Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en ZV. Oktober Nummer 87 BergänglichKett. Von Hermann Hesse. Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt. Auch Raabe schreibt wundervoll deutliche Buchstaben, und er plaudert so behaglich, daß man ihn vor sich zu sehen glaubt, wie er im abgenutzten grauen Schlafrock vor dem ebenso abgenutzten kleinen Schreibtisch sitzt und liebenswürdig schalkhaft unter buschigen Brauen hervorlugt . . . 0 taumelbunte Welt, Wie machst du satt, Wie macht du satt und müd, Wie machst du trunken! Was heut noch glüht, Ist bald versunken. Bald klirrt der Wind lieber mein braunes Grab, lieber das klein« Kind Beugt sich die Mutter herab. Ihre Augen will ich Wiedersehn, Ihr Blick ist mein Stern, Alles andre mag gehn und verwehn. Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt. Von der wir kamen, Ihr spielender Finger schreibt In die flüchtige Luft unsere Namen. Aus meiner Autographenmappe. Bon Elisabeth B e h a g h e l, Gießen. „Folgende Blätter streue ich ins Publikum mit der Hoffnung, daß sie die Menschen finden werden, denen sie Freude machen können." (Goethe.) Ein freundliches Geleitwort auch für die Blätter, die ich hier anzubieten habe. Sie entstammen der Mappe meiner unveröffentlichten Handschriften, die in der Tat reichlich Stoff und Ausbeute gewährt an dem „was Menschen Freude machen kann"! Briefe, Aufsätze, Aphorismen — auch wo der Inhalt etwas karg erscheinen möchte, sind diese Aeuherungen interessant als höchst lebendige Vermittler der Eigenart des Schreibenden. So bedarf es keiner mühsamen Sichtung, keiner ängstlichen Wahl; ich brauche nur zu ergreifen, was mir gerade ins Auge fällt. Ins Auge fällt? Das ist am Ende eine voreilige Behauptung. Die Fähigkeit des Auges ist beschränkt, und selbst eine Autographen- sammlung gewährt keine ungemischte Freude . . . Zuerst freilich glaubt man das nicht. Da erscheint dem Sammler sein Besitz als ein Zauberschloß, wo er im vertraulich-gesprächigen Kreis erlesener Geister Hausen und sich immer von neuem an ihrer Gegenwart erquicken möchte. Aber sobald er sich anschickt, das Schloß zu beziehen, erlebt er märchenhafte Hemmungen; er rückt nicht von der Stelle: hinter jeder Türe lauert ein Drache und verlegt ihm den Weg. „Schlechtschrift" heißt das Untier, und vor seine Bewältigung haben die Götter den Schweiß gesetzt. D über die pattes de mouche, die Krähen- und Flohfühe der Berühmten! Frauen machen da keine Ausnahme. Ich besitze einen Briefumschlag, der vor Zeiten die Bitte um ein Lichtbild George Eliots einschloß. Die Antwort steht auf der Klappe: ein paar unangenehm aussehende Hieroglyphen, die sich nach langen Rätseln und Deuten in die Worte auslösen: no photo in existence. . Aber wenn man im wüsten Geschlinge und Gestrüpp auf einen gebahnten Pfad stößt, auf «ine schöne, leserliche Handschrift! . . . Auch das kommt vor, wie sich gleich zeigen wird. Die Briefe, die hier vorgelegt werden, stammen größtenteils von Dichtern; ein Geschichtsschreiber, ein berühmter Schauspieler ist auch dabei. Sie sprechen zumal von ihrem Handwerk, ihren Schriften, vom dichterischen Vortrag, von deutscher Sprache, lauter Dinge, in denen gerade sie vor anderen zuständig sind. So geben die Briefe nicht nur ein Bild ihrer Persönlichkeit, einen Beitrag zur Lebensgeschichte, sondern auch ein Stück Poetik, ein Stück Aesthetik. Wir beginnen mit Ernst v. Possarf. Der glänzende Schauspieler und Deklamator schreibt wie gestochen: München, 6. Februar 1905. Sehr geehrter Herr Professor! Sie stellen die Frage an mich, ob in der Praxis bestimmte Erfahrungen darüber vorliegen, daß Schillerschen dramatischen Versen im allgemeinen ein anderes Tempo zukommt als Goethefchen. Meine Meinung geht dahin, daß sich das Tempo der gesprochenen Verse ausschließlich nach dem mehr oder minder lebhaften Gang der Handlung richtet, gleichviel, wer der Autor des Dramas ist. Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich Ihr sehr ergebener Ernst von Possart. Braunschweig, 18. Januar 1910. Sehr geehrter Herr Geheimrat! Meine Eltern waren in einer Leihbibliothek abonniert und ich habe mit ihnen gelesen vom zehnten Jahre an — alles! Den famosen Alexandre Dumas, die Geheimnisse von Paris, den ewigen Juden usw. usw. Dicksens natürlich auch, den aber erst viel später gewürdigt; doch war mir längst vorher Thackeray als der größere Menschenkenner und Künstler erschienen. Des Spaßes wegen teile ich Ihnen aber mit, daß ich eben jetzt, im 79. Lebensjahr, mit dem größten Behagen den Grafen von Monte Christo lese. Die alten Herren konnten noch erzählen! Mit der vorzüglichsten Hochachtung ganz ergebenft Will). Raabe. Paul H e y s e s Handschrift ist klar und formenschön, wie sein Stil. Es ist sicher von Wert, ihn über die Frage der Gründung eines Reichsamts für deutsche Sprache und Literatur urteilen zu hören: Haben Sie Dank, sehr geehrter Herr, für die freundliche Zusendung Ihres Festvortrags, aus dem ich mit Genugtuung ersehen habe, daß ich mit in betreff der Gründung einer Akademie für deutsche Sprache und Literatur nach dem Muster der Französischen mit Ihnen in vollem Einklang befinde. Doch auch mit dem Gedanken eines „Reichsamts" kann ich mich nicht befreunden. Nicht, als ob iches nicht ebenfalls wünschenswert fände, daß den Forschern auf diesem Gebiet reichere Mittel zu Gebot ständen, ihre Studien ersprießlich zu betreiben. Nur scheint es mir ebenso bedenklich als aussichtslos, die Hülfe des Reichs dazu in Anspruch zu nehmen, während ja die schon bestehenden Akademien bei großen literarischen Unternehmungen ihre Hilfe nicht zu versagen pflegen. Dasselbe könnte von feiten anderer gelehrter Körperschaften geschehen, deren Studien sich über ein so ausgedehntes Gebiet erstrecken, daß nur das einmütig organisierte Zusammenarbeiten die Aufgabe zu bewältigen niermöchte. Wir würden eben Reichsämter für deutsche Kulturgeschichte, Rechtsaltertümer, Denkmälerkundc usw. erhalten müssen, wenn keine Wissenschaft vernachlässigt werden sollte. Daß dazu keine Aussicht ist, darf kaum beklagt werden. Insbesondere die Sprachwissenschaft ist in unserem Vaterlande seit langer Zeit mit so hingebender Liebe von Privaten gepflegt worden, und das Lieblingsfeld so vieler Forscher geblieben, daß auch ohne Eingreifen von oben fein Nachlassen dieser Bestrebungen zu fürchten ist. Eine Wirkung auf die lebendige Sprache und ihre Fortbildung vollends würde von einer obersten Instanz, wie man sie in einem Reichsamt erblicken müßte, überhaupt wohl nicht zu erwarten sein. Ein Schriftsteller, der sich in Zweifelsfällen über das, was erlaubt und verpönt wär«, unterrichteten möchte, findet in unserem Wustmann genügend Auskunft, und gegen eine Reglementierung des Sprachgebrauchs, wie sie der französischen Akademie als wünschenswert vorschwebt, sträubt sich der Genius unserer Nation auss entschiedenste. Wohin dergleichen Gesetzmacherei auf dem Verordnungswege sührt, haben wir bei dem unglücklichen Bemühen, dem orthographischen Usus Gewalt anzutun, nur allzu kläglich erleben müssen. Mit der Versicherung aufrichtiger Hochachtung grüßt Sie Ihr sehr ergebener Paul Heyse. Gardone, 12. Januar 1914. Heinrich v. Treitschkes Brief zeigt eine ungleichmäßige, nicht ♦ besonders eindrucksvolle Schrift, die nichts von dem leidenschaftlich-'N Wesen des Mannes verrät. Auffallend ist, daß er in feine deutsche Schrift nicht selten lateinische Anfangsbuchstaben emmischt. . . Noch eine Mitteilung, aber ganz im Vertrauen. Ich bm so kühn oder, wenn Sie lieber wollen, so frech gewesen, die Geschichte des deutschen Bundes und der Kleinstaaten von 1815 bis 1848 für Hirzel zu übernehmen. Ein scheußlicher Stofs, und natürlich eine Arbeit für mehrere Jahre, aber wenn es gelingt, kann es doch etwas nützen; denn gar zu groß ist die Fähigkeit der Menschen, das Unvergeßliche zu vergessen. Von den Vielen, welche für die Arbeit mehr geeignet wären als ich, sind die einen durch Berhaltmsse gehindert, den andern fehlt das bißchen Mut, füfnnddreißig Raubkabinetl« auf einmal zu beleidigen. Für mich bildet, ehrlich gesagt, das Wagnis den Hauptreiz der Sache. Zu Ostern werd ich auf em bis-zwei Semester von hier fortgehen (da unsere Bibliotheken nichts bieten) — Treitschke. vielleMt zuerst nach München. Ich erzähle es ganz im Vertrauen, Hirzel betreibt solche Dinge sehr geheimnisvoll. Leben Sie wohl! Ihr ergebenster ... 27. Dez. 1860. Nun kommen drei Ludwigsburger Kinder, ungefähr aus dem gleichen Milieu hervorgegangen und gut bekannt untereinander, S t r a u h, B i s ch e r und M ö r i k e. „Auch Einer", dessen Schrift so klar ist, rote sein Denken: Lebe in der Gattung, im Element ihrer großen Tätigkeit, und Du bist unsterblich, denn die Gattung stirbt nicht. 13. Oktober 1879. Fr. Vischer. David Strauß, der Wann des „Lebens Jesu": . Meine Schuld gegen die (Preußischen) Jahrbücher drückt mich und soll, sobald mir die Götter eine kleine Arbeit gelingen lassen, abgetragen werden. Wäre Ihnen eine Abhandlung über resp. g e g en d i e A b s ch a s s u n g d e r T o d e s st r a f e nach dem Sinn? Mit freundlicher Begrüßung Ihr ergebener Dr. David Strauß. Bad Homburg, 9. Juli 1864. Mörikes Märchenspiel „Die Regenbrüder" war vollendet worden nach langer, durch allerlei Ungemach herbeigesührten Verzögerung; der Stuttgarter Kapellmeister Ignaz Lachner hatte es als Oper komponiert. Ein Schreiben, das von dieser und anderen musikalischen Sachen handelt, hat Mörike an den Mathematiker und Komponisten Friedrich Kaufsmann gerichtet. Der von Mörike erwähnte (Stuttgarter Hof- und Leibarzt) Hardegg und Hartlaub, Pfarrer von Wennutshausen, sind vertraute Gefährten aus jungfrohen Ludwigsburger Tagen — Hartlaub, der Mörikes Eigenheiten in zartester Weise schonte, von dem Dichter ganz besonders geschätzt und geliebt. Im Wermutshäuser Pfarrhaus wurde sehr viel und gut musiziert; Mörike hat uns eine poetisch verklärte Schilderung des Freundes am Klavier gegeben in seinem „An Wilhelm Hartlaub" überschriebenen Gedicht. Emilie 3 u m ft e e g schließlich, selber komponierend, ist eine Tochter des Balladenkomponisten und Freundes von Schiller, I. R. Zumsteeeg. Mörike schreibt: Mein lieber Freund, daß ich nach solcher langen Zeit einmal wieder einen Buchstaben von Deiner Hand zu sehen bekam, und noch früher, daß Du wieder unter den ordentlichen Menschenkindern wandelst, hat mich nicht wenig gefreut! Wenn ich dazu noch erst Dich selbst in diesen Tagen hätte haben sollen! Ich kann Dir sagen, daß mich tausendmal, in guter wie in böser Zeit, dieses Verlangen lebhaft überfiel. Aber die Regenbrüder sind gespielt und ich habe sie nicht gehört. Cs war auch gar nicht möglich. Dienstag, den 14. Februar, erhielt ich Deinen Brief, der mir die Aufführung auf den 17. Februar anfagte; einige Tage früher hsttte ich auf keinen Fall abkommen können; allein am Donnerstag erfuhr ich zeitig, es feien im Merkur zwei andere Stücke auf Freitag angezeigt, und gestern las ich in der Zeitung, daß man die Oper am zwanzigsten gab. Sei doch so gut, Herrn Lachner dieses mitzuteilen, und schreib mir wie die Sache abgegnngen, ich bin sehr begierig. Die herzliche Liebe, mit welcher Du Dich, wie Deine Kompositionen zeigen, meiner Gedichte annahmst, hat mir höchst wohl getan. .Leider kenne ich bis jetzt die wenigsten. In Wermutshausen aber, bei Hartlaub, dem ich zwei Hefte geschenkt und der noch kürzlich, wie er mir voll Vergnügen ankündigt, sechs oder sieben Lieder von Dir erhielt, werd' ich sie "diesen Monat noch alle in schönster Ruhe hören. Durch Hardegg kenn' ich ein Mignonlied von Goethe, welches ich zu dem vortrefflichsten zähle, was Du gemacht hast, lieber alles Sagen lieblich ist die Soldatenbraut. Die Melodie ist mir aufs erstemal beinahe ganz im Gedächtnis geblieben. Emilie Zumsteeg, die mir das Stück hat singen müssen, trug es mir zu großartig und leidenschaftlich vor, wodurch es an Volksmäßigkeit verlor. Deine Melodien haben durchaus etwas, daran ich mir getraue, sie großenteils aus allen anderen heraus zu erkennen. Grüße mir Deine liebe Frau aufs freundlichste. Mit unveränderlichem Herzen der Deinige E. Mörike. Cleversulzbach, den 22. Mai 1839. Marie von Ebner-Eschenbach — eine wundervolle, zierlich regelmäßige Schrift von einer Sicherheit und Klarheit, daß man kaum zu glauben vermag, es sei eine Einundachtzigjährige, die das geschrieben hat. Wien, 18. April 1910. Verehrtester Herr Geheimrat! Mit Hochgenuß habe ich Ihre Abhandlung über „Bewußtes und Unbewußtes im dichterischen Schaffen" gelesen und reiche Belehrung geschöpft aus dieser Quelle des Wissens und der Weisheit. Haben Sie allerwärmsten Dank! Ihren gütigen Brief zu beantworten, fällt mir nicht leicht; die „Gemperlein" find fo alte Herren! Ich weiß von ihrem Entstehen nur, daß die Urbilder mir, während ich das Gesthichtchen schrieb, fortwährend vor Augen schwebten, und daß ich mich bestrebte, sie so ähnlich und so unähnlich als möglich zu machen. Aehnlich, damit sie lebten, unähnlich, damit niemand sie erkenne. Als ich sie da hatte, ließ ich sie sprechen und handeln, wie ihnen beliebte. Sie sind die alleinigen „Täter ihrer Taten" und können sich auch in der Angelegenheit der Brautwahl durch den Gothaischen Almanach auf einen Präcedenzsall berufen. In aufrichtiger Ergebenheit, hochverehrter Herr Geheimrat, empfiehlt sich Ihnen bestens Marie von Ebner-Eschenbach. - Almanache. Von Max Christian Wegner. Der Name „Almanach" kam gegen Ende des Mittelalters vom Orient aus im Abendland in Gebrauch für astronomische Epheme- riden, Zeittafeln mit Angaben über Stellung der Sonne, des Mondes und der Gestirne in künftigen Zeiten. 1474 gab der berühmte Astronom Regiomontanus in Nürnberg den ersten lateinisch gedruckten Almanach heraus. Später begann man neben den meteorologischen und astrologischen Auszeichnungen andere Nachrichten auszunehmen, über Messen und Märkte, Münzstätten, Postverbindungen, Festlichkeiten des Hofes; feit 1699 wurde in Frankreich auch die Genealogie des königlichen Hauses hmzugefügt, was bald in Deutschland Nachahmung fand. Die kalendarischen Mitteilungen verschwanden völlig, und der berühmte „Almanac de Gotha“, ber heutige Hofkalender mit den angegliederten adeligen Taschenbüchern, hatte nur noch die Aufgabe, eine einwandfreie Genealogie aller regierenden Fürstenhäuser und der Adelsgeschlechter zu liefern. Daneben entstanden mehr für das Volk berechnete Almanache, die neben den kalendarischen Mitteilungen Gedichte, Erzählungen, Anekdoten und häufig auch Mujikbeilagen enthielten. Die junge Generation der Dichter und Literaten hatte den Anfang damit gemacht: nach dem Vorbild des seit 1765 veröffentlichten „Almanac des Muses“, erschien seit 1770 der zuerst von Boie und Voß herausgegebene „Göttinger Musenalmanach", ein zierliches Bändchen, mit gestochenem Titel und kleinen Vignetten geschmückt, gleichzeitig neben ihm in Leipzig der „Almanach der deutschen Musen". Dichter, wie Bürger, Claudius, Hölty, schufen sich ober benutzten gern solche Gelegenheiten, um ihre ersten Musenkinder an die Oeffentlichkeit zu brinoen. So bedeutete der Göttinger Almanach fast ein Programm des dortigen Dichterkreises, das dann allmählich erweitert wurde, um auch anderen Dichtern Platz zu gewähren. 1774 erschienen zum erstenmal auch Goethes Gedichte darin, und Goethe ist dann weiterhin in zahlreichen anderen Almanachen der nächsten Jahre vertreten. Gegen Ende des Jahrhunderts begann Schiller einen Musenalmanach mit eigenen Beiträgen und solchen der Weimarer und Jenaer Freunde "zu veröffentlichten, 1796 noch bei dem Hofbuch- händler Michaelis in Neustrelitz, seit 1797 bei Cotta. In diesem Jahr erschien der berühmt gewordene Tenienalmanach, später jo benannt nach den die ganze damalige literarische Welt erregenden Kampf- Distichen der beiden Weimarer Großen. Der Schillersche Almanach vom darauffolgenden Jahre 1799, bedeutet gewissermaßen einen Vorläufer des heutigen Verlagsalmanachs, indem darin die letzte Seite zum erltenmal vom Verleger zur Ankündigung neuer Bücher benutzt wird: Joh. Georg Cotta gibt da bekannt, „daß Ostern ber .Wallenstein' von Schiller zum Preise von zwei Rthlr. Sachs, er« I scheinen werben; Liebhaber werden ersucht, ihre Bestellungen noch vor Ende November zu macker " Neben diesen literarischen Almanachen erschien um die Jahr- hunbertroenbe eine Fülle von Almanachen und Taschenbüchern aller Art. Was heute die Zeitschrift ober bas Magazin ist, waren sie für den damaligen Menschn: kaum ein Beruf, eine Gesellschaftsklasse, eine Landschaft, für die nicht ein eigenes Büchlein vorhanden war. Es gab Almanache für Kaufleute, für Kinder, für Aerzte und Chirurgen, für die „elegante Welt", ein Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, einen Theater-Almanach, einen Jagd- und Garten- Almanach; bei Cotta erschien fast 30 Jahre hindurch das „Taschenbuch für Damen"; es gab einen „Almanach der Musen und Grazien", ein „Taschenbuch ber Liebe unb Freunbschaft"; berühmt ist Kotzebues feit 1802 viele Jahre hindurch erscheinender „Almanach dramatischer Spiele zur geselligen Unterhaltung auf dem Lande", in sehr zierlichem Format und mit illuminierten Kupfern geschmückt. Das Kalendarium war im allgemeinen verschwunden, es blieben die praktischen Mitteilungen, dazu meistens eine Anthologie leichteren Inhalts, kleine Bildchen, Rätsel unb Mobeberichte. Literarische Bebeutung erlebte 1830 noch einmal ber „Berliner Musenalmanach", in dem neben Goethes Chinesisch-Deutschen Jahres- unb Tageszeiten Eckermann. Moritz Beit, .Justinus Kerner unb vor allem Chamisso mit neuen Dichtungen hervortraten. Dann schlief bie Almanachmode langsam ein; erst Anfang der neunziger Jahre erschien ein Cottascher Almanach wieder, ber zehn Jahrgänge erlebte, und 1893 veröffentlichte Bierbaum feinen „Modernen Musen-Almanach". Aeußerlich hatten diese dicken unb schweren Bände mit den zierlichen Büchlein von früher nichts mehr gemin: inhaltlich war es wieder eine junge Generation, die hier geschlossen mit ihren neuesten Schöpsungen programmatisch an die Oesfentlich- kcit trat. Des jungen Hofmannsthal, ber sich bamals noch Loris nannte, „Tor unb Tod" war hier zum erstenmal gedruckt. Neben wieder vergessenen sind manche heute anerkannte Namen hier vertreten: Dehmel, Falke unb Liliencron mit Gebichien. Arno Holz nut den ersten Versen seines „Phantasus", Johannes Schlafs „Frühling", ber erste Akt von Max Halbes „Jugenb" erschienen hier zum erstenmal. Reprobuktionen nach Bildern ber beutschen Impressionisten waren eingestreut, nicht als Illustrationen, sondern mehr mm die oleiche Geistesrichtung beider Kunstarten zu betonen; auch hier später berühmt gewordene Namen: Kalckreuth und Liebermann, Thoma, Uhde und Trübner. — 347 Doch die Zeit war noch nicht reif für die junge Kunst gewesen; diese Anthologien haben keine Fortsetzungen gefunden. Wirklich zum Leben erweckt wurde der Almanach erst, als die neue Buchkunst Anfang dieses Jahrhunderts auch in Deutschland aufblühte und junge Verlage, nach dem Vorbilde des Insel-Verlages, dessen erster als „Insel-Almanach auf das Jahr 1906" erschien, sich dieses Mittels zur Propaganda bedienten. Die Autoren eines Verlages waren in solchem Almanach teils mit Erstdrucken, teils Auszügen ihrer Werke vereinigt, Illustrationen oder Bilder aus Büchern kamen hinzu, während am Schlüsse ein größeres Verzeichnis über dis Tätigkeit des Verlegers berichtete. Die ursprüngliche Sitte, zu Anfang ein Kalendarium zu bringen, haben manche Verleger gewahrt, wobei sie häufig die alten Sternbilder oder reizvolle Vignetten zu den einzelnen Monaten verwendeten; andere verzichteten darauf und behielten nur den beim lesenden Publikum so bekannt gewordenen Namen „Almanach". Normannen-Spuren im Bereich des Stißen Ozeans. Von Prof. Dr. R. Hennig, Düsseldorf. Eine wissenschaftlich außerordentlich überraschende, ja schlechthin sensationelle Kunde kam kürzlich aus Amerika herüber. Schon mehrfach sind auf amerikanischem Boden Runensteine als'Zeugnis der einstigen Anwesenheit von Normannen in der neuen Welt gefunden worden. Der größte Teil dieser Runensteine ist nicht mehr vorhanden, und man weih nur aus alten Berichten, daß sie vor hundert und mehr Jahren an bestimmte» Stellen noch zu sehen waren. Aber ein Teil ist erhalten geblieben und in verschiedene Museen überführt worden, so z. B. in das Kopenhagener Altertumsmuseum. Unter den bisher aufgefundenen Runensteinen mar der merkwürdigste der, der vor rund 100 Jahren hoch oben in der Gegend von Baffinsland unter 72 Grad 55' nördlicher Breite auf der kleinen Insel Kingistorsoak entdeckt und alsbald geborgen wurde. Seine Inschrift lautete: „Erlings Sigvatson Björn Tordisson und Endruidius Odisson errichteten dieses Denkmal am Samstag vor dem Siegestage und ritzten diese Runen im Jahre 1135." Der Grund der Errichtung ist nicht zu vermuten. Ausfällig ist die sehr frühe Jahreszeit, in der jene grönländischen Normannen im hohen Sterben geweilt haben sollen, denn der „Siegeltag" fiel auf den 21. April, und der Samstag davor war der 20. (nicht, wie meist angegeben, der 18.) April. Aber die Deutung der Inschrift ist kaum zweifelhaft, und die Echtheit des Runensteins nicht zu bestreiten. Schon Alex, von Humboldt betonte, daß die Runen mit Sicherheit im 12. Jahrhundert eingeritzt sein müßten. Unter den sonstigen normannischen Denkmälern Amerikas ist am berühmtesten, allerdings auch am meisten umstritten, jener schon im Jahre 1680 südlich Boston an der SJteunt Hope-Bai aufgefundene „writing Rock", auf dein bildlich anscheinend ein Kampf zwischen Normanen und Steinkugeln schleudernden Indianern dargestellt ist, und dessen lange bezweifelte normannische Herkunft neuerdings wieder wesentlich mehr Wahrscheinlichkeit gewonnen hat. Nun wurde aber kürzlich, unter Angabe genauer Einzelheiten und in durchaus verläßlicher Weise ein neuer Runensteinfund aus Amerika gemeldet (vgl. „Daich Mail" vom 7. 7. 26), der an kulturhistorischer Bedeutung alle früheren weit zu überragen scheint, und ganz neue Ausblicke in das geschichtliche Geschehen eröffnet Im Gegensatz zu den früheren Runendenkmälern, die sämtlich in der Nähe der atlantischen Küste und vornehmlich im Staate Massa- chusets, im alten Binland der Normannen, aufgefunden worden waren, steht der neuentdeckte Runenstein nämlich merkwürdigerweise im Bereich der pazifischen Küste, nahe Spokane im Staate Washington, im. fernen Rordwesten der Union. Ein norwegischer Kenner'der Runenschrift, Prof. Olaf Obsjon, ist der glückliche Finder. Es handelt sich um einen Grabstein, dessen von Obsjon entzifferte Inschrift eine furchtbare Tragödie schildert. Es ist darin erzählt, daß i. I. 1010 unserer Zeitrechnung eine normannische Expedition von 24 Männern, sieben Frauen und einem Säugling nach einem abenteuerlichen Zuge erschöpft und dem Verdursten nahe, beim Fundorte des Steins eine Quelle entdeckt und dortfelbst gelagert habe. Währenddessen sei sie von Eingeborenen, die ebenfalls die Quelle zu benutzen strebten, angegriffen und aufgerieben worden. Zwölf Männer fielen im Kampf/ sechs Frauen wurden von den Indianern gefangen, die siebente, mit dem Kinde im Arm, durch Herabstürzen von einem Felsblock getötet. Die überlebenden Normannen konnten entweichen, kehrten später an die Ungiücksstelle zurück und bestatteten die Leichen ihrer Kameraden durch Verbrennung. Der Grabstein, der in Runenschrift dieses Dramo verkündete, war seit langem bekannt. Man hielt aber die darauf befindlichen Zeichen für Kritzeleien von Indianern (wie es auch beim „writing rock" von der Ml. Hope-Bai lange geschah) und schenkte ihnen daher keine Beachtung, bis jetzt endlich ein glücklicher Zufall einen Kenner der Runenschrift nach Spokane führte, der das Geheimnis enthüllte. Die Bedeutung des neuen Fundes für die Kenntnis der Frühgeschichte Amerikas und die Würdigung der normannischen Leistungen kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. So sehr man sich gegen die Annahme sträuben mag, es bleibt gar kein anderer Rückschluß möglich, als daß bereits gegen das Jahr 1010 eine An- el kühner Normannen den nordamerikanischen Kontinent saft in icr ganzen Breite von Ost nach West durchstreift hat. Die Zeit, di« es sied nach Prof. Obsjons Angaben handelte, paßt auffällig gut zu dem, was bisher über die Fahrten der Normannen nach Vinland bekannt war. Genau im Jahre 1000 hatten die feit 983 in Grönland anfäffigen Normannen unter Führung von Leif Erikfon zum ersten Male das traubengefegtnete „Vinland" an der Küste von Maffachufetts erreicht. Allein in dem einen Jahrzehnt von 1000 bis 1010 sind nicht weniger als vier normannische Vinlands- fahrten nachweisbar. Jedesmal haben die Grönländer lange Zeit, Monate und z. T. Jahre auf amerikanischem Boden geweilt, sind wiederholt in Kämpfe mit eingeborenen „Skrälingern" (Indianern) verwickelt worden, haben aber gelegentlich auch untereinander in Fehde gelegen, und Mord und Totschlag in eigenen Reihen verübt. Daß ihre Frauen sie auf ihren abenteuerlichen Reisen begleiteten, ist mehrfach bezeugt. Denn Thorfinn Karlsefui, dem Führer einer jener normannischen Vinlandsfahrten, wurde von seiner Gemahlin Gudrid i. I. 1005 in Vinland sogar ein Sohn Snorre geschenkt, der erste auf amerikanischem Boden geborene Europäer. Unter solchen Umständen hat die Annahme, daß ein Teil einer Vinland-Expedition sich abfonberte. — vielleicht auf Grund von Zwistigkeiten — und auf eigene Faust weiter ins Land vordrang, durchaus nichts Unwahrscheinliches an sich. Die Durchquerung fast des ganzen amerikanischen Kontinents wäre allerdings eine geradezu fabelhafte Leistung gewesen, und man fragt sich vergeblich, welches Motiv für einen Zug nach dem Westen über mehr als 5000 Km., von Vinland dis in die Gegend von Spokane, vorgelegen haben fall. Aber der Runenstein von Spokane ist nun einmal vorhanden, und an der Tatsache selbst scheint daher ein Zweifel kaum möglich. Wenn in den Jahren 1004 und 1005 große Scharen von normannischen Vinlandssahrern an der Ostküste weilten, ist eine Erreichung der Westküste im Jahre 1010 durch 32 von ihnen nicht eben als eine Unmöglichkeit zu betrachten. Man wird sich daher wohl mit dem Faktum abfinben müssen. Was einmal sich ereignet hat, kann sich ähnlich wieberholt haben. Sind aber bie Normannen von Vinlanb aus ins Innere des Landes vorgedrungen, so geben sich einleuchtende Möglichkeiten einer Deutung der vielfach in Nord- und Mittelamerika beobachteten Spuren eines vvrkolumbischen Christentums in Amerika denn bie mit Leis Erikfon und seinen Nachfolgern Thorwald, Thorfinn usw. nach Vinland gekommenen Normannen bekannten sich bereits zum christlichen Glauben. Wenn die Ueberlebenben des Dramas von Spokane sich bie Muse gönnten, einen Grabstein mit umfaffenber Inschrift anzufertigen, wenn unter ihnen einer war, ber die Runenschrift beherrschte, wenn christlich-normannische Frauen von Jnbianern geraubt würben, so muß immerhin eine gewisse Intelligenz; ein entwickeltes seelisches Bedürfnis von halbkultivierten Europäern schon vor mehr als 900 Jahren tief im Innern des amerikanischen Kontinents heimisch gewesen fein. Auch das Vorkommen von blonden Haaren und blauen Augen bei manchen Jndianerstämmen, auf das schon Humboldt hinwies, wird bann verstänblich. Die Entbeckung Prof. Opsjons verbreitet wertvollstes Licht über alte Kulturzusammenhänge, und doch türmt sie auch neue Rätsel auf, denn was ist aus den ins Innere Rorbamerikas vorgedrungenen Normannen geworden? Wie hat chch ihr Einfluß auf die geistig tieferstehende eingeborene Bevölkerung ausgewirkt? Auf diese und ähnliche Fragen ‘ gibt es vorderhand keine Antwort. Wohl aber bleibt bie verblüffende Tatsache bestehen, daß ber von ben Normannen besuchte Teil ber Erdoberfläche noch viel größer war, als man glaubte. Schon bisher war ber nachweislich von Normannen besuchte Erdraum groß genug, benn er ^erstreckte sich von Baffins- lanb bis Noivaja Semlja und von ber amerikanischen Ostküste über bie Azoren bis Bagdad. Nunmehr scheint festgestellt zu fein daß Normannen sogar bis in bie Nähe bes Stillen Ozeans gelangt sind, unb damit muß bie Bewunderung vor den ungeheuren Leistungen dieser kühnen Nordmänner fast ins Unbegrenzte wachsen. Das Leden der Heiligen Johanna. Von' A n a t o l e France. (Sortierung.) Sie legten ihr Sifenfeffeln an die Füße und um die Hüften eine mit einem Schloß an einem fünf dis sechs Fuß starken Balken befestigte Kette. Des Nachts war diese durch den Bettsuß gezogen und an dem großen Deckenbalken verankert. Auf diese Weise blieb auch Johann Huß, der im Jahre 1415 dem Bischof von Konstanz überliefert unb in bie Festung Gottlieben gebracht worben war, Tag unb Nacht angekettet, bis man ihn zum Scheiterhaufen führte. Fünf englische Kriegsknechte, eine Art von Schergen, bewachten die Gefangene. Sie waren nicht gerade die Blüte der Ritterschaft, machten sich über sie luftig, und sie hielt ihnen dies vor. In ber Nacht be= fanben sich zwei von ihnen hinter ber Tür unb drei bei ihr, bie sie daburch beunruhigten, baß sie ihr halb sagten, daß sie sterben werbe, halb, bah sie befreit würbe. Und ohne deren Erlaubnis konnte niemand mit Johanna sprechen. Im übrigen ging man in diesem Gesängnis wie in einer Mühle aus und ein. Leute jeden Standes kamen, wann immer sie wollten, Johanna zu sehen. So auch Meister Peter Manuel, Advokat des Königs von England. Die Leute mit gesundem Menschenverstand waren immer erstaunt, daß Hexen und Wahrsagerinnen wie gewöhnliche Christinnen in die Falle gingen. Offenbar war der Advokat des Königs ein Mann gefunden Verstandes, denn er tat an Johanna Fragen, die feine Verblüffung erkennen ließen: „Wußtet Ihr daß man Euch ge= fangennehmen würde?" — „Ich dachte es mir wohl", antwortete sie. Und Meister Peter: „Wenn Ihr das dachtet, warum habt Ihr auben, daß der Konne- gefesselte Frau erhoben wollte. Gericht. Luch nicht an dem Tag, an dem Ihr gefangenwurde!. davor ge- hütet?" Sie antwortete: „Ich wußte weder Tag noch Stund« und wann es mir geschehen würde." Ein junger Gehilfe des Maurermeisters des Schlosses konnte auch in den Turm Einlaß finden. Er sah Johanna an einer langen, an dem Balken befestigten Kette mit gefesselten Füßen. Viel später gab er vor, sie gewarnt zu haben mit Vorsicht zu sprechen, denn es ging« an ihr Leben. Tatsachviel mit ihren Wachen, und alles, was sie sagte, wurde den Richtern 5>err Johann von Luxemburg kam nach Rouen und fand sich mit seinem Bruder, dem Bischof von Therouannes, im Turm der Jungfrau ein, außerdem mit ihm noch der Konnetabel Sir Humfry, Gras von Stafford, der Graf von Warwick, Schloßhauptmann von Rouen, und der junge Herr von Macy. Und Herr von Luxemburg richtete folgende Rede an die Gefangene: „Johanna, ich> bm gekommen Euch zurückzukaufen, wenn Ihr versprechen wollt, Euch niemals' mehr gegen uns zu bewaffnen." Diese Worte sind durch das was wir von den Verhandlungen zum Kaufe der Jungfrau wissen, nicht genügend erklärt. Sie können glauben machen, daß zu jenem Zeitpunkt der Kauf noch nicht völlig abgeschlossen war oder daß zumindest der Käufer glaubte ihn nach seinem Willen rückgängig machen zu können. Am bemerkenswertesten aber an dem Ausspruch Johanns von Luxemburg ist die Bedingung, die er an den Wiederkauf der Jungfrau knüpfte. Er verlangte von ihr, fortan nicht mehr gegen England und Burgund zu kämpfen Es scheint wenn man diese Klausel betrachtet, als hatte er nun beabsichitigt, sie dem König von Frankreich oder an irgendeine für diesen handelnde Person zu verkaufen. Seine Worte scheinen aber die Engländer nicht beunruhigt zu haben, und Johanna schenkte ihnen keinerlei Glauben. „Im Namen Gottes, antwortete sie, „Ihr fpöltet meiner, denn ich weiß wohl, daß Ihr weder Macht nach Dillen dazu besißt." Man behauptet, daß, als er auf [einen Worten beharrte, sie erwidert habe, daß die Engländer sie töten werden in der Meinung, nach ihrem Tode das Königreich Frankreich zu gewinnen. Dies aber scheint unwahrscheinlich, da sie ja nicht glaubte, daß die Engländer sie töten würden. Während der Dauer des Prozesses erwartete sie, auf ihre Stimmen vertrauend, befreit zu werden. Vielleicht hatte sie zu Herrn von Luxemburg gesagt: „Ich weiß wohl, daß die Engländer mich töten wollen." Dann wiederho te ste mit großem Mute das, was sie schon tausendmal gesagt hotte: „Wenn es aber hunderttausend Gordons mehr gäbe als letzt vorhanden sind, werden sie das Königreich nicht haben." Als Sir Humiry diese Worte horte, wollte er losfahren, der Graf von Warwick aber hielt ihn am Arm zurück. Man würde es nicht glauben, daß der Konnetabel von England fein Schwert gegen eine xofesfe'ie F'"" hätte, wenn man nicht wüßte, daß zur selben Zeit Sir Humfry jemanden, den er über Johanna Gutes sagen höre, durchbohren In einer Vorbesprechung wurde beschlossen, daß über die Taten, deren diese Frau Öffentlich bezichtigt wurde, Erkundigungen ein- gezogen würden. Der Bischof erklärte, daß auf seinen Befehl schon solche erstattet worden wären und er noch andere einziehen lasse, über die man in Gegenwart des Rates berichten würde. Tatfachlicy hatte sich ein gewisser Nikolaus Bailly nach Domremy begeben und mit einigen Bettelmönchen dort Nachforschungen über Leben und Ruf der'Jungfrau angestellt. Zwölf oder fünfzehn Zeugen wurden dort befragt, und wir wissen von Bailly selber, daß er nichts Belastendes über Johanna erfahren konnte. Wenn die Aussage eines Bürgers von Rouen nicht trügt, soll Herr Nikolaus, als er dem Bischof das Resultat seiner Nachforschungen überbrachte, als schlechter Mensch und Verräter behandelt worden sein und nicht die Bezahlung seiner Kosten und seiner Mühen erhalten haben. Dies ist möglich, aber verwunderlich. Daß man aber weder in Vaucouleurs noch in Domremy und in den benachbarten Dörfern etwas, was Johanna belasten konnte, gefunden haben soll, beruht keineswegs auf Wahrheit. Man fand im Gegenteil eine große Anzahl von Beschuldigungen gegen die Bewohner im allgemeinen, die Zaubermittel anroanbten, und auch gegen Johanna, die die Feen beschwor, auf ihrer Brust eine Alraune getragen haben soll und ihrem Vater und ihrer Matter ungehorsam war. Reichliche Erkundigungen wurden nicht nur in Lothringen und in Paris, sondern auch in den König Kari getreuen Ländern eingezogen, genügend, um zehn Ketzerinnen und zwanzig Hexen zu verbrennen. Man erfuhr von Teufeleien, die besonders in den Augen der Geistlichen schrecklich waren, wie etwa vom Auffinden verlorener und wiedergefundener Tassen und Handschuhe, vom Schwert der heiligen Katharina und dem vom Tod erweckten Kinde. Man brachte einen dreisten Brief über den Papst und andere Beweise von Hexerei, Magie, Ketzerei und Glaubensirrtum zur Stelle. Diese Auskünfte wurden nicht dem Prozeß eingefügt. Es war ständiger Brauch der heiligen Inquisition, die Zeugenaussagen und die Namen der Zeugen geheim zu halten. So konnte der Bischof von Beauvais die Aussagenden in den dem Dauphin untergebenen Provinzen schonen, obwohl mangels ihrer Namen die Auskünfte selbst sie kenntlich machen konnten. Aber die reichste Quelle der Untersuchung bildeten die Reden, die Johanna in ihrem Gefängnis führte, denn sie sprach viel und ohne Vorsicht. Ein Maler, dessen Namen man nicht kennt, tarn in ihren Turm und fragte sie sehr laut vor den Wachen, welche Waffen sie getragen, so, als ob er sie etwa ihrem Schild hätte abbilden wollen. Zu jener Zett machte man keine Bildnisse nach dem Leben, es fei denn von Personen sehr hohen Ranges und dann meistens in der Gebärde des Gebetes, kniend und mit gefalteten Händen. Und wenn man in Flandern und in Burgund Bildnisse sah, die keinerlei Zeichen von Andacht wiesen, so war dies nur eine kleine Anzahl. Wenn man von einem Porträt sprach, dachte man natürlich an eine zu Gott, der heiligen Jungfrau oder irgendwelchen Heiligen betende Person. Die Absicht, von der Jungfrau ein Bildnis zu machen, würde wohl von den kirchlichen Richtern Johanna sehr übel ausgelegt worden fein, um so mehr, als sie fürchten konnten, daß etwa der Maler diese exkommunizierte Frau als eine durch die Kirche kanonisierte Heilige, wie es die Armagnacs taten, abbilde. Bei diesem Gedanken ist man zu glauben versucht, daß dieser Mann ein falscher Maler, aber ein richtiger Spion gewesen ist. Und dieser Verdacht ist dadurch bestätigt, daß es Johanna im Prozeß als eitel und prachtliebend vorgeworfen wurde, daß sie sich in Waffen malen lassen wollte. Mehrere Geistliche wollten sie in ihrem Gefängnis glauben machen, daß sie Kriegsleute von Seiten Carls von Valois wären. Der Staatsanwalt selber, Meister Johann von Estivei, kleidete sich, um sie zu täuschen, in das Gewand eines armen (Befangenen, und besonders war ein Domherr von Rouen, Meister Nikolaus Loiseleur, erfinderisch in listigen Schlichen, Ketzerisches bei Johanna zu entdecken. Im Einvernehmen mit dem Bischos von Beauvais und dem Grafen von Warwick betrat er Johannas Gefängnis, in kurzem Gewände in der Mode der Bürger. Die benachrichtigten Wachen zogen sich zurück und Meister Nikolaus, mit der Gefangenen allem geblieben, gestand, daß er wie sie aus Lothringen stamme, seines Standes Schuster sei, zu den Franzosen halte, von den Engländern gefangen worden märe. Er überbrachte ihr Nachrichten von König Carl, die er selbst erfand. Johanna besaß nichts Teueres als ihren König. Der falsche Schuster stellte nun, da er sie auf diese Weise für sich eingenommen hatte, Fragen über ihre Engel und Heiligen. Sie antwortete ihm vertrauensvoll wie einem Landsmann und Freund. Er gab ihr Ratschläge und empfahl ihr, nicht all diesen Kirchenleuten zu glauben und nicht zu tun, was ste von ihr verlangten, „denn," sagte er ihr, „wenn du ihnen Glauben schenkst, wirst du vernichtet werden." Meister Nikolaus Loiseleur soll, wie man versichert, sehr oft den lothringischen Schuster gespielt habem worauf er dann immer den Schreibern alles diktierte, was Johanna ihm gesagt hatte, und es war dies eine kostbare Bereicherung der Ausforschungen, die während des Kreuzverhörs als Grundlage biente. Es scheint sogar, daß man während dieser Besuche die Schreiber in einem benachbarten Zimmer in der Nähe eines Sprachrohrs postierte. Wenn man den Gerüchten in der Stadt Glauben schenkt, so spielte Meister Nikolaus auch die heilige Katharina und erreichte durch dieses Mittel, daß Johanna alles sagte, was er wollte. Die Leuchte der Hochschule, Meister Thomas von Courcelles, den Loiseleur von seinen Verwandlungen unterrichtete, riet ihm, diese em- zustellen. Die Schreiber behaupteten später, Abscheu empfunden zu haben, die durch List abgelauschten Reden heimlich aufzuzeichnen. Das goldene Alter der Inquisition mußte wohl vorbei sein, daß ein s» strenger Gelehrter wie Meister Thomas über eine der namhaftesten Handhaben dieser Rechtspflege so lau dachte. Die Art des inquisitorischen Vorgehens mußte schon gründlich zerrüttet gewesen sein, daß zwei kirchliche Notare daran dachten, eine der ältesten Vorschriften und gebräuchlichsten Funktionen einer Rechtsprechung, die Innozenz HL eingesetzt hatte, ausmschalten. Wenn Meister Nikolaus Loi eleur unter der Maske des Schusters und der heiligen Katharina das Heil und nicht das Verderben der Sünderin suchte, und wenn er sie, entgegen dem öffentlichen Gerücht, nicht etwa zu WidersätzlickL ketten anstachelte, sondern zum Gehorsam lenkte, und sie schließlich nur ihres zeitlichen und geistlichen Wohles wegen täuschte, so ging er gemäß der eingeführten Regeln vor. Was den Bischof von Bea»- oais anbelangt, der diese Prozeduren anbefohlen unb erlaubt hatte, fanb er seine Rechtfertigung in den Worten des Apostels Paulu« an die Korinther: Ich hab« nichts Böses getan, sondern List gebraucht, euch zu überraschen. Ader als sie den Syndikus Johann von Estivet mit dem Bischofsmantel bekleidet sah, erkannte ihn Johann» nicht. Meister Nikolaus begab sich oft im langen Gewand zu ihr. In diesem flößte er ihr großes Vertrauen ein, sie beichtete ihch demütig und hatte keinen anderen Beichtiger. Sie sah ihn bald als Schuster, bald als Mönch, ohne zu merken, daß es dieselbe Person war. Sie war eben in mancher Hinsicht von unglaublicher Einfach. Diese Theologen mußten bald erkennen, daß es nicht schwer war, st» zu täuschen. Samstag, den 13. Januar, versammelten sich der Abbe von Fecamp, die Doktoren und Meister Johann be la Fontaine, Nikolaus Loiseleur unb anbere im Hause des Bischofs, wo die in Lothringen und anderswo gesammelten Erkundigungen über die Jungfrau verlesen und von ihnen als brauchbare Grundlage des »er» Lores erachtet wurden. Ein Beschluß ward gefaßt, daß der Biscqch die vorbereitende Untersuchung über die Taten unb Worte der Jungfrau anorbne. Dienstag, den 13. Februar, beschworen dec Syndikus Johann von Estivei, Johann de la Fontaine, der Kom- missarius, Boisguillaume und Manchon, die Schreiber unb Johann Massieu, ber Gerichtsvollzieher, getreulich ihren Dienst auszuuben. (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.