Jahrgang 1926 Samstag, den 29. Mai Nummer <3 Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Märchen. Von Börries Freiherr von Münchhausen. Glänzende Augen und feurige Bäckchen, Eins rechts, eins links im Sofaeckchen, Die kleinen Lände fest geballt. „Also der Königssohn kam aus dem Wald Mit der Prinzessin glücklich heraus, And nun ist die Geschichte aus!" Zwei tiefe Seufzer. Die rosa Mäulchen Schließen sich für ein kurzes Weilchen, And dann zwei Stimmen, ganz sentimental: „Nochemal, bitte, bitte, Pappa, nochemal!" Henrik Ibsen. Zum 20. Todestag des Dichters. Won Geheimrat Dr. Oskar- Walzet, Professor an der Aniversftät Bonn. (Nachdruck verboten.) Man hat einst erbittert um Ibsen gekämpft. Wie wenige wissen das heute noch Nicht der junge Ibsen, sondern der reife, der fein letztes formte, war Gegenstand des ärgsten Widerstreits. Wenn sonst ein Dichter den Sechzigern sich nähert, hat die Welt sich meist mit ihm schon abgefunden. Gr darf für überwunden halten, was gegen seine Anfänge eingewendet worden war, und wenn er noch aus Gegenstimmen trifft, verklingen sie im Chorus einer allmählich errungenen Anerkennung. Dafür bekommt er im 2klter auch nicht die überschwenglichen Lobesworte zu hören, die seine Anhängerschaft einst ihm zugerufen hat. Bei Ibsen war es anders. Mit Shakespeare zusammen nannte ihn doch wohl erst am Ende des Jahrhunderts einer seiner Bewunderer. And noch 1893 bezichtigte umgekehrt Max Nordau ihn der vollständigen Anfähigkeit, einen einzigen Gedanken deutlich zu denken, ein einziges der Schlagworte, die er seinen Stücken hie und da aufpinsle, zu begreifen, aus einem einzigen Vordersatz die richtige Folgerung abzuleiten. Heute wird Ibsen kaum noch Shakespeare gleichgestellt. Dafür nimmt auch keiner ihn so übel mit wie Nordau. Doch mit dem Kampf um Ibsen ist auch ein guter Teil des starken Anteils verschwunden, den er einst genossen hatte. Es wird stiller um ihn, man nennt ihn mit Achtung, er hat seinen gesicherten Platz, aber er bedeutet unferm Zeitalter nicht mehr, was er um 1900 bedeutet hatte. Damals war man gewohnt, von Ibsen auf die Fragen des Lebens aufmerksam gemacht zu werden, die im fortschreitenden Entwicklungsgang der Menschheit sich einstellten, zunächst indes her großen Mehrzahl noch herzlich unklar waren. Mele dankten Hm, daß er sie aus der Sorglosigkeit weckte, mit der die Menschen Wersehen, was morgen eine dringende Gefahr sein kann. Andere Waren empört, aus ihrer Nahe auf gerüttelt zu werden; sie schalten Ibsen — wieder mit Nordau — einen bösartigen Feind der Gesellschaft, weil er verriet, wo etwas im Leben und Treiben der Gesellschaft brüchig und erneuerungs bedürftig geworden war. Zeigte er ihnen, daß die Frau eine Entwicklungsstufe erreicht hatte, auf der ihr manches an der bestehenden Mtagsehe nicht mehr taugen konnte, so beschuldigte man ihn, er wolle die Ehe angreifen oder gar zerstören. Ein ehrlicher Warner kam in Verdacht, seine Stücke zu schreiben, um irgendeinen Gedanken, der ihm eingefallen war, durchgusetzen. Seine Menschen seien ihm dabei «echt gleichgültig. Sie dienten ihm nur als Träger feiner Thesen. So urteilte man. Da war es nötig, gründlichst zu sagen, daß Ibsen nicht ein sogenannter GedanksiMchiter fei, und daß er Schicksale von Menschen, die ihm mehr oder minder bekannt waren, zum Ausgangspunkt seines Schaffens nehme. Nur freilich gingen ihm am diesem Schicksal die Gefahren aus, die nicht nur diesem oder jenem, sondern dem Zfttalter drohten. Sein Dichterauge sah im einzelnen Menschen oder in einer Gruppe von Persönlichkeiten immer auch gleich die vielen andern, die Verwandtes erleben, erM-Een, aber auch erstreben formten. Darum empfand auch ein großer Teil der Zeitgenossen seine Dramen, zumal die letzten, die Gesellschafts stücke a.uÄ der Gegenwart, Wie eine Abspiegelung ihrer eigenen tnniern Erlebnisse, ihrer Leiden und ihrer Wünsche. Große Dichter verhalten sich meist so und wirken dergestalt auf ihre Amwelt. Sie sprechen auS, was dieser Ämwelt mehr oder Minder bewußt, selten in klarer Anschauung vorschwebt. Sie schenken der Amwelt das erlösende Wort, das ihr sagt, was sie selbst noch nicht ausdrücken kann. Ibsen war dabei so weit entfernt von irgendwelchen Programmworten, daß mancher ihm heute vorwerfen könnte, zu wenig Wegweiser gewesen zu sein. Seit einiger Zeit ist das Bedürfnis wiedeverwacht, aus dem Mund des Künstlers zu vernehmen, wie er sich rechte Lebensführung denkt, nicht bloß, welche Lebensführung Bedenkliches in sich birgt. Ibsen jedoch war und blieb der Sohn einer Zeit des Zweifels, die zu eindeusigen Entscheidungen nicht vordrang. Weil er zwei- feite, erkannte er die Anzulänglichkeit mancher Bräuche des Gesellschaftsliebens. Er hoffte, daß eine gründliche Wandlung kommen werde. Allein er hütete sich wohl, diese Wandlung zu ^stimmen, chr die Wiege zu zeigen. Das lockende Wort von einem künftigen Dritten Reich fesselte auch ihn. Hat er aber es jemals gewagt, das Wesen dieses kommenden Reichs auszusprechen? Gr geigte nur, wieviele auf der Suche nach dem dritten Reich schon gescheitert waren, voran Kaiser Julian, der Bekämpfer des Galiläers; Julian findet in Ibsens Dramen eine zahlreiche Nachfolge. Ja, Ibsen, dem so viel am Dritten Reich tag, könnte zu einem treuen Ekkehard gestempelt werden, der die Menschen abhalte, den Weg zum Dritten Reich überhaupt einzuschlagen. Die neue Sittlichkeit, die von Ibsen erwartet und erhofft, wurde, der Kern dieses Dritten Reichs, hatte in seinem Sinnen und Schaffen sich mehr und mehr eingeengt auf das Verhältnis von Mann und Weib. Es ist, als wäre für Ibsen, besonders in feinen letzten Stücken, alles andere nur Nebensache. Er beschränkt sich auf den großen Prozeß, der zwischen den Geschlechtern anhängig ist, wie Hebbel es einmal nannte. Abermals fällt das heute stärker auf als um 1900. Endlich ist die Ueberzeuguna wieder erwacht, daß Dichtung, daß besonders Tragödie nicht auf Liebe und Haß zwischen Mann und Weib sich zu beschräirftn braucht. Strindberg und Shaw, die beiden bewußten Aebertrumpfer Jbs>ens, bewiesen, daß die Frau und ihr Wesen nicht ausgeschöpst sind, wenn Typen wie Nora, Ellida, Hedda Gabler oder Hilde Wangel gestaltet werden. Sie machten diese Typen zu etwas Aeberholtern und Vergangenem. Sie nahmen überdies das Verhältnis der Geschlechter von vornherein in anderm Sinn. Strindberg, der Frauenhasser, der die Frau doch nicht entbehren konnte, Shaw, der Spötter, dachte nicht mehr daran, dem Weib in 6er Auseinandersetzung mit dem Mann gleich Ibsen zu Hilfe zu kommen. Doch während Strindberg immer noch gern Männer zeichnete, deren Wohl und Wehe von ihrem Verhalten zum Weib abhängt, wies Shaw schon den neuen Weg, auf dem auch mehr oder minder durchgeistigte Srottk nicht langer den Mittelpunkt alles Sinnens für den Mann bedeutet. Tragische Schicksale ergaben sich wieder, deren Voraussetzung aus anderer Quelle stammt. Der und jener ging bald von Anfang an diesen Weg. Jetzt haben wir uns schon gut an Dramen gewöhnt, die aus dem Leben Tragik schöpfen, ohne bei dem großen Prozeß zu verharren, der zwischen Mann und Weib anhängig ist. Sogar in Roman und Novelle greift solche Stoffwahl mehr und mehr um sich Das entfernt uns von Ibsen. Die Gegenwart wendet sich Überdies von ihm ab, soweit sie auf klarere Entscheidungen dringt und sich nicht mit den Fragezeichen begnügen will, die am Ende vieler Stücke Ibsens stehen. Dennoch muh sie zugeben, dah feilte Schöpfungen von einem echten und reinen sittlichen Willen getragen werden. Dieser Wille hat in dem zweifelsfrohen Zeitalter Ibsens nur nicht die Kraft gewinnen können, die für notwendig erkannten neuen sittlichen Ziele festzustellen und kräftig zu bejahen. 3m Süden der Dentschen. Von Gustav W. Eberlein-Rom. Im Wandelgang jenes alten Klosters, das zur Hauptpost ge- macht wurde, den unförmigen Rucksack auf das Gitter gestützt und heimatliche Briefe verschlingend, lehnen drei wildromantische Gesellen. Stachlrchte Waden, Sochgebirgsfiiefel, Echillerkragm. Die eleganten Signorine schlagen einen Bogen, die Herren Römer zucken verächtlich die Achfeln und die Schalterbeamten seufzen: Geht es also doch wieder an mit den tedeschi! Das Bild fällt auf, denn einige Monate lang hatte man es entbehrt. Im vorigen Jahre gehörte es zum klösterlichen Wandelgang wie das Kruzifix zur Cremitenklause, man mutzte sich oft durch ganze Wandervogelmauern hindurcharbeiten, um an den Schütter heranzukommen. Cs ist sonderbar: zuerst hält es sie nicht mehr in der Heimat, sie meinen die Welt stürmen zu müssen, sie erzwingen die Reise mit wenig Geld und viel Mut, sie haben wahrscheinlich auch wie alle über die deutschen Zustände geschimpft und glaubten 170 es überall im Ausland besser, aber kaum ein paar Schritte in der Fremde, packt sie das deutsche Weh, das Leimatweh, und sie wissen sich nichts herrlicheres als einen Bries oder auch nur eine Karte, die postlagernd für sie eingetroffen sein muß, abzuholen. Sich ein Mittagessen verkneifen, sich mangels eines Lerberggroschens mal eine Nacht um die Ohren schlagen, das will nichts heißen, da spricht man gar nicht darüber, aber die hungrigen Augen, wenn nian dem glücklicheren Wandergenoffen zuschauen muß beim Briefelesen! Tags darauf machen zwei „Weltreisende" die Gallerie unsicher. Sie unterscheiden sich von den gestrigen Habenichtsen nur durch eine Armbinde mit der Aufschrift „Giro del mondo". Kraft dieses Befähigungsnachweises schnorren sie sich durch hausieren mit Post- karten ihren Lebensunterhalt zusammen, den guten Nanten Deutschlands gratis dreingebend wie einen Abfallknochen. Sie erscheinen auch auf den Zettungsredaktionen und bitten ?,ii veröffentlichen, daß sie „bereits" Oesterreich, Tschechien, Jugoslawien und halb Italien erledigt haben. Bleiben nur noch Asien, Amerika und noch ein paar andere nebensächliche Gegenden. Die Zeitungen sind sehr höflich, sie setzen tatsächlich ein dutzend wohlwollende Zeilen ins Blatt und — notieren sich die Erscheinung für die nächste Brennerfanfare, den nächsten Ausbruch über die deutschen Schweinegesichter und die Waldmenschen, die den heiligen Marmor der Basiliken entweihen. Im Kolosseum, vor der Peterskirche, am Trajansforum sieht man wieder die Postkartenhändler und Mosaikverkäuser, den hutlosen und den Eulenbrillen entgegenlaufen, allmählich füllen sich auch die Hotels und Pensionen, auf deren drangvoll fürchterliche Enge im heiligen Jahr die Reaktion der gähnenden Leere gefolgt war — die Deutschen sind wieder im Lande. Lind ganz Italien freut sich oder tut wenigstens so, wie die Familie, wenn die Erbtante zu Besuch kommt. Immerhin, Rom ist noch empfindlich zurück. Der Reiseboykott hat manchen Fremdenlokalen das Lebenslicht ausgeblasen. Das einzige mit mitteleuropäischer Behaglichkeit ausgestattete Cafe, das sich in der Hauptstadt befindet, wer sich auskennt, schließt jetzt abends, denn die Engländer gehen nicht wie die Deutschen nach dem Nachtessen noch einmal aus. Engländer und Amerikaner sind die Ersatzware. Sie zahlen ja nicht schlechter, sie geben auch leidliche Trinkgelder, aber was ihnen fehlt, das ist eben das massenhafte Auftteten. Freilich, in Rom läßt sich jetzt, unmittelbar nach den Eindriicken des Jubeljahres mit seinen alle herkömmlichen Vergleichsmaße sprengenden Pilgermengen, nur schwerlich eine Bilanz über die Fremdenindustrie im allgemeinen und die Wirkung des deutschen Reiseboykotts im besonderen ziehen. Wer deutlicher sehen will, muß nach dem Süden gehen, nach den wunderblauen Golfen von Neapel und Salerno mit ihren deutschen Gastkolonien. Nach dem Süden der Deutschen. Neapel sehen und dann sterben! Sei mir gegrüßt, o du mein schönes Sorrent! Capri mit der blauen Grotte, Amalfi, Pompeji... Wo ist der Deutsche, der nicht davon schwärmt? Ich machte mich auf die Näder, um es etwas weiter zu bringen als die Fußweltreisenden. Auf der Landstraße, dachte ich, mußt du ihnen begegnen. Aber es war nichts damit. Kein Bruder Straubinger zu entdecken, der aufsitzen wollte. Sie werden, dachte ich, zur Hintertreppe hereingehen. Aber das Volk staunte mich an wie einen blauen Lund und warf mit Steinen nach meinen Benzinpferden. Da ging ich auf die elegante Sttandpromenade, Blick auf Vesuv und Capri, und siehe da —! Auf der Schmetterlingsjagd nach verflogenen Deutschen gelang es mir alsobald, einen aufzuspießen. O, noch einer! Oder sind es drei? Der eine trägt einen Schillerkragen, der andere eine Fiedel über dem Rucken, der dritte einen Lausiererkasten. Lieber die letzteren Vertreter des italienischen Volkes EHelten die deutschen Reiseführer, über die ersteren Repräsentanten er deutschen Natton schilt Mussolini. Wer hat nun eigentlich Recht? Das Terzett schlenderte einttäglich dahin und es war nicht zu unterscheiden, wer etwas von dem anderen haben wollte. Frage: Lausen die Deutschen denn auch in Berlin mit der Violine über dem Rücken die Linden auf und ab, stellen sich hin und sammeln ein? And was würde man in Deutschland sagen, wenn italienische Reisende sich so aufführen würden? Ich weiß natürlich, daß und welche Anterschiede es gibt, weiß, daß es herzerfreuende Wandervögel gibt, aber es kommt nicht darauf an, ob ein Deutscher zu unterscheiden weiß. Der Ausländer urteilt bet seinen Gästen nach dem Aeußeren, wie der schlechte Weinkenner nach der Etikette, und von diesem Gesichtspuntt aus sind die deutschen Wadenstrümpfe einfach eine Bekleidung. Die deutsche Sehnsucht nach dem Süden läßt sich nicht unterdrücken und der Boykott ist das bekannte „totgeborene Kind, das sich bald im Sande verlaufen wird", aber muß denn diese Sehnsucht unbedingt unzweckmäßig, unliebsam bekleidet werden? In Neapel habe ich in einem feinen Speisehaus einen Offizier an seinen Nägeln kauen, in Terracine einen zerlumpten Menschen betteln sehen, der das Fascistenabzeichen anstecken hatte, und ich bin sicher, daß manche Deutsche zu Hause spöttelnd über ähnliche Beobachtungen berichten. Warum sehen wir dann nicht, was uns zum Gespött der Welt macht? * Si loca! Est locanda! Zu vermieten! Zu verkaufen! Das geht so den ganzen Posilip hinauf, hinunter. Jede dritte Villa leer. Wenn die Deutschen noch länger ausgeblieben wären, hätten sie die Wohnungsnot in Neapel radikal geheilt, heißt das, in den vornehmen Vierteln. In den Volksquartieren sieht es womöglich noch fürchterlicher aus als früher. Die Zusammenballung von ungezählten Menschen, denen aber die Ora- , ,ation des Ameisenhaufens abgcht, die Anhäufung von Schmu, d Ankultur in den Gassen und Winkeln hat in ihrer gerad .ementaren Aebertreibung etwas Grandioses, hier verstehe a die Schwierigkeiten des Fascismus, hier stößt man auf : Kernpunkt des „Problems des Mezzogiorno"; auf die Zuff yeit des unter grauenhaften Lebensbedingungen lachenden un singenden Völkleins. Es wird behauptet, daß ich nä ch aus dem Schlafe aufgefahren sei und nach hupe und Lorn relnd das geflügelte Wort ausgestoßen habe: Sieh Neave. <■> stirb vor Grausen! Man sollte jedem