Kaltblütigkeit an die Haustüre Beethovens gelehnt, er- wartete mich mein Dämon, — der Engländer! — Der Unselige hatte alle Welt, somit endlich auch den Wirt unseres Gasthofes bestochen; dieser hatte die offenen Zeilen Beethovens an mich früher, als ich selbst, gelesen, und den Inhalt derselben an den Briten verraten. Ein kalter Schweiß überfiel mich bei diesem Anblick; alle Poesie, all« himmlische Aufregung schwand mir dahin: Ich war wieder in seiner Gewalt. „Kommen Sie", begann der Unglückliche: „stellen wir uns Beethoven vor!" Erst wollte ich mir mit einer Lüge helfen und vorgeben, daß ich gar nicht auf dem Wege zu Beethoven sei. Allein er benahm mir bald alle Möglichkeit zur Ausflucht; denn mit großer Offenherzigkeit machte er mich damit bekannt, wie er hinter mein Geheimnis gekommen war, und erhärte, mich nicht eher verlassen zu wollen, als bis wir von Beethoven zurückkämen. Ich versuchte erst in Güte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen — umsonst! Ich geriet in Wut — umsonst! — Endlich hoffte ich mich ihm durch die Schnelligkeit meiner Füße zu entziehen; wie ein Pfeil flog ich die Treppe hinan, und riß wie ein Rasender an der Klingel. Ehe aber noch geöffnet wurde, war der Gentleman bei mir, ergriff die Flügel meinem Rockes und sagte: „Entfliehen Sie mir nicht: Ich hab« ein Recht an Ihren Rockschoß; ich will Sie daran halten, bis wir vor Beethoven stehen.“ Entsetzt wandte ich mich um, suchte mich ihm zu entreißen, ja, ich fühlte mich versucht, gegen den stolzen Sohn Britanniens mich mit Tat- lichkeiten zu verteidigen: — da ward die Türe geöffnet. Die alte Aus« Wärterin erschien, zeigte ein finsteres Gesicht, als sie uns in unserer sonderbaren Situation erblickte, und machte Miene, die Türe sogleich wieder zu schließen. In der Angst rief ich laut meinen Namen, und beteuerte, von Herrn Beethoven eingeladen worden zu fein. Noch war die Alte zweifelhaft, denn der Anblick des Engländers schien ihr ein gerechtes Bedenken zu erwecken, als durch ein Ungefähr auf einmal Beethoven selbst an der Türe seines Kabinetts erschien. Diesen Moment benutzend trat ich schnell ein, und wollte auf den Meister zu, um mich zu entschuldigen. Zugleich zog ich aber den Engländer mit herein, denn dieser hatte mich noch fest. Er führte seinen Vorsatz aus und ließ mich erst los, als wir vor Beethoven standen. Ich verbeugte mich, und stammelte meinen Namen; wiewohl er diesen jedenfalls nicht verstand, schien er doch zu wissen, daß ich der sei, der ihm geschrieben hatte. Er hieß mich in fein Zimmer eintreten, und ohne sich um Beethovens verwunderungsvollen Blick zu kümmern, schlüpfte mein Begleiter mir eiligst nach. Hier war ich — im Heiligtum; die gräßliche Verlegenheit aber, in welche mich der heillose Brite gebracht hatte, raubte mir alle wohltätige Besinnung, die mir nötig war, um meines Glückes würdig zu genießen. An und für sich war Beethovens äußere Erscheinung keineswegs dazu gemacht, angenehm und behaglich zu wirken. Er war in ziemlich unordentlicher Hauskleidung, trug eine rote wollene Binde um den Leib; lange, starke graue Haare lagen unordentlich um seinen Kopf herum, und seine finstere, unfreundliche Mene vermochte durchaus nicht meine Verlegenheit zu heben. Wir setzten uns an einen Tisch nieder, der voll Papier und Federn lag. Es herrschte unbehagliche Stimmung, keiner sprach. Augenscheinlich war Beethoven verstimmt, zwei für einen empfangen zu haben. Endlich begann er, indem er mit rauher Stimme frug: „Sie kommen von L...?“ Ich wollte antworten, er aber unterbrach mich, indem er einen Bogen Papier nebst einen Bleistift bereit legte, fügte er hinzu: „Schreiben Sie, ich höre nicht." Ich wußte von Beethovens Taubheit, und hatte mich daraus vorbereitet. Nichtsdestoweniger fuhr es mir wie ein Stich durch das Herz, als ich von dieser rauhen, gebrochenen Stimme horte: „Ich höre nicht!" — Freudenlos und arm in der Welt zu stehen; die einzige Erhebung in der Macht der Tone zu wissen, und sagen zu müssen: ich höre nicht! — Im Moment kam ich in mir zum vollkommenen Verständnis über Beethovens äußere Erscheinung über den tiefen Gram auf seinen Wangen, über den düsteren Unmut feines Blickes, über den verschlossenen Trotz seiner Lippen: — er hörte nicht! — Verwirrt und ohne zu wissen, was? schrieb ich eine Bitte um Entschuldigung und eine kurze Erklärung der Umstände auf, die mich in der Begleitung des Engländers erscheinen liehen. Dieser saß währenddem stumm und befriedigt Beethoven gegenüber, der, nachdem er meine Zeilen gelesen, sich ziemlich heftig zu ihm wandte, mit der Frage, was er von ihm wünsche? „Ich habe die Ehre..." — entgegnete der Brite. „Ich verstehe Sie nicht!" tief Beethoven ihn hastig unterbrechend — „ich höre nicht, und kann auch nicht viel sprechen. Schreiben Sie auf, was Sie von mir wollen“. Der Engländer sann einen Augenblick ruhig nach, zog bann ein zier- liches Musikheft aus der Tasche, und sagte zu mir: „Es ist gut. Schrei- ben Sie: ich bitte Herrn Beethoven, meine Komposition zu sehen; wenn ihm eine Stelle darin nicht gefällt, wird er die Güte haben, ein Kreuz dabei zu machen." , , Ich schrieb wörtlich fein Verlangen auf, in der Hoffnung, ihn mm loszuwerden; und so kam es auch. Nachdem Beethoven gelesen, legte er mit einem sonderbaren Lächeln die Komposition des Engländers auf ben Tisch, nickte kurz und sagte: „Ich werde es schicken." Damit war mein Gentleman sehr zufrieden, stand auf, machte eine besonders herrliche Verbeugung und empfahl sich. — Ich atmete tief auf: — er war fort. Nun erst fühlte ich mich im Heiligtum. Selbst Beethovens Zuge heiterten sich deutlich auf; er blickte mich einen Augenblick ruhig an, und begann bann: , „Der Brite hat Ihnen viel Aerger gemacht?" sagte er; „trösten Sie sich mit mir; biefe reifenben Engländer haben mich schon bis auf bas Blut geplagt. Sie kommen heute, einen armen Musiker zu sehen, wie morgen ein seltenes Tier. Es tut mir leid um Sie, daß ich Sie mit Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Stelndruckerei, R. Lang«, Gieße«. Aufgabe zu schwache Organe. — — Sie werden bald eine neue Kom- pojition van mir kennen lernen, die Sie an das erinnern wird, worüber ich mich jetzt ausließ. Es ist dies eine Symphonie mit Chören. Ich mache Sie daraus aufmerksam, wie schwer es mir dabei ward, dem tlebelstand der Unzulänglichkeit der zu Hilfe gerufenen Dichtkunst adzuhelfen. Ich habe mich endlich entschlossen, die schöne Hymne unseres Schiller „An die Freude" zu benützen; es ist diese jedenfalls eine edle und erhebende Dich, tung, wenn auch weit entfernt davon, das auszusprechen, was allerdings in diesem Falle keine Verse der Welt aussprechen können. Noch heute kann ich das Glück kaum fassen, das mir dadurch zuteil ward, daß mir Beethoven selbst durch diese Andeutungen zum vollen Verständnis seiner riesenhaften letzten Symphonie verhalf, die damals höchstens eben erst vollendet, keinem aber noch bekannt war. Ich drückte ihm meinen begeisterten Dank für diese gewiß seltene Herablassung aus. Zugleich äußerte ich die entzückende lleberraschung, die er mir mit der Nachricht bereitet hatte, daß man dem Erscheinen eines neuen großen Werkes von seiner Komposition entgegensehen dürfe. Mir waren die Tränen in die Augen getreten, — ich hätte vor ihm niederknien mögen. Beethoven schien meine gerührte Aufregung zu gewahren. Er sah mich halb wehmütig, halb spöttisch lächelnd an, als er sagte: „Sie können mich verteidigen, wenn von meinem neuen Werke die Rede sein wird. Gedenken Sie mein: — die klugen Leute wekden mich für verrückt halten, wenigstens dafür ausschreien. Sie sehen aber wohl, Herr R...., daß ich gerade noch kein Wahnsinniger bin, wenn ich sonst auch unglücklich genug dazu wäre. — Di« Leute verlangen von mir, ich soll schreiben, wie sie sich einbilden, daß es schön und gut sei; sie bedenken aber nicht, daß ich armer Tauber meine ganz eigenen Gedanken haben muß, — daß es mir nicht möglich sein kann, anders zu komponieren, als ich fühle. Und daß ich ihre schönen Sachen nicht denken und fühlen kann" — setzte er ironisch hinzu — „das ist ja eben mein Unglück!" Damit stand er auf und schritt mit schnellen, kurzen Schritten durch das Zimmer. Tief bis in das Innerste ergriffen, wie ich war, stand ich ebenfalls auf; — ich fühlte, daß ich zitterte. Unmöglich wäre es mir ge- wesen, weder durch Pantomimen noch durch Schrift eine Unterhaltung fortzusetzen. Ich ward mir bewußt, das jetzt der Punkt gekommen war, auf dem mein Besuch dem Meister lästig werden konnte. Ein tiefgefühltes Wort des Dankes und des Abschiedes aufzuschreiben schien mir zu nüchtern; ich begnügte mich, meinen Hut zu ergreifen, vor Beethoven hinzu- treten, und ihn in meinem Blicke lesen zu lassen, was in mir vorging. Er schien mich zu verstehen. „Sie wollen fort?" frug er. „Werden Sie noch einige Zeit in Wien bleiben?" Ich schrieb ihm auf, daß ich mit dieser Reise nichts beabsichtigt hätte, als ihn kennen zu lernen, daß, da er mich gewürdigt habe, mir eine so außerordentliche Aufnahme zu gewähren, ich überglücklich sei, mein Ziel als erreicht anzusehen, und morgen wieder zurückwandern würde. Lächelnd erwiderte er: „Sie haben mir geschrieben, auf welche Art Sie sich das Geld zu dieser Reise verschafft haben: — Sie sollten m Wien bleiben und Galopps machen, — hier gilt ffie Ware viel." Ich erklärte, daß es für mich nun damit aus fei, 6a ich nichts wüßte, was mir wieder eines ähnlichen Opfers wert erscheinen könnte. „Nun, nun!" entgegnete er, „das findet sich! Ich alter Narr würde es auch besser haben, wenn ich Galopps machte; wie ich es bis jetzt treibe, werde ich immer darben. — Reisen Sie glücklich" — fuhr er fort — „gedenken Sie mein, und trösten Sie sich in allen Widerwärtigkeiten mit mir.* Gerührt und mit Tränen in den Augen wollte ich mich empfehlen, da rief er mir noch zu: „Halt! Fertigen wir den musikalischen Engländer abJ Laßt sehen, wo die Kreuze hinkommen fotlenr Damit ergriff er da» Musikheft des Briten, und sah es lächelnd flüchtig durch; sodann legte er es sorgfältig wieder zusammen, schlug es in einen Bogen Papier ein, ergriff eine dicke Notenfeder und zeichnete ein kolossales Kreuz quer über den ganzen Umschlag. Darauf überreichte er es mir mit den Worten: „Stellen Sie dem Glücklichen gefälligst fein Meisterwerk zu! Er ist ein Esel, und doch beneide ich ihn um feine lange Ohren!--Leben Sie wohl, mein Lieber, und behalten Sie mich lieb!" Somit entließ er mich. Erschüttert verließ ich fein Zimmer und dar Haus. * Im Hotel traf ich den Bedienten des Engländers an, wie er die Koffer feines Herrn im Reisewagen zurecht packte. Also auch fein Ziel war erreicht; ich mußte gestehen, daß auch er Ausdauer bewiesen hotte. Ich eilte in mein Zimmer, und machte mich ebenfalls fertig, mit dem morgenden Tage meine Fußwanderschaft zurück anzutreten. Laut mußte ich auflachen, als ich das Kreuz auf dem Umschläge der Komposition des Engländers betrachtete. Dennoch war dieses Kreuz ein Andenken Beethovens, und ich gönnte es dem bösen Dämon meiner Pilgerfahrt nicht. Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich nahm den Umschlag ab, suchte meine Galopps hervor, und schlug sie in diese verdammende Hülle ein. Dem Engländer ließ ich seine Komposition ohne Umschlag zustellen, und begleitete sie mit einem Briefchen, in welchem ich ihn meldete, daß Beethoven ihn beneide und erklärt habe, nicht zu wissen, wo er da ein Kreuz anbringen solle. Ms ich den Gasthof verließ, sah ich meinen unseligen Genossen in den Wagen steigen. „Leben Sie wohl!" rief er mir zu: „Sie haben mir große Dienste geleistet. Es ist mir lieb, Herrn Beethoven kennengelernt zu haben. — Wollen Sie mit mir nach Italien?" „Was suchen Sie dort?" — frug ich dagegen. „Ich will Herrn Rossini kennen lernen, denn er ist ein sehr berühmt« Komponist." „Glück zu!" — rief ich: — „Ich kenne Beethoven; für mein Leben habe ich somit genug!" Wir trennten uns. Ich warf noch einen schmachtenden Blick nach Beethovens Haus, und wanderte dem Norden zu, in meinem Herzen erhoben und veredelt. jenem verwechselt habe. — Sie schrieben mir, daß Sie mit meinen Kompositionen zufrieden wären. Das hl mir lieb, denn ich rechne jetzt nur wenig darauf, daß meine Sachen den Leuten gefallen." Diese Vertraulichkeit in feiner Anrede benahm nur bald alle lästige Befangenheit; ein Freudenschauer durchbebte mich bei diesen einfachen Worten. Ich schrieb, daß ich wahrlich nicht der einzige sei, der von so glühendem Enthusiasmus für jede feiner Schöpfungen erfüllt wäre, daß ich nichts sehnlicher wünschte, als z. B. meiner Vaterstadt das Glück verschaffen zu können, ihn einmal in ihrer Mitte zu sehen; er würde sich bann überzeugen, welche Wirkung dort seine Werke auf das gesamte Publikum hervorbrächten. „Ich glaube wohl," erwiderte Beethoven, — „daß meine Kompositionen im nördlichen Deutschland mehr ansprechen. Die Wiener ärgern mich oft; sie hören täglich zu viel schlechtes Zeug, als daß sie immer aufgelegt sein sollten, mit Ernst an etwas Ernstes zu gehen." Ich wollte dem widersprechen, und führte an, daß ich gestern der Aufführung" des „Fidelio" beigewohnt hätte, welche das Wiener Publikum mit dem offensten Enthusiasmus ausgenommen habe. „Hm, hm!" brummte der Meister, „der Fidelio! — Ich weih aber, daß die Leutchen jetzt nur aus Eitelkeit in die Hände klatschen, denn sie reden sich ein, daß ich in der Umarbeitung dieser Oper nur ihrem Rate gefolgt sei. Nun wollen sie mir die Mühe vergelten, und rufen Bravo! Es ist ein gutmütiges Volk und nicht gelehrt;-ich bin darum lieber bei ihnen, als bei gescheiten Leuten. — Gefällt Ihnen jetzt der Fidelio?" Ich berichtete von dem Eindrucks, den die gestrige Vorstellung auf mich gemacht hatte, und bemerkte, daß durch die hinzugefügten Stücke das Ganze auf das Herrlichste gewonnen habe. „Aergerliche Arbeit!" entgegnete Beethoven: „Ich bin fein Opernkomponist, wenigstens kenne ich kein Theater in der Welt, für das ich gern wieder eine Oper schreiben möchte! Wenn ich eine Oper machen wollte, die nach meinem Sinne wäre, würden die Leute davonlaufen; denn da würde nichts von Arien, Duetten, Terzetten und all dem Zeuge zu finden fein, womit sie heutzutage die Oper zusammenflicken, und was ich dafür machte, würde kein Sänger fingen und fein Publikum hören wollen. Sie kennen alle nur die glänzende Luge, brillanten Unsinn und überzuckerte Langeweile. Wer ein wahres musikalisches Drama machte, würde für einen Narren angesehen werden, und wäre es auch in der Tai, wenn er fo etwas nicht für sich selbst behielte, sondern es vor die Leute bringen wollte." „Und wie würde man zu Werke gehen müssen" — frug ich erhitzt, — „um ein solches musikalisches Drama zustande zu bringen?" „Wie es Shakespeare machte, wenn er feine Stücke schrieb", war die fast heftige Antwort. Dann fuhr er fort: „Wer »s sich darum zu tun fein lassen muß, Frauenzimmern mit passabler Stimme allerlei bunten Tand anzupaffen, durch den sie braut und Händeklatschen bekommen, der sollte Pariser Frauenschneider werden, ober nicht dramatischer Komponist. — Ich für mein Teil bin nun einmal zu solchen Späßen nicht gemacht. Ich weiß recht wohl, daß die gescheiten Leute deshalb meinen, ich verstünde mich allenfalls auf die Instrumentalmusik, in der Vokalmusik würde ich aber nie zuhause sein. Sie haben recht, da sie unter Vokalmusik nur Opernmusik verstehen; und dafür, daß ich in diesem Unsinne heimisch würde, bewahre mich der Himmel!" Ich erlaubte mir hier zu fragen, ob er wirklich glaube, daß jemand nach Anhörung feiner „Adelaide" ihm den glänzendsten Beruf auch zur Gesangsmusik abzufprechen wagen würde? „Nun," entgegnete er nach einer kleinen Paufe, — „die Adelaide und dergleichen sind am Ende Kleinigkeiten, die den Virtuosen von Profession zeitig genug in die Hände fallen, um ihnen als Gelegenheit zu dienen, ihre vortrefflichen Kunststückchen anbringen zu können. Warum sollte aber die Vokalmusik nicht ebensogut als die Instrumentalmusik einen großen ernsten Genre bilden können, der zumal bei der Ausführung von dem leichtsinnigen Sängervolke ebenso respektiert würde, als es meinetwegen Bei einer Symphonie vom Orchester gefordert wird? Die menschliche Stimme ist einmal da. Ja, sie ist sogar ein bei weitem schöneres und edleres Tonorgan als jedes Instrument des Orchesters. Sollte man sie nicht ebenso selbständig in Anwendung bringen können, wie dieses? Welche ganz neuen Resultate würde man nicht bei diesem Verfahren gewinnen! Denn gerade der feiner Natur nach von der Eigentümlichkeit der Instrumente gänzlich verschiedene Charakter der menschlichen Stimme würde besonders herauszuheben und festzuhalten sein, und die mannigfachsten Kombinationen erzeugen kaffen. In den Instrumenten repräsentieren sich die Urorgane der Schöpfung und der Natur; das, was sie ausdrücken, kann nie klar bestimmt und festgesetzt werden, denn sie geben die Urgefühle selbst wieder, wie sie aus dem Chaos der ersten Schöpfung hervorgingen, als es selbst vielleicht noch nicht einmal Menschen gab, die sie in ihr Herz aufnehmen konnten. Ganz anders ist es mit dem Genius der Menschenstimme; diese repräsentiert das menschliche Herz und dessen abgeschlossene, individuelle Empfindung. Ihr Charakter ist somit beschränkt, aber bestimmt und klar. Man bringe nun diese beiden Elemente zusammen, man vereinige sie! Man stelle den wilden, in das Unendliche hinausschweifenden Urgefühlen, repräsentiert von den Instrumenten, die klare bestimmte Empfindung des menschlichen Herzens entgegen, repräsentiert von der Menschenstimme. Das Hinzutreten dieses zweiten Elements wird wohltuend und schlichtend auf den Kampf der Urgefühle wirken, wird ihrem Strome einen bestimmten, vereinigten Lauf geben; das menschliche Herz selbst aber wird, indem es jene Urempfmbungen in sich aufnimmt, unendlich erträftigt und erweitert, fähig fein, die frühere unbestimmte Ahnung des Höchsten, zum göttlichen Bewußtsein umgewandelt, klar in sich zu fühlen." Hier hilft Beethoven wie erschöpft einige Augenblicke an. Dann fuhr er mit einem leichten Seufzer fort: „Freilich stößt man bei dem Versuch Zur Lösung dieser Aufgabe auf manchen Uebelftanb; um finge» zu lassen, braucht man der Worte. Wer aber wäre imstande, die Poesie in Worte Zu faffen, die einer solchen Vereinigung aller Elemente zugrunde liegen würde? Die Dichtung muß da zurückstehen, denn die Worte sind für diese