Gietzener zamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en 50. Januar Nummer 9 Sinngedichte Friedrich von Lognus. (1605-1655) Aus „Deutscher Jahrweiser 1926 mit Sprüchen von Friedrich v. Logau", Vertag von Wilh. Gerstung, Offenbach a, M. Ein Mühlstein und ein Menscheicherz wird stets herurngetrieben! Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben. Ein Trojanisch Pferd scheinet unser Friede sein: Stecket voller ®Ä>H, reistet viel Verfassung ein. » Wer einen 2lal beim Schwänze und Weiber faßt bei Worten, Wie feste der gleich hält, hält nichts an beiden Orten. Unsrer Herzen hartes Feld soll sich öffnen zu der Frucht, Die der Höchste von uns heischt und der Nächste bei uns sucht. Ob seinen Glauben gleich ein jeder schützt und preiset, Hat doch den besten, wer am besten sich beweiset. Guter Wein verderbt den Deutel, böser schadet sehr dem Magen: Vesser aber ist, den Beutel als den guten Magen plagen. » Wer gar zu bieder ist, bleibt zwar ein redlich Mann, Bleibt aber, wo er ist, kommt selten höher an. Wenn dieses Freiheit ist, frei tun nach aller Lust, So sind ein freies Volk die Sau in ihrem Wust. I>n Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod. < Wenn so oft an Gott man dächte, als man an die Steuer denkt. Wär' uns, glaub' ich längst zurecht« Fried' und Ruh' von Gott * geschenkt. Ärieg hat den Harnisch weggelegt, der Friede zieht ihn an: Wir wissen, was der Krieg verübt, wer weiß, was Friede kcnm? Anders sein und anders scheinen: anders reden, anders meinen: Alles loben, alles tragen: allen heucheln, stets behagen: Allem Winde Segel geben: Dösen, Guten dienstbar leben: Alles Tun und alles Dichten bloß auf eignen Nutzen richten: Wer sich dessen will befleißen, kann politisch heuer heißen. (Ein neuaufgefundener Brief Goethes von der zweiten Schweizerreise. Mitgeteilt von Dr. Fritz Adolf Hünich „Haben- Sie viel Danck theuerster HE. Collega für Ähren angenehmen Brief, ich erhielt ihn schon als wir das erstemal in Bern ankamon. Seit der Zeit haben wir den Weeg durch die Eisgebürge des Cantons und was dran hängt gemacht, wir haben den Staubbach, die Glatscher im Lsuterbrunn und Grindel» Wald, den Fall des Reichenbachs, Mehringen, das Thal nach der Grimsel bis Guthdan-ne-n, den Bregenzer und Thuner Dee pp bey dem schönsten Wetter mit allem Glück und Zufriedenheit gesehen, und die Schönheit und Herrlichkeit dieser Gegenstände geht über alle Gedancken und Worte. Der Herzog ist sehr vergnügt daß es so auserordentlich geglückt hat. Leben Sie wohl behasten Sie mich lieb, grüs-en Sie gute Freunde, und bleiben von meiner Treue überzeugt. NB ich kan Sie versichern daß ich beh schönen Gegenständen offt an Sie gedacht habe. Eben erhalt ich auch Ihr zweites nubiloses Schreiben, weder in materia noch forma ist ienes Betragen gut und hübsch. Halten Sie Sich wack r, und lassen Sie bald wieder von Sich hören. Bern d. 16. Oktbr. 1779. Wir schwäzzen hier den ganzen Tag mit den Bernern von ihrer Regimentsform. Der Herzog fragt brav aus und ist auf alles aufmercksam. Wir sehen auch was zu sehen ist. G." Gibt es überhaupt noch Briefe Goethes, die nicht von der Forschung aufgespürt sind? So werden die Goethe-Kenner ost ««fragt. Der vorstehende Brief ist die Antwort darauf. Freilich ist ein sicher Fund eine Seltenheit, und eine um so größere alä es sich um ein Dokument aus den ersten Weimarer Jahren bandelt. Der Brief befindet sich jetzt in der Sammlung Klppenberg in Leipzig und wird von Max Hecker ™ An weben erschienenen fünften Baud von deren „Jahr» buch (Insel-Verlag) mit einem Kommentar veröffentlicht, dem wir die folgenden Angaben entnehmen. ... Der ohne Bezeichnung des Empfängers überlieferte Brief Goethes Kollegen im Geheimen Conseil den Geheimen ® a 11 Friedrich Schnallst gerichtet. Am 12. September 1779 hatten Carl August und Goethe die Schweizer Rerfe angetreten. „Von Basel her über den Bieler See und Murtener See kommend," so lesen wir in Heckers Erläuterungen „trafen die Reisenden am 7. Oktober zum ersten Male in Bern em: hier erreichte sie der erste Brief von Schnaust. Am 8. Oktober begmm die Fahrt durch die „Eisgebürge "des Kantons: am 15. Oktober mittags war man wieder in Bern. Daß sich 6er Re'.smldsn Hauptaugenmerk auf die Berner Regimentsform richtete, begreift sich: es war eine rein oligarchische Verfassung. Eben vor einem Menschenalter, im Geburtsjahre Goethes, hatte Samuel Henzi (wir kennen ihn, wenn nicht aus der Lokalgeschichte der Stadt, so doch aus Lessings Dramenfragment) sie zu reformieren gesucht: er hatte sein ilnternehmen mit dem Tode sühnen müssen. .Und eine Einrichtung war dabei vor allen andern besonderer Beachtung wert: der „Arußere Stand", eine Bereini- gur^ der jüngeren Patrizier, die halb im Spiel, halb im Ernst, halb als Zeitvertreib, halb als Vorübung auf spätere Wirksamkeit im eigenen Haus« seit Jahrhunderten eine staatlich anerkannt« Nachahmung der wirklichen Republik mit allen ihren Aemtern und Geschäften aufgerichtet hatte,-, von dem Sohne Karl Ferdinand des Stadtschultheißen Friedrich v. Sinner eingeführt, haben die Reifenden am 16. Oktober einer Sitzung dieses „Aeußeren Standes" beigewohnt. Was es nun aber mit Schwu-- ßens zweitem Briefe, dem „nubilofen Schreiben" auf sich haben mag, weiß ich nicht zu sagen: als Goethe, bevor er die dritte Schweizerreise antrat, alle seine Briefschaften verbrannte, wird das Feuer auch dieses „rmbilofe Schreiben" verzehrt haben, und mrs andern Quellen war keine Deutung zu gewinne? " Der Winter im Bttd. Von Walther Appelt -Plauen. Man hat -den Winter einen Schwarz-Weih-Künstler genannt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, daß diese Definition nur heuen genügen kann, die entweder keinen Sina oder nicht einmal ein Auge für die Natur haben. Denen also, die zu b-quem, vielleicht auch zu schwerfällig sind, eine Landschaft wahrhaft in sich aufzunehmen, — wenn sie es nicht überhaupt vorziehen, selbst an freien Tagen oder Nachmittagen Hinterm Ofen hocken zu bleiben. Für die mag der Winter freilich der Schwarz-Weiß- Künstler sein, der er für uns andere nur in vereinzelten Fällen gewisser Witterungslagen ist. Sie wissen, daß die Natur ihr grünes, blumenbuntes Sommerkleid abgelegt und daß der Winter ordnungsgemäß eine weiße Decke über Aecker und Fluren zu breiten hat. Von so oberflächlicher Einstellung wollen die andern, die offenen Auges und wachen Sinnes durch die Natur gehen, nichts wissen. Ihnen ist das Weiß des Schnees nicht nur wissenschaftlich-theoretisch die Summe aller Farben, sondern sie erleben auch immer wieder die wunderbar reiche Farbigkeit, die eine — nur scheinbar eintönige und tote — Winterlandschaft ausstrahlt. Fragt sie einmal, „wie Schnee aussieht"! Sie werden euch alle Farben des Regenbogens nennen, der eine die, der andere jene, wie sie jeder Lichtstrahl — nicht nur der Sonne, sondern auch des Mondes — im Kristall des einzelnen Schneesterns aufgleihen läßt. Weiß aber, rein und vorbehaltlos, uneingeschränkt weiß wird den Schnee keiner finden. Das bestätigen auch immer wieder die Bilder, die den Winter als landschaftbestimmenden Faktor darzustellen versuchen. Nicht nur daß ein Künstler den Schnee vorwiegend blau, ein anderer gelb, ein dritter geradezu bunt wiedergibt, — auch in Werken des gleichen Malers finden wir oft Abweichungen, die nicht nur oder gar nicht durch DeleuchtungSverschiedenh eiten zu erklären sind. Daß die meisten Betrachter das gar nicht verwunderlich, nicht einmal der Mühe wert finden, sonderlich darüber nachzu- denken, beweist vollauf, daß der Grund der Erschein.n v t Wegs Willkür der Künstler sein kann. @3 beweist aber auch, daß die „individuelle Freiheit im künstlerischen Schaffen" mehr ist <68 ein tendenziöser Programmpunkt der und jener „Dichtung". Gerade in der Darstellung des Schnees haben Künstler weit zurückliegender Epochen unbewußt Forderungen der 3m» und teilweise sogar der Expressionisten erfüllt. (Ratürlich ohne sie zu kennen, denn sie waren ja damals noch gar nicht formuliert ausgestellt.) Künstler, die weitaus mehr nach Maßgabe des nüchternen Verstandes als des hingabefrendigen Auges inalten, für deren Atelierweisheit der Schnee also hätte weih sein müssen, haben doch gerade den Schnee gemalt, wie sie ihn sahen. Ja. einige sind noch weitergegangen rmd haben den Winter in ihren Wersten so gestaltet, wie sie ihn erlebten. (Eine Detrachtrmg, die sich auch auf das Gebiet der Dichtung übertragen läht. Manches Winterliche aus dem ältesten uns erhaltenen Dolksliedschah steht in präzis beobachtender Klarheit oder expressiver Erlebnisstärke dem heutigen Empfinden viel näher als etwa Klopstocks Oden, die doch nie Minz den Schreibtisch verleugnen können.) Den breitesten Raum in der Gestaltung des malerischen Pro- blems „Winter" nimmt die direkte landschaftliche Behandlung ein, die zweifellos auch die älteste ist. Am andern Ende der — bisherigen — Entwicklung steht die indirekte, mittelbare Art. Es bedurfte wohl doch erst allgemeineren Verständnisses für das, toaS wir unter dem Sammelimmen Expressionismus „Ausdruckskunst" nennen, ehe die Künstler eine Raturerschei- nung, hier also eine Jahreszeit, nur oder doch überwiegend in ihren Auswirkungen darstellen konnten. And wir muhten vielleicht auch erst durch die Zwischenstufe hindurch, die nicht anders glaubte auskommen zu können, als daß sie die winterlichen Kräfte personifizierte oder symbolisierte. (Wozu ihr die Mythenwelt der Sage und des Märchens den Weg wies.) Richt bestritten sei, daß sowohl diese als auch die bloß wieder- gebende Art noch heute in der Kunst ihren Platz wie auch ihre Daseinsberechtigung haben. Die Frage aber, wo die tiefste Verinnerlichung und somit auch die stärkste schöpferische Kraft liegt, mttfj doch wohl zugunsten der neueren Tendenzen beantwortet werden. Zugunsten einer Kunst, die die schneidende Kälte froststarrender Fluren oder Mauern, die das grimme Frieren der Kreatur, einschließlich des Menschen, unter Verzicht auf äußere Attribute auszudrücken weiß. And zwar so auszudrücken, daß jeder einigermaßen Einfühlungsfähige und -willige davon erfaßt wird. Das aber ist in größerem Mähe eben doch erst in unseren Jahrzehnten möglich geworden. Diese Ausführungen mit der Aufzählung von Ramen zu belasten, war unnötig. Ihre Absicht war ja nur, ein gewisses System in die außerordentlich große Zahl von Winterbildern zu bringen. Die Einordnung des Materials im Einzelnen kann durchaus dem Leser überlassen bleiben. Der Schinderhannes. Von Kurt Kersten. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts brausen die Stürme' der Revolutionskriege über die Rheinlande dahin, die Heere ziehen Hin und her. Schlachten werden geschlagen, die alten Staatsformen zertrümnrert, die Franzosen besetzen die rheinischen Städte und richten Verwaltungen ein, der Adel wird davongejagt, der Klerus vieler Privilegien beraubt, auf dem Lande herrscht bald Anarchie, die Deserteure ziehen räubernd durchs Land, die wirtschaftliche Krise wirst viele Existenzen auf die Straße, es gibt keine Ruhe, die Provinzen am Rhein werden ein Festungsglacis, hinüber, herüber brausen die Stürme. In diesen Jahren des Versalles und des Werdens, des Vergehens und Entstehens — zieht ein verwegener Bursch' mit einer Dotte von Gesellen, die nichts mehr zu verlieren haben, plündernd, sengend, brennend, mordend durch die Lande; jahrelang wächst diese Herrschaft der Räuberbande des schon zu Lebzeiten legendenhaften „Schinderhannes", dessen Rame uns bis auf den heutigen Tag vor den Ohren klingt — wir wissen sonst kaum noch etwas von ihm, man wittert den Geruch von Blut und Brand, mehr dürften die meisten wohl kaum wissen. Dieser Mensch hat eine lange Reihe von Jahren das flache Land am Mittel- und Riederrhein faktisch beherrscht, er wurde bewundert, gefürchtet, gehaßt und beneidet, er war der Schrecken der Kinder und Großen; zugleich umgab ihn ein geheimnisvoller romantischer Schimmer — wenn man ihn nicht vermutete, war er da. Wie das Schicksal pochte er an hie Türen der Leichtsertign und Hoffärtigen, die ihn verhöhnten und verlachten. Das Spiel ging immer auf Leben und Tod, es gibt dramatische Höhepunkte darin, dann kommt die Wendung, der Abstieg, das Ende aus den, Schafott. Der Schinderhannes hat einmal wegwerfend vom General Bonaparte gesprochen — wo in aller Welt hat er mehr Gründe sich zum Herrn aufzuwerfen, als ich! Es steckt viel Anarchismus in der Vorstellung des Bandenführers, der mit seinen Lumpen- Proleten, seiner Hartisanenkolonne durch die Lande zog. Sein Fehler war, daß er sich keinen Zweck setzte. Hatte die große Umwälzung es verstanden, Elemente, die infolge ökonomischer Krisen aus der Gesellschaft ausgestoßen waren, wieder einzugliedern, würde man vielleicht einen solchen Partisanenhäuptling aufgefordert haben, sich den Revolutionsheeren anzuschließen, für einen neuen Staat zu arbeiten, zu kämpfen. Der Schinderhannes hieß eigentlich Johannes Buchler, sein Vater war Abdecker, er sollte dasselbe werden, dann kam ein Zwischenfall; ein dummer Streich, eine harte Strafe: öffentliche Auspeitschung auf dem Markte eines kleines rheinischen Städtchens wegen einer Lappalie — 'raus aus der Lehre — gekränkter Ehrgeiz, verlorene Stellung — schwer, wieder unter* zukommen, Wirtschaftskrisen, Kriege, Amwälzungen — so vagabundiert er eine Weile —, wundert man sich, daß er eines Tages ungewollt in eine Totschlagsaffäre verwickelt wird, und es nun bald kein Halten mehr gibt, daß der Weg abwärts geht und der junge unverwüstliche Landstreicher nun ein fabelhaftes Organisationstalent entwickelt, zunächst nicht planmäßig, aber getrieben von Fall zu Fall, räubemrd durch die Lande zieht, Geschick zeigt, auf Menschen eine seltene Anziehungskraft ausübt, sich geben kann, wie er ist, vom Glück begünstigt wird?! Man hat seinen Schicksale, Streiche und Fahrten jetzt wieder aufgeschrieben, und liest sie voller Teilnahme: „Schinderhannes — der rheinische Rebell" von Eurt Ehrenspoek heißt das Buch, das dieses Opfers einer Gesellschaftsordnung gedenkt. Es freut einen, daß man eine Stunde einem solchen LüderliH und starken Kerl widmen staun, den zu seinen Lebzeiten alle Welt gefürchtet und gehaßt hat. Es freut einem, wenn man liest, daß sich dieser Mensch sehr wohl seine Leute aussuchte, die er aus plünderte: da sind es Händler, Beamte, feine Herren, denen er einer Schabernack spielte. Er selbst hat nie seine Opfer brutalisiert, geschweige, daß er überlegt getötet hätte. Er war kein Mörder, er glaubte ein Rächer zu sein, seine Leute allerdings hatte er meist nicht in der Gewalt; als er auftrat, waren etwa 15 Jahre verstrichen, feit Schiller seine „Räuber" geschrieben hatte. Von ihnen hatte der Hannes kaum etwas gehört, geschweige, daß er sie gelesen hätte —, so wußte er nichts von Spiegelberg und Ratzmann. Aber macht es nicht doch stutzig, daß wir hier einen Karl Moor vor uns sehen, allerdings ohne den pathetischen Schwung? Ist es nicht charakteristisch. daß also dock) solche Stücke, tote alle Werke, den Dichtern nicht aus der Luft zufliegen, sondern in der Luft drin sind? And daß es da Zusammenhänge gibt, und wir überhaupt in einer Epoche der radikalen Ausklärung sind, und der Ausklang des Rokoko erfüllt ist vom Juchhu der Räuber und vom Greinen der Ausgeraubten. Der Harmes konnte sich endlich aus einer Feste einnisten, da sah er lange, und niemand tat ihm etwas. And oft hat man sich gefreut, weil er alle seine Streiche stets mit Laune ausführte und einem jeden gewissermaßen einen eigenen Zug gab. O, er war ein guter Fabulist und Eharakteristiker und hielt wohl auch nicht viel von den Menschen und hatte seinen Spaß mit ihnen. Aber dann kommt das Ende. Denn zuletzt wollte ihm nichts mehr gelingen, die Fehlschläge häuften sich, er wurde unsicher, hatte Mißerfolge, so nahm er im Grunde etwas den Ausgang Bonapartes weg, auf den er eifersüchtig war. Da wollte er wieder bürgerlich werden, ein kleiner Spießer sein, und machte sich mit WÄb und Kind in einen entfernten Landesteil auf den Weg, — aber unterwegs haben ifyn die Häscher geschnappt, man hat ihm den Prozeß gemacht, — was half nun der Vorsatz. waS half nun der Gang nach Damaskus? In Mainz wurde er geköpft. Es war int Jahre 1803, im 11. Jahre der einen, unteilbaren Republik — es war auch ihr letztes Jahr. Seine Liebste, die sehr tapfer mit ihm ausgehalten hatte, heiratete später brav und bieder, wurde ein frommes Eheweib und schied hin in Frieden. And im Volkslied ist von einem treuen Hunde die Rede: Bon einem armen Hund, Den einst im Regengüsse Der Schinderhannes sund. Er hat ihn aufgezogen And gab ihm guten Fraß, Dis er hinein geflogen And in dem Kittchen saß. Als man des Sünders Rest.' Run in die Erde grub, Da kam der Hund, der feste Er an zu heulen Hub. Drauf legt er sich dort nieder, Rahm weder Fleisch noch Brot, Erhob sich auch nicht wieder And weinte sich zu Tod. Draus lerne, wer's begreifen kann: Ein Hund ist besser als ein Mann! Das häßlichste Mädchen. Aovelle nach einer amerikanischen Idee. Von Friedrich A. Whneken. „Immer hineinspaziert, meine Herrschaften! Hier sehen Sie das häßlichste Mädchen der Welt!" deklamierte der Ausrufer des Globus-Museums von ein Ahr nachmittags bis elf Ahr abends. Der Klavierspieler begleitete ihn mit abgedroschenen Tanzstücken und Märschen. Tatsächlich war Surrte Small das häßlichste Weib der Welt. Aber obwohl sie eine Warze am Kinn und eine solche auf der Stirn, eine Breite Knollennase, einen Aiesenmund mit vorstehender Anterlippe, kleine schielende Schweinsaugen, farbloses struppiges Haar, unförmig große Hände und Füße und eine Figur besah, die nicht an die Venus von Milo erinnerte, blühte die Schönheit in ihrer Seele mit aller Pracht einer Frühlings- 35 Blume. Ihre Stimme war so süß und melodisch, daß die Direktion Carrie verbot, mit dem Publikum zu sprechen, damit dadurch die Wirkung ihrer Häßlichkeit keine Abschwächung erleiden möge. Eine gute Seite hatte Curries Häßlichkeit wenigstens: Sie verdiente dadurch ihr tägliches Brot: denn die Direktion des Museums bezahlte dem unglücklichen Wesen zwanzig Dollar die Woche für die Schaustellung ihrer Häßlichkeit. Carrie war heimlich in Peter Hilton, den Vorsteher des Flohzirkus verliebt, dessen Kleider sie flickte und in Ordnung hielt, Lleberhaupt zeichnete sich das häßliche Mädchen der Welt durch große Gutmütigkeit aus. Der schreibunkundige Ausrufer Den Volt betraute sie mit der Abfassung von Briefen an seine ferne Gattin. Rabitt, der kleinen Indianerin mit dem Hasengebiß kaufte sie Bonbons und Eiswaffeln. Der fette Mann ließ sich von Earrie sogar hin und wieder die Schuhbänder liefen, weil er sich seines dicken Llnterleibs wegen nur schwer bücken konnte. Es war für Earrie wenigstens ein Trost, daß Peter in kein weibliches Mitglied des Museums verliebt war, und da sich der Flohbändiger sehr oft und freundlich mit ihr unterhielt, begann das häßlichste Mädchen sich heimlichem Hoffen hinzugeben. Als jedoch die spanische Tänzerin Cora Balboa sich der Gesellschaft anschloß, da erreichten die heimlichen Liebesträume des häßlichsten Mädchens ein Ende. Cora, die dunkeläugige schlanke Schöne, hatte es Peter sofort angetan. Von jetzt an blieb ihm keine Zeit mehr für Earrie übrig, und er machte Cora den Hof, wo sich ihm nur die Gelegenheit dazu bot. »Bur herein, meine Herrschaften! Hier! Hierher! Hier zu sehen ist der fette Mann, die Indianerin mit den Hasenzähnen, die drainiertem Flöhe, Eora, die berühmte spanische Tänzerin, Elektra, der menschliche Dynamo, der urkomische abgebrochene Riese Kurz, und endlich Earrie, das häßlichste Mädchen der Welt!" Bei dieser Ankündigung würdigte Eora zum erstenmal ihre Kollegin Carrie eines flüchtigen Blickes und sagte mit selbstzufriedenem Lächeln $u Peter: „Heiliger Strohsack, die arme Pflanze hat ja ein Gesicht, das selbst dem lieben Gott nicht gefallen kann!“ Heiße Tränen traten dem häßlichsten Mädchen in die Augen, das sich längst an ähnliche Bemerkungen aus den Kreisen des Publikums gewöhnt hatte. Zum ersten Male fühlte sich Carrie auf das grausamste verletzt; — denn Peter lachte über die Bemerkung der schönen Tänzerin. „Dies hier ist der dickste Mann der Welt", erklärte der Führer dem Publikum, das er als Mentor durch das Museum geleitete. „Er wiegt sieben Zentner und fünfundvierzig Pfund und möchte gern heiraten. Schöne Gelegenheit für eine der anwesenden Damen!" Fröhliches Gelächter! Dann kam Carrie an die Reihe: „Lind hier, meine Freunde", begann der Ausrufer wieder, „ist Miß Carrie Small, die als häßlichstes Mädchen der Welt preisgekrönt worden ist. Wir bieten fünftausend Dollar dem Mädchen, das nachweislich noch häßlicher ist als Miß Earrie Small." Cora warf einen verachtungsvollen Blick zu Carrie hinüber und kokettierte bann mit Peter, der vor seinem Flohzirkus saß. Carries Hände wnklammerten krampfhaft die Arme ihres Stuhls, als der Geliebte die Tänzerin antäd^ite. „Miß Small ist fünfundzivanzig Kahre alt und sucht einen Gatten!" Die Zuschauer brüllten vor Lachen. Carrie lächelte zwangsweise, wie man es ihr vorgeschrieben hatte. „Einmal hat sie ein Heiratsgesuch beantwortet, woraus sich ein sechsmonatiger Briefwechsel entwickelte/ Endlich verlangte der Ehekandidat ihr Bild, das fte ihm umgehend zuschickte. Als der arme Mann das anschaute, fiel er sofort tot zu Boden!" Erneutes Gelächter bewies auch heute wieder, daß Miß Carrie nach wie vor die komischste Attraktion des Museums war. Endlich forderte der Führer noch zum Kauf der Bilder Cannes auf, um damit die „Ratten zu verscheuchen". Das arme Geschöpf zitterte am ganzen Leib. Ihr Kumnrer erreichte jedoch den Höhepunkt, als der Führer fvrtfuhr: „Lind nun, meine Herrschaften, gehen wir vom Lächerlichsten zmn Erhabensten über. Sie sahen soeben das häßlichste Mädchen der Welt; — hier erblicken Sie eines der schönsten!" Rosafarbige Fußlampen wurden jetzt angedreht und setzten Coras dunkle Schönheit in das rechte Licht. Ihre Augen glühten. Das Publikum drängte sich entzückt in die Nähe der Tänzerin, und Peter stand vor dem Flohzirkus auf dem Stuhl. Die Besucher brachen In wilden Beifall aus, als Eora ihren spanischen Tanz beendet hatte. Todesqualen erfüllten das Herz des häßlichsten Mädchens. Seit Coras Ankunft erst fühlte sie die Tiefe und Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe zu Peter. Dazu kam noch, daß man Cora des Vergleiches wegen dicht neben Carrie aufgestellt hatte, so daß die Aermste alle Gespräche des Geliebten mit der Tänzer!:: hören mußte, und Peter versäumte keinen freien Augenblick, ferner Flamme Schmeicheleien zu sagen. Als Peter dem häßlichsten Mädchen nach Verlauf von drei Wochen mitteilte, daß er Cora heiraten werde, da schien das Llnglücl der armen Earrie vollkommen zu sein. Cora lud die flanke Gesellschaft zur Hochzeit ein. Aber Carrie konnte sich nicht dazu zwingen, der Trauung Peters beizuwohnen. Dor dem Hochzeitstage Peters verbrachte sie eine schlaflose Nacht. Als der Morgen graute, erhob sich Carrie hohläugig und blaß von ihrem Lager, häßlicher als jemals zuvor durch ihr Oei&en. Nach langem ziellosen Llmherirren durch die Straßen der Stadt kehrte die Unglückliche in das Museum zurück und ließ sich müde und schwer in ihren Stuhl nieder. Wortlos betete sie, daß ihre Augen und Stimme ihr Elend nicht verraten möchten, wenn die Hochzeitsgesellschaft eintraf. „Ein Telegramm für Miß Cora Balboa," ertönte jetzt am Eingang eine schrille Stimme. Carrie nahm die Depesche in Empfang. Kurz darauf traf der Direktor mit Cora ein. Peter kam nicht mit ihnen. Etwas mußte ihm passiert sein. Carrie erhob sich ahnungsvoll von ihrem Stuhl und fragte, was geschehen war. Llnterdessen hatte Cora das Telegramm erblickt, entriß es Carrie und öffnete es hastig. „Peter ist heute morgen bei einem Spaziergang vor die Stadt von einem Zuge Überfahren worden," sagte der Direktor und schüttelte das graue Haupt. „Kst er tot?“ schrie Carrie entsetzt. „Ach, was!" rief Cora dazwischen. „Eharley Hayes wünscht sich mit mir zu amüsieren, wie er mir telegraphiert! Gut, daß ich mit eurer Bande von Monstrositäten keinen Kontrakt habe." Jetzt verlor Carrie alle Selbstbeherrschung: „Du solltest dich schämen, so zu reden, toemt dein Gatte tot ist," herrschte sie Carrie an. „Er ist ja gar nicht tot!“ entgegnete Cora gelassen. „Besser wär's freilich, als mit abgeschnittenen Deinen leben. Gut, daß es nicht zur Trauung kam. Denn ein Mädchen wie ich mag kein überflüssiges Gepäck mit sich schleppen!“ „Du solltest stolz darauf sein, Peter Hilton zum Mann zu haben," rief Carrie mit aller Kraft ihrer melodischen Stimme. „Ich überlasse dir gern, was von ihm übrig ist. Guten Tag allerseits!“ rief Eora und ging fort. Eine Woche später durfte Carrie Peter zum erstenmal nach dem Llnglücksfall im Hospital besuchen. O, Peter," schluchzte sie und beugte sich auf das schmale Lager des Geliebten herab. „Es ist nicht mehr viel vor mir übrig geblieben," sagte Peter mit trübem Lächeln, „und blind bin ich auch" „Blind auch du Aermster!" klagte das Mädchen leise, wider Willen im innersten Herzen frohlockend: Denn jetzt würde er nicht mehr sehen können, wie häßlich sie war. „Ach, wär' ich doch lieber gleich ganz umgekommen," seufzte er. „O, Liebster, rede doch nicht so,“ schluchzte das Mädchen, und ließ sich vor dem Bett auf die Knie nieder. „So lange ich einen Dollar habe, soll dir nichts fehlen." „Was! Mich von einem Frau ernähren lassen! Das ist doch ausgeschlossen!" „Aber Peter, du mußt doch jemand haben, der für dich sorgt, jemand —", ihre Stimme ertönte wie süßes Flöten, und sie verbarg das Gesicht in der Bettdecke, — „jemand, der dich liebt." Er antwortete nicht und streichelte ihr den Kopf mit zärtlicher Hand. „Ich habe mir für dich den Kopf zerbrochen, habe für dich nachgedacht, Peter," fuhr sie leise fort „Du könntest hinter einem Vorhang fitzen und mit deinen Händen ein paar Marionetten in Bewegung setzen." „Llnd du mit deiner schönen Stimme den Text dazu sprechen!" jubelte Peter hell auf. „Du, mein liebes kleines Vögelchen!" „Du nennst mich dein liebes kleines Vögelchen!" frohlockte das häßlichste Mädchen. „Du, Carrie, wenn du mit einem blinden, halben Mann zufrieden bist dann fömten wir ja heiraten,“ sagte der junge Mensch leise und schüchtern. „Mein liebes kleines Vögelchen, hast du mich genannt" flüsterte das Mädchen. „Llnd nicht wahr, jetzt bin ich nicht mehr häßlich!?" „Nein, du bist schön, wunderschön, mein Lieb!" hauchte der junge Bräutigam rind streichelte sanft das Gesicht der Geliebten. Meiner Mutter. Von Detlev v. Liliencron. Wie oft sah ich die blassen Hände nähen. Ein Dttick für mich — wie liebevoll du sorgtest! Ich sah zum Himmel deine Augen flehen, Ein Wunsch für mich — wie liebevoll &u sorgtest! Lind an mein Bett kamst du mit leisen Zehen, Ein Schutz für mich — wie liebevoll du horchtest! Längst schon dein Grab die Winde überwehen, Ein Gruß für mich — wie liebevoll du sorgtest! Schriftleitung; 0--. Friede. Wilh. Lang«. — Druck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, «. Lange, Gießen. Des Setters Eckfenster. Don E. T- 21. Hoffmann. (Sortierung.) I ch Diese Erfindung macht deinem Schriftstellertalent Ehre, lieber Detter. Doch mir leuchten schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weihen Schwungfedern in die Augen, die sich aus dein dicksten Gedränge des Dolks emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der Pumpe hervor — ein großes, schlankge- wachsenes Frauenzimmer von gar nicht üblem Ansehen — der Lieberrock von rosarotem schweren Sridenzeuge ist funkelnagelneu — der Hut von der neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen Spitzen — weihe Glacehandschuhe. — Was nötigte die elegante, wahrscheinlich zu einem Dejeuner eingeladene Dame sich durch das Gewühl des Marktes zu drängen? Doch wie, auch sie gehört zu den Einkäuferinnen? Sie steht still und winkt einem alten, schmutzigen, zerlumpten Weibe, die ihr, ein lebhaftes Bild der Misere im Hesen des Dolks, mit einem halbzerbrochenen Marktkorbe am Arm, mühsam nachhinkt. Die geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, uin dem erblindeten Land- wehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht, ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der rechten Hand — hilf, Himmel! eine blutrote, noch dazu eine ziemlich mannhaft gebaute Faust kommt zum Dorschein. Doch ohne lange zu suchen und zu wählen, drückte sie dem Blinden rasch ein Stück Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen Promenadenschritt, mit dein sie, ohne sich weiter um ihre zerlumpte Begleiterin zu künnnern, die Charlottenstrahe hinauf nach den Linden wandelt. Der Detter. Das Weib hat, um sich auszuruhen, den Korb an die Erde gesetzt, und du kannst mit einem Blick den» ganzen Einkauf der eleganten Dame übersehen. Ich. Der ist in der Tat wunderlich genug. — Ein Kohlkopf — viele Kartoffeln — einig« Aepfel — ein kleines Brot — einige Heringe in Papier gewickelt — ein Schafkäse, nicht von de« appetitlichsten Farbe — eine Hammelleber — ein kleiner Rosenstock - ein Paar Pantoffeln — ein Stiefelknecht. — Was in aller Welt. D e r D e t t e r. Still, still. Detter, genug von der Rosenroten! — Betrachte aufmerksam jenen Blinden, dem das leichtsinnige Kind der DerderÄiis Almosen spendete. Gibt es ein rührenderes Bild unverdienten menschlichen Elends und frommer, in Gott und Schicksal ergebener Resignation? Mrt dem Rücken an die Mauer des Theaters gelehnt, beide abgedürrbe Knochenhänds auf einen Stab gestützt, den er einen Schritt vorgeschoben, damit das unvernünftige Dolk ihm nicht über di« Füße laufe, das leichenblasse Antlitz emporgehoben, das Landwehrmützchen in die Augen gedrückt, steht er regungslos vom frühen Morgen bis zum Schluß des Markts an derselben Stelle. Ich. Er bettelt, und doch ist für die erblindeten Kriege« so gut gesorgt. Der Detter. Du bist in gar großem Irrtum, lieber Detter. Dieser arme Mensch macht den Knecht eines Weibes, welches Gemüse feilhält, und die zu der niedrigeren Klaff« dieser Verkäuferinnen gehört, da die vornehmere das Gemüse in auf Wagen gepackten Körben herbeifahren läßt. Dieser Blinde kommt nämlich jeden Morgen, mit vollen Gemüsekörben bepackt, wie ein Lasttier, so daß ihn die Bürde beinahe zu Boden drückt und er sich nur mit Müh« im wankenden Schritt mittels des Stabes aufrecht erhält, herbei. Ein« große, robuste Frau, in deren Dienste er steht, oder die ihn vielleicht nur eben zum Hinschaffen des Gemüses auf den Markt gebraucht, gibt sich, wenn mm seine Kräfte beinahe ganz erschöpft sind, kaum di« Mühe, ihn beim Arm zu ergreifen und weiter an Ort und Stelle, nämlich eben an den Platz, den er jetzt einnimmt, hinFühelfen. Hier nimmt sie ihm die Körbe vom Rücken, di« sie selbst hinüberträgt, und läßt ihn stehen, ohne sich im mindesten um ihn eher zu beLimmevnt als bis der Markt geendet ist und sie ihm di« ganz oder nu« zum Teil geleerten Körbe wieder aufpackt. I ch. Es ist doch merkwürdig, daß man die Blindheit, sollten auch die Augen nicht verschlossen sein, oder sollte auch kein anderer sichtbarer Fehler den Mangel des Gesichts verraten, dennoch an der emporgerichteten Stellung des Hauptes, die den Erblindeten eigentümlich sogleich erkennt; es scheint darin ein fortwährendes Streben zu liegen, etwas in der Rächt, die den Blinden umschließt, zu erschauen. DerDetter. Es gibt für »nich keinen rührenderen Anblick, als wenn ich einen solchen Blinden sehe, der mit emporgerichtetem Haupt in die weite Fern« zu schauen scheint. Untergegangen ist für den Armen die Abendröte des Lebens, aber sein inneres Auge strebt schon das ewige Licht zu erblicken, das ihm in dem Jenseits voll Trost, Hoffnung und Seligkeit leuchtet. — Doch ich werde zu ernst. — Der blinde Landwehrmann bietet mir jeden Martttag einen Schatz von Bemerkungen dar. Du gewahrst, lieber Detter, wie sich bei diesem armen Menschen die Mildtätigkeit der Berliner recht lebhaft ausspricht. Ost ziehen ganze Reihen bei ihm vorüber, und keiner daraus verfehlt ihm ein Almosen zu reichen. Aber die Art und Weife, wie dieses gereicht wird, hierin liegt alles. Schau einmal, liebet Detter, eine Zeitlang hin und sag' mir, was du gewahrst. 3 ch Eben kommen drei, vier, fünf stattliche, derbe Hausmägde; die mit zum Teil schwer ins Gewicht fallenden Waren übermäßig vollgepackten Körbe schneiden ihnen beinahe die ner» dichten, blau aufgelaufenen Arm« wund; sie haben Ursache zu eilen, um ihre Last loszuwerden, und doch weilt jede einen Augenblick, greift schnell in der Marktkorb und drückt dem Blinden ein Stück Geld, ohne ihn anzusehen, in die Hand. Die Ausgabe steht als notwendig und unerläßlich auf dem Etat des Martttages. Das ist recht! Da kommt eine Frau, deren Anzug, deren ganzem Wesen man die Behaglichkeit und Wohlhabenheit deutlich anmerkt, — sie bleibt vor dem Invaliden stehen, zieht ein Beutelchen hervor und sucht und sucht, und kein Sttick Geld scheint ihr klein genug zum Akt der Wohltätigkeit, den sie zu vollführen gedenkt — sie ruft ihrer Köchin zu — es findet sich, daß auch ihr dis kleine Münze artsgegangen — sie muß erst bei den Gemüseweibern wechseln — endlich ist der zu verschenkende Dreier herbeigeschafft — nun klopft sie den Blinden auf die Hand, damit er ja merke, daß er etwas empfangen werde — er öffnet den Handteller — di« wohltätige Dame drückt ihm das Geldstück hinein und schließt ihm die Faust, damit di« splendide Gabe ja nicht verloren gehe. — Warum trippelt di« Keine niedliche Mamsell so hin und her und nähert sich immer mehr und mehr dem Blinden? Ha, im Dorbeihuschen hat sie schnell, daß«s gewiß niemand als ich der ich sie auf dem Kern meines Glases habe, bemerkte, dem Blinden ein Stück Geld in die Hand gesteckt — das war gewiß kein Dreier. Der glaue, wohlgemästete Mann im braunen Rock, der dort so gemütlich dahergeschritten kommt, ist gewiß ein sehr reicher Bürger. Auch er bleibt vor dem Blinden stehen und läßt sich in ein langet Gespräch mit ihm ein, indem er den übrigen Leuten den Weg versperrt und sie hindert, dem Blinden Almosen zu spenden; — endlich, endlich zieht er eine mächtige grüne Geldbörse aus der Tasche, entknüpft sie nicht ohne Mühe und wühft so entsetzlich im Gelds, daß ich glaube, es bis hierher klappern zu hören. — Parturiunt montes! — Doch will ich wirklich glauben, daß der edle Menschenfreund, vom Bilde des Jammers hingerissen, sich bis zum schlechten Groschen verstieg. — Bei allem dem meine ich doch, daß der Blinde an den Markttagen nach seiner Art feine geringe Einnahme macht, und mich wundert, daß er alles ohne das mindeste Zeichen von Dankbarkeit annimmt; nur eine leise Bewegung der Lippen, di« ich Wahrzunehmen glaube, zeigt, daß er etwas spricht, was wohl Dank sein mag — doch auch diese Bewegung bemerke ich nur zuweilen. Der Detter. Da hast du den entschiedenen Ausdruck vollkommen abgeschlossener Resignatton: was ist ihm das Geld, er kann es nicht nutzen; erst in der Hand eines andern, dem et sich rücksichtslos anvertrauen muß, erhält er seinen Wert; — ich kann mich sehr irren, aber mir scheint, als wenn das Weib, deren Gemüsekörbe er trägt, eine fatale böse Sieben sei, di« den Armen schlecht hält, unerachltet sie höchstwahrscheinlich alles Geld, was er empfängt, in Beschlag nimmt. Jedesmal, wenn sie die Körbe zurückbringt, keift sie mit dem Blinden, und zwar In dem Grade mehr oder weniger, als sie einen bessern oder schlechtern Markt gemacht hat. Schon das leichenblasse Gesicht, die abgehungerte Gestalt, die zerlumpte Kleidung des Blinden läßt vermuten, daß feine Lage schlimm genug ist, und es wäre die Sache eines tätigen Menschenfreundes, diesem Verhältnis näher nachzu- forfchen. Ich. Indem ich den ganzen Markt überschau«, bemerke ich daß die Mehlwagen dort, über die Tücher rote Zelte ausgespannt sind, deshalb einen malerischen Anblick gewähren, weil sie dem Auge ein Stützpunkt sind, um den sich die bunte Masse zu deut« lidjen Gruppen bildet. Der Detter. Bon den weißen Mehlwagen und den mehlbestaubten Mühlknappen und Müllermädchen mit rosenroten» Wangen, jede eine bella molinara, kenn« ich gerade auch etwas Entgegengesetztes. Mit Schmerz vermisse ich nämlich eilte Köhlerfamilie, di« sonst ihre Ware geradeüber meinem Fenster am Theater feilbot und jetzt hinübergewiesen sein soll auf di« andere Seite. Diese Familie besteht ans einem großen robusten Mann mit ausdrucksvollem Gesicht, markichten Zügen, heftig, beinahe gewaltsam in seinem Bewegungen, genug, ganz treues Abbild der Köhler, wie sie in Romanen vorzukommen Pflegen. Ist der Tat, begegnete ich diesem Wanne einsam im Wald«, es würde mich ein wenig frösteln, und seine freundschaftliche Gesinnung würde mir in dem Augenblicke die liebste auf Erdem sein. Diesem Manne steht als zweites Glied der Familie, int schneidendstem Kontrast, ein kaum vier Fuß hoher, seltsam verwachsener Kerl entgegen, der die Possierlichkeit selbst ist. Du weißt, GeBer Detter, daß «s Leute gibt von gar seltsamem Bau; auf den ersten Blick muh man sie für bucklig erkennen, und doch vermag man, bei näherer Betrachtung, durchaus nicht anzugeben, wo ihnen denn eigentlich der Buckel sitzt. 3 ch 3ch erinnere mich hierbei d«S naiven Ausspruchs eines geistreichen Militärs, der mit einem solchen Raturfpiel in Geschäften viel zu tun hatte, und dem das Unergründliche deS wunderlichen Baues ein Anstoß war. „Einen Buckel," sagte er, „einen Buckel hat der Mensch; aber wo ihm der Buckel sitzt, das weiß der Teufel!". (Schluß folgt.)