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Immer abendlang Geig' ich sanften Sang, Bis ich Frieden sand. So müd' im süßen Traum. Fährt ein Boot zu Land' An den Heimatstrand, Und nun ruht der Klang So selig unterm Baum. Mozart. Nach seinen Briefen von Romain Rolland. Der folgende Effay über Mozart (von dem wir einen Teil bringen) ist eine Jugendarbeit Romain Rollands. Der kaum Fünfundzwanzigjährige hat ihn geschrieben. Und als er ihn 1891 veröffentlichen wollte, wurde er von keiner französifchen Zeitschrift angenommen. Ich habe soeben Mozarts Briefe gelesen, die in jeder Bibliothek vorhanden sein sollten, denn sie sind nicht nur für den .Künstler interessant, sondern wirken wohltuend auf alle Menschen. Wenn ihr biefe Briefe gelesen habt, bleibt Mozart während eures ganzen Lebens euer Freund, und feine liebe Gestalt ersteht vor euch in allen Stunden der Not. Ihr vernehmt sein gutes, kindliches, heroisches Lachen, und ihr mögt noch so traurig fein, ihr errötet, wenn ihr an dieses so heiter getragene Elend denkt. Wir wollen diese schöne, erloschene Erscheinung wieder beleben. Am meisten verblüsft bei ihm seine wunderbare moralische Gesundheit. Und sie ist um so erstaunlicher, wenn man an seinen von Krankheit untergrabenen Körper denkt. In ihm ist ein fast einzigartiges Gleichgewicht aller Fähigkeiten: eine Seele, die alles zu fühlen und alles zu beherrschen vermag; eine ruhige Vernunft, deren Kälte inmitten der tiefsten Gefühle (beim Tode seiner Mutter, in seiner Liebe zu Constanze Weber) erstaunt; ein den allgemeinen Geschmack und die Erfolgsmittel klar beurteilender Verstand, der sein stolzes Genie dem Sieg über die Welt anzupasfen weiß, ohne sich ihr zu beugen. Diese moralische Gesundheit ist bei sehr leidenschaftlichen Naturen höchst selten, da alle Leidenschaft die Uebertreibung eines Gefühls ist. In Mozart sind alle Empfindungen vereinigt; aber er ist ohne Leidenschaft, bis auf eine, und die ist furchtbar: der Stolz, das machtvolle Gefühl seines Genies. • „Der Erzbischof von Salzburg hält euch für einen aus Hochmut geformten Menschen", sagte ihm ein Freund. Er sucht aber keineswegs diesen Hochmut zu verbergen. Wer es wagt, diesen Hochmut zu erwähnen, dem erwidert er mit dem Stolz des Zeitgenossen Rousseaus: „Das Herz adelt den Menschen; und wenn ich schon kein graf bin, so habe ich vielleicht mehr Ehre im leib als mancher gras, und Hausknecht oder graf, sobald er mich beschimpft, so ist er ein hundsfut." „Das ist doch curios," fing ich an (als wenn ich nicht gehört hätte, was er gesagt hat) — er sagte cs zwei Witzbolden in Augsburg — „ich kann noch eher alle orden (die sie bekommen können) bekommen, als sie dos werden, was ich bin; und wenn sie zwei mahl sterben und wieder gebohren werden." Er sammelt und berichtet mit einer gewissen Sorgfalt alle schmelchel- haften Worte, die über ihn geäußert werden. . Er schreibt dem Vater, der Fürst Kaunitz habe zum Erzherzog Maximilian von ihm gesagt, „daß solche leute wie Mozart nur alle "hundert 8ahre auf die Welt kämen, und solche leute muffe man nicht aus teutsch- lanb treiben — besonders wenn man so glücklich ist, sie wirklich in der Residenz Stadt zu besitzen." Auch haßt er voller Wut, wenn sein Stolz verletzt wird. Nach den Beleidigungen durch den Erzbischof von Salzburg „zitterte er am ganzen Selbe, und taumelte wie ein Besoffener auf der Gaffe, er blieb auch den folgenben Tag als gestern zu Haufe, den ganzen Vormittag aber im BE." — „Ich hasse den Erzbischof bis zur raserey." — „Wenn einer mtd) beleidigt, fo muß ich mich rächen; und tue ich nicht mehr, als er mir ttn8mian' f°. es nur Wiedervergeltung und keine Strafe nicht." Wenn sein Stolz auf dem Spiele steht, ober wenn auch nur sein Eilte gesprochen hat, kennt dieser ehrfurchtsvolle und unterwürfige Sohn keine andere Autorität an als feinen eigenen Willen. „Ich muß ihnen gestehen, daß ich aus keinem einzigen zuge ihres Briefes, meinen Datier erkenne! — wohl einen Datier, aber nicht den Besten, liebvollsten, den für feine eigene und für die Ehre seiner kinder besorgten oatter, — mit einem Wort, nicht — meinen Datier." Er verheiratet sich, bevor er die Einwilligung seines Vaters er« halten hat. ♦ Wenn wir diese große und einzige Leidenschaft — den Stolz — von ihm nehmen, so finden wir die liebenswürdigste und heiterste Seele. Eine lebhafte und beständige, ganz feminine — oder b^fer gesagt: kindliche — Zärtlichkeit, die sich in ein paar Tränen, in ein wenig Lachen, in Scherzen, in lausend kleinen Dummheiten eines zärtlichen Babys gefällt. Mit ihr verbindet er gewöhnlich eine unerschöpfliche Fröhlichkeit, die sich über ein Nichts belustigt Er ist immer in Bewegung, singt, hüpft, lacht närrisch über komische Dinge, noch häufiger, wenn sie nicht komisch sind, über gute und schlechte Witze — noch mehr über schlecht —, manchmal grobe, aber ohne Bosheit und ohne Hintergedanken, und über Worte, die sinnlos sind: „Stru! ©tri! . . . paller . . , Schnip Schnap . . . Schnur . . . Schnepeperl! . . . Snai! . . „Mein Herz ist völlig entzücket aus lauter Vergnügen, weil mir auf bteier reise so lustig ist, well es so warm ist in dem wagen und weil unser gutscher ein getonter tert ist, welcher, wen es der weg ein bischen zuläst so geschwind fahrt." Tausend Beispiele gibt es bei ihm für diese Fröhlichkeit ohne Grund, für dieses gesunde Lachen. Es ist das Pulsieren eines überschwellenden, gesunden Blutes. Seine Sensibilität hat nichts Nervöses. „Ich habe" — schreibt er am 30. November 1771 aus Mailand an Mutter und Schwester — „auf dem Domplatz hier vier kerl hencken sehen, sie hencken hier wie zu lion." Er hatte keineswegs das allgemeine Mitleid, das „Humanitätsqefühl" unserer modernen Künstler. Er liebt nur die, die er wirklicht liebt, d. h. feinen Vater, feine Frau, feine Freunde. Aber die liebt er sehr zärtlich, er spricht von ihnen mit sanfter und lebhafter Erregung, die das Herz verliebt und weich macht, wie seine Musik es tut. „Als wir zusammen verbunden wurden fieng sowohl meine frau als ich an zu meinen; — davon wurden alle, sogar der Priester gerührt — und alle meinten, da sie zeuge unserer gerührten Herzen waren." Er war ein ausgezeichneter Freund, wie nur die Armen es fein können, so drückte er es selbst aus: „Die besten und wahrsten freunde sind die arme. — Die reiche wissen nichts von sreundschast!" „Ich nennen nur freund und freundin eine Person, die es in allen Situationen ist — die tag und nacht auf nichts sinnt, als das beste ihres freundes zu besorgen — alle vermögende freunde anfpannt, selbst arbeitet, ihn glücklich zu machen." Seine Briese an seine Frau — besonders die aus den Jahren 1789 bis 1791 — sprudeln über von verliebter Zärtlichkeit und närrischen Frohsinn. Sie sind kaum in Einklang mit der Krankheit, dem schrecklichen Elend und allen Sorgen zu bringen, die gerade diese Epoche zur grausamsten seines Lebens machten: „Immer zwischen Angst und Hoffnung. Er nimmt nicht, wie man vermuten könnte, eine tapfere Haltung an, um feine Frau zu ermutigen und ihr über die gegenwärtige Lage Illusionen zu machen; es ist vielmehr Mozarts unwiderstehliches Bedürfnis nach Heiterkeit, beffen er nicht Herr ist und das er selbst inmitten ber herzergreifendsten Traurigkeiten befriedigen will. Jedoch auch Mozarts Lachen liegt nahe beim Weinen, bet beglückenden Tränen, von denen liebende Herzen voll sind. * Er war glücklich, obwohl keine Existenz härter als die feine war. Sie mar ein unaufhörlicher Kampf gegen Elend und Krankheit. Nur der Tod setzte ihm ein Ziel, — als er fünfunddreißig Jahre alt mar. Woraus entspringt also fein Glück? Vor allem aus feinem Glauben, der klar und ganz ohne Aberglauben mar; ein starker, fester Glaube, der keinen Zweifel kannte, ja ihn nicht einmal streifte. Es mar ein ruhiger, friedvoller Glaube, ohne Leidenschaft, ohne Mystizismus: Credo quia verum. (Ich glaube, mell es wahr ist.) Seinem sterbenden Vater schrieb er: „Wie sehnlich ich einer tröstenden Nachricht von Ihnen selbst entgegen sehe, brauche ich Ihnen doch wohl nicht zu sagen, und ich hoffe es auch gemis — obwohl ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, mir immer in allen Dingen das schlimmste vorzustellen — da der Tod (genau zu nemmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich feit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes, und ich danke meinem (Sott, daß er mir bas Glück gegönnt hat, mir bie Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, daß ich vielleicht (so jung als ich bin) den andern Tag nicht mehr fein werde — Ein Besuch im Salzburger MozarLhaus. Von Dr. Hedwig Fischmann. Aus der Helle des leuchtenden Sommertags, in dem frohes, gegenwartssicheres Leben in leicht beschwingtem Festtagsrhythmus pulst, m das stille Tal einer sich auf engem Raum mühsam emporwmdenden ! Treppe. Doch die Stufen flüstern und singen vergangenheitsschwer unter dem hastig emporeilenden Fuße: „Wir trugen des Kindes^ tastende Schritte. Uns übersprang des Knaben von frühen Triumphfahrteii sihn- i suchtsvoll heimwärtsstrebender Fuß. Doch unserer Enge entrang sich der Jüngling. Wir waren die Stufen — er schritt ins Licht. I Und Lichtströme, blendend und jubelnd wie Meister Mozarts himm- I lisch« Weifen, durchfluten die Räume, von denen dieses Genius Erdenwallen und Himmelfahrt ihren Ausgang genommen. Drei Helle, freundliche Räume im dritten Stopwerk des stattlichen Bürgerhauses in der Getreideqasse 9 waren das Heim, in das der erzbischöfliche Musikus Leopold Mozart an einem Novembertage des Jahres 1747 seine junge Frau ! führte — ein Paar, das als das schönste Salzburgs gerühmt wurde. Des I Vaters tiefer künstlerischer Ernst, der Mutter heitere Lebensfreude und der Anmut Göttsrgeschenk, von beiden Eltern dargebracht, waren die Gaben, die ein reich spendendes Schicksal dem kleinen Wolferl in die Wiege gelegt, der dort in dem freundlichen Hoszimmer das Licht des Lebens erblickt. Ueber das Gewirr der Dächer, die das leuchtende Stuck blauen Himmels rings um den Hof umgrenzen, grühte den Knaben, damalswie | heute neugierig hereinlugend, einer der beiden Glockenturme von Fischer * von Erlachs Kollegrumskirche, grüßte in ihm die heitere, sinnenfreudige Kunst des Salzburger Spätbarock die wesensverwandte erwachende Künstlerseele. Und wenn dann vom Turme die Glocke ihre eherne Stimme erhob, erfüllte sie in inniger Verschmelzung mit dem schwingenden, klingenden Rhythmus jener Linien, mit den flimmernden, schimmernden Lichtströmen die Räume mit einer musikdurchtränkten Atmosphäre, m der die bildsame Kinderseele mitschwang und Lebensprägung empfing. . Durch diese Stuben hatte der kleine Wolfgang oftmals seine Spielsachen aus einem Raum in den andern getragen, wobei „allemal der, so leerginq, einen Marsch dazu singen und geigen mutzte". So beruhtet der getreue Hausfreund Johann Andreas Schachtner, der dem Knaben bei seinen kindlichen Spielen ein geduldiger Gefährte gewesen. Denn „sobald er mit der Musik sich abzugeben anfing, waren alle feine Sinne fÄ seine übrigen Geschäfte soviel als tot, und selbst die Kindereien und Tandel- spiele muhten, wenn sie für ihn interessant sein sollten, von Musik begleitet werden". Wie früh dies musikalische Interesse erwacht war, davon geben die Eintragungen von des Vaters Hand in einem in einer Vitrme ausgestellten Notenbuch von Wolfgangs Schwester Marianne Kunde, das zugleich von dem jüngeren Bruder mitbenutzt wurde. „Dieses vorher- aehende Menuet Hai der Wokfgangerl im 4. Jahr erlernt , heflst es da. Und- Dieses Menuet und Trio hat der Wolfganger! den 26. Zanuarij einen Tag vor seinem 5. Jahr um halb zehn Uhr nachts in einer halben Stunde gelernt." Bald folgen auch die ersten Kompositionsverjuche des Sechsjährigen, ebenfalls von des Vaters Hand hier ausgezeichnet. Leopold Mozart war der verständnisvollste Lehrer und Förderer der reichen Gaben seiner beiden Kinder, und wie weit das Verhältnis von jenen aus Furcht aufgebauten Drillen zum Künstler, wie es ein Raffael Mengs von einem Vater erfahren, entfernt gewesen, dafür zeugen die rührend vertrauens, vollen Worte des kleinen Wolfgang: „Nach Gott kommt gleich der Papa. Von den Wänden herab grützen sie alle, die einst diese Räume in inniger Gemeinschaft, in andächtiger Anteilnahme an dem Aufbrechen der Wunderblume dieser Kunst erfüllt hatten. Hi«, gestutzt auf eme .VwIm- schule", die stattliche Gestalt des Vaters, des unbedingten Alleinherrschers in diesem kleinen Reich. Dort die heitere Frohnatur der Mutter die sich der Neigung ihres Gatten, auch in Hausfrauenfragen das entscheidende Wort zu sprechen, willig unterordnete, und doch auch bereit war, wenn es not tat, selbsicher in den Vordergrund zu treten. War sie es doch, die den jungen Künstlers an Stelle des durch feinen Beruf gefesselten Vaters auf jener enttäuschungsreichen Pariser Reise begleitete, auf der sie, fern der geliebten Salzburger Heimat, nach einer still ertragenen Zeit des Darbens und Leidens einen frühen Tod gefunden. Zwei erschütternde Dokumente von des Sohnes Hand, in diefen Räumen seines Kmderglucks doppelt erschütternd, erinnern an jene schweren Schicksalstage:, das eine em Brief an den ihm freundschaftlich verbundenen Ab bä Bullinger >n Salzburg, geschrieben „am traurigsten Tag meines Lebens, mit der Bitte, dem Vater die leidvolle Nachricht zu übermitteln; das .andere« die Hand- schrift des ersten Satzes der sogenannten „Pariser Symphonie m l->-Dm, die an der Mutter Todestag ihre Erstausführung gesunden und von deren Erfolg ein in scheinbar io fröhlichem Ton abgefaßter Brief dem noch ahnungslosen Bater berichtet. Kindlicher Liebe beredte Zeugen über die ! ^"^Wi«"ubenMq das Andenken der Mutter in dem Familienkreis, dem sie so früh entrissen, geblieben, davon gibt das nach ihrem ^ode enfltan- dene Familienbildnis unzweifelhafte Kunde: auf die in künstlerischer Hm- qab« am Klavier vereinte Geschwister, denen sich der Vater mit der Geige I in der Hand zugesellt, blickt aus dem Rahmen der nach einem früheren ! Bild kopierte, lebensgroße Kopf der Mutter; so ward die Tote miteln- bezogen in den Kreis, dem sie niemals gestorben ist. Und wie sich hier die Gestalt der Schwester mit der des Bruders {o innig am Klavier eint, daß gleich einem bedeutsamen Symbol die Hand Wolfgangs hmubergreist über die des Nannerl, so war die musikalisch Hochbegabte seiner Kinder- und Jugendjahre nächststehende Gefährtin, bis des Genius auswärts. sagender Pfad sich von dem ihrigen trennte. Aber auf den vier ersten Kunstreisen des Knaben war sie die mitberechtigte Genossin semer frühen Triumphe. Ein Bild des Elfjährigen im stolzen Staatskleid der unglücklichen Erzherzogin Marie Antoinette, einem Geschenk der Kaiserin Maria Theresia, erzählt, in Gestalt und Haltung ganz den Ausdruck einer var- | nehmen Dame en miniature widerspiegelnd, von jenen Erfolgen, die sie a„ her Seite des Bruders am Schönbrunner Hof gefeiert. Und dort der I putzige kleine Kavalier int Staatskleid des Erzherzogs Wakimilian, den Degen an der Seite, das war der vom Wiener Hof verhätschelte sechs. I Jähriae Wunderknabe Wolfgang Amadeus Mozart, und doch in dem Ausdruck des runden pausbackigen Kindergesichts mit dem so u"b^angen in die Welt hineinguckenden Augen — das Wolferl, nur das Wolstrl, nichts als ein frisches, ahnungsloses Kind, als das er sich auch auf dem glatten Parkett von Schönbrunn bewiesen. Das Kmderlacheln, das hier um die roten Lippen so schelmisch zuckt, ist ihm sein ganzes Leben treu geblieben spottete selbst der so früh die körperlichen Kräfte auszehrenden Leiden und perlt, unvergänglich in das Zauberreich der Töne gebannt aus Meister Mozarts himmlisch sonnigen Weisen. Und klang es nicht jetzt, eben jetzt neckisch spottend, aus dem Nebenzimmer? Oder war es ein verwehter Hauch, der über die Saiten der Kindergeige huschte, die eins' mals sich gegen dies energisch« Knabenkinn gepreßt/ Nach langen Irr- führten ist sie zurückgekehrt zu dieser Statte und bückt hinüber zu dem chlichten, unscheinbaren Klavierchord, auf dessen fünf Oktaven des Meisters Hand so oft geruht, in heiligster Schöpferstunde die Schranken wensih >ch r Zeitlichkeit zur Ewigkeit niederreitzend. Des ,,Titus , der „Zauberswie unsterbliche Klänge entquollen zuerst diesen Tasten, und unter dem A hauch des mächtigsten Meisters, des Allbezwmgers Tod, entrangen stch iM klagend des „Requiems" Töne. Von der Kindergeige zu biefem eroigfei 5 geweihten Instrument — so schließt sich der eng bemessene Ring d^cj-s Lebens, der des reichsten Schassens- Umkreis in sich birgt. Und> auch , der dieses unfterblicheii Geistes sterblich-irdische Hülle gewesen hat beim gesunden zu der Stätte, an der einst des Knaben rosiges KopfckM s'4.« hi» Kissen geschmiegt: Mozarts Toten chadel. Wohl fehlt die letzte, un Uinstöhliche Gewißheit, daß der aus dem Besitz des. Anatomen H r stammende Schädel auch wirklich das heilige Gefäß dieses Schöpfers« B ! gewesen; war doch-dem deutschen Volk zur ew,albrennenden Schmackji , was irdisch an dem Genius gewesen, in em Massengrab des Mmk Friedhofs in Wien versenkt worden. Aber wir glauben sofst-rn, an sich bare Zeichen uns klammernd, an dies Unterpfand für die Menschwerö « des göttlichen Genius. . .. . Doch noch ein Glied, dunkel, leidesfchwer, schließt diese Schickfalsteu- dort das Doppelbildnis der brüderlich sich umschlungm halten»« «A Mozarts, der Letzten dieses Geschlechts, auf deren Schultern die lasteno Schwere des Epigonentums ruhte. Gleich den Goet^-Enkeln waren . I verurteilt, im Schatten eines Großen zu stehen. Und die wm | Verse Grillparzers kommen mir in den 6mn, die er dem Schm! jüngeren Mozart-Sohnes geweiht, dem der große Name zum Schmer» | genossen, zum Ertöier aller Schaffenskraft geworden: „Du warst die trauernde Zypresse An deines Baiers Monument ... Ein Schatten haste sich über das lichte Bild dieser Räume 8« ru^- kündend von der Vergänglichkeit irdischer Geschlechter, mögen sie aM ihrem Haupte die Wolken berühren. Doch da hoben die Glocken »ich es wird doch fein Mensch von allen die, mich kennen sagen können j hn6 irh im Umgang mürrisch ober traurig wäre — und für diese Gluck , fettgkett danke ich a?te Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen . ekSasmiftneerin @lütf1inenb«r Ewigkeit. Was das Glück dieser Welt an- belangst so flndet er es vor allem in der Liebe der Seinen zu ihm und Jutt'l7öl"schreibt er seiner Frau: „Run kannst Du wir aber kein größeres Vergnügen machen, als wenn Du vergnügt und lustig bist — benn wenn ich nur gewiß weiß, daß D i r nichts ab geht bann ! ift mir alle meine Mühe lieb und angenehm, — denn die fatalste und verdrehteste Lage, in der ich mich befinden konnte, wird nur zur Kleinigkeit, wenn ich nur weih, daß Du gefuyd und lustig bist. Aber die größte Freude für ihn bleibt das Schaffen. Bei den unruhigen und krankhaften Genies kann das Schaffen zur Qual werden — das gierige Suchen nach einem Ideal, das entflieht. Bei I gefunden Genies, wie Mozart eines war, ist es eine so vollkommene, natürliche Freude, daß es ihnen beinahe zum physischen Genuß wird. Für Mozart ist Komponieren und Spielen eine für sein Wohlbefinden ebens unerläßliche Tätigkeit wie Essen, Trinken oder Schlafen. Es ist em Be- diirfnis, und zwar ein beglückendes für ihn, weil er sich unaufhörlich be- | r' Dies muh man wohl im Auge behalten, wenn man jene Stellen in feinen Briefen verstehen will, die sich auf das Geld beziehen. .. I Seyen Sie versichert, daß ich mein absehen nur habe, so viel möglich aeld zu gewinnen; benn bas ist nach der gesundheit bas beste. 9 (olrfies Bekenntnis mag empfindlichen Naturen grob erscheinen, aber man darf nicht vergessen, baß das Geld Mozart stets bis an sem Lebensende gefehlt hat. Sein freier Schafjenstrieb und damit feine Gesundheit wurden dadurch immer gestört, und immer dachte er und mutzte er an den Erfolg und an das Geld denken, die ihn frei machen sollten. Nichts ist natürlicher. Wenn Beethoven anders handelte, so schuf 'hmfem Idealismus eine andere Welt zum Leben eine «reale ffieU (ganz ZU schweigen von seinen reichen Gönnern, die ihm das tägliche Brot sicherten). Aber Mozart glaubte an das Leben, an die Welt, an die Nealrtat der Dinge. Er wollte leben und siegen, und es gelang ihm, wenigstens zu siegen. — Das Leben hing nicht von ihm ab. . Gerade das ist das Wunderbare, daß sich seine Kunst immeraus den Erfolg richtet, ohne jemals etwas von sich selbst zu opfern. Seine Musik hat er stets im Hinblick aus die Wirkung beim Publikum geschrieben. Und dennoch würdigt sie sich niemals herab, sie fagt nur, was sie sagen will Hierin kam Mozart sein Taktgefühl, sein ^°rfl'nn,sein ironischer Geist zu Hilfe. Er verachtet das Publikum und schätzt sich selbst sehr hoch. Auch macht er niemals Zugeständnisse, über die er hatte erröten muffen. Er überlistet sein Publikum, unb "er lenkt es Er flößt feinen Hörern di« Illusion ein daß sie feine Gedanken verstehen, wahrend der Beifall, den sie feinen Werken zollen, sich nur auf die Stellen bezieht, die einzig und allein für den Applaus gemacht waren. Was liegt daran, ob sie verstehen? Es genügt, daß sie Beifall klatschen, und bafj der Erfolg des Werkes dem Komponisten die Freiheit sichert, neue Werke schaffen zu fijnnen. (Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Herzog.) neidisch machen." „Sie scherzen mit mir unbeholfenem Bing. „Auf Ehre, schöne Dame!" Nun ging der Nachtwachter mit schlürfenden Schritten vorbei, be- I trachtete die beiden Fremdlinge etwas mißtrauisch, indem er ihnen seine Laterne ins Gesicht hielt. , ... . , „Von Höflichkeit scheint man in dieser Residenz auch nicht mel zu wissen!" „Leuchte er lieber seiner Eheliebsten ins Bett, hört Er, Nachtwächter? Bei uns zu Lande nennt man solch Tun neugierig!" Aloysia Weber kniff Mozart in den Arm, was bedeuten sollte, daß s der von ihr heimlich so abgrundtief Geliebte keine Zwistigkeiten mit dem Nachtwächter bekommen sollte. „Einigen Grünschnäbeln habe ich schon heimgeleuchtet, Monsieur, ich suche eben noch einen, der in der Stadt umherirrt." Mozart machte sich von dem untergehakten Arm Aloysias los, stellte sich mutig vor Kirchheimbolandens Nachtwächter: „Ich werde noch heute abend die Geschichte vom groben pfälzischen Nachtwächter zu Kirchheimbolanden bei Hofe erzählen, dann wird Er etwas erleben morgen." „Verzeihung, edler Herr, ich sprach ganz unpersönlich. Wie würde ich denn solches einem Gaste unseres Fürstenhauses zu sagen wagen?! — Uebrigens wünsche ich den Herrschaften eine angenehme Nacht." Mozart und Aloysia gingen lachend weiter. Gingen enggefchmiegt durch die krummen Häuserreihen bei der Stadtmauer. „Wohin wollen Sie mit mir, Herr Mozart?" „In ein Land, wo Milch und Honig flieht!" „Und das ist?" „ „Gnädigste, sehen Sie, wie sich jetzt der Mond entzückend aus den Wolken hervorzwingt. Sehen Sie? So ewig wandern die Wolken... Woher kommen sie, wohin gehen sie? Und schauen Sie dort, der Nachtreif läßt die Dächer märchenhaft flimmern." Es ist kühl, Herr Mozart, das Ist bei aller Schönheit der Mondnacht nicht obzulrhnen. Man wird wohl im Schloß auf uns warten, da eben die Glocke die Stunde rief, die das Souper beginnen laßt. „Sie haben recht, schöne Sängerin, allons!"' Mozart nahm Aloysia fest unter den Arm. In einer dunklen Ecke blieb er plötzlich stehen. "licr fängt das Land an, wo Milch und Honig flieht, Mademoiselle Aloysia." „Reden Sie irr?" „Niemals! Es gilt! Donnez moi s'il vous plait votre coeur, made- moiselle." Dabei fiel Mozart vor Aloysia aufs Knie. „Um Gottes willen, Ihr seiden Beinkleid, mein Herr!" „Gilt nichts gegen die Seligkeit, Aloysia. Französisch wollen Sie nicht verstehen. Ich konjugiere deshalb im Stil der alten Römer: amo! Das heißt in praxi . . ." Mozart nahm Aloysias Kopf zart in den Arm, legte diesen nach rückwärts und küßte die etwas widerstrebende Sängerin. „Herr Mozart, ich verstehe ja kein Latein, da ich keine Messalina bin. Was tun Sie denn? Ist Ihnen nicht gut?" Und dennoch gab Aloysia bei der Widerrede den Kutz zuruck, und Mozart jubelte: „Du hast das Futurum schneller als ich begriffen, bravissimo!" „Wolfgang . . .!" „Aber nun zum Schloß. Was nur mein Vater sagen wird. Er wird schelten, daß wir in nachtschlasener Zeit draußen umherirren." Sie standen beide wieder auf dem Marktplatz von Kirchheimbolanden. Der Mond war nun ganz hervorgekommen. ...... „Nun höre mich noch einmal an, Aloysia, die Kleinstädter sollen ihren Klatsch haben: Jetzt stellen wir uns mitten auf den Marktplatz und küssen uns; das heißt dann, wir sind vor aller Oeffentlichkeit verlobt. Und sie geben sich die Münder brennendheitz am Abend des Februar anno 1778. „Siehst du, der Mond hat zugesehen, hat gelächelt, mein Weibchen ^Herzlichen Glückwunsch!" brummte eine Stimme irgendwoher. Das war der Nachtwächter. „ „Herr Mozart, Sie kompromittieren mich vor allen Leuten. „Wolfgang Amadeus bin ich getauft." „Schwätz' net so viel, bummer Bub'!" „Dieses Idiom steht dir entzückend, Aloysia. Vor dem Schloßportal stand Mozart noch einmal still. „Wir sagen aber niemand etwas von unserem Glück, hörst du? Und wenn du mtt den Kavalieren lachen solltest, dann ..." „Na, bann?" „Dann . . . lache ich über ... . „Deine bumme Eifersucht. Ist man im Salzburger Lande immer so ©ie sollen auch neidisch auf mich fein, deinetwegen, Aloysia." „Nun aber hinauf, sieh, sie scheinen schon zu tafeln Mit erhitzten Gesichtern traten sie in den Saal. Mozart bekam eine ältere Hofdame als Tischnachbarin, Aloysia einen forschen Offizier Mozart war wie abwesend. Immer wieder schaute er nach Aloysia. Diese erhob das Weinglas und drohte mit dem Finger ganz unbemerkt. Mozart konnte sich nicht beherrschen, er stand auf und schickte ihr erregt ^'"^,A§°"taktlos!" sagte Mozarts Tischdame zu ihrem Gegenüber. „Wie kann man solches öffentlich treiben. Sie wird eine Dornestique jein. "«Pardon, Gnädigste!" wandte sich Mozart zuruck, v,es ,st aber domestiauenhaft, von seinem Tijchnachbarn so zu sprechen. Die jungen Damen im Kreise lachten. Die Hofdame rauschte nach $!*011e1 ©oufffeu'r eher aus Mannheim sah wie auf Kohlen. Im ftiüen aber segnete er bas Glück seines Kindes, trotz der eifersüchtigen Konsterniertheit der Hofdame. Turme machtvoll zu tönen an, und aus ollen Ecken gaben jubelnde Weifen Antwort, die einst von diefer Schwelle sich zuerst empor» geschwungen. Sonnenverklärt lag Mozarts Kinderland. Liebesidyll um Mozart. Historische Skizze von Karl Semmel. Im Musiksaal des Schlosses zu Kirchheimbolanden tupften die Diener die Lichter mit langen Stöcken aus. Der Musikabend war vorbei. Der blutjunge Mozart hatte diesen mit einer eigens komponierten Sonate beendet Der Saal hatte sich bald gelichtet. Die Kavaliere tänzelten scharmant hinter den Reifrockdamen des Hofes her. Wolfgang Amadeus Mozart wartete nun im dunklen Flur des Schlosses auf Aloysia Weber, die mit ihm mi Reisewagen, diskret vom Vater begleitet, von Mannheim herübergekommen war Sie war San» aerin als letzte kam sie eben aus dem Saal und gab einem Diener, der vorüberging, ihre Notenmappe zur Aufbewahrung. Ihr kindhaftes Gesicht war erhitzt. Mozart eilte ihr entgegen, hing um ihre entzückenden jungen Schultern den Mantel, nahm ihren Arm und stieg mit ihr die Schloh- treppen hinab. Er selbst auch im warmen Havelock, denn der Februar ritz frostig bas Land aus. . ... . Der Hof gab nach dem Konzert ein Souper, das inzwischen gerichtet wurde. Es waren dazu meist Offiziere geladen worden. Die beiden jungen Leutchen wollten sich zwischen Konzert und Tafelei etwas im Freien er9U3ntHo wandelten sie durch die schlafenden Gassen der kleinen Residenz von Nassau-Weilburg. Gespenstisch flackerte noch hier und da ein Talg- licht hinter gerafften Gardinen in niedrigen Stuben. „Sie haben die Arien prima gesungen. Mademoiselle. 'Meinen Sie wirklich, junger Meister?" „Ich habe es gesehen, wie sich die Kavaliere die Halse nach Ihnen aus- red'ten Sie müssen nach Italien gehen und dort das Volk mit Arien Mozarts musikal sche Entrvrärlung. Von H. Hering. Wohl kaum hat bas Bild eines Schafsenden soviel Wandlungen erfahren wie bei Mozart; denn jede Zeit bildete ihr Urteil mit ihren Maßstäben nach den ihr zusagenden Augen der einzelnen Werke. Robert Schumann konnte so z. B. von der 6-Moll-Symphon,e als von grwchifch. schwebender Grazie sprechen; und den meisten Heutigen erscheint Mozart als der appollinische Götterliebling, der Meister des Ro okw Das was seiner Zeit als treibende und gestaltende Kraft innewohnte,, hat man als die Tat seines Genies hinzustellen versucht. Nicht er hat seiner Zeit den Stempel aufgebrückt, sondern er ist auf dem Zeitgründe erwachsen, er sog stilistische Momente seiner Zeitgenossen in sich auf und je mehr sichHerne Persönlichkeit auswirkte und ausrcifte, um so mehr vermochte er die ver- schiedensten Stilelemente zu einem Einheitlichen, Persönlichen zu ver- chweitzen. Das soll und darf keinen Abstrich von seinem Werke bedeuten, im Geoenteil, aus dem Rahmen der Zeit prägte sich so bas Plus ferner Persönlichkeit um so deutlicher heraus. Je mehr Licht über ferne Zett- aenollen gebreitet werden konnte, um so klarer erstand sein Werk. Die letzten Jahrzehnte mufikhistorischer Arbeit haben ihr gut Teil baran getan. Und was in den verschiedenen Urteilen über ihn als wesenseigentimrliche Seite erschien, bedeutet so vielmehr verschiedene Phasen fernes Schassens. «Rur als Kind seiner Zeit hätte er sich ebensowenig die Weltgeltung er» Angen können wie der schaffende Genius, der alles aus sich heraus gebar, her Wahrheit des ßebensfreifes entsprochen hatte. «Beurteilt man das Wunderkind Mozart nach seinen Jugendwerken, so perqifct man meist, daß diese Veröffentlichungen einmal erst gefjorig durch einen Vater, den, musikalisch hochgebildeten und hochbedeutenden Leopold Mozart, berichtigt und stilisiert wurden, zum andern, daß das was schon eigentümlich rnozartisch in ihnen erscheint, Erinnerungen an Zeitgenossen, die er aufnahm, darstellt. In Paris gerat der Siebenjährige in «Abhängigkeit von Johann Schoberts subjektiv gefärbter Klaviermusik, in London wirkt sich sein Umgang mit Christian Bach, dem jüngsten Sohne Sebastians, aus, der mit seiner Zartheit dem jugendlichen yim Erwecken wird. Wie groß die Abhängigkeit von feinen «Borb Ibern mar, und wieviel feine Iugendwerke von fremder Hand überarbeitet wurden, das erhellt ein Skizzenbuch aus der Londoner Zeit, wo der Knabe während einer Krankheit des Vaters sich allein überladen war. Um fo mehr aber bestätigt sich so der organisch natürliche Entwicklungsgang des Knaben mit der sortlaufenden Steigerung zur Hohe. Die Vorbilder Eberlins (Salzburg) und Michael Haydns, kurz ine Elemente des Salzburger Stiles, prägen fid) in; ber Klausurarbeit des Zehnjährigen aus, die ihm den Erzbischof zur «Prüfung auserlegt, der erste Teil des Oratoriums „Die Schuldigkeit des ersten und fürnehmsten @eb(£in Aufenthalt in «Wien erschließt dem Zwölfjährigen das Theater. Persönlicher Umgang verbindet ihn mit Hasse, der für >h" begeistert ist, und Gluck, dessen „Alkeste" in Wien ihre Uraufführung erlebt hatte Die Opera bufia“ bringt mit Werken von Piccmi, Gaßmann und Guiseppe Scarlatti auf ihn ein; so folgen di- Erstlinge ihren Spurem „Ta mw semplice“ (im «Auftrag des Kai ers Joseph II.) schließt, sich an Piccims buona firfiuola“ an; „Eastien und Bastienne", em zierliches Schäfer» ttiickchen läßt schon seinen Sinn für Humor und Liebbegabung erkennen. ’ «Wiens bodenständige fompbonifdje ^unfti hatte wie die «Mannheimer und norddeutsche Schule dem Werk Joseph Haydns den Boden bereitet. Mozarts symphonische Arbei en stehen jetzt unter ihrem Einfluß; Durchführungen mit Ansätzen zu thematischer Arbeit,Imitationen der Streicher, Menuette als dritte Telle der mer» ! fähigen Werke. Zwar blieben Eindrücke von früherer Zeit mtt ihren | «Wesenszügen in ihm lebendig; aber ihre Form- und Gestalwngsprmzipien I werden vielfach durch die Wiener ersetzt. Wiens geistiger Gehalt weckt M i ihm Schlummerndes; Töne für Gefühlsäußerungen, wojur 'hm bisher ! eigene fehlten, empfängt er; die Fähigkeit zur Gestaltung gioH.rer I Formen wächst. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'jche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Giehen- 1' Bringt ihm auch Wien Öpernausträge für Mailand, so gibt ihm Padre Martini mit seiner Einführung in den strengen Satz der älteren Vokalmusik ein Gegengewicht gegen die verflachende Art des italienischen Musizierens Mit seiner Hilf« wird er aus Grund einer Klausurarbeit von bcr , Academia filarmonica“ „inter Magistros Compositores“ als Mitglied ausgenommen. (Allerdings erweist auch diese Arbeit ähnlich wie das Londoner" Skizzenbuch, wie äußerst notwendig ihm der Unterricht bei Padre Martini im strengen Kontrapunkt war.) Einen starken Beweis musikalischer Befähigung gibt er in Rom dadurch, daß er Allegns berühmtes, aber ängstlich geheimgehaitenes „Miserere“ noch dem Gottesdienst- frei aus dem Gedächtnis aufzeichnet. — In Bologna lernt er die Elite der italienischen Gesangswelt kennen, so Aprile, Cicognani, Carlo Broschi-Farinelli. — Mit offenen Augen geht er durch die Welt und stellt Betrachtungen über die Vorgänge auf der Bühne an, mitunter nut treffender Schürfe, z.B.: „Prima Dona, nicht übel, schon alt, glaub ich, wie ein Hund; singt nicht so gut, als sie agiert." Sorgsam notiert er sich charakteristische Läuse und Lagen der einzelnen Stimmen und gewinnt so die Ergänzung für die rein instrumentale Erziehung beim Vater. In engster Fühlung mit dem Ensemble vollendet der noch nicht Fünfzehnjährige in Mailand die Oper „Mitridate", ein Renaissancedrama, dessen innerem Geschehen er noch nicht gewachsen war. Die Mailander Hörer erkennen über alle Schwächen hinweg die für die Zukunft Großes üßrbßi&cnbf? SScoobunQ* Schlägt er auf einer zweiten Jtalienfahrt mit einem Festspiel zur Vermählungsfeier des Erzherzogs Ferdinand „Ascanio in Alba Haffes „Ruggiero" aus dem Felde (1771, Oktober), so zeigt auf der dritten und letzten Jtalienrsise die Oper zum Karneval 1773 „Lucia Silla durch zunehmende Leichtigkeit, solistische Bläserbehandlung, romantische Episoden gerade in der Orchestertechnik einen starken Fortschritt. Die Gestaltung der Giunia mit stärkerer innerer Anteilnahme, ja fast damo- nifcber Leidenschaftlichkeit, läßt schon die Donna Anna („Don Giovanni ) ahnen. Beim „Mitridate" noch völliges Aufgehen im Jtalienertum, hier schon der Ansatz zu eigenen Wegen. 3roar wird in der Folge noch manches Thema durch Erinnerungen an Italien befruchtet, aber von der italienischen Vormundschaft ist er frei und bleibt für die Zukunft der deutschen Kunst verbunden. Die Zeit der Gärung ist für ihn im Anzuge. Schon nach der zweiten Fahrt nach dem Süden macht sich der Einfluß Joseph Haydns bemerkbar, dessen Werke durch seinen Bruder Michael in Salzburg bekannt werden. Finden sich auch noch italienische Elemente (dekorative Skalenmotive), so bildet sich die Gegensätzlichkeit der Themen heraus, die Finalsätze werden stärker betont, dazu Einfälle burslesken Humors. In den Salzburger Symphonien nach der letzten Jtalienreife zeigen chromatische Monologe und Seufzer der Geigen subjektive Gefühlsäußerungen voll Sehnsucht und Schmerz. Eine Fahrt nach Wien bringt ihn als Streichquartettkompomsten in Joseph Haydns Gefolgschaft. Sein erstes Quartett war in Italien entstanden, das erwachende Gefühl fand seine Kündung in weiteren sechs Quartetten; jetzt stellt er Haydns sechs kontrapunktischen Quartetten gleiche sechs an die Seite, die wie seine Vorbilder persönliche innere Stimmungen künden. _ ., Rach der Rückkehr nach Salzburg entlädt sich seine innere Spannung mit Macht, eine G Moll-Symphonie (1773) gibt seinem Inneren Befreiung; ein Werk, das uns am allerbesten das Leidenschaftliche, Romantische, Dämonische des jungen Stürmers und Drängers erschließt (das Wertherjahr!), ein vielsagender Vorläufer der großen O-Moll-Symphonie. Konnte auch gelegentlich der Aufführung seiner Opera buffa „La finta Giardin;era“ in München Schubart sich äußern: „Genieflammen zuckten da und dort", so war er doch der musikalischen Durchführung der Charaktere doch noch nicht völlig Herr geworden. Roch schwankt er zwischen eigenem Gefühl und Zeitgeist. Festlichkeiten am Salzburgischen Hofe zum Besuche des Erzherzogs Maximilian verdanken wir das Schäferspiel „II repastore“, eine Musik, die ins Galante weist, aber doch wieder manchen Fortschritt erkennen läßt; die Sopranarie mit Solovioline hat noch heute Geltung. Johanna Duschek, der bedeutenden Sängerin und Vortragskünstlerin, widmet er die dramatische Andromeda „Ab, lo previdi“, ein Werk, das an innerer Erregtheit, Kraft und Aus- üruck nicht immer wieder erreicht wurde, und das ihn jetzt in der Be- herrfchung neapolitanischer Kunst erweist. — In einer Reihe von Orchesterwerken, Serenaden und Divertimenti erschließt sich die Welt des Frohsinns, der Grazie und Zärtlichkeit, des Galanten (am schönsten in der Serenade mit konzertierender Violine zur Hochzeitsfeier der Bürgermeisterstochter Elisabeth Haffner). — Violinstudien bringen als Früchte noch heute von den Geigern gern gespielte Violinkonzerte; ein Abbild seiner damaligen Klaviertechnik geben'die dem Baron Dürnitz gewidmeten sechs Sonaten (dis Variationen folgen französischen Vorbildern); die Klavierkonzerte und selbst di« Kirchenmusiken sind in dieser Zeit von einem galanten Zug nicht frei. Einer völligen Entwicklung des jungen Hofkonzertmeisters war die Salzburger Enge hinderlich. Eine Reise nach Paris sollte ihm einen weiteren Wirkungskreis, irgendeine Anstellung, verschaffen. Blieb auch diese Hoffnung unerfüllt, um so reicher waren die Eindrücke und Anregungen, die auf ihn einwirkten. — In Augsburg fesseln ihn bei dem Silbermann-Schüler Johann Andreas Stein die modernen Hammerklaviere. Mannheim bindet ihn durch seine hochentwickelte Orchesterkunst, die für die Symphonie in Stamitz ein wichtiges Entmicklungsstadium bedeutet« (subjektives Mitgehen der melodischen Linie, augenblicklicher Stimmungsumschlag innerhalb des Motivs). Holzbauers „Günther von Schwarzburg" wirkt bis in bi« „Zauberflöte" nach. Der Gedanke einer nationalen deutschen Oper nimmt ihn gefangen. Verhängnisvolle Siebes» bände muß der Vater zur rechten Zeit lösen; aber die Leidenschaft der Liebe hatte sein Inneres bewegt, und nun stehen ihm auch diese Töne zur Verfügung. Dem in Paris tobenden Kampf zwischen Piccinisten und Gluckisten bleibt er fern. Mit seiner, intuitiven Erfassung des Opernstoffes findet er keinerlei Brücks zu dem rein rational zur Reform gelangenden Gluck, zumal er innerlich doch mehr zu den von Piccini beschrittenen Wegen hinneigt. Dazu sein Haß gegen die französische Sprache: „Wenn nur die französische Sprache nicht so Hundsföttisch zur Mustk wäre! Das ist was Elendes —, die beutfdje ist noch göttlich dagegen. — Und dann erst die Sänger und Sängerinnen — man sollte sie gar nicht so nennen — denn sie singen nicht, sondern sie schreien — heulen." Mehr aber geben ihm Dunis und Gretrys Spielopern für die Zukunft. Sich in Paris durchzusetzen gelingt ihm aber nicht: eine Ballettmustk „Les petits riens“, zierliche Rokokosächttchen, der Figaromusik vorauseilend, zwei Symphonien. Das graziöse Thema der A-Dur-Sonate weist auf Schobert. Das unmittelbare Erleben des „ancien regime“ sollte sich später in „Figaros Hochzeit" auslösen. Auf der Heimreise besucht er die neuerrichtete Nattonalbühne in Mannheim, hört Bendas akkompagnierte Dramen. In drei neuen Symphonien und dem Konzertante für Violine und Bratsche wird nun die Kontabilität zum beherrschenden Stttelement (wie sie bis jetzt auch der Wiener Richtung fremd war); die vermittelnden Uebergangsgruppen werden zu organischen Bindegliedern. Musikdramatische Anregungen empfängt er durch in Salzburg gastierende Theatertruppen, insbesondere unter Emanuel Schikanader, der sich als Hamlet-Darsteller einen Namen erworben hatte. Er führt Mozart in geistige Berührung mit Shakespeare, ein reicher Gewinn für seinen späteren Opernstil. Die Musik zum „Thamos" mit Chören Gluckscher Art und melodramatischen Wirkungen, das Türkensingspiel „Zaide" mit seinem stark individualisierenden Schlußquartett bedeutet einen Schritt vorwärts über die Einflüsse der Buffa und Comique hin zur „Entführung". Unter starker dramaturgischer Mitarbeit am Text entsteht 1781 für den Münchener Fasching der „Jdomeneo", in den Chören Gluckscher Einfluß. Mozart greift eben alle Stilelemente auf, die ihm als Ausdrucksmittel geeignet erscheinen. Die Musik wirkt aber hier schon über die einzelne Szene hinaus. Die Ilia ist nicht etwa wie eine Glucksche Gestalt auf eine einfachste Formel gebracht, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit gezeichnet. Wieder die ausgeprägte Einzelcharakteristik im Ensemble; das Theatralische der Seria wird bei ihm zum Dramatischen. — Der Weg zu den Meisterwerken stand offen; ob das aber auf dem Gebiet der Opera seria möglich war, dafür sollte die Zukunft die Entscheidung bringen. Mit der Befreiung aus dem Salzburger Dienst erwachsen ihm bte Schwingen. Für das von Kaiser Joseph II. begründete Nationalsingspiel ersteht „Die Entführung aus dem Serail". Hier wird Richard Wagners Wort entkräftet, daß Mozart jeden Text wahllos annehme; im Gegenteil, bei der Durcharbeitung des Ganzen gehen von ihm maßgebende Anregungen aus. „Da ist es besser, wenn ein guter Komponist, der das Theater versteht und selbst etwas anzugeben imstande ist, und ein gescheiter Poet als ein wahrer Phönix zusammen kommen." Der Plan des Textes muß aus dem Geiste der Musik geboren werden. Zur ersten Arie des „Osmin" äußert er sich: „Die Arie habe ich dem Herrn Stephanie (Bearbeiter des Textes) ganz angegeben — und die Hauptsache der Musik davon war schon ganz fertig, ehe Stephanie ein Wort davon wußte. Nicht die Einzelworte des Dichters, sondern der gesamte geistige Gehatt läßt die Musik herauswachsen. Die Entwicklung der Charaktere, ihr Widerspiel, ist ihm das Entscheidende im Drama, nicht das dramatische Geschehen als solches, und so erhalten seine Gestalten etwas Lebens- wahres. Blutwarmes, Menschliches, keine Masken, trotz der fremd- ländischen Kostüme deutsche Art. Der Witz der italienischen Buffa (Osmin), französische Koketterie (Blondchen) und deutsche Empfindsamkeit (Belmonte) werden zur Einheit verschmolzen, wenn auch noch nicht in der Art späterer dramatischer Werke. Und hinter dem Ganzen steht das eigene Erleben, ein persönlicher ethischer Hintergrund, seine eigene Heirat. Der Verkehr mit Baron von ©mieten, einst Gesandter in Berlin, bringt ihm die Klavierwerke Philipp Emanuel Bachs und damit eine Absage von der galanten Klavierkunst, die Welt Joh. Seb. Bachs und Händels, die sich ihm jetzt erschließt. Für die Aufführungen im Hause von ©mieten» instrumentiert Mozart „Acis und Galaihea", „Alexanderfest", „Ccicilien- ode" und den „Messias" um. Der Torso der L-Moll-Messe läßt in den Chören Badischen und Händelschen und damit deutschen Geist atmen; den Gipfel von seiner Kontrapunktik ermeist di« „Zauderflöte". Die tragische Einstellung zu den Werken ermächst nun nicht mehr roie in den Jugendmerken aus erdichteten Vorstellungen, sondern aus Erlebnissen und Ahnungen. Die G-Moll-Phantasie gibt ein Beispiel der Heber- elnftimmung von Form und Idee. Haydns sechs „russischen" Streichquartetten schließt sich als „frutto di una lunga e laboriosa fatica“ eine Folge von sechs Quartetten an, die er dem „Padre, Guida ed Amico Haydn“ widmet. Geriet der Werdende zu leicht in die ergebene Gefolgschaft der Vorbilder, die Gestalt und Idee der Werke beeinflußten, so nimmt der Meister jetzt mohl Elemente auf, verarbeitet sie aber ganz mit persönlicher Note. Dieser neue persönliche Zug Mozarischer Kunst mirtt verblüffend und mird von vielen Zeitgenossen mißverstanden. Der italienische Opernkomponist ©arti äußert sich: „Daß Barbaren ohne alles Gehör sich einfallen lassen, Musik komponieren zu rnollen." Dagegen aber Joseph Haydn als der berufenste Kritiker zum Vater Mozarts: „. . . Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich von Person und dem Namen nach kenne." War der Werdende ein Nehmender, so wurde der Meister zum Gebenden. Haydn selber weist in seinen späteren Quartetten Mozartsche Züge auf, seine Kantilene gewinnt an Weichheit und Wärme, er gibt dunklen, verklärten Stimmungen Raum. Die Oper erhält selten wieder erreichte Beispiele der Charakterisierungskunst im Ensemble, ein neuer Stil der Opera giocosa ermächst im „Don Juan", und in der „Zauberflöte" mird das „vollendetste Meisterstück" der deutschen Oper geschaffen. In den letzten Symphonien (besonders in der G-Moll-Symphonie) erstehen Seelengemälde von einer Tiefe, Größe und Dynamik, die Kommender» zum Führer werden mußten.