Giehener Kmnlienblatler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang ;926 Dienstag, öen 3v. März Nummer 26 Zuversicht. Don C. F. Meyer. Jetzt, da die Zeit sich nähert deiner Leiden, laß mich von allen Eitelkeiten scheiden und laß mich deine Schmerzen nur betrachten, di« dich umnachten. Du bist für mich gestorben, und das Leben, das ew'ge, hast du mir dafür gegeben. Laß mich dein totes Angesicht beschauen und dir vertrauen. Latz mich zu deinem heil'gen Kreuze eilen und laß mich dein« herben Schmerzen teilen. Du bist für mich geopfert, heil'ges Wesen! Latz mich genesen! Der unsterbliche Baum. Don Herman George Scheffauer. In diesem verarmten, kranken, zerrissenen Europa späht jeder nach dunklen Horizonten aus und sucht den lichten Strahl der Hoffnung. Oft ist es nur der fahle Glanz des Schwertes, das über ein ganzes Dolk gezückt wird, oft nur der blendende Riß eines Blitzes, der den düsteren Schleier wie ein Auge durchleuchtet. Wenn Ostern kommt, dann sucht sich jeder seine Symbole der Wiedergeburt und der Auferstehung heraus — sei es das Wiederaufblühen der Matur, sei es das geheimnisvoll sich aufschlietzende Ei, fei es nur ein beliebtes, schablonenhaftes Zitat wie „neues Leben blüht aus den Muinen, schablonen- Ostergedanke folgt nur dem Naturgesetz — und auf diesem Rhythmus von Vergehen und Wiedergeburt hat sich die Mystik und die Religion ihre schönsten und bezwingendsten Bilder und Argumente aufgebaut. Der Ostergeist und der Ostertrieb sind für uns schon ein zeitläufiges Wunder, eine ganz geheimnisvolle Parallelität und Relativität. Denn jedes Jahr in dem Anmarsch unseres Alters oder in unserem Sturmritt auf die Ewigkeit zu, werden wir von der Erscheinung des Frühlings ergriffen, selbst im Greisenalter erlebt der Mensch immer wieder eine Nebenjugend — eine Art Neugeburt — denn er kann sich nicht aus dem Banne der Tonne und aus dem ihr zugehörigen Planeten, seiner Erde, befreien — oder nur, wenn er dem Marsch des ewigen Winters durch die Welt folgen würde. Aber jedesmal wenn die deutschen Ostern herannahen, und nicht nur dann, denke ich an ein Symbol der Auferstehung, des neuen Lebens — wie es kein zweites auf der Welt gibt. Ich denke zurück an meine Jugendtage im reisten Lande der Welt — Amerika — und im schönsten, reichsten Teil dieses Landes — Kalifornien! ilnb an mächtige, einsame, feierliche Wälder, wo die größten Bäume der Welt, die Rotholzbäume, die nur in Kalifornien wie äleberbleibsel einer älrwelt der Pflanzen, wachsen, gegen den Himmel turmhaft strebend. Da fand ich einstmals an den Osterfeiertagen das großartigste Symbol des Oster-Mysteriums, das die lebendige Natur aus sich hervorzaubern kann, ilnsere Riesenbäume sind die ältesten lebenden Wesen der Welt. Sie standen und grünten, als die Pyramiden noch nicht erbaut waren, sie werden vielleicht die letzten lebenden Wesen der Welt bei ihrem .Untergang sein. Durch die Zahl der Ringe hat man bewiesen, daß sie schon 3000 bis 4000 ^rahre alt sind. , Einmal in den Osterferien war ich in einem verwüsteten Rvtholzwald in den Bergen Kaliforniens. Es waren nicht die Bäume von der Sequoia Gigantsa, die einen Durchmesser von 10 bis 12 Meter und eine Höhe von 150 erreichen, Die hier einst wuchsen, sondern die Art »er kleineren Sequoia Sempervirens, die aber noch wie Kirchtürme in die Luft ragen, schlanke Pyramiden, mit mächtig ausladenden geballten Wurzeln Aber hier lag alles verwüstet durch jenen Vandalismus des amerikanischen Abholzungswesens. Ds ragten nur noch die gewaltigen abgehauenen, durchgesägten Stämme aus der Erde. Kreuz und quer lagen die schwarzen Leichen des Geästs, lagen riesenhafte Trümmer dieser edelsten Patriarchen des Waldes, verkohlt schwarz, ein furchtbarer Anblick der Verwüstung, erst durch die Menschen, bann durch das Feuer. Es war das verfluchte Land — eine Wüste im Tartarus. Ich bemerkte nur. daß di« kolossalen Stämme immer wieder die Form eines Kreises bildeten — eines Kreises, der mich an die alten Druiden „Runden" in dem Moorland von Dartmoor in Sud- England erinnerte. , , , , \_i_i l_l.; . i i_; • Nach etlichen Jahren kam ich wieder durch dies« Berge und durch diesen Wald. Lind siehe da! Es war überall eine Zauberwelt aus zarter rötlicher Borke und aus einem Grün, das nicht vergeht. Aus der Außenwand der großen durchgesägten Stammflächen schossen neue schlanke Sprößlinge des unsterblichen Baumes empor — strebten himmelwärts wie majestätische Kerzen auf einem runden Opferstein. Vier, fünf, sechs wuchsen oft aus einem Stamme. Zwillinge, Drillinge, Sechs» lange sproßten aus dieser Mutterwurzel, aus dieser unerschöpflichen Kraftquelle. Dur ein oder zwei Sprößlinge würden vielleicht die volle Höhe erreichen, aber es würden wieder Riefen werden, wenn auch nicht von der Höhe und dem .Umfang des gefällten Baumes. Verschwunden war jede Spur des Feuers. Im kleinen Kreise wuchsen die Neulinge aus der breiten Runde des Stammes, aber dann sah ich wieder, daß diese Gruppen auch in noch größerem Kreise wuchsen — und daß ihre gefällten Vorgänger auch einmal aus dem noch unendlich größeren Umriß des Grotzvater-Baumes ebenso entsprossen sind — und auch die Großväter vielleicht — es fügte sich Kreis an Kreis bis in di« Unendlichkeit, bis ins Undenkbare! Wurden Ur-Riesen allmählich zu Zwergen, war die Fortpflanzung dieses Surrogates der Unsterblichkeit auch nur Degeneration — waren diese Zwerge, die man immer noch Riesen nennen konnte, nur die Epigonen von Titanen? Nun sie zählten ihre Jahre nach Jahrtausenden, vielleicht hatten sie ihr prädestiniertes Matz endgültig erreicht. Sie werden noch junge Bäume sein, wenn die Völker von heute nicht mehr sind. Aber auch aus diesen wächst eine neue Generation empor. Der Deutsche mag sich als Symbol seines Landes die Eiche mit dem einzelnen grünen Zweig zu eigen machen, die abgebrochene deutsche Eiche, die jetzt kahl und gekröpft dasteht und sich im Sturmwind krümmt und im vergifteten Boden. Auch das ist ein Ostershmbol, ein Zeichen der Hoffnung, der Wiedergeburt und des Aufstiegs. Aber wenn ich an die unsterbliche Kraft, die trotz mancher selbstmörderischen Eigenschaften der Deutschen noch immer in diesem Volke steckt, dann denke ich nicht an die deutsche Eiche, denn auch die Engländer beanspruchen sie als Symbol ihres Landes, sondern an die unsterblichen Bäume meines Heimatstaates — an die Sequoia —, die nicht ausgerottet, nicht ausgebrannt werden kann, sondern immer zum neuen Leben und zur Höhe strebt. Legende vom Morgenstern. Von Arthur Silber gleit. Die schwarzen Todesengel umkreisten mit ihren Schwingen das kranke Kind. Ihre Fittiche rauschten geheimnisdunkle Lieder durch di« Nacht. Aus einem halb geöffneten Fenster schollen Klagelaute und Seufzer einer Mutter in die umdämmerten Gartentiefen, die zu Feier des österlichen Festes bereits ihre ersten Dlütengewänder trugen. Wildes Vogelschluchzen unterbrach die unablässige Sage eines silbernen Drunnenmundes; zage Veilchen flüsterten ihren Geschwistern die Trauerbotschaft, daß die aufsprießende Frühlingsknospenpracht das Hinwelken einer lenzhasten Seele zeitlich begleiten müsse. All« Winde aber raunten den Gräsern verstohlen die Kunde von der Auferstehung des Gottessohnes zu, daß die Lieder des Lebens und des Todes in den Lüften zauberhaft zusammenflossen und die Märchen wispernden Wipfel vor Staunen ihre grünbelaubten Häupter hin und her, her und hin wiegten. Selbst die Tänzerinnen um den Dhron Gottes, die Wolken, schwankten lange, ob sie die weiße und filberblaue Seide ihrer Gewänder nicht mit schwarzen und schweren Trauertrachten vertauschen sollten; manchmal, nur den Ohren bereits Lieberirdischer vernehmbar, überbrauste das Rauschen ihrer Schleppen die Musik der Sphären; zuweilen aber ließen die Klagelaute des sterbenden Kindes ebenso die Melodien des Aethers wie die Blüten umschwingenden und leise uni« singenden Falterflügel in den Tiefen des Gartens eine Weile verstummen, und der Erden- und Himmelspäher Mond verdeutlichte seinen Seelenzwiespalt in feinem bald lächelnden, bald Weiße Lichttränen herniederschluchzenden Antlitz In karger Kammer aber rang eine Mutter verzweifelt ihre Hände, neigte sich wieder und immer wieder küssend zu ihrem Kind hernieder, lieh ihre von zahlreichen Zährenströmen bereits rotumränderten Augen von der Äachttischkerze, die wie ein goldener Stern durch das Dunkel glomm, auf die leibgeworvens Seele in buntgetoürfetten Kissen herniedergleiten und ! uch.e vergebens Trost in den Evangeliumsworten des Matthaus: „2US aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anorach. 102 kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. -Unb siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein von der Tür und setzte sich darauf. Änd seine Gestalt War wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie Schnee. Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel antwortete und sprach zu den Weibern: „ gürdjitet euch nicht: ich weiß, daß ihr Jesum, den Gekreuzigten, suchet. Gr ist nicht hier; er ist auserstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und sehet die Stätte, da der Herr gelegen hat!" älnd die Mutter zerraufte sich in ihrer Herzensnot ihr Haar, und wie ihr Kind immer leiser stöhnte, röchelte und wimmerte« und die schwarze,: Engel immer engere Kreise um das Haupt des völlig Hilflosen rundeten, mit ihren Fittichen die Kammer- stille durchstürmten, immer näher dem Hingesunkenen zustrebten und mit ihren Flügeln seine Locken schon zu streifen schienen, schäumte die Empörung ihrer qualgemarteten Seele ozeanhast auf, und sie begann mit dem Ewigen zu hadern: „Du, dem jetzt in Abertausenden von Kirchen Millionen Glaubensfrommer und zahllose Orgeln ihre Hallelujas entgegen jauchzen und donnern, du, der du selbst auf deiner großen Weltorgel unserer Herzen alle Weisen des Jubels und Schmerzes zu spielen vermagst, du, der du über Bettler und Könige, Völker und Fürsten, Herden und Hirten gebietest, den Lauf der Ozeane, Ströme, Bäche und des schmälsten Rinnsals lenkst, du, der du Lawine und Vulkan, Böe und Teifun, Zephyr und Samum, Wolke und Wind Wege weist, du, der du über Stille und Sturm, Mond, Sonne und Regen- boden dein Herrscherszepter schwingst, warum verschonst du den letzten Wurm im Staube und willst mir das Leben meines Lebens, mein einziges Kind, rauben? Grausamer Gott, sündigte ich einst, so strafe nur mich und nimm mich hin statt den letzten Odem meines Kindes zu fordern! Wenn du einst selbst ohne deinen Sohn nicht leben konntest und ihm daher Auferstehung .gebotest, warum soll ich in meiner irdischen Schwäche meinen einzigen Trost, mein Kind, verlieren? Bist du wahrhaft der Allgegenwärtige, so wirst du auch wissen, daß ich fürderhin die Last eines Felfenblockes statt meines Herzens durch die Wüste eines öden Lebens weiterschleppen muß, sofern du mir mein Kind raubst!" Aber vergebens hallten die Worte der Frau durch bas Dunkel: nur das Auge der Kerze zuckte auf, und ihre wächsernen Tränen tropften zum Saum des Messingleuchters hernieder. Mit ihren grauen Schwingen umkreisten die schwarzen Engel immer stärker das Kind, bis es von ihrem Flügelsturm betäubt, wachsbleich wie die Kerze, in seinen Schlummerkissen zur ewigen Ruhe entschlief. Dann aber enthoben es die seraphischen Geschwister aller irdischen Schwere und trugen es auf ihren ausgebreiteten Fittichen zu ihrem höchsten Herr«:. Feierlich brauste ihr schwarzer Zug durch die silbernen Triurnphatorstraßen Gottes, durch die weiße«: Wolken, dahin, und die aufstauenden Wipfel wisperten ihm im Dämmerwind Gebete nach, der sagenhafte Brunnen murmelte eine uralte Litanei, und der bisher schluchzende Trauervogsl der Nacht begann in seinem Geäst plötzlich aufzujubeln. .Und bunte Abendfalter gaben ihm das Geleit, und der Mond schmückte sich als Thronwächter Gottes zum Empfang der bereits überirdisch verklärten Kinderseele mit seinem festlichsten Gewände. Als aber der Zug vor den Stufen des Ewigen hielt, die rauschenden schwarzen Engel lauter ins Licht entglitten und ihren weißen Brüdern die magisch, aufstrahlende Seele des Kindes übergaben, segnet.? der Herr mit einem Zepterwink seinen jüngsten Himmelgast. .Und er atmete den Leib des Kindes mit seinem Gnadenhauch an, daß alles Irdische von ihm wich und nur noch der lautere Glanz keiner keuschen Seele aufleuchtete. Dann erhob er seine Stimme: Gleich meinem Sohne sollst auch du auferstehen, und der Schimmer deiner Unschuld soll als heiter leuchtender Morgenstern an der Kuppel meines Himinelsgewölbes aufglühen, daß sich Licht mit Licht vermähle, und alle andachtsvoll zu mir emporgehobeneu Menschenaugen sollen sich an deiner Pracht berauschen!" Seitdem rühmt mancher die Schönheit des erste«: Morgensterns, aber wohl kaum einer ahnt in ihr den verwandelten Un- fchuldsglanz einer reinen Kinderseele. Grüne Ostern und fröhliche Leute. Von Heinrich S o h n r e h. Aun wieder die grünen Ostern nahen, denke ich an mein fernes Heimatdorf, in anmutiger Verborgenheit gelegen am Fuße des Hohenhagen. Zum südhannoverschen Weserberglande gehörig. Ich leihe mir die goldeiren Flügel der Erinnerung und fliege fort über Berge und Täler, über Flüsse und Fluren: ich komme an ein Zauberschloß, die Dore springen auf, ich schreite hindurch — und ein bescheidenes, aber wundersam herziges Wesen empfängt mich, lacht mich an, redet mit silberheller Stimme und nimmt mich bei der Hand. Es ist meine Jugend. Und wir gehen vorüber an blanken Bauernhäusern und dürftigen Tage- löhnerkaten, und die Fenster blinken, und hinter ihnen gucken und winken freundliche Gesichter heraus. Vor den Haustüren sitzen liebe alte Bekannte: „Riekesbetens Hannepah", „Frohnens Tante«:", „Bormanns Aore", „Hingerdörs Lottchen", die alte „Berlingsche", die „Friedesinchenpate" aus der „Lindenhütte", der „Lindenhanfrieder", — und dort „Wulwes Kunrad", „Mosebach Däuermann", „Kaprol Ilse", „de drüge Snegger", der „Batz- hemrich" — und wie die liebe«: alten Prachtgestalte«: noch weiter heißen. Da sitze«: sie und erzählen und lache«: in den wonnige«: Ostersonntag hinein. Und ich wandere, von Haus zu Haus grüßend, durchs traute Dorf, höre die liebe alte Linde raus«chen, folge dem Laufe der guten: alten „Deke", in der man als Junge so unermüdlich „patschte", und steige in die Wiesenhöfe oberhalb des Dorfes hinauf. Menschenscharen kommen vom Dorfe herauf, die ersten eilend und springend, die nächste«: in gleichmäßigen Schritten, die letzten langsam und „stuppelnd". Die Kinder des Dorfes sind's, die Jünglinge und Jungfrauen, die Väter, die Großväter, die Urgroßväter, die Mütter, die Großmütter und die Urgroßmütter — es ist das ganze Dorf, soweit es Beine hat. Und wessen Beine schwach und müde sind vor Alter, oder wer sonst das Geruhsame vorzieht, wie besonders die gute«: behäbigen Mütter, setzt sich auf den sonnenwarmen Rasenhügel oder in eine windstille Ecke des Haselgebüsches, weidet seine Augen und labt seine Ohren an dem herrlichen Osterleben, das in den großen Wiesenhöfen auf und ab sich entfaltet: Rüstige Greise schlagen den Ball, und gesetzte Männer laufen mit flinken Jünglingen ums Ziel. Die Alten mit de«: Jungen, die Jungen mit den Alten, und einerlei, ob Herr, ob Knecht. So ist es Osterbrauch. Andere begnügten sich mit dem „Pohllapen" (Pfahllaufen). Zwei Parteien trete«: gegeneinander auf, ein Pfahl wird in die Erde geschlagen und ei«: langes Seil daran dicht Über der Erde festgeknüpft. Run gilt die Wette: die Pfahlpartei wählt einen Ääufer, der in der menschenmöglich kürzesten Zeit das Ziel um den Pfahl zu laufen hat, während die andere Partei ihren besten Läufer nach einem bestimmten, eine gute halbe Stunde entfernten Punkte des Hohenhagens sendet, wohin die Seilpartei ihre Zeugen bereits vorausgeschickt hat. Kommt der Läufer Dein Hohenhagen zurück, ehe das Seil zu Ende gelaufen ist, muß die Seilpartei de«: Ostertrunk bezahlen, und umgekehrt. Ha, da gilt’S! Natürlich lockt dies Wettspiel zahlreiche Zuschauer an, die den Ausfall mit größter Spannung verfolgen. Die Mädchen mit ihren Liebsten und Altersgenossen ergötzen sich unterdessen ort den lustigen Singspielen. Ueber die ganze Wiesenbreits hi«: wirbeln die Kreise, hüpfen die langen bunten Reihen, laufen die Scharen. Kein Spiel, ja keine Bewegung, die nicht durch ein lustiges, weint auch oft sehr mysteriöses Liedchen begleitet würde, oder zu de«n nicht ein jauchzender Ruf ertönte, wie: „Miene Mutter hat eseggt, eck soll deck san'n dick, dick, dick Brat geben!" (Weine Mutter hat gesagt, ich sollte dir s'on dick, dick, dick Brot geben!) Oder: „Süh deck nech ümme, bei Puck Bei kömmt, Süh deck woll vor, hei fielt ’r Herdor." (Sieh dich nicht um, der Puck der kömmt: Sieh dich Wohl vor, er schlägt plötzlich zu.) Oder: „Wir wollen nun haben die erste Tochter, Juchheissasa, Pilatus." „Was wollt ihr mit der ersten Tochter? Juchheissafa, Pilatus." „Wir wollen sie in das Kloster haben! Juchheissasa, Pilatus." „In was für’n Kloster soll sie gehn? Juchheissasa, Pilatus." „J«rs Rosemnarienkloster soll sie gehn. Juchheissasa, Pilatus." „So nehmt nun hin die erste Tochter. Juchheissasa, Pilatus." usw. Jnzwische«: ist natürlich den Männern und Burschen der Gaumen trocken geworden, — man legt „ 'ne Kleinigkeit" zusammen. das heißt auf jeden Kopf einen halben, wenn's hoch kommt, einen ganzen Mariengroschen oder acht Pfennig und sendet mit dem Ergebnis den Eilfertigsten zum Kruge. Ein Diertelstündchen vergeht, und der Gesandte kommt zurück mit einer dickbäuchige«: Korbflasche im Arm, gefüllt mit dem lautersten „Worte Gottes", wie man etwas ungeziemend den im Dorfe selbst gebrannten Korn- branntwein nennt. Man hat aber selbstverständlich auch an die „ Fröuensleue" (Frauensleute) gedacht und für sie gleichzeitig ent Krüglein des süßen braunen Kirsches mitbringen lassen. Die dicke Flasche und der schmale Krug werden a«: die Hecke gestellt, bis die noch wirbelnden Spiele beendet sind. Die Alten trocknen sich mit dem blauen Kittelpizfel den Schweiß von der Stirn, die einzelnen Kreise lösen sich auf, und die Männer und Frauen bilden je für sich regelmäßige Reihen, damit beim Kredenzen des Trunkes keiner übergangen werben kann. Mit fröhliches Danke nehmen die Frauen das Krüglein entgegen, und unter großer Ausgelassenheit, unter weithin tönenden: Scherzen und Lachen wandert das kleine „Stutzglas" von Hand zu Hand. Es ist indes, als hätte die Lustigkeit noch einen besonderen Grund. Seht doch die Männer! Da sitzen sie, gestikulieren mit den Armen, drehen die Köpfe nach der linken Seite, nach der rechten Seite, wieder nach links und wieder nach rechts — bis plötzlich — 103 — alle nach den Frauen hinüber drohen. „Ha, die Ausbünde! Da müssen wir doch gleich mal nach den Schürzen sehen. — Zoll- Wächter, vor!" Sieh, sieh, schon ist es klar, welch einen besonderen Grund die Lustigkeit hatte: Während man das liebevoll kredenzte Krüg- lein in Empfang nahm, war Bormanns Bore, die immer einen Schalk im Macken hatte, heimlich zu der ahnungslosen Korbflasche geschlichen und mit ihr ebenso heimlich unter die Freundinnen! zurückgekehrt, wo man den Raub mm mit aller Sorgfalt unter sich verbarg. Jetzt also die Visitation! Anter den ungezahlten Schurzen verstehen die Weibsleute die Flasche so geschickt zu dirigieren, daß die Männer keine geringe Mühe haben, ihrer nur einmal ansichtig, geschweige denn habhaft zu werden. Indes scheint sie diese Mühe durchaus nicht zu verdrießen, bietet sie doch reiche Gelegenheit zu allerlei reizvollen und mehr oder weniger gewagten Liebesattacken. , _ Endlich legt sich der Jubel: der kostbare Raub ist glücklich erwischt und wird seiner natürlichen Bestimmung zugeführt. Nun- beginnt das lustige Spiel auf allen Seiten von neuem und dauert, bis das Vieh zur Tränke geführt werden must. And das geschieht heute zeitiger, als an anderen Feiertagen, denn mit Anbruch der Dämmerung will jeder möglichst schon auf dem „Götterberge" sein, um das „Pooschefeuer" mit anzusehen. Zum geruhigen Abendessen in der Stube bleibt da freilich kein« Zeit. Man nimmt sich seine bunten „Pooscheier" mit, und wer den Liebsten droben beim Feuer erhofft, oder sonst jemand eine Osterfveude machen will, hat noch zwei- oder dreimal mehr ins Aest gegriffen. - .. „ 3n der Bestätigung der uralten, seltsamen Brauche rst endlich das „Pooschefeuer" zu einem grasten Kohlenhaufen nieder- gebrannt. Die Eltern, zumeist schwer beladen mit kleiner Menschen- fvacht, treten in der jäh heveingefallenen Dunkelheit den Heimweg an. Das Jungvolk kann sich schwerer trennen und seine mehr schwermütigem als fröhlichen Weisen, in die sich manchmal ein weibliches Aufkreischen mischt, tönen noch eine geraume Weile fort. Am zweiten Osternachmittage finden wir jung und alt wieder auf der Wiese, ebenso am dritten, Das Ende aber erweckt die Volkslust noch einmal in ihrer ganzen Gröhe und Eigenartigkeit. Ein Spieltrupp hat gerade begonnen, dem ausgeführten Liede gemäß als Jäger durch den Dusch zu kriechen, „kruppen", als plötzlich „Hingerdörs Lottchen" und „Bornemanns Aore" sich an die Spitze des langen Zuges stellen. Bon allen Seiten eilen die Burschen und Mädchen herzu und fassen sich bei den Händen. Eine einzige, unendlich lange Kette schmiedet sich, Hingerdörs Lottchen und Dornemanns More vorn an; die nun unter weithinhallendem Jauchzen und Singen durchs ganze Dorf gezogen wird, Straste auf, Straße ab, über Hecken und Zäune, ja selbst durch manches Haus, dessen Tür unvorsichtigerweise offen gelassen wurde. Wie's den beiden Führerinnen je im Augenblicke einfällt, muh die Kette wandern. „Jetzt nah'n Howe!" (nach dein Grits Hofe) heistt's auf einmal. Alle Zäun« beben, alle Gänse und Hühner kreischen. Denn der geradeste Weg ist in diesem Falle der beste, weil der lustigste. An der Schlostgartenmauer hinauf rasselt die Kette und jetzt um das hohe Schloß herum, ,-a . ' Am anderen Morgen finden wir di« vsterfröhlichem Scharen brausten auf dem Felde, fleißig hantierend mit Hacke, Spaten und Pflug. Das war mein Heimatdorf am Fuste des Hohenhagen. Später lebte ich mehrere Jahre in einem Dörflein am Solling« Walde. Es hatte ebenfalls einen herrlichen Gemeindeanger, der von den Dauern gemeinsam gehegt und, gepflegt, gemeinsam gehütet und geerntet wurde, auf dem sie ihre Feste feierten und auf dem das Jungvolk sich noch vor wenigen Jahren an feinen alteverbten Osterspiele-n vergnügte. Da kam der Geometer mit der Westkette ins Dorf imt> es wurden kurze Pfähle durch die ganze Feldmark geschlagen und mathematisch genaue Flächen geschnitten und es dauerte nahezu drei Jahre, da war alles nivelliert und alles auf den Kopf gestellt, und die Bauern muhten Geld schwitzen wie noch nie in ihrem Leben. Dann wurde jedem „Reihn berechtigten" ein Fetzen von dem Gemeindeanger zugeteilt, von den so Beglückten mit ungestümer Gier der Rasen umbrochen. And auf einmal waren lauter — Kahlköpfe da, wo vordem tausend Jahr und Anger die fröhlichen Leute gesungen und gesprungen hatten. Am nächsten Osterfeste ging ich .wehmütigen' Sinnes durch das ernüchterte Dorf und sah eine Schar junger Mädchen schlaff und still unter einer Wagenfcheuer sitzen; aus den Wirtsstuben aber, gedrängt voll, tonte es unter krachenden Faustschlägen: „Kreuz ist Trumpf!" Denn andere Spiele gab es nun nicht mehr. Abend aus Golgatha. Von Gottfried Keller. Eben die dornige Krone geneiget, verschied der Erlöser, Weißlich in dämmernder Luft glänzte die Schulter des Herrn; Siehe, da schwebte, vom tauigen Schimmer gelockt, die Phaläne Flatternd hernieder, zu ruhn dort, wo gelastet das Kreuz. Langsam schlug sie ein Weilchen die samtenen Flügel zusammen, Breitet sie aus und entschwand fern in di« sinkende Rächt. Dicht ganz blieb verlassen ihr Schöpfer, den Pfeiler des Kreuzes Hielt umfangen das Weib, das er zur Mutter sich schuf. . Die Nacht auf dem Blocken. Novelle von Alfred Dock. (Schluß.) Frau Balser bog den Kopf zurück: „Wir bleiben auf unfern, Dlacken!" „Jeder nach seinem Geschmack!" brummelte der Ortsdiener, und entfernte sich. Der Mond schickte sein silbernes Licht herab. Die Lust war sommerhaft warm. Fernher Hang das Rauschen des Dachs und verschmolz mit geheimnisvollen Stimmen der Nacht. Sorgsam hüllte Frau Balser die todmüden Buben in Decken ein. Sie selbst liest sich auf einem Strohsack nieder und hing ihren Gedanken nach. Der Bürgermeister hatte die Gendarmen beordert. Die Ivürden den widerborstigen Hermann Jaeckel zwingen, sein Dachgeschoß den Mietleuten zu überlassen. Zogen sie ein, dessen war Frau Balser gewiß, löste ein Skandal den andern ab. Sie mochten Häuseln, toto sie wollten^ immer würde der Peter, der Wehrwolf, jappeu. Grauen fahte sie an. Sie legte die Hände auf die Stirn. Sie sehnte die Stunde herbei, da das Ahrwerk, das in ihr zerrte, abgelaufen war. Lieber tot, als so ein erbärmlich Leben. Ihr Blick fiel auf die beiden Buben, die fest wie Murmeltiere schliefen. Ihre düstere Miene hellte sich auf. An ihren Kindern klomm ihre Hoffnung empor. Was die versprachen, wurden sie halten. Am ihrer Kinder willen durste sie den Kops nrcht D-ctlietcn. Sie bewegte die Arme. Sie ging ihren geraden Weg weiter. „Hier auf dem Dlacken bau ich mir ein Haus!" hatte sie den Rohlingen, die sie mit Spott übergossen, ins Gesicht geschlmrderü Schier unbesonnen und doch nicht ohne Bedacht. Die Fabrik in Landershausen nahm einen großen Aufschwung. Der Ge° fchäftsherr hatte beschlossen, seinen Arbeitern Wohngelegen- heiteu zu verschaffen. Vielleicht, daß er sich dazu verstand, ihr, die sie mit ihren Söhnen treue Arbeit verrichtete, em kleines Haus zu bauen. Er war ein Mann von freundlicher Art. Erst kürzlich hatte er bekanntmachen lassen, er sei für reden seiner Leute zu sprechen. Demnach auch für sie. Darum mch^ auf die lange Dank geschoben. Morgen am Tag faßte sie sich ein Herz und trug dem Herrn ihre Ditte vor. Kurz vor Mitternacht ratterte das Lauterbacher Wägelchen des Hermann Jaeckel durch die Brückengasfe. Er und ferne Frau lachten sich ins Fäustchen. Doch sie hatten di« Rechnung ohne den Wirt gemacht. In aller Herrgottsst-iche ruckten die Gendarmen an. Anter ihrem Schutz zogen die Balsers m das Dachgeschoß, das ihnen zustand, ein. Der Jaeckel fluchte, als wollte er dem Teufel zur Wfe läuten. Man ist net mehr Herr rn fernem Haus , brüllte er. »Das liegt" an der verflammten Zeit. Alleweil sind die Lumpenstecher dran. Dur Geduld. Das Recht muh doch wieder oben hin kommen .Wenn Sie sich Pöbeleien gegen Ihre Mietleute erlauben schnauzten ihn die Gendarmen an, „spazieren Sie ins -och. ^^ckme^AuMi^röllten wild umher. Aber er hielt nun den 2tan®ec Peter hatte für die neue Wohnung nur ein vmÄchtliches Achselzucken. Sobald der Einzug vollzogen war, verschwand er,