Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag. Sen 29. Juni Nummer 52 Aus dem „Phantasus Von Arno Holz. Schönes, grünes, weiches Gras. Drin liege ich. Mitten zwischen Butterblumen! lieber mir, warm, der Himmel: ein weites, zitterndes Weiß, das mir die Augen langsam, ganz langsam schließt. Wehende Luft ... ein zartes Summen. Nun bin ich fern von jeder Welt, ein sanftes Rot erfüllt mich ganz, und deutlich spüre ich, wie die Sonne mir durchs Blut rinnt — minutenlang. Versunken alles. Nur noch ich. Selig! Ems Handvoll TaKtlosLgKsrt. 'Von Carrh Brachvogel. Nur ein so musikalsiches Volk wie das deutsche konnte aus die 'Idee kommen, jenen peinlichen Vorgang, den der Franzose „Fauxpas" nennt, als „Taktlosigkeit" zu bezeichnen. „Taktlos" — meint zu hören, wie ein Mensch die musikalische Kontenance verliert, in einem Rhythmus weiterdudelt, der gar keiner ist, und so das ganze Musikstück über den Haufen wirft. „Faux-Pas" dagegen ist von einem hochgradig unmusikalischen Volk ersonnen, Las alles mit gesellschaftlicher Verfeinerung in Zusammenhang bringt. Unwillkürlich sieht man beim „Faux-pas" einen Menschen, der auf hohen Absätzen über spiegelglattes Parkett stelzt, mit dem wohlgeformten Fuß umkippt, und durch sein kleines Malheur den feierlichen Apparat einer großen Sour stört. Weil der Deutsche nicht nur ein trefflicher Musiker, sondern auch ein trefflicher Techniker ist, sagt er zuweilen statt „Taktlosigkeit" — „Entgleisung", und ich gestehe, daß mir dies aus dem Eisenbahnnetz entsprungene Wort nicht übel gefällt. Die Entgleisung von ein paar Wagen braucht noch kein Eisenbahnunglück zu bedeuten! Sie umpumpern nur mächtig und stehen dann hilflos, geistesverwirrt, irgendwo, wo sie durchaus nicht hingehören. Dieser Vorgang illustriert wohl am besten das Wesen der Taktlosigkeit, das nicht sv leicht zu definieren ist, wie mancher vielleicht denkt. Eine Psychologie der Taktlosigkeit ist bis zur Stunde nicht geschrieben worden, und auch Regeln für ihre Erlernung, will sagen, für ihre Vermeidung, gibt es nicht. Zeder kann sie und ihre Art nur schmerzhaft am eigenen lebendigen Beispiel empfinden, sofern er nicht etwa selber das Beispiel gibt. Run sagen zweifelsohne etliche Pharisäer: „Ich ein Beispiel der Taktlosigkeit geben oder gegeben haben? Niemals! Zch bin viel zu fein und wohlerzogen, um taktlos zu fein!“ Ach, verehrte Herrschaften, rühmt euch nicht so laut und selbstbewußt, daß ihr nicht seid „wie jene"! Ihr seid nämlich genau ebenso, seid ebenso schon einmal oder auch öfters entgleist, und wenn ihr es leugnet, seid ihr genau so verlogene Menschen, die behaupten, sie sagten nie eine Notlüge und hätten nie einen Gedanken gehabt, über den sie später errötet wären. Wo Menschen sind, menschelt es überall. Es wirb überall gelogen, errötet und getaktloselt. Hat doch auch jeder von uns einmal einen kleinen oder großen Schwips gehabt — man muh nur trachten, kein Gewohnheitstrinker zu werden! Ich sagte vorhin: „Es wird überall getaktloselt", muß aber dies Axiom dahin einschränken: „Es wird überall getaktloselt, wo Kulturmenschen sind", denn die Taktlosigkeit ist — so paradox es klingt — eine Kulturerscheinung, kann im älrwald, auf dem älrboden der menschlichen Gemeinschaft nicht gedeihen. Der Zn- Haber des Neandertalschädels oder der Bewohner der Ftdscht- Znseln begriff und Begreift Wohl, was Hunger, Liebe, Raub und Mord ist — aber mit dem Begriff der Taktlosigkeit wüßte er nichts anzufangen. Denn man kann es nicht gut als „taktlos" bezeichnen, wenn ein Höhlenmensch dem andern die Deute entriß, oder Wenn ein Kannibale den besiegten Feind gebraten verspetst. Die Taktlosigkeit ist eine Tochter der Kultur, der Gesellschaftskultur, und wäre also scheinbar berechtigt, ihren Platz weit über der Beleidigung zu haben, die, niedriger geboren als sie, auch bei ganz primitiven Völkern und Schichten bekannt ist. Doch ganz im Gegenteil rangiert sie weit hinter der Beleidigung, ist nur wie ihre sehr entfernte, arme Verwandte, mit der die großmächtige keine Gemeinschaft haben will. Sie Beleidigung gleicht einem Ritter, der den Handschuh hinwirst. Sie bedingt Wille und bis zu einem gewissen Grade auch Kühnheit, und ob sie leicht oder schwer verwundet — immer ist Absicht in ihrem Sun. Die Taktlosigkeit dagegen gleicht einer Landpomeranze, die treffsicher mit genagelten Schuhen auf das beste Hühnerauge trampelt. Bei ihr ist nicht die Spur von Willen oder Kühnheit — alles ist Intuition peinlichster Art. Paradiesunfchuld. Lind genau tote tm Paradies kommt die Reue gleich nach dem Sündensatl, dämmert die Erkenntnis des angerichteten .Unheils, noch ehe es sich in seiner ganen Große entwickelt hat. Auch hierin unterscheidet sich ja die Landpomeranze vom Ritter: der mit Willen und Kühnheit begabte Beleidiger fühlt sich befreit und gehoben, wenn er seinen Handschuh geschleudert hat, der Landpomeranze tut plötzlich das betrampelte Hühnerauge des andern schrecklich weh.... Freilich ist das nicht immer, aber doch häufig der Fall, und der Augenblick, wo man die eigene Taktlosigkeit gewahr wird, gehört zu den beklemmendsten und verwirrendsten, die ein Mensch erleben kann. Beklemmend und verwirrend, weil das Pathos fehlt, daö ein Gogenpathos aus- losen könnte. Zn der Beleidigung mit Willen und Kühnheit liegt Pathos, nicht toen'iger Pathos aber kann auch in dem Wort, in der Geste liegen, die Verzeihung für die Beleidigung erbitten. Aber das Eingeständnis „Zch war taktlos", ist so beschämend, so grotesk, daß man schon ein großer Mensch fein muß, um ihm nicht zu erliegen, Das Klügste wäre natürlich, wenn man unmittelbar nach dem Begehen der Taktlosigkeit etwa zehn Sekunden lang den Mund hielte und keinerlei Versuch unternähme, das an-gerichtete Änheil wiedergutzumachen. Seltsamerweise aber ist der Mensch meist unfähig, diese Karenzzeit zu ertragen. Bemüht sich vielmehr, ungereimtes Zeug herauszuwürgen, das die Sache nur schlimmer macht, der ersten Taktlosigkeit noch ein halbes Dutzend neuer zufügt, bis am Ende ein wahrer Rattenkönig daraus geworben ist, und der Unselige einem Huhn gleicht, dem ein zu großes Stück Brot im Halse steckengeblieben ist. • • Vermöge des ihr innewohnenden Pathos hat die Beleidigung von jeher Eingang ins große Drama gesunden, ist nicht selten fein Angelpunkt geworben, während die Landpomeranze sich mit Episodenrollen im Lustspiel oder Schwank begnügen mußte, bis sie neuerdings ein ausgiebiges Arbeitsfeld in Witzblättern fand, wenn es galt, Neureiche und andere üble Gewinner zu verspotten. Einmal aber ist es ihr doch gelungen, sich ins große Drama einzuschmuggeln, und zwar gerade dort, wo man sie am wenigsten vermuten mochte — im „Don Carlos". Zn 6er dritten Szene des dritten Aktes spricht die Landpomeranze durch Herzog Albas Mund zu dem vor Eifersucht schon ganz rabiaten König: „Dem Prinzen Starb eine Braut in seiner jungen Mutter. Sie war gefaßt auf Liebe und empfing Ein Diadem"-- Das ist eine geradezu klassische Taktlosigkeit! Klassisch nicht nur, weil sie bei Schiller vorkommt, sondern weil sie ein Muster- beispiet dafür ist, wie man mit der besten Absicht und wenigen Worten einen Menschen an der empfindlichsten Stelle ‘treffen kann. So oft ich diese Stelle lese oder höre, muß ich über die Llngeschicklichkeit dieses Kriegsherrn ‘lachen, der, um seinen Zweck zu erreichen, alles sagen, alles riskieren durfte — nur gerade dieses nicht. Er durste die Königin und , Don Carlos verdächtigen, tote er wollte, aber nun und nimmer dem alternden König klarmachen, daß er einem jungen Ding nichts mehr bieten konnte als eben ein Diadem. Änd als der König .^beleidigt und mit Bitterkeit" (wer wollte es ihm verdenken?!) erwidert: „Zhr unterscheidet sehr,— . Sehr weise, Herzog — ich bewundere Cure , Beredsamkeit. Zch dank Euch!" — 206 da fragt der Unglücksmensch Alba ganz nalv, in Paradieses- unschulb: „Sollt' ich Durch meinen Eifer Eurer Majestät Zum zweitenmal mißfallen haben?" Wahrhaftig, man hält es nicht für möglich! Nachdem er nut eisengeschientem Fuß das schmerzhafteste königliche Hühnerauge getroffen hat, fragt er auch noch besorgt und ein wenig erstaunt, ob es wehe getan hat. Wäre König Philipp nicht gerade so würdevoll, trüge er nicht immerfort, sichtbar und unsichtbar, das goldene Vlies, so müßte er bei dieser Frage des Herzogs aus der Haut fahren und ihm einen der Zoologie entlehnten Namen an den begriffstutzigen Kopf schleudern. Aber spanische Könige haben sicherlich solchen Gemütsausbrüchen niemals Raum gegeben, und darum bleibt der König nur würdevoll verschnupft und läßt Domingo kommen. Doch nicht nur km Drama, auch in der Wirklichkeit sprach die Landpomeranze durch den Mund großer öder wenigstens prägnanter Persönlichkeiten. Ein 'Seitenstück zur Taktlosigkeit des Herzogs Alba lieferte Friedrich der Große in der Stunde, da er den vom heiligen Abendmahl kommenden Ziethen 'fragte: „Na, gut verdaut?" Weil er aber in allem „der Große" war, sah er, nach Ziethens scharfer 'Antwort sein 'Anrecht ein und Itreckte ihm mit abbittendem Wort die Hand hin... Eine kleinere, aoer keineswegs unbewußte Taktlosigkeit produzierte die Kaiserin Maria Ludovika von Oesterreich, die gelegentlich eines Diners den ersten Napoleon angelegentlich nach feinen Ahnen fragte, worauf er schlagfertig und stolz erwiderte: „Ich bin der Rudolf von Habsburg meiner Familie!" Hinwiederum war er sehr taktlos, als er auf einem Dalle in der Münchener Residenz zu dem eben von ihm zum König gemachten Kurfürsten Map Joseph I. sagte: „Tanzen Sie, König von Bayern!" Du lieber Himmel, dem braven Map Joseph war an diesem Abend gewiß nicht sehr tänzerisch zu Mute, denn er tanzte ja schon all die Zett samt dem gaitzen Rheinbund — nach der napoleonischen Pfeife! Aber den Widerspruch hat er natürlich auch auf diesem Dalle nicht gewagt, und eine anders schlagfertig« Antwort ist chm auch nicht eingefallen, denn er war weder Ziethen noch Napoleon... Eine ganz absonderliche Taktlosigkeit leistete sich Frau von Stael gelegentlich ihres Aufenthaltes in Derlin. In einer großen Gesellschaft lernte sie auch Fichte kennen und sprang ihn sofort mtt der Ditte an: „Herr Fichte, bitte, erklären Sie mir innerhalb einer Viertelstunde Ihre Lehre vom Ich!" And Fichte, der große, bescheidene Fichte, ließ Frau v. Stael nicht gehörig abfahren, wie ihre Landsleute bei ähnlichen Fragen und Zumutungen schon getan hätten, sondern mühte sich, ihr den Kern feiner philosophischen Anschauung darzulegen. Sie jedoch, gewohnt, unaufhörlich zu reden, nicht aber zu lauschen, unterbrach :hn bald: „Ich verstehe schon, Herr Fichte, es ist die Geschichte vom Daran Münchhausen, der sich an seinem eigenen Zopf in die Höhe zieht!" Da Fichte nicht schlagfertig war, und allen Umstehenden das Wort erstarb vor 'Schrecken, erfuhr die Stael, deren schwache Seite Takt war, niemals, wie taktlos sie gewesen. Eine ungleich drolligere und freundlichere Entgleisung (hier muh man wirklich „Entgleisung" sagen) gab Frau v. Pompadour zum besten, als sie zur Palastdame der Königin ernannt, der ebenso unbedeutenden wie gutmütigen Königin Maria Lesz- czhnska vorgestellt wurde. Obgleich die Königin natürlich wußte, welches Amt die „Palastdame" beim König bekleidete, war sie doch von dem blonden Liebreiz und dem scharmanten Wesen der Pompadour so bezaubert, daß sie ihr außer den üblichen, eingelernten Worten einige Freundlichkeiten über ihre schöne Toilette sagte. Don dieser unerwarteten Güte war die neue Favoritin so verwirrt, daß sie stammelte: „Madame, es ist mein heißester Wunsch, Ihnen zu gefallen!" Man kann sich denken, wie die Hofkreise lachten, als dies Wort bekannt wurde, und wenn man sich die Situation vorstellt, kann man nicht anders, als sie komisch finden. And doch war dies einer der seltenen Fälle, wo die Landpomeranze statt auf grobgenagelten — auf leichten Sohlen einherkam, und darum soll dem Faux-pas dieses Atlasschuhchens kein Beispiel trampelnder Trittflächen mehr folgen. Carl Maria von Webers Beziehungen zu Hessen. Ein Nachtrag. Von Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn. 3n Nr. 46 der Familienblätter (vom 8. Juni) wurde über das Konzert berichtet, das Weber am 22. Februar 1811 in Gießen gab. Das Programm dieses Konzertes hat sich erhalten. Der durch seine Arbeiten über die Mannheimer Stadt-, Musik- und Theatergeschichte bekannte Archivar und Bibliothekar Professor Dr. Friedrich Walter wachte cs auf Grund einer Mitteilung, die zufälligerweise dasselbe Datum trägt wie die genannte Nummer der Familienblätter, dem Verfasser zugänglich. Es ergänzt die dort gegebenen Ausführungen in wünschenswerter Weile und ist auch seinem Inhalt nach interessant genug, um hier eine Stelle zu finden. Es lautet: Mit obrigkeitlicher Bewilligung wird Freytag den 22. Februar 1811 ein Großes Vokal- und Jnstrumental-Eoncert im Eoncert-Saale des hiesigen Eollegien-Gebäudes gegeben von Earl Marie von Weber. Erster Theil. 1) Simphonie von Mozart. 2) Rondo von Schenk, gesungen von Demoiselle Emmerling. 3) Klavier-Eoncert von Ebert, vorgetragen von E. M. von Weber. Zweiter Theil. 4) Ouvertüre von Mozart. 5) Italienische Eanzonetten mit Begleitung der Guitarre, gesungen von E. M. Weber. 6) Freye Phantasie-Variationen, vorgetragen von E. M. von Weber. Der Eintrittspreis ist 36 Kreuzer. Billets sind im Einhorn zu haben. Der Anfang ist um 6 Uhr. Sommerliches Dors. Von Antön Schnack. Allein liegt das Dorf, nur behütet Von silbernen Ahornbäumen, Die Sonne zittert um die Giebel und brütet, Reich ist es an Blumen und Träumen. Spinnrad und Tor mit den Glockenstühlen, Moosige Dächer von Rauch bedeckt. An den Bächen rauschen die Mühlen Zwischen Erlen versteckt. Mond und Sterne wachsen in die Scheiben, Und die wilden Blumen wuchern herein. Schön ist es zu bleiben. Denn du bleibst schweigsam und immer allein. Dein Tag ist Gras, dein Tag ist Blau, Ein weißer Wolkenzug, ein Bad im Bach. Keine Lippen von einer Frau Brennen schwül in dein reines Gemach. Gebete hörst du von Kindern Fromm und durch die Wände her. Spürst den Geruch von Rindern Und den Rauch von Teer. Blumen liegen auf deiner Schwelle Eines Morgens als Gruß; Du staunst und gehst in das Helle Leicht und mit fröhlichem Fuß. Den Wanderern aus der Weite Schließt du dich singend an, Sehnsüchtig duftet im Kleide Fenchel und Tymian. Und schmale weiße Wolken Segeln im Sonnenblau, Süß ist es, ihnen zu folgen Durch Berg und Tal und Au . . . Die Spitzederin. Ein Lebensbild aus Großvaters Zeit von Julius Kreis. (Schluß.) Die Frau Hofrat erklärt ihrem Mann so beiläufig — sie weiß es von der Mali — wie die Spitzederin verzinst. Also für zwei Monate wird der Zins, 16 Prozent, bar dem Einleger ausbezahlt. Der dritte Monatszins wird zum Kapital geschlagen und darüber ein Wachset auf drei Monate ausgestellt. Wer also 1000 Gulden einlegt, bekomm! sofort 160 Gulden Zins für zwei Monate und einen Wechsel über 1080 Gulden auf drei Monate. Wer Kunden bringt, bekommt außerdem eine Provision von 7 Prozent. — „Was meinst du, Maxl, wenn wir..." — „Niemals! Nie!!" donnert der Hofrat. Die Hofrätin bekommt ein bißchen das Zittern in den Knien. Wenn er wüßte, daß sie. . .1 — Aber zärtlich denkt sie an die 240 Gulden Zins, — 207 — die ihr die Mali neulich gebracht hat. Und den Wechsel über 1620 Gulden will sie vorsichtshalber Hinterm Nachtkastenschubladl verstecken. Heilige Mutter Anna! Wenn ihr Mann dahinter käme! — * Ganz Südbayern hat das Spitzederfieber gepackt. Vom Jsarwinkel, aus dem Werdenfelserland, vom Inn, vom Schwäbischen her kommen die Leut zugereist. Sie kratzen den letzten Heller zusammen, künden dem Nachbarn das geliehene Geld, richten den Bruder zugrund um 100 Gulden willen, die er auf dem Haus stehen hat, alles zur Spitz- ederin! Die Schmuser, die sonst einen Ochsen, eine Sau, ein Kalbe! verhandelten oder eine Heirat zusammenschmusten, wußten sich was besseres: „7 Prozent für jede Vermittlung! Bauern, gebts mir euer Geld! I' brings auf Minka in d' Dachauer Bank! — Do is ausg'homm! A' so a' rechtschaffas Leut, wia d' Spitzederin is ninderscht mehr Hot sie it a' Kirchafenster z' Webham g'stift und Altardecka z' Polling und a Kirchadach in Umbach und dös goldane Kreuz, Bäurin, wo sie tragt! An Schua hoch is — i’ lüag net! — Vom Papst g'weicht!" In der Stadt aber gehen kleine Unterhändler von Wirtschaft zu Wirtschaft und teilen Zettel mit Lobhymnen auf die Menschheitswohltäterin aus, auf den Volksengel Adele. Auf allen Bierbänken, in allen kleinen Winkelkneipen ist ihr Name in der Leute Mund. Beim Ebrlbräu heißt sie einer in seinem Rausch eine Schwindlerin — in den „Neuesten Nachrichten" stünd's auch drin, da könnt man lesen, was für eine die sei — aber der kam schön an. Der Bader hatte % Stunden an seinem Kopf zu flicken und zu verbinden, und den „Neuesten" will man die Fenster einwerfen, diesem „Freimaurer- und Judenblatt", das gegen eine solche Wohltäterin hetzt, wo monatlich acht Prozent gibt. Da les nur die neue Zeitung, wo jetzt rauskummt: Das Tagblatt! Der Doktor Dickle, der reibt's den „Neuesten" hin! Der sagt's dem Vocchioni! „Was, du Rindviech! De Zeitung, dös Tagblattl, g'hörat der Spitzederin?! Sie hätt' as Geld dazua hergeb'n! Geh, laß di' hoam- geig'n! Da steht's schwarz auf weiß int Tagblattl: Ein Engel der Menschheit. Eine der edelsten Frauen der Weltgeschichte . . . Jrzta!! Du Depp, du damischer! Moanst, i' gib meine tausad Guld'n ara Schwindlerin!?" Am Chinesischen Turm unten spielt die Musi. —■ Ein ganz neues Stückl: „Adelenklänge". — Der Kapellmeister hat's komponiert. Sein Kollege von der andern Kapelle hat keine Ruh mehr; er muß einen „Adelen-Walzer" machen. —- Bald werden ihn die Werkel auf den Höfen spielen. * Bei Adele Spitzeder wohnt jetzt eine Gesellschafterin, d' Fräul'n Rosa, eine Schauspielerin. Aber sie hat sich von der Bühne zurückgezogen, denn die Münchner waren zu wenig begeistert, als sie am Aktientheater als „Annalise" auftrat. — Die Münchner sind Hornochsen! Büffel! Die Kunst ist zu schad für sie. Und dann der Neid der Kollegen, wenn Fräulein Rosa mit der Spitzederschen Equipage am Theater vorfuhr. Zu ekelhaft! Adele Spitzeder will nicht, daß das Mädchen ihretwegen ins Gerede kommt. Sie will für sie sorgen. Sie nimmt sie ganz zu sich. Sie sind ein Herz und eine Seele. Zärtlich ist Adele um ihre Freundin besorgt. Sie speisen immer allein zusammen in dem großen, kostbar eingerichteten „Privatzimmer" Adelens. Die Dienerschaft grinst hinter den beiden her. — „Raa," sagt bie Köchin — „mir gangst! Grausen kunnt oan vor der ewigen Abbußlerei von de zwoa!" Alles in Adelens Gemächern ist kostbar, prunkvoll: Mahagoni — Seide. Die Wände über unb über bedeckt mit Oelbildern in schweren Rahmen, mit Lorbeerkränzen, Huldigungsgedichten. Dazwischen Heiligenstatuen, religiöse Bilder, Wandsprüche. Das Geld strömt. In allen Schubladen und Kästen klinngt das Hartgeld, liegen Stöße von Wertpapieren. Die Friseurleute Speyer holen jeden Abend Obligationen, Banknoten und Gold ab, um es als Depot in einem festen Eisenschrank bei sich zu verwahren. Speyer verkauft, wenn's nötig ist, die Wertpapiere, ist Adelens rechte Hand in Papiergeldangelegenheiten, bei Speyer ist alles aufgehoben. Das Silber aber bleibt bei Adele. Das braucht man zur Auszahlung. Das klingt und klappert durchs ganze Haus. Unter 25000 Gulden täglich geht nie ein. Manchmal werden's 100000. Und peinlich ist Adele Spitzeder auch nicht mit ihren Gulden. In den Taschen der Dienerschaft klimpert es. Nicht nur von Trinkgeldern. Wer Lust hat und ein nicht allzu enges Gewissen, der nimmt sich was von dem, was so herumliegt — was liegt der Madam Spitzeder dran! Die weiß doch nicht, wieviel sie hat. — Ob 500 Flaschen Rheinwein und Champagner im Keller sind oder 400 — wer kann es sagen? — Wenn er zu Ende ist, wird eben neu bestellt. — „Gevatterin, nimm ein paar Flaschen mit!" Traum aller Dienstmäd! und Hausknechte Münchens: Zur Spitzederin zu kommen! Denn da geht's hoch her, wenn sie Gäste hat. Da wird gesungen und musiziert und gefressen unb gesoffen vom Besten, daß sich der Tisch biegt. Schauspieler, Agenten, Winkeladvokaten, dienstwillige Reporter, dunkle Aristokraten, verkrachte Kavaliere — sie saufen die kostbaren Weine wie Wasser, qualmen mit den Damen des Hauses Importen, erzählen Geschichten — Geschichten l! Und in den Morgenstunden, wenn imten schon wieder die Plebs ans Tor drängt, sinkt einer um den andern unter den Tisch, schläft auf dem Teppich ein und wird von den Dienern aus dem Salon geschleift. — „Räum' die Schweine weg!" sagt Adele. Und tags darauf oder bald nachher kommen sie: jeder mit einem Anliegen: 50 Gulden, 100 Gulden, 5 Gulden, was die kleineren Schmarotzer sind, die ehemaligen Agentchen, Schreiber, Versemacher. — Hier! Hier! Adele gibt. Es kommt ihr nicht darauf an. Ueberschwenglicher Dank! Händeküssen, Kleidküssen! — Bei keinem König geht's so aus und ein wie bei ihr. In Giesing, beim Weinbauern, geben der Adele Spitzeder ihre Einleger ein Fest. Sie haben sich zusammengetan, die Wohltäterin zu ehren. Auch das kleine Volk will teil an ihr haben. Adele begibt sich mit lleinem Hofstaat hin. Schon am Tor erwarten sie festlich gekleidete Menschen mit Musik und Blumen. Der Kramer Josef Kollinger hält eine Rede: „Indem, daß Fräulein Spitzeder so frei ist und unsere Mitte besucht," — hochdeutsch hat er den Redegaul aufgezäumt, aber er geht ihm durch: ,,i' sag's wia's is: A' solchem wia sie gibt's koa zwoate net!" — Tusch. Drinnen in zwei Gastzimmern sitzen die Giesinger in feierlichen Bratenröcken, in krachendem Taftkleid. Der Stuhl für Adele ist mit Blumen bekränzt — Hendln, Schweinsbraten, Knödel, Guglhopf wird aufgetragen. Bierkrüge und Weingläser vereinigen sich zu vielmaligem „Hoch" aus Adele. Jeder drängt sich an ihren Platz, anzustoßen. Herzlichste Freude bis in die späte Nacht Das Boll hat noch Herz und Begeisterung für seine Lieblinge. Der Kramer Kollinger hat dazu noch einen Mordsrausch und wird von seiner Alten heimgeführt. — Nnr die Anwesenheit Adele Spitzeders rettet ihn vor ehelichen Weiterungen. So gegen 12 Uhr hat dann Adele Spitzeder, die Gefeierte, daS Fest bezahlt, als ihr der Wirt die Rechnung präsentiert. Es geht nichts über eine sinnige Ehrung! * Und an einem strahlenden blauen Spätsommertag zeigt sich Adele auch dem Land. Vierspännig fährt sie in ihrer Kutsche neben ihrer Freundin Rosa aus der Stadt. Hinter ihr eine zweite Kutsche mit Gefolge. Die beiden Gefährte sind mit Kränzen und Blumensträußen überladen. Böse Menschen, Neider, Feinde munkeln was von „Auseißen". Adele straft sie mit Verachtung. Die „Stadtfraubas", eine kleine Zeitung, bringt einen vierspaltigen verehrun°Z.geschwellten Hymnus. Nach Tegernsee geht die Fahrt. Durch die Dörfer Huldigungen der Einleger, dazwischen Spott und Schmähworte verkommener Sttbjekte, die kein Geld haben, um es anzulegen. Im Gasthof zu Tegernsee ik>ird gesotten und gebraten, als gält's für eine Schwadron. Champagnerkörbe werden hergeschleppt, die Pfropfen knallen- Wer an der Veranda vorbeikommt, ist eingeladen, mitzuhalten, Bauern, Jäger, Holzknechte, Handwerksburschen. Sie lassen sich nicht lumpen. So was gibt's nicht alle Tag'! „Bruader, dös is a' Leb'n!" — „Vivat hoch, Adele Spitzeder!" „Nur immer 'reinspaziert!" schreit wie ein Anreißer auf der Oktober" wiese der Kutscher unter die Leut', die sich vor dem Wirtshaus sammeln. — „Heut — hup — heut is alles zech — hup — frei. Weil mir's — hup — ham! — Weil's da is." Einige murren. ,,A' Sünd und a' Schänd is a so Hausen!" — Ein Bürgersmann hebt mahnend den Finger: „Werd's es scho sehngk Dös nimmt koa guats End! Hochmut kommt vor dem Fall, hoaßt's!" Aber dann kann er auch nicht so sein und setzt sich an einen der Satten« tische, mittenhinein unter die lustigen Brüder und läßt sich einen Schampaniger geben. „Wer woaß, wann ma' wieder zu io was kimmt!" Als man abfahren will, fehlt der Kutscher. — Sie finden ihn sanft entschlummert im Heuschober, in jeder Hand eine Weinflasche, und es braucht lang, bis er munter wird und die Pferde im Geschirr stehen. Er hat seinen Rössern auch ein bißl Schampaniger eingeflößt, zweng der Gaudi! Sie tänzeln munter vor dem Wagen. Durch Abend und Nacht geht es wieder der Stadt zu. Der ehemalige Reiterkorporal und nunmehrige Bankbeamte Homolatsch sitzt auf dem Bock, um dem Kutscher kutschieren zu helfen. Am andern Morgen sitzen im Hofgarten schon wieder die Leute an den Geldsäcken herum, wartend, daß sich das Tor austut. Der Hausbursche, angeheitert noch vom Tag vorher, macht sich mit den Wartenden im Flur einen Spaß. Er schreit hinein: ,,D' Fräuln kann heut net unterschreib'n. Sie hat si' die Händ vobrennt!“ — Wehklage über Wehklage, daß man das Geld nicht losbringt. „Sie soll's a' so nemma! Mir brauch« koa Unterschrift!" — Aber da erscheint sie auf der Treppe und weist lächelnd die gesunden Hände. Sie kann unterschreiben. Jubel über Jubel! In der Spitzederschen „Volksküche", an deren Wänden die Losung „Aus dem Volk und für das Voll" prangt, gehen allerhand Gerüchte. — Die Esser, die dort um ein Geringes von der Wohltäterin gespeist werden, raunen es einander zu. — Es wird nix nkehr auszahlt! — Trübe Novembertage! Eines Morgens ist die Volksküche gesperrt. Sie wird „geweißt". — Aber keine Maler sind da. - 208 — Die Schönfeldstraße ist voll von Menschen: kleine Handwerksleute, Dienstboten, Bauern — bis zur Ludwig« und Königinstraße steht Kops an Kopf. Aber Geldsäcke sieht man keine mehr. Die Leute haben ihre Wechsel da. Seit ein paar Tagen geht's durch die Stadt: Die Dachauerbank wackelt. — Die Spitzederin könne nicht mehr einlösen. Man glmibt's nicht! Bösartige Menschen verbreiten solche Verleumdungen. — Freimaurer! So was gibt's net bei der Spitzederin. Aber vorsichtshalber — man kann es ja nicht wissen — will man doch seinen Wechsel einlösen lassen. — Sicher is sicher! Woar scho' recht, wo mir unser ganz' Geld dort Ham! Raa, mei Liaber! Man erzählt sich von Briefen, die die Adele Spitzeder in den letzten Tagen gekriegt hat. In einem steht: „Mut, Fräulein Spitzeder, zehntausend Bauern kommen mit Sicheln und lassen Ihnen nichts tun!" — Freilich, allweil die g'scheidcn Herrn vom Ministerium! Soll'n die Großkopfet'n einmal dem armen Volk acht Prozent im Monat geb'n! An Neid Ham s' halt auf d' Spitzederin. Aber i' bin do froh, wenn i' mei' Geld wieder hab! Nix G'wiß woaß ma net! Einer erzählt von einem andern Brief. Er weiß es vom Kammerdiener Nebel. Der hat ihn selber liegen sehen: „So, Kanaille, jetzt geht's mit dir zu Ende!" steht da drin-- Wenn ma' nur's Geld wiederkriagt! — Mit dem Schlag sechs tut sich das Tor auf und die drei Hausmeister stemmen sich gegen die Eindringenden. Sie drücken fast die Türen zum Zahlraum ein. — Die Zahlmeister stehen bereit. — Da steht im scharlachroten Schlafrock mit dem goldenen Kreuz auf der Brust Adele Spitzeder oben und schreit schrill herunter: „Bande! Wollt ihr parieren! Ihr kriegt euer Geld. Aber wenn ihr nicht anständig seid, schmeiß ich euch hinaus!" — Wie unter einem Peitschenschlag ducken sich die Köpfe. Es wird still. Einer nach dem andern verschwindet int Zahlraum. Draußen auf der Straße dicht vor dem Haus streifen zwei „Heimliche" auf und ab, lassen das Tor nicht aus dem Aug. Es sind die Polizei-Kommissäre Walch und Niederreiter. — Man kennt sie. Feindselige Augen begegnen ihnen. — Schaugts, daß weiter kemmts! — Man munkelt von Sperrung der Bank. Dös ging noch ab! Wo man um sein Geld ansteht, einem das Türl vor der Nas'n zuhau'n! — Der Braugehilf Jaklmoser Hütt' gute Lust: „Guate Lust hätt' i’ und hauat dö zwoa a' so umanand, daß cahna' as Sperr'» vogeht!" — Bon der Hofratswohnung aus schauen schon um 8 Uhr früh die Frau Hofrat und die Mali unentwegt auf die Straße hinunter. Die Frau Hokrat zerrt nervös an den Bändern ihrer Morgenhaube und staubt zwischenhinein, immer wieder, schon zum zwanzigstenmal, die Kommod' ab. „Was meinen S, Mali...?!" Die Mali beruhigt .„Do gibt's gar nix, Frau Hofrat. D' Spitzederin is sicher. Erscht vorige Woch' hat's wieder z' Bachern a Monstranz g'stift. — Dös tuat koa Schwindlerin! — Aber wenn S' moana: i' ko' mi’ ja mit unserne Wechsel ostelln —!" „Ja, Mali — ab.er erst, wenn der Hofrat fort ist — Mein Gott! Der Hofrat kommt herein. Reibt behaglich die Hände, steht em paar Minuten durchs Fenster und setzt sich dann an den Frühstückstisch: „Sodala! I' sag's ja! Der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht! Jetzt is ihr Stünderl kommen, der Gaunerin da drüben! Heut lvird dö Schwindelbank g'sperrt. Beschlossene Sache!"--- Die Mali läßt die Milchkanne fallen. — „Was haut S' denn, Mali?" Der Hofrat blickt erstaunt auf. — Seine Frau schluchzt, die Köchin heult über den Scherben . . . „No," sagt er begütigend, „z'wega an Milchkanndl brauchts doch koa solche Mett'n! — Dös kann a'tnal passiern! Geb'n Sie halt 's nächstemal besser acht, Mali!" Komisch sind diese Frauenzimmer, denkt der Hofrat auf dem Weg zum Bureau. — Jetzt heul'» s' alle zwoa no, wega an Milchhaferl! Der Friseur Speyer kommt aus dem Svitzederhaus. Ihm ist jetzt leichter. Er hat seine Depots abgeliefert. Anderthalb Millionen Gulden! — in lauter 50000 er Packln! — Obligationen und Banknoten. — Den 12. November 1872 merkt er sich. — Wenn matt allweil mit einem Fuß im Kriminal steht. Bormittags kommen Kutschen angefahren. Herren mit bieten Mappen steigen aus. — Der eine ist der Advokat Berghofer. — Man weiß von ihm, daß er in den letzten Wochen eine Menge Spitzeder- wechse: zusammengekauft hat. — Lang bleiben sie droben! — Stundenlang. — Von der Straße herauf schreit das Volk — verzweifelnd, hoffend — Hoch Spitzeder! Hoch! — Drinnen im Zahlraum klappert das Silber. — Wenn man nur schon drin wär! — Die Advokaten kommen aus dem Haus. Ernst — schweigsam. Da von der Lndwigstraße her — rumplum — rumplum — Trommelschlag und Marschschritt. Ein Zug Soldaten biegt ein, Gewehr geschultert. Kommandos! Die Schönseldstraße wird geräumt. Die Mali, die ganz hinten steht, wehrt sich verzweifelt. — „Aber i’ möcht ja mei' Geld. Mei Geld! Fünfhundert Gulden und der Frau Hofrat das ihre! — G'rad mi' lass'n S' no vor! G'rad mi' . . . ." bettelt sie den Offizier an. Dieser zuckt die Schultern! — Ein Gendarm drängt sie zurück. Sie kennt ihn, es ist der Herr Breitwieser. — „Geh, Herr Breitwieser, i’ bitt' Eahna, lass'n S' mi vüri! " Es hilft nichts. Der Breitwieser sagt ernst und wichtig: „Die Bank ist polizeilich gesperrt, Fräul'n Mali!" Adele Spitzeder rafft oben in der Wohnung verzweifelt Kostbar ketten an sich: Perlen, Steine, Geldrollen, Wertpapiere, stopft sie in einen Sack, reißt alles wieder heraus, versteckt es in Kästen und Schublade», von dort unter Betten nnb Sofas. — Da! Nimm! Sie reicht ihrer Freundin Rosa fiebrig Pakete mit Obligationen. Nimm! Nimm I Rosa bindet die Pakete mit zitternden Händen dem Stubenmädchen imter die Röcke — birgt sie in ihrem Kleid —. Die Köchin bekommt einen Teil davon ---nur fort damit! Fort!!--- Der Portier kommt ins Schlafzimmer uns meldet 7 Herren: Die Gerichtskommission. Zwei Richter, der Polizeiassessor, der Gerichtsvollzieher, der Handelssachverständige, der Protokollführer und ein Wachmann. Schwarz und schweigend stehen sie im Salon. Der Bezirksgerichtsrat stellt sich und die anderen Herren vor. Er eröffnet Adele Spitzeder, daß der Advokat Berghofer bei Gericht den Gant- antrag gestellt hat. Der Richter ersucht um die Bücher. Sie werden heraufgebracht. Der Sachverständige prüft — schüttelt ein- übers anderemal den Kopf und klappt sie bann resignierend zu. „Fräulein Spitzeder, das sind keine Handelsbücher!" „Ich habe auch nie welche geführt", sagt Adele Spitzeder stolz und von oben herab. „Dann ersuche ich Sie, uns alles, was Sie an Vermögen und Vermögenswert besitzen, hier anzugeben und aus- zuhändigen. — Fräulein Spitzeder, Sie sind verhaftet und hiermit Zivilgefangene." Das bleiche Gesicht der Spitzederin ivirb um einen Schatten fahler, sie wankt, stützt sich am Tischrand — faßt sich und sagt pathetisch: „Gut demt! Es sei!" Man folgt ihr ins Schlafzimmer. Der Kammerdiener Nebel reicht Pack um Pack mit Banknoten und Obligationen aus dem Geldschrank. Die Schatulle mit den Brillanten wird geöffnet, Möbel und Bilder vom Gerichtsvollzieher versiegelt. Anderthalb Millionen Besitz stehen zehn Millionen Schulden gegenüber. Die Kommission entfernt sich. Zurück bleiben zur Bewachung in der Wohnung zwei Polizeioffizianten. Das Haus ist von Gendarmen besetzt. Adele Spitzeder zieht sich ins Schlafzimmer zurück. Ihre Freundin Rosa hilft sie entkleiden. „Hast du . fragt Adele hastig. Rosa nickt. — Hunderttausend Gulden sind aus dem Hans. Gott sei Dank! Man kann ja sagen: ein Geschenk für Rosa. „Richt wahr, Rosa, ich habe dir das Geld geschenkt!" Abele Spitzeder sinkt aufs Bett. Schlafen! Nur schlafen! Aber sie kann es nicht. Die Unruhe verläßt ihren Kopf nicht. — Tausend Pläne, Plättchen, Listen gehen ihr durchs Gehirn — wie kamt sie aus der Schlinge schlüpfen ... Wenn sie nur heute noch frei bleibt. Noch wäre im Dunkel der Nacht manches zu retten. Auch die beiden Offizianten werden nicht immer mit Argusaugen... Auf der Straße unten hallt der Tritt der Wachen. Rings um die Schönfeldstraße fluten Menschen, Tausende — auf und ab. Flüche, Verwünschungen, wüste Schimpfworte, Weine», Schreie» —- — die Polizei wird verflucht! Sie ist an allem schuld! Die Spitzederin hätte schon gezahlt! Gegen Mitternacht klopft der Gerichtsvollzieher an die Tür. Er fordert Adele Spitzeder auf, sich bereit zu halten. Sie läßt sich ein schwarzes Tratterkleid anziehen nnb tritt heraus- Hager, übernächtig — mit flackernden Augen. Ihre Gesellschafterin stützt sie, trägt den Lieblingshund unterm Arm. Adele Spitzeder verlangt noch ein Kistchen Zigarren zum Mitnehmen. Sie kann ohne Zigarren nicht sein. Zwei Polizeioffizianten geleiten die beiden zttm Wagen unten. Der Gerichtsvollzieher und der Kommissär Walch setzen sich den beiden Frauen gegenüber. — Vor dem Wagen marschiert eine Gruppe Soldaten. So gehts ins Gefängnis an der Badstraße. — Adelens Kopf lehnt an der Schulter ihrer Begleiterin. Bis zum Ende war sie — scharf schneidend in ihrer Rede — mit Haltung allem begegnet, was kam — jetzt bricht der Damm und Schluchzen über Schluchzen durchschüttert sie. — Wie ihr graut — wie ihr graut vor den Manern! Sie sieht sie vor sich, hoch mit vergitterten Fenstern — sie wird allein sein — allein — jahrelang. — Und sie wimmert wie ein Kind vor sich hin: „Mutter, hilf mir doch . Die Straßen sind menschenleer. Die Leute haben sich um die Mitternacht verlaufen. — Vom Franziskaner kommen noch zwei späte Hockenbleiber, bettschwer vom Fall Spitzeder, der eine Maß mehr als sonst erfordert hat. Sie sehen den seltsamen Aufzug. — Der eine steckt vier Finger in den Mund und pfeift--durchdringend, gellend. — „Was pfeifst denn, du Rindviech", sagt der andere. „Hast du — net grad no' d' Spitzederin über'u Schellnkini g'lobt?" — „Gehzna — vorhin! — Siehgst net, daß d' Schandarm g'holt Ham — dös Lnader, dös . .! Hup — aber a so gehts alle, de wo gor z' hoch fließ n . . . hup--. lieb' immer Treu und Redlichkeit — hup — Niedermoar — so hast scho' als Bua g'lernt — hup--i' hab' mei Gerschil gestern no' g'holt bei ihr, i’ hab dös mei . . . hup--“ Und der Wagen rollt weiter durch die Novembernacht, und die Frauentürme heben sich als mächtig schwarze Schatten tu den Himmel und hundert Meter hoch stehen ihre Kuppel» rund und gleichmäßig über dieser Stadt des Lebens und der Torheit. Hchriftleitung: vr. Friedr. Wilh. Lange — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Stembruckerei. R. Lange, Gießen.