Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l92b Dienstag, Sen 25. Mai Nummer 42 Dem Fürsten Blücher von Wahlstatt die Seinen. Bon Ä. W. von Goethe. In Sorten unb Krieg, In Sturz unb Sieg, Bewußt und grob! So ritz er nnS Dom Feinde los. Blücher. Von Heinrich v. T r e i t s ch k e*). Z«ten der Rot heben den rechten Atann rasch an die rechte Stelle. Da der König in seiner Schüchternheit sich nicht getraute, nach dem Brauche seiner Vorfahren das Heer selber zu führen, so durfte nur ein Mann den Befehl über die preußische Hauptarmee übernehmen — der erste Feldsoldat der deutschen Heere, General Blücher. Wohin waren sie doch, die Träume der gebildeten Menschenfreunde vom ewigen Frieden? Gereift und gekräftigt in harter Prüfung glaubten die Deutschen wieder an den Gott, der Eisen wachsen ließ, und jene einfachen Tugenden ursprünglicher Menschheit, die bis an das Ende der Geschichte der feste Grund aller Gröhe der Völker bleiben werden, gelangten wieder zu verdienten Ehren: der kriegerische Mut, die frische Kraft des begeisterten Willens, die Wahrhaftigkeit des Hasses und der Liebe. In ihnen lag Blüchers Stärke, und diese Nation, die sich so gern das Volk der Dichter und der Denker nannte, beugte sich vor der Seelengröße des bildungslosen Mannes; sie fühlte, daß er wert war, sie zu führen, daß der Heldenzorn und die Siegesfreude der Hunderttausende sich in ihm verkörperten. Was hatte der Alte nicht alles durchgemacht in dem halben Jahrhundert, seit die Belling-Husaren einst den schwedischen Cornet einfingen und der alte Belling selber den unbändigen Junker in Kunst und Brauch der friderizianischen Reiter unterrichtete. Er hatte an der Peene gegen die Schweden, bei Freiberg gegen die Kaiserlichen, in Polen gegen die Konföderierten gefochten, war auf jenem unblutigen Siegeszuge durch Holland dem Bürgern und Bauern überall ein wohlwollender Beschützer gewesen und dann während der rheinischen Feldzüge von Freund und Feind bewundert worden. Die schneidige Tollkühnheit, die behende List, die unermüdliche Ausdauer des alten Zielen lebten wieder auf in dem neuen Könige der Husaren. Sein Leben lang blieb er der Ansicht, für das Fußvolk genüge zur Not der nachhaltige Mut, der Reiterführer aber bedürfe einer angeborenen Begeisterung, um die seltenen und flüchtigen Augenblicke, die seiner Waffe eine große Wirkung erlaubten, immer sofort mit Ungestüm zu ergreifen. Seit dem Jahre 1806 und dem kühnen Zuge auf Lübeck war er die Hoffnung der Armee; Scharnhorst lernte damals an Blüchers Seite, daß man mit Mut und Willenskraft alles auf der Welt überwinde und sagte zu ihm: „Sie sind unser Anführer und Held und müßten Sie uns in der Sänfte vor- und nachgetragen werden. Nur mit Ihnen ist Entschlossenheit und Glück!" Und es war unendlich mehr als die Tapferkeit des Haudegens, was die Treuen und Furchtlosen so unwiderstehlich anzog. Aus Blüchers ganzem Wesen sprach die innere Freudigkeit des geborenen Helden, jene unverwüstliche Zuversicht, welche das widerwillige Schicksal zu bändigen scheint. Den Soldaten erschien er herrlich wie der Kriegsgott selber, wenn der schöne hochgewachsene Greis noch mit jugendlicher Kraft und Anmut seinen feurigen Schimmel tummelte; gebieterische Hoheit lag auf der freien Stirn und in den großen tiefdunkeln flammenden Augen, um die Lippen unter dem dicken Schnurrbart spielte der Schalk der Husarenlist und die herzhafte Lebenslust. Ging es zur Schlacht, so schmückte er sich gern mit allen seinen Orden wie für em bräutliches Fest, und niemals in allen den Fährlichkeiten feines Kriegerlebens ist ihm auch nur der Einfall gekommen, daß eme Kugel ihn hinstrecksn könnte. Gewaltig war der Eindruck, wenn er zu sprechen anhob mit seiner schönen, mächtigen Stimme, ein Redner von Gottes Gnaden, immer der höchsten Wirkung sicher, mochte er nun in gemütlichem Platt mit Wachtstubenspäßen und heiligen Donnerwettern die ermüdeten Truppen aufmuntern oder den Offizieren klar, bündig, nachdrücklich seine Befehle erteilen oder endlich in festlicher Versammlung mit schwungvollen Worten einen vaterländischen Ehrentag verherrlichen. Wer täglich mit ihm verkehrte, wurde ihm ganz zu eigen; seine geliebten roten Husaren hakte er so bis auf den letzten Mann m seiner Gewalt, daß nach *) Aus Band 1 der Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert (Verlag S. Hirzel, Leipzig). der unglücklichen Ratkauer Kapitulaüon kein einziger der Roten nach Frankreich geführt werden konnte: alle entkamen den Siegern, die meisten schlichen sich nach Ostpreußen zu ihrem Könige durch. Blücher kannte Land und Leute des deutschen Nordens wie niemand sonst unter den preußischen Generalen. Während eine» langen wechselreichen Dienstlebens war er in jeder Landschaft vom Rheine bis zur polnischen Grenze heimisch, auch als Landwirt mit den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens wohl vertraut geworden. Ueberall, wohin er kam, gewann er die Herzen, wie er so fröhlich lebte und leben ließ, mit hoch und niedrig zechte und spielte, immer aufgeknöpft und guter Dinge und doch gewiß stch niemals wegzuwerfen. So stärkte ihm die Schule des Lebens den deutsch-vaterländischen Sinn, den einst Klopstocks Oden in der Seele des Jünglings geweckt hatten. Wie fest er auch an seinen preußischen Fahnen hing, er fühlte sich doch immer, gleich Stein, schlechtweg als einen deutschen Edelmann. Grenzenlos war sein Zutrauen zu der unverwüstlichen Kraft und Treue seines Volkes. Das Herz ging ihm auf, wo er die ursprüngliche Frische und Freiheit germanischen Wesens fand; daher seine Vorliebe für das freie Volk der Friesen und das selbstbewußte Bürgertum der Hansestädte, sein Abscheu wider den Kastenstolz und die vaterlandslose Gesinnung des münster- ländischen Adels. 3m Alter beklagte er oft, daß er über dem Saus und Braus des lustigen Husarenlebens seine Bildung so ganz vernachlässigt habe. Ein angeborener Freisinn, der sichere Instinkt eines großmütigen königlichen Herzens ließ ihn gleichwohl fortschreiten mit der wachsenden Zeit. Lange vor den Reformen von 1807 hatte er die Prügelstrafe bei seinen Roten tatsächlich ab« geschafft; der pedantische Zwang unnützer Paradekünste war ihm ein Greuel, und krühe schon sprach er aus, daß die Armee zu einem Volksheer werden müsse. Don dem junkerhaften Wesen seiner mecklenburgischen Standesgenossen blieb er ganz frei. Wie er selber seine Erfolge allein der eigenen Tüchtigkeit verdankte, so hieß er freudig alles willkommen, was die persönliche Kraft, die freie Tätigkeit, das Seldstertrauen in der Nation erweckte. Steins Reformen und namentlich die Städteordnung fanden an ihm einen beredten Verteidiger. So wurzelte auch fein grimmiger Haß gegen die Fremdherrschaft in dem starken Selbstgefühl einer freien Seele: er empfand es wie eine persönliche Entwürdigung, daß er auf deutschem Boden sich nach dem Belieben französischer Gewalthaber richten sollte, und wetterte: „ich bin frei geboren und muß auch so sterben." Der alte Kriegsmann zählt zu jenen echten historischen Größen, die bei jeder näheren Kenntnis gewinnen. Welche Schärfe des politischen Blicks in dem barbarischen Deutsch seiner vertrauten Briefe! In jeder politischen Lage findet er sich rasch zurecht, erkennt sofort den springenden Punkt Im Gewirr der Ereignisse, weissagt mit prophetischer Sicherheit den letzten Ausgang. Niemals läßt er sich täuschen durch die Ueberklugheit der Haugwitzschen Politik, niemals glaubt er an die Möglichkeit einer ehrlichen Verständigung zwischen Preußen und Napoleon. Im Frühjahr 1807, nach einem einzigen Gespräch mit Benningsen, weiß er augenblicklich, was sein Staat von den Russen zu erwarten hat, und ruft ingrimmig: „wir sind verraten und verkost!" Und dann die langen Jahre der Knechtschaft: ost genug ist er der Verzweiflung nahe, doch immer wieder ermannt er sich zu dem frohen Glauben: er werde sein Preußen wieder im alten Glanze sehen, dieser Napoleon müsse herunter und ihm selber sei bestimmt, dazu mitzuhelfen: „der deutsche Mut schläft nur, fein Erwachen wird fürchterlich sein!" Wohl hat auch Blücher in dieser Zeit des Harrens manche der holden Täuschungen geteilt, welche die tapferen Herzen der Krieaspartei in die Irre führten; er setzte gern bei allen Deutschen den Heldensinn, der ihn selber beseelte, voraus und traute sich's zu, mit 16 000 Mann die westlichen Provinzen wieder zu erobern. Doch wie übereilt auch manche der Erhebungspläne waren, die er damals mit seinem Lieblingssohne Franz un- ermüdllch entwarf: das Wesentliche, die innere Schwäche des napoleonischen Weltreichs erkannte er richtig. Die Kleinmeister entsetzten sich über den Jüngling im Greisenhaar, der noch zuweilen auf den Hofbällen mit den eleganten jungen Gardevsstzieren eine Quadrille tanzte; tiefere Naturen sithlten bald, daß dies ausgelassene Treiben nur der natürliche Ausdruck einer unbändigen überschäumenden Lebenskraft war. Die Patriotenpartei verließ sich auf ihn als auf ihre treueste Stütze. Stein hatte sich ihm schon vor Jahren in herzlicher Freundschaft angeschlassen; er schätzte das treffende, immer aus der Fülle lebendiger Erfahrung geschöpfte Urteil des Generals und ahnte in ihm denselben kühnen Schwung der Seele, denselben Mut der Wahrheit, der in seiner eigenen Brust lebte. Ganz frei von Menschenfurcht, mit unumwundenem Freimut sagte Blücher jedem seine Meinung ins Gesicht; und doch lag selbst in seinen gröbsten Worten nichts von Steins verletzender Schärfe. - 166 Seine Zornreden kamen jo gutlnunig und treuherzig heraus, daß sich selten jemand gekränkt fühlte und selbst der König sich von ihm alles bieten lieh. Denn bei allem Ungestüm war er von Grund aus klug, nicht bloß im Kriege so verschlagen und aller Listen kundig, daß ihn Napoleon ärgerlich le vieux renard nannte, sondern auch ein gewiegter Menschenkenner, der jeden an der rechten Stelle zu packen wußte. Die Kunst des Befehlens verstand er aus dem Grunde; von der Mannschaft durfte er das Unmögliche verlangen, wenn fein Vorwärts aus seinen Augen blitzte, und auch von dem trotzigen Selbstgefühle seiner Generale erzwang er sich Gehorsam, da er stets nur an die Sache dachte, nach jedem Mißerfolge alles hochherzig auf seine Kappe nahm und bei Streitigkeiten der Untergebenen immer gutmütig vermittelte. Die unverwüstliche Kraft des Hoffens und Vertrauens wurzelte bei ihm wie bei Stein in einer schlichten Frömmigkeit. Obgleich er nach Husarenart den Herrgott zuweilen einen guten Mann fein ließ und alles scheinheilige Wesen verabscheute, so blieb er doch in tiefster Seele seines einfältigen Glaubens froh; in schweren Stunden tröstete sich der Bibelfeste gern an einem tapferen Wort der Apostel. Und wie weitab lag doch die Schlaglust dieses gütigen, menschenfreundlichen Mannes von der herzlosen Roheit des Landsknechtes! Für die Kranken und Verwundeten zu sorgen, war ihm heilige Christenpflicht. Der junge Kronprinz vergaß es nie, wie ihn der alte Held einmal auf einem Schlachtfelde tief ergriffen bei der Hand genommen und ihm all den fürchterlichen Jammer ringsum gezeigt hatte: das sei der Fluch des Krieges, und wehe dem Fürsten, der aus Eitelkeit und Ueber- mut solches Elend über feine Brüder bringe! Blücher wußte längst, „daß er das Zutrauen der Nation und die Liebe des Heeres für sich hatte", daß chm die Führung der Armee gebührte. Als nun die heiß ersehnte Stunde schlug und das Reich der tausendmal verfluchten „Sicherheitskommissare und Faultiere" zu Ende ging, da fühlte er sich verjüngt trotz seiner siebzig Jahre und dachte froh an die langlebige Heldenkraft des Derfflingers und des Dessauers und die vielen anderen glorreichen Grauköpse der preußischen Kriegsgeschichte. Glückselig wiegte er sich auf den hohen Wogen dieser brausenden Volksbewegung; wie tat es ihm wohl, daß der frische Luftzug der Wahrhaftigkeit wieder durch das deutsche Leben ging und jeder tapfer von der Leber weg sprach. „Dichten Sie man druf", sagt er seelenvergnügt zu einem patriotischen Poeten; „in solchen Zeiten muß jeder singen, wie es ihm ums Herz ist, der eine mit dem Schnabel, der andere mit dem Sabel!" So war der Held, den die Stimme der Nation zum Führer wählte — ein rechter Germane, nur germanischen Menschen ganz verständlich in der rauhen Gröhe, der formlosen Ursprünglichkeit feines Wesens. Belle Alliance. Don Wilhelm Schäfer. Der Feldmarschall Blücher war wieder Gutsherr geworden und hielt in Krieblowitz Haus, als hätte er immer nur Fohlen und Färsen gezüchtet; aber als er nach Karlsbad zur Kur kam, wollten die preußischen Gäste den Tag von Delle Alliance feiern und luden den Marschall Vorwärts als Gast ein. Er hatte, spät am Abend erst angelangt, eben sein erstes Frühstück gehalten und lieh seine gichtigen Deine besonnen, als schsn die Herren von der Klemm und von Krausegrim tarnen, seine Durchlaucht den Fürsten von Wahlstatt zum Festmahl zu bitten. Sie fanden ihn da in der Wolljacke sitzen, wie er es liebte, wenn keine neugierigen Augen um seine Bequemlichkeit waren; weil ihm das Eigelb am Schnurrbart hing und um ihn herum lagen die Morgenbriefe verstreut, als wäre da eine Schlacht von Papier um den Alten gewesen — auch stand schon die zweite Flasche zur Hälfte geleert auf dem Tisch, und der Rotspon glänzte aus seinem Gesicht —, weil der Feldmarschall in seinem Liegestuhl nichts als ein alter Mann war, dem die geschwollenen Füße in seltsamen Wollschuhen staken, sie aber standen in ihrem Fräcken wie aus dem Bilderbuche da und hielten die Orden dem blauen Worgenlicht hin: so mißriet dem Herrn von der Klemm die schön gezirkelte Rede an Seine Durchlaucht den Fürsten von Wahlstatt so sehr, daß der alte Blücher auf seinem Stuhl ihm herzhaft hinein lachte. „Run laßt man die Rede!" winkte er ab und fluchte dazu, weil ihm die Beine nicht folgten, als er sich aufsetzen wollte: „Laßt man die Rede! Ich weih schon, ihr wollt mir zum Tanzen einladen, weil heute vor drei Jahren der Tag von Belle Alliance war. Aber mir drücken die Stiebel, und der Doktor hat mich das Trinken verboten, wenn zuviel Wusike dabei ist. Ich werde mit meinem gebrechlichen Lmb man nur einen ollen Kleiderstock machen und bei Euer Belle Alliance, Gott straf mich, ein schlechter Alliancerich fein!" Aber der Feldmarschall tat nur so, weil dem Herrn von der Klemm die gezirkelte Rede mißriet und der Krausegrim zu sehr seine Ordensbrust blähte. Er wollte gern den Jahrestag feiern, da er von Ligny nach- Waterloo kam und mit Wellington seins Belle Alliance machte. And als die Herren hinausgingen — stolz ihres Erfolges; nur der von Krausegrimm meinte, man müsse dem Blücher bedenklich Nachsehen, daß er kein Fürst von Herkommen wäre, legte der Alte sich wieder zurück, die gichtigen Beine zu sonnen. Es fiel ihm ein, wie er bei Ligny schmerzhafter dalag unter dem roten Schimmel, und viermal brausten die Kürassiere vorüber, zweimal vor und zurück. Sie hätten mir fein Zangen können! ladjite er listig: Dann wäre es mit die ganze Delle Alliance nichts, und sie nrüßten heute in Karlsbad dem Napoleon vor seine Flöte tanzen, statt gegen mir. Darüber meldete Franz, der Diener, zum zweitenmal frühen Besuch'. Diesmal waren es drei, die sich um den Feldmarschall bemühten, und der das Wort führte, hatte es mehr in der Gewalt, als der von der Klemm; denn es war der Poet Tiedge. Aber so schlicht und schön er dem alten Blücher ans Herz gehen wollte, dem schienen seine Wollschuhe wichtiger zu sein, als Worte; erst zog er den einen aus, dann den andern, nach den chmerzhasten Füßen zu sühlen; und als der Dichter endlich in Delle Alliance angelangt war und seine Einladung vvrbrachte, den Feldmarschall als Ehrengast bei ihrer Feier zu haben, war ihm auch diese Rede genug. „Aber Kinder," sagte er unwirsch, „das geht doch nicht, daß ihr mich, alle einzeln daher kommt, mir auf der Ball einzuladen, urch daß ihr mich zweimal die Ohren vollredet!" So kam -es endlich heraus, daß die preußischen Kurgäste in Karlsbad zwei Feste Vorhalten, eines am Mittag und eines am Abend, das Mahl am Mittag für die Dürger und den Ball am Abend nur für den Adel. And die jetzt dastanden zu Dreien und trotz der frühen Stunde zu spät mit ihrem Linsengerichte kamen, waren die Dürger. „Ihr seid mich eine schöne Delle Alliance hier in Karlsbad!" brauste der alte Feldmarschall aus, und der Wein war es nicht mehr allein, der fein Angesicht rot machte. „Als wir bei Wawre in der Lehmnässe lagen, die ganze Nacht, und hätten Schläge gekriegt bei Ligny, kein Brot war im Sack, und das Pulver war naß, und wären bald selber wie Ratten ersoffen, aber wir mußten nach Plancenois, weil der Wellington mir beim Wort hatte: da gab es nicht welche mit von oder ohne! Da gab es nur solche, denen das Vaterland die nasse Belle Alliance wert war, und jene, die lieber ein trocknes Dach- über den Kopf gemocht hätten, gleichviel von wem! Jetzt wollt ihr in Karlsbad den dritten Jahrestag halten und habt einen Stall von Pappe und einem mit ohne. Mich will das eine Mauvaise Alliance scheinen. Geht bei andern zum Tanzen, tia Hab ich einmal versprochen; euch extra bedienen, ist mich Gott straf mich, zu dämlich!" Der Feldmarschall war so zornig geworden, daß ihm die Adern am Hals schwollen, als wären es Stränge; aber der Karren! stak anders im Dreck, als die Stränge zogen, und bte da von! seinem Zorn angeschrien öastanden, hätten die Deichsel lieber vorn gehabt als hinten. Weil aber keiner dem Alten kn fernem Grimm fallen wollte, schwiegen sie still, bis er sich selber zurecht fand. „Ihr seid mich nette S...kerls!" sagte er grollend. „Laßt mich das Herz aus dem Halse schimpfen, und die andern sind schuld. Aber die kriegens dafür gekocht! Geht man, das Festmahl zu machen, und sorgt mich für einen Stuhl, wo rundum keim Blumenkranz ist; die werden bloß immer verdrückt. Nachher dann gehn wir bei die andern zum Tanzen. Da müßt ihr mir bei die Dons vertreten, weil mit die Mädgens zu springen mich die Beine zu dick und die Dlutröhren zu dünn sind." Als die Abordnung der Bürger derart getröstet abtrat, schlug die Ahr auf dem Gang zehn. Jetzt muß ich die beiden -noch einmal im Angesicht haben, die mich zuerst kamen, sagte der Feldmarschall, die mit dem Don, der Wirt wird sie kennen! Der Diener Franz war die raschen Entschlüsse gewohnt, so sta-nden nach kaum einer Stunde die von der Klemm und v. Krausegrim wieder im Zimmer, nicht ohne Ahnung, was der Alte von ihnen wollte, der immer noch- dalag in seinem Stuhl; mir war die zweite Flasche auch leer, und die dritte stand schon gerüstet. „Ihr seid mich eine schöne Belle Alliance hier in Karlsbad!" begann er auch ihnen und schien seines Zornes wieder lustig geworben zu sein, da er sie sah. „Habt mir zum Tanz eingeladen und nichts von die Raupen gesagt, die euch im Kopf sind! Ich kann aber nicht mit das eine Dein bei die Bürger und mit da» andere bei euch Herrschaften gehn. Ihr werdet also die Dummheiten lassen und an den selbigen Tisch- sitzen, und die andern kommen bei euch zu tanzen, oder ihr könnt mir beim Alexander- Platz sehn!" Auf diese Rede des alten Blücher sah der von der Klemm den v. Krausegrim an, und der v. Krausegrim den von der Klemm. Weil es der Fürst und Feldmarschall war, den sie als Ehrengast brauchten, mußten sie ihren Ingrimm verschlucken; aber der Krausegrim würgte zu hart an dem Brocken: „Wir hatten zwar nicht an Krethi und Plethi gedacht!" begann er und warf feine Ordensbrust vor. Aber da war er dem alten Blücher mitten in feine Weisheit geraten: „Gott straf mir, sagte er lustig, „ich habe nicht viel in die Bibel gelesen, aber das weiß ich doch, dah Krethi und Plethi ins zweite Buch Samuelis dem König David seine Leibwache sind. Wenn ihr mich Krethi und Plethi heißt, was dem Düterland feine Leibwache ist, so bin ich selber der Oberste von'die Krethi und Plethi. Der alte Blücher war auf gestanden aus seinem Stuhl; und ob seine gichtigen Füße noch immer in den dicken Wollschuhen staken, und ob fein Rücken ihm steif war vom Liegen, vor den — 167 — Llitzblauen Augen des Greises wich der von Krausegrim trotzdem zurück. Er aber folgte ihm und drängte ihn in die Ecke, mit gezücktem Finger aus seinen Ordensglanz zeigend: „Seid Ihr nicht selber, mit die Vögel da auf der Brust, seid ihr nicht selber bei der Krethi und Plethi gewesen?" Als ob die Gedanken seinen Worten davonliefen, stand der greise Feldmarschall noch mit der zornigen Frage, als seine Augen schon den grimmigsten Spott blinken. „Sagt mich," begann er dann listig, „wo habt Ähr das rote Ritterkreuz her? Und gar einen Stern? Wart Ihr an der Katzbach dabei? Oder bei Möckern?" Und als der von Krausegrim schweigend dastand mit seiner Glanzbrust: „Aber bei Belle Alliance wart Ihr gewiß? Sagt mich, daß Ihr es wart! Ich möchte sonst denken, Ihr hättet dem Stern und die Kreuze gestohlen!" „Die Gnade des Königs kennt auch Verdienste, die nicht aus dem Schlachtfeld geholt sind!" fauchte der Krausegrim bleich vor Wut über die Schmähung und drehte die Schulter vor, die Brust mit den Orden vor dem Finger des Fürsten zu schützen. Der aber wußte genug, und der ganze Grimm auf das Schreibergezücht kam ihm wieder, das ihm den fröhlichen Krieg mit Tinte beschmiert hatte, und- das auS dem herrlichen Sieg eine Schmach für das Vaterland machte, als es im Wiener Kongreß seine Kuhhändel trieb. „Also von der Gnade seid Ihr so bunt auf der Brust!" höhnte er wild, und ehe der Krausegrim wußte, wie ihm geschah, fiel seine Wildheit zurück: „Franz, hol mich den Stock," brüllte er gegen Den Diener; „den für die Hosen zu kkipfen!" Als aber der eilfertige 'Franz schadenfroh kam mit dem Rohr, andere Dinge erwartend, und der von Krausegrim stand blaß wie der Lod, mußte der Diener herhalten: „Warst du nicht mit bei der Katzbach?" schrie ihn der Feldmarschall an. „Hat dich der Franzos nicht bei Möckern ein Bajonett durch die Schulter gestochen? Hast du bei Ligny nicht unter das Pferd gelegen wie ich? Ich habe dich immer gesagt, daß du ein Laufepelz bist. Oder wo hast du dem Stern und die Kreuze? Das Eiserne, hast du, Gott straf mir, redlich! verdient; aber sonst ist dein Rock leer! Sich dich die Gnadenbrust an von dem Verdienst hinten herum bei die Schreibers! Du aber, bis du im Loch eingekratzt wirst, bleibst du die Krethi und Plethi!" Die Prügel waren so echt wie der Zorn, und den sie trafen^ dem galten sie nicht. Der, dem sie galten, hatte sich hinter dem Rücken des Herrn von Klemm gerettet; denn der Krausegrim konnte die Tür nicht gewinnen, weil ihm der Stock und der Diener dabei im Wege waren. Gott straf mir! stöhnte der Alte, als er den Sack ausgeklopst hatte, den Esel zu treffen und Muß sich sehen, weil er in Atemnot kam; aber er lachte der^eigenen Schalkheit so lange, bis ihm die Augen voll Wasser hingen: „Das wird eine schöne Tanzerei werden heut abend, wenn wir von die Krethi und Plethi bei euerer Belle Alliance sind." So kam es, daß auf dem Festball am Abend des 13. Juni in Karlsbad die Orüensbrust des Herrn von Krausegrim fehlte, und daß der von der Klemm es versäumte, schon an der Einfahrt den Ehrenaast zu begrüßen. Dafür stand Krethi und Plethi da, hatte den Weg mit Roseublätte-- "ut, und lauter als sonst brauste dem Marschall Dorw" ellichte Jubel ent- Denn notch Dem drangvollen Morgen war dieses am Mittag geschehen: Als sie dasaßen an Tischen, davon ein jeder mit gleichen Blumen geschmückt war, als der Dichter das feine gesagt hatte mit ziervollen Worten, als das dreifache Hoch auf den Jubelgreis den Tusch der Hörner säst zugedeckt hatte, da stand der greise Feldmarschall auf und hätte nicht an sein Glas zu klopfen gebraucht, baß es $erl>ra.d), so ftill toar altes um feine geliebte Gestalt und so begierig auf seine Rede. Ihr habt mich! Freude gemacht und mir bannig geehrt, und habt mich mehr Lob ausgelegt, als vor meine Eitelkeit gut ist! sagte Blücher und suchte mit beiden Händen nach Worten, ehe er seine Rede wie eine Reiterattacke begann: „Seitdem er in Helena sitzt, der seine Stiefel auf unfern Stuhl stellte, als wäre «8 seiner, braust es mich überall in den Ohren, als hätte ich allens alleine gemacht, und von die andern spricht keiner. Es ist aber so wie bei das Löschen gewesen, wenn eine Feuersbrunst ist, und em« schreit: so muß es gehen mit das Spritzen! Aver bis erst das Wasser von den Dach in der Spritze und von die Spritze über dem brennenden Dach! kommt, muh jedermann da sein, die Eimer von eine Hand in die andere zu langen, älnd wer mich von streun und Plethi spricht, kennt felbichten Jedermann nicht. Jedermann ist wer vor dem Eimer dasteht; und wen seine Hände, zu schade find vor diesem Zweck, der ist ein Jeder, aber kein Mann. Der Wann tut seine Pflicht ganz von selber, wie ihm das Herz in die Brust klopft und fragt den dämligen Kopf nicht. Der Kops ist vor die Gedanken; aber das Herz ist vor die Pflicht! Als mich mein Schimmel bei Ligny auf das zerquetschte Bein lag, und die Kürassiere kamen geritten, zweimal vor und zuruck an mich! vorüber, da hat mir der Graf Rosttz bewacht vor ihre Säbel und der Unteroffizier Schneider hat nur auf fernem Pferd aus dem Getümmel gebracht: beide sind ledermanW vor nur gewesen und alle, die danach bei Belle Alliance durch den Dreck kamen, hatten kein Brot mehr im Sack, nur in die Brust ihre Pflicht, Wenn die Pflicht alle Hände voll hat zu »m, kennt sie keinen Llnterschied rächt; aber wenn wir dasitzen tote hier mang die Blumen oder tanzen heut abend, dann säugt der dämlige Kopf mit seine Eitelkeit an, guckt nach die Kleider und hört nach die Namen, ob einer Bon vorn davor hat, und redet daher von Krethi und Plethi. Ich habe nicht viel in die Bibel gelesen, aber daß Krethi und Plethi dem Judenkönig seine Leibwache hießen, hat mich noch meine Mutter gelernt. Der David mutzte sich Söldner aus allerlei Völker besorgen, bei die Kreter und Philister, weil und warum ihm die Jedermanns fehlten. Unser König kann Kethi und Plethi nicht brauchen und braucht ihnen auch nicht, weil jeder richtige Preuße ein Jedermann ist. Der Jedermann hat uns die Delle Alliance gemacht, ihr zu feiern, muß jeder ein Mann sein; auch, wenn er ein Mädchen ist. Sonst hat die ganze Belle Alliance dem Vaterland dock) keinen Nutzen gebracht, und ich wäre besser bei Fohlen und Färsen geblieben." Als der greise Feldmarschall das gesagt hatte, und der Rock stand ihm offen, daß sie das schwarze Ordensband sahen über der weißen Weste, damit er bei Ligny geritten war; als ihm der weiße Schnurrbart aus dem roten Gesicht hing wie eine zerschossene Fahne, und seine Stimme scharf wie einmal der Säbel in seiner Hand war; als er das dreifache Hoch auf den Jedermann ausbrachte, da war der Jubel so laut in dem Saal, als wäre die Belle Alliance erst eben gewonnen. Und ob es nicht jedermanns Kopf wußte. Jedermanns Herz fühlte es wohl, daß diese Rede und Feier mehr als ein neuer RuHmeskranz für den Feldmarschall Blücher war. Kavalier. Von V i ck i Baum. Der neue Taglöhner brachte ihn an einem langen Strick hinter sich her, durch das Parktor, vorbei an der Sonnenuhr und in unsicherem Zickzack über den weiten Platz vor dem Schloß. Die ganze Zeit über zitterte Kavalier vor Scham über diesen Strick; sein weißes schmutziges Fell mit den schwarzgetigerten Flecken zuckte, und die Augen des alten Hundes tränten und blinzelten in all der Sonne. In feiner Nase Haie er ein krankes, trockenes Gefühl, er hielt sie zur Erde gesenkt, und dicht vor ihr gingen die Stiesel semes Herrn. Kavalier knurrte, sooft er diese Stiesel betrachtete; die ganze Geschichte vergangener Tage stand in ihren Falten geschrieben. Es waren Reitstiefel, grau, rissig, abgetreten, mit einem klaffenden Loch über dem linken Absatz. Und da Heiner Kump, der neue Tagelöhner, ausgenommen war, um Mist zu führen, nicht um zu reiten so haftete eine besondere Lächerlichkeit an Wesen Zeugen großer Vergangenheit. Ueber den Stiefeln baumelten ine blauen Schöße vom Frack der napoleonischen Soldaten, noch weiter oben hatte Heiner Kump zur Feier seines Einzuges eine verschlistene Halsbinde angebracht, in der das vertrunkene, fuchsig uberftoppelte alte Gesicht zur Hälfte versank. Kavalier, diese Ruine eines Hundes, war seineseits mit einem ledernen Halsband verziert, das üb^dies mit kleinen roten Tuchläppchen benäht worden war Hemer SJump hatte es aus Liebe getan, aber Kavalier grämte sich bis jur -Ber- zweiflung über diese unwürdige Aufmachung und den überflüssigen Strick. Er schaute während des ganzen langen, erbarmungslos hellen Weges nicht vom Boden auf, und während seine Pfoten nicht ohne Genuß wieder den Kies gepflegter Schlotzwege spurten, dachte er. Heiner, du machst uns lächerlich! Wenn der geliebte tote Herr uns leben könnte, dich, den Trunkenbold, und mich, krank und mit Räude! Immerhin: man kann Unglück haben, «lt werden, hoffnungslos deklassiert fein. Aber Rasse bleibt doch Raste; das solltest du nicht vergessen, Heiner, du mit deinen Stiefeln und dem Strick und den roten Lappen ... Die Stiesel blieben stehen, etwas entfernt von der Terrasse, öte der Fürst neu im sparsamen Empiregeschmack der Zeit erbaut hatte, denn zu allem Unglück konnte Heiner den Weg nach den Stallen nicht finden. Oben lehnten apfelgrüne und zimtbraune Fräcke am Geländer und der Fürst sagte nachlässig: „Nun was haben wir da für eine Erscheinung?" . Fürstin Hortense hob das weiße Gesicht von ihrer Frwolitaten- arbeit und ließ das Schiffchen weitergehen, ohne hinzusehen. Sie hatte goldrotes Haar und dünne, hochmütig hochgezogene Brauen Über verhängten Augen. Sie schaute mit einem «emen verwunderten Lächeln auf Heiner Kump, der tief unten am Fuß der Treppe dienerte dann in das tupferbraune Gesicht des Fürsten und bann erblidte sie den Hund, der weiß und schwarz gefleckt hinter Heiners Beinen auftauchte. „Was für eine sonderbare Sorte von Hund!" sagte der Fürst. Hortense beugte sich wieder über ihre Arbeit, die Spitzen an ihrem modischen Turban zitterten ein wenig. Wie oft und leicht sie erröten, diese rothaarigen, weihen Fraum,, dachte Graf Mtpach, und zugleich sagte er: „Irre ich mich nicht, so ist es ein Rassehund, eine Art, die man hier nicht kennt. Salma- tiner; der Landgraf von Hessen hatte eine Zucht davon in feinem Zwinger; es sind gute Hunde." Er hob das Schiffchen aus das bie Fürstin sollen gelassen hatte, und fügte hinzu: „Vielleicht haben Durchlaucht in Ihrer Heimat einmal solche Hunde gesehen? „Nein," sagte die Fürstin, „ich habe mich nie sehr für Hunde interessiert." 168 — Indessen war einer von den Lakaien hinuntergelaufen und hatte Heiner und Kavalier aus dem Gesichtsfeld der Herrschaften beseitigt: sie zogen nun, auf den richtigen Weg gebracht, an der Rückseite des Schlosses dahin, über den Hof: Stallgeruch schlug in die Lust, und Kavalier hob angeregt die Nase, in der er seit Tagen eine sonderbare Hitze nicht loswerden konnte. Eine Windhündin erhob sich, dehnte sich eitel und strich an Kavalier vorbei. „Was für ein schmutziges altes Tier ist das?" sagte sie ganz taut; zwei kleinere Hunde, Brüder, denen Leichtsinn und Geckenhaftigkeit aus jedem Glied sprach, kamen schwänzelnd herbei und stießen mit ihren glänzenden Nasen an Kavalier, der kurz knurrte. „Verzeihung!" erwiderte der eine, „ich wußte nicht, daß Sie ein Hund sind; man kann es beim besten Willen nicht sehen!" Mehr Hunde erschienen an der Stallschwell« und schauten Kavalier feindselig entgegen, eine junge, großpfotige Dogge kollerte in die Sonne hinaus bis dicht vor seine gesenkte Nase, und da blieb sie liegen, fassungslos, weil es Tiere gab, die ähnlich rochen wie die Mutter und ganz anders aussahen. Gebell erhob sich. Kavalier vermied es, seine Zähne zu zeigen, er wußte, daß sie gelb und krank waren, und der linke Schneidezahn fehlte. Die Meute kam näher heran, sie bellte und kläfften nun alle, sie zogen und stießen ihn und betrachteten ihn grausam und genau: die zerrissene trockene Schnauze, aus der geifernd die Zunge hing. Die Ohren, voll von Narben das rechte, das linke mit geronnenem Blut bedeckt und verstümmelt: den aufgetriebenen kranken Leib, an dem die Haut faltig hing; die Beine mit geschwollenen Gelenken, der rechte Hinterfuß steif und lahm. Und das merkwürdige, schmutzige weiße Fell mit den schwarzen Flecken. So stand er da in der Sonne, und der Strick pendelte an seinem Hals. Plötzlich straffte er sich und fuhr mit einem heiseren Laut zwischen die Meute, einem feinen Windspiel in die Kehle, bekam einen Bitz in die Schulter, sank blutend und matt zurück, sein kranker Leib schmerzte wütend. Die alte Doge kam jetzt aus dem Stall, sie besichtigte ihn und sagte gelassen: „Laßt ihn in Ruhe; er ist räudig." Sie wichen zurück, bellend, höhnend, aufgeregt: und Kavalier schlich geduckt an ihnen vorbei, vorbei an lachenden Kutschern, Reitknechten und Lakaien, zur Stalltür. Die roten Läppchen an seinem Halsband leuchteten, und über seine Haut ging in großen, unregelmäßigen Stößen ein Zucken . . . Die Hunde mieden ihn. In der Abenddämmerung lag er allein vor der Stalltür und leckte sein Fell. Es roch gut und vornehm da, saft heimatlich, nach Pferden, Hunden, Lederzeug. Im letzten Schein hantierte Heiner mit Karren voll Mist, er hatte die Reitstiefel abgetan und trappte in Holzpantoffeln dahin, wie es ihm zustand. Er verschwand um die Ecke, kam wieder, brachte einen Rest von Brot und Wurst zum Borschein, gab ihn Kavalier, verschwand wieder. Der Pumpenschwengel knarrte friedlich, Heiner stellte einen Napf mit Wasser vor den Hund, der gierig trank. „Hübsch ist es hier, nicht wahr?" sagte Heiner zu den Hunde- augen: „fast wie zu Hause: aber Zuhause gibt es nur einmal, mußt du wissen; seit sie Herffthausen unter den Hammer gebracht haben und der Herr in Spanien erschossen liegt, gibt es zu Hause nicht mehr." Seitwärts vom Schloß, am Kavalierflügel entlang, standen Türmchen, aus Holzvorräten geschichtet, lagen Balken, noch vom Bau der Terrasse. Dort saßen nach Feierabend die Knechte und schwätzten; einer spielten Okarina, es klang friedlich im Dämmern; aus dem Gemüsegarten stieg stark und würzig der Geruch von Dill und Kresse. Dorthin trottete auch Heiner Kump, und Kavalier bewegte schläfrig zustimmend den Schweif und folgte ihm. „Einen hübschen Hund hast du da", sagte ein Reitknecht, und alle lachten. Heiner nahm die heiße Schnauze zwischen seine Hände und erwiderte ernsthaft: „Einen hübschen und einen guten Hund, das kannst du glauben, Bruder. Einen, der in seidegefütterten Körbchen lag, als wir ihn kriegten, und einen, der fast verreckt wäre, wie sie feinen Herrn eingruben." „Ihr habt gute Zeiten gekannt, ihr beiden?" fragte ein alter Arbeiter über seinen Pfeifenkopf weg. „Gute Zeiten und schlechte Zeiten, Bruder. In Hessen, in der Heimat, da waren gute Zeiten; in Spanien, mit dem Napoleon, das waren schlechte Zeiten! Man glaubt's nicht, wenn mans nicht selbst erlebt. Hättest mich sehen müssen, wie ich noch Reitknecht war beim Baron Herfft, hättest den Hund sehen müssen, wie die junge Dame ihn uns schenkte, im seidenen Körbchen, und was das für eine Freude war und eine Verliebtheit mit ihr und dem jungen Herrn. Herffthausen taugte schon damals nicht viel, aber der alte Baron robotete selbst auf den Feldern mit und sparte und kratzte und hielt alles zusammen; aber er, was der Vater von der jungen Dame war, der saß auf dem Nachbarsgut, ein gieriger alter Kerl, dem hatten wir Wald verpfändet, und bald einen guten Acker und bald das Jagdhaus und dies und das; und der junge Herr faß derweil in Kassel beim Regiment und lernte das Lustigsein und französisch parlieren und den richtigen Kasseler Leichtsinn. Aber ein schöner Herr war es, das muß man sagen, immer freundlich, und kein Wunder, daß die junge Dame es verrückt mit ihm trieb, obwohl sie schon mit einem andern so gut wie verlobt war. Rote Haare hatte sie und so ein weißes, hochmütiges Gesicht und solche erstaunte Augenbrauen; aber vchriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Teufel steckte ht ihr, das sah man beim Rekten. Mcht wahr, Kavalier?" Der Hund schlug träge mit dem Schweis, aber er hielt seine vernarbten Ohren steif und aufmerksam. Von oben, aus dem Speise- faal kam Klirren und kurzes Gelächter; unten, auf dem Balkon, wo die Knechte saßen, war es still geworden, der Junge hatte die Okarina sinken lassen, und alle hörten nun zu, was der neue Taglöhner mit seiner verrosteten Stimme vorbrachte. „Vor rothaarigen Frauenzimmern soll man sich in acht nehmen, die hat der Teufel erfunden. Das haben wir erlebt, wie dann der alte Baron gestorben war. Unser junger Herr kam heim vom lustigen Kasseler Hof, ade Lustigsein, jetzt sollte er arbeiten und sparen. Ich sehe noch sein Gesicht mit den zusammengebafsenen Zähnen. Zuerst ging es; aber dann war da ja der Nachbar und drangsalierte; und da war seine Tochter, die junge Dame, und ließ uns nicht in Ruh«. Da kamen Boten und Briefe, und heute ritt ich heimlich hinüber, und morgen brachte ihr Lisette Botschaft. Und dann trafen sich bk jungen Leute im Wald, und ich hielt die Pferde und sah und hörte nichts, wie es sich für unsereinen schickt. Und zu Hause dann stöhnte der junge Herr wie wild und sagte: .Wenn ich sie zur Frau bekäme, dann könnte noch alles gut werden.' Aber um das Gut kümmerk er sich bald nicht mehr, sie lieh ihm ja keine Zeit, und alles verfiel uns. Dann brachte sie einmal den Hund und sagte: ,Jch habe ibn selbst für dich dressiert, er ist ein guter Hund, einer aus dem landgraf- lichen Zwinger. Er ist treu. Er wird bei dir bleiben, wen« ich dich allein lassen muß.' Ich stand an der Fuiterkiste im Stall und hörte es, wie sie das sagte, und auch, wie der junge Herr ganz verzwÄfell schrie: „Du darfst mich nicht allein lassen!" „Eine Woche später war Verlobung mit einem andern. Wer kennt sich mit den Weibern aus! Hätten wir damals den Hund nicht gehabt, dann hätte sich der junge Herr erschossen. So faß er nur immer mit dem Kavalier und starrte ihn an und erzählte ihm was. Die ganze Nacht ritten wir Galopp im Wald und mitten durch unsre armen Felder, die ohnedies der Franzose verwüstet hatte, daß sie ganz verwahrlosten. Nachher wurde es nur noch schlimmer mit der Liebe. Fast täglich kam die junge Dame heimlich zu uns und blieb stundenlang und machte den jungen Herrn ganz toll. Kavalier, der wüßte zu erzählen, wenn er reden könnte; der war immer dabei. „Dann war es auf einmal aus. Die junge Dame war verheiratet und zog aus der Gegend fort. Unser Herr saß da im leeren Haus und ließ die Hände nur so herunterhängen, und Kavalier leckte sie ihm ab und weinte. Er kann weinen, der Kavalier. Aber der junge Herr, der konnte nicht meinen, hätte sich auch nicht geschickt für einen Herfft. Dann kam der alte Geizkragen von nebenan und knackte so mit seinen langxn Fingern und redete freundlich. Nachher kam Herffthausen unter den Hammer. Da zogen gerade miede rdie französischen Werber^ herum, und wer nicht gern ging, der wurde gepreßt. Denn nun hatte der Napoleon Lust bekommen, Spanien In die Tasche zu stecken. Der junge Herr ging gerne, so verzweifelt wie er war. So gingen wir mit den hessischen Regimentern mit, der junge Herr als Offizier und ich als fein Dragoner. Im Regiment haben sie immer von ihm gesagt: Der sucht eine Kugel! Und Kavalier immer bei ihm, in allen Gefechten, bei Erkundungen und Ritten; ein guter Hund; fein Bein lahmt noch von einem Streifschuß. Kurz nach Weihnachten kam dann die Kugel; wir ritten zu acht, unser junger Herr voran, es war dunkel und schneite ganz dünn, ganz anders wie in der Heimat. Da war ein Hof, so ein Haus mit flachem Dach, und dahinter lagen die Aufständischen und warteten, daß der Engländer ihnen helfen komme. Wir hielten das Haus für ungefährlich, die Gegend galt als besetzt und gutgesinnt; da schoß das schwarze Gesindel aus den Fenstern auf uns. Der jung# Herr fiel ganz langsam vom Pferd, es war ein trübseliger Tod. Du weißt es, Kavalier. . ." „Sie sagen, die Spanier sind Heiden?" fragte nach einer Weile der jüngste Reitknecht. „Sie sind Christen, Bruder, führen die Madonna immer in ihren Knoblauchmäulern und haben so viel Heilige wie Läuse. Ein elendes Land und ein elendes Heimkommen nach den beiden Feldzügen, das könnt ihr glauben", sagte Heiner Kump und streichelte leise den Hund, der eingeschlafen war. Was sich dann begab, dauerte nur eine Minute. Kavaliers Fell zuckte im Traum, er fuhr mit einem heiseren Laut empor, witterte, stürzte in großen Überschlagenden Sätzen dem Garten zu. Dort schimmerten Kleider, klangen Stimmen, dort stand die Fürstin mit einigen Herren am Hofgitter. Die Laute, die Kavalier ausstieß, waren so hoch, so wild, daß alle erschraken. Der Hund warf sich unbändig gegen die Gestalt im hellen Kleid, sein Heulen ging in Winseln über, er schrie wie ein junger Hund, er streckte feine heiße Zunge vor, nach dem Gesicht der Fürstin, ihren Händen, ihren Füßen. Die stand eine Sekunde ganz steif, dann riß sie einem Knecht die Peitsche aus der Hand. „Zurück!" rief sie laut. Der Hund duckte sich, und während die Hiebe auf ihn niederklatschten, wedelte fein Schweif und seine Augen flehten menschlich: Erkennst du mich? Einer leuchtete mit einer Laterne, die Fürstin ließ die Peitsche sinken, ihre Hände zitterten schwach, das Gesicht war im ungewissen Licht noch weißer als sonst. Der Fürst warf einen sonderbar spähenden Blick auf feine Frau, die er zum erstenmal aus ihrer hochmütigen Gelassenheit gerissen sah. (Fortsetzung folgt.) Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindimckerei, R. Lang«, Vieh««.