Eichener Kmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, Sen ZV. November Nummer 96 Ein lustiges erzgebirgisches Weihnachtslied Boi» Kurt Arnold F i n d e i s e n. Wenn's Weihnachten ist, wenn's Weihnachten ist, Da kommt zu uns der Heilige Christ, Da bringt er eine Muh, da bringt er eine Mäh Und eine schöne Tschingteretätä. Wenn's Zuckerstangen friert, wenn's Zuckerstangen friert, Da kommt er lustig anspaziert, Da bringt er eine Hü, da bringt er eine Hott Und einen Gruß vom lieben Gott. Und hinter ihm, ei ja! und hinter ihm, ei ja! Geleucht und Kling-Klang-Gloria: Mit Lichtern in der Hand, mit Lichtern in der Hand, Der alte fromme Bergmannsstand. Die Pfefferkuchenfrau, die Pfefferkuchensrau Mit ihrem Mann aus Olbernhau; Er knackt ihr eine Nuß, er knackt ihr einen Kern Und hat sie, ach, zum Fressen gern. Und Engel hinterdrein, und Engel hinterdrein In Glitzerglanz und Kerzenschein, Die fingen: Valerie, die fingen: Valero, Der liebe Heil'ge Christ ist da! Ei, ei, Weihnacht, Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe, Ei, ei, Weihnacht ist ein schönes Fest! "Klaus Hinrich Ringhoffs Weihnachten. Von Wilhelm Schäfer. Schon kennt die ganze Küste feinen Namen. Da ist es eines Tages mit ihm vorbei. Bon Kuxhaven wird gemeldet, daß die See den kleinen lächelnden Menschen doch geholt hat. Und das ist so: An einem Dezembertag, drei Tage vor Weihnachten, geht die See gewaltiger als je. Seit einigen Wochen ist ein neuer Kapitän auf dem Elbleuchtfchiff Nummer zwei, der den Schiffszimmermann Klaus Hinrich Ringhoff noch nicht kennt. Der aber kennt ihn: er hat fein junges Gesicht blaß gesehen, als er im Boot auf das Leuchtschiff kam und die Wellen ftürmifd) gingen. Aber der Kapitän kennt seine Pflicht; durch den kalten Nebel, den gräulichen Dunst, in dem alles sonst lautlos versinkt, sind dumpfe Schüsse gekommen, und so muß Vas Boot hmaus. Klaus Hinrich Ringhoff, der nicht blaß wird, wenn um ihn ine See brüllt, schüttelt den Kopf. Es geht zur Nacht. Die da draußen — wer weih im Nebel, wo sie liegen — sind auf ihrem Dampfer sicherer als ihre Retter im kleinen Boot. Der Kapitän, der fein Leuchtschiff nicht verlassen darf, hat ein edles Herz und einen heißen Kopf. Er befiehlt, in einem blühenderen Zorn, als ihn Ringhoff ohne Augenzwinkern ansehen kann. Das ist Meuterei! Und am selben Wend, während aus dem fürchterlichen Nebel noch ein paarmal das Schießen kommt, schreibt er einen Amtsbericht nach Kuxhaven. Am Morgen hat der Sturm den Nebel in schwarze Wolken ge- S, die schnell am Himmel hinjagen. Als zwischendurch einmal ein lenschimmer fern von dem weißen Bufchsand fällt, sehen sie den Dampfer dunkel davor liegen. Nun will Ringhoff fahren. „Geht mich nichts mehr an!" sagt der Kapitän, der den Ringhoff noch nicht kennt. Aber der holt lächelnd feine Jungen und beginnt die schwerste Fahrt seines Lebens. Zuerst geht es glatt, so glatt wie es gehen kann in einem Sturm von Wellen, hinter denen die Windkraft des Ozeans steht, und noch vor Mittag kommen sie an den Dampfer heran. Der fitzt schräg völlig fest im Sand, unrettbar verloren. Aber so scharf sie spähen: keine Gestalt hebt sich zwischen den zerstörten Masten und geknickten Schornsteinen. Sie zwingen das Boot dicht in den Sturm von Gischt, der an der schwarzen Schiffswand aufspritzt, sie nehmen die hohlen Hände an den Mund und rufen. Keine Antwort, nur der krachende Sturz der Wasser. Da sind sie gefahren durch hundert Tode, haben ihre harten Hände wund gepreßt an den Rudern, sind glühend heiß geworden in dem eisigen Wintersturm. Und nun war alles nur ein leichter Anfang; nun müssen sie herum um den Sand, wo die Gewalt der ganzen Nord ee sich zusammendrängt und die schwersten Wellen vor sich hinfegt wie stäubende Wolken. Jeder van ihnen weiß, daß er jetzt die knöchernen Arme des Todes raffeln hören wird. Aber als Ringhoff die Korkjacken anziehen läßt, ist kein banger Ernst unter ihnen, nur eine Wut, an den alten Feind heranzukommen, eine Wut, wieder einmal zu fühlen, daß Muskeln zu Stahl werden können. Schon von weitem sehen sie den weißstäubenden Dampf. Aber es geht nicht glatt heran. Schlag für Schlag schwer gehen die querstürmenden Wasser- stürze. Klaus Hinrich Ringhoff steht am Steuer. Er weiß: Drei Wellen wirft die See, drei furchtbare Wellen, und immer ist die dritte der Besen, der alles wegfegt. Es gilt, sie zu bestehen und unter ihrem Schutz schnell um die Ecke zu kommen. Er weiß aber auch, daß jeder Widerstand die stärkste Welle bricht, und sei es nur ein Faden. So wie ein Mädchen beim Seilchenspringen den Einsprung abwartet, so sie mit ihrem Boot. Eine Sturzwelle rauscht vorbei, noch eine und die dritte. Nun rasend mit hingerissenen Körpern hinterher bis mitten vor die Ecke. Schon kommt sie hinter ihnen her, die erste der drei andern Schwestern, die immer beisammen sind. Den Anker in den Sand, daß der Strick sich strafft wie ein Draht und ihre Macht zerschneidet. Die erste jachtert heran mit gewaltiger Brust, sie fühlt sich durchgeschnitten und wälzt ihre zwei Lippen weiter. So die zweite. Aber dann! Als ob der ganze Erdball kochend aufjagte, wird das Brausen donnernd rote tausend Kanonen. Wenn jetzt das Seil nicht hält, sieht keiner sein Leuchtschiff wieder. Wie die Soldaten vor dem Kommando Feuer, so liegen sie mit ihren Fäusten um die Ruder. Jetzt: Ist das nicht ein Kriegsruf? Ein Jubelfchrei? Oder war es die Welle, die kreischend in Stücken weiter rast. Ein Beilschlag in das Seil, noch einer: das Bot ist frei, und ehe noch die drei anderen Schwestern zur Rache kommen können, find sie um die Ecke herum. Unb nun in ruhigerem Wasser an dem Sand vorbei. Unterdessen aber ist der kurze Wintertag herum. Der Nebel kommt zurück und die Dunkelheit fällt herein. Als sie endlich festen Grund haben, ist es schwarze Dämmerung. Sie ziehen das Boot so hoch in den Sand hinauf, wie sie können. Dann stellt sich Ringhoff vorn in die Spitze und leuchtet mit der Laterne über den dunklen Sand, während die anderen gehen, die Schiffbrüchigen zu suchen. Die Dunkelheit wird tiefer. Weiter dürfen sie nicht gehen, als das Licht der Laterne durch den Nebel reicht. So kommen sie nach einer mühsamen Stunde des Suchens zurück, und haben niemand gefunden. Unb nun beginnt für sie eine harte Nacht. ’ Während allüberall im deutschen Land die Kinder mit glücklichem Lächeln auf dem warmen Mund vom Christuskind träumen, während ihre Eltern in Hellen Stuben den Weihnachtsbaum schmücken, sitzen die Helden vom Leuchtschiff Nummer zwei eine Nacht von vier Uhr nachmittags dis neun Uhr morgens, siebzehn lange Stunden naß bis an die Knochen im eisigen Nebel auf dem durchweichten Bufchsand. Das Boot ist hoch ins Land gezogen, daß es die Wellen nicht fort» reißen. Das schwache Lämpchen der Laterne daran ist das einzig Menschliche mit ihnen in dieser Oede. Keiner spricht ein Wort; jeder weiß, hier gilt es: Zähne zusammen! Wer hält's länger aus, der Nordseesturm oder die Jungen vom Elbleuchtschiff Nummer zwei? Einem Ertrinkenden nachspringen, einem rasenden Stier in den Weg treten, dazu reicht die Wut eines Augenblicks. Aber hier in dem nassen Sand sitzen und sich von Sturm und Meer die Minuten vorzählen lassen in einem starken Brausen, wie wenn das Wasser rundherum aus den Himmeln stürze: das können nur sie. Und endlich — sind das Menschen, deren schwarze Gestalten hier an dem schwarzen Sand imMorgennebel sitzen? Sind es Götter der Vorzeit ober Abgeschiedene? — Endlich wirb "die schwarze Nacht bleigrau, unb durch den ziehenden Nebel streicht ein kaltes Leuchten. Einer nach dem andern steht auf unb versucht zu gehen. Die Nacht weicht aus ihren Sinnen. Sie fühlen, baß sie keine Meertiere finb hier auf dem Sand, sondern Seeleute vom Leuchtschiff Nummer zwei, die manchmal Karten spielen und tolle Tänze tanzen, wenn sie ans Land kommen. Einer bleibt an Bord zurück. Ringhoff mit den andern geht den Sand hinauf, die Schiffbrüchigen zu suchen. Noch finb sie keine Viertelstunde weit: ba hören sie sprechen, ba sehen sie Männer rote sich selbst in Ko.rkjacken. Von Büsum brühen in Holstein find sie gekommen und haben die Schiffbrüchigen gefunden. Und nun — was will rundherum das brüllende Meer und der Nebel, der über den See gepeitscht wird — nun beginnt eine schweigende Begrüßung der Helden: Wickinger, die sich nach einer Todesfahrt zusammenfinden. Die von Büsum haben ein Rettungsboot unb nehmen alle mit. Nur der Kapitän will gleich nach Kuxhaven, und Ringhoff mit seinen Jungen fährt ihn hin. Von Bufchsand nach Kuxhaven, das find grab» aus fünf Stunben Wegs; unb wenn eine Lanbstraße da wäre, wollten sie wohl zum Nachmittag gegangen fein. Aber da ist die Nordsee mit tausend Wellen, unb mit jeder müssen sie sich schlagen. Als sie mitten brin finb, legt sich ber Sturm aufs neue furchtbar ein. Unb immer von der Seite gegen bas Boot, Welle auf Welle, bis eine stark genug ist, es umzuwerfen. Da tut Ringhoff das letzte, was er weiß, rundum mit dem Beil schlägt er die obersten Planken heraus. Und so halb Im Wasser sitzend, durch einen kurzen Tag unb feinen langen Abend kommen sie gegen zehn Uhr in Kuxhaven an unb gehen so stolz in den Hafen, wie nur ein Dampfer hineingehen kann. - 382 den Memerbrib und das Helle Siebenunddreitzig Stunden von Bord und stsbenunddreitzig Stunden aus der Welt. . . . ,, Die Tochter uom Kommandanten i|t gerade im Flur, als jie jemand auf der treppe hört, der die Schelle nicht finden kann. «ie ist nicht ängstlich und macht auf. Da sieht sie einen nassen Menscyen stehen, fährt erst mit der Hand zurück, schreit dann und fangt an zu heulen, hängt fiel) b'cm kleinen ulten Kerl an den Hals: „Ihr, Jung5 hoff, seid wieder da!" r .... . Schon hat's in den Zeitungen gestanden, daß ihn endlich das Meer geholt hat: und da ist er doch wieder mit seinen li,t>gen Augen. Sie bringt ihn zum Kommandanten ins Zimmer. Und Klaus Hinrich Ringhoff trinkt einen furchtbar steifen Grog, und trockene Kleider und Betten sind da für ihn und seine Jungen, so gut, wie sie keiner von ihnen braucht. Sie könnten auf einem Steinhaufen schlafen. „ . , . Am andern Nachmittag kommt er zuruck auf sein ElbleuchlMss Nummer zwei. Und der Kapitän,' der ihm aus seinem heißen Kops ' 'es geschrieben Hal, steht da und drückt ihm die Hand, Freudcnwasler läuft ihm Aber das junge Gesicht. Dsv MLirchsn--AnDLefLN. Bon Herbert E u l e n b e r g. Ein neuer Band der „Schattenbilder" von Herbert Eulenberg erschien unter dem Titel „Sterblich Unsterbliche" bei Bruno Cassirer in Berlin. Er enthält unter anderem das folgende Andersen-Märchen. In den Zeiten, da die Menschen noch an das Märchen vom Storch glaubten, geschah es einmal, das; einer von diesen langbeinigen weißen und weisen Vögeln auf dem Dach eines ganz armen Scyuh- machers Rast machte. Das war auf der dänischen Insel Fünen. Und zwar in deren Hauptstadt Odense. Der Bogel, der sich auf seiner großen Frühlingsreise befand, wollte hier nur ganz kurz verweilen. Er gedachte nach Seeland hinüberzufliegen, wo er vor einem Jahre an einem Fjord oder See geboren war. Nicht weit von der großen Stadt Kopenhagen, dem Mittelpunkt und Hochsitz aller dänischen Gelehrsamkeit und Klugheit. Nein, Odense war entschieden ein z-.r kleines und unbedeutendes Nest für ihn, der Kopenhagen kannte. Während der Storch schon seine spitzen Flügel lüftete, um bald die kurze Strecke Richtung Nyburg quer über deii Großen Belt nach Seeland zurückzulegen, vernahm er in dem Hause unter sich plötzlich das Wimmern eines kleinen Kindes, das soeben dem armen Schuhmacher und seiner Frau geboren war. Dies feine Geräusch weckte in der lichten Brust des Vogels ein ganz eigentümliches Gefühl. Es erinnerte ihn an die schöne Zeit, da er selber noch mit vier Geschwistern traulich in einem Nest geruht und sie allesamt zu fünfen eine Art Zwitschern hervorgebracht hatten. Späterhin im Leben war ihm diese zarte Stimme ganz verlorengegangen. Und er konnte stumm nur noch mit den- Kiefern zusammenschlagen und „klappern", wie es die Menschen nennen. Ms er dies gerade wieder ein paarmal versuchte, kam plötzlich die Störchin, die ihn schon mehrfach umkreist hatte, herangeflattert. Da verging dem Storch selber jählings die Lust, noch weiter zu fliegen. Und es begann sich in ihm jenes eigenartige Empfinden zu regen, das die schwatzhaften Menschen wiederum mit dem vielsagenden Ausdruck „Liebe" umschreiben. Er beschloß ohne weitere Erklärung, zusammen mit seiner Störchin hierzubleibcn. Und sie richteten sich alsbald, unbekümmert um die Mietvorschriften des Landes, auk dem First des Daches ein. Während sich nun zu diesem Paar allmählich vier kleine Störche gesellten, die zwitschernd aus vier weißen, nur acht Zentimeter langen Eiern hervorgekrochsn waren, entwickelte sich unter dem Dach, auf dem sie alle thronten, in dem Hause der kleine Knabe dessen Quäken eigentlich den Storch hier festgehalten hatte, zur allseitigen Zufriedenheit. Er lag in einer Wiege, die sein Vater selber zusammengezimmert hatte. Und zwar mar zu diesem ungewohnten Werk von dem armen Schuhmachervater ein hölzernes Gestell verwendet worden, das kurz zuvor den Sarg eines verstorbenen dänischen Grafen Olaf getragen hatte. Noch hingen davon schwarze Tuchreste an den Brettern der Wiege. Ob es dieser düstere Trauerstoff war, oder ob in dem zarten Knäblein schon eine Ahnung aufkeimen mochte, daß dies menschliche Dasein, das auf ihn wartete, nicht mit lauter Rosen ausgeschlagen sein werde, jedenfalls weinte es fick; erst tagelang in dies Leben hinein, also daß der Pfarrer, der ihn in der Sankt-Knuts-Kirche taufte, ärgerlich meinte: „Der Junge schreit ja wie eine Katze." Als das kleine Knäbchen etwas kräftiger geworden war, wurde es wohl von seiner Mutter oder Großmutter an die Sonne gebracht. Das heißt oben neben dem Dachboden, wo in einer Rinne der Garten der Familie blühte. Dieser Garten bestand aus einem großen hölzernen Kasten, in dem Erbsen und andere Küchenkräuter wuchsen, aber auch ein kleiner Rosenstock duftete. Hier oben war das Kind Andersen in seiner schwarzumflorten Wiege, aus der es im Grunde sein ganzes Leben lang nicht hernuskommen sollte, dem Storch und den ©einigen, bedeutend näher als unten in der Schuhmacherstube, in der es nach Leder und Arbeit roch. Hier auf der Dachrinne, den Wolken und dem Mond benachbart, hörte der Knabe zuerst, wie der Storch seinen Jungen, die viel schneller heranwuchsen als das Menschenkind, Märchen vorklapperte, Märchen und Reisegeschichten, die der Vogel auf seinen Flügen nach dein Süden und nach den Menschen erlebt hatte, die noch viel brauner waren als die spanischen Soldaten, die sich eine Zeitlang auf der Insel Fünen herumtrieben. Diese Geschichten klangen dem Knaben noch weit schöner in der Erinnerung nach als Holbergs Komödien ober die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, die ihm, als er die Meisschensprache verstehen konnte, sein zärtlicher Vater aus alten dänischen Büchern vor- las. Ja, das Kind mußte noch mit Sehnsucht an diese fremdartigen Storchgeschichten zurückdenken, als der Vogel samt seiner Brut langst wieder fortgezogen war in seine heiße Heimat, und hier im Norden keine anderen Blumen mehr blühten als die Eisblumen an den dick zuoefrorenen Fensterscheiben. Die hatte dem Jungen dann sein eigener kränkelnder Vater erklären müssen. Denn der Storch sah jetzt auf einer wild duftenden Rosenhecke in Aegypten ober Kleinasien. Der arme Schuhmacher aber hatte hustend seinem Sohn die Frostgebilde an den Fenstern gezeigt und ihn besonders auf eine dieser Formen aufmerksam gemacht, die einer Jungfrau mit nusgebreiteten Armen ähnlich fah, und dazu bemerkt: „Die Eisjungfrau wird mich wohl bald holen." Und das ging nur zu schnell in Erfüllung. Der Vater starb früh. Die Mutter muhte zu fremden Leuten waschen gehen. Und der Kleine, blieb allein zu Haus. Nähte Puppenzeug und spielte Theater mit sich. Und als die junge Storchengesellschaft, die mit ihm geboren war, wieder einmal an dem Hause oorüberftog und ihren Altersgenossen sah, da klapperte sie ganz höhnisch: „Der Junge ist ja ein Mädchen geworden." Als der kleine Andersen dies vernahm, da wurde ihm ganz traurig zumute. Es war ja wahr. Er hatte em mimoseiizartes, überempfindliches und fast weibliches Gemüt, wie die Prinzessin auf der Erbse, dis durch zwanzig Matratzen und zwanzig Eiderdaunenkissen noch die harte Erbse auf dem Boden des Bettes merEte. Nie hatte er auch mit den anderen Knaben gespielt. Und in der Tuchfabrik, in der er kurze Zeit tätig gewesen war, hatten ihn die Gesellen wegen seiner hohen Sopranstimme verspottet. Nun wollte man einen Schneider aus ihm machen, weil er so gut Puppen- fleiber aus Lumpen zusammennähen konnte. Aber auch dies schien dem scheuen Knaben nicht sein wahrer Berus zu sein. Was wollte er nun werden, er, von dem die Leute noch nicht einmal mußten, ob er ein Knabe ober ein Mädchen war? In quälenden, sorgenvollen Gedanken war der Junge wieder einmal zu der Dachrinne emporgeklettert, wo er als Kind so oft gelegen hatte. Vielleicht, daß der Wind muhte, was aus ihm werden sollte? Er unterhielt sich jetzt häufig mit dem Wind, der ihm schon allerhand Geschichten von Waldemar Vaa lind seinen Töchtern zu erzählen anfing. Der junge Andersen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, der noch von Großmutters Tagen hier herumstehen mochte. Er streckte eine langen Beine vor sich und beschloß einzuschlummern, wie es der Wind anscheinend schon tat. Denn er schwieg, und es war ganz herbstlich still über den Dächern. Und siehe, es geschah, daß der alte Storch, der ihn ehemals über feinen weinerlichen Einzug in die Welt klappernd beruhigt hatte, wieder des Weges einherzog. Er kannte sogleich den kleinen Jungen von früher wieder, wiewohl er letzthin sich aufs neue in der Nähe von Kopenhagen zur Erweiterung seiner Wissenschaften aufqehalten und nur mit großen weltwichtigen Singen abgegeben hatte. Da er sah, wie die Wolken der Unentschlossenheit ihre Schatten auf die offene Stirn des Knaben warfen, klapperte er ihm schnell wieder etwas vor und tröstete ihn als alter Wahrsager: j „Du wirst ein großer Mann werben, mein Kind, und dies dein Heimatnest wird einst ein Freudenfeuer für dich abbrennen und dich zum Ehrenbürger ernennen. Und ganz Dänemark wird dich feiern. Und seine ersten Männer werden freundschaftlich mit dir stehen wie du mit dir selber. Und du wirst dem Theater dienen, bevor du die Dichtkunst freist, wie Jakob erst um Lea bienen mußte, ehe ihm Rahel zuteil würbe. Unb beine Stücke werden aufgesllhrt werben. Und selbst deine wenigen Feinde werden davon urteilen-es wäre beinahe ein Erfolg gewesen. Und du wirst die Welt bereisen wie ich. Und alle gebildeten Menschen werden deinen Namen nennen." Da mußte der Knabe laut lachen im Schlaf. Und er streckte träumend die Hand in die Höhe, als wollte er schon nach dem Lorbeer greifen. Der Vogel flog, durch die Bewegung erschreckt, von dannen in die blaue Luft, die über dem Kleinen Seit stand. Von dem Schwirren seiner Flügel aufgewacht, rief der junge Andersen ihm angstvoll nach: „Was soll ich nun werden? Sprich!" Und aus dem Himmel kam die Antwort: „Was du werden sollst: Den einen nichts, den andern viel: Ein Märchenerzähler, nur ein Dichter!" SonnenstTÄstt und Ws tTvitterung. Von vr. Friedrich Krüger. Unsere Sonne befmbet sich seit etwa Jahresfrist wieder einmal in einem Stadium der erhöhten Sonnenfleckentätigkeit. Wie bekannt, ist diese Fleckentätigkeit eine gesetzmäßig wiederkehrende Erscheinung. Im Zeitraum von etwa ll*/3 Jahren nehmen die Sonnenslecken allmählich zu und erreichen nach einer bestimmten Zeit ihr Maximum, um dann allmählich wieder fast ganz zu verschwinden. Gegenwärtig befindet sich unsere Sonne auf dem Weg zum Maximum, das in etwa zwei Jahren erreicht sein wird. Die neue Fleckenperiode wurde vor genau einem Jahr (im November 1925) durch das Auftauchen zweier großer Sonnenslecken eingeleitet, die im Januar und Februar (da die Sonne sich in etwa 28 Tagen einmal um ihre Achse bewegt) erneut gesichtet wurden. Im Sommer, im September und im Oktober dieses Jahres hat man wiederum gewaltige Sonnenfleckengruppen festgestellt, die so groß sind, daß fünfunddreißig Erdkugeln bequem darin Platz finden würden. Es handelt sich bei diesen Flecken um ungeheure Wirbelstürme, die eine außergewöhnliche elektromagnetische, Fernwirkung ausüben und nicht nur den Luftmantel der Erde beeinflussen, sondern auch empfindliche erdmagnetische Störungen herber- führen. Man weiß seit längerer Zeit, daß mit dem Auftreten großer Flecken auch die Zahl der Polarlichter zunimmt und daß Gewitter - 383 — Forscher selbst des öfteren gehört, daß die Fesselung das beste Mittel sei, den Toten am „Amgehen" zu hindern. Zum Teil mag auch Raummangel mit bestimmend gewesen sein, wenn man mehrere Tote in kleine Felsnischen oder -höhlen oder später in Dolmenkämmerchen, in Gang- und Steinkistengräbern unterbringen wollte. Der Locker ließ sich am leichtesten in kleine Räume hineinzwingen. Aeberall haben die Menschen, in der nun einmal bestehenden Uebereinstimmung des menschlichen Lirns und der dadurch bedingten gleichen Geistestätigkeit, dieselben Mittel mit kleinenAbweichungen angewandt, sich gegen die freigewordene und gefürchtete Seele zu schützen. Sollte man es glauben, daß diese uralten Gedankengänge sich in. abgeschwächtem Maße zwar, aber doch bis auf unsere Tage in kultr- vierten Gegenden erhalten haben? Im „Werdegang der Menschheit' von Klaatsch und Leilborn wird erzählt, daß 1798 eine Verfügung des Konsistoriums von Erfurt verbot, „von Verstorbenen Arme und Beine zu binden", damit sie nicht umgehen könnten. Ferner, daN es bis vor kurzem im Vogtlands Sitte gewesen sei, dem Toten die Lände mit einem Tuche zusannnenzuschnüren, „damit er nicht zurückkehre und bald jemanden hole". Dann wird von einer Mitteilung A. Mollers berichtet, daß inan noch im Jahre 1901 einem bei Jena erfroren aufgefundenen Landstreicher Arme und Beine mit Strohseilen zusammengeschnürt habe mit der ausdrücklichen Begründung: „Dir wollen wir das Amherstrolchen unmöglich machen!" Auf der anderen Seite erinnere ich mich an den Gebrauch in meiner Leimat, im Sterbezimmer sofort alle Fenster zu öffnen, wie mir eine alte Frau sagte: „Damit die Seele herauskann!" Dieselbe erklärte mir in der Kinderzert auch die Sitte, denr Toten drei Lände voll Erde ins Grab nachzuwerfen mit den Worten: „Damit er Ruhe im Grabe habe!" Da war die Furcht vor dem „Umgehen" des Verstorbenen mehr in das Pietät- volle umgebogen werde. Das Erdenachwerfen ist ^sicher auch nut hervorgegangen aus dem Anhäufen von Erde und Steinen auf den Toten, wie es schon in der Altsteinzeit geübt wurde. Ebenso unsere Grabsteine, die das ganze Grab bedeckten. Bei den Urmenschen war es besonders der Kopf, als Sitz des Geistes, der bedeckt wurde, oder, wie im Doppelgrab der Kindergrotten von Mentone in Südfrankreich mit ausgestellten Steinen gestützt wurde. Lier lagen eine alte Frau und ein Jüngling nebeneinander als Locker, und ihre Köpfe waren überdeckt von. einer Steinplatte, welche auf zwei stehenden Steinen ruhte Die Ausführung der Fesselung, welche zwar mit kleinen, technischen Unterschieden vorgenommen wird, sich aber im großen und ganzen auf derselben Linie bewegt, ist wohl meist sofort nach dem Tode geschehen, als die Glieder noch ihre Beweglichkeit besaßen. Be> manchen Wildvölkern wartete man jedoch, wie von Forschern erzählt wird, nicht den Eintritt des Todes ab, sondern nimmt die entsetzliche Blaß- regel schon am Sterbenden vor. Man dürfte wohl kaum fehlgehen, wenn man dasselbe auch vom Urmenschen annimmt. Bei anderen Lockern, wo schon die Totenstarre eingetreten war, hat man mit Gewalt die Glieder gebrochen und in die Lockerstellung gezwängt. In Japan soll die Leichenstarre zu gleichem Zweck durch em Pulver "^Die ersten Lockergräber mögen nur flache Aushöhlungen im Erdboden gewesen sein, mit Steinen gedeckt. In gebirgigen Landern beriutzte man Felshöhlen oder den Raum unter Schutzdächern von Fels. In der jüngeren Steinzeit preßte man sie m den kleinen Jnnen- ranm der Grabdolmen, welche aus3—6 Tragstemwund emem Deckstein bestanden, und Brandspuren in diesem Kämmerchen lassen vermuten,, daß vor jeder neuen Beisetzung durch Feuer Platz geschaffen worden ist. Vielleicht haben auch andere Gründe dabei mitgesprelt, z. B. wenn die Verwesung noch nicht vollständig war, oder rituale Gebräuche haben bei der Verbrennung mitgewirkt. Die Dolmen wurden durch Erweiterung allmählich zu Ganggräbern mit einzelnen Kammer, in denen die Leiche» beigesetzt wurden, »der man beerdigte diese mStem- kistenqräbern. In beiden wurden sowohl Locker als langgestreckte Leichen beigesetzt. Diese Steinkisten wurden nach und nach verkleinert, und dienten zur Aufnahme von Arsen, in welche man die Leichen in 8,'Ä’O Ä »»ww «« des Homo Aurisnacensis Hauseri waren offenbar wenigstens die Füße gefesselt gewesen, wie sich aus der Lage der Skeletteile ergab. Altpaläelithische Locker sind auch das weibliche Skelett von der Langerie Basse, aus der Kulturstufe des Nagckalenien, und das von T a Ferrassie ebenfalls der französischen Provinz der Oordogne angehörig. Seit jener fernen Arzeit haben sich die Lockerbestattungen weiter verbreitet, man findet sie ebenso gut in Amerika und Afrna Vorstellung von einem Fortleben nach demTode schließen.lassen^, tn den älteren Zeiten vielleicht in „besseren Jagdgründen , wrebei den Indianern. Wegzehrung in Gestalt von gebratenem Fleisch, von dem noch die Knochen erzählen, hat man den ersten mitgegeben, die schönsten Waffen, die besten Werkzeuge, späterhin auch Hausgerät und Schmucksachen. Von dem Kranz von durchbohrten Schneckenhäusern an, der um den Lals des Am-lgnacmannes gelegen hat bis zur feinen Lalsspange der neolithischen Frau und anderen kostbaren Gegenständen ist ein gerader Aufstieg »» benwrken Jedenfalls deuten diese Grabbeigaben auf etwas wre eine! Gefuhlssphare hm, auck auf eine religiöse, die sich im Laufe der Zeit mehr und mehr entwickelt und vergeistigt und endlich zu den pietätvollen Bräuchen geführt hat, mit welcher wir heute unsere Toten betreuen. HoÄrergrLiber der Steinzeit. Von E. Seeger. Anter dem weit ausladenden Schutzdach des hohen Kalkfelsens, wo die uralte Lorde Obdach gefuiiden, herrscht Bestürzung, Grauen rmd Furcht: ihr Führer, dem der Löhlenbär mit bösen Tatzenschlagen die Schulter aufriß, liegt plötzlich, nach tagelangem Toben im Wundsieber, unbeweglich, kalt und stumm vor ihnen! Schläft er? Sie warteri und warten, ob er erwache, aber er bleibt steif und still, seine Augen starren geradeaus, aber keinen blicken sie mehr an! And allmählich beginnt der Körper sich zu verfärben. Es ist etwas anderes als der Schlaf! Was aber? Etwas fehlt, ein rätselhaftes Etwas, Das vorher da war und nun entschwunden ist. Vielleicht kehrt es doch noch wieder.... guült, belästigt die Lorde, wie es der Lebende oft genug getan hat! Jedenfalls ist cs etwas, wogegen man sich schützen muß! ____ Und so holen diese primitiven Menschen Riemen und -Lierhaut aus der Löhle, mit denen sie sonst die Felle der erlegten Tiere um ihren Körper befestigen, und beginnen, den Toten zu fesseln. Liber seine Gliedmaßen sind längst erstarrt. Sie brechen sie, daß die Gelenke krachen und schnüren sie dicht an den Körper heran, so daß das Kinn auf den Knieen lagert und eine Figur in Lockerstellung entsteht. Sie kratzen die Erde weg, legen den Toten in die flache Löhlung und schleppen schwere Steine herbei, die sie aufihn wälzen—in der Nähe ihrer Löhle aber, und den Kopf des Toten dem Löhleneingang zugewandt, damit sie ihn stets unter Aufsicht haben. Erleichtert atmen sie auf in dein Gefühl, daß er ihnen nicht mehr schaden, nicht mehr zurückkommen, und, wie wir jetzt sagen, „umgehen" kann! And sie wenden sich wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, zu. Diese Furcht vor dem Tode und den Toten, vor dem unerklärlichen Vorgang des Ablebens, hat die ganze Erde, überall wo Menschen «oebnen, zu Kockerbestattungen geführt und tut es bei einzelnen Maturvölkern noch. Beängstigende Träume, welche diese unkomplizierten Gehirne nicht von der Wirklichkeit zu unterscheiden vermochten, schufen Verwirrung und Furchtvorstellungen. Schlug einem von ihnen ein stürzender Ast oder Stein gegen den Kopf und verursachte eine Ohnmacht, so kehrte doch nach einiger Zeit das Bewußtsein wieder, und alles war tvie sonst! In dein Menschen mußte sich also etwas befinden, was beim Tode heraustrat. In der Altsteinzeit mochte mehr die Vorstellung herrschen, daß der Körper selbst wieder auferstehen und umgehen könne. Langsam erst !vird sich der Begriff des Geistes im Körper gebildet haben, der am Entweichen und damit am „Amgehen" und Anfugtreiben gehindert werden sollte. Daher würben auch vielfach, wie noch heute bei wilden Stämmen, alle Körperöffnungen sorgfältig verstopft, ehe man zur Fesselung und Amschnürung schritt. Wahrscheinlich laufen dabei mehrere Vorstellungsreihen neben- und durcheinander her. Von Wilden haben die in vermehrtem Maße auftreten, weil die höchsten Wolkenschichten im Lustmantel der Erde, die Cirruswolken, von den ultravioletten Strahlen der Sonne elektrisch geladen werden. Diese Cirrus- tootten, deren Läufigkeit mit derjenigen der Sonnenflecken parallel läuft, sind aber, wie neuerdings festgestellt wurde, die Voraussetzung dafür, daß sich überhaupt ein Gewitter entladen kann. . Nicht nur die zahlreichen wundervollen Polarlichter, die während des letzten Winters und sogar noch imMärz wahrgenormnenwerden konnten, sondern auch der Gewitterreichtum dieses Sommers darf mit aller Bestimmheit als eine Auswirkung der erhöhten Sonnenfleckentätigkeit bezeichnet werden. Wir haben einen verregneten Sommer hinter uns und werden, da die Fleüenblldung bis 1928 eine wachsende Tendenz zeigt und dann noch etwa zwei Weitere Jahre äußerst spürbar bleiben wird, noch bis zum Jahr 1930 mit regenreichen Sommern zu rechnen haben. Diese Auffassung Wird auch von mehreren hervorragenden amerikanischen Gelehrten geteilt, von denen, wie berichtet wird, einige auf Grund von langjährigen Beobachtungen der Sonnenfleckenperioden eine umwälzende Aenderung in den Wärmeverhältnissen der Erde vorausberechnet haben. Die Erzählungen von der bevorstehenden LAreder- kehr einer Eizseit sind selbstverständlich ins Reich der Fabel zu verweisen, da derartige Vereisungsperioden sich in Zeiträumen, die sich über viele Jahrtausende erstrecken, vorher ankündlgem Wohl aber sind, wenn unsere Lufthülle jahrelang außerordentlichen kosmischen Einflüssen ausgesetzt bleibt, Klimaschwankungen und -Veränderungen eine selbstverständliche und naturnotwendige Folge, und mit dieser Tatsache haben wir uns, wenigstens für einige Jahre, abzufinden, bis die Sonnenfleckentätigkeit wieder dasMimmum erreicht. Daß die elektro-magnetischen Fernwirkungen der Sonnenflecken häufig auch Störungen im Telegraphenbetrieb herbeiführen, ist eine längst bekannte Tatsache; neu, wenn auch nicht überraschend, ist dagegen die Erfahrung, daß auch Rundfunkübertragungen auf große Entfernungen durch Sonnenfleckenwirkung empfindlich gestört werden können. Beobachtungen biefer Art würben in Nordamerika am 26. Januar v. I., unb am 9. März b. I. gemacht, als große Flecken in ber Mitte ber Sonnenscheibe austauchten. Die verschiebenen Fachzeitschriften für Rundfunk haben übrigens schon gelegentlich auf biefe eigenartigen Zufammenhänge zwischen Sonnenflecken unb Rabiostörungen aufmerksam gemacht. Genauere Beobachtungen gerabe biefer Störungen können dazu beitragen, die kosmischen Wirkungen ber Fleckentätigkeit genauer zu erkennen, da nur im Zusammenwirken aller Kreise das seltsame Phänomen ber Sonnenflecken in seinem Wesen unb seiner Auswirkung ganz erfaßt unb gebeutet werben kann. 384 — schönste wählen. (Schluß folgt.) Deraniwottlich: Dr. Hans Lhhrivt. — Druck der Brühl'jchen Aniversttäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Die LegenÄe von der Christrose. Von Selma Lagerlöf. (Fortsetzung.) Es lvar ein langer und beschwerlicher Ritt. Sie schnitte nauf steilen und schlüpfrigen Seitenpfaden den Weg ab und zogen über Moor und Sumpf, drangen durch Windbrüche imd Dickicht. Gerade als der Tag zur Neige ging, führte der Räuberjunge sie über eine Waldwiese, die von hohen Bäumen umgeben war, von nackten Laubbäumen und von grünen Nadelbäumen. Sinter der Wiese erhob sich eine Felswand, und in der Felswand sahen sie eine Tur, aus rohen Planken. Nun merkte Abt Johannes, daß sie am Ziel waren und stieg von, Pferde. Das Kind öffnete ihm die schwere Tür und er sab in eine ärmliche Berggrotte mit nackten Steinwänden. Die Räubermutter saß an einem Blockfeuer, das mitten auf dem Boden brannte, an den Wänden standen Lagerstätten aus Tannen- reisig und Moos, und auf einer von ihnen lag der Näubervater und schlief. — „Kommt herein, ihr dort draußen!" rief die Räuber- mutter, ohne aufzustehen. „And nehmt die Pferde mit, damit sie nicht draußen in der Nachtkälte zugrunde gehen!" Abt Zobannes trat nun kühnlich in die Grotte, und der Laienbruder folgte ihm. Da sah es gar ärmlich und dürftig aus, und nichts war geschehen, um das Weihnachtsfest zu feiern. Die Räubermutter hatte weder gebraut, noch gebacken, sie hatte weder gefegt noch gescheuert. Ihre Kinder lagen auf der Erde rings um einen Kessel, aus dem sie aßen; aber darin war nichts Besseres als dünne Wassergrühe. Doch die Räubermutter war ebenso stolz und selbstbewupt tote nur irgendeine wohlbestallte Bauersfrau. — „Setze dich nun hter ans Feuer, Abt Johannes, und wärme dich," sagte sie, „und wenn du Wegzebrung mitgebracht hast, so iß, denn was wir hier im Walde kochen, wird dir wohl nicht, munden. Lind wenn du vom Ritt müde bist, kannst du dich auf eine dieser Lagerstätten ausstrecken und ruhen. Du brauchst keine Angst zu haben, daß du dich verschlafen könntest. Ich sitze hier am Feuer und wache, und will dich schon wecken, damit du zu sehen bekommst, wonach du ausgeritten bist." Abt Johannes gehorchte der Räubermutter in allen Stucken und nahm seinen Schnappsack hervor. Aber er war nach dem Ritt so müde, daß er kaum zu essen vermochte; und sowie er sich auf dem Lager ausqestreckt hatte, schlummerte er ein. Dem Laienbruder ivard auch eine Ruhestatt angewtesen, aber er wagte nicht zu schlafen, weil er ein wachsames Auge aufden Räuber. Vater haben wollte, damit dieser nicht etwa aufstünde und Abt Johannes fesselte. Allmählich jedoch erlangte die Müdigkeit auch über ihn solche Gewalt, daß er einschlummerte. Als er erwachte, sah er, daß Abt Johannes fein Lager verlassen hatte und jetzt am Feuer saß und mit der Räubermutter Zwiesprache pflog. Der Räubervater saß daneben. Er war ein hochaufgeschossener magerer Mann und sah schwerfällig und trübsinnig aus. Er kehrte Abt Johannes den Rücken, und es sah aus, als wollte er nicht zeigen, daß er dem Gespräch zuhörte. Abt Johannes erzählte der Raubermutter von allen den Weih- nachtszurüstungen, die er unterwegs gesehen hatte, und er erinnerte sie an die Weihnachtsfeste und die fröhlichen Wethuachtssptele, die wohl auch sie in ihrer Jugend mitgemacht hätte, als sie noch in - Frieden unter den Menschen lebte. „Es ist ein Jammer, daß eure Kinder nie verkleidet auf der Dors- straße umhertollen oder im Weihnachtsstroh spiele!,'dürfen," sagte Abt Johannes. Die R-üibermutter hatte ihm zuerst kurz und barsch geantwortet, aber so allmählich wurde sie kleinlauter und latischte eifrig. Plötzlich wenbcte ;iw der Räubervater gegen Abt Johannes und hielt ihn» die geballte Faust vors Gesicht. — „Du elender Mensch, bist du hierhergekoinmen, nm Weib und Kinder von mir fortzulocken? Weißt du nicht, daß ich ein friedloser Mann bin und diesen Wald nicht verlassen darf?" , Abt Johannes sah ihm unerschrocken gerade in die Augen. — „Mein Wille ist es, dir einen Freibrief vom Erzbischof zu verschaffen/ sagte er. Kaum hatte er dies gesagt, als der Räubervater und die Räubernrntter ein schallendes Gelächter aufschlugen. Sie wußten nur zu wohl, welche Gnade ein Waldräuber vom Bischof Absalon zu erwarten hatte. — „Ja, wenn ich einen Freibrief von Absalon bekomme," sagte der Räubervater, „dann gelobe ich dir, nie mehr auch nur soviel wie eine Gans zu stehlen." Den Gärtnergehilfen verdroß es sehr, daß das Rauberpack stch vermaß, Abt Johannes auszulachen; aber dieser selbst schien es ganz zufrieden zu fein. Der Knecht hatte ihn kaum je friedvoller und milder unter seinen Mönchen auf Oeved sitzen sehen, als er ihii jetzt unter den wilden Räuberläuten sah. Aber plötzlich sprang die Räubermutter auf. „Du sitzest hier und plauderst, Abt Johannes," sagte sie, „und wir vergessen ganz, nach dem Walde zu sehen. Jetzt höre ich bis in unsere Sohle, wie die Weihnachtsglocken läuten." Kaum ivar dies gesagt, als alle aufsprangen und hinausliefen; aber im Walde wat noch dunkle Nacht und grimmiger Winter. Das einzige, was man vernahm, war ferner Glockenklang, der von einem leisen Südwind hergetragen wurde. Wie soll dieser Glockenklang den toten Wald wecken können? dachte Äbt Johannes. Denn jetzt, wo er mitten im Waldesdunkel stand, schien es ihm viel unmöglicher als früher, daß hier ein Lustgarten erstehen könnte. Aber als die Glocke ein paar Augenblicke geläutet hatte, zuckte plötzlich ein Lichtstrahl durch den Wald. Gleich darauf wurde es ebenso dunkel wie zuvor, aber dann kam das Licht wieder. Es kämpfte sich wie ein leuchtender Nebel zwischen den dunkeln Bäumen durch, And soviel vermochte es, daß die Dunkelheit in schwache Morgendämmerung überging. Da sah Abt Johannes, wie der Schnee vom Boden verschwand, als hätte jemand einen Teppich fortgezogen; und die Erde begann zu grünen. Das Farnkraut streckte seine Triebe hervor, eingerollt wie Bischofstäbe. Die Erika, die auf der Steinhalde wuchs, und der Porfch, der im Moor wurzelte, kleideten sich rasch in frisches Grün. Die Mooshügelcheu schwollen und hoben sich, und die Frühlingsblumen schossen mit schwellenden Knospen auf, die schon einen Schimmer von Farbe hatten. Abt Johannes klopfte das Lerz heftig, als er die ersten Zeichen sah, daß der Wald erwachen wollte. — Soll nun ich alter Mann ein solches Wunder schauen! dachte er. And die Tränen wollten ihm in die Augen treten. Nun wurde es wieder so dämmerig, daß er fürchtete, die nächtliche Finsternis könnte aufs neue Macht erlangen. Aber sogleich kam eine neue Lichtwelle hereingebrochen. Die brachte das Murmeln von Bächlein und das Rauschen der eisbefreiten Bergströme mit. Da schlugen die Blätter der Laubbäume so rasch aus, als wären grüne Schmetterlinge herangeflattert und hätten sich auf den Zweigen niedergelassen. And nicht nur die Bäume und Pflanzen erwachten. Die Kreuzschnäbel begannen über die Zweige zu Hüpfen. Die <Ä>echte hämmerten an die Stämme, daß die Lolzsplitter nur so flogen. Ein Zug Stare, der das Land hinanflog, ließ sich in einem Tanuen- wipfel nieder, um zu ruhen. Es waren prächtige Stare. Die Spitze jedes kleinen Federchens leuchtete glänzend rot, und wenn die Vögel sich bewegten, glitzerten-sie Wie Edelsteine. Wieder wurde es für ein Weilchen still, aber bald begann es von neuem. Ein starker, warmer Südwind blies und säte über die Wald- wiese alle die Samen aus südlichen Ländern, die von Vögeln und Schiffen und Winden in das Land gebracht worden waren und auf seinem kargen Boden nirgend anders blühen konnten; und sie schlugen Wurzel und schossen Triebe in demselben Augenblick, da sie den Boden berührten. Als die nächste Welle kam, fingen Blaubeeren und Preiselbeeren zu blühen an. Wildgänse und Kraniche riefen hoch oben in der Lust, die Buchfinken bauten ihr Nest, und die Eichhörnchen begannen in den Baumzweigen zu spielen. Alles ging nun so rasch, daß Abt Johannes gar nicht Zeit hatte, zu überlegen, welches Wunder gerade geschah. Er hatte nur Zeit, Augen und Ohren weit aufzumachen. Die nächste Welle, die heran- gebrauft kam, brachte den Duft frischgepflügter Felder. Aus weiter Ferne hörte man, wie die Wirtinnen die Kühe lockten, und wie die Glöckchen der Lämmer klingelten. Tannen und Fichten bekleideten sich so dicht mit kleinen roten Zapfen, daß die Bäume wie Seide leuchteten. Der Wacholder trug Beeren, die jeden Augenblick die Farbe wechselten. And die Waldblumen bedeckten den Boden, daß er ganz weiß und blau und gelb war. Abt Johannes beugte sich zur Erde und brach eine Erdbeer- blüte. And während er sich aufrichtete, reifte die Beere. Die Füchsin kam ans ihrer Löhle mit einer großen Schar von schwarzbeinigen Jungen hinter sich her. Sie ging auf die Räubermutter zu und rieb sich an ihrem Rock, und die Ränbermutter beugte sich zu ihr hinunter und lobte ihre Jungen. Der Ahu, der eben feine nächtige Jagd begonnen hatte, kehrte wieder nach Lause zurück, ganz erstaunt über das Licht, suchte seine Schlucht auf und legte sich schlafen. Der Kuckuck rief, und das Kuckucksweibchen umkreiste mit einem Ei im Schnabel die Nester der Singvögel. , . Die Kinder der Räubermutter stießen zwitschernde Freudenschreie aus. Sie aßen sich an den Waldbeeren satt, die groß wie Tannenzapfen air den Sträuchern hingen. Eines von ihnen spielte mit einer Schar junger Lasen, ein anderes lief mit den jungen Krähen um die Wette, die aus dem Nest gehüpft waren, ehe sie nach flügge waren, das dritte hob die Natter vom Baden und wickelte sie sich um Lais und Arm. Der Räubervater stand draußen auf dem Moor und aß Brombeeren. Als er aufsah, ging ein großes schwarzes Tier neben ihm einher. Da brach der Räubervater einen Weidenzweig und schlug dem Bären aus die Schnauze. „Bleib' du, wo du hingehörst, sagte er, „das ist mein Platz." Da machte der Bär kehrt und trabte nach seiner Seite fort. Immer wieder kamen neue Wellen von Warme und Licht, und jetzt brachten sie Ente>,geschnatter vom Waldmoor her. Gelber Blütenstaub von den Feldern schwebte in der Luft. Schmetterlinge kamen so groß, daß sie wie fliegende Lilien aussahen. Das Nest der Bienen in einer hohlen Eiche war schon so voll von Lonig, daß er am Stamm hinunterttopfte. Jetzt begannen auch die Blumen sich zu entfalten, deren Samen aus fremden Ländern gekommen waren. Die Rosenbüsche kletterten um die Wette mit den Brom- beeren die Felswand hinan, und oben auf der Waldwiese sproßten Blumen, so groß wie ein Menschengesicht. Abt Johannes dachte an die Blume, die er für Bischof Absalon pflücken wollte, aber eine Blume wuchs herrlicher heran als die andere, und er wollte die aller-