Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den 27. Juli Nummer 60 Lsommerfewer. Von Karl Nötiger. Weite Ebne, Felderstille: Glanzlicht, flimmerheih. — Dunst des Mittags. — Wege führen Grad und weit hi in Staubig-weiß, Dis sie sich im Blau verlieren .... Drängend schwillt der dunkle Wille Brauner Erde — leise reist Korn an Korn: im leisen Neigen Vor dein Wind, der sanfthin streift, Stehn die Felder da und schweigen. — Glairzduft deckt die Sommerfülle. — Wohl im blauen Abend hebt Sich ein Lied aus eines Kindes Mund von irgendwo — und schwebt: And lischt in des späten Windes Atem. — Traue Dämmer hüllen Weiter Ebne Aeifetraum. Nacht steht hoch. And Stern« steigen. Dis an Horizontes Saum Stehn die Felder blaß und schweigen. Wartend lauscht die reife Stille. Bernord Shsw. Zu seinem 70. Geburtstage, 26. Juli. Von Dr. Paul Landau. Unsere Zeit ist der reinen Dichtung nicht günstig. Der geistige Mensch lebt nicht.mit seiner Epoche, sondern gegen sie, und so wird er, anstatt sich im ruhigen Gestalten und Schauen auszuwirken, zum Kämpfer, zum Prediger, zum Kritiker, Satiriker, zum Schriftsteller. In diesem Sinne ist Shaw der Dichter unsrer Tage: freilich ein sehr sonderbarer Poet, der das eigentlich Künstlerische ablehnt, dem die Dichtung nicht Selbstzweck ist, sondern nur Mittel zu höchst praktischen und nüchternen Zwecken. Er haßt — darin Tolstoi verwandt — nichts mehr als den „Sinnengenuß" der Schönheit: gesunde Wohnungen für die Armen sind ihm wichtiger als alles Aesthetentum. Er bekämpft Shakespeare, diesen höchsten Ausdruck der Poesie, nicht minder heftig als den Kapitalismus. Ein Dichter also, der keiner sein will, ein Mensch der Tat, dem seine Romane und Dramen Waffen im Kampf gegen die bestehende Gesellschaftsordnung sind wie seine Reden und kritisch-philosophischen Schriften: daher in, seinem Schaffen nicht zu vergleichen mit den großen Lyrikern und Visionären, sondern eher mit jenen Helden der Feder, die ihr Zeitalter repräsentierten, mit Lessing, Samuel Johnson oder Voltaire: aber alles in allem, eine überragende, freie, stolze, mächtige, hinreißende Persönlichkeit, die „höchstes Glück der Erdenkinder" ist. Shaw ist auch darin ein Sinnbild unserer vielgestaltig wirren Zeit, daß er ein überaus verwickeltes, aus gegensätzlichen Antrieben gemischtes Wesen darstellt. Er ist zugleich Engländer und England- feind, zugleich Individualist und Sozialist, Puritaner und Freiheitsschwärmer, Gesetzesverächter und Staatsfanatiker, Weiser und Narr. Cs ist das große Verdienst der soeben in völlig neuer Bearbeitung bei S. Fischer in Berlin erschienenen Monographie über Shaw von Julius Bab, daß sie die biologischen und rassemäßigen, die nationalen und literarischen Grundlagen seines Wesens und seines Werkes klar darlegt und in der scheinbar sprunghaft-willkürlichen Entwicklung die stets gleichen Gesetze und Leitmotive aufzeigt. shaw ist Engländer: die Familie wurde erst Ende des 17. Jahrhunderts nach der „grünen Insel" verschlagen. Als Engländer ist er ein Mensch des Willens unb der Tat, ein praktischer, zweckbewußter Arbeiter mit einem kühl-verständigen, klarsachlichen Blick, mit scharfer Beobachtung der Wirklichkeit, ein Herrenmensch von jener eisernen Energie und Zähigkeit, wie er etwa in Cecil Rhodes verkörpert ist. Zugleich aber ist er Ire, ein Wesen mit keltischem Witz und keltischer Beweglichkeit, erfüllt von künstlerischen Instinkten und kühnen Visionen, musikalisch begabt; ein Meister jenes grimmigen und grandiosen Humor, der an seinen Landsmann Swift gemahnt. Als Ire ist er aber nicht Katholik, wie die meistenderträumerischen, wundergläubigen Poeten von Erin, sondern Puritaner, ein Geistesgenosse von Knox und Cromwell, dem das Protestieren und Rebellieren im Blute steckt. Von der Mutter hat er die Liebe zur Musik und „des Lebens ernstes Führen" empfangen, vom Vater aber wohl die Freude an Eulenspiegeleien, He Lust am Postieren, das unruhige spöttische Clement seiner Natur, das ihm etwas vom Kobold und Schalksnarren verleiht. Als er 1876 Irland den Rücken kehrte, um sich erst London und dann die Welt zu erobern, da „wußt' ich genau dos, was der Engländer nicht weiß, und was er kannte, wußte ich entweder nicht ober glaubte ich nicht." Aber allmählich lernt er das Englische zu dem Irischen, freilich nur, um es zu befehden. Wie so viele der grüßten britischen Geister, ein Byron oder Carlyle, ein Ruskin und Morris vor ihm, wird er zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen bas typische Engländertum, unb bet Sozialismus — in der gemäßigten Form der „Fabier", die sich von Marr lossagten und mit geistigen Waffen für das ferne Ideal des Staatssozialisten eintreten — wird die von ihm gepredigte Lehre. Aus der reinen und etwas dünnen Gedankensphäre der „Fabier" hat der junge Shaw die schlagkräftigen Ideen seiner ersten kritischen Schriften und Dramen gezogen. Aber auch als selbständiger Denker ist er stets in der Fechterstellung gegen das offizielle England geblieben, so baß ihn noch vor tiirzem eine Schrift als den „Crzfeinb des Empire" anklagen konnte. So bekannt und gefürchtet er in feiner Heimat ist, so hot er doch die Teilnahme breiterer Massen auch heute noch nicht gesunden — der berühmteste und beliebteste englische Dichter der Gegenwart ist Barrie — Shaws Weltruhm ift' erst von Deutschland unb bann von Amerika aus nach seinem Vaterland gedrungen. Es war aber schon viel, bah Albion diesen schonungslosen Vertreter alles dessen, was ihm heilig war, überhaupt übertrug. Das war nur möglich, weil er selbst so viel Englisches besaß, so viel Spleen, so viel skurrilen Humor und gesunden Menschenverstand. So hat sich denn das Volk der Beefsteak-Esser sogar mit seiner Verherrlichung der Pflanzenkost, ebenso wie mit seiner Verachtung des Sportes ad- gefiinden. Dieser Umwerter aller Werte unb Zertrümmeret der alten Tafeln entging dem tragischen Schicksal eines Nietzsche, weil er nach bem alten Philosophenrat „lachenb bie Wahrheit sagte". Er ist ein Prebiger und Prophet von der Art des alten Abraham a Santa Clara, der bie Maske bes Narren vornimmt, bamit bie Menschen ihn hören. Er begann sein Reformwerk als politischer Agitator, setzte es fort als Kritiker über Musik unb Kunst unb wählte schließlich bie Bühne zu seiner Kanzel, von der er feine paradoxen Wahrheiten wirtlich der ganzen Welt verkünbete. Deshalb steht für ihn auch bie künstlerische Gestaltung bes Stosses im Hintergrunb. Er arbeitet mit den Tricks bes alten Intriguenstücks, häuft 'Unwahrscheinlichkeiten unb zufällige Verwicklungen. Die langen Vorreden, in denen er die Grundgedanken seiner Dramen geistreich erläutert; sind ihm wichtiger als die Stücke selbst. Die Figuren benutzt er nur als Sprachrohr, und immer wieder hört man bie helle, scharfe, klare Stimme von „G. B. S." aus seinen Gestalten, mag er nun der antike Cäsar ober der moderne „Kanonenkönig" fein. Seine Erfindungsgabe ist recht schwach; die innere Phantasie fehlt diesem Anti-Erotiker. Und doch! Cs gibt Stellen in feinen Dramen, bie in bie Höhen reinster Dichtung ragen unb einen unvergeßlichen stolzen Seelenklang haben. Wenn biefer Ironiker unb Kritiker bie Hemmungen unb Sprödigkeiten seines Talents überminbet, bann schwingt er sich in heilige Sphären unb findet den Ausdruck edelster Männlichkeit, den Ton religiöser Hymnik. Von solcher geheimen Spannung sind bie unvergänglichsten feiner Werke getragen: bie wundervolle Seelenbidjtung „Candida", der Sang von der tapferen Heilsarmee-Majorin Barbara, bas Sterben bes Dichters im „Arzt am Scheibewege", bie heimatliche Tragik von „John Bulls anbrer Insel", bie dämonische Phantastik von „Mensch unb Uebermensch", Ciisars weltgeschichtliches Gelächter, bie melancholoische Heiligkeit ber Heldenjungfrau von Orleans unb das kosmische Mysterium „Zurück zu Methusalem". Shaw hat bie Weltanschauung, bie er sich in den Kämpfen und Studien seines ersten Londoner Jahrzehnts errungen, in der leichten Form vier amüsanter Romane und bann in ben beiden aus seiner Kritikertätigkeit erwachsenen Werken „The Quintessence of Ib- senism" unb „The perfect Wagnerite" beljanbclt. Ibsens Gesell- schastsdramen müssen babei ebenso für seine Theorien herhalten wie Wagners „Ring", in bem er ben Kampf gegen ben Kapitalismus bargestellt sieht. Seine ersten Dramen sinb mit starker Tendenz gegen soziale Mißstände gerichtet, gegen bas Clenb ber „Slums", bie „Häuser des Herrn Sartorius", gegen bie Ausbeutung ber Menschen „Frau Warrens Gewerbe". Dann roenbet sich Shaws Kritik immer mehr ben rein menschlichen Konflikten zu; ein Gegner jeber Romantik bemüht er sich um bie Erschütterung bes konventionellen Helben- ibeafs unb stellt als feine Lieblingsfigur einen ganz unhelbischen, nüchtern realistischen Tollkopf hin, ber von ber Welt verkannt wird unb sich boch schließlich als ein kreuzbraver Gesell mit bem Herzen auf ■ bem rechten Fleck offenbart. Den historischen Größen, einem Napoleon, Cäsar, ber heiligen Johanna, verleiht er etwas von biefem gefunben Menschenverstand, biefem natürlichen Mutterwitz unb läßt sie sprechen unb hanbeln wie Menschen unserer Tage. Shaw ist völlig imhistorisch. In seinem Schaffen gipfelt ber Kamps gegen bie beiden — 238 Hauptströmungen. des 19. Jahrhunderts, gegen Romantik und Histo- risums. Der Vergangenheit reiht er ebenso die Masken herunter wie der Gegenwart., Die Kunst empfindet er als Lüge, und fo sind seine Künstler-Charakteristiken bei allem feinen Verständnis von unerbittlicher Schärfe, jchon in dem Dichter der „Candida", noch mehr in dem Maler im „Arzt am Scheidewege", und gegen den egoistischen Neroenmenschen, der nur sein privates Glück sucht und nicht sür das Wohl der andern lebt, ist die bittre Satire in „Haus Herzenstod" gerichtet. Dach es gibt nicht nur Negatives in seinem Weltbild. Shaw glaubt, an die „Lebenskraft" int Menschen und an seine Höher- züchtung, nicht im Sinne Darwins, ober Lamarcks. Der geheimnisvolle Lebenswille in deut genialen Menschen muh sich mit einer ideellen Macht vereinen, wie dies in der herrlichen Gestalt der „Ma- jorin Barbara" ausgeprägt wird. Der Kanonenkönig Undershaft sagt hier, daß Religion jtos einzige Thema sei, von dem sich zu reden verlohne, und auch Shaw selbst bekundet immer ntehr diese Tendenz. Dieser Durchbruch des Religiösen, des Glaubens und der Mystik vollzieht sich in dem Werk, das die Krönung seines Schaffens bedeutet, in dem „Metabiologischen Pentateuch", „Zurück zu Methusalem", in dem in ebenso origineller wie tiefsinniger Weise die Entwicklung der Menschheit geschildert wird, von Adam und Eva bis zu dem Sieg des reinen Gedankens und des ewigen Lebens. Der ungläubige Spötter und stete Lereiner hat hier auf der Höhe seiner Weisheit und seines Wirkens seinen Glauben an die Menschheit bekannt wie Goethe im „Faust" und seine fünf Dramen als „Bildschnitzereien im Tempel der Zukunftsreligion" geschaffen. Der Dramatiker Shaw. Von Friedrich M örter. Wie die meisten Iren, so hat Shaw die Neigung, alles besser 3» wissen, er muh immer gegen irgendetwas protestieren. Beschäftigt er sich mit der englischen Heuchelei, so fordert er Freimut und Natürlichkeit; bei der freimütigen Johanna von Are findet er auszusetzen, daß sie in ihrem Selbstbewußtsein zu weit geht. Trifft er auf einen Helden (Cäsar), so ruft er ironisch: Auch ein Held ist nur ein Mensch, und sucht die Schwächen hervor. Hat er es mit jemandem (Kleopatra) zu tun, der seiner „Menschlichkeit" keine Zügel anlegt, so fordert er schulmeisterlich: mehr heroische Haltung! Shaw zeigt die Vorteile und die Nachteile jeder Anschauung, jeder Handlung und jeden Charakters; er versteht alles und er protestiert gegen alles. Shaw ist stets gerecht, aber er liebt nichts. Das ist der Grund, warum er sich so schwer durchsetzte. Denn das deutsche Publikum will sich für die Gestalten auf der Bühne erwärmen. Dazu^ kommt, daß die Probleme der Shawschen Dramen nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Verstand stammen. In seinen Dramen wirkt nicht Gefühl gegen Gefühl wie bei Gerhart Hauptmanns „Einsamen Menschen", nicht Leidenschaft gegen Leidenschaft wie bei Schiller^ sondern Behauptung gegen Behauptung, Beweis gegen Beweis. Seine Menschen sind nicht Träger eines Schicksals, sondern Wortführer einer Partei, einer Sekte, eines Standes, einer Weltanschauung. Gerhart Hauptmanns Fuhrmann Henschel interessiert uns, trotzdem er „nur" Fuhrmann, — weil er ein sympathischer Mensch ist; Shaws Gestalten dagegen wirken nicht durch sich selbst, sondern sind vielmehr von der Bedeutung und der Wohlgesälligkeit der Partei und des Berufes abhängig, den sie vertreten. Die Fragestellung in Shaws Dramen ist eine durchaus englische. Es handelt sich im Grunde stets um die Heuchelei. Vergegenwärtigen wir uns eines seiner Stücke: „Frau Warrens Gewerbe ist die Führung gewisser Häuser in Wien, London, Brüssel und Budapest. Sie stammt aus der Tiefe, war Scheuermädchen in einer Schenke, Kellnerin, Bardame und derartiges. Am Anfang -ihrer eigentlichen Laufbahn stand der Entscheid: ehrliche Arbeit der Fabrik und des Dienstes oder die gewissenlose Arbeit, die sie erwählte, durch die sie zu Reichtum und Macht kam. Frau Warrens Tochter ist eine junge Dame, die aus der Universität das drittbeste Zeugnis in Mathematik erhielt, die Ferien haßt und sich aus Schönheit und Romantik nichts, aus Liebe wenig macht. Sie ist sehr vernünftig, sehr kühl, sehr beherrscht, sehr sauber (dank dem Geld ihrer Mutter) und liebt die Arbeit. Als dieses Muster einer jungen Engländerin über das Gewerbe ihrer Mutter aufgeklärt wird, anerkennt sie mit Shaw zwar: „Wenn ich du gewesen wäre, Mutter, würde ich getan haben, was du getan haft; aber ich würde nicht ein Leben gelebt und ein anderes geglaubt haben." Shaw ist Wirklichteiismensch genug, keine „ideale Forderung" zu stellen; er verlangt nur, daß das, was die Not, das Leben erfordert, beim richtigen Namen genannt wird. Den Mut zur Wahrheit! Mut und Entmutigung find zwei der häufigsten Worte in L-haws Dramen. Großes leistet der Mensch nur, wenn er feiner Natur folgt. Wie Shaw dies meint, zeigte er in feiner Gestaltung Cäfars: er ist gütig und so vernünftig, aus feiner Güte Zinsen zu ziehen; großmütig und suchslistig genug, seine Großmut zum Falle werden zu lassen. Während Britannus von „gesetzlichen Verpflichtungen" spricht, wenn er von unterworfenen Königen Geld erpreßt, sagt Cäsar einfach: ich brauche notwendig Geld. Er heuchelt nicht und gewinnt hieraus die Möglichkeit, Lügen so auszusprechen, als seien sie tölpisch verplauderte Wahrheit. Er tötet, wo es notwendig ist, aber er rächt sich nicht. Er ist groß und klein; gütig und hart. Er ist Natur. Sein Gegensatz ist Britannus, der englische Heuchler, der im entscheidenden Augenblick stets daneben haut, weil er nicht selbständig zu denken wagt. In „Cäsar und Kleopatra" lautete Shaws Fragestellung noch: Mut und Heuchelei, Natur und Konvention. In der „heiligen Johanna" ist sie vertieft zum Kamps zwischen Genie und Disziplin, zwischen den seherischen und den priesterlichen Kräften. In diesem Konflikt wird Johanna zermalmt. Das Gesetz des Genies ist Vorwärtsbewegung, das Gesetz des Talents und des Durchschnitts: zuchtvolle Verwaltung des Bestehendes. Der Kampf Johannes ist der immerwährende Kampf des Werdenden mit dem Gewordenen; des Fortschritts mit dem Bestehenden. Wie in jedem Kampf, gibt es hierbei auf beiden Seiten Opfer. Sie sind die Opfer der gleichen Notwendigkeit, die um der Frucht willen die Blüte vernichtet. Uebrigens gibt Shaw keiner von beiden Richtungen recht, sondern sagt: Das Leben besteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt und Beharrendem. — Shaws Werke sind dem Inhalt nach Erzeugnisse aus englischer Heuchelei und irischem Eigensinn; ihre Form ist konstruiert aus dem Stahl des Gedankens und verlebendigt durch die Glühbirnen des Witzes. Aphorismen. Aus Werken Bernard Shaws*). Journalismus. Der Journalist schreibt über das, woran jedermann, wenn er schreibt, denkt (oder denken sollte). Seine Aeußerungen wiederbeleben, wenn jedermann bereits an etwas anderes denkt, wenn die Flut des allgemeinen Denkens und Trachtens sich verändert- hat, wenn die vordersten Plätze der Bühne von neuen Spielern eingenommen werden, wenn viele mächtige Emporkömmlinge ihre Beliebtheit entweder überlebt haben oder mit ihr zugrunde gegangen find, wenn die Kleinen, die ihr begönnert habt, groß, und die Großen, die ihr angegriffen habt, heilig gesprochen sind und im Grabe vorn Volksgefühl Verzeihung erlangt haben; das heißt mit allen diesen Unvermeidlichkeiten den Wert eures Journalismus auf eine sehr- harte Proben stellen. Nichtsdestoweniger ist der Journalismus die erlesenste Form der Literatur, denn alle erlesenste Literatur ist Journalismus. Der Schriftsteller, der darauf aus ist, die Flachheiten, die „nicht für ein Zeitalter, sondern für die Ewigkeit find", hervorzubringen, hat seinen Lohn darin, daß er in allen Zeitaltern unlesbar ist: indessen Plato und Aristophanes, die dem Athen ihrer Zeit etwas Vernunft einzubläuen versuchten, Shakespeare, der dieses selbe Athen mit Elisabethanischen Handwerkern und Warwickshirejagden bevölkerte, Ibsen, der die Aerzte und Kirchenvorsteher einer norwegischen Gemeinde photographierte, Carpaccio, der das Leben der heiligen Ursula genau so schilderte, als ob sie eine in der benachbarten Straße wohnende Same gewesen wäre, noch überall lebendig und gegenwärtig sind, mitten zwischen dem Staub und der Asche Tausender von akademischen, peinlichen, archäologisch korrekten Männern der Wissenschaft und der Kunst, die ihr Leben lang der gemeinen Art des Journalisten, sich mit dem Vergänglichen zu befassen, hochmütig auswichen. Ich bin auch ein Journalist und stolz darauf und streiche mit Vorbedacht alles aus meinen Arbeiten heraus, was nicht Journalismus ist, überzeugt, daß nichts, was nicht Journalismus ist, lange als Literatur lebendig bleiben oder, solange es lebt, von irgendeinem Nutzen sein wird. Ich befasse mich mit allen Epochen; aber ich studiere keine außer der gegenwärtigen, die ich noch nicht gemeistert habe, noch jemals meistern werde; und als Dramatiker habe ich keinen Berührungspunkt mit irgendeiner historischen oder anderen Persönlichkeit, ausgenommen mit dein Teil von ihr, der auch ich selbst ist, was — je nachdem — vielleicht nur neun Zehntel ober neunundneunzig Hundertstel von ihr sein mag (wofern nicht etwa ich größer bin als sie). Aber dieser Bruchteil ist jedenfalls alles, was ich von ihrer Seele überhaupt erfahren kann. Der Mann, der über sich selbst und über seine eigene Zeit schreibt, ist der einzige Mann, der über alle Menschen und über alle Zeiten schreibt. Der Schriftsteller anderer Art, der da glaubt, daß er und feine eigene Zeit fo verschieden von allen anderen Menschen und Zeiten seien, daß es unbescheiden und belanglos wäre, von sich und ihr zu sprechen ober anzunehmen, baß sie, außer ihn selbst unb seine Zeitgenossen, irgenbmen interessieren könne, ist ber verblenbetste aller Egoisten unb folglich ber unlesbarste unb entbehrlichste aller Autoren. Und bnrum mögen anbere immer pflegen, was sie Literatur nennen: für mich ben Journalismus! (Aus: „Wie Shaw ben Norbau bemolierte".) Die Würbe der Arbeit. Sogar bas Vorurteil gegen die körperliche Arbeit ist im Schwinden. In den künstlerischen Berufen wurde mit ihr eine Art Kultus getrieben, als Ruskin feine Oxforder Schule ins Freie führte und sie Straßen bauen ließ. Es sind jetzt viele Jahre her, daß Dickens, als er ein Gefängnis hesuchte, auf ben Giftmischer Wainwright stieß unb biefen Gentleman feine Urbanität daburch verteidigen Härte, daß er seinen Mitgefangenen (einen Maurer, wenn ich mich recht erinnere) fragte, ob er (Wainwright) sich je herbeigelasfen habe, die Zelle zu reinigen ober ben Besen zu handhaben ober, kurz, irgenb» *) Shaws Werke sind in Einzelausgaben sowohl wie gesammelt in ber Uebersetzung von ©iegfrieb Trebisch bei S. Fischer in Berlin erschienen. - 339 — eine Arbeit selbst zu verrichten, die er seinem Genossen ausbürden konnte. Der Maurer gab, stolz auf einen so bedeutenden Zellengenossen, eifrig das gewünschte Zeugnis ab. In der großen irischen Bewegung gegen die Ausnahmegesetze für Irland während des Sekretariats Balfours wurde der Versuch gemacht, erhöhtes Aufsehen dadurch zu erregen, daß man auf das Schauspiel irischer politischer Gefangener hinwies, die, obwohl aus guter Familie, die Schmach erleiden muhten, Magdarbeit zu verrichten und ihre Zellen selbst zu reinigen. Wer kümmerte sich darum? Man könnte leichtlich die Beispiele für die Wendung zum Bessern in der öffentlichen Meinung in dieser Hinsicht vermehren. Aber es ist nicht nötig, das Beweismaterial zu häufen. Man wird vielmehr bereitwillig zugeben, daß der Vater, der feinen Sohn feinen eigenen Anstrengungen überläßt, nachdem er ihn mit einer Erziehung und einem angemessenen Kapital vollkommen ausgestattet hat, ihn nicht erniedrigt, seine Aussichten auf eine Frau aus guter Familie nicht verdirbt und die gesellschaftliche Stellung seiner Familie nicht verwirkt, sondern im Gegenteil feinen Charakter festigt und feine Ansichten in beruflicher, kaufmännischer, politischer und ehelicher Beziehung verbessert. Außerdem beginnt die öffentliche Meinung, die gegen die Drohnen im Bienenstock immer strenger wird, mit einer Unterscheidung in der Besteuerung unverdienten Einkommens' zu drohe», ja diese sogar durchzusühren; so daß der Mann, der, trotz den Protesten der elterlichen Weisheit und des guten Bürgersinnes, bedeutende Hilfsmittel für die Bereicherung und wahrscheinlich Demoralisation später Nachkommen auswirft — für deren Verdienste die Allgemeinheit gar keine Garantien hat — dies auf die Gefahr hin tut, daß fein Almosen zuletzt vom Sieuerbeamten wirkungslos gemacht wird. So haben wir dem intelligenten und gemeinfinnigen Millionär fein altes Auskunftsmittel, „feine Familie zu versorgen", verleidet. Alles, was seine Kinder jetzt von ihm fordern können, alles, was die Gesellschaft von ihm erwartet, alles, was ihm selber frommt, ist eine erstklassige Ausrüstung, nicht „Unabhängigkeit". (2(11$: „Sozialismus für Millionäre".) Gemeinschaft. Die ärgste Sünde an unseren Mitmenschen ist nicht, sie zu hassen, sondern gegen sie gleichgültig zu fein; das ist die Quintessenz der Ün= Menschlichkeit. (Aus: „Der Teufelsschüler".) Fortschritt. Nur die Politiker bringen die Welt so allmählich vorwärts, daß niemand den Fortschritt erkennen kann. Die Meinung, daß die Natur nicht sprunghaft vorwärts geht, ist nur eine der üblichen gefälligen Lügen, die wir die klassische Erziehung nennen. Die Natur geht immer sprungweise vorwärts, sie mag zwanzigtausend Jahre nötig haben, um sich zu einem Sprunge zu entschließen, aber wenn sie sich endlich dazu entschlossen hat, ist der Sprung groß genug, um uns in ein neues Zeitalter hinüberzuführen. (Aus: „Zurück zu Methusalem".) Unslerblichkeii. (Adam zu Kain): . . . könntest du es ertragen, ewig zu leben? Du glaubst, daß du es könntest, weil du weiht, daß du niemals deinen Gedanken wirst verwirklichen müssen, aber ich habe erfahren, was es heißt, dazusitzen und zu brüten unter dem Schrecken der Ewigkeit, der Unsterblichkeit. Denke daran, Mensch, unentrinnbar Adam sein zu müssen, Adam, Adam, durch mehr Tage hindurch als es Sandkörner an den Ufern der beiden Flüsse gibt, und dann ebenso weit wie je vom Ende zu sein. Ich, der ich soviel in mir habe, bas ich hasse und wegzuwerfen mich sehne: Sei deinen Eltern dankbar, die es dir ermöglicht haben, deine Last neuen und besseren Menschen weiterzugeben, und die dir eine ewige Ruhe gewannen. Denn: wir sind es gewesen, die den Tod erfanden. (Aus: „Zurück zu Methusalem".) Der hunger nach Weilerenkwicklung. Welches also ist die moderne Ansicht über der Heiligen Johanna Stimmen und Visionen und Botschaften Gottes? Das neunzehnte Jahrhundert behauptete, sie seien Täuschungen gewesen. Da Johanna aber ein hübsches Mädchen war und durch eine von einem bestochenen politischen Bischof verhetzte abergläubische Meute mittelalterlicher Priester abscheulich behandelt und schließlich zu Tode gebracht worden sei, müsse man in ihr das unschuldige Opfer dieser Täuschungen sehen. Das zwanzigste Jahrhundert hält diese Erklärung für einen zu abgeschmackten Gemeinplatz und verlangt etwas mehr Mystik. Ich glaube, das zwanzigste Jahrhundert hat recht. Denn eine Erklärung, die darauf hinausläuft, daß Johanna geistig minderwertig gewesen fei, während sie in Wirklichkeit geistig überaus hervorragend war, wird uns nicht überzeugen. Ich vermag nicht zu glauben, noch könnte ich erwarten, daß es alle meine Leser fo wie Johanna glauben, daß drei dem Auge sichtbare, gutgekleidete Persönlichkeiten: die heilige Katharina, die heilige Margareta und der heilige Michael nacheinander vom Himmel herniedergestiegen seien und ihr gewisse Weisungen überbracht hätten, wozu sie eigens vom lieben Gott beauftragt worden wären. Richt als ob ein solcher Glaube unwahrscheinlicher und phantastischer wäre als manche andere der modernen Glaubensthesen, die wir alle hinunterschlucken. Aber es gibt auch in Glaubenssachen Moden und Familientraditionen, und der Zufall will, daß ich, da meine Mode viktorianisch und meine Familientradition protestantisch ist, mich außerstande sehe, der Form von Johannas Visionen eine so große objektive Beweiskraft zuzusprechen. Daß aber Kräfte am Werke sind, von denen einzelne Menschenexemplare für Zwecke erfaßt werden, die weit über den Zweck hinausgehen, diese Individuen gedeihlich, geehrt, sicher und glücklich im Mittelstände am Leben zu erhalten, was doch das Um und Auf dessen ist, was ein braver Spießbürger vernünftigerweise verlangen kann, wird durch die Tatsache bewiesen, daß Menschen um des Wissens ober um sozialer Umwälzungen willen, durch die sie nicht um einen Deut besser, wirklich aber gar oft um manchen Deut schlechter werden, Armut, Schande, Verbannung, Cinl'erkerung, schreckliche Müh- sale und sogar den Tod auf sich nehmen. Selbst das eigensüchtige Streben nach persönlicher Macht spornt den Menschen nicht zu Mühen und Opfern solcher Art an, wie er sie begierig auf sich nimmt, sobald es sich um die Ausdehnung unserer Macht über die Natur handelt, — obschon diese Machtausdehnung das persönliche Leben des Forschers in keiner Hinsicht berühren mag. In diesem Hunger nach Wissen und Macht liegt um kein Haar mehr Mystik als im Hunger nach Nahrung. Beide sind als Tatsachen und nur als Tatsachen bekannt, wobei der Unterschied zwischen beiden nur darin liegt, daß der Hunger nach Nahrung für das Leben des Hungrigen notwendig und daher ein persönlicher Hunger ist, während der andere ein Hunger nach Weiterentwicklung und daher ein überpersönliches Bedürfnis ist. Die verschiedenen Formen, in welchen unsere Einbildungskrast die Annäherung übernatürlicher Kräfte dramatisch verdichtet, sind ein Problem für den Psychologen, nicht für den Historiker. Nur muß der Historiker begreifen können, daß Schwärmer weder Schwindler noch Narren sind. Man kann sagen, die Gestalt, in der Johanna die heilige Katharina erblickte, sei nicht wirklich die heilige Katharina gewesen, sondern nur die dramatische Gestaltung, die Einbildungskraft Johannas, jenes sie belastenden Hanges, jener treibenden Kraft, die hinter jeder Entwicklung steckt und die ich eben den Hunger nach Weiterentwicklung genannt habe. Aber wir sind nicht berechtigt, die Visionen Johannas in dieselbe Kategorie einzureihen wie die Vision eines dopppelten Mondes, gesehen von einem Betrunkenen, oder wie die Brockengespenster und dergleichen. Die Unterweisungen der heiligen Katharina waren hierfür viel zu dringend, und der einfältigste französische Bauer, der an Erscheinungen himmlischer Personen vor begünstigten Sterblichen glaubt, ist der wissenschaftlichen Wahrheit über Johanna näher als die rationalistischen und materialistischen Historiker und Essayisten, die sich verpflichtet glauben, ein Mädchen, das Heilige sehen und sie sprechen hören konnte, als Wahnwitzige oder als Lügnerin herabzusetzen. Wenn Johanna verrückt war, bann war es die ganze Christenheit mit ihr; denn Leute, die ehrfurchtsvoll an die Existenz himmlischer Persönlichkeiten glauben, sind in diesem Sinne genau so verrückt, wie jene, die sie sehen zu können glauben. Als Luther sein Tintenfaß nach dem Teufel warf, war er nicht verrückter als jeder andere Augustinermönch: er hatte eine lebhaftere Phantasie und vielleicht weniger gegessen und geschlafen — das war alles. (Aus dem Vorwort zur „Heiligen Johanna".) Die Veränderlichkeit der Toleranz. Der zu irgendeinem Zeitpunkt erreichbare Grad der Toleranz hängt von dem Druck ab, unter dem die Gesellschaft ihr Gefüge aufrecht erhält. Im Kriege zum Beispiel unterdrücken wir die Evangelien und kerkern die Quäler ein, legen den Zeitungen einen Maulkorb an und machen ein ernstes Vergehen daraus, wenn einer zur Nachtzeit ein Licht anzündet. Unter dem Drucke des feindlichen Einfalls schlug die französische Regierung im Jahre 1792 viertausend Menschen den Kopf ab, meistens aus Gründen, die in Zeiten eines geordneten Friedens keine Regierung auch nur zur Chloroformie- rung eines Hundes veranlaßt hätten. Im Jahre 1920 metzelte und brandschatzte die britische Regierung in Irland, um die Anwälte eines verfassungsmäßigen Umschwungs zu verfolgen, den sie bald darauf selbst durchführen mußte. Späterhin taten die Faszisten in Italien alles, was die Schwarzgelben in Irland getan hatten, nur mit einigen grotesk-wilden Variationen — dies unter dem Drucke eines ungeschickten Versuches einer industriellen Revolution durch Sozialisten, die den Sozialismus sogar noch weniger verstanden, als Kapitalisten den Kapitalismus verstehen. In den Vereinigten Staaten fand unter dem Eindruck des panischen Schreckens, der durch die russisch- bolschewistische Revolution vom Jahre 1917 ausgebrochen war, eine unglaublich wilde Verfolgung von Russen statt. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfachen: doch genügen sie, um zu zeigen, daß es zwischen einem Maximum an duldsamer Toleranz und einer unbarmherzigen intoleranten Schreckensherrschaft eine Wage gibt, auf welcher die Toleranz ständig steigt oder fällt, und daß das neunzehnte Jahrhundert nicht den mindesten Grund zu der selbstgefälligen Ueberzeugung hatte, es wäre toleranter als das fünfzehnte, oder daß in unseren sogenannten erleuchteteren Zeiten sich solch ein Vorfall wie die Hinrichtung der Heiligen Johanna unmöglich ereignen könnte. Tausende von Frauen, deren jede tausendmal ungefährlicher und weniger schreckhaft für unsere Regierung waren, als es Johanna für die Regierung ihrer Zeit gewesen ist, find in den letzten zehn Jahreü hingemetzelt, in den Hungertod getrieben, durch Feuer von Haus und Hof vertrieben worden, und was der Verfolgung und der Schreckensherrschaften noch mehr waren — dies alles im Verlause von Kreuzzügen, die weit tyrannisch-anmaßender waren als die mittelalterlichen Kreuzzüge, die nichts Uebertriebeneres zum Zwecke hatten als die Befreiung des Heiligen Grabes aus den Händen der Sarazenen. Die Inquisition und ihr englisches Aequiva- lent, die Sternkammer, sind nicht mehr, in dem Sinne, daß ihre Namen nicht mehr angewendet werden. Aber kann irgendein moderner Ersatz für die Inquisition: die Sondergerichtshöse und Ausnahmekommissionen, die Strafexpeditionen, die Aushebung der Habeas-Corpus-Akte, bie Proklamation des Standrechtes und der kleinen Belagerungszustände und was es noch sonst alles gibt, behaupten, daß den Opfern ein so gerechter Prozeß, eine so wohl erwogene Sammlung von Gesetzen zur Führung ihres Falles oder ein so gewisserhafter Richter, der auf der strengen Gesetzmäßigkeit des Borgehens bestand, zuteil wird, wie es Johanna von feiten der Inquisition und des Geistes des Mittelalters sogar zu einer Zeit beschieden war, als ihr Land unter dem schwersten Drucke der Fremdherrschaft und des Bürgerkrieges seufzte? Wir hätten ihr weder einen Prozeß noch ein Gesetz zugebilligt, außer dem Kriegs- recht, das alle anderen Gesetze aufhebt, und als Richter hätte sie im besten Falle einen verärgerten Major und im schlimmsten Falle einen promovierten Advokaten in Hermelin und Scharlach gehabt, dem die Skrupel eines geübten Kirchenmannes, wie Cauchon, lächerlich und nicht gentlemanlike erschienen wären. (Aus dem Vorwort zirr „Heiligen Johanna".) „Man spricht deutsch". Brief aus Trouville. Bon Gerhard Bohl tna n n. Flimmernde Glut brütet über dem weißen Sand« von Trouville. In den Aperitifs, die nach dem Bad und vor dem Dejeuner zu nehmen in diesen lässigen Wochen zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden ist, vergehen die Eisstücke, kaum daß sie von den weißgekleideten Gartons in kleinen Siiberkübeln herangebracht wurden. Unter dem Druck dieser tropischen Hitze erstickt jeglicher Drang nach Tätigkeit irgendwelcher Art: selig und bewußt versinkt man in den Rausch einer tiefen Ferienbehaglichkeit: sich von diesem Dasein tragen und treiben lassen, nichts denken, nichts tun, um Gottss- roiliert nichts tun. Faule Tage, herrlichstes Ruhen. Wenn die durchgehenden Züge, die Rapides, aus Paris auf dem Bahnhof Trouville-Peauville eingetroffen sind, wird unser Städtchen, das sehr hübsch sich an die grüne steil aufsteigende Küste anschmiegt, von wüstem Geschrei durchtobt: „L'Echo de Paris! L'Jntransigeant! Le Petit Journal!" Das sind bie Zeitungsverkäufer. Der Zug hat ihnen die letzten Ausgaben geliefert, jetzt toben sie, gebabet in Schweiß, aus ihren Fahrrädern durch glühende gelbe Straßen zum Strand, dorthin, wo die Fremden lagern. Eifervolles Wettrennen: Wer zuerst eintrifft, darf hoffen, die meisten Exemplare zu verkaufen. Bei den Planches, dem breiten Brettersteig, der sich nm Badestrand hinzieht, springen sie ab und stampfen durch heißen Sand; stolpernd stürzen sie zu der^lichten buntgestreiften Zeltstadt der Parasols,- das sind bie großen L-chirme mit einem Sonnensegel, die hier unsere deutschen Strandkörbe vertreten. Sie werden zumeist von Franzosen gemietet: die finden in ihrem kleinen schattigen Bezirk Zurückgezogenheit aus der bunten Unordnung des Badelebens: hier träumt man auf Liegestühlen in die See, hier wird Konversation gemacht, gelesen, werden benachbarte Besuche empfangen. Der Parasol wird in den Strandstunden zum Salon. Denn das Seebad ist für Frankreichs Bürger eine mehr gesellschaftliche Angelegenheit. Die See? Die mag für die Kinder gut sein, die dort in der Dünung plantschen, kokette und sehr gepflegte muntere Wesen, die ihre schreiend roten und grünen Strandkittelchen bereits mit einer natürlichen Grazie zur Schau tragen. Die Erwachsenen schaudern noch vor diesem Wasser: es ist ihnen, sagen sie, noch zu kalt. Wir Deutschen verstehen das nicht recht. Da uns die heimatlichen Meere eine Temperatur van 18 bis 19 (Stab Ende Juni noch nicht bieten können, sind wir die Einzigen, die das Baden und Schwimmen sehr gewissenhaft, regelmäßig und sportlich betreiben. Wir, die Deutschen. Ein eigenes Kapitel. Auch in Paris hat man sie mehr und mehr getroffen, aber wer dem brausenden Dunst der großen Boulevards an bie normannische Küste entfloh, hat doch wohl geglaubt, er werbe in biesem Weltbad Trouville nur auf vereinzelte Sprachgenossen stoßen. Ein leerer Wahn. Es ist keine lieber« treibung. Trouville ist nicht mehr die Vorstadt von Paris — wie etwa Swinemünde die Berlins — Trouville ist eine Sommerkolonie Deutschlands geworben. Es ist am besten, wenn man hier immer beutsch spricht, aber mit etwas Französisch kommt man zur Not auch durch, sagen wir, bie Deutschen, wenn wir wieder einmal einen Landsmann treffen, der sich uns in einem charakteristisch deutschen Französisch verständlich machen möchte. Wir, die Deutschen, sind im Durchschnitt alle ganz erträgliche Menschen, wir wissen, daß wir hier in einem diffizilen Lande leben, daß man uns argwöhnisch beobachtet, wenn man sich das auch nicht merken läßt, wir wissen, baß wir hier ein großes Volk zu vertreten haben unb haben noch nicht vergessen, wie bitter und hart bie Erscheinungen einer Inflation brücken; wir bebenfen stets, baß jetzt Frankreich unter den gleichen Entbehrungen leidet, bie wir erlitten haben, und wenn auch bie meisten von uns ohne die französische Geldentwertung nicht Hierher gekommen wären, so haben wir doch insgesamt Takt genug, nicht durch übermäßig üppiges Wohlleben aufzufallen. Wir, die Deutschen, sind ein friedliches, trinkgelderspendendes Volk. Wir sind nicht ungern gesehen. Man liebt uns nicht, gewiß nicht, aber man hat wieder Achtung vor uns. Achtung und eine heimliche Scheu: Wie hat es diese Nation vermocht, so rapid diese Inflation zu überwinden, die uns noch droht, deren größte Leiden wir noch nicht ermessen haben? Solche Fragen brechen, offen Schriftleitung: Dr. Frisör. Mlh. Langs. — Druck und Verlag der und versteckt, im Gespräch mit jeden Franzosen vor. Daneben wird sich jeder bemühen, den Deutschen merken zu lassen, daß er gegen ihn „nichts habe". Der Krieg? Oh, c'etait un malheur, monsieur, an grand malheur — das bedeutet: er war Verhängnis und Schicksal, dafür können weder ich noch Sie, monsieur c’est