Eichener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <926 Dienstag, -en 26. Januar ” Kummer 8 Nachts. Von Joseph Freiherrn v. Eichendorfs. Ich wandre durch die stille Macht, Da schleicht der Mond so heimlich sacht Oft aus der dunklen Wolkenhülle, Und hin und her im Tal Erwacht die Aachtigall, Dann wieder alles grau und stille. O wunderbarer Machtgesang: Bon fern im Land der Ströme Gang, Leis Schauern in den dunklen Bäumen — Wirrst die Gedanken mir, Mein irres Singen hier Ist wie ein Rusen nur aus Träumen. Der Urgroßvater. Humoreske von Max Dürr (Maulbronn). Sie lebten in mustergültiger Ehe, schon ein volles Jahr, und dennoch gab es eines Tages Streit, wenn er auch nicht von De- Mutung war. Es war nämlich damals, als Sodokus erklärte, daß er auf die Jagd gehe, während Praxedis sich gerade an diesem Tage auf das Zusammensein mit Sodokus gefreut hatte. Praxedis war überhaupt auf die Jagd nicht gut zu sprechen, weil Jie der Ansicht war, daß sie zu teuer käme, auch liebte sie eS nicht, wenn Sodokus den ganzen Tag auf den Feldern und im Wald umherstreifte, und sie fühlte sich an den Tagen, wenn er auf die Sag* ging, einsam und allein. Es war dies übrigens selten, denn Sodokus war kein hervorragender Säger. Mur zuweilen kam die Anwandlung über ihn und in solchen Fällen hielt es ihn nicht zu Hause. Sodokus war es damals nicht recht, daß er Praxedis kränkte, und er versuchte es mit SHmeichelworten und gab ihr zärtliche Kosenamen. Dabei dachte er aber doch, wie hübsch es wäre, wenn er heute auf die Sagd ginge, und Praxedis, die eben so klug war als anmutig, sah wohl, daß er ungerne blieb. „So geh doch, Sodokus," sagte sie, „wenn dich die Sagd mehr freut, als die Gesellschaft deiner Frau. Sch halte dich nicht." Darüber war Sodokus niedergeschlagen und zugleich ärgerlich, weil er wußte, daß sie ihn auf diese Weise zwingen wollte, seinen Wunsch aufzugeben, und er erwiderte: „Darum handelt es sich Nicht. Sch habe dir auch gesagt, daß ich zu Hause bleiben werde, wenn du es durchaus haben willst. Allerdings dachte ich auch, es würde dich freuen, wenn ich für die Küche sorgte und einen Hasen nach Hause brächte." Darauf lachte Praxedis hell heraus. „Als wenn du jemals einen Hasen nach Hause brächtest, Sodokus!" „Du bist unvernünftig, Praxedis, und gar nicht hübsch. Sch werde dir zeigen, daß du unrecht hast, und also doch auf die Sagd gehen." „Sch habe dir schon gesagt, daß du es tun sollst," erwiderte Praxedis. „Außerdem weiß ich wohl, daß ich häßlich bin." Somit trennten sie sich unfreundlich und mißgestimmt und Sodo- kt:S verließ sogar ohne Gruß das Haus, was bisher noch nie geschah, seitdem sie verheiratet waren. Mumnehr war Praxedis so empört, daß sie sich in den großen Armstuhl setzte und zu weinen ansing. Dann fiel ihr ein, daß sie noch ein Küchenrezept abzuschreiben hätte, das ihr Anna Maria lieh, und sie trocknete ihre Tränen, wusch sich die Augen, tupfte sich ein wenig mit der Puderquaste und begann, sich in dem rundgeschliffenen Elfenbeinspiegel zuzulachen. Dieses Spiegelbild interessierte sie, sie vertrieb sich damit die Zeit, schnitt ein Schelmengesicht, das Sodokus an ihr liebte und ihn junt Lachen reizte, und machte darauf die schmachtenden Augen, denen er niemals widerstehen konnte. -Unter dieser Zeit gewann sie vollständig ihre gute Laune wieder, und sie überlegte sich, ob sie jetzt das Küchenrezept ab- schreiben oder lieber Sohanna fortschicken sollte, um eine Schachtel Pralines zu holen. Plötzlich kam ihr aber ein anderer Gedanke. — Sch werde Sohanna zum Wildbrethändler schicken und einen jungen Hasen kaufen. Sodokus kommt auf alle Fälle mit leeren Händen. Denn Östlich ist seine Sagd erbärmlich und er treibt überhaupt keinen Hafen auf. Wenn es aber der Zufall will, baß er einen Hasen zu Gesicht bekommt, so kriegt er ihn sicherlich nicht, weil er ein ganz schlechter Schütze ist. Kommt er nun ärgerlich und kleinlaut nach Hause, so werde ich ihm mit einem Hasen aufwarten und das wird spaßhaft sein. Wir werden lachen und uns versöhnen denn es ist mir leid, daß ich ihn gekränkt habe. Das allerbeste (lver ift, vciy -o oboIuS befdKmtt h>irö, er tuirb feine Liebhaberei aufgeben und ein für allemal geheilt fein. ... diesen Gedanken vertiefte sich Praxedis völlig, bis sie horte, daß Sohanna zurückkehrte, vor dem Haus die Schuhe an öem Elsen sorgfältig reinigte und heftig atmend mit ihrem Einkäufe die Treppe heraufkam. Sohanna war ein ungeschicktes und dummes Mädchen und fte sagte: „Wir haben Glück gehabt. Es ist der schönste Hase den ich jemals gesehen habe, und so schwer, wie sonst zwei zu- sammen. Außerdem war es Weitmanns letzter. Weltmann ist gänzlich ausverkauft." erAnckte Praxedis. „Wenn der Hase nur nicht alt ist. Zuletzt bleibt feiten etwas Gutes übrig." Eie ging sogleich zur Küche, um nachzusehen. „Er ist bestimmt sehr alt," sagte sie schon ganz verzagt. Darauf schlug sie der Sicherheit halber das nach, weil es eine schwere und undankbare Sache ist das Alter eines Hasen zu bestimmen. .. Zie fand auch alsbald ein einfaches Mittel: Man darf nur die Probe machen, lassen sich die Löffel leicht einreißen, so ist der Hase jung, lassen sie sich nicht einreißen, so ist er alt Praxedis machte sogleich die Probe. Sie fiel nicht gut aus. «Kff,nra«a!l ">ent Küken, dann an dem rechten Losfel. „Es-ist schändlich," sagte sie. ibr warm wurde, mit aller Kraft. „Es ist abscheulich! Sie zerrte, daß ein ganzes Büschel chaare air ihren Fmgerchen hängen blieb und der rechte Löffel eine häßliche kahle Stelle aufwies. Aber einen Einriß gab es nicht. . . Praxedis kochte vor Zorn. Sie warf bas Tier auf den Boden, auffiel, und begann Sohanna heftig zu schelten ? . £ ftmnen Sie aber so dumm sein?? Soll das ein junger Hase fein s Es ist ein Urgroßvater! — Sie müssen den Hafen wieder SU Weitmann zurücktragen und Weitmann muß das Geld zurückgeben!" ... Aun begann Sohanna zu weinen, weil sie sich vor QBeitmann fürchtete und weil Weltmann ein grober Mensch war, wie jeber- mann wußte. 21IS Praxedis sah, baß mit ihr nichts auszurichten war, entschloß sie sich, selbst zu Weitmann zu gehen, und Sohanna trug den Hafen an den Löffeln hinter ihr her. Praxedis war nicht nur eine kluge und sehr hübsche Frau, sondern sie war auch mutig. z ,. Da Weitmann sich weigerte, den Hasen zurückzunehmen, sagte fte ihm ins Gesicht, daß es Betrug und strafbar sei, einem unerfahrenen Mädchen einen Urgroßvater aufzuhängen. Darauf riß Weitmann dem Mädchen den Hasen aus der Hand, schleuderte ihn verächtlich in eine Ecke des Ladens und warf bas Geld auf den Tisch. „Aber ich werde Sie wegen Beleidigung verklagen, Madamchen," sagte er. „Es ist gut, daß ich einen Zeugen habe. Sch bin ein ehrlicher Mann und es hat noch, niemand gewagt, mich einen Betrüger zu heißen." Als Praxedis nach Hause ging, war sie froh, weil sie den Sieg davongetragen hatte. Aber nach und nach wurde sie sehr bedrückt, weil sie sich vor der Klage und vor dem Gericht fürchtete. Sie setzte sich in den Lehnstuhl und war voll Sorge und den ganzen Machmittag brachte sie den Gedanken nicht los, daß es eine böse Sache geben werde. Auch dachte sie an Sodokus und was er dazu sagen werde, wenn er erfuhr, daß sie, Praxedis, vor Gericht müßte und in Strafe genommen werde, und sie kam zu der Ueberzeugung, daß sie noch nie in ihrem Leben in einer solch elenden Lage gewesen fei iknd vielleicht sogar eingesperrt werde. Sie begann aufs neue leise zu weinen und weinte so lange, bis es dunkel wurde und Sodokus nach Hause kam. Sodokus toac Vergnügt und stapfte munter die Treppe herauf. Er behielt die kurze Sägerpfeife im Munde und stellte sich weitspurig vor Praxedis auf, mit dem grünen Bergsack auf dem Rücken, aus dem oben ein Paar Hasenläufe herauslugten. Bor Staunen vergaß Praxedis völlig ihr eigenes Leid und ie schlug die kleinen Hände zusammen. „Sodokus, du hast einen Hasen geschossen? Aun sage ich gar nichts mehr." Triumphierend und glücklich lachend warf Sodokus den Berg- ack von den Schultern und schnürte ihn geschäftig auf. „Sieh diesen prächtigen Kerl!" Praxedis war selbst voll Glück und Jubel und sie rannte zur Türe: „Johanna, Johanna, komm schnell! Der Herr hat einen Hasen geschossen!" Sofort schlossen Jodokus und Praxedis eine feierliche Versöhnung, Sie ging schnell von statten, weil Praxedis um Verzeihung bat und Jodokus von jeher großmütig und zum Verzeihen ge- ncigt war. Aber nach einer seligen Sttlnde der Versöhnung wurde Praxedis vlötzlich sehr unruhig, denn es fiel ihr wieder ein, was diesen Nachmittag geschah, und daß sie in eine böse Geschichte geraten war, daß sie vor Gericht gezogen und vielleicht sogar eingesperrt werden könnte. Sie geriet in große Angst, was Jodokus dazu sagen werde.. Als sie endlich scheu und zaghaft alles erzählte, hörte es Jodokus mit großer Aufmerksamkeit an und wurde selbst auch unruhig, aber er schalt Praxedis nicht. „Weißt du bestimmt, daß er alt war?" sagte er. Praxedis war glücklich, daß ihr Jodokus keine Vorwürfe machte. „Ein Argroßvater war es, Jodokus, ein Urgroßvater! Man darf nur die Ohren einreißen, dann sieht man es bestimmt. Wenn er alt ist, kann man sie nicht einreißen. And ich sage dir Jodokus, es ging einfach nicht. Gin ganzes Büschel Haare habe ich ihm ausgerissen, aber cs ging nicht!" Darauf ging Jodokus eilig zur Küche und Praxedis folgte ihm ahnungsvoll. Sie hielt die Küchenlampe, während er die Löffel untersuchte. „Herrgott," sagte er bestürzt, „er ist's!... Der Argrohvater!" Eine Vssuv-Besteigung im Iahxs 1838. Aach einem alten Tagebuch") herausgegeben von Dr. & Walbrach. Den 6. Juli hat der Vesuv den ganzen Tag sehr stark geraucht und es liefen die Gerüchte ein, daß die Brunnen in Nesi na anfingen, kleiner zu werden, was als Vorbote einer Eruption angesehen wird. Den 7. nachm. um 4 Ahr traten wir endlich die erste Leise nach dem Vesuv an, nach der ich lange geschmachtet hatte. Wir hatten ein schönes Schauspiel zu erwarten, da der Berg stärker als gewöhnlich rauchte, und da die Lauchgestalt einer ungeheuren Pinie ähnlich über dem Krater schwebte, welche bedeutend höher war als der ganze Berg. Die Wolken über dem Berge wechselten immer und nähmen immer neue interessante Gestalten an. Wir erreichten Desina gegen 5 Ahr und setzten uns bald gegen den Eremiten zu in Bewegung. Zuerst ritten wir durch schöne Weingärten, hochstämmige Granaten, Aprikosen und Maulbeeren standen am Wege; wir kamen über alte Laven, die vor Menschen- gedenken geflossen sind. Dann gelangten wir zu großen Massen geschichteten Tuffs und Bimsteins, die aus dem Jahre 79 zu sein scheinen. Aach etwas mehr als einer Stunde kamen wir zum Hane des Eremiten, genannt il Salvadore; es ist halb Kirche, halb Wirtshaus, und der alte Braunrock freute sich, daß wir seinen Geldbeutel schwellen machen würden. Er ist ein listiger Fuchs Herobes und dafür überall bekannt, und fein Gesicht beurkundet dies deutlich. Der Eremit rückte einige Flaschen Lacri- mae Christi, etwas Brot und Käse heraus, und dann steuerten wir mit unseren Trägern und einem Soldaten, der sich uns der Sicherheit wegen aufgedrungen hatte, dem Kegel des Vesuvs zu: bald kommt man in eine andere Welt, in eine andere Aatur, wie sie mir seither fremd war. Der Pflanzenwuchs tritt stark zurück, und nur bemerkt man in den großen Lavaströmen, welche sich von dem schroffen Kegel aus in verschiedenen Richtungen erstrecken, einzelne Genisten, welche aus dem rauhen, trodenere Boden hervorwachsen. Links haben wir das halbringförmige Gebirge des Somma, das mit steilen mrd scharf gezeichneten Felswänden begrenzt ist. Zwischen diesem und dem Kegel: das atiio del cavailo, ein enges Tal, welches mit Lavaftrömen ausgefüllt ist, und seiner Form nach einem Gletscher gleicht, welcher zwischen zwei Felsreihen geklemmt ist. Man passiert über die Lavaströme von den Jähren 1779 und 1811, zuletzt kommt man an den großen Strom des vergangenen Jahres. Der Weg vom Eremiten bis zum Kegel ist nicht steil und wenig beschwerlich. Die Aussicht fing an, vortrefflich zu werden, und rot sank die Sonne hinter dem Horizont. Aun kamen wir in die Aschen- Region und 3/4 Stunden lang hatten wir uns mit Mühe und einiger Anstrengung an dem Afchen-Kegel empor zu arbeiten. Man sinkt über die Schuhe in die Asche, und auf den Laven, welche man zerstreut umherli^en findet, hat man feinen festen Tritt, weil diese unter den Füßen wegrutschen. Gegen das Ende der Dämmerung gelangten wir endlich zum Krater; der Mond schwebte freundlich am Himmel. *) Das Tagebuch stammt aus dem Nachlaß eines Verwandten, des späteren Direktors der Frankfurt-Hanauer Eisenbahn Wilhelm Zobel, der 1834 bis 1836 nach Abschluß seiner Studien eine Reise durch Italien und Sizilien unternahm. Außer der hier geschilderten Besteigung besuchte er den Gipfel des Vesuvs noch dreimal, am 14., am 29./30. Juli und am 20. August 1835, wobei er auch Temperatur- und sonstige Messungen vornahm. Wir setzten uns einige Augenblicke auf die Lava, um auü* zuruhen, dann gingen wir wenigstens 400 Schritte weiter an der breiten Kraterwand, bis zu einem Punkte, wo wir das ganze Innere des Vulkans vollkommen übersehen konnten. An mehreren Stellen, an denen wir uns setzen wollten, war es so Heiß, daß wir fürchteten, unsere Kleidungsstücke zu verbrennen. Zuletzt fanden wir einen Ort, der eine angenehme Temperatur hatte, an dem man weder fror noch verbrannte. Wir lagerten uns auf der inneren Seite der nordwestlichen Kraterwand, von dem Mittelpunkte des Hauptkraters, und von dem Sitze der ganzen vulkanischen Tätigkeit etwa 100 Schritte weit entfernt. Obgleich der Vulkan nicht in Eruption begriffen war, so war doch das Schauspiel, welches wir vor uns hatten, eins der großartigsten und prächtigsten, das ich jemals gesehen habe. Aus der untersten Stelle des Kraters kam aus unerforschten Siefen die ungeheure Rauchsäule hervor, welche in Neapel täglich ein Gegenstand unserer Bewunderung war. Die Oeffnung im Berge, durch welche sie strömte, kann etwa so groß sein, daß ein mäßiges Haus darin Platz hätte, gegen 60 Fuß lang und 40 Fuß breit. Doch beruhen diese Zahlen auf keinen Messungen, welche wir nicht machen konnten, da man sich wegen der Dämpfe nicht von allen Seiten gleich gut nähern kann. Die Dimensionen täuschen durch die Größe und Eigentümlichkeit der ganzen Ihn» gebung sehr. Der Ranch stieg einige tausend Fuß hoch mit ungeheurer Schnelligkeit aus der Oeffnung hervor, von einem Geräusche begleitet, welches an das ferne Brausen des Meeres erinnerte; denn war es einen Augenblick still, darauf hörten wir ein unterirdisches Toben, bald das Rauschen an der Oeffnung und eine neue Rauchmasse fuhr in die Luft. Die Gestalt des Lauches glich den Gewitterwolken, doch war sie so abwechselnd und unterhaltend, daß wir stundenlang diesem Schauspiele zu- sahen. Der Lacrimae Christ- schmeckte uns vortrefflich, unsere Anter- haltung war lebhaft, und ehe wir es uns versahen, war die Glocke elf geworden. Der Mond stand herrlich am Himmel und der Lauch wurde magisch beleuchtet; die Nacht war schön und im Höchsten Grab,» mild und lieblich. WaS war zu tun, das unfern Leuten zu sagen, was wir vom Eremiten unten schon lange wußten, nämlich: die ganze Nacht bis zum Aufgange der Sonne im Krater selbst zuzubringen. Nach dem Eremiten herabzusteigen, wäre nicht ratsam gewesen, weil wir nach einigen Stunden den anderen Morgen um 2 Ahr die lästige Arbeit am Aschrn-Kegel von neuem gehabt haben würden. Auch hatten wir nach den flöhen und Wanzen des müßigen Kapuziners wenig Verlang e'n. Es war also wohl am zweckmäßigsten, im Krater zu schlafen und unser Vorhaben wurde leicht und glücklich in das Werk gesetzt; an Schlaf war freilich nicht viel zu denken, denn die großen rauhen Lavastücke waren keine Federbetten. Gegen Mitternacht machten wir eine Reise um einen Teil der Kraterwand nach der südlichen Spitze zu, kehrten aber nach unserem Standquartier zurück, weil uns die Hitze zu groß wurde. Den 8. Juli 1835. Gegen 2 Ahr morgens schliefen wir etwas. Wenn ich zuweieln die Augen aufschlug, so blickte ich auf die Rauchsäule, die mit beständigem Brausen aus dem Krater hervordrang. Der Mond war bereits untergegangen, und am Himmel funkelten die Sterne. Gegen 3 Ahr kam eine Gesellschaft von Engländern und setzte sich bei uns nieder. Als die Dämmerung zu grauen anfhtg, begaben wir uns zum östlichen Teile des Kraters, indem wir an der höchsten Spitze des Vesuvs hingingen. Dort sind viele Sumatölen, Oerter, an denen Wasserdämpfc. welche mit schweflicher Säure und Chlor gemischt sind, einporsteigen; hier ist die Luft fast zum Ersticken. Ich kann eine ziemliche Nase voll vom Laboratorium her vertragen, das war mir aber doch zuviel; einige Male glaubte ich, auf der Stelle liegen bleiben zu müssen. □Keinen Begleitern, Listing und Brzozowski, ging cs nicht besser. Der Tag rückte nach und nach heran, und auf der höchsten Spitze des Vesuvs sahen wir die Sonne aufgehen. Die schöne Aussicht, welche man namentlich auf Neapel hat, ist aller Weltbekannt; die Morgenbeleuchtung ist für Neapel die günstigste. Die Höhe des Vesuvs über dem Meere 'haben wir exvroximativ zu 3500 Pariser Fuß bestimmt. Nach einer Stunde fliegen wir wieder in den Krater herab und näherten uns in der frischen Morgenluft der Rauchsäule bis auf wenig Schritte. Auch warfen wir in das Loch, aus welchem der Rauch hervordrang, verschiedene Steine, welche man lange mit dumpfem Krachen stürzen hörte. Als ich so stand, schlug plötzlich der Wind etwas um, und hüllte mich in einen dicken Schwefelund Chlorrauch, was zwar gut gegen Cholera, aber schlecht gegen alles übrige ist. Die Begleiter, welche oben standen, schrien, und ich suchte im schnellsten Laufe einen höheren Ort an der Aschenwand zu erreichen, doch kam ich halb atemlos oben an. Nach 71/2 Ahr fliegen wir vom Vesuv herab. Man gehl int vollste!« Laufe und großen Sprüngen über die Aschenfelder hin unö sinkt mit jedem Schritt bis über die Knöchel in den Sand und Staub. Nach 5 Minuten ist man am Fuße des Kegels, den man zu erflettern s/4 Stunden braucht, — und nach einer halben Stunde langt man beim Eremiten an. Wir gingen den Weg zu Fuß herab nach Resina und erreichten V» Stunde vor Mittag Neapel. 31 Des Vetters Eckfenster. - Don E. T. 21. Hoff m o n n. (Fvrtfcgung.) Der Detter. Meinst du, Vetter? Ich für mein Dell glaube das Gegenteil. Was kann der Selbsteinkauf für ander« Awecke haben, als sich von der Güte der Ware und von den wirklich«» Marktpreisen zu überzeugen? Die Eigenschaften, das Anfehn, die Kennzeichen eines guten Gemüses, eines guten Fleisches usw. lernt die angehende Hausfrau sehr leicht auf andere Weise erkennen, und das kleine Ersparnis der fogenanntew Schwenzelpfemnige, das nicht einmal stattfindet, da die begleitende Köchin mit den Verkäufern sich unbedenklich insgeheim versteht, wiegt den Vachteil nicht auf, den der Besuch des Marktes sehr leicht herbei führen kann. Niemals würde ich, um de n Preis von etlichen Pfennigen, meine Tochter der Gefahr ausfetzen, eiliges drängt in den Kreis des niedrigsten Volks, eine Zote zu hören, oder irgendeine lose '.Reite eines brutalen Weibes oder Kerls einschlucken zu müssen. — -And dann, was gewisse Spekulationen! liebeseufzender Jünglinge in blauen Nöcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß betrifft, so ist der Markt — — Doch sieh, sieh Vettert rote gefällt dir das Mädchen, das soeben dort an der Pumpe, von der ältlichen Köchin begleitet, daheriommt? Nimm mein Glas, nimm mein Glas. Vetter! I ch. Ha. was für ein Geschöpf, die Anmut, die Liebenswürdigkeit selbst, aber sie schlägt die Augen verschämt nieder, - - jeder ihrer Schritte ist furchtsam, — wankend, — schüchtern hält sie sich au ihre Begleiterin, die ihr mit forziertem Angriff den Weg ins Gedränge bahnt, — ich verfolge sie, da steht die Köchin still vor den Gemüsekörben, — sie feilscht, — sie zieht die Kleine heran, die mit halbwegge.ro andtem Gesichte ganz geschwinde, geschwinde Geld aus dem Beutelchen nimmt und es hinreicht, froh, nun wieder loszukommen, — ich kann sie nicht verlieren, dank sei es dem roten Schal, — sie scheinen etwas vergeblich zu suchen, — endlich, endlich; dort weilen sie bei einer Frau, die in zierlichen Körben feines Gemüse feilbietet, — der holden Kleinen ganze Aufmerksamkeit fesselt ein Korb mit dem schönsten Blumenkohl, — das Mädchen selbst wählt einen Kopf und legt ihn der Köchin in den Korb, — wie, die Unser» schämte! — ohne weiteres nimmt sie den Kopf aus dem Korbs heraus, legt ihn in den Korb der Verkäuferin zurück und wählt einen andern, indem ihr heftiges Schütteln mit dem gewichtigen! kantenh-aübengefchmückten Haupte noch dazu bemerken läßt, daß sie die arme Kleine, welche zum ersten Wale selbständig sein wollte, mit Vorwürfen überhäuft. Der Vetter. Wie denkst du dir die Gefühle dieses Mädchens, der man eine Häuslichkeit aufdringen will, welche ihrem zarten Sinn gänzlich widerstrebt? Ich kenne die holde Kleine; es ist die Tochter eines Geheimen Oberfinanzrats, ein natürliches, von jeder Ziererei entferntes 'Wesen, von echtem weiblichen Sinn beseelt und mit jenem richtig treffenden Verstände und feinem Takt begabt, der Weibern dieser 2lrt stets eigen. — Hoho, Detter! das nenn' ich glückliches Zusammentreffen. Hier um die Ecke kommt das Gegenstück zu jenem Bilde. Wie gefällt dir das Mädchen, Detter? Ich. Ei, welch eine niedliche, schlanke Gestalt — jung — leichtfüßig — mit keckem, unbefangenem Blick in die Well hinein- schauend — am Himmel stets Sonnenglanz — in den Lüften stets lustige Musik — wie dreist, wie sorglos sie dem dicken! Hausen entgegenhüpft, --- die Servante, die ihr mit dem Marktkorbe folgt, scheint eben nicht älter als sie und zwischen beiden eine gewisse Kordialität zu herrschen — die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Schal ist modern — der Hut passend- zur Morgentracht, sowie das Kleid von geschmackvollem Muster — alles hübsch und anständig — o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidne Schuhs. Ausrangierte Dallchaussure auf dem Markt. — Aeberhaupt, je länger ich das Mädchen beobachte, desto mehr fällt mir eine gewisse Eigentümlichkeit auf, die ich mit Worten nicht ausdrücken kann. — Es ist wahr, sie macht mit sorglicher Emsigkeit ihre Einkäufe, wählt und wählt, feilscht und feilscht, spricht, gestikuliert, alles mit einem lebendigen! Wesen, das beinahe bis zur Spannung geht; mir ist aber, als wolle sie noch etwas anderes als eben Hausbedürfnisse einkaufen. Der Detter. Bravo, bravo, Detter! Dein Blick schärft sich, wie ich meiste. Sieh nur, mein Liebster, trotz der nwdernsten Kleidung hätten dir, ..... die Leichtfüßigkeit des ganzen Wesens abgerechnet, — schon die weißseidnen Schuhe auf dem Markt verraten müssen, daß die kleine Mamsell Bern Ballett, oder überhaupt dem Theater angehört. Was sie sonst noch will, dürfte sich vielleicht bald entwickeln — ha, getroffen! Schau doch, lieber Detter, ein wenig rechts die Straße hinauf, und sage mir, wen du auf dem Bürgersteig, vor dem Hotel, wo es ziemlich einsam ist, erblickst? I ch. Ich erblicke einen großen, schlankgewachsenen Jüngling, im gelben, kurzgeschnittenen Flausch mit schwarzem Kragen und Stahlknöpfen. Er trägt ein kleines, rotes, silbergesticktes Mützchen, unter dem schöne schwarze Locken, beinahe zu üppig hervorquillen. Den Ausdruck des blassen, männlich schöngesormten Gesichts erhöht nicht wenig das kleine, schwarze Siutzbärtch-en auf der Oberlippe. Er hat eine Mappe unter dem Arm, — unbedenllich ein Student, der im Begriff stand, ein Kollegium zu besuchen; aber bist eingewurzelt steht er La, den Blick unverwandt nach dem Markt gerichtet, und scheint Kollegium und alles um sich herzu vergessen. Der Detter, od ist es, lieber Detter. Sein ganzer Sinn ist auf unsre kleine Komödiantin gerichtet. Der Zeitpunkt ist gekommen; er naht sich der großen Obstbude, in der die schönste 'Ware appetitlich aufgetürmt ist, und scheint nach Früchten zu fragen, die eben nicht zur Hand sind. Es ist ganz unmöglich, daß ein guter Mittags risch ohne Dessert von Obst bestehen kann; unsre kleine Komödiantin muh daher ihre Einkäufe für den Lisch des Hauses an der Obstbude beschließen. Ein runder, rotbäckiger Apfel entschlüpft schalkhaft den kleinen Fingern — der Gelbe bückt sich danach, hebt ihn auf — ein leichter, anmutiger Knicks 6er kleinen Theaterfee — das Gespräch ist im Gange — wechfr!- - fettiger Rat und Beistand bei einer sattsam schwierigen Apfel' sinenwähl vollendet die gewiß bereits früher angeknüpfte B.- kanntschaft, indem sich zugleich das anmutige Rendezvous gestaltet, welches gewiß auf mannigfache Weise wiederholt und variiert wird. I ch. Mag der Musensohn liebeln und Apfelsinen wählen, so viel er will; mich interessiert das nicht, und zwar um so weniger, da mir dort an der Ecke der Hauptfronte des Theaters, wo die Dlumenverkäuferinnen ihre Ware feilbieten, das Engeis- bild, die allerliebste Geheimratstochter, von neuem aufgestoßen ist. Der Del te r. Aach den Blumen dort schau' ich nicht gerne hiik, lieber Detter; es hat. damit eine eigene Bewandtnis. Die Verkäuferin, welche der Regel nach den schönsten Blumenflor ausgesuchter Velten, Rosen und anderer seltener Gewächse hält, ist ein ganz hübsches, artiges Mädchen, strebend nach höherer Kultur des Geistes; denn, sowie sie der Handel nicht beschäftig!, liest sie emsig in Büchern, deren Uniform zeigt, daß sie zur großen Kralowfkifchen ästhetischen Hauptarmse gehören, welche bis in die entferntesten Winkel der Residenz siegend des Licht der Geistesbildung verbreitet. Ein lesendes Blumenmädchen ist für einen belletristischen Schriftsteller ein unwiderstehlicher Anblick. So kam -es, daß, als vor langer Zeit mich der Weg bei den Blumen vorbei führte. — auch an andern Tagen stehen die Blumen zum Berkaus, — ich das lesende Blumenmädchen gewahrend, überrascht stehen blieb. Sie saß, wie in einer dichten Laube von blühenden Geranien, und hatte das Buch aufgeschlagen auf dem Schoße, den Kopf in die Hand gestützt. Der Held mußte gerade in augenscheinlicher Gefahr, ober sonst ein wichtiger Moment der Handlung ei-ngetreten sein; denn höher glühten des Mädchens Wangen, ihre Lippen bebten, sie schien ihrer .Umgebung ganz entriieft. Detter, ich will dir die seltsame Schwäche eines Schriit- stellers ganz ohne Rücksicht gestehen. Ich war wie festgebannt an die Stelle — ich trippelte hin und her; was mag das Mädchen lesen? Dieser Gedatcke beschäftigte meine ganze Seele. Der Geist der Schriftstellereitelkeit regte sich und kitzelte mich mit der Ahnung, daß es eins meiner eigenen Werte sei, was eben jetzt das Mädchen in die phantastische Welt meiner Träumereien versetzte. Endlich faßte ich. ein Herz, trat hinan und fragte nach dem Preise eines Relkenstocks, der in einer entfernten Reihe stand. Während daß das Mädchen den Relkenstock herbeiholte, nahm ich mit den- Worten: „Was lesen Sie denn da, mein schönes Kind?" das ausgeklappte Buch zur Hand. Oh! all ihr Himmel, es war wirklich ein Werklein von mir, und zwar ***. Das Mädchen brachte die Blunren herbei und gab mir zugleich den mäßigen Preis an. Was Blumen, was Aelkenstock! das Mädchen war mir in diesem Augenblick ein viel schätzenswerteres Publikum, als die ganze elegante Welt der Residenz. Aufgeregt, ganz ent- flammt von- den süßesten Autorgefühlen, fragte ich mit anscheinender Gleichgültigkeit, wie denn dem Mädchen das Buch gefalle. „I, mein lieber Herr," erwiderte das Mädchen, „das ist ein gar schnackisches Buch, Anfangs wird einem ein wenig wirrig im Kopse; aber dann ist es so, als wenn man mitten darin säße." Zu meinem nicht geringen Erstaunen erzählte mir das Mädchen bett Inhalt des kleinen Märchens ganz klar und deutlich, so daß ich Wohl einsatz, tote sie es schon mehrmals gelesen haben mutzte: sie wiederholte, es sei ein gar schnackisches Buch, sie habe bald herzlich lachen muffen, bald sei ihr ganz weinerlich zumute geworden; sie gab mir den Rat, falls ich das Buch noch nicht gelesen haben sollte, es mir nachmittags von Herrn KralowM zu holen, denn sie wechselte eben nachmittags Bücher. — Run sollte der große Schlag geschehen. Mit niedergeschlagenen Augen, mit einer Stimme, die an Süßigkeit dem Honig von Hhbla za vergleichen, mit dem seligen Lächeln des wonneerfüllten Autors, lispelte ich: „Hier, mein süßer Engel, hier steht der Autor des Buches, welches Sie mit solchem Vergnügen erfüllt hat, vor Ihnen ein leibhaftiger Person." Das Mädchen starrte mich sprachlos an, mit großen Augen und offenem Munde. Das galt mir für den Ausdruck der höchsten Verwunderung, ja eines freudigen Schrecks, daß das sublime Genie, dessen schaffende Kraft solch ein Werk erzeugt, so plötzlich bei den Geranien erschienen. Vielleicht, dachte ich, als des Mädchens Miene unverändert blieb, vielleicht glaubt sie an den glücklichen Zufall, der den berühmten Verfasser des in ihre Nähe bringt. Ich suche nun ihr aus alle mögliche Weise meine Identität mit jenem Verfasser darzutun, aber -es war, als sei sie versteinert, und nichts entschlüvfte ihren Lippen, als: „Hm — so — 3 das wäre — wie —Doch was soll ich dir die tiefe Schmacht welche mich in diesem Augenblick 32 traf, erst weitläufig beschreiben. Es fand sich, daß das Mädchen niemals daran gedacht, das; die Bücher, welche sie lese, vorher gedichtet werden müßten. Der Begriff eines Schriftstellers, eines Dichters war ihr gänzlich fremd, und ich glaube wahrhaftig, bei näherer Nachfrage wäre der fromme, kindliche Glaube ans Licht gekominen, daß der liebe Gott die Bücher wachsen ließe, wie die Pilze. Ganz kleinlaut frage ich nochmals nach deni Preise des Nelkenstocks. Anterdessen mußte eine ganz andere dunkle Idee von dem Verfertigen der Bücher dem Mädchen aufgestiegen sein: denn, als ich das Geld aufzählte, fragte sie ganz naiv und unbefangen: ob ich denn alle Bücher beim Herrn Kralowski mache? — pfeilschnell schoß ich mit meinem Nelken stock von dannen. Ich Vetter, Detter, das nenne ich gestrafte Autoreitelkeit; doch während du mir deine tragische Geschichte erzähltest, verwandte ich kein Auge von meiner Lieblingin. Bei den Blumen allein ließ der übermütige Küchendämon ihre volle Freiheit. Die grämliche Küchengouvernante hatte den schweren Marktkorb an die Erde gesetzt und überließ sich indem sie die feisten Arme bald übereinanderschlug, bald, wie es der äußere rhetorische Ausdruck der Rede zu erfordern schien, in die Seiten stemmte, mit drei Kolleginnen der unbeschreiblichen Freude des Gesprächs, und ihre Rede war, der Bibel entgegen, gewiß viel mehr, als 3'ct, Ja und Nein, Nein. Sieh nur, welch einen herrlichen, herrlichen Blmnenflor sich der holde Engel ausgewählt hat and von einem rüstigen Burschen Nachträgen läßt? Wie? Nein, das will mir nicht ganz gefallen, daß sie im Wandeln Kirschen aus dem kleinen Körbchen nascht: wie wird das feine Datisttuch, das wahrscheinlich darin befindlich, sich mit dem Obst befreunden? Der Vetter. Der jugendliche Appetit des Augenblicks fragt nicht nach den Kirschflecken, für die es Kleesalz und andere probate Hausrnittel gibt. And das ist eben die wahrhaft kindliche Anbefangenheit, daß die Kleine nun von den Drangsalen des bösen Markts sich in wiedererlangter Freiheit ganz gehen läßt.. Doch schon lange ist mir jener Mann ausgefallen und ein unauflösbares Rätsel geblieben, der eben jetzt dort an der zweiten entfernten Pumpe an dem Wagen steht, auf dem ein Bauernwrib arrs einem großen Faß um ein billiges Pflaumenmus verspendet. Fürs erste, lieber Vetter, bewundere die Agilität des Weibes, das, mit einen: langen hölzernen Löffel bewaffnet, erst die großen Verkäufe zu viertel, halben und ganzen Pfunden beseitigt, und dann den gierigen Näschern, die ihre Papierchen, mitunter auch wohl ihre Pelzmütze Hinhalten, mit Blitzesschnelle das gewünschte Dreieorkleckschen zuwirft, das sie sogleich als stattlichen Morgen- iinbih wohlgefällig verzehren — Kaviar des Volks! Bei dem geschickten Verteilen des Pflaumenmuses mittels des geschwenkten Löffels fällt mir ein, daß ich einmal in meiner Kindheit hörte, es sei auf einer reichen Bauernhochzeit so splendid hergegangen, daß der delikate, mit einer dicken Kruste von Zimt, Zucker und Nelken überhäutete Reisbrei mittels eines Dreschflegels verteilt worden. Jeder der werten Gäste durste nur ganz gemütlich das Maul aufsperren, um die gehörige Portion zu bekommen, und es ging auf diese Weise recht zu wie im Schlaraffenland. Doch, Vetter, hast du den Mann ins Auge gefaßt? Ich. Allerdings! — Wes Geisteskind ist die tolle, abenteuerliche Figur? Gin wenigstens sechs Fuß hoher, winddürrer Mann, der noch dazu kerzengerade mit eingebogenem Rücken öa- steht! Anter dem kleinen dreieckigen, zusammengequetschten Hütchen starrt hinten die Kokarde eines Haarbeutels hervor, der sich dann in voller Breite dem Rücken sanft anschmiegt. Der graue, nach längst verjährter Sitte zugeschnittene Rock schließt sich, vorn von oben bis unten zugeknöpft, enge an den Leib an, ohne eilte einzige Falte zu Wersen, und schon erst, als er an den Wagen schritt, konnte ich bemerken, daß er schwarze Beinkleider, schwarze Strümpfe und mächtige zinnerne Schnallen in den Schuhen trägt. Was mag er nur in dem viereckigen Kasten haben, den er so sorglich unter dem linken Arm trägt, und der beinahe dem Kasten eines Tabulettkrämers gleicht? Der Vetter. Das wirst du gleich erfahren, schau nur aufmerksam hin. Ich. Er schlägt den Deckel des Kastens zurück — die Sonne scheint hinein — strahlende Reflexe — der Kasten ist mit Blech gefuttert — er macht der Pflaumenmusfrau, indem er das Hütchen vom Kopfe zieht, eine beinahe ehrfurchtsvolle Verbeugung. — Was für ein originelles, ausdrucksvolles Gesicht — feingeschlossene Lippen — eine Habichtsnase — große, schwarze Augen — hochstehende, starke Augenbrauen — eine hohe Stirn — schwarzes Haar — das Toupet en coeur frisiert, mit kleinen steifen Löckchen über den Ohren. — Er reicht den Kasten der Bauernfrau auf den Wagen, die ihn ohne weiteres mit Plaumenmus füllt und, ihm freundlich nickend, wieder zurückreicht. Mit einer zweiten Verbeugung entfernt sich der Mann — er windet sich hinan an die Heringstonne — er zieht ein Schubfach des Kastens hervor, legt einige erhandelte Salzmänner hinein und schiebt das Fach wieder zu — ein dritte Schubfach ist, wie ich sehe, zu Petersilie und anderem Wurzelwerk bestimmt. — Nun durchschneidet er mit langen, gravitätischen Schritten den Markt in verschiedenen Richtungen, bis ihn der reiche, auf einem Tisch ausgebreitete Vorrat von gerupftem Geflügel festhält. So wie überall, macht er auch hier, ehe er zu feilschen beginnt, einiget tiefe Verbeugungen — er spricht viel und lange mit der Frau, die ihn mit besonders freundlicher Miene anhört — er setzt den Kasten behuffam auf den Boden nieder und ergreift zwei Enten, die er ganz bequckn in die weite Rocktasche schiebt. — Himmel! eS folgt noch eine Gans — den Puter schaut er bloß an mit liebäugelnden Blicken — er kann doch nicht unterlasse^ ihn liebkosend mit dem Zeuge- und Mittelfinger liebkosend zu berühren: — schnell hebt er seinen Kasten auf, verbeugt sich gegen das Weib ungemein verbindlich und schreitet, sich mit Gewalt los- reißend von dem verführerischen Gegenstände seiner Begierde, von dannen — er steuert geradezu los auf die Fleischerbuden — ist der Mensch ein Koch, der für ein Gastmahl zu sorgen hat? et erhandelt eine Kalbskeule, die er noch in eine seiner Riesentaschen gleiten läßt. — Ntm ist er fertig mit seinem Einkauf: et geht die Charlottenstraße herauf, mit solchem ganz seltsamen Awstand und Wesen, daß er aus irgendeinem fremden Lande hinab» geschneit zu sein scheint. Der Detter. Genug habe ich mir schon über diese exotische Figur den Kopf zerbrochen. — Was denkst du, Vetter, zu meiner Hypothese? Dieser Mensch ist ein alter Zeichsnmeister, der in mittelmäßigen Schulanstalten fein Wesen getrieben hat und vielleicht noch treibt. Durch allerlei industriöse Unternehmungen hat er viel Geld erworben: es ist geizig, mißtrauisch, Zyniker bis zum Ekelhaften, Hagestolz, nur einem Gotte opfert er — dem Bauche: —- seine ganze Lust ist, gut zu essen, versteht sich allein auf seinem Zimmer: — es ist durchaus ohne alle Bedienung, er besorgt alles selbst — an Markttagen Holt er, wie du gesehen hast, seine Lebensbedürfnisse für die halbe Woche, und bereitet in einer kleinen Küche, die dicht bei seinem armseligen Stübchen belegen, selbst seine Speisen, die er dann, da der Koch es stets dem Gaumen des Herrn zu Dank macht, mit gierigem, ja vielleicht tierischem Appetit verzehrt. Wie geschickt und zweckmäßig er einen alten Malkasten zum Marktkorbe aptiert hat, auch das hast du bemerkt, lieber Vetter. I ch. Weg von dem widrigen Menschen. Der Vetter. Warum widrig? Es muh auch solche Käuze geben, sagt ein welterfahrener Mann, und er hat recht, denn die Varietät kann nie bunt genug sein. Doch mißfällt dir der Mann so sehr, lieber Vetter, so kann ich dir darüber, was er ist, tut und treibt, noch eine andere Hypothese aufstellen. Vier Franzosen. und zwar sämtlich Pariser, ein Sprachmeister, ein Fechtmeister, ein Tanzmeister und ein Pastetenbäcker, kamen in ihren Jugendjahren gleichzeitig nach Berlin und fanden, wie es damals (gegen bas Ende des vorigen Jahrhunderts) gar nicht fehlen konnte, ihr reichliches Brot. Seit dem Augenblick, als die Diligence sie auf der Reise bereinigte, schlossen sie den engsten Fveund- schaftsbunb, blieben ein Herz und eine Seele und verlebten jeden Abend nach vollbrachter Arbeit zusammen als echte alte Franzosen in lebhafter Konversation Bei frugalem Abendessen. Des Tanzmeisters Beine waren stumpf geworden, des Fechtmeisters Arme durch bas Alter entnervt, dem Sprachmeister Rivale, die sich der neuesten Pariser Mrmdart rühmten, über den Kopf gestiegen, und die schlauen Erfindungen des Pastetenbäckers überboten jüngere Gaumenkitzler, von den eigensinnigsten Gastronomen in Paris ausgebildet. Aber jeder des treu verbundenen Quatnors hatte indessen sein Schäfchen ins trockne gebracht. Sie zogen zusammen in eine geräumige, ganz artige, jedoch entlegene Wohnung, gaben ihre Geschäfte auf und lebten zusammen, altfranzösischer Sitte getreu, ganz lustig und sorgenfrei, da sie selbst den Bekümmernissen und Lasten der unglücklichen Zeit geschickt zu entgehen wußten. Jeder hat ein besonderes Geschäft, wodurch der Nutzen und das Vergnügen der Sozietät befördert wird. Der Tanzmeister und der Fechtmeister besuchten ihre alten Scholaren, ausgediente Offiziere von höherem Rang, Kammerherren, Hofinarschäle usw.; denn sie hatten die vornehmste Praxis und sammeln die Neuigkeiten des Tages zum Stoff für ihre Anterhaltung, der nie ausgehen darf. Der Sprachmeister durchwühlt die Läden der Antiquare, um immer mehr französische Werke auszumitteln, deren Sprache die Akademie gebilligt hat. Der Pastetenbäcker sorgt für die Küche; er kauft ebensogut selbst ein, als er die Speisen ebenfalls selbst bereitet, worin ihm ein alter französischer Hausknecht beisteht. Außer diesem besorgt jetzt, da eine alte, zahnlose Französin, die sich von der französischen Gouvernante bis zur Auf- waschmagd heruntergedient hatte, gestorben, ein pausbäckiger Junge, den die vier von den Orphelins fran<;ais zu fich genommen, die Bedienung. — Dort geht der kleine Himmelblaue, an einem Arm einen Korb mit Mundsemmeln, an dem andern einen, in dem der Salat hoch auf getürmt ist. — So habe ich den widrige r zynischen, deutschen Zeichenmeister augenblicklich zum gemütlichen, französischen Pastetenbäcker umgeschaffen, und ich glaube, daß fein Außeres, sein ganzes Wesen recht gut dazu paßt. (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Fcicdr. WUh. Lange. — Druck und Verlag der Drühi'fchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-