Gießener Kmilienblötter UnterhaltMgsbeilüge zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1926 Zrertag, öen 3|. Dezember Nummer |05 Zum neuen Jahre. Bon Eduard Mörike Wie heimlicher Weise ein Engelein leise mit rosigen Füße» die Erde betritt, so nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, ein heilig Willkommen, ein heilig Willkommen! Herz, jauchze du mit! In ihm sei's begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezeiten des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei 9(n ,,ang und Ende, iei alles gelegt! tim Grenzstein des Jahres. So etwas wie eine Silvesterbetrachtung. Von Pfarerr Kornmann, Ulrichstein. „Geben zu Darmbstadt am Siebenzehenden Tag Monats Julii Anno Christi Sechzehenhundert/dreißig und Vier", selbsthändig unterzeichnet / und mit aufftruckung seines Fürstlichen Insigels beskärckt, hat einmal Georg, Landgraf zu Hessen eine Ordnung von fleissiger Hebung des Catechismi usw. erlassen, in der unter anderem die Bedeutung des Neujahrstages hervorgehoben ist. An jedem Reujahrstag, so wird darin gesagt, soll die Zahl der Geborenen, der Getauften, der Konfirmierten, der Verheirateten, der Abendmahlsgäste und der Verstorbenen des abgelaufenen Jahres verlesen werden; außerdem aber sollen die, wir würden heute wohl sagen: die es nötig haben, „zu unfehlbarer Besserung ihres sündlichen Lebens gang eifferig angetrieben werben, damit der alte Mensch, der durch Lüste und Irrtum sich verderbet, mit dem alten Jahr abgelegt und dagegen der neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, in dem neuen Jahr angezogen werde." Am Grenzstein des Jahres: das Alte soll vergangen sein, — ein R e u e 5 soll werden. Run: wir stehen heute am Grenzstein eines Jahres; ein Grenzstein ist es, aber auch nicht mehr. Denn der Weg — unser Weg, geht weiter. Und darum gibt es kaum eine törichtere Redensart, als die, die von einem Abschiednehmen vom alten Jahre" spricht. Ja, das wäre so etwas, ein Abschied auf Nimmerwiedersehen! Viele gewiß würden sagen: tuen» ich es nur könnte! Nicht wahr, du trauernde Frau: wie gern (vielleicht!) würdest du all deinen Schmerz und deine stillen Tränen in schweigsamer Nacht hinter dir lassen und nun wirklich ein Neues beginnen,— wenn du's nur könntest! Und du, du dieses Jahr in Schulden Geratener, wie gerne würdest du dies schwere, eben zum Ende neigende Jahr ausstreichen aus deinem Leben und deinem Buche, — wie gerne von vorne, von unten auf anfangen und ein Neues bauen, wenn--du nur nicht so in alles verstrick; wärest und wenn du nur könntest! Und du Arbeitsloser, dem bittere Verhältnisse den Unterhalt der Familie dauernd schwer bedrohen und äußerst gefährden — der du eben ein kärgliches, frostiges Weihnachten hinter dir hast — wie gerne würdest du nun, oom Grenzstein des Jahres ab, wieder frei aufatmen und rüstig zufassen, wie du es gewohnt warst, — nur wieder Arbeit und wieder Leben, was den Namen doch einigermaßen verdient, — wenn du es nur könntest! Und du^ liebe Mutter, die du schwer trägst an einem Aergernis in deiner Familie, — die du unaussprechlich darunter leidest, daß dein Kind, dir entwachsen, dir Unehre macht und deinen Namen schändet, — wie würde deine Seele jubeln und unter Tränen danken, wenn's nun, am Grenzstein des Jahres, so etwas gäbe wie ein wirkliches Hinter-sich-lassen und ein völlig neues Beginnen! Und du L°ich'sinniuer du, der du es über’s Herz bringst, so dahin- ul eben in dein, was du „Leben" nennst, und das Herz deiner M'llter dabei zerlreten kannst, ja, wie gerne würdest auch du vielleicht wieder Herr über dich und dein Leben werden wollen, — wie gerne losstreben von einem Dasein, dessen Lehre und Hohlheit dich in stillen, bepnntidjen Stunden selber angähnt und anstarrt mit schweren, großen, lastenden Fragen, — wie gerne würdest auch du vielleicht all das Alte, Faule hinter dir lassen und wieder ganz neu onfangen, •—--wenn du nur könntest! Wenn wir nur könnten! Ach, wenn doch die jenseits des Grenzsteins nicht dieselben wären, wie die diesseits! Wenn's doch nur fo etwas gäbe, wie ein Abschiednehmen vom alten Jahre, und ein neues beginnen am ersten Morgen des neuen Jahres! ---- Aber stht diese Menschen an! Seht es euch an, ihr lieben Freunde, wie sie Silvester „feiern"! Wie sie dabei wohl auch solche Gedanken haben, wie wir hier?! Wirklich, da haben wir nur den einen heißen Wunsch: das; Gott unserem Volk doch wieder Sinn gäbe für ein rechtes Silvester-Feiern und für ein rechtes Neujahr-Beginnen! Wir wandern im Nebel dahin. Nebel steigen immer aus Tiefen auf. Fröstelnd umfängt uns die graue, wogende Maffe. In uns nur ein Wunsch: wenn es doch zu Ende wäre!' — Noch haben wir von der Sonne nichts bemerkt; aber nun muß sie wohl am Werke fein. Run brandet der Nebel auf — hoch wie Fontänen werden Nebel- maffen hvchgefchleudert — ein gigantisches Ringen von Sonne und Nebel hebt an. Wir schreiten und schreiten. Und plötzlich erleben wir s: all der Nebel gehoben, zu Wolken geballt, abziehend wie ein geschlagenes Heer, und vor uns lachender, wärmender, beglückender Sonnenschein! Deutsches Land, von Nebel befreit, in lachender Sonne! O, daß es uns davon etwas sehen ließe, das neue Jahr, 1927! Freilich, so unendlich schwer der Weg.bis dahin, so ermüdend oft. Manche Nacht bricht darüber herein. Da heißt's: den Weg suchen, und tasten, daß man nicht zu Fall komme über Glätten und über Felsen, daß man den Weg nicht verfehle über kaum begangene Einöde . . . Und doch schreitet man aus, in einem sieghaften Vertrauen, und eben, da der Abend hereinbricht, läßt uns eine letzte , Helligkeit hinfinden zu vertrauten Menschen und zu lieber Häuslichkeit. Da schimmern im uferlosen Nebel auf ein paar Lichter der j Heimat. Ich meine, wenn wieder fo etwas in uns wäre: so ein großes, stilles Leuchten, — wenn unjere Häuser wieder so etwas würden, wie es die Lichter der Heimat sind dem Wandernden im Nebelmeer, — ich meine: wenn solche Gedanken uns nun bewegen, an Silvester, und gar zu Taten emporreißen, dann hat es ja wohl Sinn, an diesem Abend einmal am Grenzstein des Jahres einen Augenblick zu verweilen, ober besser, da wir das ja gar nicht können, so eben im Vorübergehen dies einmal uns durchblitzen zu lassen und dann sinnend weiterzuschreiten; und so dürfen w'ir denn wohl schließen mit der Frage: Hat unsere Art der Silvesterfeier einen Sinn?! Und mit dem herzlichen Wunsch und heißen Gebet: Gott schenke unserem Volk die rechte Art, den Grenzstein des Jahres zu sehen! Immer noch hoffen mir für unser Volk, gerade wir Jungen, die so etwas werden möchten wie ein Vortrupp der Besinnung auf das Tiefste und Wertvollste in unserem Volk, und mir bekennen uns freudig zu dem, der einmal so schön gesagt hat, er wolle sich „lieber zu Tode hoffen, als im Unglauben zugrunde gehen". Hoffen aber lassen uns nur, wie alle Besinnlichen in unterem Volk, sinnvolle Silvesterfeiern. Des Jahres letzte Stunde. Von Bernhart Rehse. Mit schweren, müden Schritten stapfte das alte Jahr durch den dunklen Winterwald. Zum Sterben traurig war ihm zu Mute. Und zum Sterben wollte es sich verkriechen im tiefsten Walde, weit fort von den Menschen, die ihm seinen letzten Tag so bitter elend gemacht hatten. Auch das alte Jahr hatte an diesem Tage Bilanz gemacht, und als es den Ablauf seiner Tage übersah, da dünkte ihm, es könne mit dem Ergebnis zufrieden sein. Es hatte kein gutes Erbe übernommen. Und wenn es sich auch eingestand, daß manches nicht so geworben war, wie es sich das Jahr zu Anfang in seiner strahlenden Jugendfröhlichkeit gedacht hatte — es hatte doch redlich am Guten gearbeitet, und der Dank der Menschen für seine Tätigkeit War ihm gewiß. Um diesen Dank zu empfangeu, War es heute zu den Menschen gegangen. Aber o weh! Was hatte es hören müssen! Der Politiker sagte ihm, es hätte immer den anderen Parteien Vorteil gebracht und seine Partei schmählich im Stich gelassen. Es solle sich zum Teufel scheren. Der Kaufmann hatte gerade einen provisorischen Ueberschlag über seine Debet- und Creditseiten gemacht und saß da mit gefurchter Stirn, als das Jahr bei ihm eintrat. „Dank willst du?" schrie er das alte Weiblein an, „meinen bescheidenen Gewinn haben deine Steuern gefressen. Scher dich zum Teufel!" — Der Land mann ließ die Alte gar nicht in seine Stube hinein. „Schlechtivetterjahr, Schuldenjahr, der Teufel soll dich holen, alte Hexe!" und schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Keinen Dank, keine freundlichen Abschiedsgruß bot man ihm dar, wo es auch anklvpfte. Unter Schimpfen und Verwünschungen hetzte man die Hunde auf die Alte, bis sie mit zitternden Knien den Wald erreichte. „Ein armseliges Geschlecht sind die Menschen," murmelte sie, wahrend sie sich die Tränen aus den Augen wischte, „das Gute ver- 418 — * Die kleine Uhr in der Silvesternacht. Bon Peter Warmund. Je weiter die Nacht vorrückt, die Geräusche des Tages versinken, der Lärm der Straße verstummt, um so vernehmlicher tickt die Uhr neben mir auf meinem Schreibtisch; ein natürlicher und leicht erklärlicher Vorgang, den man nicht weiter beachtet. Auch die kleine Uhr liegt da wie alle Tage und Nachte, geheimnislos- eisria bemüht. Es ist nicht vielWunderbares an ihr, wir kennen auch als Laien ziemlich genau ihren Mechanismus, er ist klar und durchsichtig. Heute, in den letzten Stunden des alten Jahres, gewinnt die Uhr eine besondere Bedeutung: sie zeigt einen wichtigen Abschnitt an. UUr9 Die kleine Uhr ist auch heute seelenlos und ungerührt. Ihr ,nacht diese Wende der Zeit nichts aus, eilfertig tickt sie und unsentimmalvon einem Jahr in das nächste, wie sie von einer gleichgiltigen Stunde in die andre springt. Aber in dieser nachdenklichen Nacht, m der sich 1926 müde zu seinem Ende schleppt, fällt mir plötzlich ein, wie die kleine Uhr mit allen ewigen Weltgesetzen magisch verbunden ist. Sie regelt ihren Lauf nach dem unwandelbaren Gang der Erde um bie Sonne .... „Und schnell und unbegreiflich schnelle Dreht sich umher der Erde Pracht; Es wechselt Paradieseshelle Mit tiefer, schauervoller Nacht . . .“ So lauten wohl dieWorte des Erzengels aus dem himmlichen Prolog zum „Faust", die die Allmacht des Herrn preisen — und diese kleine, unerschüttlich tickende Uhr ist ein Abbild dieser ewigen Gesetze, deren Rhythmus sie in sich verkörpert, anzeigt und mißt. Unternimmt man es aber, diese kosmischen Bereiche auszudenken, die in meiner kleinen Uhr von ihrer ewigen Beharrlichkeit künden, weilt man schon m dem rätselvollen Bereich, in welchem jeder Schritt UnermeßlichkeU wird. Die Uhr sagt: es dauert nicht lange mehr bis zwölf, nicht mehr eine Stunde. Aber was ist eine Stunde? Endlos dehnt sie sich dem Gelangweilten, wie eine Minute verfliegt sie dem Schlafenden — aber was ist eine Minute? In einer Minnte erstand vor Goethes innetm Gesicht die Vision der Faust-Dichtung, in einer Minute kann eine Entdeckung gelingen, die das Gesicht der Welt umgestaltet. Das Gehirn des Menschen erfordert den Begriff der Zeit, seitdem er mit dem Denken über sich selbst begann, er fand ihn, und seither umrauscht ihn die Zeit wie ein mächtiger, gleichmäßiger Strom: seitdem er diese herrlichste und entsetzlichste aller Denkvorstellungen fand, sah er in einen unermeßlichen Abgrund, aus dem die Jahre nacheinander emporstiegen, er schaute in eine undenkbare Höhe, in die sie entschweben, er hatte den Begriff der Unendlichkeit gefunden, der erhabenen und niederdrückenden Unendlichkeit — denn alles, was mit der Zeit in Verbindung steht, zeigt zlvei Gesichter, ein beglückendes und Neujahr auf hoher See. Von Frih Löwe. lieber den Atlantik jagt auf {onnenüberfuntelten Wogen der Ozeandampfer. Wie starke Riesen mit übermenschlichen Kräften arbeiten die Schiffsmaschinen. Ein Seer von unsichtbaren Äemzel- Männchen scheint tausend Räder zu schwingen. Ineifersüchtigem Wettstreit regen sich tausend emsige Käste. Es stöhnt und ächzt die Schar der mit unsichtbaren Ketten gefeffelten Maschmengeister. Mit rasender Geschwindigkeit treiben die vom Menschenhwn ge° fesselten Riesenkräfte gehorsam die Schrauben, die das Schiff durch die schäumenden Wogen peitsche,,. Wie eine Insel ragt dieser schwimmende Palast, das Werk modernster e-chlffsbaukunst, aus den Fluten. Ein Meereskönig, umkreist von Wolken schneeweißer Möven. Zu Tausenden umflattern sie unter wildem Gekreisch ’^'.re Neujahrsnacht ist angebrochen. Weithin leuchtet die blaugrüm .Neeresfläche. Eine blutrote Scheibe, neigt sich die Sonne den sie sehnsüchtig erwartenden Fluten entgegen. In roten Wogen ist sie verschwunden. Am fernen Äorizonte steht eine schwarze Wand. Wie mit einer Riesenfaust reißt der Wind die dräuenden Wolken- gebilde auseinander. Gleich Schemen zerflattern sie und geben dem Monde die Bahn frei. Der aber wirst fern goldenes Netz über d,e See Auf die davonflatternden Wolken zaubert er güldene Farbenmärchen. Am klaren Pimmel steht das silberne Sternenheer. Wenn in der Neujahrsnacht in der ganzen Welt tue Wogen der -hreude hoch ausrauschen, hüllt sich auch das einsam dah,„ziehende Schiff in schimmerndes Festgewand. Große Kronleuchter werfen strahlendes Licht aus die festliche Runde. Wem, d,e Kerzen auf- flammen und die Töne des Orchesters erklmgen, entfaltet sich das gesellige Leben an Bord in strahlender Fülle. Am Silvesterabend aleicht das stolze Schiff einen, schwimmenden Marchenschloß. Silvesterball an Bord heißt das Zauberwort, dem alle erliegen. Die Festräume schwimmen in einer Flut von Licht. Die ganze Schiffsgesellschaft gleicht einer einzigen großen Familie. Das Orchester spielt fröhliche Weisen. Jugend und Schönheit haben sich zum Fest des Frohsinns und der Lebensfreue vereint. Man kann sich gar nicht sattsehen an all diesen biegsamen, schlanken Gestalten. Die Kapelle muß die neuesten Tänze immer aufs neue wiederholen. Mit unermüdlichem Eifer wird getanzt. In leuchtende Farben gehüllt, in prunkvollen Toiletten, überdeckt imt Gold- und Silberstickereien, schweben die Schönen vorbei. Der Anb.ick des Kranzes schöner Frauen und Mädchen wirkt überwältigend. Inmitten dieser Farbensymphonie nehmen sich die Sorten tote schwarze Tintenkleckse aus. Wieviel schlaflose Nächte '»ag wohl das Komponieren dieser raffiniert schönen Toiletten gekostet haben. Erst jetzt geht mir völlig das Verständnis auf für die Riefendimensionen der n,»geführten Schrankkoffer. Eii, Frühlingstraum von Jugend und Schönheit flutet vorüber. Das trippelt, das tänzelt b,e breite, blumengeschmückte Schiffstreppe hinauf und hinab wie em sich> me erschöpsender Karnevalszug. Das lacht, das jubelt, das schtoitr ein fratzenhaftes. Die kleine Uhr neben mir ist in dieser Unendlichkeit Sinnbild und Bestätigung. Sie ist der unerbittliche Herrscher der Welt, es kann nichts geschehen, das nicht von ihrem Ticken begleitet wäre; denn auch die kleinste Bewegung meines Armes, mit der ick die Uhr vor mich lege und sie melancholisch betrachte, ist noch in bte Zeit eingebettet und von ihrem Ticken begleitet. . Sie tickt jetzt, wenige Minuten vor zwölf, lauter und langsamer, als lege sie in diesen letzten Abschnitt des alten Jahres einen feierlichen Nachdruck. Wir wissen, daß demnichtsoist, bah diese Uhr als derEwigkeit Dienerin in unendlicher Gelassenheit ihre Sekunden abschreitet — aber wir wollen es dennoch glauben, weil es schön ist, in der Einsamkeit dieser letzten Nacht von 1926 die Teilnahme dieses kleinen Wesens mit uns zu wissen. Nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. In der Nachbarschaft haben sie schon die Fenster geöffnet und schreien „Prosit Neujahr!", bengalische Feuer werfe,, flackernde Lichter, und Feuerwerkskörper knallen; vor so profanem Gelärm zieht sich die kleine Uhr in sich selbst zurück — sie ist fast unhörbar geworden und unaussprechlich langsam, als wolle sie sterben. ..... So zögernd verfließen die Minuten des Wartens — tote fliegen die die Stunden der Freude dahin, wie grau erscheinen die Augenblicke des. Schmerzes, wie behangen mit Flitter die wenigen Stunden eines reinen ausgeglichenen Glücks! Aber was ist Schmerz, Erfolg, Freude? In Bereitschaft sein, ist alles, würde Hamlet antworten und hinzusügen, daß unser Denken alles erst zu dem macht, was wir empfinden. Und können wir das Denken auch nicht ausrvtten, weil es zu unserem menschlichen Wesen gehört, wir können der Zeit Inhalt geben, und der Same, den wir in den Schoß der Zeit legten, wird als Frucht den Gehalt unseres Daseins bestimmen. ~ Ich beuge mich auf die Straße hinaus. Alle Fenster sind geöffnet, aus allen winken und jubeln Menschen einander zu, die Fremdesten sind in dieser ekstatischen Stunde einander Freunde geworden. O ekstatische Stunde, o flüchtige Freundschaft! Alle haben an sich dieses kleine pochende Herz, bte Uhr, deren Schlag durch den Taumel dieser Minute um nichts gesteigert wird — aber sie hören nicht darauf, sie werden nur durch das leidenschaftllche Pochen ihres blutvollen Herzens hingerissen, lieber ihnen schimmern die Sterne — das Sinnbild der gleichen Allmacht, deren Walten meine Uhr verkörpert .... geffen sie, das Böse behalten sie im Gedächtnis. Und weil sie sich niemals des Guten und Schönen erinnern, das ihnen widerfahren tu, sind sie glücklos. Und suchen die Schuld bei den andern. Ich >mll meüte Nachfolgerin bitten, die Menschen zu lehren, die Freude und bte Schönheit in ihren Herzen zu bewahren und sie zu achten unb zu ehren, bann wird {ein Menschenkind mehr ganz ohne Glück sein. Dann totrb auch meine Nachfolgerin keine so bittere letzte Stunde haben wie ich, die ohne eines Menschen freundliches Abschiedswvrt den Weg in bte Unenbltchkeit gol)en toll . ^^ergehen ein Licht burch bie Bäume ausleuchten. Aus einem Blockhaus, bas tief verschneit unter uralten Bäumen lag. drang ein lautes Gewirr von Jungmännerstimmen. Als sie verwundert nähertrat, hatten sich die Stimmen ztü einem harmonischen Gesang zusammengeschlossen, unb in feierlichen, getragenen Tonen lang es in bett schweigenden Abendwald hinaus: Des Jahres letzte Stunde Ertönt mit ernstem Schlag: Singt, Brüder, in bie Runbe Unb wünscht ihm Segen nach .... Der lauschenden Alten fliegen die Tränen in bie Augen. Aber dies- mal vor Freube: es gab also bock) noch Menschen, bie ihr Segen nachwünschten. Wer waren sie? Sie lugte burch die Scheiben. Da saßen im Halbkreise um das Herdfeuer eine Schar junger Gesellen, alle tm gleichen Alter, sie mochten 16, 17 Jahre zählen, und sangen, .jugenb und Feierstimmung blitzten ans ihren Augen, in denen sich der Schein der Christbaumkerzen spiegelte. Das Lied ging zu Ende, ^.a erhob sich einer unter ihnen und sprach: „Ja, ihr Freunde und Fahrtgenossen, ehe das liebe alte Jahr von unb scheibet, wollen wir ihm ^anl jagen für all bas Gute, bas es uns geschenkt hat. Es hat uns auf unseren Fahrten roteber viele neue Schönheiten unseres SöaterlanbeS offenbart. Es hat auf unserer großen Sommerfahrt zum ersten Male vor uns allen bie gewaltige Majestät bes Meeres aufgetan, bas unauslöschlich in unserer Erinnerung sein wirb, so lange wir leben. Es hat uns weiter* geführt in ber Erkenntnis ber Geistesschätze unseres Volkes, es hat uns noch inniger oerbunben in ber Liebe zu unserer schonen Heimat, zu unserem Baterlande. Dankbar für bas all Schöne, bas es uns gebracht hat, weihen wir in seiner Scheidestunde bem alten ^ahr unser ^Hochauf richtete sich bie Alte. Sie hatte ihren Dank, ihren Abschieds- gruß von ber Jugenb bekommen. Beglückt stieg sie den Psab zum Waldgipsel hinan. Dort ließ sie sich nicber, und wahren!) ringsum im Tale die Glocken ben Ausklang ihrer letzten Stunde schlugen, ging sie im Anblick ber einigen Sterne ein in bie Unendlichkeit. - 419 durcheinander. Ein entzückender Farbenrausch, dieser Schiffsball! Nicht nur die Jugend freut sich am Tanz. Alte Lerren im schneeweißen Laar. Großmütter und würdige Matronen beteiligen sich eifrig. Die Lebensfreude aber schaut ihnen aus den Augen. Im großen Speisesaal erlöschen plötzlich alle Lichter. Dann naht ein gespensterhafter Zug. In langer Reihe tragen die Stewards von ihnen erleuchtete, mächtige Eisblocks heran. Die Augen weiten sich staunend vor diesen glühenden Kunstwerken von Ananaseis. Der Erfolg der eigenartigen Feuerpolonaise ist außerordentlich. Lautes Beifallklatschen erhebt sich. Die Lichter flammen wieder auf. Schmetternd setzt die Bordkapelle ein. Die Stimmung erreicht ihren Löhepunkt in der großen Festpolonaise. Flinke Leinzelmännchen haben das geschloffene Promenadedeck geschickt in einen Ballsaal verwandelt. Funkelnde Guir» landen bunter Lampen ziehen sich die Reeling entlang. Die Wände sind mit Flggen aller Länder geschmückt. Eine farbenprächtige Polonaise durchzieht alle Gesellschaftsräume des Schiffes. Wie eine schillernde Schlange windet sich der übermütige Zug über Treppen und Korridore. In allen Sälen wogt eine froh erregte Menge. Man scherzt, man flirtet, man tanzt bei lockenden Klängen. Die Wgen rauschen die Begleitung. Rot erglühen die Lampen auf den kleinen Tischen. Die Geigen schluchzen. Frauenaugen leuchten und locken. Man tanzt — man tanzt! Durch die hohen Fenster aber lugt neugierig der Mond. Still und lauschig ist cs im Rauchsalon. Die Beleuchtungskörper verbreiten sanftes Licht. Man sitzt behaglich im weichen Ledersessel, schaut den Ringen seiner Zigarre nach und lauscht den aus dem Musiksalon herüberklingenden Schubertliedern. In der Ecke glüht der Kamin. Vor ihm sitzt eine Runde alter Seebären. Um die Mitternachtsstunde spinnen sie ihr Garn, daß sich den zuhörenden Neulingen vor Entsetzen die Laare sträuben. Geschichten vom Klabautermann und dem fliegenden Lolländer wechseln mit gruseligen Erzählungen von ungeheuren Seeschlangen. Draußen schäumt der Atlantik, rollt seine schimmernden Wogen heran. Ich steige auf Deck. Mit magischem Glanze erhellt der Mond die weite Flut. Ruhig zieht das Schiff auf goldfunkelnder Straße dahin. Einsam lehne ich an der Reeling. Linter dem Schornstein leises Geflüster. Ein paar junge Menschenstimmen. Und auf dem Mastbaum sitzt Amor, der kleine Schelm, als blinder Passagier. Im Glanze des Mondes blitzt sein Pfeil. Die Wogen rauschen das uralte, immer wieder junge Lied von der Liebe Leid und Freud. Die meisten Paffagiere haben sich zur Ruhe begeben. Auch ich suche meine Kabine auf. Plätschernd pochen die Wogen an die Schiffswand, singen mir das Schlummerlied. Die Paffagiere können ruhig schlafen. Loch oben auf der Brücke halten treue Männer die Wacht? Emsig und gleichmäßig arbeitet die Schiffsmaschine. Ich lausche dem ruhigen Pulsscklaae ihres stählernen Lerzens. xms Domkilnv. Von Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) Der alte Küster lachte laut heraus; in seinem Bart tat sich ein Loch aus, und daraus leuchtete ein langer Zahn. Jenseits im rechten Seitenschiff stand eine fromme Beterin auf und ging fort vor solchem Lärm. „Nun weiß ich, wie ich es machen muß . . . ganz einfach: ich stelle nur Ueine, heruntergebrannte Kerzen hin, denn schmoren mutz mir der Gesell, schmoren nutz er mir!“ „Doch seit auf der Hut, Tippenkucker! Wenn ihr einen wirklichen Teufel richtig zusainmengeschmort habt: paßt auf, daß et euch nicht am Schlafittchen packt!“ „Keine Angst,“ warf Tippenkucker ein, „aber langsam muß er mir jetzt schmoren, und zwar diesmal nicht am Kopf, das sag ich Ihnen, Türmer!" Der Türmer lachte noch, als er schon an der kleinen Tur stand, die in den östlichen Seitenturm führte. Vom Marktportal her näherte sich der Kapellmeister und machte Schritte wie Rübezahl und winkte mit beiden Händen. „Sie kommen mir wie gerufen, Sie beide; ich fall einen kleinen Kommerzienrat taufen und habe seit neunzehn Jahren nimmer getauft!“ „Immer die Musik gemacht,“ lachte Tlppenkucker, „aber nur Geduld, wir werden's schon noch fertigbringen!“ Sie eilten in die Sakristei, König Saul führte das Domkmd an der Hand, und dessen Füßchen trippelten neben den großen Schuhen einher Ivie eine Taschenuhr neben einem Herzschlag. Tippenkucket nahm den kleinen Paulus auf den Arm, der Kapellmeister suchte tm Buch die Taufgebete, ließ sich belehren, wann und wohin das Kreuzzeichen zu machen sei, wann und wo das Köpfchen zu waschen sei, und der Gloriaengel lobte den König Saul und sprach: „Guck uns einer in unser Latein!" und der Kapellmeister erwiderte: „Dem Herrn Kommerzienrat kommt s nicht so genau drauf an, denk ich!" „ ~ r . .... ,. . . Dann rückte auch schon die große Taufge,ellschast an, und der Domkapellmeister machte seine Sache sehr gut, wenn auch die Amme und alle, die zusahen, ein bißchen lächelten. Schließlich kam der Kommerzienrat, der selber dabei war, erhob sich zum Kömg Saul auf die Fußspitzen und sprach: „Richt wahr, die Herren kommen doch zu einer Flasche Wein!“ Sie sahen sich an, die Täufer, nickten und verschwanden in ihr« Sakristei. „Gut gebrüllt, Löwe," sagte Tippenkucker, „wenn man seit neunzehn Jahren nicht iehrgetaffthat!" Ordentlich stolz war der Kapellmeister und fröhlich obendrein, als habe der Wein schon in ihm gewirkt, und er nahm das Domkind auf seine breite Achsel und lies mit ihm in der Sakristei umher, und er brauchte nicht zu bangen, das das Kind mit dem Kops irgendwo anstieß, denn die Sakristei hob sich in außerordentlich dicken Säulenbündeln bis beinah in den Himmel hinauf. „Aber du gehst auch mit, Paulus Nikolaus, denn du hast dein Teil redlich dazu beigetragen," sprach der König Saul, „kannst du Wein trinken? Gloriaengel, heut leisten wir uns eins!" Auch der Gloriaengel war sehr froh. „So stürzt man aus dem tiefsten Schmerz treppauf in die hellste Freude!" sagte er. „Schmerz?" fragte König Saul, „wieso Schmerz? Was drückt Euch, Tippenkucker?" Der Küster sah zum Sinb hinauf, schmunzelte verlegen und sprach schließlich: „Darf ich's dem Herrn Kapellmeister sagen?" „Ich verrate nichts," erwiderte das Kind. „Kommen Sie mit, Herr Kapellmeister! Am Laurentiusaltar bet Teufel . . . der hat einen Heiligens Hein I" „Was oill der Teufel mit meinem Gloriaengel?" versetzte der König Saul. „Nichts, nichts will er mit mir," antwortete Tippenkucker, „aber ich habe ihn ein wenig schmoren lassen, und das will er mir antreiben !* „Schmoren, warum aüh schmoren?" , . „Was tut er in unserer Herrlichkeit, denk ich! Hinaus mit ihm, aus unserem Dom! Denk ich!" , „Denk ich, denk ich," sagte jetzt der Kapellmeister, „wir Leut sollen überhaupt nicht so viel denken!" „Wir sollen uns immer nur fürchten!" „Bonn Teufel soll man sich schon fürchten! Habt Ihr ihm den Schein um den Kopf gemacht, um die Stirne? Wo die vermaledeiten Gedanken wohnen?" tueiß . . ”(sJat nichts wißt Ihr: der Kopf sollt nie einen Heiligenschein haben! Im Himmel droben sind die Heiligenscheine um Herz und Hand, aber kein einziger ist um die Stirn! Denn der Kopf kann nicht Musik machen und kann überhaupt nicht jubeln, und int Himmel wird fortgesetzt gejubelt und musiziert, und nie werden da im Schädel so schwere Gedanken herumgewälzt!" „Aber dem Gottseibeiuns gehört doch auch kem Schern um bie Hand ... und ich mein, ich sollt mir keine Sorgen machen um feinen Heiligenschein!" . r . . ,,, „Um den Euren, Großvater, müßt Ihr mehr besorgt sein. „Ei der Daus, Paulus, nun macht mich der Herr Kapellmeister gar zum Großvater, und der Gloriaengel ist nicht einmal Vater gewesen . Ich auch nit, Tippenkucker," antwortete der König Saul, und sie standen am Laurentiusaltar. Aber da lachte der König Saul und meinte: ach, bewahre, das sei nicht schlimm! Ein Heiligenschein, nein, der sieht anders aus, aber was ich Euch zeigen muß, Glona- engel . . . kommt mit mir!“ , Sie schritten am Längsschisf hin, und plötzlich blieb Komg Saul stehen und hob das Kind zu einem Heiligen empor, der an der Saute hoch oben stand. , Wer ist das?" "®ct hl. Dionys!" erwiderte Tippenkucker, „der hat bei Bacharach die ersten Reben gepflanzt, aber man hat ihm Stirn und Gehirn weggehauen!" , . _ , , . „Grad über den Augen weg," erwiderte der Komg Saul, „aber der Heilige lächelt! — Lächelt er? — Er lächelt! Nein: er lacht, er lacht aus Leibeskräften! Und dieses Lachen hab ich aus dem Kerbholz! Wieso? Ganz einfach: meine Chorbuben, wenn die das hohe L singen, so fällt der spitze Ton schnurstracks in das Grübchen dieser Wange, und steter Tropfen . . . Wißt Ihr nun, warum meine Buben fo gern das hohe C singen, obgleich die Herren Domherren das nicht leiden können? Denn Bieler Gehirne sind von Gedanken ganz zerschlagen wie unser Heiland an der Geißelsäule! Ich aber lasse einen Heiligen, der kem Gehirn mehr hat, lächeln und lachen und fröhlich sein, und weil erst fröhlich sein muß und mutz erst singen können, werheillg werdenwill, deshalb ... ja, und weil einem die vielen dicken Gedanken immer im Weg sind, wenn man singen will, und deshalb sind sie unsereinem auch im Weg wenn man heilig werden will, deshalb. . . . Aber ich werde den Herren, die gegen ihre Musikanten oft herzlos sind, ein Oratorium schreiben ,Das Lächeln des hl. Dionys' und werde mich an ihnen rächen." . „ , . .. ., „O, ich armer Gloriaengel, ich kann kein Oratorium schreiben, aber ich werde mich doch auch rächen dürfen!" Das Domkind sprang vor den Paten und sprach: „Wo ist das Grübchen, Onkel?" und der lange Mann hob den Knaben empor; ein Fetzchen Sonne fiel über das Haupt des Kindes, und Staub wirbelte aus dem Grübchen, da das Kind feinFingerchenhmem- ICßt