Eichener ZaniilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Freitag, öen 24. Dezember Nummer 103 Friede auf Erden. Bon Conrad Ferdinand Meyer Da die Hirten ihre Herde ließen und des Engels Worte trugen durch die niedre Pforte zu der Mutter und dem Kind, fuhr das himmlische Gesind fort, im Sternenraum zu fingen, fuhr der Himmel fort zu klingen: „Friede, Friede! auf der Erde!" Seit die Engel fo geraten, 0 wie viele blut'ge Taten hat der Streit auf wildem Pferde, der geharnifchte, vollbracht! In wie mancher Heilgen Rächt fang der Chor der Geister zagend, dringlich flehend, leis verklagend: „Friede, Friede.... auf der Erde t* Doch es ist ein ew'ger Glaube, daß der Schwache nicht zum Raube jeder frechen Mordgebärde werde fallen allezeit: Etloas wie Gerechtigkeit webt und wirkt in Mord und Grauen, und ein Reich will sich erbauen, das den Frieden sucht der Erde. Mählich wird es sich gestalten, seines heil'gen Amtes walten, Waffen schmieden ohne Fährde, Flammenschwerter für das Recht, und ein königlich Geschlecht wird erblüh'n mit starken Söhnen, dessen Helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde! Das Geheimnis der Weihnacht. Bon Sic. Heep-Wetzlar Aus den Himmelshallen Der Ewigkeit Ist ein Stern gefallen In unsere Zeit. Ich möcht meine Feder tauchen In lauter pures Gold, Mit Himmelsglut durchhauchen, Was ich euch künden sollt! Weihnacht — kann's einen schöneren, feierlicheren, heiligeren Warnen geben für das Geheimnis, das Mysterium, des Christkind's Kommen? Wo ist Menschen Tun und Armes Macht? Hier ist Schöpfung, Gottes Tun! Darum ist nichts gebunden an der Zeiten ehernen Schritt: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind"; nicht eingeengt ourch Stoff und Raumgreuze: „Christkindchen, komm in unser Haus" — „das Wort ward Fleisch" — „Menschensohn" — „Gottessohn". Weihnacht — jedes Geheimnis wahren Lebens ist umhegt, heimelig eingebettet in irdische Hüllen; so erscheint's uns Menschen in Raum und Zeit immer: Es ward ein Kind geboren — Marie, die reine Magd —die Krippe — Grotte und Stall — Bethlehems Flur — Erdenland — „wohl zu der halben Nacht" — hat Wurzel geschlagen in unserer Erd. Und dieses erdumhegte Weihnachtsgeheimnis wirkt, muß wirken wie ein Magnet: Die Lichtwelt neigt sich, und der Stern steht über dem Stall, harfenrein klingt's wie Engelstimmen: Fürchtet euch nicht — der Heiland ist geboren! Aus kosmischen Weiten tönt's: Ehre sei Gott in der Höhe — Friede auf Erden! Still leuchtet Kerzenlicht aus Tannengrün. Es ist ein Magnet für die Erdenwelt: „Ochs und Eselein schauen stlll hinein", die Christrosen blühen mitten in Schnee und Eis, das Erz reckt fich in der heiligen Nacht in der Tiefe, die Tiere reden, der Wald umhegt mit Tannengrün Christkindchens Krippe. Und sie kommen alle die Menschenkinder und werden in das Licht der Weihnacht gezogen: Hirten von den steinigen Bergen, grübelnde Weise und Gottsucher, Könige aus Geschichtstiefen, Simeonsgestalten im weißen Haar, Faustnaturen und Marienseelen. Und welcher Magnet ist Weihnacht und Christkind geworden im deutschen Land: Da huscht's und lockt's zum heiligen Abend, zum heiligen Christ: alle guten Geister schmücken die Krippe: Zwerge und Puppenfee, Rotkäppchen und Dornröschen, und die Kleinsten reichen um den Lichterbaum den Aeltesten die Hand zum heiligen Ring: Des laßt uns alle fröhlich sein und mit den Hirten geh'« hinein! Weihnacht — alles, was dem Christkind nahe kommt, wird vom Licht verklärt: 's wird ein „Christkindchen": Aepsel und Nüsse, Püppchen und Bausteine, Gerät und Gewand, Bilderbuch und Goldreif. Geheimnis der Weihnacht, Christ ist da, Gott ist nah. Wo ist Raum und Zeit! Wie's Lucas kündet und bildet: intim, idyllisch, anheimelnd in Rembrandt-Beleuchtung: „Da gebar Maria ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe . . . und es waren Hirten in derselbigen Gegend aus dem Felde. — Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen . . .", wie'- Johannes in Dantehorizonten malt und mit Faustperspektive formt: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort und das Wort ward Fleisch — das Licht schien in die Finsternis .. . so sprengt's die raumgeburrdene Erdenwelt: schauten toir's im Stübchen des Elternhauses mit Richters Augen — im Märchenreich in Schwinds Farben — hinter Nürnbergs Häusergiebel, (Dürer), auf der Bethlehemsburg (Heiland), unterm Strohdach (Uhde), in der Tropenpracht oder in Eis und Schnee? Wer zählt die Madonnen- bikder, wer kann das Muttergeheimnis der Dürerschen Marien aus- schöpfen! Und wie atmet es aus und erhorcht von Menschenlippen und Kindermund vielstimmiges Echo! Das rieselt heimlich tote Mondstrahlen: „Stille Rächt — heilige Rächt" . . . Das jubelt toie Kinderchor: „Bom Himmel hoch"; das dröhnt wie Sturmesbrausen: „Freue, freue dich, o Christenheit" — das raunt wie aus Märchen — Sagen — Urwaldtiefe: „Es ist ein Ros entsprungen". Domglocken und Kinder- jauchzen, Weihrauch und Tannduft, rotbackige Aepfel und Engelhaar, heimlich-heilig Erinnern und gewaltige Hoffnungsperspektive: aller durchleuchtet, heiligt, verklärt das Geheimnis der Weihnacht. Wo ist des Menschen Relativismus? Ein Groscheit und ein Herz voll Liebe macht die kleinste Gabe zum „Christkindchen" und aus des Christkind- Fülle nehmen wir absolute Gnade um Gnade. Wo ist die Mechanisierung des Lebens dem Ursluidum, dem Urwort, der Urform, dem Ursein des Christkinds gegenüber? Wo bleibt die Skrupellosität eigener Beschränktheit und die Sezierung des Innenlebens dem Ueberwältigtsein göttlicher Schöpfung gegenüber. Jst's Magie, ist's sakramental, ist's reine Mystik und Romantik? Deutsche Weihnacht — Du bist es nicht. Denn du bist gemütstief, aber gottesstark und christwahr. Im Christkind ist ja geboren der Jesus mit der Dornenkrone, der Christ, der starke Heiland, dem alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden, in Volksnot und Menschenherztiefen. Das ist ja das absolut Große und Wahre, das unser Gemüt und Gewissen so ergreift: „Er entäußert sich selbst und nahm Knechtsgestalt an —. Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeboren Sohu gab“. Schon über der Krippe leuchtet auf diese gottstarke Wahrheit: Das Licht scheint in die Finsternis, aber— aus Stall und Grotte wird nur bann ein Tempel und Dom, wenn das Kreuz hineinragt und sie krönt —. Marie, die reine Magd, ist geboren zur mater dolorosa. Licht, auch Weihnachtslicht erlöst nur bann das Dunkel, wenn es seine Lichtnatur und -kraft hingibt und Liebe wird, die durch reines Opfer wächst zu erlösender Liebe, durch Weihnachtsgeheimnir umhegende Erbenschranken unb lichtlose nachttiefe Schuld und Finsternis durchbricht in Gotteskraft; mitten im kalten Winter muß blühe» der Christrose „Blümelein". Das ist bas Große, Götüiche des Weihnachtsgeheimnisses: Ohn'all mein Verdienst und Würdigkeit! Darum reichen wir unsern Kindern die Hand, bücken uns mit ihnen vor dem Christkind und beten: „Welt ging verloren — Christ ist geboren". Werden wie die Kinder! Dann ist Weihnacht keine Romantik, keine Sentimentalität, sondern Wahrheit und Gotteskraft. Und die suche« wir und dürsten danach, besonders im deutschen Volk gelle e§: Christkind, komm in unser Haus! Darum: weniger Grammophon und Radio — mehr Kinderstimmen ! Weniger Marzipan und bunte Glasperlen — mehr Aepfel und Nüsse! Weniger Reklame und elektrische Beleuchtung — mehr Geheimnis und Kerzenlicht! Weniger Stimmung und BereinS- feiern — mehr Freude und Hausandacht! Weniger Dekoration und Rhythmus — mehr Christkind und Hirtenandacht mit Tannenreich! Weniger Weihnachtsromantik — mehr Christsein und WeihnachtS- liebe! Das ist doch das Allerschönste und Götllichgroße: Der Ster» stand über dem Stall, und in einem Stall, einer Grotte, in einer Krippe liegt das Christkind. Wenn die Wohnungsnot in Bethlehem und i» Deutschland noch so groß ist, wenn die Zeit erfüllet ist, wird Christ geboten, und wo er geboten ist, da ist Weihnacht! Nimm unsre Lust und Schmerze« Und schmilz sie alle ein, Bau' eine Welt aus Herze« Und nicht aus Stein! - 410 heißt: Heilige Nacht. Bon Karola Strauch-Bock Mit deinen Kinderhänden Form' du die Menschheit um, Aus daß sie aller Enden Verbleib dein Heiligtum! „Wie sie so saß in Trauern schwer, da ritt der Ritter Georg daher..." da hob sich ihm das Herz so hoch, man konnte es ordentlich sehen, wenigstens an dem Leuchten seiner guten blauen Augen, denn dre Augen leuchten immer, wenn sich das Herz hebt, ^a, der kleine Georg wubte, daß ihm diese Worte galten: er war ,a der „Ritter Ork , rote er sich nannte, da er das schwere Wort noch nicht so gut aussprechek konnte. Er war der Ritter Ork und mußte einmal die Königstochter vom Drachen befreien als ein frommer und tapferer Ritter... Und mit ttommelte'es m der Lade des weißen Rachtkästchens, das neben dem Gitterbette stand. Ritter Ork horchte. Es war so still tm Zimmer, daß er das Ticken der alten achteckigen Wanduhr vernehmen konnte, das er sonst nur eine kleine Weile hörte, rocnu das Licht ausgelöscht worden war und er die Augen noch offen hatte .... .W trommelte wirklich. Er mußte doch nachsehen. Sehr vorsichtig, mit beiden Händen an dem Messingringe ziehend, öffnete er die Lade. Da sprang die kleine Maus heraus?di/er kannte. Denn sie knabberte meist allsogleich, wenn es im -Ummer finster geworden war, rrgendivo neben dem Ofen oder dem Waschtisch oder an der Türe, die in Papas Arbeitszimmer führte, sie setzte ich sehr zierlich auf die Hinterpfötchen, ww s die Eichhornchen nn Sommer taten, und sah ihn aus ihren runden Acuglem an. »Was wM du denn?" fragte Ritter Ork. Er fürchtete sich gar nicht. »Ja,dusoUst dock aufstehen", sagte die Maus. "Es ist Zeit." Und da durchfuhr es den Kleinen. Die Maus brauchte nichts inehr hinzuzufügen: er wußte alles "Da kam der Ritter Ork daher...". Er mußte also daherko,unten. Es war ein eigentümliches Gefühl, nicht so freudig, wie wenn amMech- nachtsabend die kleine silberne Glocke klingelte und erneut boä §era fdilua Ihm schlug auch das Herz, aber anders. Er sah sich noch einmal aelben Bett, zugedeckt mit der grauen rotgesaurnten Decke, die Aase kerzengerade in der Höhe, und schlief. Neben ihn» aus dem Schemelchwt laaen seine Kleider, die graue Felduniform und der braune Tormster, denn der Herr Bär'war im Feld gewesen und am Bette standen etE braunen Schnürschuhe. Wenn wenigstens der Herr Bar.... Uber er unterdrückte sogleich diesen Gedanken. Auch Hippolyth la Trompe oder Kamp-Elefanto-Kamelos schlief, aber tn semem ^auen stramm Röcklcin und mit dem Lederriemeti um den dicken Leich denn das g, g nickt auszuziehen. Hippo schlief nicht tn einem Bette. Em solches haue erst der Herr Bär erhalten. Er lag auf dem Rücken in der Ecke desHeinen mit geblümtem Stofs überzogenen Strohsesselchens, das sonst dem kl neu Georg selbst diente, wenn er an seinem Spieltischchen Platz nahm. Den Ritter Georg hatte auch niemand begleitet. Aber er war aus seinem Pferde dahergekommen. Und Attila stand doch tn■ ' woes finster und kalt war.... Nein, Attila stand >a neben dem Bette. Wie war denn der hereingekommen? Er sah sehr glänzend aus, o h er io alt war, daß sogar Papa als kleiner Junge daraus geritten war. • Das Sattelzeug war so gut, wie man es setzt gar nicht mehr m. Ihr greises Angesicht trug Runzeln, als seien es die Schriftzuge eines großen Meisters. Die edle Stirn barg Kamps und Lrebe, den Smn des Menschenlebens. Ihre glänzenden Augen leuchteten feucht au- dunklen Tiefen,.wie junge betaute Blüten aus dürrem Laub- Sw spiegelten die Schöpfung wider: ewig quellende Mast, bte aus Gute verschwendet, Schönheit, die sich schützend über Elend breitet. Ihr weißes Haar warf silbernen Schein auf das Antlitz. Schritt dte hohe Gestalt-durch belebte Straßen, so neigte sich der Kopf^vornüber. Sw gehörte zu den einsamgewordenen Menschen. Sie lebte tm Verborgenen in einer großen Stadt ein ärmliches Dasein tn etner kleiner Stube. Niemand küntmerte sich um sie. Dennoch besaß sie eine Allmacht. Im Schweigen und Begegnen hatte mancher Minuten mnegehalten und hatte im streifenden Blick Gnade und Siebe von ihr erfleht. Es war mancher besser heimgekehrt, dessen eiltgenWeg sw gskreuzt hatte. Davon wußte sie nichts. Doch sie empfand, wagte siesichunterdie Menschen, daß sie nichts mehr von deii Lebenden zu erwartetthatte, daß ihreGaben aus höheren Händen kommen mußten. Daß der Blick der Mitmenschen ein Sangen war an ihrer Kraft! Daß em Händedruck der ihr noch selten zuteil ward — ein Begehren des onbem war! Sie erlebte aber auch, daß hin und wieder — die wenigen Male konnte sie zahleii Menschenaugen sie trafen, die stumme Gemeinschaft boten, wenn auch keine Hilfe. Das geschah einmal beim Anblick eines bettelarmen Kindes, einmal beim Gruß eines Mönches-und sobizarrdas sein uioch.e einmal des Nachts, als erne Dirne ste um Wegwetsimg bat. Die trug den Willen zur Reinheit, der dunkle Pfade hinter stch labt, '" brennenden Augen. Das Leben der Greisin hatte Schicksale gehabt, rote^iebe8 andere auch. Tod, Krankheit, Schuld, sinne und göttliches Wesen hatten ihr Leben gemeißelt zu einer unzerstörbaren Kraft. Sie hatte keine Furcht mehr. Und lebte wie ein Künstler, der lobpreisend aus geheimen Quellen schafft, wie ein Weiser, der allen Glanz des Lebens einer himmlischen Liebe untertan gemacht hat. Was andre zermurbte das überwand sie. Streit oder Haß blwb ihr Ansporn zur Gute- 8'"^'se schien ihr Frage zu göttlicher und sieghafter Antwort. Sie war ver schwistert mit heiligen Gestalten der Vergangenheit. CanGeheimms umhüllte sie von Kind an. Sw war am vwrundzwanzlgsten Dezember vor Mitternacht geboren. „Seltsam, gerade an Weihnacht geboren, wie erstaunt hatte das mancher gesagt! Em doppelter Zauber hatte immer über ihrem Christbaum geschwebt. Wenn andre die Weihnacht feierten, so blieb ihr noch eine verborgene Andacht, die memand ahnte. Bedeutete das Verheißung für em auserlesenes Leben? Nem! Da batte sie tiefer schauen gelernt, hatte zu scharr gesichtet, wa» Glück oder Unglück sich nennt, hatte teil am unbegreiflichen Leben, dessen Geburtsstunde zeitlos ist. Der, den die Menschen zum Gott erhöhten, war am selben Tag geboren, wie sie! Das stellte sie unmittelbar vor göttliche Forderung. Und nicht vergeblich hatte sie ihr ganzes Leben gelebt, ab ^"seuw war ih^fünfundsiebzigster Geburtstag. Einsam wollte sie ihn begehen Menschen bedurfte sie nicht. Der, dessen Geburtstag m.allen Landen gefeiert wurde, war ihr nahe als Bruder. Er war ernstwie ein Trovien überfließender Gottesliebe vom Himmel ms rauhe Erdreich gefallen, sie war am selben Tag Jahrtausende spater ab sündige-- Menickenkindlein geboren und harrte der Erlösung. Ein kleines Bäumchen brannte trotz ihrer Verlapenheit und Armseligkeit in der engen Stube. Bunten Flitter hmgswschonlange nicht mebr an die grünen Zweige. Denn sre sah, daß dw Menschen boa) lauter Träume und unerfüllbare Sehnsucht ins Gezweig steckten. --»as mußte all wieder zerbrechen und matt werden. Mit den Kerzen mir: e. anders. Sie hatten auch ein kurzes Leben, aber sw breiteten um sich ein Licht, dessen die Welt wartete. Die waren ww Glieder emer heiligen Gemeinde. Die spannen weiche Tränine in dw Seele hinein und wiesen stammelndem Becken lichte Wege. Die verkündigten bte. Demut, indem 5ir ihr 9eben aabeir, damit der Baum erstrahle! Mit gefalteten Händen hatte die Greisin im Lehnstuhl ihrer Ahiwn gesessen und schöner Weihnacht gefeiert, als manche Frau mit aRann und Kind. Festglanz und Kerzenduft durchwehte das Gemach. Müde Schleier legten sich aus die Hellen Auge''- Sw wollte sich niederlegen und träumend weiter feiern. Sie löschte dre^weingen flackernden Kerzen, schob das Tischlern zur breiten Bettstatt, damit der Christbaum ihr nahe sei in der heiligen Nacht. Das weiße Linnen leuchtete festlich im Mondschein. Sie schlief em. Da träumte sre r en Traum ihrer sünfundsiebigsten Weihnacht. M itt Es war eine sternklare Nacht. Die Luft schneidend kalt. Sw schritt über eine vereiste Wiese zu einem Wald. Em Ahnen war m ihr, al sei dieser Weg das Ziel selbst! Das war em Wunderwald. Jeder Baum war ihr vertraut! Sie sah, jeder hatte ein Gesicht. Und flo '°rschte in den Augen und Zügen dieser Baumgesichter und flehe, es waren lauter Tannenbäume. Geisterhaft übersah sie den kleinen Wald. Sw zahlte fünfundsiebzig Bäume: das waren die Weihnachtsbaume ihres langen Lebens. Ein kindlich Lächeln spielte um ihren Mund. Dort standen dw Tannen ihrer Kindheit, auch die erste Tanne, da sie noch im Unbewußten lebte. Mit Traumaugen sah sie an den Zeigen bte Mutterliebe glitzern. Jeder Christbaum war ein geheimnisvoll Erinnern. Da stand der Baum der bräutlichen Liebe, hier wuchsen Bäume sommerlicher Siebe, da das Herz in der Schöpfung mit Tieren und Blumen gesungen hatte, da es mit der Kreatur um himmlischere Befruchtung geseufzt hatte. Sie schritt zitternd von Tanne zu Tanne und je weiter sie hing, um so ernster und ehrfürchtiger erschien ihr jeder Baum. Es stand em Christbaum verschneit ohne Licht, der war in großes Herzeleid hineingewachsen. Am Waldesrand bückten sich die kleinen bescheidenen Bäumchen ihres Alters. Sie funkelten verklärt. Streichelnd fuhr ihre Hand über die Aestchen. Sie waren in dieser Nacht nicht rauh, sondern weich und duftend. Sie hielt staunend inne; so war ihr Leben dieser Wald? Und keine Tanne hatte ihr völlige Stillung gebracht? Kerne! Sie harrte noch immer in brünstigem Verlangen einer kommenden Weihnacht. Ihre Sehnsucht erglühte wie die Sterne. Sollte ein Wunder geschehen und das Wesenlose Gestalt gewinnen? Fröstelnd mit müden Schritten suchte sie den Weg, als führe er zur Heimat. Ihre Seele reckte sich ins Unbegreifliche, daß die Tannen des Waldes sich zwerghaft klein duckten im Dunkel der Nacht. Himmelsträume segneten dre Gipfel, ic brannten wie aufrechte Kerzen. Es pochte in ihr. Sie muhte heute seit wirklichen Weihnachtsbaum schauen, den lerne Menschenhand zu pflanzen oder stützen brauchte. Irgendwo in der Ferne mußte der Himmelsbaum stehen. Sie trat aus den Wald auf eine Ebene. Die Ferne lag in blaue Hüllen gebettet. . , . Sie ging träumend bis zu einem kleinen Hügel. Der trug jem Eigen- tum, eine mächtige Tanne. Das war der segnende, der flammende Christbanm, der einer Menschheit Sternenlichter entzündet hatte. Er ragte in den Nachthimmel hinein, als berühre er kaum dw Erde. Mondlicht floß wie Silber durch die Beste. Er hatte eine wortlose Sprache der Verkündung. Alles Menschenhoffen und Seufzen versteckte sich in seinem Schatten. Mitten im Winter sangen Vögkem tm Gezweig. Eis- perlen funkelten wie lichte Blüten. Ein selig Erschauern ergriff die Greism. Sw reckte dw Arme hoch, ließ sie wieder wunschlos herabsmken. Sw hatte nichts mehr zu erflehen. Da äckzte die hölzerne Bettstatt der Träumenden, der Wandernden. Sie stieß gegen das kleine Tanilenbäumchen, das neben chr wachte. Es fiel um und legte sich schützend auf ihre Brust. Da stand ihr Herz stilb Es schlug Mitternacht. Die Glockenklänge tarnen als geladene Gäste in die Stube. Es waren keine Totenglocken. Hell läutete es zu einer himmlischen Geburt. Ritter Ork. Ein Weihnachtsmärchen von Richard v. Schank al. „In einem See, sehr groß und tief, ein böser Drach' sich sehen ließ...' Immer wieder mußte dem kleinen Georg der Papa das alte Lied vorlesen, und wenn er zu der Stelle kam, wo es von der Komgstocktei - 411 — kau». Aber der Schweif war ihm ausgerissen und lag irgendwo im Spielzimmer. Jetzt konnte er den nicht mehr suchen. Da sprang das Türchen des Kapuziners aus, und es läutete sehr hell in der kleinen Kapelle. Wahrscheinlich war's Mitternacht. Obwohl man im Zimmer ohne Licht alles sehen konnte. Die Maus war verschwunden .... Georg schlug die Decke zurück und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem warmen Bettchen. Attila wiegte sich freudig. Aber Georg wußte, daß man sich anzukleiden hat, wenn man aufgestanden ist, und so sah er sich denn nach seiner Wäsche um, die immer auf dem aus seinen Säuglings- jähren stammenden Wickeltischkasten schön geschichtet lag. Zunächst tat er seine grauen weichen Filzpantöffelchen an die nackten Beine, wen Papa es ihm streng verboten hatte, mit bloßen Füßen herumzulaufen. Dann wollte er die Strümpfe, Leibchen und Hosen herbeiholen. Aber was war denn das? Aus dem Wickeltische lag ein doppelwölbiger Brustharnisch mit mehrgliedrigen geschmeidigen Oberschenkelklappen, und darauf stand ein richtiger Helm mit einer blauen und weißen Feder, genau wie ihn der Ritter Sankt Georg auf dem Bilde trug. Als der kleine Georg zitternd vor ängstlichem Glück die kalten metallenen Stücks aufgehoben hatte, trat ein Schild zutage, dreieckig, mit vergoldeten Randstreifen und mit geschraubten Buckeln beschlagen. Darunter ragte ein Schwert hervor. Ohne sich lange zn besinnen, wollte er den Panzer überziehen. Aber da fiel ihm ein, daß es denn doch angezeigt wäre, sich darunter wärmer zu kleiden. Und so zog er denn seinen roten Schlaftock an, schlüpfte in den Harnisch, der seitlich durch Riemen zu schließen war, gürtete daS Schwert um, dessen Gehenke sich in der Mitte verhaken ließ, setzte den Helm auf und bestieg Attila. Die Strümpfe hatte er vergessen. Kaum saß er in dem steilen und harten Sattel, als sich das Pferd in Bewegung setzte. Er brauchte gar nicht wie sonst durch heftiges, stoßendes Wiegen den» Holpernden fortzuhelfen, es schaukelte von selbst mit ihm davon. Die Türe mußte er ihm freilich öffnen. Aber in der „Galerie" schlug es ohne lveiteres die Richtung zum Salon ein, wo der Christbaum stand. Durch das große Speisezimmer ging's. Und schon bemerkte Georg, daß im Salon, dessen Türen bloß angelehnt waren, irgend etwas los sein mußte, denn Licht, ivirkliches Licht schimmerte unter ihnen hervor. Er griff nach dem Schwerte, erfaßte dann aber sofort wieder die Handpflöckchen, die zwar unpassend, aber tauglich dem Rosse rechts und links aus dein Halse hervorragten; denn die Fahrt war roh.), fast stürmisch geworden.. Attila stieß die Türen mit dem Kopfe auf. Der Christbaum stand in tiollem Lichterglanz. Doch die Nußknackergesellschaft intet ihm — es waren alle vier vorhanden, die in den letzten Jahren zu Weihnachten sich eingefunden hatten — und die zwei Waldmänner, rauhe, aber liebe Leute mit Rindenhüten und breiten Bärten, bildeten eine aufgeregte Gruppe. Das Kamel des einen der heiligen drei Könige, lag auf dem Rücken und streckte steif seine vier Beine in die Höhe, auch einige Lämmer waren irmgesallen, und die Hirten samt den Königen schienen sich in den Stall haben flüchten zu wollen. Alles dies übersah Georg mit einem raschen Blick. Aber er sah, den entsetzten Nußknackern näherschaukelnd, noch mehr: um ben Stamm des Christbaumes schlang sich die schwarze j Schlange, die sonst immer zusammengedrückt im Juxphotograph,er- ’ kästen stak. Run wußte er auch, welchen Feind zu bekämpfen ihm bestimmt war. Aber wo war die Prinzessin, die gerettet werden sollte? Die Kerzen des Weihnachtsbaums brannten ruhig fort, die feinen Strähnen aus Gold und Silber glitzerten, Sterne, Kugel,i, Glocken, Fische, Schiffe und Vögel, alles aus buntem Glasstosf, blitzten und sunkelten, und die zierliche Kapelle, die noch von Papas Christbaum lammte, schimmerte aus dem grünen Versteck ganz dicht am Hellen Stamm der Tanne. Die besondere Schönheit des strahlenden Baumes erhöhte die Feierlichkeit des ernsten Augenblicks. Denn jede Minute konnte irgendwoher das Angstgeschrei der geraubten Königstochter ertönen.... Georg hielt sein Roß an. Da fiel ihm ein, daß ihm ja die Lanze fehlte, die er dem Drachen tief in den gähnenden Feuerschlund zu stoßen hätte. Sein Schwert aber war zu kurz, um damit vom Pferde herab den ungleichen Kampf mit dem bäumenden Ungetüm aufzunehmen. Da galt kein Zögern. Er mußte absitzen und es zu Fuß mit »em furchtbaren Feinde ausmachen. Auch hierfür gab es ja eine Vorschrift, die schon der junge Siegfried befolgt hatte: man unterlief den Wurm und bohrte ihm in die Weichen die Klinge bis ans Heft ein. Etwas schwerfällig kletterte Ritter Ork aus dem Sattel, warf den Schild vor, rückte den Helm fester in die Stirn und zog das Schwert... - Da afchelte es in den Achten des Tannenbaums, und die Schlange schob sch auf einen der nächsten Zweige bis säst an die dort befestigte Kerze !)°nm. Der darunter baumelnde weiße Elefant in rotgestreiften -chwimmhosen geriet in heftiges Schwanken, und eine der feinen Hunten Glaskugeln klirrte leise an den Kerzenhalter. Die Schlange aber ^1 wirklich und wahrhaftig den durchaus nicht ungeheuerliche» Mund mf, der in den schwarzen Taft geschnitten und rot eingesäumt war, und -vrach: „Lieber Ritter Ork. Ich sehe, daß du entschlossen bist, mich zu "-kämpfen. Ich bitte dich aber, mir zu sagen, warum, da ich dir nichts aetan habe." Ritter Ork konnte vor Verlegenheit nicht sogleich antworten. Die Schlange fuhr fort: „Ich habe keine Königstochter ent- ihrt und denke auch garnidjt daran, es zu tun. Denn zunächst ist eine i b mgstochter nicht in derRähe, und bann wüßte ich auch garnicht, rote man ' eine Entführung anstellt. Endlich bin ich von Natur nicht blutdürstig, aibern bloß scherzhaft." Ritter Ork sah ein, daß die Schlange recht habe, ier er wußte nicht, was er sagen sollte. Die Schlange fuhr fort: „Ich ü:t bereit, mich dir zu ergeben, damit du deinen Ritt nicht umsonst a.Vernommen habest. Ich bin bloß aus Neugierde auf den Christbaum gekrochen, und es ist mir außerordentlich peinlich, daß sich die Herren da unten darüber so aufregen.“ Die Nußknacker und Waldmänner murmelten etwas, das klang, als ob von Aufregung nicht die Rede sein könne, daß aber ihre Nachtruhe... oas übrige blieb unverständlich. Nun mußte Ritter Ott unbedingt etwas erwidern, zumal da seine Unternehmung vor so vielen ehrenwerten Zeugen vor sich gegangen war. Er sagte also halblaut, er nehme die Unterwerfung der Schlange an. Dann steckte er das Schwert in die Scheide. Die Schlange aber bat um die Erlaubnis, ihm auf den Arm gleiten zu dürfen, erhielt sie, kam ihr nach und schlang sich sehr anmutig um Ritter Orks Achsel und Brust. Dieser fühlte, daß et den Nußknackern und Waldmännern eine Erklärung schuldig sei, begnügte sich aber damit, das Kamel und die Lämmer lvieder aufzurichten, was ihm, beengt wie er durch den klappernden Harnisch war, einige Schwierigkeit bereitete. Doch kam er damit zu Rande, sagte dann ganz allgemein „Grüß Gott" und bestieg Attila, der mit ruhigen Blicken vor sich hin- schaute.... Wie er wieder in sein Bett gelangt war, wußte er sich am Morgen ebensowenig zu erklären wie die unbestrittene Tatsache, daß weder auf dem Wickeltische noch sonst wo im Zimmer Panzer, Schild, Helm und Schwert lagen. Dagegen waren der Herr Bär und Hippo vorhanden, und auf dem Nachtkasten stand das Photographier-Zauberkästchen, das er sich nicht erinnern konnte, dahin gestellt zu haben. Daß Attika wieder aus seinen Platz in der „Galerie" zurückgekehrt sein mochte, war nicht überraschend. Weihnacht. Bon Ferdinand von Saar. Wieder mit Flügeln aus Sternen gewoben, Senkst du herab dich, o heilige Nacht; Was durch Jahrhunderte alles zerstoben — Du noch bewahrst deine leuchtende Pracht! Ging auch der Welt schon der Heiland verloren, Der sich dem Dunkel der Zeiten entrang, Wird er doch immer aufs neue geboren, Nahst du, geweihte, dem irdischen Drang. Selig durchschauernd kindliche Herzen, Bist du des Glaubens süßester Rest; Fröhlich begangen bei flammenden Kerzen, Bist bn das schönste, das menschlichste Fes.. Leerend das Füllhorn beglückender Liebe, Schwebst von Geschlecht zu Geschlecht du vertraut — Wo ist die Brust, die verschlossen dir bliebe, Richt dich begrüßte mit innigstem Laut? Und so klingt heut noch das Wort von der Lippe. Das einst in Bethlehem preisend erklang, Strahlet noch immer die liebliche Krippe — Tönt aus der Ferne der Hirten Gesang . .« Was auch im Sturme der Zeiten zerstoben — Senke herab dich in ewiger Pracht, Leuchtende du, aus Sternen gewoben, Frohe, harzduftende, heilige Nacht! Das Domkrnd. Bon Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. (Fortsetzung.) 6. Das Domkind aber freundete sich von nun an immer mehr mit jenen Kindern des Domes an, die da, schier tausend an der Zahl, in bunten Farben auf ben Bildern saßen, standen, lagen, flogen, liefen, turnten, musizierten, lachten, meinten, Blumen schwangen, schwere Bücher schleppten, Kreuze tragen halfen, Dornenkronen hielten und feierlich umstrahlte Himmelskronen, die da in ben weiten Fakten heiliger Männer und heiliger Frauen hockten und schelmisch hervorliigten, die da, in Stein gehauen, duf Grabrändern tmeten, vor Gram die Augen verhüllten, die da in Holz auf Bildrändern flöten bliesen, die pauspäckig in Erz gegossen, irgendwohin starrten und heftig auflachten! Da war sonderlich ein Knäblein, das saß, nicht kleiner als das Domkind, in blauem Marmor auf dem Sargdeckel eines Kurfürsten und weinte herzzerreißend. An diesem Kinde hatte Paulus eine besondere Freude, und da es die Bank, die vor dem Denkmal stand, leicht erklimmen konnte, setzte es sich oft ganz allem dahin und sah zu seinem Freund in die Höhe, und manchmal kamen ihm selber ob dieser Tränen die Tränen. ..... . , Aber die größte Freude hatte das Domkmd doch an einer tollen Kinderschar, die in allen Farben ans den bunten Scheiben eines uralten Fensters purzelte. Es konnte nicht unterscheiden, ob diese nackten Engel, die keine Flügel hatten, vom Himmel herunterstürzten oder ob sie zum Himmel hinauf schwirrten! Es sah auch den Himmel nicht. Oben in der linken Ecke, nach dem breiten Bleirand zu, der das Bild von dem übrigen Glas des weit größeren Fensters abtrennte, flatterte em weinrot durchsonnter Faltenwurf, ans dem em Fraucnfuß lugte, und in der entgegengesetzten Ecke quirlte ein Rosenstrauß m der gleich versprühenden Farbe. Und zwischen diesem zweifachen Rot wirbelten die Engel und wußten selber nicht, wohin es gmg ! Aber sie freuten sich, diese Kinder; sie freuten sich entweder, weil sie vom Himmel kamen und auf die Erhe dursten, oder weil sie von der Erde kamen und zum Himmel durften! Und wenn die Sonne hinter ihrem Glase stand, begann das Domkind oft zu weinen, weil es mcyt mit ihnen hinauf- ober herunterfahren konnte! Kam die Sonne von Westen her durch die kleinen Seitenkapellen jenes Schiffes, so war s wie an allen trüben Tagen viel eher hier auszuhalten, und die Kinder ließen mit sich reden und hatten Zeit für das Domkind. Hinter diesem - 412 - kleine» Altar stand auch ein Schemel, darauf schlief das Domkmd bisweilen ein, und wenn es dann wieder zur Turmtreppe hinaufstieg, jo wähnte es, einer der Engel zu sein; kam es treppab, so nicht minder. Die Türmersleute machten sich nicht Sorgen, wenn das Kind unten im Dom sich aufhielt, denn sie wußten es in guter Hut, und viel« fach war es auch in guter Hut! _ ., , Da lauschte es einmal mit dem Küster an der hohen Tür der Kapitelstube und hort, wie die Herren laut unb überlaut untereinander reden. Es darf mit hinein; der Bischof nimmt's an die Seite und sagt: „Blew bei uns, Paulus, denn es wird gut sein, lvenn ein Engel unsere Leidenschaften mäßigt." Und dann, wie die Herren aufbrechen, gibt der Generalvikar dem Kind die silberne Dose in die Hand, und das Kind läßt jeden der Domherren schimpfen, und kein Zwist blewt zurück. Dann kommt der Tippenkucker mit Besen unb Schippe und kehrt unterm verlassenen Sessel des Generalvikars einen schwarzen Kranz Schnupf- tabak zusammen. . , t In der Sakristei sieht es, wie der Gloriaengel dem Bischof Gold unb Purpur von den Schultern nimmt; der Bischof guckt sich um, ein fremder Herr tritt auf ihn zu, den nimmt der Bischof an der Hand und sagt: „Wollen wir zuerst an den Backofei! gehen!" „Ei, Backofen!" erwidert der Frenide, und das Kind darf mitgehen hinaus in das nördliche Seitenschiff. Da liegt der liebe Heiland hingestreckt, Männer und Frauen weinen und klagen und halten Becher und Tücher bereit, und unten liegen zerstreut ein paar Soldaten umher und strecken ihre Lanzen weit eon sich. Und die hohen Herren sprechen gar feierlich und sehr beglückt! Dem Kind aber ist's durchaus nicht so heiter zumute, denn es denkt: man wolle den Heiland jetzt, nachdem er gestorben, in den Backofen schieben! Da entfernt sich das Domkind von den: Jubel der Männer und sucht sich ein stilles Plätzchen, von wo aus es die Gruppe beobachten kann, und kommt in seinen Gedanken an tetn Ziel. Es fragt seine Mutter und fragt seinen Vater, aber die wißen nichts von solchen Dinge,i, und täglich sitzt Paulus stundenlang auf der steinernen Kanzeltreppe und guckt nach der Grablegung hinüber und träumt und träumt. Und weil der Dom nach dem unseligen Krieg nicht mehr geheizt wurde, und weil das Jahr schon weit fortgerückt war, sollten diese Träume dem Kind ziim Unheil werden. Einmal fand Dippenkucker den kleinen Freund schlafend auf der Treppe liegen, steif gefroren und ganz bleich. Er hob ihn sogleich auf und trug ihn in seine Wohnung und telephonierte dem Türmer: er möge sein Kind holen! .... , Der Vater holt's, die Mutter legt's ins Bett, stellt das Palmchen, das nur noch ein einziges Stämmchen bewahrt hatte, neben auf den Nachttisch und gibt dem Kind Lindenblütentee, daß es zu schwitzen beginne. . . . „ ,. Rach einer halben Stunde schwitzt es auch, aber in der Nacht meldet sich in seinem Hälschen ein trockenes Kitzeln. Das reizt zum Hüsteln, verschwindet sodann ein Weilchen und kommt immer wieder und immer heftiger. Schließlich bricht ein heftiger Husten aus, der sitzt tief unter der Kehle und kann nicht ins Freie. Torkelt im Hals umher, sperrt den Lungen den Luftstrom und zieht wie in langen Fäden eine Spule voll, und das Kind schnappt nach Luft unb fuchtelt mit den Armen umher, ganze Minuten lang. Dann erfolgt enbllch doch em freies Husten, unb Schleim löst sich in kleinen Knollen. Die Zett- abstänbe, da sich solche Anfälle wiederholen, verkürzen sich mdes " ' Da fällt dem Türmer ein, baß er sein Telephon nicht umsonst habe, unb er ruft ben Arzt an, denselben, der schon manchmal oben war beim kleinen Paulus und winzige Dinge verschrieben hatte, mehr '^^nimmt's gleich sehr ernst, der Arzt; die Mutter muß ans Telephon . . . und nun tun sie dies: sie besitzen einen elektrischen Kocher, darin lassen sie Kamillen dämpfen, stellen den dampfenden Topf an der Leitungsschnur auf einen Schemel ins Bettchen des Kindes, ans Fußende, und decken nun ein großes Lacken, das über zwei aufgesteckte Stäbe hängt, übers ganze Bett, so daß die heißen Dampfe unter dem Laken hin» und herquirlen. Alle Luft, die das erschütterte Kind einatmet, ist gewürzt von den köstlichen Seien, die m dem unscheinbaren Pflänzchen bereitet sind. Unb siehe: bei folgende Anfall ist schon imlder, und gegen Mitternacht hören die Anfälle gänzlich auf. Da umarmen sich die Eltern, denn sie haben es vom Arzt gehört, daß ihr Kmd m höchster Ersticknngs- f Lange noch mußte das Domkind im Bett bleiben, und das letzte Fieber wich erst, als am Weihnachtsabend die Körbe von Bischof tmb Stadt ankamen, als die sämtlichen Glocken der ganzen Stadt erklangen, als die Bläser im Rundgang spielten. Den ersten Ausflug hinunter in den Dom machte das Kind mit dem König Saul; der führte es an die große Grablegung und erklärte ihm ausführlich: daß dies Bild nur Stein sei, daß ein Mann den Stern müsse gemeißelt haben, und daß dieser Mann den schonen deutschen Namen Backofen gehabt habe! , Da lachte das Domkind in seinen weichen Decken und schlang den Arm um des Kapellmeisters Racken und ließ sich wieder hmauftragen in den Turm. o ™. . „ Daselbst verblieb das Domkind für den gestrengen Rest des Winters, und nicht ein einziges Mal kam ein Knabe zu ihm hinauf oder ein Mädchen, - nie ein Kind, selten ein anderer Mensch, aber jebe Woche mindestens einmal der gute König Saul. . Es hatte letzten Herbstes oft dem Gloriaengel unten m der Sakristei geholfen, die Geldscheine, die der Klingelbeutel einbrachte, zu ordnen und zu zählen, und eines Montags kam der alte Glottaengel heraus unb trug einen Holzkorb unterm Arm, unb das Domkind schrie taut heraus vor Freude, wie es den Alten sah und den Korb! Da der alte Engel angab, Eile zu haben, mußte das Domkind diese vielen Scheine ganz allein ordnen und auch zählen l Das war eine schwere Arbeit, denn da mußten erst die Billionenscheine auf ein Häufchen gesetzt werden, dann die sämtlichen Milliardenscheine, bann die vielsortigen Millionenscheine, die Hunbertausendmarkscheine, die gar nichts mehr wert waren, die Zehntausendmarkscheine, die Tausendmarkscheine, die Hundertmarkscheine mit dem schönen Reiterkopf, dann die grünen Zehnmarkscheine, die blauen Fünfmarkscheine, die Zwet- und die Einmarkscheine, die auch noch in großer Zahl angekommen waren aus der frommen Domgemeinde. Da hatte Paulus MoguntiuS Nikolaus einen ganzen Tag Arbeit. Aber er wurde auch dafür bezahlt, denn bet Herr Dornpfarrer schenkte ihm bas ganze Häufchen Zehnmarkscheine unb einen Milliardenschein dazu, der war braun und hatte viele Mehlsäcke rot aufgedruckt über sich liegen. Während dieser rinbeschreiblich langen Wintermonate aber lernte Paulus auch telephonieren! Et durfte jederzeit den Glottaengel anrufen, ach, unb wie oft rief der Glottaengel ihn an! Den Joseph Güldeupenning konnte er anrufen, der hatte die Nummer zwo-sieben-zwo, und wenn einmal bet Herr Generalvikar gerade ans Telephon kam, so war das auch nicht schlimm! Bit dem Bischof wollte das Donckind einmal sprechen, aber da kam nur des Bischofs Joseph an, und bet verstand keinen Spaßl Mit dem Bürgermeister wollte es sprechen, und bet war selber da unb sprach ganz lustig: „Ei, guten Morgen, mein Liebling, hast du ausgeschlafen? Gelt, deine Mama schläft aber noch?" „Nein," erwiderte das Domkind, „meine Mama putzt gelbe Rüben I* „Wie?" fragte der Bürgermeister. „Gelbe Rüben putzt meine Mama." Dann schwieg der Bürgermeister eine ganze Minute, und bann sagte er: „Heini! bist du's?" „Nein, ich bin's — Paulus!" „Verzeihung," rief jetzt der Bürgermeister. Und da war bas Gespräch zu Ende. _ Eine bet Damen auf dem Telephonamt erkannte des Domkmbes Stimme und sagte immer gleich: „Hast du heute morgen schon in den Himmel geguckt? Wie geht's dem lieben Gott?" Das war sehr schön! Doch wäre schöner gewesen, wenn der Onkel Gülbenpenning ein Söhnchen gehabt hätte und Paulus hätte zu dem Söhnchen hingehen können! Oder wenn des Bürgermeisters Henn manchmal gekommen wäre ober sonst ein Heini! 7. Als bei Ftt'chiing seine Pracht sorglos entfaltet hatte unb gesichert im Lande stand, machte der König Saul seinem Patenkind eine große Freude: er nahm es mit in seine dörfliche Heimat, acht Tage lang. Sie fuhren über ben Rhein; bas Kind erstaunte, wie sein Dom rm Häusermeer fast untertauchte, und als die vier kleinen Türme schon verschwunden lvaren, schob sich ein Wald vors Fenster der Eisenbahn und nahm auch die beiden hohen Türme weg. Und als bet Wald aufhörte, ragte nur noch bet eine Turm, in dem die Türmersleute wohnten, ganz fern überm Wald auf, unb der Hahn war nicht zu unter» scheiden, denn er glänzte nicht mehr. ES dauerte aber nicht lange, so erhob srch schon der dörfliche Turm aus einem Gewirr von niedttgen, aber heftig qualmenden Schornsteinen, denn des Kapellmeisters Heimat war ein Häsnerdorf. Siebe« oder acht Qualmsäulen stiegen etliche Meter hoch und bogen dann gleichmäßig nach Westen um, wie vom Winde geknickt. Am Bahnhöschen stiegen die zwei aus, da standen schon btet Kinder und nahmen ihnen die Koffer ab, und dann ging i mit den Kindern in den Hof, da sprangen Hühner und Gänse umher und Enten und Kinder in jeder Größe; im Stall meckerten die Ziegen, die Kühe muhten behaglich, Elsa, bet Rappe, kam mit dem Pflug ans dem $eI®a3 Domkind hatte solche Schönheit bisher nur im Bilderbuch gesehen und erstaunte immerzu. Es setzte sich auf den Heinen Wagen und fuhr mit auf den Eichenbühl, Klee holen, und oben auf dem Eichen, bübl zeigte ihm der Bauer ganz fern, inmitten von tausend winzigen Wolken (Häschen, einen dunklen Punkt, und das war bet Dorn. Paulus spielte mit den vielen Kindern, lief m die Wiese und pflückte Bliirnen, ließ einen Drachen steigen, der sonst nur im Herbst steigen darf, trieb den Reif, schlug das Tanzbärle, brach Kirschen vom Baum, mistete den Zicklein den Statt, trank Milch ans dem Eimer, holte die Eier aus dem Rest, die Wurst ans dem Rauchfang - es schritt nn Fest- zug der Turner, trug eine brennende Fackel, fuhr mit dem Lumpensammler, dessen Wäglein von zwei Ziegenböcken gezogen wurde. Es lief ins Kirchlein, begrüßte den großen hl. Christoph, der em Kmdlein durchs Wasser trägt, besah sich im Turm die Glocken, die so Hem waren wie für em Schneewittchenhaus. Der Turmhahn stand schief, au picke er ein Rom, drehte sich nicht mehr und war nicht größer al« bet auf dem Mist und schmutziger als bet auf dem Mist! Der Küster kam mit der Sense zum Lünten, der Pfarrer trug ein Schnupftuch gleich dem des Gülbenpenning. (Fortfrtzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thvriot. - Druck der Brühl'schenÄttversitäts-Duch- unb Steindruckerei. X ßaufl«, ©«6«-