Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Sietzmer Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag. Sen 28. August Nummer 69 Wiesengang. Von Paul Heyse. 2er letzte Grummetwagen ist herein; Nun sind die Wiesen leer; das Reich ist mein. Kein Aehrenfeld, das mir verschlossen bleibt, Nur Stoppeln, über die der Ostwind stäubt. Ich wandre, wandre. In erschrocknem Lauf Springt dann und wann ein Häschen vor mir auf. Die scheue Feldmaus schlüpft behend ins Loch, Rur ihres Schwänzleins Spitze seh' ich noch. Zeitlosen rings umher. Ihr bleiches Rot Lügt nur das Leben; doch ihr Saft bringt Tod. Nichts Farbenfrohes, keiner Blume Spur; Zum Winterschlaf anschtckt sich die Natur, Wie sich ein schönes Weib am Abend spät Des Schmucks entkleidet, eh' sie schlafen geht. Doch wer sie liebt, der findet tausendmal Sie holder so, als in des Festes Saal. Geborgen vor der Schmeichler ödem Schwarm, Hält er sie jetzt am Busen, liebewarm, Entzückt von ihres Auges letztem Gruß, Den vorm Entschlummern sie ihm gönnen muß, Wie dort der Sonne letzter Schimmer müd' Aus tiefgesenkter Wolkenwimper sprüht. Tizian. Zur 350. Wiederkehr seines Todestages. Von Dr. Paul Landau. Es gibt kein anderes Künstlerieben, in dem innere und äußere Größe, höchste Vollendung und Reise, Macht und Glanz, Gesundheit und Schönheit so vereinigt sind, wie in dem Tizians. Deshalv haben auch die Dichter von Muffet bis zu Hofmannsthal, wenn sie die Schöpferkraft des Genies in ihrer reinsten Gestalt besingen wollten, den Meister von Cadore zum Helden gewählt. Freilich — diesem stolzesten Sohne des Glücks fehlt die überirdische Verklärung, die von den leiddurchfurchten Stirnen Michelangelos oder Rembrandts leuchtet, mangelt jene geheimnisvolle Magie, die das dunkle Schicksal Leonardos umschwebt. Bei Tizian ist alles klar, hell, in sich gerundet, ausgeglichen. „Der göttliche Zug in Tizian besteht darin," sagt Jakob Vurckhardt im „Cicerone", „daß er den Dingen und Menschen diejenige Harmonie des Daseins anfühlt, welche in ihnen nach Anlage ihres Wesens fein sollte oder noch getrübt und unkenntlich in ihnen lebt. Die Kunst hat diese Aurfgabe wohl durchgängig; allein keiner löst sie sonst so ruhig, so anspruchslos, mit einem solchen Ausdruck die Notwendigkeit. In ihm war die Harmonie eine prästabilierte." Solch vorher bestimmter Einklang aller Kräfte und Triebe erwuchs ihm aus' seiner Herkunft und Umwelt, aus seiner Zeit und seiner Begabung. Der Sohn der rauhen und reinen Alpenwelt von Cadore, ein früh gestählter, ndleräugiger, energischer und zäher Gebirgsmensch, steigt in die weich schimmernde Lagunenstadt hernieder, in der sich damals um 1500 die reiche Blüte der Renaissancekultur entfaltete. In ihm verschmolz sich die urwüchsige Sicherheit des Naturburschen mit der verfeinerten Geschmackshöhe Venedigs. Wie wenn fein Leben von Anfang an auf ein Jahrhundert angelegt gewesen wäre, hat er sich langsam und spät entwickelt. Ueber seinen Jugendwerken liegt tiefes Dunkel; doch finden wir ihn da, wo er zuerst mit eigenen Arbeiten hervortritt, ganz unter dem Einfluß feiner Lehrer und Vorbilder, des Bellini, Leonardo, Cima da Co- nogliana, Palma Vecchio, vor allem des Giorgione, in dessen Werkstatt er arbeitet, mit dem er eng befreundet war. Es gibt eine ganze Anzahl Bilder, Meisterwerke ersten Ranges, bnnmter das berühmte „Konzert", die man bald dem Giorgione und bald dem Tizian zu- gefchrieben hat. Aber Ludwig Justi hat in feinem Giorgione-Werk jetzt wohl unwiderleglich dargetan, daß der junge Tizian hinter dem reifen Giorgione in der Einheitlichkeit der Bildform und der seinen Geistigkeit weit zurücksteht, daß der wundersame Jüngling von Castelsranco seinen Jünger und Erben ebenso befruchtet hat wie die ganze Kunst feiner Zeit. Noch lange klingt im Werk des Ueberleben- den der zarte Seelenton, die visionäre Träumerei und jugendliche Schönheitsfülle des zu früh Dahingegangenen nach. Bis zur „Himm- i lifchen und irdischen Liebe" und dem „Zinsgroschen", zwei der ge- I seiertsten Schöpfungen Tizians, ist dieser Einfluß mächtig. Gior- giones Geist schien nach seinem Tode auf ihn übergegangen, und ebenso hat er die ganze Entwicklung der venezianischen Kunst in sich aufgenommen. Er war der glückliche Vollender, der auf den Schultern der Vorgänger zum Weltruhm emporstieg. Tizian ist kein Schilderer jugendlich-schwärmerischer Gefühle rote Giorgione; er ist der Meister männlicher Ruhe und Kraft, und daher ist es verständlich, daß er erst als Mann sich selbst fand. Erst in den dreißiger Jahren seines Lebens bricht die leidenschaftliche Größe feines eigenen Genies durch, die stürmische Dramatik seiner Komposition, die feurige Beseeltheit und üppige Kraft seiner Farben. Er erobert dem Altarbild neue Gebiete: in dem brausenden Himmelan der „Assunta", in der engen seelischen Verbindung der Heiligen- grüppen, vor allem aber in der dramatischen Erregung, die schließlich sich im „Petrus Martyr" Figuren, Farben und Landschaft zu einem einzigen hinreißenden Akkord zusammenfügt. Während er aber seine religiösen Werke meist für Venedig schafft, erobert er als Porträtmaler die ganze Welt. Seine frühen Bildnisse — so der wundervolle „Mann mit dem Handschuh" — verraten noch die lyrische Hingabe, die Giorgione in seine Porträts legte; dann aber entwickelt er sich zu einem ganz objektiven Charakterschilderer, der mit kalter, durchdringender Schärfe das Innere seiner Modelle enthüllt und sie zugleich durch die farbige Behandlung mit einer unbegreiflich strahlenden Pracht umkleidet. So werden Tizians Bildnisse nicht nur zu großartigen Kunstwerken, sondern auch zu erschütternden geschichtlichen Dokumenten. Man denke nur an die düstere Melancholie, die blutlose Energie Karls V., der als schwarzer Reiter wie als pelzumhüllter Kranker doch feine Majestät bewahrt, oder an den alten Sapst Pius III. mit dem verwitterten Mumiengesicht, aus dem die uchsaugen doch so gebietend blitzen. In dem Neapeler Bild mit den beiden Nepoten hat er die Schlußtragik dieses Papstlebens, den Abfall der beiden gleißnerifchen Höflinge hellseherisch vorausgeahnt. Selbst einem Aretino, seinem genialen „Gevatter", der so meisterhaft fein Schaffen zu verherrlichen wußte, verlieh er, ohne die Frechheit und Roheit seiner Züge zu verbergen, etwas Imponierendes und Hoheitsvolles, etwas Dämonisches und Großartiges. Es war etwas Königliches in diesem Maler der Könige, der alles adelte. Der Maler der Fürsten war zugleich der Fürst unter den Malern. Nach dem Tode Bellinis 1516 trat er nicht nur in dessen materielle Vorrechte als der bevorzugte Meister der Signorie ein, sondern wurde auch als der erste Künstler der Stadt anerkannt. Macht und Reichtum waren die Dinge, die er mit rücksichtsloser Energie erstrebte und errang. Nach den italienischen Machthabern wurden die Weltherrscher Start V. und Philipp II., die Päpste seine Auftraggeber und Verehrer. Karl wurde leichter zugänglich, wenn ihm ein neues Werk seines Lieblings gezeigt werden konnte, und Philipp flehte ungeduldig Tizian um Bilder an, die ihm die Düsternis feiner Residenzen erhellten. Der Maler wurde zum Reichsritter ernannt, trug die goldene Kette, die ihm der Kaiser verliehen, verkehrte auf dem Reichstag zu Augsburg, auf den ihn Start geladen, mit den höchste» Herren wie mit seinesgleichen, empfing den Besuch König Hein- richs III. von Frankreich in feinem prächtigen Haus und gab Feste in feinem Garten, in denen sich die ganze Pracht und Gefellfchafts- kultur der Renaiffance offenbarte. Und dabei verfolgt er stets feine persönlichen Pläne, ringt unablässig um seine Stellung, fordert Geld und scharrt es zusammen, wohl weniger aus gewöhnlicher Habgier als aus Machthunger und dem Wunsch nach Glanz. In feinen zahlreichen Briefen ist wenig von Kunst die Rede, um so mehr von Geschäften. Er zeigt sich als gewiegter Hofmann, im spanifchen Zeremoniell erfahren, küßt König Philipp die Hand und dem Papst den Fuß. Aber das tut er nur als ein echter Landeskünftler, der mit den Wölfen heulen muß, als der Renaissancemensch, dem alle Mittel recht sind, um fein Ziel zu erreichen. Und dies Ziel ist die Vollendung feiner Kunst. Tizian nähert sich bereits dem Alter, in de;n andere Greife werden, als feine Palette-in ihrer reichsten Farbenpracht erstrahlt. Nun schafft er — hauptsächlich für Philipp II. — jene mythologischen und allegorischen Gemälde, jene nackten Venus- und Danae-Äe- stalten, diese schönen und glücklichen Menschen in einer klassisch reifen Landschaft, deren gesättigtes Lebensgefühl an die Stanzen des größten Renaiffancedichters, Ariost, gemahnt. Nun erhalten die Töne feiner Malerei ihren stärksten und heitersten Glanz, strömen in auf- und abschwellenden Bewegungen zu dem herrlichsten Fest der Augen zusammen, so in dem Wunder des „Tempelganges Mariä", den Tizian schon als Sechziger malte. Aber über diese Höhepunkte malerischer Gestaltung, die etwa voir der blühenden „Magdalena" der Pitti-Galerie bis zu dem Berliner Bild feiner Tochter Lavinia reichen, hinaus gibt es bei Tizian noch eine Steigerung: die Magie feines Altersstils. Auch hier kam der Anstoß wie in der Jugend wohl - 274 von nutzen. Der greife Meister kann sich dem Einfluß des größten unter den jüngeren venezianischen Malern, Tintoretto, nicht entziehen. Eine düstere Aufgeregtheit, die Gewitterstimmung der Gegenreformation, zieht auch ihn in ihren Bann, so etwa in dem unheimlichen Laurentius-Martyrium. Dann glätten sich die Wogen, und der Virtuose der Farbeisreude malt nun in einer gehaltenen, gedämpften Weife, für die man die glückliche Bezeichnung „farblose Farbigkeit" gebraucht hat. Rückkehrend zu den Erinnerungen der Jugend entdeckt er die Wunder des Lichts und des Helldunkels, fetzt die Bahn Gior- giones fort, die zu Rembrandt führt. In diesem Mtersstil Tizians ist im höchsten Maße das erreicht, was Brinckmann als „Relation und Verfchmolzenheit" bei den Spätwerken großer Meister erkannt vollkommene Einheit und Bindung der Bildteile. Die Farbe wirkt nun nicht mehr für sich, sondern nur noch als Träger des Lichts, das die wenigen und sparsam gesetzten Töne in einer zauberhaften Helligkeit nufleuchten läßt/ Nur ein ganz reifes Genie konnte jene letzte Weisheit der Darstellung und Technik erlangen, wie sie Tizian in der Münchner „Dornenkrönung" zeigt, wo mit einem Nichts an Farbe und in einer summarischen Zeichnung von größter Einfachheit eine tojcnc non erschütternder, unvergeßlicher, wahrhaft überirdischer Wucht geschaffen wird. Hier wächst Tizian über sich selbst und über seine Zeit hinaus und reicht Rembrandt die Hand ... Tizian ist wohl die grötzte malerische Begabung gewesen, die die europäische Kunstgeschichte kennt, höchstens Velasguez ausgenommen. Wenn uns das Ijeute nicht immer deutlich vor seinen Bildern bewußt wird, so liegt das daran, daß die Mehrzahl seiner Werke schlecht erhalten ist. Ist vieles untergegangen, so ist noch mehr be- fclrädigt, übermalt, restauriert, verschmutzt. In den seltenen Fällen aber, in denen der Malkörper noch unverfälscht die Handschrift des Meisters zeigt, da steht man in staunender Bewunderung vor einer Leichtigkeit, Sicherheit, Zartheit und Kraft der Pinselführung, die einzigartig ist. Deshalb wird Tizian stets der Abgott der Kenner und der Künstler bleiben, und nur diese werden ganz dieses Phänomen begreifen, das in unerschöpflicher Fruchtbarkeit und unbewußter Schönheit waltete wie die Natur selbst. Neuneundneunzig Jahre ist er geworden, und nicht Erschöpfung und Schwäche, sondern die in Venedig wütende Pest war es, die ihn am 27. August 1576 dahinraf.ste. Der Tod Tizians. Ein Brief des Makers Palma Giovane an Paolo Veronese. Von Carl Ferdinands. Ihr habt, verehrter Meister, den besseren Teil erwählt, da Ihr aus diesem Pestnest Venedig und diesem Pestfommer unseres Heils- fahres 1576 in die kühle Luft der Berge geflüchtet seid. Und wie ich Euch vermeiden kann, bewachen Euer getreues Gesinde und die Gesellen Eurer Werkstatt, die bisher der schwarze Tod alle verschont hat, Euer Haus und den Garten vor den Räuberbanden, die am hellen^ Tage, unter Absingen von schändlichen Liedern, da die Seuche alle Scheu gelöst hat, in die Paläste einbrechen und forttrogen, was ifmen beliebt. So ist es neulich in dem Palaste des großen Tizian geschehen, von dem ich Euch nun die Neuigkeit vermelden will. Wir kannten ihn ja, den neunundneunzigjährigen Greis, dessen Bildtafeln ebenso süß und köstlich in ihrer Färbenglut sind, wie sein Herz vom Teufel der Geldgier besessen war, so daß er vor den G-oßen dieser Erde wie ein Wurm kroch, um Geld herauszuschlagen, seine Schuldner aber wie ein Hebräer in den Folterturm werfen ließ, der die letzten vierzig Jahre seines unwahrscheinlich langen Lebens nichts lat, als Geld zusammenzukratzen und aufzuhäufen; aber wir kannten ihn ja. Nun ist er nicht mehr. Der schwarze Tod, der einzige Herrscher dieser Welt, der sich mit einer schimmernden Venus nicht um zehntausend Goldgulden erleichtern läßt, hat ihn sich, eine leichte Bürde, nnt 27. August, einem schwülen Gewitterabend, aus die Schulter geladen und ihn aus seinem Palaste in der neuen Stadt hinansge- frogen. Als er kam, der Pesttod, faß der Uralte an der Staffelei und malte an einem Bilde Adam und Eva, und man sagt, daß diese Eva der jugendlichen Eleottora Gonzaga gleiche, deren Schönheit als die höchste aller Zeiten zu preisen, wie wir uns erinnern, der Meister nie müde wurde. Wir, die mir zusammen seine Gnstmähler besuchten, diese köstlichen Symposien, wo ausgesuchte Gaumengenüsse wetteiferten mit den herrlichen gekühlten Weinen und eine erlauchte Gesellschaft von edlen Venezianern, von auswärtigen Herzögen und Fürsten, von Gelehrten und Künstlern die schönen Frauen ehrte, die Paolo Sanaovino und die berückende Irene Spilimbergo und alle die anderen, die zum Teil grau geworden, zum Teil, wie die unvergeßliche Irene, jung gestorben, zum Teil aber in diesem Jahre eine Beute des Unerbittlichen geworden sind. Und erinnert Ihr Euch, verehrter Meister, der unermeßlichen Schätze an herrlichen Bildern, kostbaren Stoffen und Teppichen, erlesenen Geschirren, von Gold und Silber gefertigt; oder jener Szene, als Tizian nach einem starken Trünke durch seine immer etwas von Habgier gekrümmten Finger ganze Ströme von Perlen und Edelsteinen in die Ebenholztruhe gleiten ließ, wie anders Wasser, damit man sich die Hände wasche. Und die Aussicht auf Murano und in weiter Ferne wie ein Silberstrich die Berge von Friaul und den Taleinschnitt, in dem eben im rauhen Gebirge Pieve" di Cadore liegt, das hundert Jahre vorher, dieses seltene Gemisch von Himmel und Hölle geboren hat! Wäre er dorthin geflüchtet und hätte den Pesttod nicht kampfbereit an der Staffelei erwartet, ich wette, er lebte noch heute und würde sich an seinem hundertsten Geburtstage vom blassen spanischen König, der seine gemalten Frauen so liebte, eine Tonne Goldes schenken lassen können, das einzige, was ihm in Wahrheit Freude machte. Aber der schwarze Tod trat ein, lieh sich weder durch die schöne Aussicht auf Friaul verwirren, noch durch den leuchtenden Nacken der jungen Eva von Urbino, noch Gold, orientalische Teppiche, Saphire und Diamanten, er lud den Alten auf und schlüpfte hinaus. Unsere Künstler, als sie es hörten, planten trotzdem ein Gedenkfest, aber die grausige Zeit erschien der Regierung so furchtbar, daß sie den Prunk verbot. Obwohl aber ein strenges Gesetz erlassen war, niemand der Ansteckung wegen in Kirchen beizusetzen, hat man bei diesem Kaiser der Kunst eine Ausnahme gemacht. Seine Beisetzung in der Frerikirche war aber sonderbar; obwohl hohe Würdenträger der Kirche und der Stadt dabei waren, hätte man meinen können, eine antike Komödie würde ausgesührt: denn der größere Teil des Geleites hatte sonderbare Masken vor dem Gesicht, die wie Logel- schnübel aussahen; andere trugen Schwämme mit Kräuteressig vor der Rase, und so war jeder in irgendeiner Weise für einen Zuschauer, der von der Pest nichts gewußt hätte, lächerlich anzuschauen. _ Aber nun kommt die Gewalt der Vergeltung. Sein würdiger Sohn Horatio, für den Tizian (wie er wenigstens behauptete, ich glaube es nicht ganz) all diese Schätze zusammengekratzt hat, starb ein paar Tage später an der Seuche und Tizians Erstgeborener, jener Pomponio, der Unwürdige, in dessen Wesen alle schlechten Eigenschaften des Vaters hundertfach verstärkt Auferstehung feierten, der niedrige Prasser, Säufer und Galgenvogel, den von der Erbschaft auszuschliehen, Tizian sein Leben bemüht war, bricht schon zu Lebzeiten Horatios in den väterlichen Palast ein, den er doch nicht Betreten durfte und führte eine Bande von Saufkumpanen an, die sich mit ihm an den vogelsreien Reichtümern des Vaters gütlich tun und wie die Hunnen in dem eben verlassenen Malsaale hausen, nach der Art von Idioten führen sie schmählichen Unfug aus, schneiden einem Bilde des Dogen, das da noch hing, die Nase aus und stecken eine Rübe in das Loch und ähnliche Untat. Als dann aber Horatio, der im Lazarett lag, gestorben war, rennt Pomponio, der jetzt unbestreitbarer Erbe war, zur Signoria und erhält sein Recht. Und nun toben diese Geister des Acherons, diese Diebe, Räuber, Säufer und Schwachköpfe mit ihrem Anhang im verlafsenen Paläste Tizians und in ein paar Monaten wird all das, was der unsterbliche Meister und raffende Geizhals zusammengeklaubt hat, in einem Leben von hundert Jahren, wieder ins fühl- lofe, unbekannte Volk zurückgeströmt. Und damit Gott befohlen, edler Meister, bleibt, wo Ihr seid, bis der Herbst die Pest vertrieben hat, und lebt auf Eurem Gütchen dort gesünder und ruhiger, als ich hier in dem Pestkessel, in dem alles Niedrige, Furchtbare und Häßliche brodelt, aber auch alle Größe, Menschlichkeit und Vergeltung. Denn es mag mit Lohn und Strafe im Jenseits sein, wie die Frommen es sagen, aber auch hier auf Erden werden wir belohnt und gestraft nach einer verborgenen, aber unerbittlichen Gerechtigkeit . . . Theoderrch der Große. Von Dr. Ulrich Hartenstein. Aus dem Getümmel der Wildheit und der heldischen Größe der Völkerwanderungszeit hebt sich die Gestalt Theuderichs des Großen, der am 30. August 526, also vor nunmehr 1400 Jahren, in Ravenna starb, als leuchtendes Beispiel des Edelsten einer edlen Schar. Er wollte und tat Herrliches, aber der Fluch, der in der gewaltsamen Verpflanzung eines Noch so tüchtigen Stammes in eine andere, ihm nicht zuträgliche Umgebung zu liegen scheint, zwang wenn nicht ihn, so doch sein Werk, seinen gotischen Staat in Italien nieder. In dieser Hinsicht handelten, aus einem sicheren Rassegesühl heraus, die Normannen klüger; die ersten Reich, die sie gründeten, lagen in fast derselben Breite wie ihr eigenes karges Vaterland, England, die Normandie; dann erst, an das mildere Klima Frankreichs und Englands gewöhnt, besiedelten sie Süditalien und Sizilien. Theoderich aber, aus dem Edelgeschlecht der Amaler, riß 488 feine Ostgoten aus ihrer pcmnonischen Steppe über die Ostalpeir, schlug den Heerkönig Odoaker, der den letzten weströmischen Kaiser Romains Augustulus entthront hatte, in den folgenden Jahren in mehreren Schlachten, belagerte ihn in feiner Sumpffeste und Hauptstadt Ravenna, zwang ihn 493 zur Uebergabe und nahm, äußerlich als Beauftragter des oströmischen Kaisers Zeno, die italische Königswürde an. Den dritten Teil des Bodens, auf dem Odoakers Rugier und Heruler gesessen hatten, empfingen seine Goten, in den Städten hauste die Mestizenbevölkerung, die sich damals Römer nannte, in der syrisches, kleinasiatisches, nordafrikanisches und keltisches Blut in einer kaum vorstellbaren Mischung sich zeigte, eine Folge der jahrhundertelangen Sklavenwirtschaft und der Legionspolitik, die es liebte, numidische Legionen in Italien, kleinasiatische am Rhein und keltische am Euphrat auszustellen. Dieses krause Mischvolk fühlte sich aber, das sieht man jetzt ähnlich an jeder Negerrepublik, als das alte, ehrwürdige Volk der Quirlten, von der Wölfin gesäugt, durch tausendjährige Geschichte erhöht. Ein Lastträger, dessen Mutter am Orontes geboren und dessen Vater ein irakischer Trohsoldat gewesen war, kam sich viel edler vor als dieser Theoderich, der als König der Goten in Ravenna sah. Das war einer der Hemmschuhe, die in die Räder des Gotenreiches griffen. Der zweite war giftiger und gefährlicher, das war die Rechtgläubigkeit. Der starke syrifch-kleinafiatifche Anteil am Blute — 278 dieser „Römer" hatte ihnen auch jene seltsame Gehässigkeit, Spitz- Einolgkeit und maßlose Rechthaberei eingeimpft, die für jene ost- ichen Gebiete durchaus charakteristisch, auf den Konzilien des Ostens in jener Zeit Orgien feiert, die uns gar nicht mehr verständlich sind. Nun war das damalige unechte Volk der Quirlten rechtgläubig im Sinne des Konzils von Nicea, die Goten und ihr großer König, Theoderich aber ketzerisch, arianisch. Die Folge war stilles, unterirdisches Wühlen gegen seine wahrhaft großartige Reformarbeit. Er fand in Italien ein verelendetes, kümmerndes Land. Viele Güter lagen öde, sinnlose Abholzung an den Rändern der Gebirge hatten Dürre herbeigeführt, wie wir es in stärkstem Maße jetzt im Karst sehen; die Landwirtschaft war bei weitem nicht imstande, selbst die zusammengeschmolzene Bevölkerung zu ernähren. Sümpfe hatten pch ausgebreitet, die Flüsse, reißend geworden, überschwemmten den Acker und ließen die Mündungen und Häfen versanden und verschlammen. Dio städtische Bevölkerung, der Arbeit entwöhnt, lebte in den feierlichen antiken Formen, besaß ihre Senate und Beamten, kieh sich füttern und durch Spiele unterhalten. In all diese Zerstörung griff Theoderich zielbewußt ein, zugleich aber als weiser und überlegener Politiker. Er forstete auf, trocknete Sümpfe, legte Straßen an, besiedelte und erreichte in einem Jahrzehnt, daß Italien sich selbst erhielt und Getreide ausführen konnte, sogar Quellentechniker ließ er aus Afrika kommen. In der Frage der Nationen und Religionen war er vorsichtig, sein Ziel, Römer und Germanen, Athanasianer und Arier zu versöhnen. Er erreichte es nicht, er fand nicht die Wucht jahrhundertealter Rechtseinrichtungen, eines uralt eingeschliffenen Berwaltungsapparntes und wertvolle Reste des unvergleichlichen römischen Heerwesens vor, alles paßte nicht auf seine Goten. So entschied er sich für einen kühnen Versuch: gotisches Recht seinen Goten, römisches Recht den Römern. Die Religionsdinge behandelte er weisheitsvoll und erreichte wenigstens äußerlich Anerkennung und Ruhe. Unter der Oberfläche arbeitete gerade der Klerus eifrig daran, das Gotenrsich, das Reich der arianifchen Ketzer zu untergraben. Und der neunundsechzigjährige Theoderich, der wie ein Aeltervater von den anderen germanischen Königen und Staaten geehrt wurde, und dessen bloßes Wort den Franksnkönig davon abhielt, die Westgoten in Südfrankreich zu vernichten, mußte erleben, daß sich plötzlich die kalte Wand des Religionshasses vor ihsn auftürmte, er fand Widerspruch, als er die Arianerverfolgungen Ostroms nicht mitmachen wollte, er sah Verrat und Treulosigkeit, hochverräterische Verschwörung in seiner nächsten Nähe, von der Orthodoxie geschürt, er griff zu, Boethius, der Philosoph und Eymmachus, der Senator, waren seine Opfer, und als er am 30. August nach dem Genuß eines Fischgerichtes, das ihm irgend-' eine Hand versalzen hatte, in seinem Paläste zu Ravenna an einer seltsamen Krankheit starb, war sogleich die orthodoxe hübsche Legende fertig, daß der Kopf des Fisches, als er aufgetragen worden sei, den König an den (in orthodoxem Sinne zu Unrecht) Hingerichteten Symmachus erinnert habe und er deshalb verzweifelt sich hingelegt habe, um zu sterben. Eine Legende, die für den alten Symmachus nicht angenehm, für den greisen Theoderich aber unglaubwürdig ist. Später beeilte sich Papst Gregor I. zu erzählen, daß der edle Amalerkönig „zur Strafe für jeine arianifche Ketzerei und seine Härte gegen Symmachus vom Teufel durch den Ligurischen Vulkan in die Hölle gezerrt worden sei". Theoderich der Große, der Italien, das ein Jahrhundert lang Wüste und Karst gewesen war, wieder in einen Fruchtgarten verwandelte, Theoderich, unter dessen Regierung Wandel und Handel, Wissenschaft unb Kunst, besonders die Baukunst wieder aufblühten, wovon besonders viele rechtgläubige Kirchen Zeuge sind. Aber die deutsche Sage lachte über die syrische Denkart, ihr bleibt Held, wer Held ist, sie kränzt den Edlen, weil er edel ist, und so lebt Theoderich der Große, nachdem sein Reich nicht dreißig'Jahre nach seinem Tode, noch im Tode strahlend, untergegangen war, in der Heldensage als Dietrich von Bern weiter. Und wenn den vielen Spielmannsliedern von ihm auch der große zusammenfnsfende Dichter fehlte, wie ihn Siegfried und Gudrun fanden, volkstümlicher saft und bei alt und jung noch heute beliebt, ist der Berner mit dem Feueratem, mit Hildebrandt, seinem alten Waffenmeister, mit seinen guten Gesellen, unter denen der stattliche Mönch Jlfan manches in der Sage ins Heitere, Lustige und Biedere umkehrt, was in der Geschichte ganz anders aussah. Blut und Eisen. Von Max Eyth. (Fonseyung.) „Papier!" warf ich ein. „Papier," gab O'Donald zu, „aber mit Erläuterungen, daß dem Mzekönig die Schweinsäuglein funkelten. Er möchte schon lange gerne schlauer sein als sein Onkel in Schubra. Mein Haus in Alexandrien schreibt mir heute, wir müssen uns vorsehen und, unbeschadet der Interessen von Fowler & Co., wenn möglich auch die Agentur von Howards Pflügen in die Hand bekommen. Der alte Briggs in Alexandrien weih, wie der Wind weht, und ich habe heute nicht umsonst unferm Freund Bridledrum eine Stunde lang zugehört. Es war keine Kleinigkeit. „Der Mann hat wirklich eine unnatürlich bewegliche Zunge." „Commercial honesty!" brummte Beinhaus und schien bösartig werden zu wollen. Ich kannte O'Donald und seine Sprache besser und wußte, daß es keine ehrlichere Haut am Nil gab, was allerdings nicht viel sagen wollte. „Kaufmännische Ehrlichkeit hole der Kuckuck", rief er warm und vergnügt. „Wer uns die größte Kommission verspricht, dem müssen wir glauben. Das scheint vernünftig; nicht? — Von dem technischen Kram verstehen wir nichts und brauchen nichts zu verstehen; das verwirrt nur. Glaubt ein Fabrikant an sein eignes Fabrikat, so kann er eine saftige Kommission wagen. Sie kommt ihm zehnfältig zurück. Deshalb ist die Höhe der Kommission auch ein Maßstab für die Vor- trefflichkeit der Sache, so gut als ein andrer. Hiervon verstehen die Gelehrten nichts. Brummen Sie nur weiter, Herr Doktor! — Prosit!" Er trank Beinhaus ein Viertel vor. Auch das hatte er in unsrer Gesellschaft bereits gelernt. Deutsches Bier und deutsche Sitte begannen, wenn auch schüchtern, schon damals ihren Croberungszug durch die Welt. „Der Abschied van Eyth wird mir sauer fallen, ich will's gern gestehen," fuhr er fort, sich mir wieder zuwendLnd, „denn im großen ganzen gehörten Sie zu einer ganz erträglichen Varietät der, teutonischen Abzweigung der englischen Rasse. Aber wir müssen uns alle ins Unvermeidliche fügen, und Sie werden einpacken, sobald Bridledrum in Wirklichkeit hereinbricht. Er wartet nämlich bloß auf die Ankunft-feiner Maschinen, die mit vier englischen Arbeitern erster Klasse, Schlossern, Schmieden, Pflügern — was weih ich! — schon zwischen hier und Malta schwimmen sollen. Vier Engländer! Lieber Eyth, Sie waren in England. Sie wissen, was das heißt. Vierzig Deutschs und vierhundert Fellachin könnten vier Engländer in ihrem Siegeszug nicht aufhalten, von Bridledrums Mundwerk gar nicht zu sprechen, das wir, billig gerechnet, auf fünfundzwanzig Deutsche anschlagen müssen." „Er hat wirklich einen Pflug unterwegs?" fragte ich gespannt und hoffnungsvoll. „Glauben Sie, die Howards schwatzen nur?"enfgegnete O'Donald. „Sobald Bridledrum sah, wie hier das Land lag, und daß es ein Deutscher in Schubra ein wenig verpfuscht hatte, telegraphierte er nach Bedford, und mit dem nächsten Schiff war die Zukunft Aegyptens unterwegs. Hören müssen Sie den Man». Ich gebe zu, er ist mehr als englisch. Seine Mutter sei eine Französin gewesen, wurde mir gesagt. Der Schwung, die Figarogewandtheit, mit der er die ganze Hotelveranda einseift, ist nicht englisch. Nein, glauben Sie mir, mit dem armen Fowler ist es aus. Dabei schimpft er nicht über Sie, bleibt durchaus anständig, zeigt sogar ein herzliches Mitleid mit Ihnen. — Prosit! — Es ist hart, packen zu müssen.. Aber wir sehen uns wohl in einer besseren Welt wieder, bei Simsan im Strand zum Beispiel. Wenn wir daran denken, in diesem heißen, dumpfen Kellerloch!" Das Fäßchen stand jetzt auf dem Kopf. Ein paar hallende Schläge gegen feinen leeren Bauch teitetn der bewegten Gemeinde mit, daß es aussichtslos war, noch einen Tropfen ans der heimatlichen Quelle zu erwarten. Auf acht Tage war sie wieder versiegt, und zögernd entfernte sich eine Gruppe nach der andern, die einen etwas laut und glücklich, daß wieder einmal deutsches Naß ihre lechzenden Kehlen und deutsche Gemütlichkeit die vertrocknenden Seelen erquickt hatte, die andern, und sie waren leider weitaus die Mehrzahl, murrend, daß dieser Narr, der Meier, sich nicht überreden lassen wollte, drei statt eines Fäßchens kommen zu lassen. „Abstehen! — Unsinn!" Auch wir verließen das Kneipchen. Es war rasch Nacht und plötzlich stille in der Muski geworden. Der ägyptische Mond schien uns voll und hell entgegen. Von der damals noch wild verwachsenen Esbekieh herüber tönte der schrille Lärm der erwachenden Grillen und die unterbrochenen Paukenschläge einer böhmischen Musik. Hunde schlichen lautlos unter dem Schatten der Häuser hin. Noch immer faß der bleiche Missionar vor der Türe und starrte mit seinen großen Augen in die volle Mondscheibe, auf jeder Wange einen Flock hellen, krankhaften Rotes, das einzige halbgeleerte Glas wohl seit einer Stunde unberührt neben sich: ein, eigentümliches Bild ' hoffnungsvoller Entsagung, hoffnungsvoller Ergebung. Man sieht so manches am Rande der großen Heer- und Wasserstraße des jeder schwimmt lustig im Strome mit, und auch nicht jeder, der Lebens, das nicht auf den ersten Blick zu entziffern ist. Und nicht lustig mitschwimmt, erreicht das Ziel, nach dem er die Arme aus- ftreckt. Wir nickten dem Manne zu ohne, eigentlichen Grund, denn keiner von uns kannte ihn. Er aber war jedenfalls ein Landsmann, und man wurde damals mit Landsleuten rasch und ohne viel Umstände gut Freund in der Muski zu Kairo. Eine Gegenmine. Auf dem einsamen Nachtritte nach Schubra reifte mancher meiner Pläne. In die melancholische Sykomorenallee, die wie ein schwarzer Tunnel vor mir lag, fiel da und dort durch eine ihrer wenigen Lücken ein Streifen des Mondlichts und beleuchtete nicht falten einen Schakal, der sich bis hierher verirrt hatte und halb scheu, halb truijig davonschlich, wenn Mustapha, der etwas furchtsame Eselsjunge, ihm von weitem und überlaut fein „Yemenak! SchimalaT („Rechts! Links!") „Du Sohn eines Hundes!" zufchrie. Aus der Ferne tönte das unablässige Hundegebell um die Dörfchen am Wege; in der Nähe, in den mondbeglänzten Klee- und Weizenfeldern zirpte eine Million von unsoliden, nachtschwärmerischen Grillen, mit betäubenderem Lärm, je näher man Schubra kam, dessen helle, weißgetünchte Hütten und Häuser nach einer kleinen Stunde zwischen den schwarzen Stämmen durchschimmerten. Als ich vor meinem Hanse abftieg, war mein Entschluß gefaßt: ein ehrlicher und öffentlicher Wettkampf sollte die Frage entscheiden, welchem Pfluge, Fowlers ober Howards, in den nächsten Jahren der Boden Aegyptens gehören müsse, und dieser Kampf sollte in Schubra ausgefochten werden. Die Pyramiden von Cheops und Chephren, die aus der mondbestrahlten Wüste herüberwinkten, sollten Zeuge fein. Sie hatten schon andre Kämpfe mit angesehen ... Als ich am folgenden Tage gegen elf Uhr in der glühenden Sonnenhitze des nahen Mittags vom Felde geritten kam, wo ich mich mit Halim Pascha eine Stunde lang über einen kommenden Furchenpflug für Baumwollbau besprochen und ihn in eine fast ebenso hoffnungsfrohe Stimmung hineingearbeitet hatte wie mich selbst, stand „Lord Palmerston" vor meiner Gartentüre. Ich kannte den prächtigen weißen Esel; er war der stattlichste der munteren Schar, die vor Shepheards Hotel Fiakerdienste versieht. Ich wußte deshalb, daß mich ein Besuch erwartete, der mir schon durch sein äußeres Auftreten Achtung einzuflößen versuchte. Mein abessinischer Koch und Haushofmeister bestätigte dies mit geheimnisvollem Eifer. Der fremde Herr liege drinnen auf dem Diwan und warte schon seit einer Stunde auf mich. In dem fast sinsteren, aber köstlich kühlen Empfangszimmer erhob sich, als ich eintrat, ein kleiner Herr mit kugelrundem, kahl geschorenem Kopf, kleinen listigen, aber nicht bösartig zwinkernden Augen, einer stumpfen Nase und einem gottbegnadeten Mund, soweit seine Größe in Betracht kam: in weißem Anzug, gelben Lederschuhen und einem dunkelroten Tarbufch, der tn völlig korrekter Stellung auf dem hinteren Teil seines Hinterkopfes saß. „Mister Bridledrum aus Bedford in England!" — „Ingenieur Eyth! Sehr angenehm, Herr Bridledrum! Bitte, behalten Sie Platz!" Ich klatschte in die Hände. Mein Abessinier, der die Sitten und Gebräuche bei englischen Besuchen bereits wohl kannte, brachte ohne weitere Anweisung eine Flasche Whisky, eine Flasche Brandy und eine Gulla, die herrlichste Erfindung der alten Aegypter, den porösen Wasserkrug, in dem durch Verdampfung das Nilwasser um so kälter wird, je heftiger die Sonne darauf scheint. Schon damals verstanden sie etwas vom Dampf. Bridledrums liebenswürdige, fast unenglische Gesprächigkeit war kein leeres Gerücht. Er versicherte, daß er schon in Alexandrien, nein, schon in England von mir gehört und nichts sehnlicher gewünscht habe, als mich kennen zu lernen. Er sei entzückt, daß dieser Wunsch jetzt in Erfüllung gehe. Engländer — er meine Europäer — müssen sich überall fest zusammenschließen, um in diesen fremden Ländern der Kultur, dem Christentum und dem Handel Bahn zu brechen. — Dabei sah er mich plötzlich etwas unsicher an. Nein, ich war kein Jude. — Ich sei ein Mann, der in kurzer Zeit glänzende Erfolge erzielt habe — mit mangelhaften Mitteln, wenn er sich als Nicht- Ingenieur erlauben dürfe, eine Meinung zu äußern: mit völlig unzureichenden Hilfsmitteln! Aber man wisse auch, daß ich nur der Sache biene und mir ein selbständiges technisches Urteil bewahrt habe. Er wende sich deshalb fast in erster Linie, er dürfe sagen, ganz in erster Linie an mich, teils um Rat in bezug auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse Aegyptens, teils um Unterstützung im Interesse des Landes, für das der beste Dampfpflug von höchster Bedeutung werden müsse. Nun sei, wie ja längst jedermann wisse, der England besucht habe, der Howardsche Pflug anerkanntermaßen . . ." „Gewiß!" sagte ich rasch entgegenkommend. „Auch ich habe schon von Ihnen viel Schönes gehört, Herr Bridledrum. — Etwas Whisky gefällig? Oder Brandy? Man braucht in diesem Lande von Zeit zu Zeit eine kleine Kühlung." „Whisky, wenn ich bitten darf. Sie wissen, die Bridledrums stammen aus Schottland!" belehrte mich mein neuer Freund, zutraulicher werdend, „obgleich ich, mütterlicherseits, den Kognak vorziehen sollte." Er war sichtlich angenehm berührt von der Unterhaltung, die eine so praktische Form anzunehmen schien. Dann erzählte er mir, daß feine Maschinen samt vier Manu geschulter Bedienung gestern in Alexandrien nngekommen seien. Die Herren Howard seien entschlossen, zu zeigen, was ihre Apparate auf ägyptischem Boden leisten können, obgleich für einen Sachverständigen wie mich eine derartige Demonstration kaum nötig wäre. Für die Paschas und für die übrigen Niggers im Lande sei dies allerdings etwas andres. Nun brauche er aber ein paffend gelegenes Feld und natürlich auch manche andre kleine Unterstützung, Kohlen, Wasser und dergleichen, um den Pflug in Tätigkeit vorzuführen, und bis jetzt fei es' ihm leider nicht völlig geglückt, die Verwaltungsbehörden des Vizekönigs in Bewegung zu fetzen. Es fehle dort noch ein wenig an Verständnis für die Sache, unb ber Pascha selbst habe keine Zeit, bie Vorzüge ber Anwenbung gewöhnlicher Lokomobilen zur Pflugarbeit zu er«- fassen. Man habe ihn zwar vierzehn Tage lang in Alexandrien von einem Diwan auf ben anbcrn geschickt, ober in ben andern, wie man komischerweise hier sage. Er habe dabei drei Eimer Kaffee getrunken und sein Nervensystem auf Jahre zugrunde gerichtet. Nun komme er nach Schubra, um den hochintelligenten Halim Pascha, diesen Mann des Fortschritts — nein, um vielmehr mich zu bitten, die Sach« in die richtigen Wege zu leiten. — Bridledrum hielt inne, nahm jetzt auch etwas Brandy, vielleicht um seine Mutter nicht zu kränken, dis ihm sichtlich beigestanden hatte, denn ein unverfälschter Schotte hätte diese Einleitung nie zu Ende gebracht, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuchtelte mit seinem Taschentuch wie eine Windmühle. Ich begann zu vermuten, daß auch seines Vaters Mutter eine Französin gewesen fein müsse. Nun versicherte ich, daß ich ihm Land verschaffen werde, wann und so viel er wünsche. Das habe Ihm ja Halim Pascha schon zu- gesagt, der mir heute bie nötigen Weisungen gegeben habe. Er war entzückt. ' ' j „Auch Wasser und Kohlen sollen Sie haben," versprach ich weiter, „wie wenn Ihr Pflug mein eignes Kind wäre: und Hilfsarbeiter in der Gestalt von Fellachin kann ich Ihnen zur Verfügung stellen, so viel Sie irgend wünschen." Er war entzückter. , /-Denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr Bridledrum", fuhr ich fort. „Wir haben kein andres Interesse, als festzustellen, welches die brauchbarste Form des Dampfpfluges für Aegypten ist. Es ist richtig, ich war früher einer von Fowlers Leuten. Aber das liegt hinter mir. In meiner jetzigen Stellung ist es meine Pflicht, für die besten Gerate auf unfern Gütern zu sorgen, mögen sie kommen, von wem sie wollen, und mein Verhältnis zu Halim Pascha macht mir dies zu einem höchst anregenden Vergnügen, auf das ich niemals freiwillig verzichten würde. „Ich kann ben Ausbruck meines Entzückens nicht länger zurückhalten, Herr Eyth," platzte Bribledrums französische Mutter aus ihm heraus ,„in Ihnen unverhofft, ich gestehe, ganz unverhofft, einen Mann von solchen Gesinnungen gefunden zu haben. Ich weiß, daß meine Chefs, die Gebrüder Howard, ganz Ihrer Ansicht sind: Es handelt sich darum, zu zeigen, daß der Howardsche Pflug der beste in der Welt ist. Auf Einzelheiten brauche ich Ihnen gegenüber nicht einzugehen. Ich habe nicht die Ehre, Ingenieur zu fein. Aber wenn die Dankbarkeit, praktische, greifbare Dankbarkeit für Ihre unbezahlbare Unterstützung..." — er drückte mir dan Hand stumm und schmerzhaft: fühlbar kam jetzt ber schottische Vater an bie Reihe. »Ich bin kein Kaufmann unb zur Zeit nicht einmal Agent für eme biefer großen Weltfirmen," sagte ich, mich ihm enhvmbenb; „aber ich denke, die Sache läßt sich am besten feststellen, wenn wir hier, auf den Feldern von Schubra, ein kleines Wettpflügen veranstalten. Sie kommen mit Ihren Engländern und dem Howardschen Apparat, unb ich lasse meine Araber im Nachbarfelbe mit bem Fow- lersthen Pflug tun, was sie zu tun imstande sind. Sie müssen natürlich etwas Nachsicht mit den Leuten haben: ich habe augenblicklich keine englischen Arbeiter zur Bedienung der Fowlerschen Pflüge verfügbar. Mein einziger Mann befindet sich gegenwärtig in Ober- agypten. Wir messen dann gemeinsam Land,' Kohlen, Wasser und was Sie noch zu messen wünschen, unb wenn wir zuvor ein wenig "arm schlagen — das überlasse ich Ihnen, Herr Bridledrum, Sie verstehen es vortrefflich —, bann kommt ganz Kairo heraus und be» tvunbert ben Sieger." Briblebrums runbes Gesicht wurde oval und während der weiteren Entwicklung dieses entgegenkommenden Vorschlags immer länger, feine diinngefchtttzten Aeuglein rund wie Fifchaugen. „Ja — gewiß — das heißt —-," sagte er, nach Lust schnappend. Es schien ihm unerträglich heiß zu werden, was ja ber März in Aegypten hinlänglich erklärte. „Ich habe heute früh ben Plan mit bem Prinzen besprochen", fuhr ich fort. „Er ist Feuer und Flamme dafür. Sie wissen, er ist ein wenig Sportsmann, wie vermutlich auch Sie. Ihren Landsleuten ist ja ein ehrlicher Wettkampf bei jeder Gelegenheit das höchste Vergnügen. Und ehrlich soll es zugehen, ,fair play all round-. Da-' für wollen wir — Sie und ich — schon sorgen. Wann können Sie mit Ihren Maschinen hier fein?" -.Ein vortrefflicher Gedanke!" stöhnte Bridledrum, die neu aus- brechenden Schweißtropfen eifrig von ber Stirn tupfend: „das heißt, es wäre mir eigentlich lieber, wenn jeder für sich — wenn es Ihnen ganz gleichgültig ist, würde ich eigentlich gerner . . ." „Sie sollen die Wahl des Feldstückes haben", unterbrach ich ihn mit wachsender Liebenswürdigkeit. „Hinter dem Palast liegen fünfzig Hektar Baumwolland. Die Wolle ist schon eingeheimst: in acht Tagen sind bie Stauden abgeräumt. Sie nehmen davon fünfundzwanzig, mehr, wenn Sie wollen, Fowlers Maschinen den Rest. Wie gesagt, Sie sollen die Wahl des Stückes haben! Es liegt mir daran, Ihnen alle derartigen kleinen Vorteile zuzuwenden. Sie sind auf fremden Boden, und dies entschuldigt eine kleine Parteilichkeit zu Ihren Gunsten. Halim Pascha hat mir das selbst eingefchärft. Er betrachtet Sie als unfern Gast: und Sie kennen die Gastfreundschaft des Arabers. Halim Pascha hält etwas darauf. ' Seine Miiiter war eine Beduinin." Es entstand eine Pause. Bridledrum brauchte etwas Zeit und tat einen kräftigen Zug aus feinem Whiskyglas, um sich zu fassen. Mein Abessinier trat ein unb wollte wissen, ob man „Lorb Palmerston" ein paar Hanbvoll Pferbebohnen geben dürfe. Sein Eselsjunge meine, er habe Hunger. „Gewiß," rief ich in einem Tone, der bewies, daß auch ich die Gastfreundsthaft des Arabers zu üben wisse. Mein englischer Freund erhob sich, sauersüß lächelnd. „Und Sie glauben nicht, daß man die Sache noch anders gestalten könnte?" fragte er zögernd. „Es wäre mir lieber, ganz entschieden lieber gewesen, Ihnen und einigen Herren in Kairo'ganz unter uns nachzuweifen, welche Vorteile Howards Einmafchinensystem gegenüber den feuern Doppelmafchinen hat, an die sich ber unglückliche Fowler neuetbings zu klammern scheint. Ein eigentliches Wettpfügen ist hierbei eher hinberlich. Es verwirrt bas Urteil. Man finbef nicht die nötige Ruhe zu völlig unparteiischen Beobachtungen — (Fortsetzung folgt.) 6£tiftleitung: Or. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühllschen Tlniv.-Buch- und Sfeinbrudetei, R. Lange, Gießen.