Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, öen Juli Nummer 59 Einsame Stadt. Von Jacob Ha ringer. Nun fallen die Blätter leise, Die Sonne ist traurig und müd. Ich bin eine Frühlingswaise, Was soll mir des Sommers Lied' Ich muß ja doch alles vergessen. Und die Nacht ist so trostlos und schwer, Nebel tanzt um die Zypressen, Alle Straßen sind leer . . . Ostia. Von Friedrich v. Oppeln-Bronitowski. Ostia, im Altertum die Hafenstadt Roms, durch die 22.Kilometer lange Via Ostiensis mit der Hauptstadt verbunden, lag noch vor zwanzig Jahren im Tiberschlamm versunken, von ungesunden Einöden umgeben, aus denen das trotzige Kastell Giulianos della Rovere, des späteren Papstes Julius II., malerisch hervorragte. Erst neuerdings ist es systematisch, wenn auch nur teilweise ausgegraben; über das bisherige Ergebnis liegt jetzt eine zusammenfassende Darstellung von dem gegenwärtigen Ausgrabungsleiter nor*). Ein zweites Pompeji, ist Ostia doch in allem dessen Gegensatz. Pompeji war eine breit hingelagerte Villenstadt mit höchstens zweistöckigen Häusern; Ostia dagegen, zwischen Meeresstrand und Tibermündung in seinen Mauerring eingezwängt, wuchs aus engem, sparsam ausgenutztem Raume zu vier- bis fünfstöckigen Mietskasernen und gewaltigen L-peicherbauten empor, wie eine moderne Hafenstadt. So lernen wir in ihm nicht nur eine antike Handelsmetropole kennen, sondern wir können von ihm auch einen Rückschluß auf die Hauptstadt selbst ziehen, deren antikes Bild die spätere'Besiedlung zerstört hat, während Ostia in seinem allmählichen Verfall eines natürlichen Todes gestorben und sein Gerippe unter dem schützenden Bahrtuch des Tiberfchlamms ziemlich wohlerhalten geblieben ist. Das sind Gründe genug, um seine Ausgrabung zu einem Ereignis zu machen. Aber es kommt noch ein weiterer hinzu: die Gebäude von Ostia zeigen uns deutlich, daß die mittelalterliche und neuere Stadtarchitektür Italiens ihre Wurzeln im Altertum hat, was aus den Trümmern Pompejis mit feinen alten, traditionellen Hausformen nicht zu erraten gewesen war. Man wundert sich daher, daß die Ausgrabung von Ostia in der heutigen Kulturwelt bisher nicht den Widerhall gesunden hat, den seinerzeit die Entdeckung der Ve- suvstädte hervorrief, aber diese Gleichgültigkeit erklärt sich vielleicht aus den Nöten der Gegenwart, die mit sich selbst genug zu tun hat. Der Name Ostias („Mündung") geht bis in die sagenhafte Urzeit zurück. Hier soll Aeneas gelandet sein; hier soll bereits der vierte König Roms, Ancus Martins, eine Kolonie gegründet haben. Tatsächlich ist auch Ostia Roms älteste Kolonie, aber seine Gründung ist, wie die Ausgrabungen bestätigt haben, erst nach der Zerstörung des nahen Antium (338 v. Ehr.) und vor der Gründung von Kolonien in Antium und Terracina (318) anzusetzen, etwa um 335. Es »w .zunächst nur eine Militärkolonie zum Schutze der Tibermün- dung/ ein kleines befefttgtes Lugsr. dellen Zuffmauern sich zum Teil wieder gefunden haben. Das spätere Kaiserforum mit 1 einen Tempeln bildete seine Mitte. Bald jedoch wuchs Ostia sich zur Hasen- und Handelsstadt aus. Bereits 266 wird ein quaestor ostiensis, ein Flottenpräfekt, eingesetzt; um diese Zeit wird es sich aus einer Militärkolonie zur Stadt verwandelt haben. Schon im Hannibalischen Kriege spielte es wiederholt eine Rolle als Hafen- und Flottenstation. Allmählich zog es den ganzen Handel mit dem Westen (Afrika, Spanien, Gallien) an sich, während Pozzuoli der Hafen für den Osten blieb. Schon 215 v. Ehr. nahm es das sardinische Korn auf; in der Folgezeit wurde es zum Sitz der annona, der Geireidever- sorgung Roms; für sie wurde 44 v. Ehr. statt des Flottenpräfekten ein praefectus annonae mit einem Beamtenstab eingesetzt; zugleich entstanden große öffentliche und kleinere private Kornspeicher thorrea). Sein Mauerring aus Tuffblöcken geht gleichfalls auf die letzten Zeit der Republik zurück; wahrscheinlich errichtete ihn Sulla nach der Plünderung durch Marius (87 v. Ehr.). In der Kaiserzeit hat sich die Stadt kaum noch erweitert. Augustus baute das Theater, Caligula die Wasserleitung, Claudius richtete nach römischem Vorbild die Vigiles ein, eine Feuerwehr- und Polizeitruppe, die in einer wieder aufgedeckten Kaserne *) Guido Calza, „Ostia" (Milano-Roma, 1925». untergebrach! war und sich um 200 n. Chr. auf 600 Mann belief Aus der Zeit Hadrians oder des Antonius Pius stammen die prachtvollen öffentlichen Thermen, die auf einer älteren Bäderanlage errichtet wurden; doch haben sich auch noch andere Thermen gesunden, so eine größere Anlage auf der Seeseite. Schon Cäsar und Augustus hatten an Stelle des natürlichen Flußhafens die Anlage eines künstlichen Hafens geplant, doch wurde er erst von Claudius in Angriff genommen und von Nero 54 n. Chr. eröffnet. Trajan erweiterte ihn um 100 n. Chr. Auch die folgenden Kaiser erwiesen Ostia ihre Fürsorge, wie die Antoninische Thermenanlage zeigt; noch Maxentius errichtete dort eine Münzstätte. Erst mit der Verlegung der Hauptstadt nach Konstantinopel begann der Niedergang. Zur selben Zeit (319) finden wir in Ostia einen christlichen Bischof; seine Stellung war so angesehen, daß er den Bischof von Rom (den Papst) weihte. Seit dem Siege des Christentums verfielen die öffentlichen Bauten der alten Welt; die Tempel wurden beraubt ober zerstört; in den Thermen und im Theater wurden Tote bestattet. Die Völkerwanderung vollendete dies Werk der Zerstörung; der letzte römische Dichter Rutilius klagt 414, daß in Ostia allein noch der Ruhm des Aeneas lebe. Und Prokop sagt 540, die Straße nach Rom sei verfallen und der Tiber teer von Segeln. Ostia sank zu einem elenden Nest herab, dessen Bewohner ihr Dasein mit Salzgewinnung und Salzhandel fristeten. Mittelalterliche Kalköfen zeigen, wohin die Reste einstiger Marmorpracht gewandert sind. Im Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete Martin V. den Turm, an den sich der vom Kardinal von Estouteville (1461—83) angelegte, ummauerte Borgo und das von Giuliano della Rovere 1483 errichtete Kastel! anlehnte. Man war damals also wieder auf den Schutz der Tibermündung bedacht, und das Kastell spielte in der Borgiazeit und in den folgenden Kriegswirren häufig eine Rolle. 1557 grub sich der Tiber ein anderes Bett, durch das er die antike Stadt teils zerstörte, teils in feinem Schlamm begrub, und feit der Wiedereröffnung des Kanals von Fiumicino (1613), den Trajan gegraben hatte, verfiel auch das moberne Ostia mehr und mehr. Bis ins 19. Jahrhuiibert würbe es von Seeräubern bebroht ober ge- plünbert. Erst unter König Humbert I. begann bie Wieberurbär- machung ber versumpften Umgebung, auf bie feit 1918 bie Ausgrabung ber antiken Stadt folgte. Heute ist Ostia durch eine elektrische Bahn mit Rom verbunden, und die Römer suchen jetzt in der heißen Jahreszeit Kühlung am totranbe ober im Meere. So blüht denn mieber neues Leben auf ben Ruinen, unb bas heutige Ostia entwickelt sich zum monbänen Seebad. * Trotz ber Hafenanlage unb bes gesteigerten Hanbelsverkehrs der .Kaiserzeit, trotz ber Errichtung von Tempeln, Magazinen und an- beren öffentlichen Bauten, trotz ber Erweiterung ber Hauptstraßen und der größeren Geräumigkeit der reichen Privathäuser dehnte sich die Stadt, wie schon gesagt, kaum mehr aus, und fo wuchs sie notgedrungen in bie Höhe. Bier- und fünfstöckige Häuser stiegen bis zu 16 unb 18 Meier empor; in bie Erbgeschosse ber Straßenfronten, ja selbst ber Höfe, nisteten sich Läben ober Garküchen ein (wie das Thermopolium in der „Dianastraße"); ihre Inhaber hausten im Mezzanio darüber, und erst im zweiten Stock folgte das piano nobiie. Hier ssirangkii SüIföiiE, Sltf Holzbalken ober Steinkonsolen ruhenb, oft reihenweise in bie Straßenfront vor. Regelmäßige Fen- sterreihen öffneten sich sowohl auf bie Straße wie auf die Hofseiten. Man findet hier also bereits alle Elemente des neueren italienischen Häuserbaues. Vollends die Höfe der großen öffentlichen Speicher mit ihren zweistöckigen Bogenhallen nehmen die Architektur der Renaiffancehöfe voraus. Alle diese Dinge sind ebenso neu wie überraschend: bie Enge des Baugrundes unb bie Bebiirfniffe ber Handelsstabt führten notroenbig zur Ueberroinbung bes altitalischen, nach innen gekehrten, nach außen abgeschlossenen niedrigen Haus- typs, wie Pompeji ihn zeigt, unb zur Entwicklung bes mehrstöckigen mobernen Faffabenhaufes mit architektonischer Straßenfront und Hallenhof. Die Straßenzüge selbst blieben ziemlich unregelmäßig, wie sie entstauben waren. Nur die beiden Hauptstraßen des alten Militärlagers, ber Decumanus unb ber Carbo, bie sich rechtwinklich schnitten, setzten sich in langen Fluchten durch bie Stabt fort unb zerlegten sie in vier „Regionen", zu benen als fünfte bie City, bie Umgebung bes Kaiserforums, kam. Immerhin hatten bie einzelnen Häuserblocks (insulae) regelmäßige, rechteckige Formen. An langen Griiber- reihen vorbei führte die Via Ostiensis durch ein Doppelter, das in ber Kaiserzeit mit Marmor beleihet war, auf einen weiten Platz, — 234 der den Verkehr nach den beiden, aus ihn mündenden Hauptstraßen regelte. Trotz seiner Enge und seiner hohen Häuser, die der Südländer noch heute als schattenspendend liebt, muß Ostia in der Kaiserzeit ein sarbenbuntes, lebensvolles Bild geboten haben. Die Tempel und öffentlichen Gebäude prangten in buntem oder weißem Marmor- schmuck oder in hellgelbem Travertin, der noch heute den römischen Monumentalbauten seinen warmen Ton verleiht. Oeffentliche Plätze, Portiken und Säulenreihen, Brunnennischen mit sprudelndem Wasser gaben dem Stadtbild etwas Festliches. Während bei den republikanischen Bauten grauer Tuff vorherrschte, prangten die Speicher und Privathäuser der Kaiserzeit in gelbem und rotem Ziegelbau, bisweilen durch tiefrote Streifen belebt; IZilaster aus Travertin oder Tuff gliederten die Mauermassen der Speicher; Tuffsäulen mit Travertinknäufen oder Travertinsäulen legten sich vor die Bogen- stcllungen ihrer Jnnenhöfe. Und am Ende der Straßenzeilen blinkte stets der Tiber oder das blaue Meer, mit Segeln bedeckt, während sich rings um den Mauergürtel, am Strande wie in der Landschaft, ein Kranz Heller Villen und schattiger Gärten schlang. Ostia war nach dem Wort eines römischen Dichters eine amoenissima civitas. Seine Straßen, Plätze und Höfe wimmelten von Menschen aller Stände und Völker. Ostia hatte eine Bevölkerung von 100 000 Menschen. Es war wie Rom selbst ein Auszug aus der ganzen antiken Welt. Trachten, Sprachen, Sitten und Religionen waren von buntester Mannigfaltigkeit. Unter den Einheimischen treten uns drei ■ Volksmassen entgegen: die Großkausleute und Großreeder, der Mittelstand, Kaufleute, Spediteure und Beamte, und das Gewimmel der Arbeiter. Als Umschlaghafen Roms sah Ostia die mannigfachsten Waren, kostbare Stoffe,' Juwelen, Spezereien, Marmor, fremde Tiere — und Reisend« aus aller Welt. Viele Ausländer hatten ihre Kulte mitgebracht. Neben den Tempeln und Kulten der heimischen Götter, unter denen Vulkan, der Gott der Schmiedeesse, den Ehrenplatz einnahm, unb denen der Kaiser bestanden solche der Magna water, deren Bild bereits 204 v. Ehr. in Ostia gelandet und feierlich nach Rom gebracht worden war, zahlreicher ägytischer und syrischer Gottheiten und in der Spätzeit vor allein des Mithras, des Vorläufers und Nebenbuhlers des Christentums in der ganzen antiken Welt, von dem bis jetzt schon sieben Kapellen frcigelegt sind. Trotz dieses Gewimmels von Menschen und Dingen herrschte in Ostia nicht das chaotische Durcheinander eines modernen orientalischen Hafens, sondern römische Ordnung und eine höchst moderne Organisation der Verwaltung, des Handels und der Arbeit. Rach römischem Vorbild besaß Ostia zwei höchste Beamte (duoviri), einen Senat (decuriones) und Volksversammlungen. Es hatte besondere Vorsteher (curatores) der öffentlichen Arbeiten und des Wasserbaues, des Stadtarchivs und der össentlichen Urkunden (tabvlae et libri), die schon genannten Beamten der Getreideversorgung Roms, der Salzsteuer usw, sämtlich mit einem Stabe von Unterbeamten. Neben diesen öffentlichen Beamten, die genossenschaftlich organisiert waren, standen zahlreiche Korporationen von Dock-, Werft- und Magazinarbeitern, Schiffern und Lastträgern mit selbftgewöhlten magistri, von Reedern, Kaufleuten, Spediteuren, Agenten ausländischer Firmen, sogar von Tauchern. Hinter dem Theater befand sich eine Art von Börse, ein großer Säulenhof mit 60 Räumen, größtenteils für Handelsagenturen der Städte, mit denen Ostia im Verkehr stand; ihre Firmenschilder sind als Mosaiken in den Fußboden eingelassen. Für den Großstndtbctrieb zeugt schließlich auch eine Großbäckerei — die erste ihrer Art — in Verbindung mit einer entsprechenden Mahlanlage. Das alles ist ebenso neu und überraschend wie die modernen Bauformen von Ostia. Dieser ganz vom Rhythmus der Arbeit beherrschte Handelshafen mar nicht ohne Kunst. Freilich sind die Tempel und öffent- si.chen Gebäude mit ihrem Mavmorschmuck großenteils der Muni» fizenz der Kaiser zu danken, wenn sich auch reiche Bürger finden, die sie restaurierten, wie jener Lucilius Gamala, der die Hadria- nischen Thermen nach einem Brande wieder herstellte. Aber erst die Kunst in den Privathäusern gibt den Maßstab für das künstlerische Aiveau ab. Die Wandmalereien und Fußboden- mvsaiken halten denen Kxx Vrfiiostävi» mir D-em bötsektierrM freilich nicht stand. Eine Besonderheit Ostias sind nur rasch hingeworfene Landschaftsbildchen von impressionistischer Technik, mehr Farbflecken als ausgeführte Gemälde. (8 in en eigenen Stil der Wandmalerei hat Ostia nicht erzeugt; in reicheren Häusern findet sich ein unorganisches Gemisch der verschiedenen pompejanischen Stile, welche die Wirkung von Aeu- heit und Pracht anstreben. Die Mosaiken dagegen haben ihre eigne heimische Rote; sie sind eine Art Bauernkunst, die mit derber Frische das Lebert der Handels- und Hafenstadt spiegeln. Was die Plastik betrifft, so erklärt sich das Fehlen von Bronzen, die in den jäh verschütteten Vesuvstädten so reichlich zutage! traten, wohl mit dem allmählichen Untergang Ostias, dessen wertvolles Metall abwanderte oder in den Verfallszeiten im Schmelztiegel verschwand. Dagegen hat sich sowohl bei den jetzigen planmäßigen Grabungen wie bei früheren Raubgrabun- gen eine Menge teils wertvoller Marmorbildwerke oder Druch!- stücke von solcheir gefunden; sie befinden sich teils in dem dor- tigen Museum, teils in römischen Museen (Lateran, Vatikan, Thermen); eine Hygieia ist sogar nach Kassel gelangt. Da bisher nur ein Bruchteil der Stadt freigelegt wurde, kann noch manches Kunstwerk, das den Kalköfen entgangen ist, zutage kommen. Alles in allem also steht der Handelshaseir Ostia an künstlck- rischem Schmuck nicht hinter anderen größeren- Städten der römischen Welt zurück, wenn astch seine schöpferische Bedeutung auf anderen Gebieten liegt. ; > Wandern und Reisen mit Goethe. Von Reinh. Lindemann, München. „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", hat Goethe gesagt. Gewiß — ein Dichter, dem Wandern und Reisen Lebensbedürfnis war, um seiner wirklichkeitshungrigen Phantasie immer wieder neuen Weltstosf zur Verarbeitung zuzuführen; gewiß, das ist vor über 100 Jahren gesprochen worden, als es noch keine Eisenbahnen, Autos, Motorräder und dergleichen gab, als man noch hübsch zu Fuß oder im gemächlich dahinrollenden Wäglein sich die Welt mühsam Strecke für Strecke erobernmuhte. Aber möchte man nicht gerade zu unserer Zeit, die ben eigentlichen Sinn alles Wanderns und- Reisens fast gaitz vergessen hat, möchte man nicht all den unzähligen Reisenden, die in diesen Sommermonaten in „kilometerfEender" Hast die schöne Welt durchjagen, möchte man ihnen nicht allen ein Stückchen von seiner Reisegemächlichkeit vor hundert Jahren und von jenem wandernden Erleben und Erlernen, das Goethe von sich selbst bezeugt, zurückwünschen? Lind überhaupt etwas von der äugen» frohen Wanderfreude, die aus seinen vielen unvergeßlich erschauten Raturbildern spricht, nicht zuletzt auch etwas von der Hoheit Weisheit seiner Reisekunst, für die seine Briefe, Aus» spräche, Unterhaltungen eine wahre Fundgrube sind? Wer Goethe, dem Wanderer, begegnen will und gerne lernen möchte von seiner genialen Art, Ratur zu schauen und schauend zu erleben, der schlage einmal das späte Werk der „Wanderjahre" auf, in dem manchs Wandererlebnis aus der Jugend In Frankfurt. Leipzig und Straßburg, aus der G-enie- wand-everperiode zwischen Frankfurt, Darmstadt, Koblenz, Düsseldorf und Mainz, aus dem Weimarer und Harzer Wanderleben mit Fr. v. Stein usw. verewigt ist. Dem Wanderer der „Wand-er- jahre" ist von seinem geheimnisvollen Oberen das ^Gesetz der Wandererunrast auferlegt worden, nicht über drei Tage unter! einem Dach zu bleiben, keine Herberge zu verlassen, ohne sich wenigstens eine Meile von ihr zu entfernen. So sieht er sich einmal genötigt, vom Gebirge heräbzusteig-en und quer durchs Land zu gehen. Er entschließt sich also, wie es am Eingang des dritten Buches — eine für Goethes Wandersinn besonders charakteristische Stelle -- heißt, „aufs Reisen zu verzichten., die Reise zu Fuß zu machen und das Gepäck Sinter sich hertragen- zu lassen. Für feinen Gang aber ward der Wanderer auf jedem Schritt reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf; es waren solche, wie sie das letzte Gebirg gegen die Fläche zu bildet, bebuschte Hügel, die sanften Abhänge haushälterisch beim8t, alle Flächen grün, nirgends etwas Steiles, Unfruchtbares und Ungepflügtes zu sehen. Run gelangte er zum Haupttale, worein die Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfältig bebaut, anmutig übersehbar, schlanke Bäume bezeichneten die Krümmung des durchziehenden Flusses und ein- st-römender Bachs, und als er die Karte, seinen Wegweiser, vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, daß die gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt, und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Wege befinde". — Die Beispiele ließen sich häufen! für diese unbändige Augenfreude des wandernden Goethe an, allen Einzelheiten der unerschöpflichen Ratur, wie sie aus der plastischen Anschaulichkeit einer derartigen Landschaftsschil- derung spricht: Man lese nur einmal die Reiseberichte Goethes vom „Rheins Main und Neckar" nach, die unvergleichlich ein- dringliche Raturbilder aus der Gegend bei Dingen geben. Aber neben der reinen Augenfreude — wie ist hier die eigentliche Wander- und Reisesreude, das Unerwartete, das Entdeckerhafte im Vorwärtswandern auf unbekannten Wegen, auf sinnlich und geistig noch nicht erobertem Gebiet treffend geschildert! Doch der Borwärtsdringende denke auch an das Zurückliegende, mahnt Goethe, und ruft allen, besonders uns Menschen einer rastlos weitereilenden Zeit, «££. M • »S» ist ’etft Föhler bei FUßrelsNt, Kä8" inan nicht "oft genug rückwärts sieht, wodurch man die schönsten Aussichten verliert." Das tiefste Reiseerlebnis Goethes ist sicherlich seine Italien- reife Auch vielen von den heutigen Jtalienfahrern könnte es das werden, wenn sie, wie. ihr großes Vorbild, nach Italien gingen „nicht um sich selbst zu betrügen, sondern, um sich selbst an den Gingen kennen zu lernen". Entfaltung und Bereicherung der Persönlichkeit ist also für Goethe das eigentliche ideelle Reiseziel. Ihm ist es, so heißt es an anderer Stelle, immer um die „sinnlichen Eindrücke zu tun, die fein Buch, kein Bild gibt. Die Sache ist, daß ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen Beoba-chtungs- geist versuche und prüfe, wie weit es mit meinen Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein und hell ist, wieviel ich in der Geschwindigkeit fassen kann unu- ob die Falten, die sich in mein Gemüt geschlagen haben, wieder auszutilgen sind". Das sind Gesichtspunkte, unter die wir jene Wanderung stellen sollten und erst recht jede Reise, die neben der bloßen Erholung auch noch ein Etwas von dauerndem, w verlierbarem Gewinn hmrnbringen soll. Wohl kaum wurde Goethe den Einwand gelten lassen, daß die immer noch bestehenden Erschwerungen und .Unbequemlichkeiten des heutigen Reisens ein genußreiches, geistig erträgliches R eisen verleideten. Denn dieser große geniale Reifekünstler hat den Gipfel der - 235 — Ttersekunst erreicht, er hat den Reiseärger, den Reife- ekel ausgeschaltet. „Der Genuß auf einer Reise ist'," sagt er, „wenn man ihn rein haben will, ein abstrakter Genuß; ich muh die älikbeguemlichleiten, Widerwärtigkeiten, das, was nicht mit mir stimmt, was ich nicht erwarte, alles muh ich beiseite bringen — dann habe ich einen reinen bleibenden Genuh, und um dessentwillen bin ich gereist, nicht um des augenblicklichen Wohlseins oder Spasses halber. Mit der Betrachtung und dem Genuh der Ratur ist's eben das. Trifft's dann aber auch einmal zusammen, dah alles paßt, dann ist es ein großes Geschenk." Eng mit dein Reiseärger hängt jene Unduldsamkeit zusammen, die oft gerade auf Reisen doppelt stark zutage tritt und immer einen starren, reizbaren Egoismus bezeichnet. Mit Goethe zu reisen war ein hoher, ja höchster Genuh, bezeugt Riemer. Bon ihm gilt, was er über Sterne bemerkt, „daß dessen Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, nicht leicht ihresgleichen finden". Heiterkeit, Genügsanikeit, Duldsamkeit — das sind ohne Zweifel die wichtigsten unerläßlichen Borbedingungen jeder genuh- und ertragreichen Wanderung und Reise. Aber wie weit sind von diesen drei Kardinaltugenden die meisten entfernt, die oft sich selbst und anderen mit überempfindlichem Egoismus unersetzbare Tage und Stunden verderben! Andererseits wird gerade häufiges Reisen und Wandern in Gemeinschaft mit andern Menschen nach und nach zur Duldsamkeit erziehen, die, ins Gröhe getrieben, eine der schönsten Formen reich und tief gewordener Menschlichkeit darstellt. In einem Briefe an Knebel von 1814 — neben jenem letzten Brief an Auguste zu Stollberg von 1823 das vielleicht schönste Beispiel für die unvergleichliche Sühe seiner reifen und milden Spätweisheit — hat Goethej dieser höchsten letzten Duldsamkeit unübertrefflichen Ausdruck gegeben, die zu erwerben und heranzubilden ein Hauptsinn alles Reisens sein könnte: „Anter denjenigen Vorteilen, welche mir meine letzte Reise gebracht, steht wohl die Duldsamkeit obenan, die ich mehr als jemals für den einzelnen Menschen empfinde. Wenn man mehrere Hunderte näher, Lausende ferner beobachtet, so muh man sich gestehen, dah am Ende jeder genug zu tun hat, sich einen Zustand einzuleiten, zu erhalten und zu fördern. Man kann niemanden meistern, wie er dabei zu Werke gehen soll, denn am Ende bleibt es ihm doch allein über- lassen, wie er sich im Unglück helfen und im Glück finden kann. In diesen Betrachtungen bin ich diesmal sehr glücklich durch die Welt gekommen, indem ich von niemand etwas weiter verlangte, als was er geben konnte ujnd wollte, ihm weiter nichts anbot, als was ihm gemäß war, und mit großer Heiterkeit nahm und gab, was Tag und Umstände brachten. Und so habe ich niemanden in seiner Lebensweise irr« gemacht. Ueberzeugung, Sitte, Gewohnheit, Liebhaberei, Religion, alles erschien mir durchaus den Personen gemäß, die sich gegen mich äußerten, und so habe ich es auch in Ansehung des Geschmackes gefunden." Einen letzten Gesichtspunkt, der vielleicht das ganze Problem ertrag- und genußvollen Reisens, das sich nicht gerade auf den starren Ähienenweg des Zuges beschränkt, zusammenfaßt, hat Goethe mit der ihm eigenen Präzision ausgedrückt. Rämi- lich den, daß nur der genußvoll reisen wird, der es um des Reisens willen tut, dem der Weg selbst das Ziel ist. Das ©teigen etwa am Berg hinauf ist das wesentliche; der Blick vom Gipfel ist meistens eine Enttäuschung. Aber für den Wanderer, der im Wege selbst schon das Ziel sieht, gibt es keine Enttäuschungen mehr, da er in jedem zufälligen Wegstück die Schönheit zu sehen vermag. Wer nur das Außerordentliche in der Ratur sieht, ihre Phänomene und gewaltsamen Effekte, der wird sich um den Genuß des Weges bringen, auf dem die tausend zarten Stimmen der Natur ihm ihr Geheimnis zuflüstern. Oder um es mit Goethes gebräunter Formel. LuAz'üvrücken? „M a n,doch n-'.ch i, UM änzukom m en!" Zwei Harzrsisen. Von F. A. Fahlen. Ende Mai des Jahres 1826 ließen Hoffmann und Campe in Hamburg ein schmales Bändchen Reifebildsr von einem gewissen H. Heine ausgehen, der Frau Geh. Legationsräthin Friederleke Varnhagen v. Ense gewidmet, enthaltend die achtundnchtzig Gedichte der Heimkehr, die „Nordsee" und dazwischen „Die Harzreife , 1824 niedergeschrieben. Als Heine, der damals nicht versäumte, seiner Anschrift „Dr. jur." beizufügen, ein paar Jahre vorher in Berlin gewesen war, hatte er engste Beziehungen zu dem Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums unterhalten, dem außer ihm Moses Moser, Eduard Gans, Leopold Zunz, Josef Lehmann, Ludwig Markus und David Friedländer angehörten, die engste Freunde Heines waren. Moses Moser, der später früh starb, stand ihm von ihnen am nächsten und an ihn sind damals eine Menge Briefe gerichtet, die für Heines wirkliches Leben dieser Jahre bezeichnend sind. An ihn schrieb er auch am 25. Oktober 1825 über die Harzreise: „Es war noch sehr hübsch, als ich Göttingen verließ; vor dem Weender Tore begegneten mir zwei eingeborene kleine Schulknaben, roouorr der eine zum anderen sagte: „Mit dem -Theodor will ich gar nicht mehr gehen, der ist ein Lumpenkerl,, der wußte gestern nicht einmal, wie der Genitiv von mensa heißt. So unbedeutend diese Worte klingen, jo muß ich sie doch wiedererzählen, ja ich möchte sie als Stadtmotto gleich aufs Tor schreiben lassen^ denii die Jungen piepsen wie die alten pfeifen; und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelehrten Georgia Augusta. Ich habe zu Fuß und meistens allein den ganzen Harz durwan- bert. lieber schöne Berge, durch schöne Walder und Täler bin ich gekommen und habe wieder einmal freigeatmet, lieber Eisleben, Halle, Jena, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach und Kassel bin ich wieder zurückgereist, ebenfalls immer zu Fuß. Ich habe viel Herrliches und Liebes erlebt, und wenn nicht die Jurisprudenz gespenstig mit mir gewandert wäre, so hätte ich wohl die Welt sehr schön gefunden. Ich hätte dir noch vieles von der Harzreise zu erzählen; ober ich ■ habe schon angefangen, sie niederzuschreiben. Es sollen auch Berse darin vorkommen, die dir gefallen, schöne, edle Gefühle und dergleichen Gemütskehricht. Was soll man tun? — Wahrhaftig, die Position gegen das abgedroschene Gebräuchliche ist ein undankbares Geschäft! — Ich war in Weimar, es gibt dort auch guten Gänsebraten. Große Touren, immer zu Fuß und bloß mit einem schlechten braunen abgeschabten lleberrorf. Das Bier in Weimar ist wirklich gut, mündlich mehr darüber. Die „Harzreise" ist unb bleibt Fragment und die bunten Fäden, die so hübsch hineingesponnen sind, um sich im ganzen harmonisch zu verschlingen, werden plötzlich, wie von ber Schere der unerbittlichen Parze abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in künftigen Liedern, unb, was jetzt klüglich verschwiegen ist, wird dann vollauf gesagt. Mögen die einzelnen Werke immerhin Fragmente blieben, wenn sie nur in ihrer Bereinigung ein Ganzes bilden." Unb fünfzig Jahre vorher unternahm Herzog Carl August von Eisenach aus eine Wildjchweinhatz im Harz, zugleich sollten bie Harzer Bergwerke besichtigt werden. Gochhe begleitete den Freund, bedingte sich aber eigene Wegegerechtigkeit aus und ging an, am 10. Dezember den später nach ihm benannten Goetheweg auf den Brocken. Er schrieb an Fran von Stein: „Den 10. früh nach dem Torfhaus. Viertel nach zehn auf den Brocken, ein viertel nach eins droben, heiterer herrlicher Tag, rings bje ganze Welt in Wolken unb Nebel, oben alles heiter. Was ist der Mensch, baß du fein gedenkest. Um vier wieder zurück. Bei dem Förster auf dem Torfhause in Herberge." Unb vom 12.: „Früh halb sieben im Nebel aufgebrochen, übers' Dammhaus den Bruchberg, die Schlufft auf Andreasberg angekommen um 11 Uhr, meist zu Fuß. Starker Bufft auf den Höhen und Flächen, durchdringende Kälte. Und in diesen Tagen erlebte der Dichter die „Harzreise im Winter , die in jenen orphischen Hymnus an den Vater der Liebe gipfelt: „Mit der dämmernden Fackel Leuchtest bu ihm Durch die Furten bei Nacht, lieber grundlose Wege Auf öden Gefilden; Mit bem tausendfarbigen Morgen Lachst du ins Herz ihm. Mit dem beizenden Sturm Trägst du ihn hoch empor; Winterströme stürzen vom Felsen In seinen Psalmen Und Altar des lieblichsten Danks Wird ihm des gefürchteten Gipfels Schneebehangener Scheitel, Den mit (Beifterreißen Kränzten ahnende Völker." Gegensätze, Querschnitte, Beispiel, unb HeaxnbejffijLh W? ülwieh dych Harry Hejne 6ti St.- -Moser? Gemiitsreyricht sagte er. Herbert' Eulenberg hat viel Hübsches gesagt, wenn er ober be-' hauptet, daß Heines Humor rheinischer Humor sei, so spuckt er in den Rhein, der doch jo breit unb gutmütig an feinem Hänschen in Kaiserswerth vorbeifließt. Nsgula Kreuzfsind. Bon Albrecht Schaeffer (Schluß.) Regula war entschlossen, ben Tag burchzuwanbeni, und sie führte es aus. In seinem ersten Halb gelang es ihr um so leichter, als freundliche Grüße und Lachen aus Türen und Fenster im zweiten Dorf ihr anzeigten, daß sie für die Welt eine Fremde war und als solche her-lich empfangen; so ward der Aermsten zum Trost, was anders dem Reichsten sonst in der Fremde zur Schwermut gedeiht, und munterer strebte sie vorwärts. Arn Mittag hielt fie bei einem Tannenwald Rast unb teilte ihre Speise mit einem Hütejungen, der ein paar magere Kühe bewachte unb so arm war, daß er nie eine Sveckseite gesehn hatte wie Regiila ihre. Für bas, was sie ihm m>t- teitte, freudvoll zum erstenmal in gleicher Gesellschaft speisend, zeigte Lk ihr Heidelbeerscbläge im Wald, woran sie sich schwer satt aß, im Knien Händevoll blauer Beeren in den offenen Mund hmem- schüttend. Alsdann schlief sie ganz selig im Schatten ein am Waldrand neben dem Knaben, vorn ©cläut ber Rinder eine S recke Wegs j in bie Stille geleitet; und als sie erwachte, lag ber Knabe schlafend an ihrer Brust, offenen Mundes atmend, als möchte er fangen, I worüber sie lachte, denn er war älter als sie. Behutsam entfernte sie sich von ihm, stund auf und fand mit Bündel und Stab ihre Straße wieder. Am Spätnachmittag wurde sie müde. Sie hatte in harten Schuhen die Füße wund gelaufen, schritt lange schon barfuß aus, Schuhe und Bündel und Kappe am Stab über dem Rücken, glühenden Angesichts und zerwehten Haars. Die Gegend war öde geworden, Heide und Moor, selten waren die Dörfer, die Sonne brannte, der Geschmack der Beeren klebte und war bitter in ihrem Mund. Ein blaues Gebirg, auf das sie zuschritt, verharrte in aussichtsloser Unwandelbarkeit. Da sie wieder zu einem Weiler gelangte, dachte sie schon um Obdach zu bitten, gemahnte sich aber ihres Entschlusses, nicht halt zu machen als unter dem ersten Stern. Den sah sie aber über dem Zwielicht funkeln, ohne daß weit und breit eine Behausung sich wies; sie ging und ging, und die Füße bewußtlos bewegend, und als sie wieder aufsah, war es Nacht. Darum nicht mutlos geworden — denn es hatten sich unzählbare Sterne allerseits zu ihr genaht, funkelten mit Augen, und insbesondere war auch ein halber Mond über den Erdrand heraufgekommen und glühte honigfarbne Gemeinschaft —, nutzte sie ihre letzte Kraft, vorwärts pilgernd dem schon genäherten Ziele zu. Und da war es nun. Da glänzte der Lichtfunken unter den Sternen hervor, rötlicher als sie, aber fast sternenhaft hoch über der Ebene. Es dauerte noch, bis sie an den Fuß eines steilen Hügels gelangte, von dessen Höhe das Licht glimmte, übrigens verschwindend, als sie unterhalb anlangte. Hier waren Felswände, doch führten Wege und Treppen empor. Die bezwang sie mit neuer Munterkeit) oben war Wald, aber ein Pfad und wieder der Lichtschein. Regula trat auf einen freien Platz und sah vor sich eine kleine Kirche. Das war nun eine Enttäuschung, denn was da im Innern ihrer wartete, wußte Regula wohl. Immerhin war es möglich, daß der Gequälte am Holz hier nur klein war, so daß er nicht so erschreckte und sie ferne von ihm hinter einem Pfeiler in einer Bank schlafen ließ. Ferner bedachte sie, daß, wo eine Kirche stand, ein Dorf nicht weit sein konnte) aber m»i war sie von Müdigkeit wie gelähmt, vermochte nur wankend noch die wenigen Schritte zu tun, um die Tür zu erreichen, klinkte auf und trat ein. Das kleine Innere war dämmerhell von zwei Kerzen, die in hohen Leuchtern vor dem Altar am Boden standen und über nichts anderes schienen als einen offenen Sarg mit dem Verstorbenen drinnen. Das war nicht schön: da traf sie abends auf das, wovon sie morgens ausging. Aber viel weniger schön war der Gemarterte, der hinter dem Altartisch stand, als hätte er die Füße darauf, größer sonst als ein Mensch) und er war mit einer furchtbaren Kunst so zubereitet, daß er zu leben schien in dem Augenblick, wo er das lama asabtani schrie: so warf er das Haupt über den Balken zurück, so waren seine Lippen offen verzogen, so empörte das Sterben die Brust, so sprangen die Rippen, krallten sich die Hände und wanden die Füße sich um den Rage!. Aus der Haut aber, die wie gegerbt war von der Säure des Sterbens, traten tausend Blutstropfen hervor, und wie die Kerzen sich regten, so flatterten die Knie, und das Blutwasser aus der Speerwunde floß über. Regula hatte in ihrem Leben kein solches Schrecknis gesehen. Sie brannte vor Entsetzen, aber aus den Flammen reckte eine Lebenskraft sich im Nu zu einer Empörung auf, zu einem solchen Grimm und Sammer und Tatendrang, daß ihr Herz Christe! Christel schrie und: Ich kanns nicht ansehn. Herr, wie du leidest! Und nun wußte sie nicht, was geschah. Denn sie war am Altar und hatte sich hinaufgeschwungen und kniete bei seinen Knien und stand aufrecht und war groß genug, an die Nägel der Hände zu reichen, und sie zerrte am ersten, und der flog heraus, und sie trat zu dem andern hinüber, aber da mußte sie etwas sehn. Die Hand, wo sie eben den Nagel löste, die senkte sich mit dem Arm: steif und nur so biegsam wie das Glied eines eben Verstorbenen senkte sich Arm und Hand, bis sie hingen. Regula faßte sie an; sie waren kalt, aber anders als Holz, samtener, weicher als Holz. Da riß sie den zweiten Nagel heraus, unbegreifend mit welcher Kraft, und auch dieser Arm fiel, dsß er fast Regula schlug, und illdem neigte der ganze Leichnam sich vor, sank in sich in die Knie, und da Regula sich bückte, fing sie den Stürzenden mit Nacken und Schultern auf, trug ihn, als wöge er nichts, und zog aus den Füßen den Nagel. Dann ließ sie ihn behutsam nach unten gleiten, von dem Tisch auf die Stufen, und kletterte nach und saß auf dem Teppich und hielt auf den Knien das schwere wunde Haupt mit dem Dornenkranz. Sie saß, wie mit ihm vorzeit seine Mutter gesessen, und eine unerineßliche Lebenslast war gelöst, und so war sie auch durch die Wand der Tränen gebrochen) die stürzte zusammen in ihr und strömte ans Augen und Munde mit unersättlichem Schluchzen: Hosianna! Regula dachte nun ausgeweint, daß dieses Werk erst begonnen und an sein Ende zu bringen war. Legte also den himmlischen Leichnam sanft hin, trat zu dem Sarg und beschaute den Anlieger. Da fand sich nun Wunderbares: daß nämlich dieser Leichnam der des- selbigen Pfarrers war, der Regula damals beschworen hatte: der hier eine andere Pfarre bekommen und sie soeben wieder verlassen hatte. — Siehe nun, sprach zu ihm Regula, da sie ihn erkannte, so ist es dahin mit dir gekommen, du zorniger Mensch, daß du heraus mußt aus deinem letzten Bett. Geduldig mußt du es aushalten, denn ich weiß mir nicht anders Rat, und ich will nun endlich meinen Heiland begraben. — Spruchs und packte sogleich den gewaltigen Mann, der er war, obschon tot; und es gab einen Ruck, da hatte sie ihn schon heraus wie eine riesige Puppe gezogen und auf den Estrich gelegt. Da lag er todstille und rührte sich nicht; Regula aber in ihrer Kraft trug den ärmsten Heiland herbei, bettete ihn auf das Linnen, und Schriftleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der da sie die Hände hinlegen wollte, so erwies es sich, daß die grausam gesperrten mit den wulstigen Rändern der Wundmale weich genug waren, um die Finger ineinander zu schließen. Alles schlief, und Regula griff nach dem Sargdeckel, hob ihn hoch und legte ihn über; und alsbald, weil sie einen Kasten dastehen sah mit Handwerkszeug und hinlänglich großen Nägeln, schallten die Schläge ihres Hammers in die Stille der Kerzen hinein, daß die frommen Wölbungen dröhnten. Da war der Sarg verschlossen. Wo aber ein Sarg und ein Toter ist, wußte die Regula, war ein Grab auch fertig ober doch halb. Eh sie noch wußte wie, nahm sie den Sarg: einen Arm untergeschoben, einen darüber gestreckt, schwang sie ihn sich auf den Rücken, rückst ihn zurecht auf der Achsel und schritt sehr klein dahinter, aber aufrecht und festen Ganges in das Freie hinaus. Ja, der Friedhof war draußen, die Kreuze standen im Mond, Regula schritt über die Grabhügel hinweg, als wären sie Maulwurfshügel, und da war auch das frische Loch, freilich die Tiefe erst halb gewonnen, aber in der aufgeworfenen Erde stak der Spaten. Regula setzte die Bürde nieder, griff zum Spaten und schaufelte sich rüstig zur Erde hinunter. Der Spaten klang hell in der Nacht, die Erde scholl dumpf, wenn sie fiel, und rauschte und rieselte an den Wänden; der Schatten des Sarges lag über dem Grab, hoch oben stand der silberne Mond und blickte hinunter, sah aber nichts als den Grabscheitstahl, der blitzte, wenn er nach oben flog und sich drehte, um die Erde zu stürzen; Regula unten im Grab, wo sie fleißig war, sah er nicht. Jedoch ein anderes Geschöpf hatte nicht alles, doch das meiste, was Regula vollbrachte, mit angesehu. Das war der Leichenwächter, ein Bauernbursch, der sich in einen Beichtstuhl gesetzt hatte, um sich da in Kissen dem guten Schlaf zu ergeben; Regula sah ihn nicht, denn er schlief hinter Vorhängen. Er erwachte auch erst bei der Rede, welche die Regul über den Pfarrers-Leichnam häufte, sah Christi Leib auf den Fliesen, und rührte sich nicht vor abgründiger Furcht, dieweil er den Toten in Regulas Armen aus dem Sarg fahren sah und weiter alle Unholdskraft in dem Kinde, das den Gekreuzigten herkrug und legte, und das die Nägel in den Schrein hämmerte so taut und so rasch, wie der Wagner um den Wagen geht, überall die Nägel hineintreibend ins weiche Holz, doch dieses war Eiche. Da sie aber gar den Sarg auf sich lud, der noch einmal so lang war wie sie, und ihn davontrug und nicht den Arm in die Hüfte stemmte, um es sich leichter zu machen, so ward er fast ohnmächtig bei so viel Zauber und Höllenspuk, und er wagte sich erst auf den Kirchhof, als die Regul schon fertig war, aus der Tiefe heraufstieg und ihr Antlitz zum Himmel kehrte, auf den Spaten gestützt, um tief bis in die Sterne hinein Atem zu schöpfen. Und nachdem schwor jener Bursch, sie sei in jenem Augenblick riesig gewesen, bis zum Zenit empor, und auf ihrem Atem wäre die Milchstraße zum Munde hinein und wieder hinaus gerauscht. Danach bückte sie sich zu dem Sarg, schob ihn zur Grube, kniete und griff ihn beiderhändig und ließ ihn hinab, bis sie mit halbem Leib über dem Rand lag und es doch unerfindlich war, wie sie, mit Haupt, Schultern und Armen in die Tiefe hängend, hinabreichte. Wieder aber aufrecht bereits, handhabte sie den Spaten mir Schnelle, die Erde rauschte, schollerie und strömte auf das Holz; bald ward das Geräusch stiller und ganz stille, das Grabscheit klang leise, ebnend den obersten Sand. Da entlief der Bursche ins Dors, um alles zu wecken. Die Regul, miteins so erschöpft, als hätte sie bas, was sie ohne Anstrengung vollbrachte, das Ueberinenschliche alles mit den eignen schwachen Kräften geleistet — Regula halte nicht Zeit, noch ein Ave zu sprechen, da sie schon lag, wo sie stand, auf dem Grab, und einschlief in diesen Traum. Sie mutzte an einer Felswand empor, die ähnlich der wirklichen war, die sie vor einer Stunde erstieg, jedoch unabsehbar hoch, lauter Treppen im Zickzack, die über ihr in der Finsternis schwanden; und sie hatte dabei eine ungeheure Bürde zu schleppen, die so sehr drückte, wie der Sarg, wenn sie ihn gespürt hätte, sie bedrückt haben würde, Regula keuchte in Sterbensnot, kroch eher, als daß sie klomm, und eben, ä(6 sie zu brechen meinte, war es hell um sie her, und kniend sah sie einen schönen nackten Mann mit tiiiefn bb?uH» Schurz vor sich stehen, von dem die Helligkeit ausging und bald so stark, daß sie von seinem Antlitz nur einen Schatten sah wie von Rosen mrd Gold in der Helle. Dann hörte sie seine Stimme sehr linde sprechen: Regul, was schleppst du? — Ach, sagte sie, es sind die Drangsale; ich kann sie im Leben nicht loswerden. — Regula, sagte die Stimme, du hast mir davongeholfen, da muß ich dir auch wieder helfen. — Ach, sagte bas Kinb, sterbensschwach unb geblendet hinaufblickend, bist du es, mein Herr? Ich habe dich ja begraben, bist du doch wieder anf- erfianben? — Das bin ich, sagte er fröhlich, nun laß dir auch helfen. Regula seufzte tief, fühlte indem aber die Last von sich weichen. Cs ward lauter Erleichterung, da sie aus dem Knien emporwuchs, als ob sie erblühte. Und sie stand vor dem Herrn, die Erleichterung hörte nicht auf mit Blühen und Blühen, während sie ihre Stirne an jene Brust legte und sich in lauter Blüte verlor. Was aber unten die Menschen sagten, nämlich jene Bauern, da sie morgens tarnen — sie trauten sich nicht eher — und Regula sanden, tannaß auf dem Grab und schlafend nnerwecklich, bleich, aber die selige Genüge auf den Wangen, in ihrem grünen Kleid; und als sie das Grab wieder auswarfen, den Sarg emporholten und auf« sprengten mit vieler Mühe — die Nägel Regulas hielten zäh — und darinnen den Heiland fanden, hart aus Holz, aber mit gefalteten Händen; was sie zu alledem sagten und nachmals taten: das weiß ich nicht; und liegt wem daran, es zu wissen? Brubl'schen Llniv.-B^ch- und Steindruckerei. V. Lange, Gieße«.