Gießener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger IahrgangHb " Vienstagden 28. Dezember Nummer Ivh sie werde >e- Weihnachtsbaum. Won Ada Christen. Hörst auch du die teilen Stimmen Aus den bunten Kerzlein dringen? Die vergessenen Gebete Aus den Tannenzweiglein singen? Hörst auch du das schüchternfrshe, Helte Kindertachen klingen? Schaust auch du den Men Enget Mit den teilten, Meißen Schwingen? Schaust auch du dich .selber wieder Fern und fremd nur wie im Traume? Grüßt auch dich mit Märchenaugen Deine Kindheit aus- dem Baume? . . . Tante Constanze. Von Wolfgang Go e tz. der Biedern,eier leibhaftig zu fühlen meinte, nicht die uralten, » wichtigen Schränke, noch auch die alten dunklen Bilder wenig b, kam,ter Maler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die fo hell leuchten, wenn man sie reinigt, nicht fehlte das Post- und Reifespiel, auf dem noch wirklich die Postkutsche fuhr. Bilderbücher waren da mit ausgeschnittenen Bilderbogen, die viel schöner waren als unsere, nur ein wenig fremd, aber gerade darum vertraut. Auch das Spukige fehlte nicht: die Wackelmadame. Das war ein graues Weiblein aus Holz das mit dem Kopf nicken konnte. Und merkwürdige goldene Berl'ocks, tlelne Händchen aus Korallen, die den Malocchio abwehren sollten, und die dünne Uhrkette, an benen die klirrenden Kleinigkeiten hingen, ließ Tante durch ihre Finger gleiten, die selber gestellt waren wie bei den Italienern, wenn sic dem bösen Blick begegnen. Ich.weiß nicht, warum sie sich gegen den so energisch wehrte, war sie doch eine aufgeklärte und kluge Person, die das Leben nahm, wie es ist, und sich ihre eigenen Gedanken über das machte, was sie wahrnahm, und das war nicht wenig. Es ist eine reine Spekulation von mir, wenn ich diesen leichten Aberglauben qu* eines ihrer ersten Erlebnisse zurückführe. Das war an den Dutzendteichen bet Nürnberg gewesen, und ihr »ater und Onlel hatten den Professor Daumer begrüßt, der mit einem Jüngling zu ihnen trat. Der Junglmg nut den traurigen Augen, der etwa, sechzehn Jahre sem mochte, hatte bald die Freundschaft der um zehn Jahre jüngeren Constanze gewonnen, man hatte sich oft getroffen, und der Jüngling sagte: Manzchen mit dir ach ich am liebsten, du machst so kleine Schritte! Viel mehr wußte Tante Constanze nicht von ihm zu erzählen, sie lachte nur spater dabei ein stilles, freundliches Lachen, das von unbekannten Heiter- leiten zu wissen schien, und es wäre gar mchtsandieser Gefchichte, wenn der Jüngling nicht seinerzeit Europa, |g die Welt lnatemioies Staunen versetzt hätte als aenigma temporis E: es war Kaspar Hauser. Als dann die Rachricht kam von dem Ansbacher Dolchstoß, Als tch noch Kind war, standen zu Weihnachten immer zwei kleine Wachsstöckchen, bunt, einfältig und treu neben den Spielzeugen, den Bleisoldaten, auch noch neben den Büchern, rechts und links. Ich wäre sehr erbittert gewesen, wenn sie gefehlt hätten. Meine Großmutter schenkte sie mir immer, sie hielt es für dringend geboten, dem Enkel diese prometheischen Pyramidlein zu schenken, obwohl sie selber ein bißchen darüber lachte. Anzufangen wußte ich, der ich nun schon im erleuchteten Zeitalter des Gases heranwuchs, nichts mit diesen nun spielerisch gewordenen Resten einer weiten Vergangenheit. Zu fragen traute ich mich lange Zeit nicht: die Großmutter nicht, weil ich sie vielleicht verletzt hätte, bei den Eltern klopfte ich nicht an: die hätten Zweifel in meine Bildung gesetzt, was mir peinlich gewesen wäre. So fragte ich Tante Constanze. Und sie, die sonst voller Schnurren und Erzählungen stak, strich mir über den Kops und sagte, nicht böse, auch nicht abweisend, ober fremd: „Das ist vorbei!' So habe ich nie erfahren, was man früher mit den Wachsstöckchen angestellt hat, und noch heute kann ich es mir nur einigermaßen zusammendenken. Aber das Wort der Tante Constanze, dieses: „Das ist vorbei!" klang mir seltsam und klingt noch heute nach, denn als ich später bei Goethe zu meiner Freude erfuhr, daß Borde! ein dummes Wort ist, fiel mir ein, daß zwischen Tante Constanze und den Wachsflöckchen eine wunderliche, geheimnisvolle Beziehung webte. Eines Tages, als ich zum erstenmal Tonte Constanzes Wohnung iah — ich ljatte sie oft besucht, aber man sieht erst viel später Ser« artiges zum erstenmal —, mußte ich gleich denken: Ja, wo sind denn die Wachsstöckchen'? Es sehlte sonst nichts in dieser stillen Wohnung einer Einsamen. Die hohen Stühle mit den schrecklichen Lehnen, in denen man so steif sitzen mutzte, daß man die Stege an den Hosen ä,,,. »hiwmwpr leihhaftia aii fühlen meinte, nicht die uralten, ge- roar sie in den Garten gegangen, in der „Wage" zu Leipzig, hatte sich unter die Akazie gesetzt und hatte bitterlich gemeint. Wenig nachdem der Urgroßvater ins Zimmer getreten war und sich weinend in einen Stuhl geworfen hatte: „Goethe ist tot. , 'ßs wurde viel geweint damals, und In der „Wage zu Leipzig besonder«. Des Abends versammelten sich die Geschwister dort mit ihren Freunden und lasen sich Jean Paul vor, während Stanzcheir und der kleine Ferdinand, der später ein Turnvater wurde, im Nacht- Hemdchen an der Tür den Watten des Großen aus der Wunsiedelet lauschten, bei dem die drinnen im lichten Saal Zähren vergossen ober laut auflachten oder sich, gerührt von den edelsten Gefühlen, in die Arme sanken und selbstvergessene Küsse reiner Menschenliebe tauschten, was den beiden Spähern viel Bergnügeu bereitete. Und bann die Geschichte mit dem Flügel! Urgroßvater Ober- zollinspektor konnte sich endlich ein Klavier kaufen, dasselbe Klavier, das bei der neunzigjährigen Constanze noch immer treulich dien«. Es war ein altes Klavier, zu einem neuen reichte es bet Oberzollinspektors nicht, und man war sich über die Qualität nicht einig. Wozu aber hatte man denn in Leipzig die Gewandhauskonzerte und einen dazugehörigen Kapellmeister? Der wurde denn gerufen, kam auch, lobte das Instrument, und es gefiel ihm so, daß er eine ganze Stunde darauf phantasierte. Da sah die ganze melköpftge Familie und hörte dem Kapellmeister Mendelssohn-Bartholdy zu, und als er wieder gegangen war, wunderten sich alle, daß sie den wunderbarer! Ton des Instrumentes nicht gleich erkannt hatten. Ob dieser Tag das entscheidende Moment war, bah Constanze ihre Stimme ausbilden ließ, weiß ich wieder nicht, jedenfalls fand die neue Saison die Jungfrau im Gemandhauschor. Da begab es sich, daß man das Paradies und die Peri, ober war es der Rose Pilgerfahrt, zum erstenmal aufführen wollte unter der Leitung des Stent- ponisten. Alles war festlich versammelt zur ersten Chorprobe, uns Herr Schumann trat fröhlich an das Pult, legte, die Lippen wie zum Pfeifen behaglich gespitzt, die Partitur auf, klopfte an und hob den Stock. Aber nicht her Chor, nicht das Ordjefter setzte em, als er zu taktieren begann, und das fiel ihm diesmal doch auf, bah er verwundert hochblickte. Er sah sich betroffen um, es hatte aber keiner den Mut, etwas zu jagen, obwohl heftige Unruhe herrschte. Nur Constanze trat herzklopfend heran und sagte bebend: Herr Kapellmeister, Sie haben die Stimmen zu Hause gelassen. (Denn das Werk war noch Manuskript!) Robert halte den Taktstock beiseite gelegt und traurig gefügt: Da kann man nun freilich nicht spielen. Er war sehr verzweifelt, aber Constanze, nun etwas mutiger, hatte kurz erklärt, sie werde sie schon holen, und der Kompoflteur war über diesen Einfall in Entzücken geraten und heischte die Gewandhauskutsche für das Fräulein Goetz, und so fuhr sie in diesem engen Raum, der so viel grotze Gedanken umhegt hatte, zu Clara, die ganz entsetzt war über bas, was ihr Robert wieder mal angestellt hatte. Ms die hübsche Mamsell endlich die Stimmen brachte, da stand Robert am Pult und sann vor sich hin, die Pfeiferlippen gespitzt, und „danke zu sagen hat er auch wieder vergessen. t . Obwohl sie doch eine hübsche und reizende Person gewesen fei» muß, wofür der Ausspruch eines großen Kenners Zeugnis ist. Denn eines Tages war sie mit Seebeck, dem berühmten Physiker, beii Goethe näheren Umgangs gewürdigt hatte, und feiner Familie aus ^r Bastei. Der Zufall wollte es, datz Preußens junger König feinem Detter Sachfen beit Antrittsbesuch gemacht hatte, und der Landes- oater wollte gewiß dem Fürsten über nwrkischen Sand -mpomeren und führte ihn also in die rauhe Wildlandschast der Sächsischen Schweiz, an eben demselben Tage, da Seebecks ihre Freundin Con- stanze zum Kaffeetrinken dorthin führten. Die Aufregung war nicht gering, als die Herrschaften plötzlich erschienen Sem Sachsen:war wohl sein lieber Seebeck ausgefallen. Da geschah das Entsetzliche -7 und Constanze schauerte noch leicht, als sie bereits die Achtzig erreicht hatte — der Krone lächelnder Erbe hatte fein Lorgnon nut den uier- ediqen Gläsern erhoben, auf Constanze gerichtet und gesprochen: Weich eine charmante Person! So schnell als es höflich erschien, hatten sich Seebecks der königlich sächsischen Huld entzogen und waren Hals über Kopf mit Constanze {jinuntergefturmt, aufs Schiff und nach Dresden, wo man im Schutze sächsischer Regrmenter einiger- matzen sicher sein dürste. Dennoch zitterten sie noch «in Weilchen, denn wer kannte die Schliche und Tücke des preußischen Ogers der durch Me dEen Worte ganz unzweifelhaft den Wunsch kund- gegeben hatte, Constanze feinem ungeheuren Harem emzuverleiben. Aber °gern"erzähtte'die°Tante Constanze doch von diesem grüß. : biri ber Frau von Holstein, der Mäzenatin und Witwe des bald ver- aeffenen Komponisten. Durch deren Vermittlung lerme sie Vrettet fermen, den sie bisweilen in Weimar besuchte. Die Alternde hatte eine - 414 — Seelenfreunbfchaft mit dem Maler. Die hat nie Einzelheiten van ihm erzählt. Bei meinem Großvater, ihrem Bruder, hingen gute Reproduktionen der Odyssee, jedesmal, aber auch jedesmal, so oft sie ihn besuchte, und das geschah des öfteren in der Woche, schritt sie die Front der Bilder ab, während sie die Malocchio-Finger über die dünne goldene Uhrkette gleiten ließ. Sie schwieg dabei und schüttelte wohl bisweilen bewundernd den Kopf. Das dauerte eine Viertelstunde. Endlich saß sie allein in ihrem Stübchen, stand um fünf aus und legte sich um Zwölf zu Bett, besorgte sich bis in die letzten Tage ihr Krämlein und las. „Ich lerne jeden Tag noch etwas Neues! Da bleibt man jung", sagte sie lachend, eine wunderschöne Greisin mit stolzen, aber nirgends scharfen Zügen, als ich sie nach ihrem Jungbrunnen fragte, und dann konnte sie über Wölfflin sprechen oder Dehmel, den sie gar nicht mochte, wie denn ihr Haß so jung wie ihre Liebe blieb. Zu . einem Fest bei uns kam sie, da wurde getanzt; und sie, juft achtzig geworden, ergriff meine Großmutter an der Hand, und die beiden tanzten leise ein Menuett, bis wir langsam aufhörten und nur noch zusahen. Dann klatschten wir mächtig, und Constanze dankte mit dem schönsten Hofknicks, nicht ohne Ironie, aber doch ihrer Anmut wohl bewußt, und nicht ein bißchen geschmeichelt; das war sie ganz und gar. So seh ich sie immer, wenn ich an sie denke. Bor einem Jahrzehnt starb sie, in diesem Jahre wäre sie hundert geworden, wenn nicht ein paar Aerzte eine Balggeschwulst für Krebs genommen und sie operiert hätten. Beim Tannenberger Siege noch soll sie vor Stolz fast zersprungen sein. Das ist vorbei. Es ktehen keine Wachsstöckchen mehr auf meinem Weihnachtstisch. Aber drinnen brennen sie lichterloh und werden — wunderlich — gar nicht kleiner, sondern immer größer. Vorbei — ein dummes Wort! Das LächsZn der Madonna. Bon Willy Kirch. Jedem, der die Frauenklinik Dr. Holmelms betrat, fiel im Eingangsraum die große steinerne Madonna auf, die, ein gotisches Meisterwerk, in edler Haltung mit einer Krone auf dem Haupte dastand und mit lieblichem Lächeln auf das Kindlein, das an ihrer Brust lag, blickte. Diese Madonna sowohl als auch die zwei großen farbigen Reproduktionen von zwei berühmten alten Madonnenbildern, die gerahmt an einer Wand zur Rechten hingen, ließen den fremden Besucher den Eindruck eines geistlichen Hauses gewinnen. Auch die Blicke der beiden Herren, die am Weihnachtsabend diesen Raum durchquerten, glitten wieder mit Befremden darüberhin, obgleich die beiden keineswegs zum erstenmal daS Haus betraten. Sie waren im Gegenteil als alte Freunde Dr. Holmelins sehr ost zu Gaste hier. So hatte der Doktor, der Witwer war, auch heute am Weihnachtsabend die beiden Junggesellen, eilten Kaufmann und einen Rechtsanlvalt, zu einer kleinen, gemütlichen Feier zu sich eingeladen. Die alte Wirtschafterin empfing die schon erwarteten Besucher und führte sie ins Zimmer mit dem Bemerken, daß der Doktor noch beschäftigt fei. Es herrschte wohlige Wärme im Raum und ein kleiner Christbaum wehte weihnachtlichen Tannenduft durchs Zimmer. Die Freunde machten sichS bequem und nahmen in den weichen Ledersesseln Platz, ivährend die Wirtschafterin ein hübsch gedecktes Tischlein mit Gläsern und Gebäck hereinschob und eine dampfende Punschterrine in die Mitte setzte. Gleich darauf kam Dr. Holmelin, ein schlanker Vierziger, mit einem etwas weichen Gelehrtengesicht und einer großen, schwarzen Hornbrille. Er begrüßte lebhaft seine Gäste und zündete die Kerzen des Weihnachtsbäumchens an. Rach Austausch einiger Geschenke saßen bald die drei beim Punsch vereint und plauderten. Doch war es fast nur Dr. Holmelin, der sprach. Die beiden anderen toaren sichtlich nicht besonders aufgelegt zum Reden. Das Gesicht des jungen Kaufmanns war versonnen und verriet die etwas sentimentale Stimmung, die den Junggesellen leicht am Weihnachtsabend überkommt. Der Rechtsanwalt dagegen zeigte mehr ein spöttisch überlegenes Lächeln. Er haßte, wie er selber sagte, diesen Weihnachtsrummel, fand ihn dumm und albern. Er war nur gekommen, weil in seinem Stammlokal heute doch nichts los war. Ganz anders war der Doktor. Auf seinem Antlitz lag ein heller Schein von Glücksgefühl und wohliger - Zufriedenheit. Etwas Strahlendes ging von ihm aus, das schließlich auch ein wenig auf die andern Übergriff. Der starke Punsch tat seine Wirkung, und die Unterhaltung wurde lebhaft. Der Rechtsanwalt, dessen Augen bei der Wanderung durchs Zimmer aus dem gerahmten Bilde einer Madonna an der Wand haften geblieben waren, warf in einer Pause des Gesprächs plötzlich eine Frage ein, die er schon lange hatte stellen wollen. „Warum eigentlich", wandte er sich an den Doktor, „umgeben Sie sich überall in ihrem Hanse mit diesen Heiligenbildern. Man möchte fast meinen, daß ein Theologe an Ihnen verloren gegangen sei, obgleich mir nicht erinnerlich ist, Sie jemals auf dem Wege zur Kirche gesehen zu haben." Der Doktor schwieg aus die Frage, nur ein Lächeln spielte fein um seine Lippen, und der Glanz, der vorher schon auf seinem Antlitz lag, verstärkte sich. Nach einer kurzen Stille, während der die beiden fragend auf den Doktor blickten, stand dieser plötzlich auf und schritt zur Wand. Behutsam nahm er dort das Bild herab und kehrte damit an den Tisch zurück, räumte hier ein wenig das Geschirr beiseite und stellte vorsichtig das Bild so auf den Tisch, daß es, nach hinten angelehnt, von hellstem Licht bestrahlt, den Gästen gegenüber stand. Es war eine ausgezeichnete Reproduktion jenes Jnnenfkügels vom Jsenheimer Altar mit der unendlich lieblich lächelnden Madonna Meister Grünewalds. Der Doktor setzte sich wieder. „Haben Sie jemals einen Menschen so lächeln gesehen?", wandte er sich dann nach kurzem Schweigen an den Rechtsanwalt. Der Gefragte beugte sich minutenlang zum Bild herab. „Rein", kam etwas spöttisch, fast belustigt seine Antwort. „Menschen lächeln nicht so", fügte er bann ernster werdend noch hinzu. — Der Kaufmann aber schwieg befremdet und wußte augenfcheinlich überhaupt nichts Rechtes darauf zu erwidern. Der Doktor lächelte und schien befriedigt. Eine Weile war noch Schweigen, bann stand er plötzlich auf und ging hinaus. Nach wenige» Minuten tiefster Stille erschien er wieder in der Tür und winkte wortlos seinen Güsten, ihm zu folgen. Er führte sie durch einen langen Flur, der mit einem roten Läufer ausgelegt und matt erhellt war. Vor einer Tür am Ende blieb et stehen, machte den verdutzt ihm Folgenden ein Zeichen, ganz still zu sein, öffnete lautlos die Tür und lüftete ein wenig den schweren Vorhang, der von innen noch die Tür verdeckte. Das Auge fiel, zunächst vom Schein der Lichter eines Christ, baums geblendet, auf ein Bett, in dem halbaufgerichtet eine junge Frau mit einem nackten, kleinen Kindlein in den Armen ruhte. Eine Wöchnerin, die wohl erst vor ganz kurzer Zeit die schwere Stunde überstanden hatte und unterm Weihnachtsbaume nun zum erstenmal ihr Kindlein sah, das eine Schwester, die lächelnd im Hintergrund des Zimmers stand, ihr eben in die Arme hineingebettet hatte. Der feierliche Schein der Kerzen warf ein goldenes Licht auf das Gesicht bet jungen Mutter. Das aufgelöste blmtbe Haar fiel goldbestrahlc in langen Wellen auf ben rosig runden Leib des kleinen Wesens nieder. Mit zarten, noch vom Leide wächsernen und wie zerbrechlich schlanken, schmalen Fingern hatte sie das kleine Köpfchen zu sich auf gehoben. Aus ihrem Antlitz aber stand ein Lächeln von so unenblid, reinem, innerem Beglücktsein, daß die entzückten Augen bet Lausche i Hinterm Vorhang leben big jenes Bild der lächelnden Madonna zu sehen glaubten. ' Der Doktor schloß den Vorhang wieder und führte ferne ®dfu zurück ins Zimmer. Es luar, als sei auf den Gesichtern der drei Menschen etwas von dem Glanze jenes hellen Bildes haften geblieben. Still herrschte, nicht betretenes Schweigen, silberklangerfüllte, lichte Still! „Muß ich noch den Grund des Hierseins dieser Heiligenbilder nun erklären?" unterbrach dann Dr. Holmelin das Schweigen. „Ich will nur noch erzählen, wie ich einst zu dem Beruf des Frauen arztes kam. Keine lange Geschichte, ein paar Worte nur. — Auch ich verlor einmal den Glauben an die Menschen und an Uj Lächeln. Warum, das ist ja gleich, es war die ewig alte, sich immer wiederholende Geschichte. Ich war Student. Ein Weihnachtsabend wats wie heute. Ich haßte damals auch den Weihnachtsrummel und irrte einsam-durch die Straßen, flüchtete aus einem Kaffee wieder, weil mich ein spöttisch arrogantes Lächeln traf und innerlich verletzte. Mir schien es damals, als hätten alle Menschen ein ganz besonders höhnisches unb dummes Lächeln aufgesteckt. Zerfallen mit mit selbst und allem Leben irrte ich umher. Da rief mich eine Stimme plötzlich an. Es war ein alter Freund von mir, ein junger Mediziner, der Assistent in einer Frauenklinik war. Er sah wohl, >oie es um mich stand und lub mich ein, den Abend doch bei ihm im Kreise seiner Eltern zu »erbringen. Ich lehnte ab unb wollte weitergehen, doch er ließ nicht locker, faßte mich am Arm unb zog mich mit sich fort. Er wollte schnell zur Klimt noch, um sich zu überzeugen, ob alles bort in Ordnung sei. Er nahm »sich mit, unb willenlos ließ ichs geschehen. Ich tvandelie dann aus den Flur der Klinik auf unb ab, unb wartete auf ihn. Ich weiß noch, wie bie feine Stille unb ber leise Schritt der Schive ftern, jene Ruhestimmung bet Genesung, mich gefangen nahmen. Dann kam mein Freund zurück unb tointte mich heran an eine Tür, aus der er kam. Er lüftete ben Vorhang, so wie ich vorhin, unb ließ mich in bas Zimmer blicken. Ich sah bas basselbe wunbersame Mlb,bas Sie soeben faben. Ich sah zum ersten Male jenes Lächeln der Mabonna, bas tvic ein Weihnachtswunber aus mich wirkte. Ich stand gebannt, beglückt. So hatte ich das Lächeln eines Weibes nie gesehen. Der Abend, den ich dann in ber Familie meines Freundes verlebte, war bet schönste Weihnachtsabend meines Lebens. Ich sah ein Lächeln überall, es war vor meine Füße hingefallen wie ein blitzender Reif. Ich war beschenkt wie das Kind mit den Sterntalern im Märchen. Der ganze Abend war erfüllt von diesem Lächeln, und der Entschluß, Frauenarzt zu werden, stand in mir fest. Ich mußte dieses Lächeln Wiedersehen, immer um mich haben. Ich wollte Helfer sein -zu diesem Lächeln. Ms ich damals wieder in ein Museum kam, das ich oft besuchte, da blickte ich mit anderen Augen auf die herrlichen Madvnnenbilber alter deutscher Meister, an denen ich vorher gleichgültig vorübergegangen war. Das Lächeln ber Madonna war mir znm Erlebnis geworden, so wie den Künstlern, die es schufen in ihren Bildern. Ich liebte sie von nun an alle diese stillen, herrlichen Madonnen, die in den Gewölben bei Museen stehen und lächeln, lächeln für den, ber dieses Lächeln zu e> leben vermag. Es ist etwas Seltsames um das Lächeln der Menschen", fuhr Dr. melin fort, „sie lächeln so leicht, so oberflächlich, so bedeutungsw gefallsüchtig ober dumm, gewinnenb ober verletzend, es gibt vielte . nur ein Wahrhaftes Lächeln, das Weihnachtslächeln, das Lächeln b>. Mutter, die beglückt zum erstenmal ihr Kindlern sieht." Der Doktor stand auf und holte eine Mappe herbei, schlug sie a> und legte Leonardos Gioconda auf den Tisch. „ Sie sehen", fuhr er fort, „viele Künstler haben das Lächeln des Meu scheu gestalten wollen, aber nicht alle haben cs schaffen können, dieses — 415 ; i Lseihnachtslächeln, Io gut wie Meister Grünewald. Leonardo wollte in der Gioconda das ewige Lächeln gestalten. Es fasziniert, aber es läßt kalt, es ist eisern, es wird zur Maske. Es ist das Lächeln, von dem Wir den zwingenden inneren Grund nicht einsehen. Es ist das gewin- nende Lächeln der schönen Frau. Sie lächelt, weil es ihr gut geht, und weil sie keinen Grund weiß, nicht zu lächeln. Es ist das Symbol einer ganzen Zeit, einer lächelnden Weltanschauung. Es ist im Bilde Leonardos errechnet mit mathematischer Genauigkeit, vom Geiste eines Forschers konstruiert. Es ist das Lächeln der Renaissance. Das Lächeln des schönen Scheins. Oder", der Doktor nahm ein anderes Blatt aus der Mappe, „sehen Sie das Kurtisanenlächeln andererMadonnen jener Zeit. Ihr war das Weihnachtslächeln, das ganz Licht ist aus Innerlichkeit, fremd; sie hatte es verloren. Nur die alten deutschen Meister haben es gestalten können wie Grünewald. Deshalb liebe ich diese Madonnenbilder so und habe sie erwählt zum schönsten Symbol dieses Sauses, in dem ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, zu wirken für die rhaltung diefes deutschen Weihnachtslächelns, das so beglückt ist und beglückend wie nichts anderes." Der Doktor schwieg. — Bom Bilde der Madonna, das noch auf dem Tische stand, ging im Schein der letzten Kerzen des Weihuachtsbaums ein Strahlen aus, daS alles überglänzte. Als am späten Abend der Kaufmann und der Rechtsanwalt, d'.e Freunde des Dr. Holmelin, des hochgeschätzten unb berühmten Frauenarztes der Stadt, sein Heim verließen und durch die matt erhellte Vorhalle der Klinik schritten, blieben beide wie gebannt vor der steinernen Madonna mit der Krone auf dem Haupte und dem Kindlein an der Brust in andachtsvollem Schweigen stehen. Sie lächelte, unendlich lieblich, und es schien im roten Licht der Ampel, als lächle sie nicht nur ihrem Kinde, sondern schalkhaft und beglückt den beiden stummen Gästen ul Die beiden aber gingen und trugen behutsam, wie man eine Kerze im Wind trägt, als schönstes Weihnachtswunder heim in ihrer Seele das Lächeln der Madonna. Mr haben seinen Siern gesehen. Bon Arthur Stenzel Im zweiten Kapitel des Matthäus-Evangeliums wird mit großer Bestimmtheit berichtet, daß zur Zeit der Geburt Jesu ein Stern erschienen sei, und daß dieser Stern die Magier oder Weisen — ihre Zahl wird nicht angegeben — im Morgenlande veranlaßt habe, nach Jerusalem zu ziehen und dort zu erkunden, wo im Lande Judäa der neue König der Juden geboren sei. „Wir sahen seinen Stern im Ausgange, und wir kamen, ihm zu huldigen", sagten sie. Als die Magier dann, so wird weiter berichtet, durch die von König Herodes zusammeirgerusenen Hohenpriester und Schriftgelehrten erfahren hatten, daß Christus der prophetischen Weissagung gemäß in Bethlehem geboren werden sollte, und dahin wanderten, zog der Stern, den sie im Aufgange gesehen chatten, vor ihnen her, bis er über der Stelle stillestand, wo das Kindleiu war. „Da sie aber den Stern sahen, freuten sie sich mit sehr großer Freude", heißt es wörtlich im Urtext. Matthäus deutet leider nicht an, welcher Art jenes Gestirn gewesen sei, sondern redet nur kurz von einem „Stern" (im griechischen Text astör). Daß es ein ungewöhnliches Gestirn gewesen sein muß, ist ohne weiteres klar; sonst hätten sich die, offenbar in Babylon anfäfsigen, Magier nicht „zu dieser großen Reise entschlossen", wie der Kirchen- 2oriker EusebioS sich ausdrückt. Schon aus diesem Grunde werden : den „Stern" der Weisen nicht unter den alljährlich kürzere oder längere Zeit sichtbaren Gestirnen, also in erster Linie nicht unter den Fixsternen, in zweiter nicht unter den Planeten zu suchen haben. Die babylonischen Magier waren als Astrologen sehr genaue Kenner des gestirnten Himmels und konnten nur in einer seltenen, in hohem Maße auffallenden Erfcheinung den Messiasstern erblicken. Drei Jahrhunderte lang haben sich die Astronomen bemüht, das Problem des Sterns der Weisen zu lösen, ohne zu einem bestimmten Erfolg zu gelangen. Es fehlte ihnen die Hauptgrundlage für die Berechnung : Die Kenntnis der Epoche jenes Gestirns, d. h. der wahren Geburtszeit Jesu. Man stellte das Problem gleichsam auf den Kopf und wollte aus der Erscheinung des Gestirns die unbekannte Geburtszeit ermittekn. Um das Problem richtig anzufassen, war es daher zunächst notwendig, auf andere Weise die Geburtszeit Jesu sestzustellen, und dann mit Hilfe dieser Epoche das unbekannte Gestirn zu ermitteln. Aber auch hier schienen sich anfangs gleichgroße Schwierigkeiten in den Weg zu stellen. Als einzige sichere Methode kam die historische Beweisführung in Betracht, die jedoch trotz zahlreicher, schon im frühen Mittelalter, feit Eusebios, unternommener Versuche bis in die neueste Zeit hinein nicht zu einem greifbaren Ziele gekommen ist. Eine nähere Prüfung der Gründe des Versagens aller dieser Versuche ergab nun bie merkwürdige Tatsache, daß die Historiker grabe die historischen Angaben der Synoptiker nicht richtig auSgewertet, zum Teil sogar vernachlässigt oder gar für irrig erklärt hätten. Matthäus berichtet ganz klar: „Als aber Jefus in Bethlehem Judäas in den Tagen des Königs Herodes geboren war". „Ebenso unzweideutig schreibt Lukas im zweiten Kapitel seines Evangeliums: „ES begab sich aber in jenen Tagen, daß ausging eine Berordnung vom Kaiser Augustus, daß die ganze Wett sich aufschreiben lasse. Diese Schätzung erfolgte als erste, als Kyreuios Statthalter Syriens war." Herodes L, der Große, herrschte über Judäa vom Jahre 37 bis zu seinem Tode, Mitte März des JahreL 4 vor unserer Zeitrechnung, und Octavianus Augustus war römischer Kaiser vom Jahre 30 vor bis zum 19. August 14 nach Beginn unserer Aera. Von der Amtsdauer des Publius Sulpicms Quirinius (griechisch Kyreuios) wissen wir, daß er vom Januar bis in den Sommer des JahreS 12 vor unserer Zeitrechnung Konsul in Rom war, dann aber von dem Consul suffectus L. Volusius Satuminus abgelöst wurde, um nach der astatischen Provinz Syrien und Palästina entsandt zu werden, von wo aus er nach den Berichten des Tacitus und Strabo etwa im Jahre 11 die Homonadenser im Taurusgebirge besiegte und dafür die Triumphinsignien erhielt. Da er zweimal Statthalter in Syrien war, seine zweite Statthalterschaft jedoch erst in das Jahr 6 nach Beginn unserer Aera fiel, muß seine erste Statthalterschaft in die Lücke der syrischen Amtstätigkeit von Agrippa 23—12 und M. Ti- tius im Jahre 10, d. h. in die Jahre 12 und II gesetzt werden, weil er grade zu dieser Zeit dort anwesend war. Für bie folgenden Jahre kam Quirinius nicht mehr in Frage, denn von 9 bis 6 amtierte in Syrien (Palästina) C. Sentius Saturninus und von 6 bis 4 ober noch länger P. Quinctilius Varus, der jenes Land auf das furchtbarste brandschatzte, derselbe, den mit seinen drei Legionen im Jahre 9 nach unserer Zeitrechnung Armin, der Cheruskurfürst, im Teutoburger Walde ver- nichtend aufs Haupt schlug. Wir haben demnach die erste Steuer- fchützung in den auswärtigen römischen Provinzen (der „ganzen Welt') in den Herbst des Jahres 12 vor unserer Zeitrechnung zu verlegen. Wenn also Jesus noch unter der Regierung Herodes I. geboren ist, so kann dies spätestens im Jahre 5 vor unserer Zeitrechnung der Fall sein, und tvenn er weiter unter der Statthalterschaft des QuiriniuS geboren ist, kommt nur das Jahr 12 vor unserer Zeitrechnung hierfür in Frage. Untersuchen wir jetzt, ob zu dieser historisch ermittelten Zett die Erscheinung eines besonders auffallenden Gestirns von den Chronisten erivähut wird. Stur kurz berichtet Cassius Dion in seiner „Römischen Geschichte" unter dem schlimmen Borboten des Todes des Agrippa: „Ein Komet ließ sich mehrere Tage über der Stadt (Rom) sehen und löste sich in Fackeln auf". Ausführlich dagegen schildert der chinesische Gelehrte Ma Tuan-lin in seiner großen Enzyklopädie Wen Hien- thung-khao, nach P. Gaubils Ueberfetzung, den ganzen Verlauf eines Kometen durch die verschiedenen Sternbilder unter genauer Zeitangabe. Der Komet erschien im ersten Jahre des Kaisers Vouen-yen, in 7. Monat, d. i. im August des Jahres 12 vor unserer Zeitrechnung, und wurde insgesamt 63 Tage lang beobachtet. . Dr. Andrew E.D.Crommelin an der Sternwarte zu Greenwich, dem der Verfasser den Wortlaut des Ma Tnan-Lin-BerichteS verdankt, hat sich bei Gelegenheit der letzten Erscheinung des berühmten Kometen Halley, im Jahre 1910 der Mühe unterzogen, die Epochen sämtlicher früherer Erscheinungen dieses Kometen zu berechnen, und hierfür fest- gestellt, daß der Komet der 76% Jahre Umlausszeit besitzt, auch im Jahre 12 vor unserer Zeitrechnung erschienen ist und vom 8. Oktober in Sonnennähe gestanden hat. Damals ist der Komet Halley im August und September am Morgenhimmek und im Oktober und November am Abendhimmel zu sehen gewesen. Da die Epoche des Kometen mit der Geburtszeit Jesu genau übereinstimmt, dürfen wir ihn mit voller Bestimmtheit als den Stern der Magier betrachten, um so mehr, als er in früherer Zeit eine außerordentlich glänzende Erscheinung war. Mit diesem Ergebnisse fallen natürlich alle Hypothesen über andere ©elttrne, in erster Linie die bis in die neueste Zeit immer wieder hervorgeholte, unhaltbare über eine Plancten-Konjunktion, in sich zusammen. Wer ungeachtet dieser Argumente noch im Zweifel sein sollte über die Kometen-Natur des Sterns von Bethlehem, der lese die Bibel selbst darüber nach; zwar nicht in der Uebersetzung Luthers, wohl aber im Urtext wird er sie in nicht mißzuverstehender Weise bestätigt sind en. In der Weissagung, auf die sich die Magier (Hohenpriester und Schrift- gelehrten) bei Matthäus, Kapitel 2, und Zacharias bei Lukas, Kapitell, beziehen, heißt es im 4. Buche Mose, Kapitel 24, Vers 17, wörtlich: „Es tritt hervor ein Stern aus Jakob; es erhebt sich ein Komet aus Israel . Das hier gebrauchte hebräische Wort „schebet" lautet in der Uebersetzung nicht „Szepter",(Luther),sondern„Komet", daneben („Schweis , „Rute", wie wir ja noch heute die Kometen Schweifsterne nennen. . Wir werden schließlich nicht sehlgehen, wenn wir den Messias- kometen auch identisch mit der Himmelserscheinung erklären, die die nachts bei ihrer Herde auf dem (noch heute geneigten) Felde nahe Bethlehem wachenden Hirten fahen. Der Engel, den „des Herrn Herrlichkeit umleuchtete" inmitten der „Schar des himmlischen Heeres , d. h. der Stern, ist kaum anders anfzufassen, um so mehr, wenn toir den Text des (allerdings apokryphen) arabischen Evangeliums von der Kindheit des Heilandes mit heranziehen, das in Kapitel 7 berichtet: „Um dieselbe Stunde (als die Magier das Jesuskiiid beschenkt hatten) erschien ihnen (den Magiern) der Engel in Gestalt jenes Sternes, der vorher ihr Führer auf der Reise gewesen war." Das Dsmkind. Bon Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) Ach, wie gefiel alles dem Domkind: beim Töpfer durfte es spielen mit dessen Töchterlein, das hatte einen Namen wie eine Königstochter und besaß einen Papagei, der tappte zwischen dem gebrannten Geschirr einher, als wenn er selber es gedreht hätte auf der Scheibe, Bawett, koch Kaffee I" konnte er fügen. Dem Prmzeßchen setzte er sich auf die Schulter, aber vom Domkind ließ er sich nicht einmal füttern, so stolz war er. Er war eigentlich stolzer afS seine Prinzeß, und das mochte gefallen, wem's wollte! ,, Da lernte das Domkind aus Ton Männerchen machen, Hühnchen, und was es sonst gern haben mochte. Der König Saul aber knetete eines Tages ein Knäblein, das war zart und fein und hieß Paulus Mo- guntiuS Nikolaus und hatte eine Zipfelmütze auf dem Kopf, bie glich dem westlichen Seitenturm des Domes aufs Haar 1 Und bann Inetete der König Saul auch einen Mann, der bekam ganz lange Rockschöße, so daß man meinen konnte, das sei ein uralter Schulmeister, aber der König sagte: das sei er, der DomkapeNmeister 1 Und als er den beiden ungleichen Menschenkindern einen gemeinschaftlichen Socke! war's auch recht ! 8. und sagt; das in der nbcT?<1 „Ein Höllenschein ist's," erwiderte der Turiner. Run lacht der Alte. „Höllenschein!" ruft er, „glbt S bereitet hatte, da mochte mancher meinen, das feien Amor und Psyche, so erhaben war die Gruppe! u-lcküttet Sie trocknete in der Sonne, wurde mit blauer Glasur beschüttet, dann mit vielen, vielen Topfen in den Feuerosen gesteckt, und als sie wieder herauslam, sah sie knallrot aus und war aufs beste geraten. Doch am selben Tag wurde abgereist, o weh! - und Paulus war betrübt und weinte sogar manchmal ein Stückchen. Aber dann erschien am Horizont der Domturm, dann zeigten sich. zugleich, und dann, als man zu Fuß m die Nähe des Marktplatzes kam, ivinkte oben an der Brüstung ein gelb-weißes Fahnlem, und da war ^^Jedermann bewunderte die gebrannten roten Gestalten, die der Kömg Saul aus seiner Heimat mitgebracht, und der Domdekan betrachtete sie lange mit vergnügtem Gesicht und sagte: man soll das Grüppchen hinter einen Schnörkel des Laurent! usaltars stellen, auf dem die großen Flammen den, großen Heiligen, verhängnisvoll entgegenzüngeln - denn es müsse noch ein Weilchen brennen. Dein König Saul war'S recht, in der Nähe solcher Flammen zu stehen, denn er wußte, daß er noch lange kein Heiliger war! lind dem Kind 3hm sehnte sich das Domkind nach etaaä, was chm seither ganz märchenhaft vorkam, was aber doch so natürlich und so selbstverständ.ich ist, - doch niemand war, der seine Sehnsucht stillen konnte . Da stand eS fortan stundenlang an der Brüstung und schaute in die lieblich gewellten Linien des fernen Horizontes, ah d,e Sonne in breiten Fetzen über Land gelsen und ließ seine Seele den Wo ken nachfliegen, die unentwegt dorthin eilten, wo soviel Herrlichkeiten ihrer harrten. Mit de,n Fernglas brachte es die geliebte Gegend um etliche Meilen näher, aber den schiefen Kirchturmhahn ,ah e^ nicht und Elsa,den Rappen, sah es- nicht, und fern Kind ließ sein Stnnmchen '^swar'sah es Bauern pflügen, sich Scharen^von Menschen m den Weinbergen, fall Mäher auf den Wiesen stehen, sah em. Bächlein sich winden: aber es hörte keinen der vielen Vögel smgen, horte kerne Geißen meckern und roch das Heu nicht und.den -Aist . Dort im Dörfchen war es barfuß gelaufen und hatte geschlafen wie ein Mehlsack: zog es hier im Turnt einmal seine schuhe und Strümpfe aus: bums, fing es nach einer Stunde an zu husten, und die '^Braungebrannt toie ein Zigeuner war eS angekommen auf dem Turm und dickbäckig und Hellen Auges, aber nun leuchteten schon wieder zwei rote Punkte auf dem milchigen Weiß seiner Wangen, und an den Schläfen zitterten blaue Aedercyen herauf und herunter. Wern sollte es erzählen, da die Mutter schon bald semer Worte müde war, der Vater nur mit Mühe zuhörte, der König saul alles 11 ^Am aufmerksamsten hörte ihm der alte Tippenkucker zu, der ehedem selber draußen in Feld und Wald herumgestregen mtt einen Schafen. Aber er war ein alter Mann, der nicht einmal dulden wollte, daß das domkind auf den großen Steinplatten fein Tanzburchen trieb, daß es im Kreuzgang tollte. Und da draußen lag doch inmitten des Kreuz- ganges ^in so großer Rasenplatz, daß hundert Kinder sich hatten tummeln können! Berwucherte Rosenstöcke hingenda, Eteu kroch um. her und wußte nicht wohin (ihm ergmg's nicht ander» als dem Donv- kind), und vor dem Standbild des hl. Benedikt blühten sogar etliche Gänseblümchen. O, ivenn Paulus hier hätte spielen durseii! Wenn der Alte guter Laune war, rasselte er nut seinen^schlüsseln da bockelte es schon im Domkind! Da durfte Paulu» hurtig wie em eingesangenes Pferdchen ein paarmal hur und her rennen, aber ganz hurtig, daß keiner der Domherren es sah, und dmm schloß der Alte Sttd3n der Kirche", versetzte der Türmer, „ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Der Höllenschein, das ist der Heillgeuschem der »oll«, verstanden?" „Und ich hätte den gemacht? '.Tippenkucker, der wird aber nicht um den Kopf gemacht "Wohin denn?" e „ '.Ein bißchen tiefer, Tippenkucker l" (Fortsetzung folgt) Einst zeigte Pamni, der ichon io grestgewurorn mnr.dab Kinder,die in den Dom kamen, sich seiner nicht mehr zu fchainen brauchten, zwei Buben den roten Steinmami der Taufkapelle — denselben, vor dem fed->r Täufling zu schreien beginnt — da kam ein Domschwei^r und SS und sie verzogen sich in eine andere Ecke des Domes und als der zweite Schweizer sich näherte, liefen die Kameraden hiNMis aui den Domplatz; und Paulus lies mit ihnen. . Da kam ein seltsamer Wagen der Stadtbahn daher, au->dem fprtz,te nach links und nach rechts und nach hinten m hohen Bogen irisches Wasser über die ganze Straße. Die Buben zogen rasch, obgleich die Leute schon Wintermäntel trugen, die Schuhe und Strumpfe aus, hingen sie über die Schultern und rannten in dem Regen hmterdreln. Und nach langer Fahrt hält der Wagen plötzlich, um Wasser zu fassen, aber die Kinder ivissen nicht mehr, wo sie sind! Sie fiiAcn können sie aber nicht sehen und weinen alle drei. Schlwfchch lommt der Schaffner dieses seltsamen Wagens und nimmt sie »u sich, und so fahrt Paulus durch die ganzeStadt, und erst nach langerZett slehl er, daß der Wagen sich wieder dem Dom nähert. Der Schaffner stellt da» Ktnd tn »en Dom und bekümmert sich nicht weiter. Der Gloriaengel aber macht ein b'.tterbofe» Gesicht scylinpft und sagt: er habe die Berantwortung, und er wolle diesmal den Eltern nichts verraten! Aber nur diesmal! , t , Groß war die Sehnsucht des Kindes nach Kmdern, '0> derüch >tach den Kindern des Dorfes! Wenn es oft den ganzen Tag hm aus gestarrt hatte in jene Gegend, so kamen die Gespielen wemgsteirs des Nachts in seine Träume! Auch der Hund kam, und die Elsa kam. t ? irrte im Traum in den Wiesen umher, und es schreckte vor dem Bach zurück, der unversehens sich in fernen Schritt schob. Es kletterte aus Bäumen umher und fiel herunter, und lachte laut; es sah seinen Dom nutteil in einem Wald stehen, und die Kiefern überragte« bett Turm- Hahn. Der Sturm peitschte sie; sie ächzten, bogen sich, strichen an dem Mauerwerk entlang, als wollten sie es abftäuben, neigten sich bis zur Erde, so daß der Dom wieder ganz nackt dastand. Ueber den Baumkronen schwebten ungeheure Adler, die hoben und senkten sich wie Wolken. Eine Wolke stak voller Enzian, eine andere voller Lichtnelken; sie hüllten den Dom ganz in sich ein! Das war so schön! Ach, das war so schön! Aber die schönenTräume verloren sich, je länger daSDomkind wieder da oben weilte, und schreckliche Träume marterten statt ihrer sein Seelchen' Die Türmerwohnung ward von Riesen aus dem Gebälk gehoben und schwebte über der Stadt; Kanonenkugeln umzischten da» seltsame Luftschiff, ganze Wolken von Kanonenkugeln stiegen vom Horizont her gegen die Wohnung an, schlugen ein, zertrümmerten di« Stuben, und schließlich schwebte Paulus muttterseelenallein auf einem winzigen Brett umher und wußte nicht: geht es zum Himmel oder geht es zur Hölle! Die sechs Türme sah es schief stehen; das ganze Domkapitel hockte aus den sieben Blitzableiterstangen und schrie um Hilfe, und dann kam der Gloriaengel mit Flügeln angeschwirrt und putzt« jedem einzelnen der Herren den Schweiß von Stirn und Nase. Einmal holte der Türmer das Kind mitten in der Nacht aus dem Rundgang, allwo es, wer weiß wie lang, gestanden haben mochte, und nahm es zu sich ins Bett. , „ c Der König Saul brachte ein Kätzchen herauf, das frag den liebe« Kanarienvogel und war nach drei Tagen wieder verschwunden. Und der Türmer entdeckte es tief im Abgrund, da hing es in den Klauen eines der entsetzlichen Steintiere, die stufenweise das Regenwasser hinausspeien an den äußersten Kändel. . t Die heiligen Kinder des -Domes waren stumm und wollten wie die reichen Nachbarskinder gar nichts mit Paulus zu tun haben; di« unheiligeu aber wurden verjagt, wenn sie ein Wort mit Paulus plauderten ! Ans die Gasse konnte Paulus nicht mehr gelangen, denn der Alte war wie ein böser Geist hinter ihm her! Wirklich wie ein böser Geist guckte er immerdar das Domkind an, und eines Tages fürchtete sich Paulus beinahe vor ihm. Und eines andern Tages wollte es fliehen vor ihm, >edoch er kam süß lächelnd, trug den Bart nach vorn geknebelt und sprach: „ES gibt so viele Beichtväter im Dom, meinSchätzchen, aber ich möchte oir etwas beichten, mein Kind; hast du einen Augenblick Zeit für einen alten Sünder?^ ^ckie die Hände in sein blaues Wachstuch« schürzchen, das von Sternen übersät war tote der Himmel des ChoreS, und machte: „Jaja, Onkel Tippenkucker!" „Komm mit mir, ich werde dir etwas »eigen, was du aber nicht ^Sie"gingenÄn den Altar deS hl. Laurentius, und der Alte sprach; „Guck, mein Söhnchen, wer auf dem Bilde hat einen Heiligenschein — und verdient ihn nicht? . . . Siehst du nichts? . . was sieht doch l ‘n ,^er^hl/ Lorenz," erwiderte das Kind, „aber der verdient doch seinen Sch^ g0„e.^ me;u ich nicht, aber neben ihm, bett Gottseibeiuns, den" meine ich: hat der einen Heiligetischeiti, oder hat er keinen?" „Nein!" antwortete das Kind, „der ist am Kopi von einer Kerze '""„Hahaha" angchmgt^das ist gut! Das hast du gut gemacht, Heiser ^Der^ Türmer kam in tveiher Leinenschürze von der Turmtür her, strich übern blonden Lockenkopf seines Kindes und sprach: Ist er auch brav, Tippenkucker, ober fragt er wieder beständig ?" "Er ist brav und weise, fast allwcise wie iveiland Jefus im Tempel! "Er ist auch einem Schriftgelehrten in die Hände gefallen!" foppt« Strohschnitter, und der Küster entgegnete witzig: Einem Schriftgelehrten unb Pharisäer, will der Türmer jagen! Doch sehen sie einmal selber, Herr Türmer: Hai der Teufel hrer eine« Heiligenschein, oder ist er nur ein wenig versengt?' D-r Türmer betritt die eme Altarstufe — denn das Licht fällt, in alle seine Farben zerstreut, vom Fenster her über das Martyrer- bild, — hält die Hand vors Auge und sagt gewichtig: .Erneu Heiligenschein, einen richtigen Heiligenscheins Da stand er nun, der Gloriaengel, und ließ die Flügel hange«, und seine Hände wackelten wie ausgeleerte Klingelbeutel unten a« seinen Knien. Dann rasst sich Appenkucker auf, beugt sich zum Kmd herab und sagt wie voller Freude: „Siehst du, siehst du! und sern« Stimme springt tveit in den Dom. Der Türmer aber kann em Lachen nicht verbeißen „Eigentlich ist's ja doch kein Heiligenschein !" „Keiner?" rüst der Gloriaengel sichtlich erleichtert, „was istt«