Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Samstag, den 26. Juni Nummer Unfaßbare Macht. Von Alfred Bock*). Unfaßbare Macht, Die du das Weltall beseelst. Die ich suche. Von inbrünstiger Sehnsucht erfüllt, Was verbirgst Du dich mir? Es wandeln die Menschen Um mich her. Ach! daß unter ihnen Nur einer sich fände, Der da spräche: Ich verstehe dich ganz! In güldenen Kammern Bewahr ich Geheimstes, Ein Herz zu beglücken, Aber keiner begehrt's. Ihr drängt euch heran. Sucht mich, meinen Namen, Ich bin euch der Brunnen, Daraus ihr schöpft, An meiner Seele Geht ihr vorüber. Ob sie sich verzehre In Einsamkeiten, Euch kümmert es nicht. Unfaßbare Macht, Die du das Weltall durchglühst. Enthülle dich. Daß mir Erlösung werde Im Einhall mit dir, Denn ich bin deines Wesens, Das fühl ich tiefinnerft, Bin atomhaft du selbst. Unfaßbare Macht, Die du das Weltall beseelst. Sei Helferin mir. Daß ich der Liebe Teilhaftig werde. Die aus dem Urquell Alles Erschaffenen strömt! Die Spitzederin. Ein Lebensbild aus Großvaters Zeit von Julius Kreis. In der Schönfeldstraße in München, ganz nahe am Englischen Garten, steht ein wohlhabiges altes Biirgerhaus. In der sonst so stillen Straße ist heute, am Samstag abend, am letzten Septembertag des Jahres 1871, alles auf den Beinen. Köchinnen stehen unter dem Haustor in kleinen Gruppen beisammen und haben es kreuznotwendig mit Erzählen. Handwerksleute, Kindermadeln, Bummler, Packträger, stehen vor dem Hause, und ein kleiner dicker Herr in speckigem Bratenrock und schiefsitzender Brille schreibt emsig allerhand in sein Rotiz- büchl. Der Stadtgendarm patrouilliert auf und ab, und wenn ein Metzgerwagl in scharfem Trab um die Ecke biegt, dann ruft er väterlich: „Aufg'schaugt!" Hinter den Fenstervorhängen der Nachbarhäuser schaut die Frau Hofrat, die Frau Professor, die Frau Stabsoberapotheker, zu dem Haus Nr. 9 hinüber, reibt das Stangerlaugenglas blank und schaut und schaut — genau wie ihre Köchin — aber man kann sich doch nicht so unter die Türe stellen, net wahr! — Buben und Mädel haben die Köpfe im Genick und bewundern die Pracht, die da an der Hausfassade angemacht wird. Von Fenster zu Fenster schlingen sich Girlanden aus Tannenreisig — weißblaue Bänder hängen herab, Herbstblumen brennen vor den Fenstersimsen, und über dem Tor prangt eine Niesen- tafel, und auf hellblauem Grund mit goldenen Buchstaben steht: Herzlich willkommen der edlen Wohltäterin! Der Wagner-Seppl, der Packträger, gibt unter Leitern stehend die letzten Anweisungen. Droben turnen ein paar Männer herum. Arbeiter aus der Dachauer Lederfabrik in Giesing, die noch ein paar Fahndln festmachen: ihre Weiber unten haben die Schürzen noch voll von Gewinden und Blumen, die man nicht mehr brauchen kann. *) Mit Genehmigung de« Verfassers aus den „Gesammelten Dichtungen". Gegen Abend kommt ein Mensch in vornehmer Livree daher, die SUber knöpfe blitzen nur so von dem blauen Rock. Der Mann prüft die geschmückte Front, nickt beifällig und nimmt die Dekorateure, die Frauen, den Wagnerseppl, mit in die Wirtschaft „Zum Wilhelm Teil", und weil's gleich ist — die paar Hausknechte, die noch herumstehen, die Köchinnen, ein paar blaue schwere Reiter, der dicke schwere Herr mit dem Notizbüchl und der Brille — sie alle können auch mitkommen zu Bier und Braten und Leberknödln, laßt's Euch nur nix abgeh'n, Leut! Die Madam Spitzeder zahlt alles! Heit woll'n mir eine kleine Vorfeier halten für den Einzug morgen. Wirt, leg' noch ein Faß! auf! — Geht's nur rein, Leut, sagt der Blaulivrierte zu ein paar Gaffern, die sich zwischen den Föhren am Wirtshaustor neugierig drängen. Geht's nur rein ! Heut seid's a'mal frei! Weil die Madam Spitzeder einmal so is! Weil sie ein Herz für's Volk hat! Es geht hoch auf im „Wilhelm Tel!", die Köchinnen wischen sich nach den Würstln das Maul und verschwinden. — Die Gnädige wartet schon. — Der dicke kleine speckige Herr — „Herr Doktor" sagen sie zu ihm — steht mit einemmal auf dem Stuhl — wankt ein bissel, derfangt sich aber wieder und hält eine Rede: „... Und so wollen wir also, liebe Mitbürger, in unauslöschbarer Dankbarkeit bem Engel in Menschengestalt, welcher morgen in dieser Gasse sein Domizilium aufschlagen lvird — ein dreifaches, kräftiges Vivat hoch Madam Spitzeder ausbringen. Sie lebe hoch — hoch — hoch!“ Die Krüge stoßen zilsammen. Musikanten sind schon da. — Sie sind wie Fliegen, wo sich was rührt, da haben sie's gleich raus. Der Blaulivrierte "schreit: „Si is' recht, Musikanten. Ausg'spielt! Laßt's euch Bier geb'n und was z'Essen. Die Madam Spitzeder zahlt's!" Und aus Trompete, Horn und Klarinette schmettert und pfeift ein „Bayrischer" durch die niedere Wirtsstube, und der Wirt, der Hansl, die Kellnerin —sie reiben sich die Hände — die Trinkgeldsilberzwanziger fliegen heut nur so. Die Spitzederin zahlt's. Mei' Mensch, muaß dö Geld hab'n! — Spät noch kommen ieder- hösige Dachauer Bauern herein. Sie haben ihr Gäuwagl eingestellt und jeder haut gleich einen Sack voll Silbergulden auf den Tisch. ,— Sie wollen morgen die ersten sein, die sich bei. der Spitzederin im neuen Haus einlegen. Damit sie nichts versäumen, übernachten sie. „Ein Zimmer, Wirt, für die Vattern! Die Madam Spitzeder zahlt's!" Die schweren Reiter rasseln davon, den Köchinnen nach, die jetzt im Dunkel der Nacht, im Englischen Garten noch den küchenheitzen Kopf ein wenig kühlen wollen. * Die Mali von Hofrats sitzt mit ihrem Schorschl auf dem Bank! nicht weit vom Monopteros. Es ist schon herbstlich kühl, aber die beiden spüren — wohlgeborgen im dunklen Schoß der Nacht — nichts von Herbst und Küble. Zwischen Kuß und Kosen flüstern sie als praktische Menschen über die „Aussichten". Der Schorschl ist als „Zivui" Schank- kellner im „Elefanten" zu Rosenheim. Wenn er frei ist, könnte man das Wirtscbastl übernehmen. Er hat ein bißl was von seinen Leuten und die Mali hat auch 500 Gulden auf der Sparkass'! ,,... aber die kommen jetzt raus, die kriegt die Spitzederin! Die gibt im Monat 8 Prozent. Da hab i’ aufs Jahr icho weit mehr als das Doppelte! Schorichl, da waar ma' doch das größte Rindviech, wenn ma's Gerschtl auf der Sparkass' lassat." „Recht hast, Mali!", und in einer stürmischen Reiters Umarmung versinkt Geld und Welt und Prozent in Nacht und Seligkeit. * Der erste Oktober — ein Sonntag — ist trüb. Es nebelte vom Englischen Garten her. Die Gassen liegen leer und verschlafen an diesem Vormittag. — Bon der Ludwigskirche her läutet das Amt aus. In der Schönfeldstraße aber drängen sich vor dem Haus Nr. 9 die Menschen. Heut schaut die Frau Professor und die Frau Hofrat schon ganz offen vor aller Welt heraus. Beim „Wilhelm Tel!" stehen sie auf Hockerln, um besser zu sehen. Arbeiter, Handwerker, Bauern, Weiber und Damen — sie warten — warten — auf sie. Auf Sie! — Im Herbstwind flattern die Bänder. — Buben stehen Spähe am Ludwiqsstraßeneck. — Einer prescht herauf: „Sie kemma, sie kemma!" Aber noch ist's nicht Sie. Eine Kutsche rollt heran. Zwei Bediente und der Packträger, der Wagnerseppl, heben schwere eiserne Kisten heraus und schleppen sie durchs Tor. Alle Hälse recken sich, durch bte Köpfe geht ein Wallen: „Ah! Dös Geld! — As Geld!" Drinnen im Haus klappert und klingt es silbern. Die Bedienten scheppern mit den Silbergulden herum. Roch sind Aug und Öhr den entschwundenen Geldkrsten zugewandt — ba--Bubengeschrei! Pferdehufe klappern. Vierspännig fährt der Wagen vor. Die Hüte fliegen von den Köpfen. Die Musik fallt schmetternd in einen Marsch. Hoch, hoch! Vivat hoch, Spitzederin l Der kleine, dicke, speckige Herr, der Doktor, schreit, daß ihm bte Halsabern schwellen. Die Mütter heben ihre Kinber hoch — Bilden sitzen ihren Vätern auf der Schulter. Mäderl im weißen Kleid streuen - 202 Blumen vor's Tor, und das Annerl vom Zimmermann Pletschacher hält in beiden Fäusten einen Riesenstrauß. Aus dem Wagen steigt — von des speckigen Doktors Hand gestützt — eine schlanke Dame in hochgeschlossenem schwarzsamtenen Kleid. Auf dem kurzgeschorenen krausen Haar wippt das Kapotthütchen, die dunklen Augen gehen rasch — zupackend, erfassend über die huldigende Menge —■ schließen sich einen Augenblick, und auf dem bleichen Gesicht ist ein Lächeln — Erfüllung! — Freude, Hohn, Hochmut, Triumph. Adele Spitzeder genießt diesen großen Augenblick ihres Lebens. Wie sagte sie vor ein paar Jahren zu dem Hausknecht vom Hotel Munkert, als sie — immer in der Klemme — voll Schulden vom Theater in Zürich zurück — ein Dachzimmerchen bewohnte: „Es kommt noch der Tag, wo Adele Spitzeder eine Rolle in der Welt spielen wird!" — Der hatte damals über die „drapfte alte Jungfer" gelacht. Da stand nun der dumme Stoffel. — Sein Gesicht hatte sie aus vielen heraus gesehen — und er riß wie die andern Aug und Nase auf und schrie Bivat! — Aber eines fesselt die Leute vor allem: Das große, große diamantenbesetzte goldene Kreuz auf ihrer Brust. Die Bauernweiber flüstern ehrfürchtig davon. „Wie der Bifchof! — Naa, der Papst kann kein größer's ham!—A so fromm! Kaum zum glaab'n! Ä solchas Kreuz, Hanriederin. Schaug her: so groß!! Hoscht as g'secha!" Das war Adele Spitzeder! — Hinter ihr ensteigt dem Wagen mit hohem Lui de Paris und kostbarem Spitzenschal ein stupsnäsiges Frauenzimmer, das seine blanken Augen geschwind, frech und lustig über die Menge schickt. Hoheitsvoll schreitet Adele Spitzeder über die Blumen durchs Tor, hoheitsvoll, leutselig lächelnd winkte sie mit der Hand ihren Dank. Hinter ihr Diener und Dienerinnen, die durchs Spalier stolz wie Edeldamen und Ritter schritten, zum Haus gehörig und in den Taschen klimperten die Gulden, und neidvolle Augen folgen ihnen durchs Tor. Wer da mit diesem Haus des Reichtums sein dürfte! Die Glücklichen! — Der speckige kleine „Doktor" schließt die Flügel. Spät abends sitzt er in seiner Dachkammer und dichtet an einem Flugzettel, der morgen zu Tausenden ins Land flattern soll: Du Menschheitsengel, der du kamst, dem atmen Volke aufzuhelfen ... Die Frau Hofrat hat sich von ihrer Mali noch nach dem Essen in der Küche allerhand erzählen lassen. Was man halt so sagt! — Die Frau Hofrat ivar sonst durchaus nicht dafür, sich in der Kuchl mit den Dienstboten zu unterhalten. Heut aber sitzt sie doch auf dem Küchen- hockerl und hört beim Geschirrklappern gierig zu: „Was man halt so sagt! — Net wahr! Alle Leut geb'n ihr das Geld in die „Dachauer Bank". Es is ja oans dös größte Rindviech, der wo sei' Gerschtl net hintut, Frau Hofrat! — Acht Prozent im Monat! — Und da gibts gar nix: A' so wohltätig is' de Madam Spitzeder — bei meiner Bas'n ihran Deandl hat's oa G'vatterin g'macht und in Haidhausen und in der Au hoaßt jedes zwoate Madl Adele. 100 Gulden hat's meiner Bas'n als Göd'ngschenk geb'n! 100 Gulden! Was sag'n <5’_ da, Frau Hofrat! Und grab a’ so g'scheppert hat as Geld, wia sie 's neitrag'n Ham! — As Kreuz hätt'n S' halt sehng soll'n — as Kreuz! Ganz auf und auf von Gold und Diamantna! Sie, ma' sagt, sie taat a’ ganz Kircha stift'n — so fromm is! — Oa sag'« freili anders aa, i’ mag's gar net sag'n, Frau Hofrat, d' Leut san ja bös: Dös Mensch, wo bei ihr is — dö waar ihra Schatz —• naa so was dumm's!! Ham S' a' scho so was g'hört, daß oane a’ Frau'nzimmer als Schatz hat, Frau Hofrat. — Und a’ Schauspielerin is aa amal g'wen z'Zürich hint' oder wo! Aber dös san Verlenmdungen! D'Leut'san'ganz narrisch. A' so o'g'feiert Ham sie 's schon beim Einzug, daß's ganz aus is! — Und i sag's aa, Frau Hofrat: Sie is wirkli a Wohltäterin von der Menschheit. — Denka S': Acht Prozent im Monat! —" Die Frau Hofrat nimmt die Schublade au? dem Geheimsekretür und zählt —- bei abgeriegelter Tür — die Banknoten und Gulden vor sich hin. — Durch lange Jahre „Schmugeld", von der Haushaltung abgezwackt. dicht Prozent! Sie will es doch heimlich — vielleicht durch die Mali — der Spitzederin geben. Heilige Mutter Anna! Wenn's in einem Jahr doppelt so viel wär!! — Ihr Hofrat darf um Gotteswillen nichts davon wissen! Wo er doch erst gestern so auf die Schwindelbanken geschimpft und im Ministerium sogar eine „Warnung" davor ausgearbeitet hat! Aber was verstehen Mannsbilder von solchen Sachen......! Nicht weit weg von Adele Spitzeders Haus und Bank ist das Gasthaus „Zum Wilhelm Teil". Es gehört der „Privatiers und Realitätenbesitzerin" Spitzeder. Sie hat es gekauft, um ihren Bankkunden Unterkunft zu geben. Auf dem blanken Messingschild des Hauses steht zwar: Sprechstunden von 1—2 Uhr. Indes schon um 5 Uhr morgens ist die Schön« feldstraße belebt wie ein Marktplatz an Kirchweih. Bor dem „Wilhelm Teil" stehen ländliche Gauwägerl und Scheserl, und der Hansl hat alle Hände voll zu tun, die Gäule in dem kleinen Stall unterzubringen. Wer z'erscht kimint, mahlt z'erscht. Die andern soll'n ihr Fuhrwerk in der Stadt unterstell'n! Die Bauern in Lederhosen und langen Rohrstiefeln hocken Ellenbogen an Ellenbogen auf den Wirtsbänken in der Stube und löffeln ihre Brennsuppe, zwischen den Knien den Sack mit Silbergulden und Dukaten, dicker Qualm liegt in dem Raum. In der Kuchl scheppert das Geschirr. Der Anger- Wastl von Kollbach hat schon die zweite Maß um 6 Uhr früh. „Alles hau i' raus aus der Sparkass' z' Pfaffahofa, nix mehr bleibt drinna! Alles kimmt zur Spitzederin. Schaug her!" Mit beiden Händen lupft er den schweren Guldensack. ,,J' hob a'mal Vertraua zu ihr, und wenn ma' was voliarn, na’ macht? aa nix, mir han' scho' mehra volorn!" —„Recht hoscht, Wastl! A so is!" Bäuerinnen nesteln aus ihren dicken Unterröcken Geldkatzen und Wertbriefscheine heraus und zählen nach. „Wenn's mi' no grad heut o'nimmt! I' kimm jetzt scho' as brittemal eina und nia bin i' zuawo kemma!" „Hoscht as g'hört: Der Moar vo Unterdrück is auf der Gant! D' Sparkass' z'Freising Hot eahm d' Hypothek aufkünd't und an Beicht! z' Aufhausen aa und an Gori vo Peterskircha! Weil s' koa Geld mehr Ham, de Sparkass'na! Weils a jeder raustuat und da Spitzederin zuari bringt. Mir Ham dös insa aa raus!" Immer mehr Leute drängen zur Stube herein. Handwerker, die ihr Erspartes bei sich tragen und stundenlang die Arbeitszeit versäumen, um „dranzukommen", Marktweiber, Gemüsfrauen, Köchinnen, Milchträgerinnen, Kopf an Kopf steht alles in der Stube. Draußen vor dem schweren, geschlossenen Tor des Spitzederhauses hocken die Einleger am Randstein, drängen sich in Klumpen gegen die Manern, ein altes Mutter! in dünner Mantüle hält ängstlich ihren Geldbeutel mit den 50 ersparten Gulden in beiden Händen, die Mali von Hofrats ist auch mittendrunter mit ihren 500 Gulden. Eine Gärtnersfrau von der Au hat das Geld im Schurz, Banknoten, Silber- und Goldstücke, wie man Erdäpfel oder Kohlrabi trägt — Ein Bäckerbub — den Korb mit Semmeln auf dem Kop, — schreit mit seiner hellen kräftigen Bubenstimme: „Spitzederiemmeln! Frische Spitzedersemmeln!" Aus dem Sack eines Bauern quiekt ein Schwe ndl, die Mo^erin von Erlbach hat im linken Arm einen Hafen voll Gulden, im rechten einen Hafen vo.> Schma z —Al'es, alles gehört der Spitzederin. Endlich schlägt'? von den Kirchtürmen 8 Uhr. Das Tor geht auf. Ein r'esenhafter Portier in blauer Uniform drängt die Einstürmenden mit Rippenstößen und Puffen zurück. „G'scherte Rammi! Kinnts net warten, ös Bauernfünfa I No oama! druck a so du Herrgotts« dn, nachha hol >' aber an Ochsenzemzem ..." Heut ist's aber auch zu arg! — Wo sie nur herlamen, die Leut! Da kriecht einer verstaubt und verdreckt hinter einer Bank im Hausflur heraus — triumphierend grinsend, daß er die Nacht über dort verbracht, um vorne dran zu sein, einer kommt aus dem Garten, taunaß, blau« gefroren, der Hausflur ist gekeilt voll Menschen, von der Straße her drückten sie nach. — Mit aller Grobheit kann der Portier nicht mehr Herr werden. — Da steht auf der Treppe mit einemmat sie selbst: Adele Spitzeder, das goldene Kreuz auf der Brust. Schneidend gellt ihre Stimme durch den Flur: „Macht, daß ihr sortkommt mit euerm Geld!" — Keiner wankt — keiner weicht! „Mir gehat'n scho', gnä’ Fräuln," ruft einer, „wenn ma' nur unser Geld o'bracht hätt'n!"— „So steckt's euch in die Nasenlöcher, ihr dummen Mopsgesichter." Alle? lacht. Ein Weib drängt sich aus der vorderen Reihe zur Treppe hinauf. Sie fällt vor Adele Spitzeder in die Knie, küßt ihr den Kleidersaum und bettelt, den Guldensack erhoben: „Gnä' Fräul'n, nemma Sie's — i kriag sunst Schläg' vo' mein Alt'n, wenn i's wieder hoambring!" Andere strecken die Mllchkübel emvor: „Gnä' Fräul'n, meine Obligationa nemmad's glei! Mir müass'n d'Milli austrag'n! I' Han a's Wagl ei'gstellt! Mei' Zug geht!!" Hundert Hände strecken sich Adelen entgegen, wollen ihr Kleid fassen. Hoheitsvoll wendet sie ihnen den Rücken und schreitet die Treppe hinauf. Der Portier und zwei Diener aus den Kassenräumen puffen die Rachdrängenden zurück. Klaaend hallt es nach: „Wir braucha ja koane Wechsel riet — mir könna ja d' Wechsel a andersmal hol'n!" Allmählich kommen sie nacheinander zum Zug. Linker Hand ist das Zimmer für die Annahme der Kapitalien. Durch eine eichene Barriere ist der Raum so geteilt, daß gerade Mann hinter Mann defilieren kann. Ein Blaulivrierter hält Ordnung. Ueberall an den Wänden grüßt die Spitzederfche Devise: Tue recht und scheue niemand! * Rechter Hand vom Flur ist der Nuszahlraum, da staut sich dis Menge der Zinsheischenden, da sind auch ein paar Dumme, die ihr Glück mit Füßen treten, die ihr Kapital zurüüholen, ihren Wechsel präsentieren.' Drei Zahlmeister sind mit den Leuten beschäftigt. Wer sein Geld hat, ichreibt Summe und Namen ins Quittungsbuch. Drei Kreuzl tuns ' auch, meint der Moosrainer. Drüben im Einzahlungraum schreibt der Schreiber die Einleger in ein Buch: Namen und Einlage. — Ist zu viel Andrang, bleibt die Einlage weg. — Man sieht'? ja so aus dem Wechsel, den der Kerl kriegt. Das ist die Buchführung von Adele Spitzeder. (Schluß folgt.) Friedrich der Regent. Don Leopold von Ülanfe (Schluß.) Don den auswärtigen Angelegenheiten überließ er die, welche mehr rechtlicher Natur waren, den Ministern: die Leitung der anderen behielt er in eigener Hand. So viel Argwohn legte er gegen fremde Verschwiegenheit an den Tag, daß es für den Llmgang mit ihm als eine Regel galt, sich zwar übrigens ohne Zwang zu bewegen, vertraulichen Mitteilungen aber lieber auszuweichen. Auch er selbst aber war gegen alles auf der Hut, was sein« älmgebung ihm sagen mochte. „Wenn wir uns jedem Gespräch hingebeiy das irgend jemand mit uns anfängt, darauf hören, wovon man will, daß wir es — 203 — hören, uns in zweifelhafte Derbindungen einlassen, so kann dies leutselige Wesen schlimmere Folgen haben als die Hartherzigkeit. Von Anfang an habe ich meiner Umgebung zu zeigen gesucht, daß sie bei mir durchs Ränke und falsche Berichte nichts gewinnen wird, daß ich ein Mann bin, um die Dinge selber zu sehn, und unerschütterlich in den einmal gefaßten Planen. Gutmütigkeit mutz mit Festigkeit vereinigt fein; der Fürst muß sich mit braven und ehrlichen Leuten umgeben; für sich selber gewinnt er damit wenig, aber alles für das Wohl des Staates/ Es mag sein, datz ihm auch darum für seinen persönlichen Umgang Fremde am liebsten waren, weil sie keinen Zusammenhang mit kleinen einheimischen Interessen hatten. Soll die Monarchie eine Wahrheit sein, so müssen die Regionen, wo die Entschlüsse gefaßt werden, von allem fremdartigen Einfluh frei bleiben; der höchste Wille mutz sich nur auf das Wesen der Dinge richten. An den französischen Zuständen fand Friedrich nichts widerwärtiger und schädlicher, als das Äuseinanderstreben der verschiedenen Minister, deren jeder seine besonderen Rücksichten habe, seinen besonderen Vorteil suche. „Sowenig", sagt er, „wie Rewton fein System in Verbindung mit Leibnitz und Cartesius hätte zustande bringen können, sowenig kann ein politisches System gemacht und behauptet werden, wenn es nicht aus einem Kopfe entspringt; und das mutz der des Fürsten sein; Minerva mutz aus dem Haupte Jupiters hervorgehen. Don dem, was er selber gedacht hat, mehr durchdrungen, als von dem Gedanken anderer, wird er all sein Feuer an die Erreichung eines Zweckes sehen, der zugleich die Eigenliebe in Anspruch nimmt. Finanzen, Politik und Militär sind unzertrennlich. Richt der eine oder der andere dieser Zweige mutz gut verwaltet werden, sondern alle zusammen. Sie müssen zu- sammenwirken, wie in den olympischen Spielen die Rosse vor den Wagen, die mit gleicher Anstrengung die Rennbahn durchlaufen und dem Lenker den Preis verschaffen." In Hinsicht der Finanzen und des ganzen inneren Regie- rungsshstems folgte er, wie wir wissen, dem Vorgänge seines Vaters, dessen Bild und Andenken ihn unaufhörlich begleitete. In dem Vater erscheint die Selbstherrschaft noch als Eigenwille, mit der Rauheit und Gewaltsamkeit des siebzehnten Jahrhunderts, verbunden mit einer Religiosität, die eine pietestische Ader hatte, der Idee einer allgemeinen Ordnung im deutschen Reiche sich auch dann fügend, wenn diese unbequem ward. In dem Sohne lebt dagegen seit der ersten Jugend ein lebendiger Trieb persönlicher Ausbildung: er begreift die Wissenschaften mit dem doppelten Eifer eines Autodidakten; von der Religion hält er nur die allgemeinsten Grundsätze fest; das Reich erkennt er an. inwiefern es Rechte gewährt, nicht inwiefern es Pflichten auferlegt. Der natürliche Gegensatz, worin sie sich befanden, führte einst zu jenen Konflikten, welche die Augen der Well auf den preußischen Hof lentten. Hätte Friedrich Wilhelm wirklich, was er nach den alten Berichten beabsichtigt haben soll, den Sohn hinrichten lassen, so würde der Staat, den er aufrecht- ethalten wollte, vielmehr in Gefahr geraten sein, sofort wieder umgestürzt zu werden. Er hätte einen geistigen Selbstmord begangen: oder vielmehr, wenn der Ausdruck erlaubt ist, das eine Janushaupt hätte das andere erschlagen. In allen wesentlichen Dingen zeigte sich eben dieser Sohn als der wahre Fortsetzer des Vaters; an ihrem . Beispiel sieht man, wie ein Zeitalter sich aus dem anderen entwickelt, zu gleicher Zeit Identität und Verschiedenheit möglich sind. Rur Weiterbildung ist die rechte Fortsetzung. Zur Gründung gehört ein noch von der älnwillkür- lichkeit des ersten Antriebes umfangener starker und rücksichtsloser Wille; die Durchführung fordert eine selbstbewußtere und umsichtigere Tatkraft. Städte des Ostens. Von Josef Ponten. II. Die schön gewachsene Stadt'). Das ist Moskau. (Es liegt auf der Breite von Kopenhagen und auf der Länge von Damaskus, also weit nach Norden und Osten hinausgeschoben, und von Petersburg etwa so weit wie Aachen, München, Königsberg von Berlin.) Ist Petersburg jung, so ist Moskau alt; ist jenes einheitlich streng und mit bewußtem Willen angelegt und sozusagen hin- gelegt, so ist dieses malerisch kraus und bunt und sozusagen triebhaft erzeugt und gewachsen. Jenes bauten die Kaiser, dieses bas Voll; jenes ist kunst- und planvoll gemacht, dieses ist organisch inib fast vegetativ geworden. Jenes ist klassisch (nicht nur, weil es klassizistischen Stil hat), dieses ist romantisch. Auch Moskau erinnert an Rom (aber auch an nichts anderes, höchstens an Städte seiner eigenen Eltern- und Schwesternschaft, an Byzanz und Kiew). .Und ist auch wie Petersburg etwas völlig Eigenes. *) Vergleiche Familienblatt Nr. 47 vom 12. Juni. Seine geographische Lage ist, wie die Roms durch Nichts Besonderes ausgezeichnet und bedingt, es liegt wie Rom an einem Flüßchen (was man in Rußland Flüßchen nennt), der Moskau (doch deutsch nennt man den Fluß wie der Russe Fluh und Stadt nennt: Moskwa). Die Moskwa hat die Breite der Elbe bei Wittenberg; sie fließt an der Stadt vorbei und gar durch sie hindurch mit derselben, sozusagen Beziehungslosigkeit wie der Tiber an und durch Rom. Und wie dort auf einem nicht besonders hohen, immerhin dem ausgezeichnetsten Hügel, dem Palatin, das älteste Rom entstand, so hier auf dem Kreml- Hügel das älteste Moskau. Der Kreml ist (man weiß es, es ist ein Dogma, aber man darf es glauben) einer der wenigen ohne Rest befriedigenden! Architellurplätze der Erde. Man muß ihn schlechthin vollendet nennen. Selbst gewisse Langweiligkeiten, wie Arsenal und Gericht in ihrem allzu trockenen Stil, scheinen nötig in diesem sinfonischen Steinrausch, als Ruheflächen, in diesem Architetturgebirge sozusagen als Rullpunkte. And der Kreml ist gewachsen, ein sinnfälliges Stück Architekturgeschichte, eine Musterkarte der historischen Stile. Die rote, gewaltige Ziegelmauer mit ihrem Dutzend Türmen ist von italienischen Baumeistern und im Stil nord- italienischer Frührenaissanee errichtet (Erinnerungsbilder lombardischer Städtchen tauchen auf), ein Bolognese erbaute die älteste und heiligste der vielen Kremlkirchen, die Uspenskikathe- drale, allerdings in byzantinischem Stil. Byzanz-Moskau als Architekturprinzip schwelgt in sakralen Steinbauten; es sind da Klöster im echt russischen, selbständig gewordenen Rationalstil ebenso wie das alle Schloß im Gewände der russischen Bojarenzeit; es fehlen nicht die Palastbauten im Geschmack der künstlichen (doch nicht zu schmähenden) Münchener Romantik der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert und in ihnen die kaiserlichen Geschmacklosigkeiten, wie sie um die Wende des Jahrhunderts die letzten Kaiser anscheinend auf ihr Gewissen und ihr historisches Bild laden mutzten. Der Kreml ist Moskau und Rußland. Petersburg ist weltlich und zarisch der Kreml zarisch und geistlich Der Kreml birgt zwischen dem „Großen Johann" genannten Glockenturm und den drei oder vier Kathedralen einen Platz von einer Schönheit, daß der auf ihm Weilende im himmlischen Raum sich fühlen muh, ob er auch ziemlich eilig und begleitet über ihn dahinzugehen genötigt wird und rote Soldaten neben einem Park modernster Feldgeschütze ihn an den Ernst der politischen Sage auf der Welt und namentlich in Rußland erinnern. Und über grünen Dächern der Wehrtürme und Schlotz- bauten die vielen vergoldeten Kirchenkuppeln — das ist eins von den wenigen großen Bildern auf der Well, die schon deswegen unvergleichbar sind, weil es sie nur das eine Mal gibt! Und nun die Stadtgeschichte — man kann sie fast ein Stück Naturgeschichte nennen. Dor dem Kreml liegt der Rote Platz (schon in der Zaren- zeit der roten Kremlmauern wegen so genannt), auf ihm heute das vorläufig in Holz errichtete monumentale Grab Lenins. An der einbalfamierten Leiche des kleinen Mannes, die in Straßenanzug und Sportmütze wie Schneewittchen im Sarge von Glas liegt, kann man zur späten Abendstunde, nachdenllich und stumm, vorbeidefilieren. Aber auf dem Platze gegen den Abhang zum Flusse hin steht die Wassily-Dlashenny-Kathedrale. Das vielleicht merkwürdigste Stück Architektur der Welt! Eine Gruppe von selbständigen, doch in ein Gebäude gefaßten turmartigen dunkeln Kathedrallapellen, um die mittelste höchste geschart, letztes, nicht mehr überbietbares Hinaustreiben der byzantinischen Kuppel- kirchenidee mit ihren finsteren Abräumen, kunstgeschichtliche Herkunft dem Eingeweihten zwar verratend, aber übernommene Bauelemente folgerichtig entwickelnd, als Bauwerk völlig selbständig, von Johann dem Schrecklichen bestellt und von russischen Baumeistern in einem echteste russische Form atmenden Rationa^ stil aufgeführt, türmig, kuppelig, baulich gediegen und malerisch bunt, paneliert, facettiert, geschuppt — unbeschreiblich! Kaum noch. Architektur, schon fast Vegetation! Unter dem Schutze der Kremlmauern, an den Kreml auf der Lands eite angelehnt und doch felbst mit weihen Mauern befestigt, liegt der innerste Stadtteil, tatarisch KUai Gorod, die Feste Stadt geheißen. Auch Gorod, Stadt schlechthin. Basare, Börse, Handel und Verkehr, auch Kirchern Run legt sich um Kreml und „Stadt" in Wellern Bogen Bjely Gorod, die weihe Stadt. Darin die össentlichen Gebäude, Museen, Theater, Klubs, Klöster, Gesandtschaften, Findelhäuser. Wohnviertel, hier und da in Gärten auch die ehemaligen Stadtquartiere des Adels. Llnd Kirchen, Kirchen. Um die Weiße Stadt, das eigentliche Moskau, deren ehemaligen Mauerring wie in den meisten allen Städten heute der Zug der Boulevards bezeichnet, im Dogen mit noch größerem, sehr großem Radius Senrljanoi Gorod, die Erdstadt, die ihren Namen hat von einem Ring von Erdwällen, der heute k«m zweiten äußeren Boulevardring Platz gibt. Schon im 17. Jahrhundert vom ersten Romanowzaren wurde dieser Stadtrmg angelegt, denn Moskau war bereits Großstadt, als es deren noch wenige in Europa gab. Und schon im 18. Jahrhundert, als das fritzische Berlin nicht mehr Fläche bedeckte als heute eine Kreisstadt, wurde em 204 neuer Ring von vier bis fünf Kilometer Radius um das Stadtgeb ilde geschlagen, ein Wall gezogen, in dem die Schlagbäume au den ausfallenden Straßen standen, der Ring der Vorstädte, die drei Viertel des Flächenraumes Moskaus belegen. So wuchs, in Jahresringen, Jahrhundertringen, wie ein Daum die Stadt. Moltke hat recht, „russisches Rom". Ein halbes Tausend Kirchen hat Moskau wie Rom. Es liegt auch auf einer Ansammlung von Hügeln, wie die römischen im Stadtganzen nicht immer leicht auszumachen. Aber es ist bedeutend großer als Rom. Hatte dieses vor dem Kriege eine halbe Million Einwohner, so zählte Moskau weit über anderthalb, und heute mögen es mehr als zwei Millionen sein. Rirgendwo in der zivilisierten Welt dürfte die Wohnungsnot so groß sein wie in Moskau, der Wohnraum wird den Personen nach Geviertmetern zugemessen. Denn der Rätestaat ist in Moskau konzentriert und zentralisiert. Die öffentlichen Gebäude, die in Petersburg leer stehen, schone Ruinen, fehlen in Moskau oder reichen für den riesigen Ämtsbedarf nicht aus; in Banken, für die man naturgemäß keine Verwendung mehr hat, und in Warenhäusern, die ausgeräumt waren, sind die Ministerien (Kommissariate) untergebracht. Es sieht alles nach Behelf aus. Ist Petersburg still, über seine architektonische Aufwendigkeit still, so ist Moskau laut, man meint überlaut. Die Kutscher fahren auf den Straßen, als wären sie in der Steppe, und die Automobile scheinen alle im Wettrennen begriffen. Trotz strenger Straßenzuckt des roten Polizisten schwebt ein deutscher Träumer, Stadtbummler und Himmelsgucker (denn da und dort leuchtet über den Häusern die grüne oder goldene Kuppel einer Kirche) ost in Gefahr. Das Arbeiterkleid beherrscht die Straße, beliebt scheint die Lederjacke des Automobilisten als gängiges Kleidungsstück, die Genossinnen tragen Sportmützen. Man sieht elend zerlumpte Kinder, meist Waisen aus den Hungerjahren, alte Frauen und Männer in Mänteln aus vergangenen Moden, aus den Schränken gegraben, aber es ist auch wieder ordentliches Schuhzeug zu sehen, und Pelzwerk (das in Rußland, obgleich dort nicht billiger als bei uns, kein Luxus ist), und gar das mondäne Dämchen trippelt über die Straße. Im ganzen ein Straßenbild wie in Deutschland in der Inflationszeit. Aber man sieht auch viele Asiaten, Kalmücken, Tataren, Tibeter, Perser — wer kann die Rassen unterscheiden! Die anscheinende Anbekümmertheit des Lebens, die Art zu lärmen und zu schreien, aber auch die außerordentliche Geduld der Menschen, wenn sie warten müssen oder in überfüllten Trams stehen, die offenbare Anbedeutendheit des Individuums im Dolkskosmos, gewisse Gerüche aus offenen Läden und Ladenständen (herrliches Obst aus Turkestan und der Krim stehen zum Verkauf, und die Aepfel geben im Herbst Moskau gar einen eigenen Charaster für den Geruchsinn), alles drängt einem das Wort auf die Zunge: Moskau hat etwas asiatischen Hautgout. Doch genug an diesen Strichen und Rotizen des modernen Lebens zur Veranschaulichung des Stadtbildes von heute — uns beschäftigt ja nicht so sehr das heutige Rußland, das zu erkennen nicht leicht ist und das der Vorsichtige lieber nicht beurteilt, als das ewige Rußland, wie es war und trotz allem geschichtlichen jähen Wandel immer sein wird, der Charakter dieser russischen Hauptstadt, wie er sich durch die Zeiten bildete. And fragen wir, da wir in erster Linie Architektur betrachteten, nun nach dem Besonderen nroskowitischer Architektur oder nach dem Anteil der Architektur am Stadtbild Moskaus, so ist zu sagen: der Kr-ml ist eine architektonische Welt für sich. In ihr iftGroßcs, kanonisch Schönes, wie die schon erwähnte Aspenskikathedrale, die Krönungskirche der russischen Kaiser, russische Stilprovinz und bhzantinische Stilwelt, regiert von italienischer Hand, neben schönbarbarischen Volkstümlichkeiten. Außerhalb der Kremlmauern aber gibt es — außer einigem von Petersburg hierher verpflanzten und Petersburger Züge tragenden, auch hier sehr schonen Klassizismus in Aniversität und Marstall, in Kriegsschule und Stadthaus an der Twerskaja — keine mittel» meerische Kanonik mehr, nur großartigvolkstümliche, luftig- malerische, ziemlich ungefefselte Architektur, soweit Architektur, die strenge, Fessellosigkeit erträgt. Außer der schon erwähnten Wassilhkothedrale am Roten Platz, in der Leidenschaftlichkeit, Phantasie, Ornamentationslust und Farbenfreude ein rauschendes und wildes, aber, man muß es sagen, genial angelegtes Fest feiern, ist die übrige, meist sakrale Architektur der fast zahllosen Kirchen minderwertig, aber sozusagen liebenswürdig-minderiver- ttg ,behaglich-sorglos zusammengebastelt. In diesem Punkt unterscheidet sich das Rom des russischen Katholizismus (außerhalb des Kremls wohlverstanden!) auffällig und durchaus von dem des römischen, wo strenge Architekturgewissen dis in die letzten Kapellen und Heiligtümer waltete. Ein Bausachenlustiger, der zuerst und immer bestrebt ist, in ein Gebäude zu treten, bevor er das Aeichere studiert, um aus dem Innern Zweck und Sinn und darum Sprache und Form des Gebäudes zu erfassen, in Moskau wird er für gewöhnlich den Wunsch nicht haben. Es ist nicht nötig. Alle diese Kirchen sind im Innern gleich oder ähnlich, dunkle Räume, voll von goldstrahlenden Heiligenbildern und vchriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag Kerzenräuch in mystischer Rächt. Selbst die schönste dieser Kirchen, die rate Mariä-Himmelfahrts-Kirche, die Napoleons Bewunderung so sehr erregt haben soll, daß er sie vor dem Brands schützen ließ, nicht betreten gekonnt zu haben, ist mir kein Schmerz. Sie steht da als malerisches Stück, als fröhliche Augenweide, angerückt an die brausende Geschäftsstraße Marosseika. Tritt man aber doch einmal zum Gottesdienst in eine dieser Kirchen, zum Gottesdienst, der keine Jnstrumentmusik, nur - die menschliche Stimme zuläßt, sieht und hort den Vorsänger-Popen, der immer ein ausgesuchter Riese und erwählter Bassist zu fein scheint, der mit seiner gewaltigen Stimme die Kuppelhallen bis in die fernsten, finstersten Abräume füllt, so daß das Echo wie ein kleines Gewitter rollt, hort den meist aus Frauen und Knaben zusammengesetzten Chor ihm mehrstimmig antworten (sshr hoch fingen können, scheint sehr schön fingen können zu Heißen), sieht die großartige Würde der Gesten des Popen, die ungeschmälert aus Byzanz überliefert zu fein scheinen, sieht die schimmernde Pracht der Gewänder, mit der die römisch-r Kirche es nicht aufnehmen kann, die ehrwürdigen, alten, weißbärtigen zelebrierenden Popen mit Gottvater-Goldkronen auf den greifen Häuptern durch die selten geöffnete Bilderwand schreiten, hinter welcher der Dienst, Volk- und gleichsam weltentrückt, sich abspielt, sieht die bilderküsfende, kniefällige, die Erde mit der Stirn berührende Inbrunst der Gläubigen, sieht die vielen feiervollen Segnungen, Lossprechungen, Weihungen, die jeder Gläubige an sich vollziehen lassen kann, sieht die Kirchenprozefsionen mit den uralt-heiligen Mirakelbildern, diesen ganzen feierreichen Gotter- und Göttinnendienst —, dann kommt man wohl zu dem Schlüsse, daß der auf sinnliche Wirkung gehende Katholizismus nicht in der römischen, sondern "in der griechischen Kirche sich vollendet, jedenfalls die letzten Folgerungen aus seinem Wesen gezogen hat. Das ganze herrliche Heidentum, das Riehsche an der römisch- katholischen Kirche lobte, blüht bis ins Letzte entfaltet in der russisch-katholischen. Die römisch-katholische Kirche hat, wenigstens in den nordischen Ländern, durch eine energische Gegenreformation (ohne die sie freilich bei uns unter gegangen wäre) zuviel an dogmatischem und puritanischem Denken vom Protestantismus angenommen. Rach meiner Meinung. Die Profanarchitektur der Geschäfts- und Wohnteile Moskaus, soweit sie nicht petersburgisch ist (hier in der Vereinzelung dieser meist klassizistischen Gebäude empfindet man recht, daß die Große des Architekturbilbes Petersburgs auf der Vielzahl der Gebäude und der Raumhaftigkeit ihrer Anordnung beruht), ist im modernen, von der beschriebenen Wassilykirche abgeleiteten sogenannten russischen Rationalstil gehalten, der, mit Geschmack an einzelstehenden Monumentalbauten angewandt, gefällig und sogar großartig wirken kann, gehäuft und konventionell gebraucht aber unerfreulich ist und das Aesthetisch-Wüste, das die Stadt in irgendeinem Unfaßbaren hat, verstärkt. And sonst, was die moderne internationale Baukunst mit ihrem albernen Individualismus ohne Sinn für Einordnung ins Architektonische, mit ihrem Dauschuldogma von Stilgerechtigkeit geschaffen hat, ist nicht trostloser als vieles in unseren europäischen Städten und rief in mir die Erinnerung wach an die schlimmst aussehenden europäischen Großstädte, die ich kenne, die auf dem Balkan. And ehe man weiter nach Osten in das weite russische Reich hineinreist, läßt man sich zu einem letzten sammelnden Erlebnis noch einmal von dem Jswoschtschik im blauen, wattierten Kastan und Der .Fellmütze, dem würdevollsten und zugleich besten Kutscher der Welt, im knapp zweisitzigen, von einem flinken Pferdchen öahingerisfenen Wägelchen durch die wahrhaft miserabel gepflasterten Straßen Moskaus fahren. Er aber bringt uns hinaus vor die Stadt, denn noch haben wir das nächst dem Kreml Schönste nicht gesehen, das Simonskloster am hohen Moskwaborde und das Jungfrauenkloster in der ebenen Flußschleife unter den Sperlingsbergen. Die Klöster sind selbst Kremls, nämlich „Burgen". Die Mauern sind rot oder unten im Mauerwerk weiß und die Zinnen und Türme rot gestrichen. Sie haben wohl schon Belagerungen durch die Feinde des moskowitischen Reiches, die Litauer und Polen, zu bestehen gehabt. Drinnen in den weiten Hofen liegen malerisch ungeordnet die vielen Kirchen und Klostergebäude, jedes einzelne architektonisch liederlich gebaut, im ganzen ober sind diese Klosterbauten rechte architektonische Wunder, und ihre Erinnerungsbilder beglücken lange. Die Kirchen mit ihren Dunkelen und strengen Gemälden sind vom kirchenfeind- lichen europasüchtigen Rätestaat als „Museen" eingerichtet (man bezahlt ein Eintrittsgeld) und also wie vieles in Europa petvefakt. Rach Petersburg wiederzukehren begehre ich nicht. Es war ein geschlossenes Erlebnis einer architektonischen Welt, das Erlebnis selbst in uns architektonisch stabil. Petersburg ist seit dem Sturz der Zaren fossil geworden, ein schönes Ziel für Romantiker und Menschen, die den Blick nach rückwärts lieben, eine „schone" Stadt, etwa von der schönen Fossilität Münchens. Aber nach Moskau will ich wiederkommen. Die Stadt lebt und wächst, der Daum ihres Seins wird neue Ringe ansetzen und ihr Gesicht noch andere Masken vornehmen, denn Sowjet i(t, ein Anfang. Moskau ist eine problematische und in einem eigenen Sinne „ewige" Stadt wie Rom und Paris, Städte, die man alle paar Jahre wieder einmal besuchen muß. And es liegt auf dem Wege nach Asien. __ Brühl'schen Anive-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.