Gießener ZamMendlätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrganges Dienstag, -en 24. August Nummer 68 Einen Sommer lang. Von Detlev von Lilien c r o n. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang: Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang, Wenn wir uns von ferne sehen. Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit. Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt. Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gedrückt. Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn, Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon. Roch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihrer Seite Mich der Sturm gesellt. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang, Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Sommer. Von Anton Schnack. Das tue ich im Sommer: die Nacht hiirdurch im Garten zu sitzen, den alten Wein von den burgundischen Hügeln oder aus dem Wingert der fränkischen Mönche gegen den Mond zu heben, der eben, von Engeln getragen, aus dem Tal von Mariabuchen aufsteigt, das ganz von schweren und kühlen Wäldern umrauscht ist. Die Nachtfalter tanzen um die blaue Lichtampel über meiner Hand: seltsames geflügeltes Zeug, manche haben weiche dornartige Höcker zwischen den Augen, die gleich großen schwarzen Perlen im anmutsvollen Lichte glühen. Andere tragen ein weißes flittriges Kreuz auf dem dunklen und gekräuselten Rücken. Andere haben einen roten Fleck mitten im Flügel, von dem der feine Staub der Farbe auf mein weißes Blatt, das ich mit den Zeilen eines Gedichtes beschrieben habe, niederriefelt. Wie mögen sie leben? Welche Vorstellungen von den Dingen und vonr Sein mögen sie haben? Sind sie von Träumen betrunken, daß sie an das heiße und für sie gewiß märchenhafte Glas stürzen? Ach, sie sind aus ihren geheimnisvollen Verstecken während der Dämmerung aufgeschwärmt, die unter den riesengroßen Blättern des Rhabarber sind oder in dem alten Gartenhaus, das ganz von Geißblatt und Jasmin überwuchert und begraben wird. Denken sie in ihren winzigen Herzchen, daß dieses glühende und flackernde Ding Glück und Liebe bedeutet, Festlichkeit und fröhliches Leben? Nicht weit von mir habe ich eine ewige Melodie. Immer den gleichen, eintönigen, schwirrenden, geigenden Ton. Gute Grille, du lind ich haben uns unter das Nachtfirmament gesetzt um einsam zu fein. Oder erwartest du noch eine Schwestergriile, ist das dein Willkommruf, dein Lockruf, dein Liebesruf oder die Stimme deiner kleinen milden Trauer? Cs scheint nichts anderes zu fein als eine einfache Hymne an das Dasein, ein klingender Zeitvertreib, ein ununterbrochenes Gespräch mit sich selbst. Ober ist es eine zärtliche Antwort und eine gesungene Frage an den Grillenruf, der aus der großen Löwenzahnwiese kommt, wo der Bach über ein altes und verlassenes Mühlenwehr fällt? Wer aber spricht mit mir? Wer ruft mir zu aus der Nacht? Die Liebenden erinnern sich meiner nicht mehr. Des Nachmittags, wenn ich aus dem Schatten des Gewölbes, wo die Schwalben nisten und schon schreiende Junge haben, hinaustrete in die heiße und unbewegte Sonnenflamme, trifft sie mich mitten auf die Stirne und macht mich braun. Mit mir sind viele stolz daraus, braun zu fein; denn dieses scheint, als käme man vom Meere, das wochenlang unter einem azurenen Himmel gegen den Düngungsfand lief und "schäumte, der wie Diamant und Silber unter dem nackten Fuße aufftäubt. Ober es scheint, als sei man ber Sohn eines Reeders, ber mit bem Segelschiffe durch Sunde und an tropischen Inseln vorbei gekreuzt wäre, mit Gewürzen an Bord, mit Papageien und Kolibris auf den Rahen und mit einer bronzenen Insulanerin, der die Koralle am Ohre funkelte, unter dem Sonnenfeget auf bem Schiffsverbeck liegenb. Abends kommen die Gewitter. Mit ihren riesenhaften fahlblauen Gebirgen überlagern sie die Landschaft, die aus ber Kapelle zu Ehren ber unbefleckten Empfängnis, bem alten Gärtnerhaufe meines Vaters und ben sechzehn weißen Birken besteht. Das anbere ist ein großer Garten mit Kohl und Bohnenkraut, mit blühenden Erbsen und schießendem Salat; dunkelblaue Stiefmütterchen stehen um das Grab des Hundes Tyras, der mir, als ich noch Kinderröcke trug, das Leben rettete und mich aus dem Bache, das Gesicht voll Tang und Schlamm und die Brust ohne Atem, nach Hause in ben Schoß ber Mutter trug. In ber Ferne ist Wald, ber wie ein blauer Rauchstrich sich gegen ben kochenben und funkelnden Sommerhimmel abhebt. Ich liebe die Blitze. Wie feurige Peitschenschnüre durchschneiden sie die Luft, die schwer ist gleich dem Flügelschlag eines ermatteten Vogels. Aber die Großmutter liebt sie nicht, sie bekreuzigt sich, wenn ein grüner Blitzschlag durch das Fenster in die Stube leuchtet. An das Holzbild des heiligen Florian steckt sie einen geweihten Palmen- zweig, damit er den Blitz banne und ihre Lippen flüstern: „Heilige Mutter Annen, treib’ das Gewitter von bannen." Aber ich lausche der großen Musik des Weltraums, bem Aufruhr von Winb und Donner, ber ungeheueren Symphonie mit den knatternden Paukenschlägen. Draußen biegt sich ber Borsdorfer Apfelbaum mit ber Krone bis zur Erbe unb ber Star streicht gitfenb aus bem fallenden Kasten in das eichene Gebälk des Hanfes. Heber der Erde dampft der Regen, als fei der Boden glühend und von ünterirbischen Feuern erhitzt. Aber nach einer Weile, darein die fUberne Pendüle auf dem Kamin zweimal gezittert hak, wölbt sich der Regenbogen. Er beginnt dort, wo der Wald am schwärzesten ist unb verschwinbet hinter ber Mühle von Eschernborf, bie bas schneeigste und süßeste Weizenmehl in ihren Säcken hat. Ich glaubte immer die Engel liefen über den Bogen um vom Gottvaterhimmel zürn Muttergotteshimmel in einem seidenen Bries eine Botschaft, eine Lilie ober eine rosa Abenbwvlke zu bringen. Armselige unb zugleich glückselige Kindheit, bie mit aufgetaner tatfunblauer Schürze unter ben abziehenden unb ungestümen Gewitterhimmel lief, um eine der Perlenschnüre, bie bie Engel von ber himmlischen Brücke fallen lassen, zu erhaschen. Aber heute sehe ich ben Regenbogen nur noch als eine gewaltige Demonstrierung ber Spektralanalyse, bie mir zeigt, wenn sich die Sonne auf bas Glas ber Regenschnüre wirft, daß in ihr bie Metalle unb Elemente bes Kosmos brennen. Vielleicht fällt bas Himmelblau aus riesenhaften Trauben brennenben Kupfers, das Violett aus Kaliumgebirgen, bas Grün aus gigantischen Nairtumwogen, bas Gelb aus stürmischen Chlor- unb Salpetermeeren unb das Rot aus unermeßlichen zischenden Gold- und Bleikataralten . . . Wenn es Morgen wird, jener schweigende Morgen um die vierte Stunde, die zwischen Grau und Blau unter einem Meer von dünnen Nebeln zittert, sehe ich Johann ben Mäher aus bem Tor über ben Tauteppich ber kleinen Wiese gehen, bie den Gänsen zur Weidc überlassen ist. Ich habe ihn beschworen, bie glucksenden Wachteln unb bas fahl« Nest ber Haubenlerche zu schonen, wenn er mit dem blitzender Schwung feiner Senfe die Gräser fällt. Mittags werde ich ihm den Mostkrug bringen, ben bie Magd in nasse Tücher gebunden hat. Ich muß einen Weg gehen, ber nicht breiter als ein Arm ist unb ber burch Korn unb bnrch bas klingende Geräusch ber wogenden Haferfelder geht. Seid unbesorgt, ich werde mich nicht verirren! Seit ben Tagen meiner Kindheit gehe ich ihn. In den Mohn ist das wilde und volle Blut des Sommers geschossen unb in bie Kornblumen bas ganze Blau bes Himmels, aber wenn man die Kornraden betrachtet, ist zu sehen, baß ber violette Himmel des Sonnenuntergangs sich in ihre Kelche geneigt hat. Es ist schwer, in biefen Nächten zu schlafen. Ich hörte bie elfte Stunde schlagen, es schlug Mitternacht und nun ist schon die erste Stunde des neuen Tages angebrochen. Manchmal war es eine Mondnacht und ich sah das Liebespaar Kathrin und Peter unter einem Apfelbaum stehen. Manchmal war es um die Zeit des Neumondes. Alles lag tot unb dunkel im schwülen Dickicht der Nacht. Die Bücher, bie Lampe und ein hochbeiniges geflügeltes 270 — Tier sind bei mir, das der Nachthauch auf den Tisch getragen hat. Mit übermäßigen und bebenden Fühlern und Flügeln wie grünes durchzuschauendes Glas stakt es aus meiner behaarten Hand umher, die ihm wie ein fremder verderblicher Kosmos erscheinen muß. Sicher möchte es in die atherischen Blumenkelche des bittersüßen Nachtschattens tauchen, der draußen im Sumpfgehölze feine klebrigen Blatter öffnet . . . Wie sich der weiße Vorhang im kleinen Nachtwind hebt! Wie wogenhaft und urwelttief das Korn rauscht! Gute Nacht, gute Nacht hoher Buchenwald, Windrosenzaun und roter Feuersalamander im Teich! Gute Nacht runzlige Bauernmulter Brigitte! Gute Nacht schlanke Schwertlilie, ach könnte ich sehen, deinen leisen Blumentraum! Gute Nacht, schwarzer struppiger Hofhund, morgen will ich d-r die Fliegen von der Schnauze jagen. Und gute Nacht junge Gansemagd, morgen will ich mich zu dir mit einer Flöte auf den Augentrosthügel setzen! . . . Drs Sonne in der Malerei. Bon Walther Appell- Plauen. Von den astronomischen, ja sogar von den physikalischen und chemischen Problemen unserer Sonne hat die Wissenschast längst den Schleier gezogen. Aber eine scheinbar für jeden einzelnen viel näher liegende Frage weiß doch eigentlich keiner einwandfrei zu beantworten: die nämlich, wie denn die Sonne „aussieht". Wenn das ^cntraigeftirn unseres Planetensystems nicht durch Nebel oder Dämmerungin seiner Blendkrnft gemindert wird, ist sein Eindruck auf unsere Sinne so gewaltig, das wir nicht vermögen, das unbewehrte Auge die tfroge beantworten zu lassen. Liese Tatsache muß natürlich auch die „Sonne in der Malerei" stets ein klippenreiches Proben, fein laßen. Wohl kann sich Malerei auch an andere Sinne als nur den des Gesichts wenden (vgl. „schreiende Farben", „stürzende A-inten — joroie Goethes „Die Sonne tönt . . ."). Aber der Weg Zu fluchen Wirkungen muß immer über das Auge, also doch den Ge- sichtssmn, fuhren. Dem steht in unferm Fall — außer der Unqewiß- heit über das wahre --Aussehen" der Sonne — entgegen, daß die J?‘5,n’J‘$en und Möglichkeiten der Malerei für eine der Wirk- "chkeit auch nur annähernd entsprechende Wiedergabe der Sonne nicht ausreichen. „ Aber gerade das Problematische, das vermeintlich oder tatsächlich Unmögliche hat die Künstler aller Zeiten besonders stark angezogen. Immerhin haben die weitaus meisten doch die Grenzen ihrer Kunst °rku»nt und-von vornherein auf das vermessene Unterfangen verzichtet, die Sonne naturgetreu malen zu wollen. Biele haben sich — b,s m die neuere Zeit - damit geholfen, daß sie auf die Mythen des Älterrums zuruckgriffen und ihre Werke eng an die Ueberliefe- rungen babylonischer, persischer oder ägyptischer Malereien sowie griechiscyer Basenbilder anlehnten. (Sonnenbarke, geflügelte Sonnen- djetbe, Sonnenwagen des Helios usw.) Aber alle diese Werke erscheinen uns doch nicht als Gestaltungen des überwältigenden Be- griffs „vonne, sondern nur als Illustrationen literarischer Stoffe. Ebensowenig können A11 e g o r i f i e r u n g e n in bie Tiefe bringen (vgl. PH- O. Runges fnrbenichönen, aber doch den Vorwurf nicht ausfchopfenden „Morgen"!). ' Auch von den andern hatten nur die wenigsten den Mut die Sonne in der prallen Mittagskraft ihrer Strahlenfülle zu malen. V,e! häufiger ist das, was wir als Zwischenstufen bezeichnen könnten, t ß'vlde schon gesagt, daß auch das bloße Auge unter gewissen atmosphärischen Bedingungen unbeschadet die Sonne „sehen" darf Uno es ist wohl nicht verwunderlich, daß diese Situationen oft gemalt roorben mb. Sßintertage mit der blaffen, scharf umriffencn Somien- stheibe, Gewittertrube, die ähnliches bewirkt, treffen wir in ber JDialcrei fett Jahrhunderten immer roieber an. Und auch Sonnenauf- oder -Untergänge haben bie Landschaften aller Schulen häufig gemalt. (Der Weg fuhrt von den Niederländern über den Franzosen Monet und oen Engländer Turner zu den neueren Deutschen) liier mögen weiter die Künstler angereiht fein, die wohl einen fonnenerfuUten Himmel malen, aber doch das Gestirn selbst, an dem ihr Können scheitern müßte, durch eine Wolke verdecken oder außer« ßalb, meift wohl oberhalb des Bildrahmens bleiben lassen. Dagegen ist nichts zu sagen, auch dann nicht, wenn die Strahlen ber Sonne im Bilde sichtbar werden. Manches starke Werk von den klaffischen Italienern bis zu den Modernsten bedient sich dieses Mittels, das wir besonders oft auch in Gemälden religiösen Inhalts an- gewendet finden (fo bei den Kreuzigungen Weißgerbers und Corinths, bet ber Himmelfahrt Gebhardts ufw.). Aber oft, selbst zuweilen bei Thoma und Steinhausen, noch mehr bei anderen bleibt das Gelingen hinter dem Wollen zurück. Einen noch indirekteren Weg schlugen die impressionistischen Maler ein. Sie ließen lebe direkte Sichtbarkeit ber Sonne ober auch nur ihrer Strahlen vielfach beiseite und beschränkten sich barouf ißren im irdischen Gefilde liegenden Widerschein zu malen. Hier konnten viele Namen genannt werden. Erwähnt seien aber nur die zumal bei Liebermann und Slevogt, aber auch bei Jüngeren wie Ecke häufigen, temperamentvoll unter ein schattendes Laubdach gesetzten Sonnenkringel und -lichter. Nun endlich kommen wir zu den wenigen, die es gewagt haben, r f“aßunbe Sonne selbst zu malen. Grünewald läßt einen auserstandenen Heiland vor dem Glorienschein eines Urwaldgestirns schweben, das im Farbenrausch seines Glühens und Kreisens wohl bas .Weltenschöpferifche einer Ursonne ahnen lassen kann. An „unsere Sonne denken wir dabei freilich nicht. Die regelrecht darstellen zu wollen, ist wohl überhaupt nur einer Kunst möglich, bie so wenig getreu sich an das tatsächlich Natürliche (im Sinne des „Richtigen") halt wie der sog. Expressionisimis. Ein Monumentalbild des großen Anregers unserer Expressionisten, Munchs „Sonne", ist uns leider weder int Original — es hängt in Stockholm -— noch m guten farbigen Nachbildungen zugänglich, kann also nicht näher betrachtet wer- den. Wenn aber unsere Expressionisten, wie Schmidt-Rottluff, Pechstein ufw. eine beinahe handgreifliche Scheibe mit scharfer Kontur und ebenso greifbaren Strahlen am Himmel stehen lassen, so ist das meist ebensowenig überzeugend, wie wenn andere den ganzen Limmel mit rotierenden „Sonnen" erfüllen. Auch für den Expressionismus, der in seiner willkürlichen Schaltung mit den natürlichen Gegebenheiten manches sonst Unfaßbare in Form gebracht hat, scheint eben hier eine Schranke zu sein. — Die scharfe Kontur — wohlgemerkt: ber unverdeckt strahlenden Sonne — und bie, wie gesagt, hanbgreifliche Deutlichkeit der Strahlen läßt noch ein paar Worte über die Graphik angezeigt erscheinen. Die hat, mit ihren nun einmal auf das Schwarzweiß beschränkten und schon deshalb zur Vereinfachung zwingenden Mitteln auch das Problem der Sonne für ihr Gebiet längst gelöst. Der zarte, flimmernde Ring, der uns in der Radierung geläufig ist, bie gang als Fläche behandelte Sonne und bie derben Strahlenbündel bes Holzschnitts können und wollen jeboch weiter nichts als: an= beuten. Eine naturgetreue Wiedergabe kommt hier ebensowenig in Fvage, wie wir es für den Bereich der Malerei erkennen mußten... In den Hochgebirgen Lapplonds. Von Fritz L ö w e*). Eine ber köstlichsten Perlen in Schwedens an Naturschönheiten ja - reichen Landschaft ist Abis ko inmitten der schneeigen Hochgebirge Lapplands. Eingebettet in das dunkle Grün feiner Urwälder, umfunfett von silbrigen Gebirgsketten lag Abisko bis vor wenigen Jahren in tiefem Dornröschenschlaf. Der Ruhm, die früher so schwer zugängliche nördlich des Polarkreises gelegene Gebirgswelt der Touristik erschlossen zu haben, gebührt der „Soenska Turist Föreningen", dem schedifchen Touristen- uerein. Nunmehr sind bie Gebirgs- und Seeregionen Lapplands bas erstrebenswerte Ziel von Touristen der ganzen Welt. Sie schneebedeckten, oft phantastisch geformten Gebirgsketten, bie unergründlich tiefen Seen, die mächtigen Hochebenen in ihrer majestätischen Einsamkeit sind bas Ziel der Sehnsucht Tausender. Die sprühenden Wasserfälle, die wunderbare Stimmungen, die auf Lappland und feiner Sagenwelt ruht, vor allem aber ber Zauber der Mitternachtssonne und die glühende Farbenpracht des Herbstes locken mit unwiderstehlicher Macht alle diejenigen, bie tiefen Sinn für unberührte Natur haben unb sich danach sehnen, einmal von all der Jagd und Nervosität der „Zivilisation" fortzukommen. Das touristische Zentrum Lapplands ist die Station des schwedischen Touristenvereins an ber Lappland-Bahn, Abisko. Ein idealeres Zentrum für Ausflüge in bie waldreiche Gebirgslandschaft Lapplands ist schwer zu denken. In wenigen Minuten befindet man sich im Frieden ber Berge, in ber tiefen Stille unendlicher Wälder. Bequeme, birkenumraufchte Promenadenwege führen zu dem Idyll Björkliden und dem rauschenden Wasserfalle Silverfors, der fein silbernes Schaumband über die steilen Felsenstürze schüttet. Verständnisvoll hat die schwedische Regierung Abisko und feine Umgebung zum Naturpark erklärt und damit dem Ausrotten der Blumen, Infekten, Schmetterlinge und anderer Tiere für immer Einhalt getan. Immer wieder kann man aus der Welt ber Festen, ber herab- fchäumenben Wasserfälle bequem in bie inmitten ber Wildnis gelegene Touristenstation zurückkehren, um dort jeden Komfort und alle Bequemlichkeit zu finden, bie der Kulturmensch auch im Hochgebirge nicht gern mißt. Das Leden in ber Touristenstation ist entsprechenb der wilden Gebirgsumrahmung von wohltuender Gemütlichkeit. Kaum angelangt lebt man in dem im nordischen Stil gehaltenen Hotel wie im Kreise einer großen Familie. Die bezaubernde Gastfreundschaft und persönliche Liebenswürdigkeit ber Schweben trägt bazu bei, ben Aufenthalt zu einem so wohltuenden und behaglichen zu gestalten. Durch die hohen Fenster des Speisesaales genießt man einen bezaubernden Blick auf bas Panorama ber Bergeskuppen und den tief in Wäldern eingebetteten fmaragbbtauen See „Törneträsk", dem größten der vielen Alpseen Schwedens. Das Eßen ist fo reichlich und vorzüglich, daß man gut tut, täglich tüchtig zu marfchieren, um nicht Gefahr zu laufen, allzu wohl- gemäftet zurückzukehren. Nach Tisch wird der Kaffee auf der großen Veranda serviert. Des Abends brennen in allen Gesellschaftsräumen Kerzen. Die Gemütlichkeit wirb hierdurch nur erhöht. Riesenscheite lodern in ben Kaminen. Man legt sich behaglich in bem bequemen Fauteuille zurück, starrt in die Glut, blickt durch die Fenster auf bas monbübergoffene Tal. Man sieht den Ringen seiner Zigarre nach unb lauscht ben aus bem Musiksalon herüberklingenben nordischen Liebern. Wo könnten Griegs herrliche Weisen so ergreifend klingen, wie in biefer Umrahmung bvr lappländischen von Sagen umrauschten Lanbschast. *) Vergleiche bie Aussätze „Schwedische Reise" in Nr. 61 der „Familienblätter" vom 31. Juli und „Im Herzen von Dalarne" in Nr. 65 vom 14. August. 271 Trotzdem Abisko inmitten der wildesten Hochgebirge Lapplands liegt, ist es doch von einartigem Liebreiz. Scharfe Kanten, gezackte Spitzen, wilde zerrissene Bergesgipfel, schroffe Felsabstürze, wie im nahen norwegischen Gebirge, gibt es hier selten. Die Natur der lappländischen Gebirgswelt ist eine von der Norwegens grundverschiedene. Anmutig geschwungene Gebirgsketten umschließen den schimmernden See. Abiskos Lage an der Lapplandbahn mit vorzüglichen Verbindungen (Stockholm—Abisko in 36 Stunden mit dem Lappland- Expreß) stempeln es zu einem der wunderbarsten Touristenplätze der Aber Abisko eignet sich nicht nur für geübte Bergsteiger, welche die Touristenstation als Ausgangspunkt für Hochtouren In Lapplands wilder geheimnisvoller Gebirgswelt benutzen wollen. Der Platz ist auch für diejenigen wie geschaffen, die ohne große Strapazen ein einfaches, stärkendes Leben inmitten dieser Alpenlandschaft genießen wollen. Wer Lappland nicht allein der Mitternachtssonne wegen, die in Abisko ini Juni und Anfang Juli zu sehen ist, aufsucht, tut gut daran, die Fahrt nach Abisko im August bzw. Anfang September zu unternehmen. In keiner Zeit ist es hier so herrlich, wie gerade in diesen Monaten. In stets wechselnden Farbeneffekten leuchtet Berg und Tal. Zu keiner Zeit des Jahres sind die Konturen der Berge so scharf und klar wie gerade im Spätsommer. Ein berauschender Zauber liegt über der flammenden Natur. Mit all seinem Zauber ist aus Sommerträumen der Herbst erwacht und schlingt um die Touristenstation einen Gürtel voller Farbenpracht. In goldene Sonnenfluten gebadet, streut er auf die silberne Flache des Waldsees Milliarden blitzernder Kristalle und funkelnder Edelsteine. Die Ufer sind in ein Feuermeer von buntem Laub gehüllt. Aus dem Blättcrgewirr leuchtet es blutrot. Vor ihrem Scheiden schmückt sich die Natur noch einmal und erglüht wie eine junge Braut. Jeder einzelne Baum steht auf einem smaragdenen Teppich. Mit granitfarbenen Blättern behangene Aeste strecken sich über den Weg und von den Zweigen tropft es wie flüssiges Gold. Dis Bäume leuchten in allen Farben, vom zartesten Grün bis zum tiefsatten Rot, eine Farbensymphonie so prächtig wie der Pinsel des begnadetsten Malers nicht imstande wäre, sie zu schildern. Dazu die stärkende Herbstluft. Eine besondere Annehmlichkeit, daß in dieser Zeit die Touristenstation nicht mehr so überfüllt ist wie in der Hochsaison. Auch fällt im Spätsommer die lästige Miickenplage gänzlich fort. Der Blick von der Terrasse ist unbeschreiblich schön. In der Tiefe rauscht der Wisko-Jokk. Mit jugendlicher Kraft stürzt sich das schäumende Silberband btirii) die 15 Meter tiefe Schlucht über bemooste Schleferfelsen in das unergründlich tiefe Bett des Torneträsk. In schlummernde Wälder gebettet, blinkt fein stahlblauer Spiegel. Niemals wird man müde, diesen herrlichen Alpsee zu betrachten. Ob die Sonne blitzende Kristalle auf seine schäumenden Wogen zaubert, oder der Sturm heulend über ihn dahinbraust, immer bleibt sich der See gleich schön. Weißschimmernde Schneehäupter mit eisumstarrten Hochtälern heben sich ringsum. Grandios, gigantenhaft steigen sie aus den Wolken und spiegeln sich im See. Manch funkelnde Bergesspitze hat noch nie eines Menschen Fuß betreten, und in die abgelegenen Schluchten streist nur der Lappe. Lachende Täler, in Sonnenglut duftende Auen breiten sich aus. Aus der Tiefe steigt ein Zug von Lappen in ihren malerischen bunten Trachten. Rach Südwesten ist die Aussicht besonders schön. Da blinken unter blauem Himmelszelt die schneeweißen Firne der Abisko- gebirge. Da öffnet sich zwischen jäh ansteigenden Felsen die „Lappenpforte". Bis zu den kahlen Bergen von Kiruna schweift der Blick. In der Mitte heben sich wie schneeweiße Zuckerhüte die silbernen Spitzen des „Somaslaki , und in der Ferne glitzert die glimmernbe Haube des „Kebnekaix" des höchsten der Bergesriesen chwedens. lieber dem See zum Lappenlager nach Palnoviken. Gemälde von unvergeßlicher Schönheit entrollen sich auf der Fahrt. Wie berauschend schön ist es im schnell dahingleitenden Motorboote des Touristenvereins über die sonnenfunkelnden Wogen zu gleiten. Wundersame Märchen erzählen sie dem, der ihr Rauschen zu deuten versteht. Von der Sonne überflutet, liegen die weißbezuckerten Berge. Vom Ufer grüßt der dunkle Wald; und die Birken neigen sich. Ringsum tiefes Schweigen. Nur dann und wann das Geräusch eines aus dem Wasser schnellenden Fisches. Nach vierstündiger erfrischender Fahrt Landung am anderen Ende des Sees! Malerisch gruppiert hocken die uns erwartenden Lappen in ihren bunten Trachten am Ufer. Es ist außerordentlich interessant, sie zu beobachten. Den ganzen Sommer hindurch liegen diese Zigeuner des Nordens in ihren kleinen Booten bei Sonnenschein und Sturm auf dem See dem Fischfang ob. Ihre Renntiere haben sie der Mückenplage wegen hoch in die Berge geschickt, wo die Herden von den Hirten und Lapphunden gehütet werden. Wir Touristen sind ihnen eine willkommene Beute. In Kürze entwickelt sich ein Riesenjahrmarkt. Die Lappen bieten Messer, Geweihe, Felle, Pelztaschen, Schuhe aus Renntierleder, Löffel aus Renntierknochen ufw. an, und finden für alles dankbare Abnehmer. Mit Schlauheit und Raffinement verstehen die kleinen Nomaden ihre Raritäten anzubringen. Cs folgt ein Besuch im Lappenzelt. In der Mitte desselben lodert das Feuer. Der Rauch desselben steigt einem beizend in die Augen. Wir kommen gerade zu einem Lappenfestmahle zurecht. Man bietet uns einen ganz ausgezeichneten Kaffee, Renntierschin- Fen und den etwas süßlich schmeckenden Käse, aus Renntiermilch i bereitet. Wir hocken rings um den Herd auf frischem Birkenreis unb welchen Renntierfellen. Eine Läppenmutetr wiegt ihr Baby in einer Wiege aus Nenntierfell, die sie mit einem Gürtel über der »ruft trägt. Eigenartig mystisch klingt ihr Wiegenlied durch das Zelt. Zu unseren Füßen kauern dickwollige Lapphunde. Ganz famose Gesellen; schwarz, weiß, braun, rot, gelb, huschen sie durcheinander, eine ganze Farbenskala. Bei der Abfahrt gibt uns die gesamte Lappenkolonie das Geleite. Als das Motorboot abstieß, hockten sie schweigend auf den Felsen. Kein froher Zuruf klingt uns nach, nur die Hunde führen noch lange ein Höllenkonzert. Der Abend bricht an, eine frische Brise weht über den See. Mit lila und karmesinroten Tinten übergießt die untergehende Sonne die dunkelnden Wogen. Wie mit Feuerschein erhellt sie noch einmal die weite Wasserfläche und bestreut sie freigebig mit blutroten Rubinen. Ihre letzten Strahlen tanzen zitternd auf dem bunten Blättergemoge. Aus weißen Wassernebeln glänzen geheimnisvoll wie in feuriges Gold getaucht Bäume unb Büsche. Blutrot leuchtet bas Wasser. Ein Licht nach dem anderen blinkt in den Bergen auf. Der Bahnhof Abisko und seine Häuserkolonie ist wie zu frohem Feste illuminiert. In schimmerndem Lichte erstrahlt auf der Höhe das Touristenhotel. An den Felsenbergen entlang braust der hellerleuchtete Lapplandexpreß. Donnernd wirft das Echo das Geräusch des fahrendes Zuges in die Bergklüfte. Langsam steigt der Mond herauf unb beleuchtet mit seinem Glanze ben träumenden See. Das blitzt und funkelt auf den schimmernden Schneeketten, als hätten die alten Lappengötter dort all’ ihr Geschmeide ausgebreitet, als wären die seit Jahrtausenden von Berggeistern und Gnomen in den Klüften verborgenen Schätze über Berg und Tal gestreut. Tausend Augen müßte man hoben, um all diese Schönheit in sich aufzunehmen. Wer jemals in Abisko geweilt, wird die Erinnerung an diese schimmernden Gebirgsketten, den silberglänzenden See und die fchneeigen Urwälder stets im Herzen tragen. Nicht so bald läßt sich ein so verlockendes Plätzchen finden, an dem man den Trank der Gesundheit und tiefen, reinen Glückes bis zum letzten Tropfen leeren kann. Die Sehnsucht nach diesem Bergesglück, nach dem Zaubersee, auf dem der Sonne Feuerströme flammen, dem brausenden Bergeswind, wird immer in uns leben. Und die duftenden Bergeslehnen, den sich über die Hänge ziehenden Blumenteppich werden wir nie vergessen. An grauen Wintertagen wird uns das Idyll Abisko Herz und Seele füllen. Unvergeßlich bleibt mir der Abschied aus diesem Berghotel. Von dieser Musterstätte schwedischer Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Als ich am letzten Abend nach der Station ging unter dem klaren nordischen Sternenzeit, klangen aus dem schimmernden Märchenheim die Töne der schwedischen Nationalhymne durch die stille Nacht. Niemals vorher sind mir die herrlichen Worte derselben so zu Herzen gegangen, nie habe ich sie so wohl verstanden, wie in dieser Abschiedsstunde. „Du alter, du frischer, du selsenhoher Norden I Du schweigsamer, freudenreicher Schoner! Ich grüße dich, schönstes Land auf der Welt; Deine Sonne, deinen Himmel, deine grünen Wiesen.’" Die Töne verklangen im Brausen des nahenden Lapplandexpreß. Aber von den hohen Flaggenstangen winkten mir noch lange die blaugoldenen Flaggen grüßend nach. Stolz hoben sie sich ab von diesem wunderbaren Hintergrund der lappländischen Gebirgslandschaft. Und es war mir, als ob sie mir ein fröhliches „Auf Wiedersehen!" nachriefen. Blut und Eisen. 3n der TNuski. Von Max Eyth. (Fortsetzung.) Derlei Dinge ärgern uns bei dreißig Grad Reamnur mehr als bei fünfzehn, so daß es mir vorkam, als ob die Sorgen auf den scheinbar leeren Gartenstühlen neben mir sich ungebührlich reckten und dehnten. Doch drei kräftige Schläge im Dunkel von Meiers Höhle verkündeten jetzt, daß es sieben Uhr war, und zwei liebe Bekannte schüttelten mir, von ihren Eseln springend, die Hände. Sie hatten bas Ereignis der Woche auf die Minute erraten. Bald hörte man deutsche Klänge von allen Seiten. Der dumpfe, enge Raum füllte sich. Alles nahm Platz, dem Fäßchen so nahe als möglich: Schneider und Bäcker, Gelehrte und Konsuln, Kaufleute, Missionare, Afrikareisende, Weltenbummler; ein einig Volk von Brüdern, trotz aller Dialekte unfers großen Vaterlandes, das in der Heimat ums Jahr 1864 ferner von seiner Einheit schien als je. Der eine meiner Freunde war ein baumlanger Mann mit tiefer Baßstimme und einem blonden, struppigen Bart; nach oben hin bereits etwas kahl; eine Teutonengestalt in entsprechend mangelhaftem Anzug. Er hieß Beinhaus, Doktor Beinhaus. Im Jahre 1848 hatte er in Hessen versucht, an der Erhebung des Vaterlandes mitzuarbei- ten, und keine günstigen Ergebnisse erzielt. Seit der Zeit war er auf Reisen, wozu ihn das Vermögen eines Onkels befähigte, der in und an den Schreckensjahren gestorben war, welche ihm das Erwachen Deutschlands bereitete. Neben einem humorvollen Haß gegen seinen Landesfürsten, der ihn wegen eines Duells zu Ehren einer Dame, für die sich Seine Durchlaucht interessierte, um ein Haar zum Hofrat ernannt hätte, und einer unbegrenzten Verehrung für preußische Politik und Schneidigkeit, denen er seinerzeit mit knapper Not und — 272 — beut »tackte» Lebe» entwischt war, beseelt« ihn das Strebe», die- jenigen Pitnkte der Erde aufzusuchen, wo Blut vergossen wurde, und womöglich daran teilzunehnien. Nicht aus Menschenhaß und ohne eine Spur von bösartige» Hintergedanke»; er schien diesen seinen Lebenszweck als eine berechtigte Leibesübung zu betrachten; oder wenn wir tiefer gehen wollen, als ein subjektives Seelenbedurfnis. Hütte Nietzsche damals schon seine blonde Bestie gemalt, Beinhaus hätte ihm das gutartigste Modell der Spezies dienen können. Drei mächtige Schramme» zierten sein Gesicht und fünf weitere Narben den zerhauenen Leib, die man anstandshalber auf Treu und Glauben hinnehmen mußte. Er war nicht übermäßig bereit, die Geschichte seiner ehrenvollen Wunden mitzuteilen; um so unerschöpflicher war er, wenn jemand die Unvorsichtigkeit hatte, eine philosophisch klingende Bemerkung 3» machen. Daß das Ich allein in einer Welt war, die nicht existierte, war für ihn eine unumstößliche Tatsache. Dabei kam er aus Tunis, wo er gehofft hatte zum Ausbruch einer Palastrevolution zu kommen, die zu seinem Bedauern nicht losging. Ießt mar er auf dem Wege nach Jedda, wo ein Aufstand der Wachabiten von einer ägyptischen Expedition unterdrückt werde» sollte. Ursprünglich hatte er sich den Wachabiten altschließen wollen. Er war nämlich selbst Protestant und teilte im allgemeinen die Ansichten dieser Protestanten des Jsalms. 8tHein es ging doch nicht, denn er fand bei näherem Studium ihrer Glaubenslehre, daß die Sekte das Rauchen aufs strengste verbietet. So mußte er sich an die Aegypter halten und hoffte durch die Verwendung des österreichischen Konsuls in Kairo, mit dem er zu diesem Zweck eifrig Tarock spielte, eine Offiziersstelle in dem ägyptischen Expeditionskorps zu erhalten. Darauf wartete er vorläufig in Shepheards Hotel, wo sich die beiden Herren zusammengefunden hatten, die seitdem fast unzertrennlich waren. Wenn wir armen Deutschen schon damals ein Feld für wilde Kolonialmenschen besessen hätten, hätte er ein berühmter Mann werden können. Sein Freund und Begleiter war es schon: Heuglin, auch ein Deutscher, auch ein Doktor; ein kleiner schwäbischer Bär, Limpurger Rasse, der Größe nach zu urteilen, etwas trotzig und einsilbig, solange er sich nicht zu Hause fühlte, wozu er Zeit brauchte, unstet und flüchtig wie jener. Er war vor drei Wochen mit de» Resten der Tinneschen Reisegesellschaft zur Erforschung der Nilguellgegenden aus der entgegengesetzten Richtung das^Rote Meer heraufgekommen. Diese Reste bestanden ans Fräulein Zinne, Schlangen und Affen, teils lebendig, teils in Spiritus, zahllosen Bogelbälgen und drei Särgen. In einem lag Frau Zinne, die Mutter, und das Haupt dieser wundersamen Karawane, in den zwei andern die armen Kam- merjungfern von Mutter und Tochter, die sämtlich schon in Kartum die Mitwirkung an der Entdeckung der Nilquellen aufgegeben hatten und dort eine Zeitlang begraben waren. Nun, fast ein Jahr später, sollten sie auf dem Christenkirchhof bei Alt-Kairo ihre endliche Ruhe finde». Miß Zinne, eine Mischung englischer Ungebundenheit, deutscher Romantik, holländischer Gemütstiefe und international-weiblichen Eigensinns, wollte sich einen alten halbzerfallenen Mameluckenpalast in der Nähe des Friedhofs kaufen und als halb mohammedanische Fürstin in orientalischer Abgeschiedenheit weiterleben. Heuglin, der das Konservieren von Bügeln aus dem Grunde verstand, hatte sich in der Zeit jenes tragischen Rückzuges unentbehrlich gemacht und war noch immer ihr Majordomus und Großwesir. ^Vorläufig,' dachte er, was er feinen Freunden nur mangelhaft verbarg. „Alles auf sich,beruhen lassen — nein! Das geht schlechterdings nicht!" sagte Doktor Beinhaus, nachdem wir, in andächtiger Erinnerung an die ferne, kühle Heimat, den ersten lechzenden Durst gestillt hatten, und klopfte zornig mit dem leeren Glas auf den Blechtisch, der ihm als lauttönender Kriegsschild diente. „Sie sind natürlich der gutmütige Deutsche, wi« er aus den Büchern gekrochen kommt, quälen sich da unten auf ihren Baumwollfeldern wie ein Nigger und bringen wirklich etwas zustande, was feit sechstausend Jahren noch niemand am heiligen Nil gesehen hat — Sie müssen das sehen, Heuglin! Ein Dampfpflug in Fellahhände» ist sehenswert. Das läuft wie ein verrückt gewordenes Schiff übers Feld, wirft Schollen herum wie Wasferwogen, und an den beiden Feldenden pustet und pfeift und rasselt eine mammutartige Eisenmasse und läuft von Zeit zu Zeit vorwärts, als ob sie diese ganze Geschichte satt hätte und durchbrennen wollte. Ich verstehe nichts davon, aber es soll etwas dabei herauskommen, habe ich mir sagen lassen. Wenigstens schwitzt sich dieser Eyth die Seele aus und würde ein paar Millionen hinterlassen, die ich gerade brauchen könnte, wenn er fein Landsmann von uns wäre. Und nun kommt ein kleiner englischer Schwadroneur und trompetet in alle Welt hinaus, das fei alles Kinderei und Krimskrams. Der wahre Dampfpslug komme erst, wenn er erscheine. Ich ließ mir’s nicht gefallen!" Und Beiichaus trank zornig jein zweites Glas aus. „Ich laß' mir's auch nicht gefallen!" sagte ich, „aber ich kann warten. Wenn er kommt, werden wir ja sehen." „Wenn er klug ist," meinte Heuglin, mit dem schlauen Blinzeln eines echten Schwaben, der die Welt kennt, ohne daß man es ihm ansieht; „wenn er klug ist, kommt er gar nicht. Sie pflügen ihm gut genug. Machen Sie nur so weiter. Mehr braucht er nicht, um den Feldzug zu beginnen. Sie wissen noch nicht, daß Sie in Aegypten sind, lieber Eyth. Ein paar tüchtige Backschischs am richtigen Fleck tun Wunder, einen guten Dragoinan, der schwatzen kann, wie er selbst, findet der Mann. Wenn dann Ihre Fellachin ihm den Gefallen tun, den Fowlerschen Pflug in den Nächsten Wochen ein- oder zweimal zusammenzubrechen, wozu sie ganz besonderes Talent haben sollen, wie ich im Hotel höre, bann hat er für die nächste Zukunft gewonnen und Sie das Nachsehen." „Ich ließe mir's nicht gefallen." rief Beinhaus in wachsendem Grimm. „In diesen Ländern muß sich der Mensch seiner Haut wehren, wenn er sie nicht über die Ohren gezogen haben will. Vollends ein Deutscher. Aber wir Deutsche find nicht wahrhaft glück, lich. wenn uns nicht jemand die Haut über die Ohren zieht." „In dieser Hitze! Es hat alles feine Berechtigung!" suchte ich ihn zu beruhigen, „llebrigens zieht in unferm Fall ein Engländer dem andern das Fell über die Ohren, wenn es zum Schlimmsten käme. Fowler und Howard gehören beide unfern entfernteren Vettern teutonischer Rasse an. Das sollte Ihnen eigentlich Spaß machen, Bem- haus!" „Na nu!" berlinijierte mein zorngemuter Freund, der mich durchschaute und wohl wußte, daß ich keineswegs so kaltblütig war, als ich mich stellte. Beide erzählten mir bann des näheren, wie Brible- brinn unter der Veranda des Hotels Shepheard, in den Kontoren her Kaufleute von Kairo und in den Diwans der Regierung und der Paschas das kommende Glück 2legpptens besang, das dem Lande der Howardsche Dampfpslug bringen mußte, und wie man bereits da und dort Schubra und den armen Hakim Pascha bemitleidete, der sich abquäle, das unglückselige System Fowlers einzuschleppen, wo doch so viel Besseres vor der Türe stehe. „Ich will nicht aufhetzen," sagte Beinhaus zu Heuglin, indem er seine furchtbaren Schnurrbartspitzen nach oben drehte und mich seitwärts ansah, „aber ich halte es für unsere Aufgabe, diesen einfachen Landbewohner zu witzigen, soweit es möglich ist. — Barmherziger Wodan! Der Meier muß bas Fäßchen schon schief stellen! — Ich hatte es für eine nationale Pflicht, dem armen Eyth beizustehen." Das in jenen Tagen noch so gut wie uaterlanbslojc Trio stieß die Gläser zusammen und trank seine Reste. Man mußte sich beeilen, wollte man nicht zu kurz kommen, und beobachtete die heimischen Sitten im fremden Land treuer als im eignen. Wir wissen heute kam» mehr, wie es dem Deutschen draußen in der Welt zumute war damals, als unser Nationallied Vers für Vers aus einer fortgesetzten Frage bestand und uns die andern, wenn sie in guter Stimmung waren, freundlich und mitleidig auf die Schulter klopften; wir waren so völlig harmlos! In diesem Augenblick trat mein Freund O'Donald ein und setzte sich ohne Umstände zu uns; ein junger englischer Kaufmann irischer Herkunft und zugleich Sportsmann mit Leib und Seele. Ms solchen hatten ihn auch Beinhaus und Heuglin schon kennen gelernt. Dem letztere» hatte er für seine Vogeljagden in Fayum zwei englische Hunde geliehen, wodurch eine innige Freundschaft zwischen beiden entstanden war. »Auch mir war O'Donald ei» guter Kamerad, abgesehen davon, daß er meine kleinen Bankgeschäfte besorgte und als Prokurist von Briggs & Co. der Hauptagent für einige der größten englischen Geschäfte war. In der Form von englischem „Chaff", die- fern feiner Nation eigentümlichen Austausch von Wahrheiten in Gestalt von gutartig-derben Witzen, konnte man ihm die größten deutschen Grobheiten sagen und sich mit ihm an feiner Freude darüber freuen. Er kam von Shepheards Hotel in fröhlicher Aufregung und hatte mich gesucht. Allerdings hatte ich ihm bereits Sinn 'unb Verständnis für deutsche Biere beigebracht, so daß er die Bedeutung der Samstagabende bei Meier kannte. Dies hatte ihm bas Suchen erleichtert. In das Sprachgemenge des schwülen Stübchens, wie dem Deutsch, Französisch, Italienisch, Griechisch und von außen etwas Arabisch unb Türkisch zusammen klangen, mischten sich jetzt auch die Wohllaute des Englischen. „Wissen Sie schon, daß es aus mit Ihne» ist?" rief er seelenvergnügt und klatschte nach indisch-ägyptischer Art in die Hände, um seinen Schoppen zu bekommen. „Drüben bei Shepheard sollten Sie Mister Bridledrum hören! Das ist ein Mann! Fred George ist ganz weg! (Fred-George war der englische Telegraphendirektör der ägyptischen Regierung und einer meiner zweitbesten Freunde.) — Ich bin es noch!" fuhr O'Donald fort. „Da fiel mir ein, daß Sie hier fitzen könnten. Kommen Sie mit! Vielleicht pretTigt er noch," „Er soll kommen und pflügen, das ist gescheiter als predigen", sagte ich, ohne mich aufregen zu lassen. „Ich gebe ihm Land in Schubra, so viel er haben will." „Passen Sie nur auf, er wird schon kommen," meinte mein englischer Freund. „Liber schwatzen sollten Sie ihn hören; einfach großartig! Außer Howard gibt es nichts auf der Welt. Howard ist der Einzige, der Große, und Bridledrum ist fein Prophet. Er versteht, wie man in diesen Gegenden eine neue Religion gründet. Ueberibes ist er mein Landsmann. Darauf hat jedermann nur gewartet; natürlich. Wie Fowler einen Deutschen hierherschicken konnte, war mir von jeher unbegreiflich; einen Schwaben, made in Ger- many! Aber Sie können jetzt getrost einpacken!" Wir stießen an! Auch diesen schönen germanischen Brauch hatte er schon gelernt unb übte ihn fleißig. „Hergeschickt hat mich Fowler überhaupt nicht," sagte ich. „Das war ein unverdienter Segen von oben für Sie unb für ihn. Mer was blies dieser neue Trompeter bei Shepheard weiter?" „Vor acht Tagen war er beim Vizekönig und gestern bei Ihrem Pascha und hat ihm Pläne unb Zeichnungen vorgelegt." (Fortsetzung folgt.) vchristleltung: Dr. Friede. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.