Gießener Zainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang Mb Samstag, öen 27. November Nummer 95 Advent. Bon Angelus Sileslus. Morgenstern der finftem Nacht, Der die Welt voll Freuden macht, Jesulein, Komm herein. Leucht in meines Herzens Schrein. Deines Glanzes Herrlichkeit Uebertrifft die Sonne wett; Du allein, Jesulein, Bist waS tausend Sonnen sein. Deinem freudenreichen Strahl Folgt man in dem Erdental, Schönster Strom, Weit und fern Ehrt man dich als Gott den Herrn. Tlnser wahres Seelenlicht Komm herein und säume nicht, Komm herein, Jesulein, Leucht in «reines Herzens Schrein. Tage vor Weihnachten. Von Hans T h y r i o t. Wieder hat sich der Jahreskreis dem letzten Zwölftel zu gerundet, hat sich die Zeit erfüllt, daß die Glocken von allen Türmen in die Dämmerung klingen: Advent! Will sagen: über ein kleines, so wird in allen deutschen Landen, in allen deutschen Häusern der Christbaum brennen. Tage vor Weihnachten: schöne, heimliche, festliche Tage der Zurüstung, der Vorfreude, oer Erwartung und herzkiopfenden Kinderseligkeit. Keines von unseren großen christlichen Festen, nicht Ostern, nicht Pfingsten, wirft so weit seine Schatten voraus, wie dieses deutscheste, zu dem wir uns rüsten, und das kein Volk der Welt so zu feiern versteht und zu feiern begehrt, wie das unsre. Ob die Tage auch immer dämmriger zwischen Morgen und Abend vergehn — wenn die Adventsglocken die. Weihnachtszeit einläuten, ist es doch immer wieder, als ob über aller trübkalten, nebelvsrschleierten Novemberöde jener Bethlehemsstern ein tröstliches Licht verbreite. Und alle Jahre wieder wirkt die Vorweihnachtszeit ihre heimlichen Zauberfäden aus Goldflitter und Engelshaar durch unsere Alltäglichkeit und läßt uns, vielleicht nur ein paar Herzschläge lang, lächelnd auf die Erinneruntzsstimmen aus nahen oder fernen Kindertagen lauschen, die wie Christbaumglöckchen klingeln, aus schummrigen Märchenstunden raunen, aus dem alten und immer wieder neuen Weihnachtsevangelium die wundersame Geschichte verkündigen, die da anhebt: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde . . . Nun sind die Tage wieder nahe, wo man die ersten Tannenbäume durch die Straßen tragen sieht, wo große Kinderaugen vor schimmernden Schaufenstern staunen, geblendet von der Fülle köstlicher und begehrenswerter Dinge; wo man mit Adventskränzen und Tannengrün die Stuben schmückt, wo es allgemach nach Wachskerzen, nach Backwerk und Bratäpfeln zu duften anfängt, und wispernde, verheißungsvolle Heimlichkeiten um uns herum am Werke sind; wo man sich, auf die holdselige und fast vergessene Kunst besinnt, in den sinkenden Tag hinein Geschichten zu erzählen und Weihnachslieder zu singen. Es mag oft scheinen, als habe unsere nüchterne Zeit die glückliche Gabe des Festfeierns verkümmern lassen. Wir haben so oft keine Muße, keine Stimmung, keine Anregung. Und es gehört doch gar nicht viel dazu. Ein paar Blumen, ein bißchen Tannengrün, ein wenig Musik, ein gutes Buch, ein kleinwinziges Angebinde oder Miwringsel, Zeichen der Liebe, des Gedenkens, des guten Willens, einmal den Alltag, die Geschäfte, die kleinen und großen Sorgen hinter sich zu werfen. Im Grunde gehört nichts weiter dazu, als ein fröhliches und gütiges Herz. Manch einer auch wird in diesen Wochen vor Weihnachten an die Jahre des Krieges zurückdenken. Nie wieder haben wir wohl die Adventszeit so schmerzlich und sehnsüchtig erlebt, wie damals da draußen. Da haben wir erst gespurt, wie doch unser Herz an diesem deutschen Fest hing; nie hat uns das Heimweh jo heiß überfallen, wie in der Kriegsweihnacht im Felde, in den entsetzlich kahlen und kalten Stuben der Ruhestellung, in den Erdlöchern und Unterständen, wo wir hausten; nie haben wir so inbrünstig Weihnachten gefeiert, wie damals, als wir um das kümmerliche, stundenweit durch den Schnee geschleppte, französische Christbäumchen hockten, das mit billigem Tand behängt und mit Ersatzkerzen besteckt war; als das dumpfe Rollen und Grollen der Front landauf, landab die dröhnende Christmette orgelte, und als der von Leuchtkugeln geblendete Blick den Himmel absuchte nach dem Stern, der jetzt weihnachtlich über Deutschland stünde, weit dahinten, ganz weit . . . Das ist vorüber. Und das Memento des Totentages ist verhallt. Wenn heute die Adventsglocken mit menschlichen Stimmen die Lebenden rufen, sollen sich Blick und Gedanken nach vorwärts richten, voller Zuversicht, daß der Christbaum, den wir anzünden werden, den Lichterkranz einer deutschen Zukunft trage. Die Legende von der Christrose. Von Selma Lagerlöf. Die nachfolgende schöne und stimmungsreiche Erzählung der berühmten schwedischen Dichterin ist der ausgezeichneten deutschen Gesamtausgabe ihrer Werke entnommen, mit deren Schaffung sich der Verlag Albert Langen in München sehr verdient gemacht hat. Die Räubermutter, di: in der Räuberhöhle oben int Gringer Walde hauste, hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter begeben. Der Räubervater selbst war ein friedloser Mann und durfte den Wald nicht verlassen, sondern mußte sich damit begnügen, den Wegfahrenden aufzulauern, die sich in den Wald wagten; doch zu der Zeit, als der Räubervater und die Räubermutter sich in dem Göinger Wald aufhielten, gab es im nördlichen Schonen nicht allzuviel R isende. Wenn es sich also begab, daß der Räubervater ein paar Wochen lang Pech mit seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf die Wanderschaft. Sie nahnt ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte zerfetzte Fellkleider und Lolzschuhe, und tru auf dem Rücken einen Sack, der gerade so lang war wie es selbst. Wenn die Räubermutter ?u einer Laustüre Hereinkarn, dann wagte niemand, ihr das zu ver- weigern, was sie verlangte, denn sie bedachte sich keinen Augenblick, in der nächsten Nacht zurückzukehren und das Laus anzuzünden, in dem man sie nicht fteundlich ausgenommen hatte. Die Räuber- mutter und ihre Nachkommenschaft waren ärger als die Wolfsbrut, und gar mancher hatte Lust, ihnen seinen guten Speer nachzuwerfen, aber dies geschah niemals; denn rnan wußte, daß der Mann dort oben im Walde hauste und sich zu rächen wissen würde, wenn den Kindern oder der Alten etwas zuleide geschähe. Wie nun die Räubermutter so von Lof zu Los zog und bettelte, kam sie eines schönen Tages nach Oeved, das zu jener Zeit ein Kloster war. Sie klingelte an der Klosterpforte und verlangte etwas zu essen, und der Tür üter ließ ein kleines Schiebsensterchen herab und reichte ihr sechs runde Brote, eines für sie und eines für jedes Kind. Aber während bi' Räubermutter so still vor der Klosterpforte stand, liefen ihre Kinder umher. And nun kam eines von ihnen heran und zupfte sie am Rocke, zum Zeichen, daß es etwas gefunden hätte, was sie sich ansehen sollte, und die Räubermutter ging auch gleich mit ihm. Das ganze Kloster war von einer hohen, starken Mauer umgeben, aber der kleine Junge hatte es zustande gebracht, ein kleines Linler- türchen zu finden, das angelehnt stand. Als die Räubermutter hinkam, stieß sie sogleich das Pförtchen auf und traf, ohne erst viel zu fragen, ein, wie es eben bei ihr der Brauch war. Aber das Kloster Oeved wurde zu jener Zeit von Abt Johannes regiert, der ein gar pflanzenkundiger Mann war. Er hatte sich hinter der Klostermauer einen kleinen Lustgarten angelegt, und in diesen drang nun die Räubermutter ein. Im ersten Augenblick war sie so erstaunt, daß sie regungslos stehen blieb. Es war Lochsommerzeit, und der Garten des Abtes Johannes stand so voll Blume», daß es einem blau und rot und gelb vor den Augen flimmerte, wenn man hineinsah. Aber bald zeigte sich ein vergnügtes Lächeln auf dem Gesicht der Räubermutter, und sie begann einen schmalen Pfad hinunterzugehen, der zwischen vielen kleinen Blumenbeeten durchlief. Im Garten stand der Laienbruder, der Gärtnergehilfe war, und jätete das Ankraut aus. Er war es, der die Tür in der Mauer halb offen gelassen hatte, um Queckenaras und Melde auf den Kehrichthaufen davor werfen zu können. Als er die Räubermutter mit ihren .378 -- es zu sehen, aber es war ihm niemals ie Räubermutter gar eifrig zu bitten höhle zu ziehen. Auch er selbst wollte den Plan reiner Menschenseele verraten. Aber da begab es sich, daß Erzbischof Absalon aus Lund gereist kam und eine Nacht in Oeved verbrachte. Als nun Abt Johannes chm seinen Garten zeigte, fiel ihm der Besuch der Räubermutter ein; und der Laienbruder, der dort wnherging und arbeitete, hörte, wie der Abt dem Bischof vom Räubervater erzählte, der nun so viele Jahre vogelfrei im Wald gehaust hätte, und um einen Freibrief für ihn bat, damit er wieder ein ehrliches Leben unter andern Menschen führen könnte. — „Wie es jetzt geht," sagte Abt Johannes, „wachsen seine Kinder zu ärgeren Missetätern heran, als er selbst einer ist, und Ihr werdet es dort oben im Walde bald mit einer ganzen Räuberbande zu tim bekommen." _ , Der Erzbischof Absalon erwiderte, vast er den bösen Räuber nicht auf die ehrlichen Leute im Lande loslassen wolle. Es sei für alle am besten, wenn er dort oben in seinem Walde bleibe. Da wurde Abt Johannes eifrig und begann dem Bischof vom Göinger Wald zu erzählen, der sich jedes Jahr rings um die Räuber- höhle' in Weihnachtsschmuck kleide. „Wenn diese Räuber nicht schlimmer sind, als daß Gottes Kerrlichkeit sich ihnen zeigen will, sagte er, „so können sie auch wohl nicht zu schlecht sein, nm dw Gnade der Menschen zu erfahren." ' Aber der Erzbischof wustte Abt Ioha>mes z>i antworten. — „Soviel kann ich dir versprechen, Abt Johannes," sagte er und lächelte, „an weichem Tage immer dir mir eine Blume aus dem Weihnachts- • garten im Göinger Walde schickst, will ich dir einen Freibrief ftir alle Friedlosen geben, für die du mich bitten magst." Der Laienbruder sah, daß Bischof Absalon ebensowenig wie er selbst an die Geschichte der Räuberniutter glaubte, aber Abt Johannes merkte nichts davon, sondern dairkte Absalon fiir sein gütiges Bei sprechen und sagte, die Blume wollte er ihm schon schicken. Abt Johannes setzte seinen Willen durch, und am nächsten Weihnachtsabend saß er nicht daheim in Oeved, sondern war auf den, Wege nach Göinge. Einer der wilden Jungen der Räubermutter lief vor ihnr her, irnd zum Geleit hatte er den Knecht, der im Lnst- garten mit der Räubermutter gesprochen hatte. Abt Johannes hatte sich den ganzen Kerbst über schon seist danach gesehnt, diese Fahrt anzutreten, und freute sich nunsehr, daß sie zustande gekommen war. Aber ganz anders stand es mit dem Laienbruder, der ihm folgte. Er hatte Abt Johannes von Kerzen lieb und würde es nicht gern einem andern überlassen Haven, ihn zu begleiten und über ihn zu wachen, aber er glaubte keineswegs, daß sie einen Weihnachtsgarten zu Gesicht bekommen würden, er dachte nichts anderes, als daß das Ganze eine Falle sei, die die Räubermutter mit großer Schlauheit Abt Johannes gelegt hätte, damit er ihrem Mann in die Künde falle. Der Laienbruder wollte ihr von neuem antworten, aber Abt Johannes bedeutete ihm durch ein Zeichen, stillzuschweigen. Denn Abt Johannes hatte schon seit seiner Kindheit erzählen hören, daß der Wald sich in der Weihnachtsnacht in ein Feierkleid hülle. Er hatte sich oft danach gesehnt, es zu sehen, aber es war ihm niemals gelungen. Nun begann er die Räubennutter gar eifrig zu bitten und anzurufen, sie möge ihn tim die Weihnachtszeit in die Räuberhöhle kommen lassen. Wenn sie nur eins ihrer Kinder schickte, ihm den Weg zu zeigen, dann wolle er allein hinaufreiten, und er würde sie nie und nimmer verraten, sondern sie im Gegenteil so reich belohnen, wie es nur in seiner Macht stünde. Die Räubermutter weigerte sich zuerst, denn sie dachte an den Räubervater und an die Gefahr, der sie ihn preisgab, wenn sie Abt Johannes in ihre Köhle kommen ließe, aber dann wurde doch der Wunsch, ihm zu zeigen, daß der Lustgarten, den sie kannte, schöner sei als der {einige, in ihr übermächtig und sie gab nach. „Aber mehr als einen Begleiter darfst du nicht mitnehmen," sagte sie. „And du darfst uns keinen Kinterhatt und keine Falle stellen so gewiß du ein heiliger Mann»ist." Dies versprach Abt Johannes, und damit ging die 'Räuber mutter. Aber Abt Johannes befahl dem Laienbruder, niemand zu verraten, was nun vereinbart worden war. Er fürchtete, daß seine Mönche, wenn sie von seinem Vorhaben etwas erführen, einem alten Mann, Ivie er cs war, nicht gestatten würden, hinauf in die Räuber- fdttf Balgern hinter sich her in den Lustgarten treten sah, stürzte er sich ihnen sogleich entgegen und befahl ihnen, sich zu trolle«. Aber die alte Bettlerin ging iveiter, als sei nichts geschehen. Sie ließ die Blicke hinauf und hinab wandern, sah bald die starren weißen Lilien an, die sich auf einem Beet ausbreiteten, und bald den Efeu, der die Klosterwand hoch empor kletterte, und bekümmerte sich nicht im geringsten um de i Laienbruder. Der Laienbruder dachte, sie hätte ihn nicht verstanden. Da wollte er sie am Arm nehmen, um sie nach dem Ausgang umzudrehen. Aber als die Räubermutter seine Absicht merkte, warf sie ihm einen Blick zu, vor dem er zurückprallte. Sie war unter ihrem Vettelsack mit gebeugtem Rücken gegangen, aber jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Kö'he auf, —- „Ich bin die Räubermutter aus dem Gömger Wald," sagte sie, „rühr' mich nur an, wenn du es wagst." And es sah aus, als ob sie nach diesen Worten ebenso sicher wäre, in Frieden von dannen zu ziehen, als hätte sie verkündet, daß sie die Königin von Dänemark sei. , ,, , ., Aber der Laienbruder wagte es dennoch, sie zu stören, obgleich er jetzt, wo er wußte, wer sic war, recht sanftmütig zu ihr sprach. — „Du mußt cs wissen, Räubermutter," sagte er, „daß dies ein Mönchs- klostcr ist, und daß es keiner Frau im Lande gestattet wird, hinter diese Mauern zu kommen. Wenn du nicht deiner Wege gehst, dann werden die Mönche mir zürnen, weil ich vergessen habe, das Tor zu schließen, und sie werden mich vielleicht von Kloster und Garten verjagen." „ ■ ■ , , Doch solche Bitten waren an die Räubermutter verschivendet. Die ging weiter durch die Rofenbeete und guckte sich den Tifob an, ter mit lilafarbnen Blüten bedeckt war, und das Kaprifolium, das voller rotgelber Blumentraubeii hing. Da wußte sich der Laienbruder keinen andern Rat, als in das Kloster zu laufen und um Kilfe zu rufen. Er kam mit zwei handfesten Mönchen zurück, und die Rauber- mutter sah sogleich, daß cs nun Ernst wurde. Sie stellte ,ich breitbeinig in den Weg und begann mit gellender Stimme herauszuschreien, welche furchtbare Rache sie an dem Kloster nehmen würde, wenn sie nicht im Lustgarten bleiben dürfte, solange sie wollte. Aber die Mönche meinten, daß sie sich nicht zu fürchten brauchten, und sie dachten nur daran, sie zu vertreiben. Da stieß die Räubermutter schrille Schreie aus, stürzte sich auf sie und kratzte und biß, und ebenso machten es alle ihre Svrossen. Die drei Männer merkten bald, daß sie ihnen überlegen war. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in das Kloster zu gehen und Verstärkung zu holen. Wie sie über den Pfad liefen, der in das Kloster führte, be- gegneten sie dem Abt Johannes, der herbeigeeilt war, um zu sehen, waS für ein Lärm das wäre, den man vom Lustgarten hörte. Da mußte» sie gestehen, daß die Räubermutter aus dem Gömger Walde in das Kloster gedrungen war; sie hätten nicht vermocht, sie zu vertreiben, und wollten sich nun Entsatz schaffen. Tiber Alst Johannes tadelte sie, daß sie Gewalt angewendet hätten, und verbot ihnen, um Kilfe zu rufen. «St schickte die beiden Mönche zu ihrer Arbeit zurück, und obgleich er ein alter, gevrechllcher Mann war, nahm er nun den Laienbruder mit in den Garten. Ais Abt Johannes dort anlangte, ging die Räubermutter tote zjwor zwischen den Beeten umher. And er konnte sich nicht genug über sie wundern. Er war ganz sicher, daß die Räubermutter me zuvor in ihrem Leben einen Lustgarten erblickt hätte. Aber wie dem . auch sein mochte, —- sie ging zwischen all den kleinen Beeten utnher, die jedes mit einer andern Art fremder und seltsanter Blumen bepflanzt waren, und betrachtete sie, als wären es alte Bekannte. Es sah aus, als hätte sie schon öfters Immergrün und Salbet und Rosmarin gesehen. Einigen lächelte sic zu, und über andere wieder schüttelte sie den Kopf. z Abt Johannes liebte seinen Garten mehr als alle andern Dmge, die irdisch und vergänglich sind. So wild und grimmig die Räuber- mutter auch aussah, so konnte er es doch nicht taffen, Gefallen daran zu finden, daß sie mit drei Mönchen gekämpft hatte, um chn m Ruhe zu betrachten. Er ging auf sie zu und fragte sie freundlich, ob ihr der Garten gefalle. , o . Die Räuberniutter wendete sich heftig gegen Abt Johannes, denn sie tvar nur auf Kinterhatt und Aebcrfall gefaßt, aber als sie seine weißen Kaare und seinen gebeugten Rückctt sah, da antwortete sie ganz freundlich: „Als ich ihn zuerst erblickte, da schien es nur, als ob ich nie etwas Schöneres gesehen hätte, aber jetzt merke ich, daß er sich mit einem andern nicht messen kann, den ich kenne." Abt Johannes hatte sicherlich eine andere Antwort erwartet. Als er hörte, daß die Räubermutter einen Lustgarten kennte, der schöner wäre als der seine, bedeckten sich seine runzligen Wangen mit einer schwachen Röte. , Der Gärtnergehilfe, der daneben stand, begann auch sogleich die Räubennutter zurechtzuweisen. — „Dies ist Abt Johannes, Räubermutter," sagte er, „der selber mit großem Fleiß und Mühe von fern und näh die Blumen für seinen Garten gesammelt hat. Wir wissen alle, daß es im ganzen schottischen Land keinen reicheren Lustgarten gibt, und es steht dir, die du das ganze liebe Jahr im wilden Walde hausest, wahrlich übel an, sein Werk meistern zu wollen." „Ich will nieniand meistern, weder ihn noch dich," sagte die Räubermutter,,, ich sage nur, toeftn ihr den Lustgarten sehen könntet, an den ich denke, dann ivürdet ihr jegliche Blume, die hier steht, ausraufen und sie als Ankraut fortwerfen." Aber der Gärtnergehilfe war kaum weniger stolz auf die Blumen als Abt Johannes selbst, und als er diese Worte hörte, begann er höhnisch zu lachen. — „Ich kann mir wohl denken, daß du nur so chwätzest, Räubermutter, um uns zu reizen," sagte er, „das wird mir ein schöner Garten sein, den du dir unter Tannen und Wacholder büschen im Göinger Walde eingerichtet hast! Ich wollte meine Seele verschwören, daß du überhaupt noch nie hinter einer Gartenmauer gewesen bist." Die Räubermutter wurde rot vor Aerger, daß man ihr also mißtraute und rief: „Es mag wohl sein, daß ich niemals vor heute hinter einer Gartenmauer gestanden habe, aber ihr Mönche, die ihr heilige Männer seid, solltet wohl wissen, daß der große Göinger Wald sich in jeder Weihnachtsn.acht in einen Lustgarten verwandelt, um Vie Geburtsstunde unseres Kerrn und Keilands zu feiern. Wir, die wir im Walde leben, haben dies nun jedes Jahr geschehen sehen, und in diesem Lustgarten habe ich so herrliche Blume« geschaut, daß ich es nicht wagte, die Kand zu erheben, um sie zu brechen." Da lachte der Laienbruder noch lauter und stärker: „Es ist gar leicht für dich, dazustehen und mit derlei zu prahlen, was kein Mensch sehen kann. Aber ich kann nicht glauben, es könnte etwas anderes als Lüge sein, daß der Wald Christi Geburtsstunde an einer solchen Stelle feiern sollte, wo so unheilige Leute wohnen, wie du und der Räubervater." — „And das, was ich sage, ist doch ebenso wahr," entgegnete die Räubermutter, „wie daß du es nicht wagen würdest, in einer Weihnachtsnacht in den Wald zu kommen, um es zu sehen.' 879 — Während Abt Johannes nordwärts zur Waldgegend ritt, sah er, wie überall Anstalten getroffen wurden, das Weihnachtsfest zu feiern. In jedem Bauernhause machte man Feuer in der Bade- Hütte, damit sie zum nachmittägigen Bade wann sei. Aus den Vorratskammern wurden große Mengen Fleisch und Brot in die Kütten getragen, und aus den Tennen kamen die Burschen mit großen Strohgarbett, die über den Boden gestreut werden sollten. Als er an dem kleinen Dorfkirchlein vorüberritt, sah er, wie der Priester und seine Küster vollauf damit beschäftigt waren, sie mit den besten Geweben zu behängen, die sie nur hatten auftreiben können; als er zu denr Wege kam, der nach dem Kloster Bosjö führte, sah er die Armen des Klosters mit großen Brotlaiben rind langen Kerzen daherwandern, die sie an der Klosterpforte bekommen hatten. Als Abt Johannes alle diese Weihnachtszurüstungen sah, da spornte er zur Eile an. Demr er dachte daran, daß seiner ein größeres Fest harre, als irgendeiner der anderen feiern sollte. Doch der Knecht jammerte und klagte, als er sah, rvie sie sich auch in der kleinsten Lütte anschickten, das Weihnachtsfest zu feiern. And er wurde immer ängstlicher und bat mrd beschwor Abt Johannes, umzukehren und sich nicht freiwillig in die Künde der Räuber zu geben. Aber Abt Johannes ritt weiter, ohne sich mrr seine Klagen zu kümmern. Er hatte bald das Flachland hinter sich und kam nun hinauf in die einsamen, »vildeir Wälder. Lier wurde der Weg schlechter. Es war eigentlich nur noch ein steiniger, nadelbestreuter Pfad, und nicht Brücke, nicht Steg halfen ihnen über Flüsse und Bäche. Je länger sie ritten, desto kälter wurde es, und tief drinnen im Walde War der Boden mit Schnee bedeckt. kFortsetzung folgt.) Das tönende Herz. Von Wilhelm Buchmann. Der unermüdliche Menschengeist hat es verstanden, sich Maschinen zu schaffen, die tagaus, tagein feinen Zwecken dienen müssen, und denen kaum eine Ruhepause gegönnt wird. Wir denken an die mächtiger» Stromerzeuger mrserer Elektrizitätswerke, die Pumpen für die Wasserversorgung der Großstadt, an den Kreiselkompaß und die astronomische»» Ähren, die Wochen- und monatelang ohne Unter- brechung im Betrieb sind, und von denen zum Tell ganz erstaunliche Genauigkeitsgrade gefordert werden. Was sind aber alle diese Maschinen gegenüber dem großen Wunder des Lebens, das wir in der' Brust tragen, dem Lerzen? Rund drei Milliarden Schläge muß es ausführen, ehe es bei einem Siebzigjährigen bett letzten müden Schlag tun darf vor dem großen Schlaft aus dem es kein Erwachen mehr gibt. Dabei muß es stets bereit fein, einem erhöhten Stoffwechsel infolge körperlicher Arbeit durch schnellere Tätigkeit und vermehrten Blutumlauf nachzukommen und das Mehr auszugleichen. Die Steuerung der Lerzmuskeln geschieht durch eine besondere Zellengntppe im Gehirn, die einer selbsttätigen Steuer- und Regeleinrichtung eines Kraft- oder Pump- werks vergleichbar ist. Eine Altzahl von Klappen zwischen den einzelnen Lerzkammern und in den Adern sorgt dafür, daß das Blut nicht zurückströmen kann; ihr sicheres Arbeiten ist von größter Bedeutung für den ganzen Körper. Daher ist das rechtzeitige Erkennen von Störungen und Erlra»sim> vn des Aerzens und der Klappen überaus wichtig. Bis vor etwa hundert Jabren, wo vas «örrohr (Stethoskop) erfunden wurde, batten die Aerzte keinerlei Lilssmittel für eine genauere Lerzuntefsuchung, sie waren nur auf unmittelbares Abhören und auf die Beobachtung des Pulsschlages angewiesen. Das verblüffend einfache Lötrohr gab erst die Möglichkeit zu einer gründlichen Erforschung nicht nur des Lerzens, sondern auch der Adern und der Atmungsorgane. Für die Brustkorbuntersuchung und die Feststellung der Lage der einzelnen Organe war früher zwar schon das Verfahren der Beklopfung (Perkussion) ausgebildet worden; durch das Lörrohr und die damit mögliche genaue Abhorchnng (Auskultation) wurde aber erst die Grundlage für die wichtigen Erkenntnisse geschaffen, die die Aerzte des vorigen Jahrhunderts gewonnen haben. Freilich gehört eine langjährige Uebung dazu, die Bedeutung der verschiedenen Pulsarten — man zählt deren etwa 60 — zu erkennen. Die Beobachtungen können naturgemäß auch pur reinpersönlicher Art sein und keinem größere!» Aerztekreis zugänglich gemacht werden. Vor allem fehlt die Möglichkeit, die Wahrnehmungen wahrheitsgetreu festzuhatten, um sie z. B. für spätere Vergleiche zu verwenden. Lier seht die neuzeitliche Lerzsorschung ein. Die groye Ent deckung Röntgens zog mit einem Ruck den Schleier von geheimnisvoll Verschlossenem weg. Die verborgensten Regungen des Lerzens und der übrigen Organe enthüllten sich auf dem Leuchtschirm. Sm Lichtbild festgehalten, entstehen bleibende ürftmbcn, und der Film gar vernmg uns das schlagende Lerz eines längst Verschiedene»» vor Augen zu führen. Der Arzt kann aus der Form des Lerzens, seiner Lage mid seiner Tätigkeit Fehler und Erkrankungen feststellen und danaeh seine Maßnahmen treffen. Anendlich klarer und anschaulicher, als es das Beklopfungsverfahren je vermochte, gibt also die Röntgendurchleuchtung ein Bild der wahren Sachlage. In jüngerer Zeit sind nun von verschiedenen Seiten zum Teil erfolgreiche Versuche gemacht worden, auch den Schall und die Be- ivegungen des Lerzens unabhängig vom Beobachter darzustellen. Das Lörrohr, das nur die Beobachtung durch einen Arzt, bei einer besonderen Bauart durch mehrere Aerzte, zuläßt, mußte durch eine Vorrichtung ersetzt toerben, die es nicht nur gestattete, die Lerz geräusche einem großen Lörerkreis, z. B. zu Ausbildungszwecken von Studierenden, zugänglich zu machen, sondern die auch eine bleibende Auszeichnung, etwa nach Art des Phonographen oder bildlich in KurVenform erlaubte. Am nächstliegenden war es, ein Mikrophon auf die Brust zu setzen und die Mikrophonströme im Fernhörer abzuhorchen. Solche Versuche sind schon früher gemacht worden: sie tonnten aber kein befriedigendes Ergebnis haben, da die Reizschwelle der gewöhnlichen Mikrovhone die feineren Geräusche nicht erfaßt, »mb die Verstärker technik damals noch in den Kinderschuhen steckte. Erst die Neuzeit- kichet» Verstärkerröhrei», die auch die ungeahnten Fortschritte der drahtlosen Telegraphie und die Möglichkeit des Rundfunks brachten, liehen in Verbindung mit Hochemysindlichen Schallaufnahntegeräten brauchbare Ergebnisse zu. Sn Anlehnung an die im Kriege verwendeten Abhörgeräte für Feststellung feindlicher Mimerarbeiten wurde ein besonderes Auf nahmemikrophon durchgebilder, das aus einem anschnallbaren Trichter mit aufgesetztem Kohlemikrophon bestand. Die Lerztöne Weben in einem Mehrröhrenverstärker auf Kopfhörer- oder sogar Lautsprecherstärke gebracht. Der Lerzschlag selbst konnte auf diese Weise einem großen Kreis vorgeführt werde», ja, vor etwa einem Jahr wurden solche Versuche durch den Berliner Rundfunksender übertragen. Das st» Berlin schlagende Lerz war weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hörbar. Die Einrichtung erfüllte jedoch nicht alle in sie gesetzten Loff- nungen. Mit zunehmenden» Berstärkungsgrad werden auch die unvermeidlichen Nebengeräusche der Umgebung, der Lungen und des Mikrophons selbst verstärkt, sie übertönen alle feineren Lerz- geräusche, an denen der Arzt gerade den Zustand des Lerzens erkennt. Eine ständige Aeberwachung des Lerzschlages durch den Laut sprecher bei Operationen ist nur in Ausnahmefällen möglich, da die LerztätigkeitinderNarkoseunddurchdenBlutverlust häufigsehrschwach wird. Ferner findet durch den int Operationssaal ausgestellten Laut sprecher eine akustische Rückkopplung aus das Ausnahmemikrophonstatt, fodaß es zu einen*, hallen Pfeifen im Lautsprecher fommt. Da die Schallempfindlichkeit des beste»» Mikrophons weit unter der des menschlichen Ohres liegt, so konnten günstigen Falles nur die bisherigen Erfahrungen bestätigt werden. Ein Mehr war nicht erzielbar. Die durch das Lörrohr wahrnehmbaren Geräusche bestehen aus einem Gemisch der verschiedensten Töne und Geräusche, die teils vom arbeitende»» Lerzen, teils von den großen Adern und teils von de»» Lungen herrühren. Sie erstrecken sich über ein Frequenzband von etwa 30 bis 1100 Schwingungen in der Sekunde. Das Ohr ist für diesen Schallbereich ungefähr gleich empfindlich; wem» man einen bestimmten Ton ober ein bestimmtes Geräusch, die kenn zeichnenb für ben Zustänb ber einzelnen Lerzteile sind, beobachten >vill, so störe»» die gleichzeitig wahrgenommenen Nebengeräusche schv»» bei unmittelbarer Abhorchnng sehr. Das ist bei der Aufnahme nrit einem Kohlekornermikrophon und nachfolgender Verstärkung noch mehr der Fall. Die Töne werben unrein, ja unter Am ständen sogar völlig verzerrt. Nimmt man statt des Kohlemikrophons aber ein wie ein Fernhörer gebautes elektromagnetisches Aufsetzmikrophon, so werden Tonunreinheiten vermieden. Allerdings erforbern diese „Lorcher" meist eine größere Verstärkung, da die Busgangsströme viel geringer find als beim Kohlemikrvphvn. Durch einen Kunstgriff kann man nun aus dem lautreinen verstärkte»» Geräuschgenrisch alle die Frequenzei» ausscheide»», die bei der Beobachtung hinderlich sind, so daß also nur die Töne oder Geräusche hörbar werden, auf Weber Apparat eingestellt ist. Diese Beschneidung des Frequenzbandes gefchieht drirch sogenannte Siebretten, die aus Spulen und Konde»» fatoren zusammengestellt find. Auch beim Rrmdsunk macht man von solchen Einrichtungen Gebrauch; man bezeichnet sie dort als Sperr kreist, die ein Ausschalte»» störender Sender gestatten. Mit der beschriebenen, Stethophon genormten Einrichtung sind bereits recht gute Ergebnisse erzielt worden. Infolge der besonderen Bauart des Aussthmikrophons werben Raumgeräusche »sicht auf genommen; ein Empfang mit Lautsprecher ist daher auch im Operationssaal selbst möglich, sodaß der Arzt ungehindert durch lästige Kopfhörer die Lerztätigkeit seines Kranken während der ganzen Operativ»» stä»»dig überwache»» kann. Es gibt aber noch einen anderen Weg, auf den» man in die Ge- - Heimnisse des Lerzens etnbringen kam» und dieser erscheint auf den ersten Blick recht seltsam. Von einzelnen Tieren, so vom Zitteraal und vorn Zitterrochen, ist es bekannt, daß sie lebendige Elektrizitätswerke sind unb nach Bedarf elektrische Schläge austeilen Fennen. Daß aber auch der Mensch, wie Überhaupt alle höheren Tiere, mit seinen Muskel,» Elektrizität erzeugen kann, wirb manchem neu sein. And doch ist es so. A»» jeden» arbeitenden Muskel treten elektrische Ströme auf, die jedoch meist so schwach sind, daß sie nur durch hochempfindliche Anzeigevorrichtungen erkennbar gemacht werben können. Auch das Lerz sendet mit jedem Schlag Ströme aus, die sich in bestimmten Stromlinie»,bahnen durch bei» Körper foktpflanzen und z. B. am rechte»» Arn» und an» linken Bei»» ahgenommen werben können. . ... Zum Nachweis und zur Aufzeichnung dieser Ströme ist em hochempfindliches Gerät, der Elettrvkardiograph, zu deutsch Kerz- fchreiber, geschaffen worden. Er besteht aus einen» Saitengalvano meter mit einem ganz leichten Spiegelchen, das dürch die Ströme gedreht wirb. Ein barauf fallender Lichtstrahl wird auf ein rollendes Filmband zurückgeworfen; auf dem der tanzende Lichtzeiger jede einzelne Zuckung des Lerzens getreu aufzeichnet. Diese Lerzschrift, - 380 — das Elektrokardiogramm, enthüllt dem Arzt alleFehler und Schwächen, und er kann danach mit Sicherheit seine Maßnahmen snr die Behandlung des Kranken treffen. r . Seltsam tief leuchtet die Technik mit einem fein ersonnenen und doch gefühlskalte,, Apparat hinein in die verborgensten Regungen des menschlichen Körpers. So zeigte sich der Lerzkurve emer Frau eine zweite, schwächere und schnellere überlagert: es waren dre Lerz. ströme des Kindes einer werdenden Mutter. Ja, bet Jwrllmgen waren sogar Drei einander überlagerte Kurven festzustellen. So liefert und die Lerzschrtft den untrüglichen, frühzeitigen Beweis gerade für Zwillinge und übertrifft damit alle anderen früheren Verfahren. Doch die Leistungsfähigkeit des Apparates geht noch weiter. Freudige Gemütsbewegungen lassen das Äerz höher schlagen: die Kurzschrift spiegelt sie wieder. Furcht vor Entdeckung des Verbuchens treibt das Blut des Mörders beim Anblick seines Opfers schneller durch die Adern: die Lerzschrift lügt nicht, und mag der Verbrecher die Tat auch mit frecher Stirn noch so sehr leugnen. Der >eme Lichtstrahl des Lerzschreibers bringt es an den Tag. Ein we»es Anwendungsgebiet tut sich vor uns auf, das der Kriminalistik. Roch sind kaum die ersten zögernden Schritte getan; die nahe Zukunft wrrd uns Aufklärung über den Wert der Eefindung für diesen Zweck menschlicher Forschung bringen. Viel Arbeit ist bereits von den Technikern Sand in Sand mit den Aerzten und Psychologen geleistet worden, doch harren manche noch größere Aufgaben der Lösung. Die gotische Sendung in bet germanischen Welt. Von Alfons v. Czibulka. Als die Ostgoten, dreihundert Jahre nachdem sie, uraltes skandinavisches Volk, von der Ostsee her an die untere Donau gezogen, von neuem ihre Schilde hoben und als vorletzter jener germanischen Frühlingsstürme über Italien niederbrachen, da ritt diesem Völkerstrom der gewaltigste der germanischen Heerkömge deutscher Helden- zett voran, um dessen Gestalt die Sage zu brausenden Akkorden schwillt — Dietrich von Bern. Selten nur hat uns die Geschichte das Leben eines Mannes, von dessen Gestalt die Sage so vielfältig Besitz ergriff, so treulich überliefert wie das Leben des Ostgotenkönigs Eheodorich, der von nun vierzehnhundert Jahren zu Ravenna gestorben ist. . „ r _ Unter einem glückverheißenden Stern stand seine Geburt. Denn an dem Tage trat er in die Welt, an dem, ein Jahr nach dem Tode der Gottesgeißel Attila, der auch das Gotenvolk hatte Heerfolge leisten müssen, der Ostgotenkönig Theodemir die Hunnen in entscheidender Feldschlacht schlug. An diesem Tage schenkte ihm die Konkubine Ezeliva einen Sohn. Diese unruhigen, von verhaltener Kraft bebenden Germanenstämme, die halb als Eroberer, halb als Gäste und Vasallen im Norden des oströmischen Imperiums saßen, wurden von den byzantinischen Staatsmännern in Konstantinopel nicht gern gesehen. Da war es diesen lieb, daß die Söhne jener Heerkönige wieder halb als Geisel, halb als Gäste ihre Bindung und Erziehung am Kaiserhofe erhielten. So kam auch Theodorich, acht Jahre alt, als Gast und zugleich Geisel für die Treue des wenig botmäßigen Vaters an den Hof Kaiser Leos nach Byzanz. Er wurde sein Liebling. Dieses Jahr- zehnt, das er lernend und schauend, bezaubert von der wohl schon müden, doch noch hohen Kultur dieser griechisch-römischen Welt am Kaiserhof verbrachte, wurde bestimmend für fein Leben. Denn dort erschloß sich seinem klaren, weitschauenden Geiste der Blick für unerhörte Möglichkeiten germanischer Zukunft. Er sah die Größe dieses letzten Römsrtums, zugleich aber auch dessen innere Schwäche und Grei enhaftigkeit, die sich noch hinter dem Nachglanz und dem täuschenden Schein eines Weltreichs verbarg. Er handelte danach. Als er achtzehnjährig zu seinen Goten henn- kehrte und mit seinem jungen Schwerte an die Seite seines Vaters trat, da war er, der Barbarensohn, zugleich vollkommener Weltmann und doch noch Germane von unbändiger Kraft. Wie der Sturmwind in den heiligen Wäldern germanischer Urzeit rauschte seine junge Kraft feiner ersten Tat zu. Er nahm den Sarmaten Belgrad, um das dann später so viel deutsches Blut geflossen ist, und ein unvergessenes deutsches Lied durch die Jahrhunderte sang. Unbekümmert um den Kaiser, der die Erobenmg seines Vasallen für sich begehrte, behielt er Belgrad. Als zwei Jahre später sein Vater starb, das Gotenvolk den zwanzigjährigen Jüngling unter Jauchzen und Schwerterklang auf den Schild erhob, da fügte er sich fürs erste klug unter die Oberherrschaft des oströmischen Cäsaren. So war er zugleich König seines Volks und Heermeister des Kaisers. Manches Jahr kämpfte er glanzvoll für den neuen Kaiser Zeno, dem er Krone und Reich erkämpfte und hielt. Richt ohne mit ungebrochenem, ursprünglichen Egoismus seine Rolle als Retter des Imperators zu nützen. Dafür erhielt er für sein Volk Mösien und Dazien, also Serbien und Teile von Sie- venbürgen und Rumänien. Und als er siegreich für den Kaiser auch aus Kleinasien heimkehrte, durfte er wie die alten Feldherren Roms als Triumphator, ja als „Waffensohn des Imperators" mit feinen Goten einziehen in Byzanz. Er wurde Konsul. Ja, der in ewiger Angst vor diesem bald treu ergebenen, bald ungestüm aufbegehren- den jungen Germanen lebende Kaiser ließ ihm gegenüber dem kaiserlicher Palaste ein Reiterstandbild errichten. Wohl, um ihn bei Laune zu erhalten. Aber der Gote scherte sich nicht darum. Es konnte «ächt anders sein. In jenen neuen, aus dem Norden gekommenen Völkern, die seit Jahrhunderten auf der Wanderschaft waren, lebte ein unbändiger Drang nach Land und Macht, der ganze Glückshunger von Menschen, für die das Leben bisher hart gewesen. So kämpfte Theodorich bald für Byzanz, bald wieder heischte er ungestüm Land, Getreide und Jahresgelder. Ja er schickte sich an, gegen Konstantinopel zu ziehen. Zugleich aber horchte er nach Italien, wo das Regiment des germanischen Soldatenkönigs Odoaker, der den letzten weströmischen'Kaiser Romulus niederzwang — welcher Name so am Anfang und Ende römischer Herrlichkeit stand — sich geringer Liebe erfreute. Rom oder Byzanz, eine der beiden Weltstädte wollte Theodorich zu seinen Füßen sehen. Hellhörig war die geschulte Staatskunst Konstantinopels, längst auch sah sie das Wetterleuchten über den Bergen des Balkans. Da ließ Kaiser Zeno seinen Waffensohn auf Italien los. Es war ein diplomatisches Meisterstück, wie Byzanz sich seines gefährlichsten Feindes entledigte. Für Ostrom sollte Theodorich Italien erobern und dort als Statthalter herrschen. Es kam dann freilich anders. Im Sommer 488 marschierten die Goten. Nach Kämpfen mit Bulgaren und Gepiden führte Theodorich sein Volk über Belgrad, Mitrovitz, durch Kroatien und Krain, über den Karst den grünen, schäumenden Wassern des Bergstromes bei Görz zu, wo im späten Sommer des folgenden Jahres zum erstenmal im Kampfe der Deutschen gegen Stauen die Waffen am Äsonzo schlugen. Noch freilich waren es Germanen, die unter Odoaker aus Italien aufftisgen, um das sterbende Rom zu retten. Bon den Karsthöhen niederströmend, brauste die Gotenflut über sie hinweg. Einen Monat nach der Jsonzo- sckllacht nahm Theodorich Verona, also Bern. Vom „Vogt von Bern" singt die Sage. Rückschläge blieben nicht aus. Aber im nächsten Jahre siiegte er entscheidend an der Adda. Odoaker wich in seine von Sümpfen und Lagunen bewehrte Residenz Ravenna zurück, das die Ostgoten nun drei Jahre lang berannten. Es ist die Schlacht bei Raben, von der die Sage weiß. Endlich streckte Odoaker die Waffen. Theodorich war Herr in Italien. Und als Odoaker, gegen den er, entgegen dem Brauch der Zeit, Milde walten ließ, eine Verschwörung gegen ihn plante oder einer solchen sich doch wenigstens verdächtig machte, da stieß ihn Theodorich bei einem Gastmahle nieder. Dann aber ruhte sein Schwert. So herrisch und ungezügelt, unbekümmert um Recht und Unrecht, er auch wüten konnte, wenn sich jemand ihm entgegenstellte, so milde verfuhr er nun gegen Italien. Beispiellos blühte es auf. Es wurde Italiens letzte goldene Zeit, von der später die Römer wehmütig j sagten: „Auf offener Straße konnte man Gold und Silber lassen, die Städte und Häuser schlpssen ihre Tore und Türen nicht mehr. Da waren Wein und Brot billig, und es hatten Arbeit die Künstler und Handwerker." Theodorich fühlte sich als gottgewollter Erneuerer römischer Cäsarenherrlichkeit. Die Saat, die das Herz des Knaben in Konstantinopel empfangen, ging nun wunderbar auf. Unendlich viel tat er für Kunst und Gelehrsamkeit. Ja, er bestallte einen eigenen Beamten „zum Schutze der Baudenkmäler Italiens". Selbst aber baute er mit wahrhaft königlicher Großartigkeit. Wer heute durch Ravenna wandert, fühlt und sieht es noch, was dieser „Barbar" für Italien getan. Theodorich war Deutscher. Deutsch die ein wenig romantische Art, mit der er ganz der Tradition jenes Roms verfiel, dessen Herr er nun wurde. Deutsch auch seine rührende und doch großartige Wolkenträumerei, mit der er, der Unbesiegbare, der Welt den Frieden geben wollte — ohne Schwert und Blut. Und diese Welt war nicht klein. Bald waren es ganz Italien, Dalmatien, Sizilien, Teile von Pannonien, Noricum und Rhätien, das nordafrikanische Vandalenreich, das südliche Gallien und ganz Spanien, über die er als mächtigster Herr im Abendland gebot. Alle Germanenstämme wollte er einen und mahnte sie zu Eintracht und Frieden. Ader der große Frankenkönig Chlodwig, der über ganz Gallien herrschte, der junge Gebieter jenes Germanenvolkes, dessen Namen heute noch Frankreich trägt, lachte über die Friedensmahnung des Ostgoien und fiel — früh schon zeichneten sich Frankreichs große Pläne ab — über die Alemannen im Elsaß her. Dann wandte er sich gegen die Westgoten in Spanien. Seit Theodorich so friedlich tat, fürchtete ihn Chlodwig nicht mehr. Aber er irrte sich. An der Rhone zerschlug ihm der Gote sein Heer und fast auch das Reich. Dann verließ Theodorich das Glück. War den Kaisern in Byzanz bisher auch dieser Gotenfürst, der da als freier König, unbekümmert um seine Vasallenpflicht, ja förmlich als Imperator in kaiserlicher Pracht in Italien herrschte, ein Dorn im Auge gewesen, so hatten sie sich doch nicht offen gegen ihn.gewandt. Als sie aber, bisher Beschützer des artanifchen Bekenntnisses, nach Chlodwigs Bekehrung zum katholischen Glauben sahen, wie plötzlich die ganze Macht der Kirche an die Seite des Frankenkönigs trat, da machten sie ihren Frieden mit dem Papste. Trotzend und auf sein gutes Recht vertrauend, übersah Theodor«», selbst Arianer, die Gefahr. Und mit einem Male konnte er sich in den letzten Jahren seines Lebens nur noch mit Härte der Feindschaft erwehren, mit der bald das ganze katholische Italien sich gegen ihn erhob. Sein Reich wankte in allen Mauern, als er im späten Sommer des Jahres 526, zweiundsiebzig Jahre alt, die Augen schloß. An deutschem Idealismus ist sein Werk zerbrochen. Vor den Toren Ravennas steht noch heute fein gewaltiges Grabmal. Seine Asche aber sollen fanatische Römer in alle Winde zerstreut haben. Vielleicht ist deshalb unsere Sehnsucht durch die Jahr- hunderte so ruhelos durch Italien gewandert. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck der Brühl'?chen LiniverfitätL-Buch» und Steindruckerei. 2l. Lange, Giehen- 3 G m kl S d- H ju S ro al ni b< 3t w ko p> S D ni di es kr D lo £ w rt w ei ni N fe fr di ei ei w