Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, -en 51. Juli Nummer 61 Gemeinschaft. Von Leo Sternberg. Ach, ich brauche nur mein Herz zu fragen, Wenn es Antwort haben will von dir. So im Einklang miteinander schlagen Deine Seele dort und meine hier. Fühlt mein Blut die eigne Sehnsucht brennen Oder brandet deine süß heran? Durch die Fernen, die uns beide trennen. Legt sich deine Brust der meinen an. Atem hebt und senkt sich . . . Ach, wie flutet Süße der Gemeinschaft in den SchmerzI Kommt zurück mir Echo meines Blutes? Oder bist du meines Herzens Herz? ZchWedischs Reise. Bon Fritz Löwe. Gamla glada Stockholm! Altes, fröhliches Stockholm! Wie die Schweden ihre Hauptstadt bezeichnend nennen. Wieder einmal weile ich in dieser alten, doch ewig jungen Stadt. Wo in der weiten Welt gibt es einen zweiten Platz, an dem Körper und Seele in gleicher Weise Ruhe und Erholung finden können. Stadt der Lebeirsfreude, des frohen Genusses, farbenfreudige Märchenstadt, sei mir gegrüßt! Umgeben von jedem nur denkbaren Luxus der großen Welt, verhätschelt und verwöhnt in fürstlich eingerichteten Hotels und erstklassigen Restaurants kann man in beschaulicher Ruhe die architektonischen Schönheiten Stockholms und seiner reichen Kunstsammlungen gemeßen. Die Umgebung der schwedischen Hauptstadt ist von unvergleichlichem Reiz. Monatelang kann man hier verweilen, täglich immer neue Ausflüge unternehmen, ohne auch nur einen kleinen Teil der landschaftlichen Schönheiten gesehen zu haben. Auf Straßen und -Plätzen dieses nordischen Paris umweht dich stärkende Seeluft, der Duft von Waldern und Wiesen. Schlingen doch diese einen Zaubergürtel um die Stadt. Richt zu vergessen die altbewährte schwedische Gastfreundschaft, die Höflichkeit, die Bescheidenheit und die Zudorkommen- heit der gesamten Bevölkerung. Wer seine Seele von den Sorgen des Alltags reinbaöen, inmitten froher Menschen und lachender Aatur den Becher der Freude und des Glücks bis zur Deige leeren will, der gehe nach Stockholm. Fest auf Skansen, dem berühmten Fveiluftmuseum Stock- Holnrs. Bon den alten, hölzernen Kirchtürmen schallen feierlich die Glocken. Im Baldersheim erklingen munter Fiolweisen. Dor der Bollnässtuga schwingt sich das junge Volk im Tanz. Alte Rationaltänze, vorgeführt in buntfarbigen Volkstrachten, wechseln mit Reigen und Rundtänzen. Auf hohen Felsen tummeln sich, Lappen mit ihren Renntieren. Auf der Terrasse des Hauptrestaurants leuchtet es von hellen Sommertoiletten. Bildhübsche Mädels in schwedischen Rationaltrachten der verschiedenen Provinzen servieren das leckere Wahl. Wie sie lachen, wie sie knicksen, wie ihre frischen Wangen voll Jugendfreude glänzen. Hei, wie die bunten Röcke fliegen, wenn die Füßchen den Takt des neuesten Shimmy mitwippen. Das Orchester des Marinekorps spielt. Tausende stehen im Kreise und lauschen. Frohes Genießen ringsum. An blumengeschmückter Tafel geben schwedische Offiziere den Kameraden eines im Hafen liegenden amerikanischen Kriegsschiffes ein Fest! Feierlich klingt die schwedische Nationalhymne durch den Raum. Alles erhebt sich. Die Augen blitzen, die Gläser klingen! Der lFankee-Doddle folgt. Da springen all' die flotten jungen Offiziere auf, umfassen sich und jagen unter dem Jubel der zuschauenden Mädels tanzend um die Tafel. Der Blick auf das tief unter mir sich, ausbreitende Stockholm ist berauschend. Aus dem Häusermeer steigen die schlanken Türme. Auf steilen Felsen ragt die Södra, der hochgelegene Stadtteil Stockholms. Auf breitem Meeresarme ziehen große Dampfer vorüber. Die Sonne sinkt, die wunderbare nordische Rächt bricht an. Stockholm schmückt sich wie zu frohem Feste. In der Tiefe flammen hunderttausende von Lichtern auf. klettern bis zu den steilen Felsenkuppeln, schlingen einen blitzenden Gürtel um Hafen und Stadt. In schwindelnder Höhe hängt.ei?» schimmernde Brücke. Wie glänzende Perlenketten funkeln die Laternen dieser aus Eisengerippen konstruierten Straße, die den Katharina- Fahrstuhl mit den Felsen der Södra verbindet. In der Ferne - blinkt der Akälar-See. Ueber seine Brücken sausen, wie Kinderspielzeug anzuschauen, hell erleuchtete Züge. Gleich Irrlichtern huschen die elektrischen Wagen dahin. Die Autos gleichen kleinen Glühwürmchen, Schiffslaternen der aus- und einfahrenden Dampfer wersen rote imb grüne Streifen auf die zitternden Wogen. In schimmerndem Lichte erstrahlen die großen Hotels. Grell blitzt auf den Dächern die Lichtreklame. Zur Fahrt nach Saltjöbaden, dem mondänen Badeort, in der Umgebung Stockholms, liegt zu Füßen des hochragenden Schlosses der Danchfer Gustavsberg bereit. Stolz blähen sich die blaugoldenen Fahnen im Winde, als unser weißes Schiff zur Fahrt in das Labyrinth der Schären vom Bollwerk sich losmachte. Die nordische Sonne wirft ihre Feuer auf das breite Hafenbecken und überschüttet die anstürmenden Wogen freigebig mit schimmernden Goldperlen. Auf funkelnder Straße ziehen wir dahin. Hinter uns versinken die Türme von Stockholm. Schon sind wir mitten im Jnselgewirr der Schären. Dom felsigen Strand, aus dem lachenden Grün der Inseln lugen malerisch Villen und Landhäuser. Von Ufer zu Ufer, von Insel zu Insel fährt unser Schiff. Im Triumph werben die ankommenden Gäste von den sie an der Landungsstelle erwartenden Wirten, zu der auf der Terrasse gedeckten Tafel geleitet. Ein sogenannter „Festmittag" wartet ihrer. Alle Delikatessen, alle Leckerbissen des berühmten schwedischen Smörgasbord stehen bereit. Es leuchten die roten Hummern. Aus der Küche dringt verheißungsvoll Bratenduft. Eisgekühlt träumt goldiger Punsch. Unter zierlicher, in unheimlicher Höhe hängender Brücke gleitet das Schiff dahin. Segel- und Motorboote, gefüllt mit fröhlichen Sommergästen, fliegen über die Fahrstraße. Jubelnder Zuruf klingt zu uns herauf. Die gange Küste von Stockholm bis Saltjöbaden und weiter nach dem Meere zu, ein einziger, unvergleichlich schöner Badestrand. Das tummelt sich in den grünen Wogen, das liegt wohlig im weichen Waldesmoos oder sonnt sich auf hohen Felsen! Wie die schlanken Gestalten uns vom Ufer zujubeln. Weihe Glieder blinken, elfenbeinerne Schultern leuchten. Wie stolz wirkt die Schönheit ihrer jungen Glieder unter diesem lachenden blauen Himmel. Sonnenübergossen liegt die See. Spielend werfen sich die grünweißen Schaumwogen auf das junge frohe Volk. Schmeichelnd umarmen sie die weißen, schlanken Körper. Wenn die Wellen einander überstürzend, anrollen, überschüttet sie die Sonne mit prunkendem, tropfendem Geschmeide. Dann wieder liegt die ganze Badegefellschaft malerisch gruppiert in dem Felsen, läßt sich von der Sonne rösten, vom Winde kühlen. Durch einen schmalen Kanal geht die Fahrt mitten durch schattigen Eichenwald. Wiesen dehnen sich zum Strand. Junge Pferde sausen beim Borbeifahren des Dampfers im Galopp davon. Immer breiter wird das Fahrwasser. Weite 1 onnen- übergossene Duchten öffnen sich. Saltjöbaden, das elegante Modebad kommt in Sicht. Am felsigen Strand macht der Dampfer fest. Der erste Besuch gilt der Badeanstalt. Hinein in die schimmernden Fluten. Welch' köstlicher Genuß das Schwimmen in dieser breiten, waldumrausch- ten Ducht. ~ Dann sitze ich auf der Terrasse des Grand-Hotels. Ringsum funkelt und blitzt es. Tannenduft und Seeluft vereinen sich zu wundersamem Aroma. Im Waldesrauschen und Meeresbrausen klingen die Töne des Orchesters. Hier ist es gut sein! Jugend und Schönheit Stockholms vereinigt sich hier zu frohem Feste. Dlumengeschmückte, kunstsinnig gedeckte Tische ringsum. In geschliffenen Pokalen funkelt der Wein. Rosen duften betäubend. Die Sonne zaubert den anmutigen Stockholmerinnen eine schimmernde Goldkrone um das blonde Haupt. Man kann sich gar nicht sattsehen an diesen biegsamen, schlanken Gestalten. Ich sinne und träume, blinzle hinein in die sonnenüberflutete Bucht und reiße dann plötzlich die Augen weit auf, wenn eine besonders graziöse Erscheinung vorübergleitet. Ein schimmernder Gürtel schlingt sich um das Idyll von Saltjöbaden. Der Staub ist von diesem Felseneiland verbaNM. So frisch, so stärkend die Luft, Segelboote gleiten über die stilH Flut weiße Möwen flattern um buntbewimpelte Schiffe. Azurblau spannt sich das Himmelszelt über all dieser Schönheit. Gellend schallt das Abfahrtsignal des Dampfers über das Wasser. Roch steht mir die herrliche Heimfahrt nach Stockholm bevor. Die Sonne sinkt. Purpurn erglänzen die Wolkenrander. Mit Flammenglut überschüttet sie die Wogen. UnvergeHttch die Erinnerung an diese nordische Dacht in den Schären. — 242 Bon beiden Llferit grüßen Hellevlsuchtets Billest. Girlanden bunter Lampions ziehen sich um die Terrassen. Weiß« Kleider, leuchten aus Den Gärten. Musik Mngt über daS Wasser. Frohe Jugend dreht sich im Tanz. Wer nicht tanzt, pokuliert, freut sich des Lebens. In den Pokalen schäumt der Wein. Noch stnd di« Tage der Rosen! Stockholm in Sicht! Bon der Höhe grüßt das lichtüber- gossene Skansen, schimmernde Perlenketten schlingen sich um die Äser. Die feurige Silhouette der Bergstraße der Södra hängt in der ißuft. Die ganze Ducht scheint von funkelnden Girlanden umkränzt. In lein Lichtmeer getaucht, empfängt uns die nordische Märchenstadt. Wenn in Stockholm die Saison der leckeren Krebse gekommen, steht die Stadt im Festesrausch. Rirgends wie hier findet man eine derartige Verehrung für die roten Gesellen. Im gastrolo- gischen Kalender Der Schweden gilt die Krebspremiere als eines der bemerkenswertesten, vom Hauche der Romantik umsponnenen Ereignisse. Die Sympathie der Stockholmer für dieses krabbelnde Getier ist rührend. Man könnte fast von einer Kvebskultur sprechen. Werden Doch an einem Tage in den Stockholmer Restaurants 15 000 Krebse verzehrt. Die Spalten der Zeitungen sind wochenlang mit Ankündigungen für Krebssoupers gefüllt. 3n den Markthallen und Fischgeschäften schlägt man sich förmlich um die in Körben und Kästen zappelnde Delikatesse. Da gibt es in den vornehmen Restaurants hervorragende Künstler und Sdezialisten im Zubereiten und Servieren der Krebse: In der Saison folgt Einladung auf Einladung zu Krebssoupers. Diese sind mit großen Feierlichkeiten verknüpft. Da gibt es kunstvoll mit den lieblichen Schalentieren bemalte Service aus Porzellan und Kristall. Die Gäste erhalten ganz allerliebste, mit roten Krebsen verzierte Servietten usw. Schließlich ist der Krebs ein Wassertier: also muh er tüchtig mit Flüssigkeiten begossen werden. Das geschieht dann auch gehörig mit Wein und Schnäpsen aller Art. Man sagt in dieser Zeit in Stockholm: „Ein Schluck auf jeden Krebs und ein Krebs auf jeden Schluck." , Aber nicht nur Stockholm feiert die Eröffnung der Krebssaison. Gin Krebssouper auf der Veranda in einer Villa in den Schären, wenn der Vollmond am Himmel steht und die bunten Lampen leuchten, ist ein wirklich erlebenswertes Ereignis. 3n Aiesenschalen blinken Berge von roten Krebsen. Batterien bon Schnäpsen und Likören, von Weinen aller Art vervollständigen das freundliche Stilleben. Frohe Lieder klingen durch die stille Nacht. Erst spät trennt man sich, aber nur, um sich am nächsten Abend an anderer Stelle bei einem Krebssouper zu treffen. Aus dem Häusergewirr reckt fid) ein riesiger Wolkenkratzer enrpor Seine Spitze krönt ein mondänes Restaurant. Mit dem Expreß- Fahrstuhl saust man hinauf. Die riesige Glashalle ist in rot und gelb gehalten. An kleinen Tischen eine auserlesene Gesellschaft. Kristall und Silber blitzt, Champagnerpfropfen knallen. Aus duftigen Roben leuchten weiße Racken. Frauenaugen leuchten, Rosen duften. Sehnsüchtig lockt die Fiedel. Wan flirtet, man tanzt! Letzter Clou Stockholms. Der Dolksmund nennt den Dau den „Turm von Babel", aber es stimmt nicht, in Babylon ging es sicher nicht so vornehm zu wie hier. Weit sieht man von dieser hochgelegenen Warte ins Land hinein. Die ganze Stadt lreat illuminiert unten ausgebreitet. Der Vollmond wirst sein funkelndes Netz auf das Schärengewirr und den wogenden Mälarsee. Dräumend erhebt sich an, feinen Ufern der imponierende Bau des neuen: in gotrschem Stile gehaltenen Stadthauses. Die Terrassen sind vom Mondlicht überflutet. Schlank ragt der Turm der Riddarholms-Kirche, des schwedischen Pantheons, wo die Heldenkönige Gustav Adolf und Karl XII. schlummern, empor. Schwedens ruhmvolle Vergangenheit steigt aus der klaren nordischen Nacht zum funkelnden Sternenzelt. * Das romantische Wald- und Wasserparadies Schwedens wird von 3ahr zu Jahr in immer größerem Maßstab Brennpunkt des internationalen Touristenverkehrs. Wie wenige kennen jedoch die zauberisch schönen Sommernächte in den Schären Norr- lands. Ist Angermanlands Jnselgewirr auch noch so lachender Natur wie der Schärengarten Stockholms, so ist es dafür mächtiger, imponierender. Wie wenige haben den romantischen Jn- dals-Elf und den majestätischen Angermans-Glf gesehen! Mancher hat vielleicht Per Hallströms Novelle „Der tote Fall" gelesen, aber nicht gedacht, daß er selbst die Stelle dieser ungeheuren Katastrophe und die herrlichen Landschaften von Ragunda mit dem brausenden Hammerfors, in denen der Roman spielt, kennen lernen kann. Ich benutzte zur Fahrt in diesen vielleicht schönsten und romantischsten Teil Schwedens den Dampfer Karl XV. der Stockholmer Reederei Svea, der mich in sonniger Fahrt von Stockholm in das Zentrum der rauschenden Urwälder und Ströme führen sollte. 3ur Fahrt nach Sundsvall liegt zu Füßen des hochragenden Schlosses der Dampfer bereit. Stolz blähen sich die blaugoldenen Flaggen im Winde, als unser weißes Schiff zur Fahrt in das Labyrinth der Schären vom Bollwerk sich losmachte. Die nordische Sonne wirft ihre Feuer auf das breite Hafenbecken und überfchMtet die anstürmenden Wogen freigebig mit schimmernden Goldperlen. ' , ; ; Auf funkelnder Straße ziehen wir dahin. Hinter Uns versinken die Türme vön Stockholm. Schon sind wir mitten im Jnselgewirr der Schären. Vom felsigen Strand aus dem lachendest Grün der Inseln lugen malerisch Villen und Landhäuser. Linier zierlicher, in unheimlicher Höhe hängender Brücks gleitet das Schiff dahin. Segel- und Motorboote, gefüllt mit fröhlichen Sommergästen, fliegen über die Fahrstraße. Jubelnder Zuruf dringt zu uns herauf. Die ganze Küste von Stockholm bis fast zum Meer« ist ein einziger, unvergleichlich schöner Badestrand. Das tummelt sich in den grünen Wogen. Das liegt wohlig im weichen Waldmoos, oder sonnt sich auf hohen Felsen! Wie die schlanken Gestalten uns vom Ufer zujubeln. Wie stolz wirkt die Schönheit all dieser jungen Menschenkinder unter dem lachenden, blauen Himmel. Sonnenübergoss en liegt die See. Spielend werfen sich die grün- weißen SHaumwogen auf das junge, frohe Volk. Durch einest schmalen, langen Kanal geht die Fahrt mitten durch schattigen Eichenwald. Wiesen dehnen sich zum Strand. Junge Pferds sausen beim Vorbeifahren des Dampfers im Galopp davon. Immer breiter wird das Fahrwasser. Weite sonnenübergossens Duchten öffnen sich. Aus den- Fluten steigt die Festung Vaxholm. Weihe Möwen umflattern unser Schiff, streiten sich schreiend um die artsgeworfenen Speisereste. In angeregter Stimmung wird in dem auf hohem Deck gelegenen Speisesalon das ganz vorzügliche Mahl eingenommen. Wie im Film sieht man durch die Fenster die Landschaft vorübergleiten. Auf der Kommandobrücke wird bei strahlendem Sonnenschein der Kaffee serviert. Noch fahren wir in den Schären. Aber immer mehr breitet sich der Meeresspiegel. Bon steilen Felsen glühen Feuerzeichen. Wir passieren das im Wasser verankerte rote Feuerschisf. Die See ist spiegelblank. Dlutrot finkt der Sonnenball ins Meer. Auf dem Vorderdeck herrscht lustiges Leben und Treiben. Bei Zither- und Gitarrenklang dreht sich alt und jung im Tanz. Passagiere, Maschinisten, Matrosen, Küchenfeen, Stewardessen in buntem Durcheinander. Meer und Himmel erglänzen in rosa Farben. In behaglicher Kabine singt man das uralte Wiegenlied des Meeres in tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen sind wir in Sundswall. Die Stadt bietet, umkränzt von waldigen Hügeln, mit ihren modernest Häusern einen prächtigen Anblick. Sie ist das Zentrum einer gewaltigen Holzindustrie. Die Entwicklung der Stadt hängt völlig mit der der Holzwarenindustrie Schwedens zusammen. Auf lachender See geht die Fahrt weiter bis Hernösand, der, HauptstcÄt Angermanlands. Wan nennt es wegen seiner wunder- baren Lage inmitten der waldigen Berglandschast „Das Athen des Nordens". In Hernösand besteige ich den kleinen Flußdampfer „Tourist" zur Fahrt auf den Angermans-Slf. Hoch oben in den Urwäldern Schwedens liegt eine der Zentren der Druckpapierfabrikation. In den waldreichen Gebieten Norrlands werden jahraus, jahrein Millionen von Bäumen gefällt. Die tosenden Gebirgsbäche führen sie den großen Strömen zu. Diese befördern die Stämme aus den hochgelegenen Wälderst im Innern des Landes hinab nach den Sägewerken und Holz- stoffabriken an der Küste, wo sie zu Papiermasse verarbeitet oder als Rohmaterial für die Papierfabrikation exportiert werd en. Der Angermans-Glf hat eine Länge von 450 Kilometern und ist einer Der größten, in feinem Unterlauf der imponierendstÄ Fluß Schwedens. Seine Größe wird durch folgende Ziffern- beleuchtet: Von Malgomay bis Solleftea bildet der Fluß 38 Fälle, Über die die Stämme brausend herab-schießen. Wie schwarze Gespenster wälzen sie sich in weißem Schaum, verschwinden in den wilden Fluten, springen prasselnd und donnernd in der grünen Gischt. In rasenden Sprüngen stürzen sie sich über dis Felsen herab, um dann mit verdoppelter Geschwindigkeit die Fahrt nach der Küste wieder auszunehmen. Le mehr man sich den Mündungen nähert, um so mehr weiten sich die prächtigen Flüsse. Sie gleichen dann Breiten Meeresbuchten. Don allen Seiten steigen Rauchwolken zum blauen nordischen Himmel. Hinter ihnen hämmern und rasseln die Maschinen der Sägewerke und Papierfabriken. Tausend emsige Kräfte regen sich. Ein Labyrinth von rauchenden Schloten und Riesenhallen. Sirenen heulen, Dampfpfeifen akkompagnieren sie. In den Riesenhallen stampfen Hunderte von Maschinen. Das ist die Sinfonie des schwedischen Aordlandes. Weit öffnen sich die Tors zu einer großen, stolzen und mächtigen Kulturwelt. Hier lebt und wirkt das moderne Schweden in einer seiner mächtigsten Industrien. Die breite Fläche des Angermans-Glf blitzt und funkelt ist lachendem Sonnenschein. Soweit das Auge reicht, treiben auf den Fluten die gefällten Waldes riesen. Langsam fährt der Dampfer durch dies Labyrinth von Stämmen. Sie treiben auf dest blauen Wogen. Sie krachen donnernd gegen die starken Schiffswände. Vorsichtig laviert der Kapitän den Dampfer. Jeden Augenblick rasselt der Schiffstelegraph. Das Schiff stoppt. Förmliche Inseln von starken Stämmen jagen vorbei, versperren den Weg. Ganze Wälder ragen aus dem Wasser, treiben in dest Stromwirbeln umher. Der Rücken des Flusses trägt sie geduldig. Bei Dal, Svanö -und Kramfors befinden sich die größten Holz- stofsabriken Schwedens. Bei Sandslan liegt das größte Holzsortierungswerk Schwedens, gleichzeitig das größte der ganzen Welt Hier werden jährlich ca. 12 Millionen Stämme sortiert. Bei Nyland ändert der Fluh sein Arussehen. Er strömt jetzt zwischen sanften Höhen, die in grünen Farbentönen leuchten. — 248 — Wie Kirchen erzählen von'der Kultus »mV Geschichte Schwedens'. LÄe große Anzahl Les Bauernhöfe tin den Äsern berichtet von der Fruchtbarkeit des Landes und dem Fleiße seiner Bewohner. Abends landen wir-am Kai von Djupö. Eine kurze Autofahrt bringt uns nach Solleftea. Das SWüchen liegt reizvoll am Angermans-Elf, der hier in starker Strömung durch steil ab- stillende Felsenformationen dahinfließt. Lieber den Fluh fiihrt eine 192 Meter lange Stahlbrücke. Am nächsten Morgen stehen die Autos bereit. Die herrliche Fährt geht durch das idyllische Tal des Angermans-Glf bis zu den berühmten hohen Forsmo-Drücken, Schwedens größten und bedeutendsten Drückenkonstruktionen. Die alte Drücke, die dem Eisenbahnverkehr nicht mehr dient, ist 245 Meter lang, die neue Eisenbahnbrücke 264 Meter. Die Höhe über dein Wasserspiegel beträgt 48 Meter. Die Fahrt entlang dem rauschenden Angermans-Elf ist romantisch und poesievoll. Wir fahren in schwindelnder Höhe. Lief unten rauscht der Fluß. Aus dunklen Lannenhängen glänzen hellgrüne Wiesen. Wenn aus den Tälern die Abendnebel steigen, sind auf den Höhen die kleinen Häuschen magisch erleuchtet. Immer neue Wäldtäler öffnen sich-. Als treuer Begleiter schäumt der Elf zur Seite. Malerisch- grüßen alte Bauernhöfe. Mit Freuds und tiefer Bewegung sieht man die friedvollen- Land- sch-aften Schwedens an sich vorüberziehe-n. Gemälde von hohen landschaftlichen Reizen wechseln mit Bildern aus dem täglichen Leben des schwedischen. Volkes. Unbeschreiblich schön die herrlichen Beleuchtungen. Diese weiten Ebenen, dieses klare, milde Licht auf dem rauschenden Fluß. Das Sonnengefunkel auf den brausend zu Tal schießenden Bächen und tosenden Wasserfällen, die sich in Kaskaden über die Felsenterrassen stürzen. Die schimmernde Drücke eines Regenbogens überspannt das Tal. In weißem Schaum wirbeln Elfen und Rixen ihre farbenfrohen Tänze. Lang wallen ihre bunten Schleier über die herabschießen- den Fluten. Wunderbare Fahrt unter dem. blinkenden Sternenzelt der nordischen Rächt. Tiefer Frieden ringsum. Aus dunklem Grün leuchtet träumerisch der Waldsee. Da rauschen Dirken und Laubwälder, duften Lannen und Fichten. Da blühen rote Wein- beerbüsche, und leckere Waldbeeren locken. Im blauen Aether schwebt der Falk. Bon rotem Heidegras umloht liegen gigantische Felsentrümmer. Aus der Tiefe ertönen Glocken. Ähr Klang vereinigt sich mit dem Murmeln der Wogen, dem Brausen des Windes und dem Rauschen der Wälder zu einer wundersamen Sinfonie. 3n schlummernde Wälder gebettet blinkt der Fluß. Ein Ort immer idyllischer gelegen wie der andere, ihn» rahmt von dunklem Walde grüßen von grünen Abhängen die roten Bauernhäuschen. Die Autofahrt geht weiter zum 3ndals-Slf. Der 3ndals-Glf die Pulsader 3ämtlands, hat eine Länge von 400, Kilometer! und eine Wasserfläche von 26 200 Quadratkilometer. Bei Ragunda kreuzt ihn die Dahn. Er ist einer der mächtigsten Flüsse Schwedens. Der Unterschied zwischen ihm und dem Ängermans-Slf, besonders in seinem Unterlauf, ist ins Auge fallend. Während der Angermans-Elf von Solleftea - an ruhig und breit durch- wohlbebaute Gegenden fließt und feine Sägewerksindustrie der Landschaft das Gepräge gibt, wirkt der 3ndäls-Slf im Gegensatz hierzu mehr unberührt. Industrie fehlt fast völlig. Zwischen waldigen Höhen fließt er in breitem Stroms dahin. 3n dem idyllisch gelegene Bispgarden wird kurze Rast gehalten, dann geht es weiter zum Döda Fallet (toter Wasserfall). Bei Ragunda bildet der Ändals-Elf den imponierenden Wasserfall Hammer- fors. In schneller Fahrt geht es nach Bispgarden zurück. Schon von weitem hört man das Brausen des Wasserfalles „Staös- fossen". Donnernd schießen seine Wasser herab. In grünweihev Gischt wätzen sich tausende von Baumstämmen. 3n der Hütte der Lachsfischer bin ich zu Gast. Alle Stunde, einmal ziehen sie das Retz hoch. Ich habe Glück. Sehe staunend, wie im Retz ein Riesenlachs zappelt. Eine Stunde später steht er lecker angerichtet in Grün gebettet auf dem Tisch des vortrefflichen Hotels. Am nächsten Morgen geht es auf der nördlichen Seite des 3ndals-Elf weiter. Es ist dies eine der schönsten Autofahrten im Rvrrland. Während der ganzen Zeit hat man die Aussicht auf die herrliche Landschaft mit dem tief im Tal gebetteten Fluß. Wie ein leuchtendes Silberband schlängelt er sich durch die grünen Wissen und dunklen Wälder. Sundswall taucht vor uns auf. Eine Stunde später lichtet der Dampfer „Karl XV.“ die Anker zur Rüchahrt nach Stockholm. Das Schiff dreht und fährt auf den sonnigen Fjord hinaus. Schon liegt Sundswall in weiter Ferne. Eine herrliche Seefahrt steht uns bevor. 3n der Frühe des fünften Tages macht der Dampfer am Fuß des Stockholmer Schlosses wieder fest. Die einzig schöne Fahrt ist zu Ende. Aber die Erinnerung bleibt. Unvergeßlich die Bilder der sownsn- bestrahlten See, der brausenden Fälle, der wogenden Wälder und der in Grün gebetteten breiten Ströme. VoZksbUdKerischs Elemente im Film. Don Wolfgang Goetz. Die bildenden Wirkungen des Schattenspiels auf der zwei- bimenfionalen Leinwand gehen sehr viel mehr ins Breite als die der Bühne, deren wesentliche Dimension die dritte, in die Tiefe dringende ist. Dem Film ist es ein leichtes, uns in ferne Und fernste Länder zu führen, winzige Gegenstände ins Riesige zu heben, das Werden eines Produktes in allen Phasen dar» zustellen (Lehrfilm) und „das Gras wachsen zu sehen“. Gr vermag Bruchteile von Sekunden in Minutendauer auszuwalzen. Den Sprung einer Tänzerin, den unser armes Auge nur eben als schnellende Bewegung aufzunehmen vermag, verlegt und zerdehnt die Zeitlupenaufnahme in ein zartes Schweben und ein köstliches Muskelspiel zweckmäßiger Anmut. Dem Denkenden stellt sich ein ungeheures Rätsel des Lebens der Natur dar; das kleine Zeitatom, das wir mit dem Ausdruck Sekunde bezeichnen, ist abermals zerlegbar und umschließt eine Ewigkeit. Rechnerische Ueberlegung konnte uns bisher wohl überzeugen, daß es eine Trillionstel Sekunde und -noch winzigere Zeitteile geben muß. Allein diese Tatsache ist letzten Endes unvorstellbar. 3m Film dürfen wir dies Wunder schauen, und es ist ein großer Irrtum, zu glauben, daß sich >das Wunder seines Schimmers entkleide, sobald wir es greifen können, es strahlt im Gegenteil nur schaudernder. Hier grenzt der Film hart an das Transzendentale. Zum Schaudern, der Menschheit bestem Teil, nicht, wohl aber zu verwunderter Behaglichkeit zwingt der Trickfilm, in dem Unbewegliches wild durcheinanderstürzt, in dem die Zeichnungen des Malers aus ihrer Starre erlöst werden und sich m-unter gebärden. Man sagt vielfach, der Trickfilm sei das eigentliche Gebiet des Films; wir glauben das nicht durchaus, er ist- eben! nur auch ein wesentliches und Wohl zu pflegendes Gebiet der Kinematographie. Seine Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Wir haben zu spielen vergessen. Märchen und sagenhafte Elemente der Volksseele sind vor 6em Rauch der Dampfmaschine geflüchtet. Führen darum Schnapsflaschen auf Geheiß einer witzigen Künstlerphantasie, die wiederum im Dienst einer reklamebedürftigen Spiritiosenfabrik frönt, einen ritterlichen Tjost auf, so ist auf Höchstmateriellem Grund dennoch kein tiefsinniges zwar, aber doch ein lustiges Fabelmärchen geschaffen. Wir stehen in einem Anfang und können nicht sofort Gewaltiges verlangen, und wollen uns freuen, daß die Technik, die einst den ganzen lieben Spuk der mondbeglänzten Zaubernacht vertrieb, auf anderem Wege ihn wieder heranführt. Die gleich-e Absicht, die Stärkung der poetischen Elemente im Volke, haben Paul Wegener und Ludwig Berger verfolgt, jeder auf seinem Wege, die abzuwerte« hier nicht der Ort ist. Nebenher gehen ausgezeichnete Versuche, bildhafte Kunstmärchen zu schaffen, und es bleibt unendlich bs< bäuerlich, daß der Erfolg dieser Leistungen offenbar nicht de« berechtigten Erwartungen entspricht; dies schreibt sich wohl daher, daß unser mechanisiertes Zeitalter völlig dem Phantastische« abhold wurde, wie ich mich denn betrübt entsinne, daß mich meine Korporalschaft einmal gründlichst auslachte, weil sie mich beim Lesen Hoffmannscher Märchen ertappte und dies Beginne« für kindisch oder dekadent erachtete. Hier wäre noch des vielumstrittenen Hexenfilms zu gedenken, der den fürchterlichste« Abweg menschlichen Geistes schildern will und einen Vorstoß ttt das dämonische Gebiet unternahm. Er schwächt jedoch, seine Wirkung wesentlich dadurch ab, daß er die Besessenheiten früh- neuzeitlicher Menschen mit der Hysterie und den sonstigen abnormen Nervenzuständen unserer modernen Medizin gleichsetzen zu müssen glaubte. Als historischer Film hatte er den großen! Vorzug, Musterhaftes zu bieten. Nicht allein das Kostüm und die Gebräuche, die Masken und der ganze kulturhistorische Apparat erreichte eine bisher kaum gekannte Höhe, diese Schauspieler waren durch- künstlerischen Willen in ihrer Haltung wie in ihren Gebärden zu Menschen jener Zeit geworden, so daß man der Illusion, um Jahrhunderte zurückgeschweift zu fein', völlig unterlag. Es hat nie eine verrücktere Bestimmung gegeben, als die biblisch-e Geschichte dem modernen Empfinden unsere« lieben Kleinen anzunähern, also etwa, daß 3oseph und Maria sich -auf die Eisenbahn setzten, um nach Bethlehem zu fahren!, wo dann leider alle Hotels geschlossen waren usw. Das ist Totschlag der Historie, das heißt jede Möglichkeit geschichtlichen Verstehens erwürgen: wahrlich- ein pädagogischer Rekord. Der Film könnte hier in ungeahnter Weise wirken. Aber leidep begegnet man in den historischen Filmen gerade den meiste« Fehlern. Da hängt in einem französischen Schloß ein Bild von 3-ohann Sebastian Bach, bloß weil der Regisseur zu faul war, das Porträt eines anderen Mannes mit Perücke aufzutreiben. Der Sokdatenkönig schreitet unter Säulen, die sein böser Sohn erst in den letzten 3ahren seines Lebens bauen ließ. Was für Fehler bei den Waffen, den Kleidern, der Darttracht, der Awlage der Gärten, den Baustilen geleistet werden, geht ins Asch- graue. Man sage ja nicht, es handle sich um Nebensächlichkeiteih von deren Richtigkeit oder .Unrichtigkeit nur die Fachgelehrten wissen könnten. Wir wissen langsam, wie zur geistigen und kulturellen Gestaltung einer Epoche alle Dinge 'dienen. Es kommt aber leider noch viel mehr auf das Sündenregister des historischen Films. 3m allgemeinen können die Schauspieler sich nicht dem Geist einer vergangenen Zeit airgleichen, so daß man immer das Gefühl hat, „unser“ Soundso, der muntere Dandy aus dem Berlin von Anfang des 20. Jahrhunderts, sei aus unbegreiflichem Grund in ein altes Kostüm geschlüpft. Man wäre bei gut zwei Dritteln dieser Filme nicht erstaunt, wenn sich ein alter Grieche ein Monokel einklemmte, um mit dem Füllfederhalter ein Telegrammformular auszufüllen, oder wenn sich ein Re- naissancejüngling die Zigarettendofe aus den Puffen seines Beinkleids zöge. Und vor allem die Handlung dieser Filme! Wenn in einem sehr bedeutenden Filmwerk der Despot eines — 244 — südlichen KuKurreiches in einer Zeit co. 1500 v. Ehr. um die Liebe einer Sklavin wirbt und bitter unter ihrer geringen Neigung leidet, so bekommt man zunächst einen tollen Lachanfall. Dann aber wird man betrübt. Denn selbst gesetzt, es hätte wirklich ein einziges Mal unter jenen Tyrannen einen Charakter ä la Siegwart gegeben, so ist noch niemand berechtigt, diesen! Einzelfall zum Typus zu erheben. Das heißt also, das Volk — der Ausdruck ist nicht als moralische Wertung ainzusehen, denn es geschieht unbewußt oder aus Bummligkeit — belügen. Wollte man den erwähnten Konflikt darstellen, so bot der Reichtum der Weltgeschichte in anderer Zeit und an anderem Ort Gelegenheit genug. Man wollte aber nun einmal jene bestimmte Epoche und quetschte um, so gut es gehen will, ein Dvämchen von ganz anderer Gefühlseinstellung hinein. Das war fahrlässig, man hat damit die Verantwortlichkeit des Films, insbesondere des historischen, außer acht gelassen und sich nebenbei gründlich blamiert. Ein falsches Weltbild geben, heißt aber verbilden. älnd Verbildung, man muß das leider sagen, ist auch Trumpf im Spielfilm. Selbst dieser trägt in sich eine Fülle bildnerischer Elemente. Es erweitert mein Weltbild, wenn ich die Mode fremder Erdteile, das Leben auf englischen cottages oder in den Pullman-Cars der amerikanischen Eisenbahnen sehe. Im Schauspielerischen, als einer — im guten Sinne — übertreibenden Gebärden- und Mimenhaltung, sehe ich schärfer, was meine Zeitgenossen im Westen oder Osten, Norden und Süden von mir und meinen Landsleuten trennt ober was uns gemeinsam ist. Die Großaufnahmen prägen mir das Typische des Ausdrucks von Freud und Leid, Neid oder Hochmut oder Verlegenheit ein. Es ließe sich vorstellen, -daß nach Hunderten von Bahren filmischer Beobachtung der Vkensch zu einem trefflichen Phhsiogno- miker werden kann, daß er bei der leisesten Regung im Gesicht seines Gegenübers sofort richtig auf die Gemütsbewegung schließt, die jenen Zug veranlaßte. Aber auch glaublich ist es, daß der häufige Anblick schöner Gestalten und guter Haltung beispielgebend wird, der Zuschauer sich also nach dem ober jenem Ideal richtet und sich selbst besser hält ober glücklicher bewegt. Ganz besonders für das Volk, das den größten Augenmenschen Goethe hervorgebracht und anscheinend seine ganze optische Kraft an ihn abgegeben hat, ist die einseitige Erziehung des Films zum Sehen von unberechenbarer Bedeutung. Man braucht auf die Wichtigkeit dieses gefühlbildenden Momentes nur hinzuweisen, um die hohe Verantwortlichkeit des Films darzutun. So Wichtiges und Köstliches hier mit Hilfe feinsinniger, besonders befähigter Regisseure und menschlicher Schauspieler erreicht werden kann, soviel kann beim Versagen dieser Stellen zerstört werden, und da auf dieser Welt das verneinende Prinzip immer kräftiger ist, als das bejahende, so sind hier die Folgen unabsehbar. Diese Befürchtung hat zur Schaffung eines Lichtspielgesetzes geführt. Aber eine leider noch größere Zahl verlogener Bildstreifen entzieht sich den Paragraphen. Es spottet jeder Beschreibung, was an falschen Gefühlen, an krummen und schiefen Tendenzen, von der bösesten Sentimentalität bis zur lügnerischen Verachtung des Lasters, und an bewußter Verschiebung eines gesunden Weltbildes bisweilen geleistet wird. Das Gesetz, wie erwähnt, versagt diesen geschickt entgifteten Machwerken gegenüber. Hier muß das Volk sich sein eigenes Gesetz schaffen, muß sich selbst verbieten, solche Sudeleien anzufehen. Jeder von sich aus mutz helfen-, auch diesen Acker von bösem Unkraut zu befreien, damit die gute Frucht zum Licht kann, Gesundung zu schaffen. Vielleicht aber ist das auch ein volksbildnerisches Element und gewiß kein zu unterschätzendes, dem einzelnen es zu Über- lassew feine -Urteilskraft, seinen Geschmack, sein Gefühl für Echt vder -Unecht zu prüfen und wie Herkules am Scheidewege der wahrhaft edlen Kinomuse auf dem beschwerlicheren, aber lohnenderen Wege zu folgen. Wie Überall auf dieser Welt, gilt es auch hier, das Matz zu finden. Bildhauer und Dichter. Bon Dr. Fritz Adolf Hiinich. Rainer Maria Rilke: dieser Name, vor fünfzehn Jahren noch das geliebte Borrecht eines kleinen Kreises von Anhängern, hat heute, nach Ausweis der Auflagen feiner Bücher, vor allem durch den großen Erfolg der Buchausgabe des „Cornet" in der Jnsel- bücherei, in vieler Herzen Wurzel geschlagen, und wir wünschen, daß das hohe Ethos seiner Schöpfungen, wo immer sie mit magischer Kraft Seelen an sich ziehen, vertiefend und veredelnd auf sie wirken möge. Denn Rainer Maria Rilke gehört zu den unauffälligen, aber unablässigen Kämpfern um die Erhöhung ihrer Menschlichkeit, und man hat von seinem Menschtum das Gefühl einer kristallklaren und unantastbaren Lauterkeit. Er gehört nicht zu denen, die sich bescheiden, er ist ein Bauender, der träumt, sich zu vollenden, und gleichwie es bei Nietzsche im „Ecce homo" heißt: „Jedes Wachstum verrät sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners", so schließt in bedeutsamer Uebereinstimmung der Geister ohne gegenseitige Beeinflussung ein Rilkesches Gedicht: „Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein." Immer scheint das Schicksal die, denen es wohl will, überlegneren Gegnern gegenüberzustellen (und ist nicht jeder, der größer fft als wir, eine Herausforderung, ein Anfporn, uns mit ihm zu messen?), und der Darsteller von Rilkes unerhörtem Aufstieg wird seinen Begegnungen in der Welt der Körper und des Geistes samt ihrer Wirkung auf das Wachstum des Dichters seine ganze Aufmerksamkeit schenken müssen. Fragen wir nicht, auf welchen Wegen der Dichter dem großen Erlebnis zutrieb, das mit dem Namen Rodin eine Reihe von Jahren für ihn verknüpft ist; keine biographische Forschung wird je den wahren Zusammenhang des Gewebes, das wir Leben nennen, aufdecken und das unwiderstehliche mystische Zueinanderstreben der Geister, die sich finden sollen, restlos erklären können. Das allen sichtbare Zeugnis der Mitarbeit des Dichters an dem Schaffen des Bildhauers, dessen Sekretär er war, liegt in den beiden Aufsätzen vor, die in dem Bande „Auguste Rodin" zusammengefaßt sind: als Versuch der Deutung eines großen Werkes, wie es in der Kunstgeschichte einzig ist. Eine seltene Vereinigung: ein Bildhauer voll grüblerischen Ringens um die Wahrheit in seinen Nachbildungen bes wirklichen und geträumten Lebens und ein Dichter, voll Gerechtigkeit wie wenige und bemüht, in das Dunkel des Lebens der Dinge hinter ihrer Oberfläche einzudringen. Auch feine Beschreibung der Rodinschen Kunstwerke nimmt hiervon ihren Ausgang: indem er sich in ihre Anschauung vertieft, verfolgt er den Weg, den sie gegangen sind, über die Hände, die den Meißel geführt und den Ton geformt haben, zurück bis zum Gehirn, wo der Gedanke langsam zur Tat reifte. In diesem Verhältnis wie vielleicht in keinem andern zuvor oder danach, ist der Dichter der Dienende, der Empfangende. Inmitten der Welt von Stein, die ihn umgibt, erschließt sich ihm aus den erstarrten Gesichtern und Gestalten, in denen das beziehungsreiche Leben auf einen Augenblick und eine Gebärde zusammengedrängt ist, die Grundidee der Rodinschen Plastik, und er wird nicht müde, an vielen Beispielen zu zeigen, wie sich in den Figuren des Meisters das verfließende und sich zerstreuende Leben vieldeutig sammelt: mit diesem immer wiederkehrenden Worte umschreibt er seinen Begriff des Wesentlichen in der Kunst Rodins. „Niemals," so heißt es von der Voix Interieure, „ist ein menschlicher Körper so um fein Inneres versammelt gewesen, so gebogen von seiner eigenen Seele und wieder zurückgehalten von seines Blutes elastischer Kraft." Auch ein anderer Dichter von weniger eindrucksfähiger Seelensubstanz und größerer Widerstandskraft als Rainer Maria Rilke würde durch solchen Umgang in seinem eigenen Schaffen auf die Dauer nicht unbeeinflußt geblieben sein. War die Lyrik des Dichters bisher vorwiegend musikalischer Natur gewesen, ein Erfaßen schier unsagbar schwebender Gefühle und Stimmungen durch Worte und Wortzusammenhänge, deren vor ihm noch keiner mächtig gewesen war, so formen sich nun seine Gedichte zu Gebilden, die in schärferer Umgrenzung an Menschen, Tieren oder Gegenständen das darin angehäufte Leben (und nicht nur dieses, sondern auch das ihnen aus ihrer Umwelt anhaftende Leben) aus einer bezeichnenden Haltung oder Geste zu beuten und darzustellen sich bemühen. Keiner vermag den geheimnisvollen Zug des Schicksals zu ergründen, aber" wenn wir zurück an das zuerst im Jahre 1902 in schmächtigem Großoktav erschienene „Buch der Bilder" denken, so will es uns scheinen, als ob eine unabwendbare Notwendigkeit den Dichter nach Paris und zu Auguste Rodin gezogen hätte. Wenn das „Buch der Bilder" den Uebergang von grenzenlosem Träumen in nie vordem betretene Bezirke zu festeren Konturen bedenket („Immer verwandter werden mir die Dinge und alle Bilder immer angeschauter"), so sind die beiden Bücher „Neue Gedichte" (1907) und „Der neuen Gedichte anderer Teil" (1908) die Vollendung des dort frühlingshaft Begonnenen und Erstrebten, und wenn in der zweiten, sehr vernrehrten und seitdem unverändert gebliebenen Auflage des „Buches der Bilder" (1907) Paris als neue Kulisse wie ein Rahmen vor einem unendlich tiefen Hintergrund steht, so herrscht in den beiden letzten großen Gedichtbüchern Rodin vor, und cs wirft wie eine Selbstverständlichkeit, daß eines von ihnen ihm namentlich gewidmet ist. Aber zu glauben, daß diese Gedichte wie nach Diktat geschrieben und vom Schatten Rodins verdunkelt seien, wäre ein Zeichen von sehr äußerlicher Kunstauffassung und würde eine Verkennung des Rilkeschen Genius bedeuten, für den alle Begebenheiten und Anlässe nur die Scheite sind, die das Feuer feines Gestaltungswillens nähren, um darin mit immer größerer und reinerer Flamme zu verbrennen. Wohl sind in den „Neuen Gedichten" Motive aus der klassischen Vergangenheit der Plastik, wovon Rodin ein „sehr per- sönlich ausgewähltes Museum" besaß, neben solchen zu finden, di» aus dem unentrinnbarem Zwang ber Gestalten des Bildhauers auf die Vorstellungswelt des Dichters geboren sind: wohl türmen sich dk gleich gewaltigen Bildwerken Gesichte von Michelangelosscher Größe empor und begegnen uns Gedichte, die ein Niederschlag von Gesprächen über die Mystik der Kathedralen sind: aber der tiefst« Gewinn, der dem Dichter und seinem Schaffen durch die Begegnung mit Rodin zusiel, liegt in der Erweiterung seines Gesichtsfeldes, wohin .ihm aus ber bereicherten Erkenntnis der großen unb geringen Dinge unaeahnte Stoffe zufließen: in der Vertiefung seines Blickes für das Geschehen, das hinter allen Ausdrucksformen des Lebens steht, um darin wie auf großen Schauplätzen zusammenzuströmen: in den neuen Aufgaben und Forderungen, die hiS« an ihn gestellt wurden und in deren Bewältigung er zu der Größe heranwüchs, die wir heute an ihm bewundern. Hchrtstleitung: Or. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße».