GiehenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang Ml Dienstag, den 1-März Hummer <1 Unser literarisches Preisausschreiben. Wir bringen in der heutigen Nummer die beiden ersten Aufgaben unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die im heutigen Hauptblatt des Gießener Anzeigers ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Die Aufgabe besteht darin, die zwölf Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Wir betonen nochmals, daß alle zwölf Lösungen zusammen erst nach Schluß des Preisausschreibens, in der Zeit vom 20. bis 26. März 1927, eingereicht werden dürfen. I. Von den Perlen, welche der tauchende Fischer Auffängt, wählt er die reinsten für sich. Für den Herrscher legt man zurück das Beste, Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit; Wenn sich die Diener durchs Los vergleichen, 5hm ist das Schönste gewiß. Aber eines doch ist sein köstlichstes Kleinod — Jeder andre Vorzug sei ihm gegönnt, Dieses beneid' ich ihm unter allem — Daß er heimführt die Blume der Frauen, Die das Entzücken ist aller Augen, Daß er sie eigen besitzt. Im Kriege selber ist das letzte nicht der Krieg. Die großen schnellen Taten der Gewalt, Des Augenblicks erstaunenswerte Wunder, Die sind es nicht, die das Beglückende, Das ruhig, mächtig Daurende erzeugen. In Hast und Eile bauet der Soldat Von Leinwand seine leichte Stadt; da wird Ein augenblicklich Brausen und Bewegen, Der Markt belebt sich, Straßen, Flüsse sind Bedeckt mit Fracht, es rührt sich das Gewerbe. Doch eines Morgens plötzlich siehet man Die Zelte fallen, weiter rückt die Horde, Und ausgestorben wie ein Kirchhof bleibt Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen. Und um des Jahres Ernte ist's getan. II. Es ist auf Erden kein besser List, Als wer seiner Zung' ein Meister ist. Viel wissen und wenig sagen. Nicht antworten aus alle Fragen; Rede wenig und mach's wahr! Was du borgest, bezahle bar! Laß einen jeden sein, wer er ist, So bleibst auch du wohl, wer du bist. * Wir Drosseln, Amseln, Finken, Hänflinge, Stieglitze, samt anderen frommen, ehrbaren Vögeln, so diesen Herbst über Wittenberg reisen sollen, fügen euer Liebe zu wissen, wie wir glaublich berichtet werden, daß einer, genannt Wolfgang Eiberger, euer Diener, sich unterstanden habe eines großen freventlichen Uebergriffs und etliche alte verdorbene Netze, aus großem Zorn und Haß wider uns, teuer gekauft, um einen Finkenherd anzurichten. Er nimmt sich damit vor, nicht allein unfern lieben Freunden und Finken, sondern uns allen die Freiheit zu wehren, in der Luft zu fliegen und auf Erden Körnlein zu lesen, von Gott uns gegeben, und stellt uns nach unserem Leib und Leben, obwohl wir doch gar nichts gegen ihn verschuldet, noch solch ernstlichen und heftigen Uebergriff um ihn verdient haben. Fasching im Rokokoschlotz. Von Charlotte U l l m a n n. Im alten Residenzschloß zu Kassel, das später während der Regierungszeit des Königs Jerome in Flammen ausging, erblühte ein fröhliches Leben, seit die junge Landgräfin Philippine dort ihren Einzug gehalten. Sie war an dem lustigen Hofe des Markgrafen von Brandenburg- Schwedt aufgewachsen und noch jung dem greisen Friedrich II. von Kurhessen angetraut, der ein hochgelehrter, kunstsinniger Fürst war und ein großer Verehrer des Versailler Zeremoniells. Philippine aber liebte es, um sich eine Gesellschaft fröhlicher, ausgelassener Menschen zu versammeln, die mit Fastnachtspossen, Komödienspielen und sonstigen Zeitvertreib in ihren Gemächern die steifen Formen der französischen Etikette verscheuchten. An einem Fastnachtsfeste hatte die tolle Laune in der Abendgesellschaft der Fürstin gerade den Höhepunkt erreicht, als plötzlich die Flügeltüren aufgingen und die lange, hagere Gestalt des Landgrafen in scharlachrotem'Schlafrock und stattlicher Perücke auf der Schwelle erschien, beim Anblick der kunterbunten Maskerade ernst das Haupt schüttelte und wieder verschwand, wie er gekommen war. Erschreckt stob nach diesem Ueberfall die Gesellschaft auseinander und erwartete mit Zittern den kommenden Morgen, denn daß Seine Durchlaucht über alle, die es gewagt hatten, die heilige Ordnung der Hofgesetze freventlich zu durchbrechen, ein strenges Strafgericht ergehen lassen würde, darüber war niemand im Zweifel. Besonders di« Landgräfin war in der peinlichsten Verlegenheit, wie sie die ausgelassenen Vergnügungen in ihren Räumen bei dem pedantischen, strengen Gemahl entschuldigen könne. Der Kammerjunker, Freiherr von Knigge, hatte sich in seinem jugendlichen Uebermut im Schlafrock und in der charakteristischen, großen Perücke des Landgrafen diesen Scherz erlaubt in der Annahme, daß zu dieser nächtlichen Stunde niemand in ihm den Pseudo-Landgrafen erkennen würde. Jedoch bei seiner eiligen Rückkehr war ihm im Korridor eine Hofdame der Landgräfin, Henriette von Baumbach, begegnet und hatte ihn belustigt über den losen Streich mit Nennung seines Namens gegrüßt. Natürlich erwartete der Junker, die junge, von ihm schon oft schonungslos geneckte Dame würde stehenden Fußes ihre Herrin über das Geheimnis aufklären. In feiner wenig beneidenswerten Lage eröffnete sich Knigge in tiefstem Vertrauen einem älteren Freund, dem Marquis de Luchet, und bat uni feinen Rat. Henriette verriet ihn nicht. Den weifen Grundsatz, den Knigge später in seinem klassischen Werk, dem im Jahre 1788 erschienenen „Umgang mit Menschen" anempfiehlt, „daß man nicht jedem vertrauen soll", hat der Jüngling vielleicht schon erprobt, denn der falsche Franzose versprach als treuherziger Kamerad tiefstes Stillschweigen, riet aber auch selbst, an diese delikate Sache nicht weiter zu rühren. Eine gewitterschwüle Atmosphäre herrschte am Aschermittwoch bei Hofe. Und sieh da, Serenissimus erschien zur Mittagszeit in guter Laune bei seiner Gemahlin, um sie wie üblich zur Tafel abzuholen und machte keine einzige Andeutung von den Ereignissen der verflossenen Nacht. Neugierig, wie Frauen sind, konnte Philippine es sich nicht versagen, sich zu erkundigen, wie ihr liebwerter Herr Gemahl den gestrigen Abend verbracht habe. „O prächtig, ich habe eine ganze Sammlung von alten Kupferstichen durchgesehen, die ich für unsere Galerie zu erwerben beabsichtige . . ." Und nun unterhielt sich der große Herr äußerst angeregt und entzückt über diese Bilder, während Philippine erkannte, daß sie das Opfer eines Fastnachtsscherzes geworden Der französische Kammerherr de Luchet bat um eine Audienz bei Ihrer Durchlaucht, teilte ihr den losen Streich des Kameraden mit, bat auch hier um Geheimhaltung in kluger Vorsicht, da der Freiherr von Knigge ein Meister in der Fechtkunst und im Scheibenschießen war. Serenissima war nicht wenig entrüstet über den kecken Junker, wartete aber still die Gelegenheit ab, um ihn zu strafen. Der Hofjunker wurde fortan nicht mehr zu ihren geselligen Zusammenkünften eingetoben, und Knigge dachte nicht anders, als daß Fräulein von Baumbach der Land- grafin die Sache hinterbracht habe. Der Marquis de Luchet, dem er diesen Verdacht aussprach, beeilte sich in sittlicher Entrüstung, den Argwohn feines Freundes noch zu verstärken und ihn gegen die Hofdame einzunehmen. Henriette von Baumbach, als fchönsts Mädchen am Hofe, war der Liebling der Landgräfin, auch durch ihr natürliches, frisches Wesen, ein frohes, liebenswürdiges Geschöpf. Wo sie sich von nun an sehen ließ, trat alsbald Knigge wie ein böser Schatten hinter sie. Jedem ihrer Worte folgte wie ein Echo ein sarkastischer Witz des Junkers. Henriette litt darunter, sie war dem geistreichen Plauderer von Herzen zugetan, und als di« Lsndgräsin einst das junge Mädchen in Tränen fand, fragte sie diese volser Teilnahme nach dem Grund ihres Kummers. Henriette machte ihrem gepreßten Herzen Luft und beichtete offen ihre gehetime Liebe zu dem Freiherrn von Knigge, daß sie dieser Zuneigung Der KarneosL von Venedig. Die Geschichte einer Faschingsmode. 'Von Dr. Paul Landau. GrgerleLte. Bon Otto Julius B i e r b a u m. Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee. Ihre Toilette War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan. Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an. War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit. Nie vergeh ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweih war sie. Und im Trab mit vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren, Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Sah bei dem Kutschieren Mit den heihen vieren Amor hinten auf. Maskiert kann man alles sagen, Und alles wagen: die Maske steht unter dem Schuh der allerdurchlauchtigsten Republik. In der Maske kann man ich überall sehen lassen, in den Salons, den Bureaus, im Dogeupalast und im Ridotto, auf dem Ball und in den Klöstern. Diese venetiamsche Maske, die sich die Welt der Feste vom Manzanares bis zur Spree untertänig machte, „besteht in einem Mäntelchen von schwarzer Seide; die Bürger tragen sie auch von rotem oder grauem Tuch, weil es dauerhafter ist. Den Kopf bis ans Kinn verhüllt die sog. Bauta oder Kappe, die bis über die Schulter hinabgeht. Das Gesicht ist mit einer Wachsmaske (Volto) bedeckt, welche bis zum Munde reicht, und dazu druckt man einen weihen Federhut, um sie sestzuhalten, so tief über die Maske, daß man nur eben sehen kann; und weil die Fremden das, nicht gewohnt sind, o erkennt man sie gleich daran. Dies ist die allgemeine Tracht beiderlei Jeschlechts; man unterscheidet die Frauen nur an den unter dem Mantel hervorragenden Röcken". So meldet der Reisende Keyßler. Was hatte eine solche fast düstere Vermummung Anziehendes? Sie war mehr als eine Verkleidung; sie war ein Inkognito, ein Freibrief sur jede Ausgelassenheit, jede Tollheit. Niemand wußte von lemandem, wer er sei, und unter dem Schutz der Maske konnte sich so „diegeheime Geschichte des Karnevals" abspielen, deren Abenteuer nach Addison d.« ganze Skandalchronik des galanten Europas umschlossen. „Man sieht den Adu vermischt mit dem Volk", erzählt Casanova Der Fürst unterhalt sich mit dem Diener, die Schönste mit dem Häßlichsten. Es gibt keine Be Hörden und keine Gesetze." Die lästigen Schranken der Stand« und der Etikette, sie fallen hier. „Die Maske ist die größte; ^egüemlichkeit, jubelt eine Lustspielheldin Goldonis. Der stillen Seligkeit der Masken ge° ellt ich dann noch die Lust an der Verkleidung. Man verkle.de sich auf alle Arten, und es gibt eine gedruckte Anweisung, dl« die besten Methoden aufzählt. Da quirlen die grotesken Gestalten der Stegreifkomodie durcheinander: Covinllo mit seinen Ziegenbocksprungen setzt hinter der reizenden Zerbinetta her. Brighella ist aus der Flucht vor dem wütenden Capitano, der ihn am liebsten zweimal totschlagen wachte; groteske Doktoren von Bologna trösten die unglücklich liebenden Arlechmos. Geist- volle Leut putzen sich als Deutsche aus und temperamentvolle als Schwei- zer Kein Volk fehlt und kein Stand bis zu den Schornsteinfegern und den Savoyarden mit ihren Murmeltieren. Casanova hat s'G die weiße spitze Rieienmütze Pierrots aufgestülpt; Golgoni liebt das buntscheckige Habit des Strahensängers, und der Ratsherr Conte Pepoli stürzt sich «L Harlekin direkt aus der Senatssitzung in den Strudel. Diesen Glücklichen schlagt keine Stund«. „Um Mitternacht wie zu Mittaa" erzählt Goldoni, „findet man alle Lokale offen, stets Esten bereit in'den Gasthöfen, überall Musik und Tanz." 2'chn^wahrendlanden rtinnhefn ihre stille Fracht lachender Schonen. $ turnen und Bänder, Kusse Mazz^tta^st"eine^tte^ne^"S?adt'von^ud?n^und^Ze^nEheroorgewachjen. ÄS ’ÄÖBÄÄÄ hnrt man Sänger oder Sängerinnen kleine Canzenette Beneziane ab- S 'S Ä' “Srtr.i? mckit" De Wahrsager sind besonders geschäftig. „Sie bedienen sich Ä Äe/eUeÄ0betten fflJmMoJ Fragenden SÄ m?nn fann ohne Lachen nicht ansehen, wenn bisweilen noch blöd« junge Mädchen sich nähern und mit vieler Furcht undnochetwasSchamhastig- keii Iwcb ihrem Schicksal in Liebesangelegenhelten sich erkundigen. In h Nnkioohäuiern unter den Galerien des Markusplatzes drangen sich kesondelk bie Nemden Bänke oder Stühle sind aber nicht geduldetz iv.e Keyßler berichtet, weil die Oesterreicher diese Gelegenheit benutzt hätten, um Verschwörungen anzuzetteln. Je mehr sich der Karneval dem Ende zuneigt,, desto eiliger lagen lick die großen Bälle, die Feste, Aufzüge und Schaustellungen. Bunt ge schmückte Ockisen werden in der letzten Woche durch die engen Gassen gehetzt Am Fastnachtsdienstag beginnt das riesige Schlußfeuerwerk, da Valciite und Lagunen in eine strahlende Glorie cinhullt, schon am Heller- llchten Tage Lauten dann endlich um Mitternacht die Glocken der vielen Kirchen dumpf-melodisch den Aschermittwoch cm, dann ist alles wie betäubt von dem Taumel der wilden Wochen ... . Die Bewunderung, die diese gigantische Festveranstaltung bei den Fremden fand, war ungeheuer. Mancher große Herr, der nicht May lich an die Adria zurückkehren konnte, zehrt-: sehnsüchtigvon ^n kos.l'chen Erinnerunaen, und so entstand in dem Hirn der absoluten cherrfcyer, die nichts Unmögliches kannten, leicht der Gedaicke, stchew Venedig ihrem fiof hervorzuzaubern und jo daheim den echten, richtigen Karne zu feiern Allenthalben wurde diese Idee in die Wirklichkeit umgesetzt, Versailles, und in Kopenhagen, in Wien und Madrid und m ?e: ersbmg. Wir greifen einige Beispiele von deutschen Hofen heraus, um zu zeigen, wie sich diese originelle Faschingsmode der „venetlanischen Messen ^Wchl'al/Ät«^geftaltete Max Emanuel von Bayern, der lan^e Zeit In der Lagunenstadt gelebt, sein Nymphenburg zu einem Klein-Benedig um. Er ließ zunächst Gondeln aus Venedig kommen die wie große fremd Vögel auf den Kanälen schwammen. Dann, wurde 'n SMrnb "g von Venetianern eine Werft angelegt, auf der prächtige, reich 8*$^' ' Zelten und Wimpeln versehene Fahrzeuge ensttanden Gondolieri blauen, mit Silberborten besetzten Jäckchen und Pumphosen lecke en ernsten Schifflein, die für die Maskenfeste die rechte Loka«ftlmmung icy^ fen. Und wie auf den Nymphenburger Kanälen, so durften auch auf o Elbe die Wahrzeichen Venedigs nicht fehlen. August der Starke 1 weaen doppelt unter dessen Spott leide. Philippine strich liebkosend über di/ blonden Locken des schluchzenden Mädchens und versprach ihr zu $eIf3eht wurde der Junker wieder zu den engeren Festlichkeiten in ihren Räumen hmzugezogen. Dieser war nicht wenig überrascht, als Serems- (KTiibte, ibn lüicbcr in ©nob^n anZUNbyniLN. 2iÖe ersten Abende verhielt er sich sehr bescheiden als er pch aber wieder in der Gesellschaft heimisch fühlte, Zeigte er sich auch hier a.sbald als der Quälgeist des Fräuleins von Baumoach. Die Landgrafin beobacl^ tete dies und blieb eines Tages plötzlich vor dem 2unier ftehen, als sich dieser lebhaft mit dem Minister von Schliessen unterhielt. Sie sagte zu ihm: „Ei, mein lieber Herr von Knigge, es freut mich besonders, daß Sie sich so warm mit Fräulein von Baumbach befreundet haben, oie ist eine vortreffliche Dame." . ... ~ Gewiß, gewiß, Durchlaucht", erwiderte Kmgge mit spöttischem Ton. IM schätze Fräulein von Baumbach außerordentlich. „Das höre ich gern mein Lieber!" antwortete Philippine sehr ernst mit gnädigem Kopfnicken, ohne den Spott in Knigges Ton zu beachten. Der lustige Junker machte sich auch weiter keine Gedanken über das immerhin doch auffallende Benehmen der hohen Frau, er setzte seine Angriffe auf die schöne Hofdame in alter Weife fort. * So kam der Geburtstag der Landgrafin heran, der sehr festlich gefeiert wurde. Knigge benutzte die Zeit bis zum Eintritt der Herrschaften, um wieder einmal seine übermütige Laune an Fräulein von Baumbach auszulassen. Er knüpfte gerade die Bänder auf an ihrer Frisur, als die Landgräfin am Arm ihres Gemahls durch die gegenüberliegend« Tur m den Festsaal trat. Mit erhobener Stimme sagte Philippine: „Ach, mein lieber Baron, da Sie sich so lebhaft für meine Henriette interessieren, so will ich heute gnädig gegen Sie sein und Ihnen verraten, daß Fräulein von Baumbach Ihnen ebenso herzlich zugetan ist, wie Sie ihr. Geben Sie Ihrem Freunde nur Ihre Hand, liebe Baumbach, Ihre Eltern sind damit einverstanden. Mein Gemahl, ein neues Brautpaar!" Der Landgraf reichte seinem Hofjunker sehr gnädig die Hand und gratulierte zu der glücklichen Wahl. Knigge suchte nach Worten, um das Mißverständnis auf schickliche Weise aufzuklären, doch die Landgrafin wußte jede Gelegenheit dazu zu vereiteln. Wollte er keine plumpe Storung bei der Geburtstagsfeier der Fürstin verursachen, so müßte er gute Miene zu dem Spiel machen, er muhte die Glückwünsche der anwesenden Gäste über sich ergehen lassen, und mußte Bescheid tun, als man auf sein und seiner Braut Wohl trank. Unter die Weltwunder, denen nichts Aehnliches an die Seite zu stellen fei, rechneten Reisende des 17. Jahrhunderts den berühmten Karneval von Venedig, den die Fürsten und hohen Herren mit Vorliebe besuchten, um alle Finessen des Amüsements auszukosten, und den sie meist mit leerem Beutel verließen. Er ist für diese Zeit das Fest der Feste, ja er wird sogar zur Weltmod«, indem man ihn an den europäischen Höfen nachahmt. Frankreich, Spanien und Deutschland haben auf dem Festprogramm ihren veneanischen Karneval, und sie nennen ihre „Redouten" nach dem vornehmsten Vergnügungslokal, dem Ridotto auf der Via San Mose. Der Fasching wird „ä la venetienne“ gefeiert. Sechs Monate beherrscht er die Lagunenstadt, der tolle Wirbel der Masken und Bälle; Im Oktober beginnt er und geht als Präludium bis Weihnachten, dann setzt er mit voller Macht am Dreikönigstage ein und steigert sich in feinen Lustbarkeiten bis zum Aschermittwoch. Solange er dauert, trägt alles Masken, vom Dogen bis zur Dienerin. Maskiert erledigt man seine Geschäfte, geht vor Gericht und kauft seinen Fisch ein. bei seinen großen Maskenfesten mit Vorliebe „eine mit hellblauem Atlas, mit silbernen Galonen und Quasten reich ausstaffierte Gondel. Zwölf in Seide gekleidete Gondolieri/ so schildert von Loen, „saßen an den Rudern, darauf folgte der Vuoentoro, eine venetianische Prachtgondel, welche die, in die vier Völkerschaften der vier Weltteile verkleideten Musikanten mit ihren Trommeln, Pfeifen, Trompeten und anderen seltsamen Musiken ausfüllten. Hinter diesem fuhren noch über dreißig andere, auf italienische Art verfertigte Schiffe, allesamt unter Trompeten- und Paukenschall/ Der Dresdner Ältenmarkt und die wundervolle, offene Festhalle des Zwingers mußten unterdessen die Stelle des Markusplatzes vertreten. Ueberall leuchteten bunte Lampen, rings umher standen Buden und mitten auf dem Markte brannte eine große Pyramide mit je 90 einzelnen Feuern. Mit besonderer Hingabe hat Karl Eugen von Württemberg in Ludwigsburg seine venetianischen Feste, die er von 1769 an öfter zur Fastnachtszeit veranstaltete, ausgestattet. Der Ludwigsburger Markt mit seinen an den Markusplatz erinnernden Arkaden eignete sich besonders gut zum Schauplatz dieses bunten Treibens, lieber die Mitte des Platzes wurde ein großer gedeckter Gang gezogen. „Darin waren u. a. sechs herrschaftliche Butiken für Malerei, Lotterie, Spiel ufw. untergebracht, in denen Serren und Damen vom Hof allerlei Galanteriewaren feilboten oder Mckstöpfe hielten, als Wahrfagerinnnen und Zigeunerinnen Orakel- krüche verkündeten, als Händler mit Südfrüchten und Likören oder Waffelbäckerinnen ihre Waren anpriefen. Auch die übrige Fläche des weiten Platzes bedeckten zahlreiche Buden, worin allerlei hübsche Waren zum Berkaus ausgelegt waren. Die anstoßenden ebenerdigen Wohnungen hatte man in Wirtschaften oder Spielbanken verwandelt, die andauernd mit Gästen angefüllt waren." Alle mutzten im Maskenanzua erscheinen; fahrende Musikanten gaben zum Klange der Drehorgel ihre Liedchen zum besten; französische Schauspielerinnen und italienische Balletteusen schlüpften mit kecker Anmut durch die Menge. „Da rauschte und wogte es in scheinbar zwanglosestem Durcheinander von Sammet und Seide. Die tollsten Aufzüge und Spiele wurden aufgeführt, unter denen noch lange nicht das stärkste Stück ein riesenhafter Heiduk des Her- »ogs bot, der in die Maske eines Wickelkindes gekleidet, in einer Wiege lag und sich von einer Amme, die ein Zwerg war, mit Brei speisen lieh." Der „Karneval von Venedig" ist im Fastnachtsjubel des 18. Jahrhunderts eine ständige Erscheinung geworden. Ueberall gibt es „Redouten", am Hofe des „alten Fritz" wie im Weimar Goethes, und wie der Name der Maskenseste, so ist auch die Erinnerung an diese glänzende Festkultur bis heute unvergessen geblieben. Mummenschanz und Tanzfeste von ernst. Bilder aus vier Jahrhunderten. Von Dr. Hedwig Fischmann. In den Tagen der Renaissance, da sich selbst des Lebens Alltag jo gern den durch Abkraßen einigermaßen zu beheben, wobei ihm der zerknirscht« Lipps redlich half, pfiff Till mit einem Male durch die Zähne, lieh da« Brot finken und sagte: „Meister, ihr habt mir doch einen Taler für bi« Nacht versprochen ?" — „Für das Wachen, aber nicht für das Schlafen' ' war die brummige Antwort. „Aber wenn ich euch die Brote verkaufe, dann steht mir der Taler doch zu?" Das bestätigte der Meister. „Güt' sagte Till, „bann streckt mir den Taler vor und legt euch aufs Ohr. Ven kaufe ich die Brote, dann gehört der Taler mir, verkaufe ich sie nicht Aber mit den gezierten Sitten, den Reifröcken und den gepuderten Haaren verschwindet während der französischen Revolution der Fächer vollständig aus den Händen der Same. Wie jo manches Hübsche und Reizende aus der barocken Zeit versinkt er ins Dunkel der Vergessenheit, aus der ihn erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts Prinz Karneval wieder hervorholt, und ihn, der einst am goldenen Thron der Pharaonen gestanden, in seinen prächtigen, aber mit falschem Prunk staffierten Hofsaal holt. Wieder glänzt und gleißt der flitterschimmernde Flügelschlag des Kühlungsspenders durch den Tanz- und Gesellschaftssaal, und die neueste Mod« hat ihm beinahe wieder seine ursprüngliche, einst so stolze königliche Form zurückgegeben. In zauberhaften Farbennuancen, oom tiefen Azurblau bis zum mattschiminernden Blau des Himmels, vom Purpur traumhaft glühenden Rotes bis zum zarten Schmelz der Marechal Niel vereinen sich die Farben auf ein und demselben großen Fächer aus stolzen Straußenwedeln, blitzen die strahlenden Sterne von Brillanten,und Türkisen aus den kunstvoll geschnittenen Griffen. Es ist ein Auf und Ab wie von gaukelnden Schmetterlingen, ein sanftes Wiegen und Neigen, eine Pracht und ein Gefunkel, wie in den Märchen von Tausend und Emer Nacht, das sich jetzt in den Ballsälen entfaltet. Wieder ist er, der Sohn bes Orients, Herrscher geworden, wieder ein Kind der Freude, der Lich- ter und das Sinnbild festlichen Gepränges, wie er es einst gewesen. Kein Wunder, daß er mich seit jeher, wie alles Schöne, Zarte und Kunstvolle, seine Liebhaber unter den Sammlern gefunden hat. Lord Wallace hat von ihm die schönste Sammlung angelegt: wahre Wunderwerke an, schönen reichverzierten Gestellen aus Perlmutter, Elfenbein und Schildpatt, viele mit Perlen und kostbaren Edelsteinen eingelegt und mit zarten Miniaturgemälden versehen, die bald den ganzen Fächer, bald nur wie zart gehauchte ovale und runde Medaillons auf dem einfarbigen Grund des Blattes schweben. Auch die echte Spitze fehlt selbstverständlich nicht und ist in herrlichen Exemplaren vertreten, von der hauchzarten Brüstete:, bis zur schwereren Brabanter Spitze und den venezianischen Points d’Aiguille. Bot so der Fächer einerseits reichlich Gelegenheit zur Entfaltung des Kunfthandwerkes, heute Kunstgewerve genannt, hat er Maler und Künstler angeregt, ihn mit reizenden Motiven und geistreichen Farbenaperous zu schmücken, hat sich sozusagen der Fächer die Kunst erobert, so kann man umgekehrt sagen, daß sich auch die Kunst den Fächer zu eigen machte, indem nämlich die Porträtmalerei in ihm ein höchst reizvolles Attribut des Danicnbildnisses entdeckte. Auch hier nützte der Künstler beu Facher als Beigabe und Emblem der Dame, der reich und stolz gekleideten Patrizierin. Man wird kaum ein spanisches Damenporträt finden, wo der Fächer nicht als ausdrucksvolles Beiwerk, sozusagen als Mit-Cha- rakteristikum seiner Trägerin, zur Anwendung kommt. Bald zusammen- aefattet, in die zarte Hand sich schmiegend, bald kokettierend, zur Hälfte entfaltet, um beu schelmischen Blick eines bunkeln Auges doppelt ver- führeriscb erscheinen zu lassen. Das schönste Bild, eine Dame der großen Welr mit Fächer darstellend, wird aber wohl immer jenes Porträt Ban Dycks fein und bleiben, das Maria Luise von Tasfis zum Gegenstand Hat und sich in der Liechtensteinqalerie in Wien befindet. Dieses Porträt ist nicht nur eines der edelsten und zartesten Werke des vlümischen Kunst- lers, sonder in dem Liebreiz und edlen Massen der Dargestellten vielleicht die reizvollste Wiedergabe einer Same überhaupt. Reich, und in damaliger französisch bauschiger Tracht gekleidet, hält die rechte, überaus schön und wöhlgebildete Hand einen lässig gefalteten Fächer aus lang- wallenden Straußfedern, der den goldig gestimmten Grnndton des Ge- mäldec. in eine wunderbare Harmonie zarter, silbriger Farbtöne aus- flmgen läßt. gebe ich ihn euch zurück." Der Meister ging auf den Vorschlag ein, legte ihm den Taler auf den Tisch und verschwand in fein Schlafzimmer, froV das Gespött der Kunden über die mißratenen Brote nicht anhören zi müssen. Lipps kratzte die Reste des Brotteiges im Backtrog zusammen, formt« daraus ein winziges Brotlein, steckte den Taler mitten hinein und schob es in den Ofen. Dann machte er sich eifrig daran, die schwarzen Kruste« abzuschaben. Als es Zeit wurde, den Bäckerladen zu öffnen, trug er all« Brote hinein und legte auch fein armseliges Erzeugnis aus dem Ofen dazu, das eher einem winzigen Wechselbalg, denn einem Brote glich- Im Schaufenster brachte er einen großen Zettel an, auf dem in bunteni Buchstaben folgender Vers zu lesen war: „Wer ein Glücksbrot kaufen will. Der holt fein Fastnachtsbrot beim Till." Dann nahm er die Laden von Tür und Fenster, legte Kittel uni Schürze an und stellte sich zum Empfang der Kunden bereit. Die Vorübergehenden lachten über den Vers und trugen die Kund« von Tills Glücksbrot von Hans zu Haus. Bald kam man in helle« Scharen gelaufen, zu hören, was es mit dem Glücksbrot für eine Bewandtnis habe. Als sie die Brote mit den schwarzen Rücken sahen, wollten sie entrüstet davon gehen. Till aber erzählte ihnen, daß in einem der Brote ein Taler eingebacken sei, der dem gehöre, der ihn fände. A ging das Geschäft. Denn jeder dachte sich, für einen Taler kannst du bie schwarze Kruste schon in Kauf nehmen. Eifrig bot Till auch sein eigenes Brotlein zum Kaufe an. Aber lachend sagte man ihm, was er selbst gebacken habe, solle er auch selber essen. Ehe eine Stunde vergangen war, hatte Till sein Brot ausverkauft. Nur sein .Wechselbalg war verkauft geblieben. Till machte Kasse, die auf den Heller stimmte, schloß die Ladmm und legte Kasse und Schlüssel dem schlafenden Meister auf die SetW Dann ging er durch die Hintertür querfeldein der Heimat zu. , In den Häusern der Stadt schnitt man eifrig bie „Glücksbrote in der Hoffnung, den Taler zu finden. Als das negative Ergebnis sch * Haus zu Haus herumsprach, strömte alles voll Entrüstung zum laden, um den Till, den man endlich bei einem Wortbruch ertappt zur Rechenschaft zu ziehen. I Sa fanden sie im Schaufenster den ausgeschnittenen Wechselbalg "- gen, die Eindrücke, die der Taler im Brote hinterlassen hatte, waren M lich zu erkennen. Und auf einem Zettel lasen sie den Vers: „Das Glücksbrot ließt ihr alle liegen, Drum muht' der Till den Taler kriegen." Da erkannte man, daß Lipps Till sie auf die reellste Weise von d Welt wieder einmal an der Nase herumgeführt hatte. J Als bie Kunde von dem neuen Streiche des Till sich durch s Städtchen verbreitete, da erhob sich ein so Helles Gelächter zum H>w.u daß Sankt Petrus aus dem Schlafe erwachte. „Das ist das rye.1. Lachen," sagte er zu Frau Holle, die mit dem Morgenkaffee Here« ; „bas erkenne ich am Klang. Ich seh' schon: der rheinische Huw nicht klein zu kriegen, und wenn ich den Teufel zu HUfe nähme. , sie frieren müssen wie ich." Und flugs schickte er eine so grimmioe 5-:;;., herab, daß Stein und Bein gefror. In dieser Nacht war Lipps Till, der den verschneiten RosenmonwH in Köln zugebracht hatte, auf dem Rückwege in seine Heimat. „Den Teufel auch," dachte Lipps, als er eine kleine Stadt erreicht hatte, bei der Kälte weiterwandern, wäre so gut als mit Gevatter Hein Bruder, schäft trinken", und überlegte, wo er ein warmes Plätzchen für die Nacht auftreiben könnte. Da fiel ihm der Bäckermeister Pönsgen ein, bei dem er sich schon einmal durch Backholzabladen einen 'guten Taqelohn ver- dient hatte. Der Meister war bei übler Laune, als Lipps zu ihm in bie warme Backstube trat. Fastnacht war heute, bie ganze Stabt war auf bem Maskenball. Unb feine Braut tanzte mit einem anbern, weil der Gefell selbst gegen doppelten Tageslohn nicht zu bewegen gewesen war, auf feine verbriefte freie Fastnacht zugunsten des jungen Meisters zu ver>" zichten. So mußte er selbst die Brote in den Ofen schieben, wenn er Geschäft und Berufsehre nicht aufs Spiel fetzen wollte. Als Lipps feine Sitte um eine warme Ecke für die Nacht vorbrachte, kam ihm ein gute: Gedanke. Till war doch ein Heller Kopf. Warum sollte er nicht für eine. Nacht den Backer spielen? Er versprach ihm einen Taler, gab ihm genaue Vorschriften über die Wärme des Ofens, über die Zeit des Einschiebens und Herausholens und ging vergnügt auf den Maskenball, während Till sich gewissenhaft daran machte, seine ungewohnten Verrichtung zu erfüllen.