Gießener Hamilienbläüer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, öen 26. Oktober Nummer 86 Heide im Herbst. Von Detlev v. L i l i e n c r o n. In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel Der Reiher durch den Nebelduft. Wie still es ist! kaum hör ich um den Hügel Noch einen Laut in weiter Luft. Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone Ruht sich ein Wanderfalke aus. Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne Aeugt er durchdringend scharf hinaus. Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte Schleicht neben seinem Wagen Torf. Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte Der alte Schimmel ihn ins Dorf. Der Drehorgelmann und die drei Schneiderinnen. Bon Hans Friedrich B l u n ck. Als der Abend kam und die Bäume dunkel wurden, stand auch der Drehorgelmann auf, packte seinen Kasten sorgfältig in ein altes Tuch und sah sich nach dem Heimweg um. Er hatte draußen im Wald, wo die Stadtleute Sonntags lustwandeln, den ganzen Tag aufgespielt, krumm gesessen und mit dem Hut um ein paar Pfennige gebettelt. Jetzt reckte er sich, zählte die Kupfer und Nickel, wickelte sein Bein aus und wischte sich den Schweiß aus dem Hut. Ihr müßt nämlich nicht denken, daß es eine Kleinigkeit ist, zehn Stunden lang einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Arm den Schwengel drehen, man kann auch dabei verwünscht warm werden. Drei große Mücken flogen um den Leierkasten. Schneiderinnen nennt man sie bei uns. Sie hatten den ganzen Tag zum Spiel der Drehorgel getanzt; der Mann stand recht gut mit ihnen, dachte daran, daß in dieser Art Tieren ost kleine dunkle Mahrsrauen bis zur Nacht einwohnen und fragte sie höflich, ob ihnen das Drehorgelspielen gut gefallen hätte. Er hielt ihnen sogar noch einmal den Hut hin, wie um zu sammeln. Die Schneiderinnen summten zutraulich und als der Drehorgelmann vergnügt noch einmal unterm Tuch drehte, surrten sie näher, setzten sich auf den Orgelkasten und ließen sich wahrhaftig mittragen, so viel Zuneigung hatten sie gefaßt. Danach ist es unfern armen Freunden aber nicht mehr so gut gegangen und das ist so gekommen: Der Leierkastenmann hatte, das habe ich zu sagen vergessen, nur einen Stiefel an, den andern hatte er zu Hause gelassen, er konnte den bloßen Fuß besser ohne Stiefel unterstecken. Wie er nun aber auf der harten steinigen Landstraße ging, mußte er arg humpeln und ächzen und es war noch ein weiter Weg bis zum Bahnhof. Da sah er einen alten Schuh in seinem Weg liegen. Schwupp, schlürfte der Drehorgelmann hinein, es schien ihm ein rechter Schlump, den zu finden. Wenn ihr einen alten Schuh auf der Straße findet, laßt ihn liegen! Derart wird nämlich oft von dicken Kuhlenkrögern ausgelegt, um Säfte einzufangen. Zieht man arglos solches Ding an ober schlüpft nur hinein, um ihn auszuproben, wird man ihn nicht mehr los, verbrennt vor Durst und muß beim Kuhlenkröger trinken und trinken wie ein dürrer Zaunpfahl, bis man keinen Pfennig in der Tasche und keinen Rock mehr am Leibe hat, und der böse Alte einem den Schuh selbst wieder abzieht. Rein, der Kuhlenkröger kennt kein Mitleid, es ist sein bester Verdienst, was solcher Art zu ihm in die Schenke kommt. Nun sagte ich schon, unser armer Drehorgelmann dachte in dem Augenblick nicht daran, er zog ahnungslos den Schuh über. Und fast im gleichen Augenblick meldete sich das Unglück bei ihm. Er schluckte gleich ein paarmal, fuhr mit der Zunge über den Säumen, feuchtete sich die Lippen und merkte, daß er den ganzen Tag nur eine alte Rumflasche bei sich gehabt hatte. Oh, was hatte er für Durst! Er legte sich wahrhaftig an den Weggraben und wollte Wasser saugen. Aber derlei schmeckt nur wie Salz, wenn jemand einmal des Huhlenkrögers Schuh gefunden hat, dem Drehorgelmann war schon nicht mehr zu helfen. Als neben dem Wege eine alte Scmd- kuhle aufging und ein großer Stein sich in den Angeln drehte, hielt er nur noch einmal krampfhaft feinen Selbbeutel fest. Dann glitfchte der arme Mann schon auf dem neuen Schuh in die klingelnde, bim« Vhetnbe, fchimmelhelle Säfteftube bes Kuhlenkrögers hinein, den Drehorgelkasten hoch vonn Bauch, und die drei großen Mücken oben auf. Der Kuhlenkröger ließ ihn ein, er roebelte gegen bie Fliegen mit einem alten Kuhfchweif, schloß bie Tür rasch unb besah sich den neuen. Er hätte ja gern einen besseren Fang getan, aber bie kleinen Säfte zehren schließlich auch und bie Drehorgel als Pfand gefiel dem Dicken ganz gut. Unser armer Durstvogel wurde sogar zum Sitzen genötigt. Hockten auch schon zwei Kumpane herum, der immer betrunkene Bauernvogt, der bei den Menschen nichts mehr bekommt und der alte Uhu aus der Eiche, unter der die Drehorgel tagüber gespielt hatte. Gleich mußte der Drehorgelmann einen ausgeben, so freuten sie sich alle, ihn zu sehen. Ihr könnt euch denken, bei solch unholder Trinkerei liefen die Münzen nur so davon. Der neue Saft sagte ehrlich, daß er gleich am Ende fei, der Kuhlenkröger nahm es jedoch nicht gewichtig, er hatte ja den Drehorgelkasten als Pfund. Der Uhu bemerkte auch, er sei dem Herrn noch einen ganzen Tag Musikgeld schuldig, er sagte es etwas heimtückisch, er hatte kein Auge zutun können. Der Sauern« vogt aber schlug vor, man solle die Zeche zusammentun und dann auswürfeln. Das schien allen Dreien am besten, denn jeder hoffte, daß der andere verlöre. Als der Leiermann den Kröger jedoch vorsichtig fragte, ob er gute Würfel hatte, konnte der feine eignen nicht finben. Nur ber Bauernvogt und der Uhu hatten gleich welche bereit. Aber der arme Leierkastenmann wußte, daß er mit den Würfeln ganz gewiß verlieren würde. Oh, es war eine böse Gesellschaft, in die er geraten war, er wurde recht traurig. Hätte der Mann jetzt den Mut gehabt, aufzubrechen, hätte er vielleicht noch für sich selbst bezahlen können, denn er hatte, wie viele seines Gewerbes, gut verdient. Aber er bekam Furcht vor den drohenden Augen der anderen, als er nur nach seinem Hut blickte unb er hatte ja auch den verzauberten Schuh an. Der ließ seine Kehle immer noch wie höllisches Feuer brennen, er mußte nur immer ein Sias nach bem andern barüberlaufen lassen. Verzweifelt legte ber arme Gefangene die Beine auf den Tisch — auch ber Uhu machte es so —, besah sich den guten Stiefel unb ben argen Schuh unb hätte gar zu gern ben Kuhlenkröger gebeten, ihm bas fürchterliche Ding abzuziehen. Aber ber erriet feine Gedanken wohl und grinste ihn ohne Mitleid an. Nun waren indeh im Lierkastentuch drei ungebetene Säfte mit in die Stube gekommen, die erhoben sich um die Zeit schwirrend aus ihrem Versteck. Dem Uhu machte das nicht viel aus, er hatte ja die dichten Federn an. Aber schon ber Bauernvogt kratzte sich mißmutig einmal ums anbere ben Nacken ab, klatschte zuweilen mit der einen Hand auf die andere unb verbrehte die Augen, wenn sich etwas mit Summen aufhob, längst ehe er feine feuerroten Knöchel erreicht hatte. Das war aber noch gar nichts gegen den Kuhlenkröger. So schlecht er von Herzen war, so sehr hielt der Alte auf Ordnung. Er hatte keine Fliege, keine Assel in ber Stube, Schrank unb Schopp waren ohne Wckrm. Und wenn er mit der rechten Hand Gäste in seine Schankstube einließ, hatte er meist den alten Kuhfchweif in ber linken, damit nicht die winzigste Motte in bie Tür käme. Er hatte ja auch heute ben ßeierfaftenmann beim Eintritt einmal um den verschwitzten Hut gewedelt. Wie kamen nur drei Schneiderinnen in seine Kammer? Schlimmer noch, der Kuhlenkröger hatte süßes Blut. Es gibt Menschen, denen tut kein fliegend Getier etwas zuleide; sie können vorm Gewitter angeln und haben nur etwas ferne Musik gehört. Es gibt auch welche, die brauchen am hellen Tag nur ein Blatt zu streifen, unter bem eine Mücke schläft, unb bas Tier wacht heißhungrig auf unb läßt sie nicht wieber. Als ber Kuhlenkröger kaum drei neue Gläser eingeschenkt hatte, lief sein linkes Auge an, es war gut, baß kein Spiegel im Raum war. Es rächte sich auch, daß er feine Schuhe braußen auf Fang gestellt hatte. Die Strümpfe waren aus guter Wolle, aber er staub immer mit bem einen Bein auf bem andern und scheuerte sich krank und scheuerte die Schultern am Bier- zapfen unb klappte sich mit ber Hanb auf den kahlen Schöbel unb rieb sich bas Kreuz an ber Tischkante, und folgte mit blutunterlaufenen Augen den drei Schneiderinnen, die es sich doch nur gut fein lassen wollten, wo alles trank. Der Kuhlenkröger war kein Mann, ber den Mut verlor. Er tauchte einen alten Lappen in Bierfchoum und schwappte mitten im freundlichsten Trinklied plötzlich damit gegen die Lampe oder, platsch, mitten auf ben Tifch zwischen bie brei Säfte. Er brauchte nicht viel zu erklären, sie wußten alle, warum er es tat. Rur ber arme Leierkastenmann hatte Mitleid, aber er durste bei [einer Zeche nichts mehr einroenben. Traurig besah er noch immer ben guten Stiefel unb ben nieberträchtigen Zauberschuh daneben, rieb ein wenig an der Hake, kitzelte ben Uhu unterm Kinn, bamit er ihm das Ding auszöge, unb schlenkerte bas Bein über ben halben Tisch, aber niemand half ihm. Da fing ber Kuhlenkröger wieder zu bullern an. Er konnte das sinke Auge' nut noch mit Mühe aufhalten. Jetzt hatte er, gerade ehe - 342 offenbart eine Brief aus Neapel Von Gerd Kauter. die Fifcherboote ausfahren, bis sie am Horizont einen Lichterkranz bildeten, und hörten von der anderen Seite des Ortes feltfame und unvergeßliche Lieder, die offenbar von kleinen Knaben im Chor gesungen wurden. Ich nehme an, daß es Spiellieder waren. In Moll und dem leidenschaftlichen Rhythmus aller italienischen Lieder. Dabei war in ihnen deutlich das noch nicht Erschlossene dieser Leidenschaft von Knaben und ihre freche, unbekümmerte Froher mit dem nassen Lappen dranrührte, einen Stich unterm rechten Augenlid bekommen. ., . Der böse Alte geriet so in Wut, ich mag gar nicht mehr dran denken. Er stierte um sich, sah die Mücken vergnügt tanzen und folgte mit der flachen Hand der, die es ihm angetan hatte. „ Einmal hockte sie oben auf dem Leierkasten. Der Kroger schlug ÄU daß sich dem Drehorgelmann das Herz im Leibe umkehrte und alle Register dröhnten. Dann hockte die Verfolgte mitten auf dem Tisch zwischen den drei Gästen. Langsam kam der Kuhlenkroger näher, blaurot im Gesicht. Er zielte, klatschte zu, daß der Tisch brummte, — da war die Schneiderin längst über ihn hingeflogen, schlug einen zierlichen Bogen und saß wieder auf dem gleichen Platz. Der Kröger seufzte vor Zorn, er kühlte die heiße Hand am Genick, ließ die Schneiderin nicht aus dem Auge, schielte nach einer Fliegen- klappe und sah plötzlich den schlenkernden Schuh des Leierkasten- mannes dicht neben dem hochb einigen Fräulein. Im gleichen Augenblick hatte er den Schuh abgezogen, zielte und schlug zum letzten Male dröhnend zu, daß das Bier spritzte. Ich sage zum letzten Male, denn im Augenblick, wo er dem Seiertaftenmann das Zauberding abgezogen hatte, war der wie ein Hase auf den Beinen. Der Kuhlenkröger bückte sich, er wollte ihm rasch den Schuh wieder überschieben. Aber unser Freund hatte mit einem Griff die Drehorgel umgehängt, lud sie auf den Bauch, drei heile Schneiderinnen oben auf, und fand wahrhaftig die verwünschte Klinke nach draußen. Und so entsetzlich Wirt und Gäste hinterdrein schrien und ihm alles Böse anhingen, er flüchtete schon den Weg nach dem Bahnhof, ein wenig eilig, ein wenig schief und krumm von den vielen Getränken, aber glücklich mit der geretteten Orgel. Mehr noch, als er recht zusah und im Zug alles überlegte und den Schneiderinnen danken wollte, lagen drei kleine echte Goldstücke im Tuch, wo die Fräulein gesessen hatten. Das war wohl zum Dank für die Musik über Tag. Der Leierkastenmann hat seitdem noch viel im Wald vor der Stadt gespielt, er hat noch oft den alten Uhu in der Eiche geärgert und sich häufig genug über die drei Schneiderinnen gefreut, die gutartig um feinen Leierkasten tanzen. Wenn er dann auf dem Heimweg einen alten Schuh im Weg liegen sieht, macht er einen Riesenbogen. Aber wenn er vor Dunkelwerden in der Sandgrube des Kuhlenkrögers vorbeikommt — wo die ist, will ich euch lieber nicht sagen —, zieht er grinsend feinen alten Speckhut. Der Kuhlenkröger steht dann oft und guckt durch eine Ritze nach draußen, ob keine Gäste kommen. Und er ärgert sich blau über den Leierkastenmann, der feine Zeche nicht bezahlt hat, aber er kann ihm ja nicht zu Leibe und hat vielleicht auch Angst, da könnten wieder drei Schneiderinnen auf der Drehorgel sitzen. lichkeit. . ... ... , Die Hitze trieb uns nach Capri, wo es kühler ist. Die große, milde Schönheit Capris will ich nicht darzustellen versuchen, sondern Ihnen zur Abwechslung, die ich doch auswählen muh, das erzählen, was sie uns ein wenig verdorben hat. Das waren zwei Originale", ein deutsches und ein italienisches, jedes vollkommen in seiner Art. Sie erbitterten mich mehr als gut ist. Der Deutsche, jetzt uralt, ist vor vielen Jahren eingewandert und hat eine Pension gegründet, in der wir leider wohnten. Alle Wände und Mauern dieses Hauses sind mit hunderten kleiner Zementreliefs überfät, auf denen Sprüche in den verschiedensten Sprachen, meistens aber leider deutsche, zu lesen sind, die langst vergangenen Situationen der Politik und seines Gastekreises gelten. Ich habe selten etwas fo öffentlich Albernes und zugleich Dauerhaftes gesehen, wie diese Sedimente einer deutschen Scheinbildung “"^«‘anbere, Italiener, ist täglich auf der „Piazza" zu finden, dem Verkehrsmittelpunkt des Ortes Capri, von dem aus man auf das Meer, deck Vesuv und Neapel sehen kann. Er ist, roas man einen „schönen Mann" nennt, 70jährig, rotwangig, groß und breit mit weißem Vollbart. Er hat es darauf abgesehen, den malerischen Capresen zu spielen. Er steckt in einem weißen Hemd, offener, bunte geflickter Weste, farbiger Schärpe und langen Hosen und zieht vor allem durch eine rote, hängende Mütze die Augen auf sich. 3m rechten Mundwinkel trägt er eine Pfeife und sieh fo Tag für Tag am Gitter. Sein Gesicht, das Faulheit und Eitelkeit ausdruckt ist ungemein widerlich. Unzählige, in den Laden verkäufliche Bitter stellen ihn dar und erklären feine Einkünfte. Sogar als Puppe kann man ihn erwerben. . _ , ... Am Vesuv, auf dessen Besteigung mir diesmal verzichten muhten, kommt man auf der Fahrt von Neapel nach Pompei am nächsten vorbei. Von Capri aus gesehen gibt seine Silhouette nicht viel mehr als ein Bild. 3n der Nähe wird er neu und lebendig und offenbart eine sehr eigenartige Individualität. Der flach ansteigende Sockel ist grün von Steingärten, der Lava- und Aschenkegel rostrot. In den tiefblauen Himmel schiebt er seine schneeweißen Kumuluswolken, die nur ab und zu durch eine braun-blutige Beimengung gefärbt find. Sie wachsen wie weihe Pflanzen aus feinem Gipfel, werden vom Winde langsam abgeweht und lassen hinter sich neue keimen. Das, was kein Bild geben kann, ist das Unaushorliche und doch Ruhige dieser Bewegung, deren erstaunliche Schnelligkeit man erst er chliehen muß: mehrere hundert Meter in der Minute. Ohne diese Wolkensäule wäre der Vesuv in seinem landschaftlichen Charakter unseren Bergen vergleichbar. Mit ihr ist er em ganz neues Ding von Berg. Es gelang mir einen Augenblick, ihn neu zu ehen, wie ein Kind, dem nicht durch unzählige Photographien und Bilder die Eindrücke vorweggenommen sind. Seine Wolken geben ihm eine Verbindung mit dem Himmel, die unseren Bergen fehlt, und die braunen Ballen, die bisweilen kommen, verraten die irdischen Kräfte der Tiefe, die feine Form gebildet haben. Nach P o m p e i gingen wir einigermaßen pflichtbewußt., Die moderne Besichtigungsbarbarei ist in dieser toten Stadt noch störender als anderswo. Sie ist in Häuserblocks, „Regionen , emgeteut, deren jede von einem „custode“ bewacht wird. Diese Wächter, die gähnend oder schlafend an allen Ecken sitzen ober liegen, geben eine Sammlung der langweiligsten Gesichter der Welt. Karawanen von Fremden kreuzen die Stabt in allen Richtungen. Amerikanerinnen, benen bas grobe römische Pflaster zu unbequem ist, pflegen sich von je zwei Italienern in Sänften tragen zu lassen, aus benen sie unter einem Sonnenschirm hervor die Ruinen lorgnettieren. Gut angezogene und gut bezahlte Führer erzählen ihrer angestrengt stierenden Schar unaufhörlich, was dies und jenes gewesen sei. Zwischen diesen Flottillen irren, den Finger in den Baedecker geklemmt, die führerlosen Einzelmenschen. Wer irgend über Beziehungen verfügt, sollte versuchen, in die Stadt hineinzukommen, wenn sie für den großen Verkehr geschlossen ist. Man sollte diese Straßen ohne Menschen gehen. Wir waren zum Glück darauf aufmerksam gemacht worden, daß man im Neapeler Nationalmuseum unentgeltliche Eintrittskarten zu dem Gebiet der neuen Ausgrabungen" haben kann, das weniger überlaufen ist und sehr viele sehenswerte, nach neuen Methoden vorsichtig ausgegrabene Häuser enthält. Man hat die Inschriften an den Häusern erhalten, die Gärten bepflanzt und die Springbrunnen in Gang gebracht. In einem solchen Gartenhof steht die kleine Figur eines Göttchens, das schmerzlich und etwas verschämt in der Sonne steht. Nicht weit davon in einer Ecke liegen noch Totenköpfe und Knochen beisammen. Hier kam mir am stärksten das Gefühl von etwas, das lebendig war und nun wie ein schönes Gespenst in der harten Sonne stehen muh, wo es doch lieber schlafen möchte. Wie dankbar empfindet man nach Pompei die Stille und Ver- lasfenheit der griechischen Tempel bei Paestum! Zwar muh man auch hier eine Sperre passieren und Eintritt zahlen, aber mah wirb allein gelassen und sieht nicht viele Fremde. Und doch, wieviel mehr aufbauende Kraft strömt aus diesen Tempeln als aus den pompejam- fchen Raritäten. Sie waren uns das Eindringlichste von allem, was wir in Rom und bei Neapel gesehen haben. Im Oktober. Ich gestehe Ihnen, daß ich den Satz „Sieh Neapel, und stirb!" auf die Stadt selbst bezogen, nur gelten lassen kann, wenn ich ihn böswillig mißdeute. Aus dem vielfältig-schlichten, liebenswürdig-edlen Rom nach Sftünbiger Bahnfahrt hierher versetzt, hatte ich den Eindruck einer sormlos-zerfließenden, lärmenden Anhäufung von Häusern und Menschen. Jedes dritte Haus enthält einen Konfitürenladen oder eine Wechselstube. Das Gefühl der Geborgenheit, das wir überall sonst unter Italienern gehabt haben, mußte einem ständigen Mißtrauen weichen. Es scheint, daß diese Hafenstadt in langer Tradition eine der liebenswertesten Eigenschssten der Italiener, ihre Hilfsbereitschaft, zur betrügerischen Aufdringlichkeit verdorben hat. Einige unbeschäftigte Individuen sind stets bereit, dem Fremden, dessen Nationalität, Charakter und momentane Absichten sie mit bewundernswerter Intuition sofort ersoffen, unerwünschte oder erwünschte Dienste in möglichst umständlicher und damit kostspieliger Form zu leisten. Was mehr verstimmt, sind die kleinen Halbbetrügereien, die jeden Einkauf begleiten. Wir haben uns um das Geld keinen Kummer gemacht, aber die unsaubere, seelische Atmosphäre hat uns manches getrübt. In der Umgebung, schon im Zuge bei Salerno unter Arbeitern, ist die menschliche Geborgenheit wieder da. Wie wir denn überhaupt Schmutz und Unehrlichkeit in Italien, wovon man in Deutschland so gerne redet, außerhalb Neapels nicht gefunden haben. Die Landschaft um Neapel freilich hat eine Einzigartigkeit, die den Satz, den ich am Anfang nannte, verstehen läßt. Zwischen den Buchten von Neapel und Salerno springt die Sorrentiner Halbinsel vor, und Capri stellt sich ihr gegenüber. Dieser einfachen Form geben Atmosphäre und Pflanzen die Milde, und der Vesuv sorgt dafür, daß sie nicht zur Süßlichkeit wird. Sie ist erhaben und anmutig zugleich. Vom Monte Tiberio, dem steilen Absturz" Capris nach dem Lande hin, haben wir sie am besten gesehen. Zuerst sind wir aber an Capri vorbei nach P o s i t a n o gefahren. Es türmt sich an den Wänden einer halbkreisförmigen Bucht an dem steilen Südufer der Halbinsel von Sorrent und ist einer der heißesten Orte Italiens. Die Hitze im September war unbeschreiblich. Wer aber mit überreiztem Hirn und mitten Sinnen (woran wir Deutschen meistens leiden, wenn wir Erholung brauchen) nach Italien kommt, für den ist solche Hitze, wie wir erfuhren, kein schlechter Anfang. Sie schlägt jeden Gedanken nieder und weckt eine — stillbare — Lust am Baden und an Früchten, die in solcher Stärke bei uns nicht kommen kann. Erst am Abend, wenn ein etwas kühlerer, flatternder Wind von den Bergen fällt, kommt man ein wenig zu sich. Dann saßen wir auf der Hotelterrasse und sahen — 343 — Wir fuhren von Neapel drei bis vier Schnellzugsstunden über den Hals der Sorrentiner Halbinsel und an Salermo vorbei nach Süden in eine braungelbe sumpfige Steppe. Zwischen grünen Bäumen und Büschen weiden schwarze Büffel, und leuchtet am Horizont das grünblaue Meer. In dieser Steppe stehen, nicht weit von der kleinen Stadt Pesto, aber doch einsam genug die drei Tempel. Tags zuvor wqr Gewitter gewesen. Der Himmel war tiefblau. Die Sonne stach, und in dem feuchten Gestrüpp wimmelte es von Eidechsen und Schlangen, Grillen und anderen Insekten. Da in Paestum Malaria endemisch ist, und wir nicht ganz sicher waren, ob die übertragenden Insekten auch am Tage stächen, waren wir in einer ständigen, komisch-ernsten Besorgnis, gestochen zu werden,, und W. hüllte sich trotz der Wärme in ihr schwarzes Cape. In den etwas erhöhten Tempeln wehte «in etwas frischerer Wind. Sie kennen die Außenseite des Poseidontempels von Abbildungen. Wenn man im Tempel steht, sieht man zwischen den Säulen hindurch die braune Steppe, die hinten das Meer abschließt als ein schmaler, leuchtend grünblauer Streifen, den eine weißliche Dunst- fchicht vom Himmel trennt. Die Säulen sind goldbraun, porös, und jede ist wohl von hundert Eidechsen bewohnt. In die große Stille klingt das Zirpen der Grillen und das helle, langgezogene Ah! Ahl — wie ein anerkennender Erstaunensruf —, mit dem die ferne pflügenden Bauern ihre Ochsen antreiben. Von all dem kann man die rein architektonische Wirkung nicht trennen, ohne sie zu töten. Aus dem Ganzen, in das sie verwoben ist, wirkt stark und nicht zu sondern das Griechentum. Aber ich möchte glauben, daß es wie mit diesen Tempeln, mit der Antike überhaupt ist, daß die Trümmer schöner sind, als das. wovon sie uns blieben. Talsperren in Deutschland. Von Hans B o u r q u i n, Berlin. Die Hochwasserkatastrophen, die schon so oft in den deutschen Stromgebieten große Verheerungen anrichteten, lassen immer wieder von neuem die Notwendigkeit erkennen, den Hochwasserfchutz weiter auszubauen. In verschiedenen Teilen des Reiches hat man durch Anlage von Talsperren diesen Schutz bereits in wirksamer Weise durch- geführt, und zugleich hat man in einzelnen Fällen die aufgestauten Wasserkräfte ausgenutzt. Wieviel gerade in dieser Hinsicht noch zu tun ist, lehrt die Tatsache, daß die deutschen Energiequellen nur zu etwa 5 Prozent aus Wasserkräften, dagegen zu 93 Prozent aus Kohle und zu 2 Prozent aus Braunkohle bestehen. Es wird, wenn irgendwie angängig, immer das Bestreben fein, bei der Anlage von Talsperren Hochwasserschutz und Ausnutzung der Wasserkräfte zu vereinen. x Die große Urfttalsperre (um ein Beispiel herauszugreifen) dient, wenn man von einer gewissermaßen im Nebenamt betriebenen kleinen Kraftanlage absieht, ausschließlich den Zwecken des Wasser- schiltzes. In der Eifel floß das Urft-Bächlein frei durch vielgewundene Täler mit steilen Hängen. Links und rechts hatten sich Siedlungen gebildet, aber man hatte sie vorsichtig vom Wasser abgerückt. Dann hat man eine Mauer quer ins Tal geschoben, die reichlich 5» Meter hoch ist. Sie ist nicht vollkommen gerade gebaut, sondern in einem Bogen ausgeführt worden, der seine einspringende Seite talwärts kehrt Man darf eine solche Mauer mit einem umgelegten Brückenbogen vergleichen, der starken Druck aushalten soll. Das ist überhaupt die Weise, wie man bei Talsperren die Staumauer formt. Hinter diesem hohen Wehr hat sich nun das Urftwasser zu einem langen, schmalen und vielgestaltigen See aufgestaut, der nicht weniger als 45 Millionen Kubikmeter faßt. Oben an der Mauer fließt über, was an Wasser zuviel ist, und stürzt über Treppenstufen hinab, die die Wucht des Falles brechen sollen. Heut können die Leute im Urfttal unbesorgt sein, wenn starke Regenmengen niedergehen. Langsam steigt der weite Seespiegel; das geht ruhig vor sich und ohne stürmisches Fließen, wie es zuvor die Anwohner der Urft bedroht hatte. Und der Ueberfall an der Mauer sorgt dafür, daß über kurz oder lang wieder die normale Wasserhöhe eintritt. Dagegen kann als Schulbeispiel einer Anlage, d,e das Wasser bändigt und es auf die Schaufeln von Turbinen leitet, die Tal- sperrebeiMarklissaam Queis (Schlesien) gelten. Wenn dort 15 Millionen Kubikmeter Wasser angesammelt sind, so ist der Stau 37 Meter hoch, erreicht aber noch nicht ganz die Krone der Sperrmauer. Diese Fassungskraft steht freilich hinter der Urfttalsperre zurück- sie ist aber doch nicht unbedeutend. Von den überaus zahlreichen Talsperren in Deutschland fassen die meisten weit weniger Wasser. Die Ockertalsperre z. B. kann allerdings 20, Die Sperre bei Mauer am Bober 50, die Möhnetalsperre in Westfalen 130, die ebenfalls westfälische Sperre im E d e r t a l M2 Millionen Kubikmeter Wasser sammeln, wobei Stauhöhen von 30 bis 50 Meter erreicht werden, aber sie erdrücken doch die Bedeutung von Marklissa nicht. , m ... Es ist üblich, daß man Talsperren unter normalen Verhältnissen bei weitem nicht ganz voll laufen läßt. In Marklissa z. B. staut man im Juni, Juli und August nur 7 Millionen Kubikmeter Wasser auf; in den übrigen Zeiten geht man auf 10 Millionen; mindestens sollen 5 Millionen für Kraftbedarf vorhanden sein. Man hat ja Mittel, um dem Stauspiegel eine beliebige Höhe zu geben — wenigstens unter normalen Verhältnissen. Man kann das Wasser des Queis ganz im Staubecken sammeln, ud es läßt sich in unterirdischen Stollen teilweise um die Sperre herumleiten. Die vorhandenen Ablasse sorgen dafür, daß die gewünschte Stauhöhe wieder erreicht wird, wenn sie überschritten worden ist. Ganz besondere Verhältnisse treten nun bei Hochwasser auf. Dann ist die Sperre in der Lage, die erwähnten 15 Millionen Kubikmeter Wasser voll aufzunehmen. Der Wasser- spiegel reicht dan gerade an zwei Ueberlauföffnungen links und rechts an den Rändern des Beckens, und bei weiterem Steigen fließt das Wasser in weiten Schächten und Stollen um die Mauer herum zu Tal. Schaffen diese selbsttätigen Ablässe nicht genug Wasser fort, fo ist das nicht ohne weiteres gefährlich. Noch ist di« Dammkrone ja nicht erreicht, und das geschieht erst, wenn sich etwa 3 Millionen Kubikmeter mehr angesammelt haben. Vor einem erwarteten Hochwasser hatte man das Staubecken bis auf eine Million Kubikmeter entleert; innerhalb von 24 Stunden wuchs dann bei wolkenbruchartigem Regen die Staumafse auf reichlich 15 Millionen Kubikmeter an, und damit gelang es, das Unterland vor der Wut des Wassers zu fchützen. Am Boden des Staubeckens befinden sich Grundablässe, die groge Wassermassen in verborgenen Kanälen unter der Mauer hindurch zu einem hinter dieser gelegenen Kraftwerk führen, wo mächtige Turbinen angetrieben werden, und das führt uns nun zur Ausnutzung der Wasserkräfte bei Talsperren überhaupt. Wenn man eine gefüllte Gießkanne unten seitlich anbohrt, so schießt das Wasser mit großer Geschwindigkeit heraus, weil es unter dem Druck der darüberliegenden Massen steht. Und rechnerisch ist seine Wucht fo groß, als ob es von der Höhe des kleinen Staues in den Behälter herabgefallen wäre. Ganz ähnliche Verhältnisie finden wir bei den Talsperren. Vielleicht darf eine kleine Rechnung veranschaulichen, daß man aus einer solchen recht ansehnliche Arbeitskräfte herausschöpfen kann. Nehmen wir an, daß unten in jeher Sekunde nur ein Kubikmeter (also 1000 Kilo) Wasser an ein Kraftwerk abgeliefert werden, und der Stau nur 10 Meter ausmacht. Dann sind also jene 1000 Kilo 10 Meter tief gefallen, und der Tech- mker errechnet aus den 10 Metern und den 1000 Klio 10 0 0 0 Meterkilo Arbeitskraft, die er für jede Sekunde dem aus- ftrömenben Wasser zuspricht. Nun bedeuten aber schon 75 Meterkilo in der Sekunde eine Pferdestärke (oder P. S.), und eine Rechnung ergibt, daß das Wasser hier bereits 133 P. S. entwickelt. Wenn davon schließlich auch nur 100 in einer Turbine fruchtbar gemacht werden können, so bedeutet auch dies eine stattliche Leistung. Die Kraftwerke großer Talsperren bieten natürlich bedeutend mehr, besonders wenn deren Wässer hoch angestaut sind. Bei günstigem Stande entwickelt Markli sa 3575 P.S., das nahe Goldenträum 6000, das benachbarte Boberröhrsdorf 3500, die Möhnetal s p e r r e 2150, und aus der C d e r t a l s p e r r e lassen sich etwa 4000 entnehmen. ,, . , „ . Von den Kraststationen pflegt ein weitverzweigtes Netz aus- zuqehen, das die elektrischen Kräfte einem großen Gebiet dienstbar macht. Meist werden diese in Form von Drehstrom (auf drei Lei- tungen) unter Spannung bis zu 40 000 Volt in ganz dünnen Drahten zuerst an Unterwerke geliefert, die dann eine niedere Spannung her- stellen, die sich zu praktischem Gebrauch eignet. An Verbrauchern für die Ströme solcher Zentralen fehlt es zumeist nicht. Heute findet man im schlichtesten Bauernhaus elektrisches Licht. Auch das Kleingewerbe hat sich längst mit dem elektrischen Antrieb befreundet, nachdem die Technik vorzügliche Kleinmotoren herausgebracht hat, die für schwache Leistungen bestimmt sind. Wenn nun auch das Wasser für seine Arbeitsleistungen fernen Lohn verlangt, so erfordern doch Bau und Betrieb von Zentralen und Netzen große Summen. Hier müssen Staat, Gemeinden und Ge- noslenschasten di« nötigen Mittel aufbringen. Vielfach bilden bann meherere Talfperern-Krastwerke zusammen ein großes einheitliches System, und bei einem solchen soll auch Dampfkraft zur Reserve vorgesehen fein, weil die Versorgung mit Wasserkraft leider etwas unsicher bleibt. ~ . _r, . Unsere Ausführungen haben den Leser nach dem Osten und Westen Deutschlands geführt. Und jetzt fei noch eine Riesenschopfung aus Süddeutschland kurz vorgeführt: das Murgwerk. Diest gewaltige Anlage nutzt das Gefälle von Murg, Schwarzenbach und Raumünzach gesondert aus, und sie ist lediglich zum Zwecke der Kraftgewinnung bestimmt. Hier wird eine riesige Druckhohe von 360 Meter wirksam, und es werden Turbinen angetrieben, die je 27 000 Pferdestärken liefern, was feine Wasserturbine in ganz Europa leisten fann. Die Talsperre bei Schwarzenbach im badischen Schwarzwald stellt die größte Sperre in Deutschland bar. Ihre Mauer ist aus Gußbeton mit eingelagerten Felsstücken hergestellt, was eine ganz neuartige Bauweise bebeutet. So haben Talsperren eine eminente Bedeutung: ste bändigen die Gewalt der Naturkräfte und stellen diese Kräfte in den Dienst menschlicher Kulturarbeit. Das Leben der Heiligen Johanna. Von Anatole France. (Fortsetzung.) Alenxon aber zeigte sich mit einiger Kavallerie in der Nähe der Stadt, wo einige Tage zuvor über die Seine eine Brücke geworfen worden war. Immer der Gefahr gewärtig, begleitete Johanna diele Wagehälse. Aber vorsichtshalber hatte der König wahrend der Nacht die Drücke abbrechen lassen, und die «eine Schar muhte ab^ehen. Nicht etwa, daß der König darauf verzichtete, Paris einzunehmen: er dachte mehr denn je, seine große Stadt wiederzugewinnen, jedoch ohne Angriff, mit Einverständnis eines Teils der Bürger. Gefangenschaft. Im Monat September begaben sich zwei Bewohner von Tour- nai nach Beaurevoir. Der Amtsbezirk von Tournai, dem König - von Frankreich, der ihm Zollfreiheit und Vorrechte bewilligt hatte, treu ergeben, sandte Carl Botschaft auf Botschaft, veranstaltete für ihn schöne Prozessionen und war bereit, ihm alles zu bewilligen, solange er weder Land noch Leute von ihnen forderte. Die Räte von Tournai hielten sich in dem Schlosse auf, in dem, in Händen ihrer grausamen Feinde, die Jungfrau eingesperrt war. Wir wissen nicht, was sie dem Herrn von Luxemburg zu sagen kamen, noch, ob sie von ihm empfangen wurden. Wahrfcheinlich weigerte er sich nicht, sie anzuhören, falls er der Meinung war, daß sie ihm geheime Angebote König Carls für den Kauf der Jungfrau überbrachten, die an seinen Schlachten teilgehabt hatte. Wir wissen auch nicht, ob sie die Gefangene sehen konnten, doch ist es wahrscheinlich, weil es damals meist nicht schwer war, Gefangene zu besuchen, und Borüberziehenden alle Möglichkeit gegeben war, eines der sieben Werke der Barmherzigkeit zu erfüllen. Es ist jedoch gewiß, daß sie, als sie Beaurevoir verließen, einen ihnen von Johanna anvertrauten Brief mitnahmen, beauftragt, ihn dem Magistrat ihrer Stadt zu übergeben Durch diesen Brief bat sie die Einwohner von Tournai, im Hinblick auf die Gunst des Königs, ihres Herrn, und der guten Dienste, die sie ihm erwiesen, ihr zwanzig bis dreißig Goldtaler für ihre dringenden Bedürfnisse senden zu wollen. Auf diese Weise erbettelten damals die Gefangenen ihre Nahrung. Das Fräulein von Luxemburg, das eben sein Testament gemacht und nur mehr einige Tage zu leben hatte, bat, wie man erzählt, ihren edlen Neffen, die Jungfrau nicht den Engländern auszuliefern. Was vermochte aber die gute Dame gegen den König von England mit dem Golde der Normandie und gegen die heilige Kirche mit ihren Zornesblitzen? Denn wenn der edle Herr Johann dieses der Hexerei, des Götzendienstes, der Teufelsbeschwörung und anderer Verbrechen gegen den Glauben verdächtigte Mädchen nicht ausgeliefert hätte, so wäre er exkommuniziert worden. Die ehrwürdige Universität von Paris war darauf bedacht, ihn zu warnen, daß Ablehnung ihn erheblichen gesetzmäßigen Strafen aussetzte. Der edle Herr von Luxemburg war jedoch beunruhigt. Er fürchtete, daß in dem Orte Beaurevoir eine Gefangene, die zehntausend Pfund wert war, nicht genügend vor einem französischen, englischen oder burgundischen Handstreich oder vor irgendwelchen Leuten sicher war, die, ohne Bezug auf Burgund, England oder Frankreich, den Einfall haben mochten, ste zu rauben, um sie nach damaliger Sitte auf Lösegeld in einer Grube zu verstecken. Ende September ließ er seinen Herrn, den Herzog von Burgund, der schöne Städte und starkbefestigte Plätze besaß, ersuchen, er möge die Gefangene unter seinen Schutz nehmen, Herr Philipp willigte ein, und auf seinen Befehl wurde Johanna nach Arras geführt, dessen Mauern sehr hoch waren, und wo es zwei Burgen gab, von denen die eine, Court-le-Comte, sich inmitten der Stadt erhob. Es ist wahrscheinlich, daß sie in dieser eingeschlosfen wurde. Es war zu jener Zeit nicht üblich, dis Gefangenen verborgen zu halten. Johanna empfing in Arras Besuche, unter anderen den eines Schotten, der sie ihr Bildnis sehen ließ, auf dem sie bewaffnet, ein Knie auf die Erde g^enkt, ihrem König einen Brief darreicht. Dieser Brief wurde von Herrn von Baudricourt oder irgendeinem anderen, sei es einem Geistlichen oder Hauptmann, sein, der nach der Vorstellung des Malers das junge Mädchen dem Dauphin zugesandt hatte, oder ein Brief, der dem König die Befreiung Orleans oder den Sieg von Patay kündete. Dieses Bildnis war das einzige, das Johanna ähnlich fand; sie selber ließ keines von sich anfertigen, doch hing das Volk der französischen Städte während der so kurzen Zeit ihrer Macht ihre Bilder in die Kapellen, trug Medaillen, die sie darstellten, und folgte damit den Gebräuchen, die man zu Ehren der schon durch die Kirche kanonisierten Heiligen übte. Mehrere Edelleute, unter anderen ein Rat und Kämmerer des Herzogs von Burgund, boten ihr zu ihrem Nutzen und um Schande und Aergernis zu vermeiden, Frauenkleider an; aber um nichts in der Welt hätte Johanna das Gewand abgelegt, mit dem sie sich, durch eine Offenbarung veranlaßt, bekleidet hatte. Im Gefängnis von Arras empfing sie auch einen Geistlichen aus Tournai, vom Magistrat seiner Stadt beauftragt, ihre die verlangte Summe von zweiundzwauzig Goldtalern zu übermitteln. Dieser fromme Monn führte seine Bestellung bei der Jungfrau getreulich aus und bekam, wie es scheint, kein Entgelt, weil er offenbar den Preis dieses barmherzigen Werkes im Himmel einzuheben gedachte. Weder die Gefangennahme der Jungfrau noch der Rückzug der Waffenleute, die sie mitgebracht hatte, vermochte die Verteidigung von Compiegne zu erschüttern. Wilhelm van Flavy und seine beiden Brüder Carl und Ludwig, der Hauptmann Baretta mit seinen Italienern und die fünshundert Leute der Garnison bewiesen sich als energisch, gewandt und unüberwindlich. Eines Tages wurde Ludwig von Flavy durch eine burgundische Kugel getötet. Wilhelm, sein Bruder, ließ an jenem Tage die Minstrels wie gewöhnlich aufspielen, um das Kriegsvolk in Stimmung zu erhalten. Die Burgunder konnten Compiegne nicht umzingeln, weil seine Peripherie zu groß war. Es fehlte ihnen an Geld; ihre Kriegsleute, die nichts zu essen bekamen, desertierten mit jenem guten Gewissen, das damals unter derartigen Umständen die Söldner des roten wie des weißen Kreuzes zeigten. Herzog Philipp war, um das Mißgeschick noch zu erhöhen, genötigt, einen Teil der Belagerungstruppen gegen die aufständischen Bewohner Lüttichs zu senden. Als sich am 24. Oktober eine französische Hilfsarmee Compiegne näherte und die Engländer und Burgunder ihr entgegengezogen waren, fielen ihnen die Garnison, die Einwohner, die Frauen in den Rücken und zerstreuten sie. Das Heer zog in die Stadt ein, und es war ein schauerlich-schönes Schauspiel, die Bastillen brennen zu sehen. Der Herzog von Burgund verlor seine ganze Artillerie. Johann von Luxemburg, der von Beaurevoir kam, wo er den Bischof von Beauvais empfangen hatte, kam gerade recht nach Compiegne, um seinen Teil an dem Ungemach zu empfangen. Da man damals für alle noch so erklärlichen Ereignisse übernatürliche Ursachen suchte, schrieb man die Befreiung der Stadt einem Gelübde des Grafen von Vendöme zu, der m der Kathedrale von Senlis eine jährliche Messe stiftete, falls die Stadt gerettet würde. Der Lordschatzkanzler der Normandie zog Hilfsgelder ein, von denen zehntausend Pfund für den Kauf der Jungfrau zur Seite gelegt werden sollten. Der Graf-Bischof von Beauvais, dem diese Angelegenheit sehr am Herzen lag, drängte den Herrn von Luxemburg zum Abschluß, mengte Drohungen mit Schmeicheleien und wollte ihn mit dem normannischen Gold verlocken. Er schien zu fürchten — und diese Furcht wurde von Doktoren und Räten geteilt —, daß König Carl gleichfalls Angebote machen werde, ja, daß er die zehntausend Goldfranken des Königs Heinrich noch überbiete und schließlich die Armagnacs vermittelst Geschenken den Sieg davontrügen und ihre Glücksbringerin zurückeroberten. Das Gerücht war im Umlauf, König Carl hätte auf die Kunde, die Engländer würden Johanna um Geld erhalten, den Herzog von Burgund ersuchen lassen, um keinen Preis zu einem solchen Geschäft seine Einwilligung zu geben, und daß andernfalls die Burgunder in die Hände Frankreichs für die Jungfrau zu bezahlen hätten. Offenbar ein falsches Gerücht. Immerhin waren die Befürchtungen des Herrn Bischofs und der Pariser Gelehrten nicht ganz haltlos, denn an der Loire verfolgte man sehr lebhaft die Verhandlungen und 'suchte eine Gelegenheit, um einzufchreiten. Auch war ein glücklicher Handstreich der Franzosen nicht unmöglich. Hauptmann La Hire trieb sich in der Normandie herum, und andere Waffenführer streiften zwischen Seine, Marne und Somme. Gegen Mitte November aber schloß der Herr von Luxemburg endlich den Kauf ab. Die Engländer nahmen Johanna in Empfang. Man beschloß, sie längs der Küste des Ozeans und der nördlichen Normandie nach Rouen zu bringen, wo man weniger der Begegnung von Raufbolden der verschiedenen Parteien ausgesetzt war. Von Arras wurde sie nach dem Schlosse von Grugy geführt, wo sie angeblich Mönche von Saint-Riquier in ihrem Gefängnis besuchten, dann nach Crotoy, dessen Burg von allen Seiten vom Meer umspült ist. Dort war der Herzog von Alenxon, den sie ihren schönen Herzog nannte, nach der Schlacht von Verneuil eingefperrt gewesen. Eben war ein Kanzler der Kathedrale von Amiens dort Gefangener der Engländer. Er nahm ihr die Beichte ab und reichte ihr die Kommunion. Und in dieser düstern und grauen Bucht der Somme, wo der Himmel sich tief herabsenkt, vom Flug der Meeresvögel durchzogen, sah Johanna wieder den Gast früherer Tage nahen, den heiligen Erzengel Michael, und ste ward getröstet. Man berichtete auch, daß die Fräulein und Bürger von Abbeville sie in der Burg besuchen tarnen. Sie taten dies vielleicht aus christlicher Barmherzigkeit; aber diejenigen, die Gutes von ihr dachten, verschwiegen es aus Furcht, vom Scheiterhaufen wie sie bedroht zu sein. Die Doktoren und Magister der Universität verfolgten sie mit kaum glaublicher Heftigkeit. Diese Kleriker, des Glaubens und Eifers voll, die Ehre Gottes, wie sie es deuteten, zu rächen, waren immer bereit, Hexen zu verbrennen; sie fürchteten den Teufel, aber ohne es sich vielleicht einzugestehen, jagte er ihnen, wenn er Armagnac war, zwanzigmal mehr Schrecken ein. Von Crotoy entfernte man Johanna bei hoher Flut und führte sie zu Schiffe nach Saint- Valery, dann anscheinend nach Dieppe und schließlich nach Rouen. Sie wurde in das alte Schloß gebracht, das unter Philipp August am Abhang des Hügels von Bouvreuil erbaut war. König Heinrich VI., zu seiner Krönung in Frankreich gelandet, wohnte hier feit Ende August. Cs war dies ein trauriges und frommes Kind, bas Graf von Warwick, der Gouverneur des Schlosses, mit Härte behandelte. Das gewaltige Schloß hatte sieben Türme, den Hauptturm mit inbegriffen. Johanna wurde in einen feldwärts gerichteten Turm eingeschlossen, und zwar in den Mittelraum, der sich zwischen dem unteren Gewölbe und dem oberen Zimmer befand. Man erreichte ihn durch acht Stufen, und sie hatte ein ganzes Stockwerk des Turmes inne, der dreiundvierzig Fuß, die Mauern miteingerechnet, im Durchschnitt halte. Schräg stieg die Steintreppe empor. Da ein Teil der Dehnungen verstopft worden war, brach nur wenig Licht herein. Die Engländer hatten bei einem Schlosser von Rouen namens Castille einen Eisenkäfig bestellt, in dem man angeblich nur stehen konnte. Johanna wurde nach Aussagen der kirchlichen Schreiber bei ihrer Ankunft am Hals, an den Füßen und an den Händen darin angekettet und bis zur Eröffnung des Prozesses darin gelassen. Niemand aber sah Johanna im Gefängnis eingeschlossen. Diese Behandlung, sollte sie ihr wirklich zuteil geworden [ein, war nicht eigens für fie erfunden. La Hire hatte im selben Jahre nahe von Rouen einen Ritter in einem Eisenkäfig vorgefunden, aus dem dieser mit der Begründung nicht heraus wollte, fein Wort verpfändet zu haben. Johanna war im Gegenteil auf der Hut, irgend etwas zu versprechen; sie hatte vielmehr in Aussicht gestellt, zu entwischen, sowie es ihr möglich sei. Die Engländer, die sie der Zauberei verdächtigten, waren höchst mißtrauisch. Da sie von kirchlichen Richtern verfolgt wurde, hätte sie in ein geistliches Gefängnis gebracht werden sollen; aber die Godons vertrauten sie niemandem an.