Nummer 33 Samstag, Sen 2$. Ayril Jahrgang 1926 Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Frühling. Don Johannes Schlaf. Graufrühlingsliebe ( hüllt mich ein, Llmrieselt mich fein. Sonntagsglocksn, Amseln, Stare, Flicken schallen darein, In den Gärten der erste grüne Schein. Junge Mädchen und Kinder, dottergelbe Primelsträuße in den Unter Regenschirmen zwar, aber, scheint's, allerendsn. schänden, Wie die Amseln, die Schwarzamseln, schallen! So metallen, Als ob sie von auseinanderweichenden Silberwänden widerhallen. Ja, es wird Licht! Gin leiser Schimmer bricht Durchs trübe Brauen. Leise Silberlichter sind schon auf den nassen Pflasiersteinen zu Bald, bald wird es blauen. sschauen. Begegnungen. Don Hans Thyrtvt. Neulich ging ich durch die Stadt. Alles war wie sonst, wie je&en Lag: die Straße, die Häuser, die Menschen und die Gesichter. Die Sonne fiel schräg über den Platz in ein Rudel lärmen* der, spielender Kinder hinein. Als ich auf die Gruppe zuschritt, an der mein Weg vorbeiführte, hatte sich ein kleines Mädchen (von fünf Jähren vielleicht) ein wenig losgelöst und abgesondert von den Kameraden. Stand mir gegenüber und schaute mich an, so, daß ich es auch ansehen mußte und ein bißchen langsamer ging. Die Kleine tat ein paar zaghafte Schritte auf mich zu — ich blieb säst stehen, dachte, sie würde vielleicht fragen, wie spät es sei; @3 geschah aber nichts dergleichen — sondern, indem ein schelmisches, sehr verschmitztes Lächeln,das Gesichtchen umzog, machte sie einen artigen, winzigen Knix, sagte „Guten Sag!“, drehte sich ton und lief zu den anderen zurück. Ich mußte auch lächeln, sagte auch „Guten Sag!“ und ging weiter... Das war alles. Es war wohl ebenso alltäglich, wie das Andere. Sine belanglose Kleinigkeit, ein Richts. Aber das runde Gesicht, das Kinderlächeln, das sonnenbeschienene Wirchaar und das zaghafte StimmHsn Haben mich noch eine gute Weile begleitet. Abends ging ich ins Theater. Aber nicht, wie die anderen Leute, ein Spiel zu sehen, Musik zu hören, festlich gekleidet und erwartungsvoll, vorn durchs breite Portal zum Parkett, sondern, wie ich ging und stand, nur um irgendetwas zu besorgen, und kam durch einen besonderen, schmalen, seitlichen Eingang herein. Es war auch reiner Zufall, daß es gerade abends war, um die Zeit, als eine Vorstellung gegeben wurde. Und ebenso zufällig konnte ich feinen anderen "Weg nehmen, als über die Büyne, mußte Unter den Kulissen herum gehen, um zum Ziel zu gelangen. Schon vor der letzten Tür schwoll mir die Musik entgegen dieseloe Musik, die das ganze Hans erfüllte, und es war sicherlich Ein- bildimg, wenn es mir vorkam, sie klinge, von hier aus, anberg als vor dem Vorhang. Kaum daß ich aber auf der Buhne stand, da kam mir, wahrhaftig, der Teufel entgegen: Mephisto, im wallenden, schwarzen Mantel, in höllischer Maske, schockt stumm cm mit Votü&et, vorüber cm blauEittellgsit ^IcbeitcriT, am oiv Wenkn im unscheinbaren Zivil, an einer vorbechmchenden, weiblichen Gestalt im altdeutschen Gewände, vorüber an den unsäglich "nüchternen Rückwänden der Kulissen, sein Stichwort erwartend, in die Szene hinein... Rur ein paar Sekunden hatte das gebauert. Ich starrte ihm nach — von vorn drang eine süße, helle, Perlende Frauenstimine herüber — schaute in die wunderliche Mrandellowelt zwischen Schein und Sein, zwischen Spiel und Wirk'ichkeit, zwischen heul und einst, gebannt von der Seltsamkeit des Augenblicks, und ging meines Weges, inW nitr die grünen Zweige eines Frühlingsbaumes übers Haar strichen, der £>a zwischen staubigem Schatten und grellem G l ah birnenlicht aus seine Viertelstunde wartete und auf die Liebssszerre, die sich unter ihm begeben würde — ein trüber Gast und Bruder vom traurigen Tannenbaum in Andersens Märchen. Später, als ich fortging - man hatte nur eine and^e Se.en- tür gewiesen, so daß ich nicht (was ich Seni ge^n hätte) über die Buhne zurück mußte - fiel mir der Mephisto wieder em. Und ich mußte denken, wie so ganz anders die Menschen vergangener Zeiten dem Spiel auf der Bühne gegenüber gestanden (oder gesessen) haben, als wir Heutigen. Zwar die unerhörte, kulttsche Feier und Massenerschiitterung antiken Theaters (das ein Lebensteil, Bedürfnis und strenge Notwendigkeit war) ist unwiederbringlich mit einer blühenden Kultur ins Grab gesunken. Selbst aber auch die Wirkungen, die vom primitiven Spiel des Mittelalters auf den primitiven gotischen Menschen ausstrahllen — wo sind die geblieben? Wo ist das Gefühl: dies, was sich dort begibt — Passion, Totentanz, Weltgericht — ist jedermanns Sachs, geht jeden an, ist eine bittere, harte, ans Herz greifende Wirklichkeit (nur in die bunten Masken gleichnishaften Spiels gebannt). Was da über die ungehobelten Bretter schreitet, auf dem Markt umgeht, durch die Straßen zieht, in der Kirche sich begibt, ist Symbol und Abbild, ist Mahnung, Hoffnung, Glück und Trau« jedes, der ihm begegnet, davor steht, schaut und hört. Was uns geblieben ist, wenn wir vor dem Vorhang sitzen, ist Schaufreud« (um das Allgemeinste zu nennen). Das tiefste Erlebnis, das innere Geschütteltsein, die persönlichste, gleichsam mitspielende Aitteil- nahme, — das ist geschwunden. Und wenn der Höllenfürst an uns vorüberschreitet: es ist nicht mehr das Gleiche, wie wenn, vor Zeiten, der Teufel mit allen Engeln um die arme Seele kämpfte, oder wenn der Tod seinen Reigen anhvb und jedermann (ungeachtet seines Reichtums oder seiner Macht) an der Hand nahm und mit ihm abtanzte, mit König und Ritter, Weib und Kind, Landsknecht und Bauer, Bettler und Kaufherrn. An so vielen kommt man vorüber Sag um Sag, und so selten löst sich die magische Spannung, die (meist in Gewohnheit nicht mehr empfunden) zum Erlebnis führen könnte. Diele Gesichter gleiten auf der Lebensstraße vorüber — so fettest ist eines, das verwandte Augen trägt, dessen Stimme man hören, dessen Geheimnis man b-euten, dessen Lehens^veis man auffcJIU&ßre möchte. Es ist etwas Feines und Besonders um das Aufeinand-er- zugehen, das Näherkommen, das Vorübergleiten und Eickschwin- den zweier Menschen. Man empfindet es nur nicht mehr. Wir sind stumpf geworden, und der Funke will nicht mehr überspringen. (Es gibt Bilder, die das Motiv überraschend gestaltet, ja visionär in jenseitige Zonen entrückt haben.) Schon jene Begegnung«, sind von besonderer Art, die zur Gemeinschaft Uhren: Gemeinschaft eines wesenvollen Gespräches (über verbindliche Form aU- tägliches Allerlei und geschäftliche Zwecke hinaus), Gemeinschaft des Empfindens. Fühlens, Volk- und Menschenbewußtsems, oder gar zur Weggemeinschast, Wanderkameradschaft, Lebensverbun- denheit, die zwei oder drei gesunden haben. Noch spärlicher gesät sind die stummen Begegnungen, die gleichwohl irgendwie im Innern haften bleiben, mit einer Geparde, einer Bewegung, einem Blick, einer schwachen, unausgesprochenen und dennoch zwingenden Welle verbindenden Gefühls Wenige nur sind mir unvergessen aus dem Kriege , wo so vieles stumpf und hart und unfein wurde, und wo man doch zuweilen schärfere und tiefer dringende Augen und Sinne gehadt laben muß Ist es erlaubt, mit ein Paar Worten daran zu rühren, wovon die meisten nichts mehr hören mögen?... An einem wollenverhängten, grauen, kühlen Morgen marschierten wir, stumm und verbissen, auf grundloser Landstraße „nach vorn. Wer draußen war, weiß um das Gewicht dieser beiden unscheinbaren Wörtlein.) älns kam entgegen in langem Trotzzuge eins schwere Batterie. Die war abgetoft Die dürren, verhungerten Pferde, Schritt um Schritt, schienen im Traum z» gehen. Im Sattel und auf den Fahrzeugen hockten Ue Leute mit hängend«. Köpfen, manche schlafend, manche mühsam waa>end, alle teW* arau, dreckbespritzt, abgerissen, hager und mager, stumm tote wir, und so müde, so unendlich müde. " Das ist bte eine fBe- gegnung, die ich nicht vergessen kamt... An einem franko.0$«« Waldrands sah ich ihn zum erstenmal, &en Daprrnosiizier von ber Nachbartruppe. Wir kamen ein paarmal aneinander vorvei, ohne ein Wort zu wechseln. Als ich nach zwei Tagen (derweil ote Franzosen aus dem Waldrande mit schwer«, Granate» em Trichterfeld gemacht hatten) auf einen großen D«bmLsPlatz lo»- ging, kam er mir wieder entgegen. Im Dorub«gchens<^te«r. „Hafs dich auch «wischt, Kerlchens Damt sah Aber fein gütiges Gesicht feäje ich, und &te.sidrf Worte WÄS ich, nach acht Jahren, heute noch, als Wenn s gegen, sewes« wäre Jm elenden Änterstandsloch unserer Signalstatwn, nachtS 130 zwischen zwei und drei, ist mir eine Maus begegnet. Plötzlich war sie da, winzig, grau, blankäugig, hockte auf dem Querbalken vor einem Loch in der Erdwand un> holte sich das Krümchen, das ich aus meinem dreimal eingekerbten Brotlaib für sie heraus- brach. Hinter mir schliefen zwei Kameraden: träumten vielleicht von Deutschland, dem Lande der Verheißung, weit, weit hinten. Wenn ich an den Augenblick denke, wo mein Mick zuerst aus das Tierchen fiel, und an die sechs bösen, bösen Wochen, in denen es getreulich, Tag und Nacht auf der schmalen Grenze zwischen Tod und Leben, bei uns geblieben ist in unserer Einsamkeit, dann spüre ich Jo etwas wie Nahrung und späte Dankbarkeit. — Das ist die dritte Begegnung aus diesen Jahren, die ich nicht vergessen habe. Cleopatra. Don Friedrich v. Oppeln-Bro nikowski. Sie war nicht die einzige, die auf dem Pharaonenthron als Herrscherin gesessen hat, denn sie hatte eine Vorgängerin in der regierenden Pharaonin Hatschepsut, auf die id» bereits in dem Familienblatt vom 13. April 1926 hinwies. Aber während Hatschepsut nur Aeghptologen und Nilfahrern bekannt ist, blieb Kleopatra von jeher weltberühmt. Als Geliebte des Julius Eäsar und des Mark Anton, der größten Kriegs- und Staatsmänner ihrer Zeit, ist sie von Plutarch geschildert, von Shakespeare und Shaw auf die Bühne gebracht worden, eine dämonische Gestalt, verbrecherisch und liebreizend, schlangenhaft bestrickend und falsch, das Kind einer raffinierten Äeberkultur und eines aus den Fugen gegangenen Weltalters, in dem sie sich von Jugend auf behaupten mußte. Erst sechzehnjährig, bestieg sie unter der Vormundschaft des Pompejus mir ihrem zehnjährigen Bracher und Gatten Ptolemäos den Thron. Die Geschwisterehe, in andern Ländern verpönt, war in Aegypten von alters her vorgekommen: auch die obengenannte Hatschepsut war mit einem Stiefbruder vermählt worden: unter den Ptolemäern vollends war dieser seltsame Brauch saft zur Regel geworden und hat zweifellos zur Aeberfeinerung und Degeneration des Herrschergeschlechts beigetragen. Regieren konnten diese Kinder natürlich noch nicht, und so lag die Staatsgewalt zunächst in den Händen ihres Ministers, des Eunuchen Potheinos, der bereits nach Jahresfrist Kleopatras Vertreibung bewirkte, um desto unumschränkter zu herrschen. Das alles gemahnt stark an orientalische Haremswirtschast. Als Pompejus, von Eäsar bei Pharsalos besiegt, Zuflucht in Aegypten suchte, ließ Potheinos ihn ermorden, um sich bei dem Sieger beliebt zu machen. Als dann aber Cäsar in der Residenz Alexandria erschien und seinen Abscheu über diesen Mord seines Schwiegersohns bekundete, stachelte Potheinos den König und das Boll gegen die Römerherrschaft aus. Bei der Schlacht im Nildelta ertrank Ptolemäos; der Ausruhr wurde niedergeschlagen und Potheinos hingerichtet. Jetzt kam Kleopatra wieder ans Ruder. Cäsar hatte sich ihrer sogleich angenommen. Sie hatte sich in einen Brttsack verkrochen, aus dem aber ihr Kopf hervorsah, da der Sack zu klein war. In diesem Zustand wurde sie zu Cäsar gebracht, der damals im „gefährlichen Alter" von 52 Jahren stand. Er erlag der Koketterie der erblühenden Jungfrau vollständig, setzte sie wieder auf den Thron und gab ihr zum Mitregenten ihren elfjährigen Bruder Ptole- mävs XVI., den sie aber, durch die Erfahrung mit ihrem älteren Bruder gewitzigt, im nächsten Jahre umbringen lieh. Auch das mutet wie ein Stück aus der Geschichte des Serails an. Einstweilen vergaß der. große Feldherr und Staatsmann in Kleopatras Armen bei rauschenden Festen uiÄ> auf märchenhaften Nilfahrten Dergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aas dieser „Personalunion" aber, die Aegypten noch einmal die Selbständigketi rettete, entsproß ein Kind, Ptolemäos XVII., auch Cäsarivn genannt, das zum Mitregenten und Thronfolger bestimmt ward. Cäsar hatte sich inzwischen wieder in den Strudel des Kriegs gestürzt, der ihn durch drei Erdteile führte, und die Welt neu geordnet, um sich zu ihrem Gebieter zu machen. Aus seine Einladung kam Kleopatra nach Rom und entfaltete dort den ganzen orientalischen Königsprunk, während ihr Geliebter den ägyptischen Königsstil zu kopieren begann und sich göttliche Ehren erweisen ließ. Sein Gebaren forderte die republikanische Adels Partei heraus, und so siel er im Senat unter den Dolchen der Verschwörer. Sein Tod war Kleopatras zweiter Sturz: sie kehrte nach Aegypten zurück und harrte bang der Zukunst, während ihre Truppen sich in dem nun ausbrechenden Kampf um Cäsars Erbe gegen ihren Willen auf die Seite der Senatspartei stellten. Bei Philippi, wo der römische Freistaat endgültig unterging, erlagen auch sie den Rächern und Erben Cäsars, die sich nun nach Dia-- dochenart in die Welt teilten. Markus Antonius behielt sich den reichen Osten vor, währeird Cäsars Großneffe Oktavian Italien und den Westen, der Feldherr Lepidus Afrika erhielt, das ihm aber Oktavian bald entwand. Sv klaffte die Welt in eine griechischhellenistische, das alte Reich Alexanders, und in eine römische Hälfte auseinander. Aegypten fiel in die Machtsphäre des Ostreichs, und Markus Antonius beschied dessen Herrscherin nach Tarsos in Kleinasi«r, um sich wegen des Parteiwechfels ihrer Truppen im Kriege zu verantworten. Sie wußte, mit wem sie es zu tun hatte. Im Vollgefühl ihrer Schönheit und ihres Geistes unternahm sie die schicksalsvollie Fahrt auf einer vergoldeten Prunkgaleere mit silbernen Rudern und purpurnem Segel, sie selbst als Göttin Venus gekleidet, von Neverden und Flügelknaben umgeben. Was uns heute als Theateveffeft und Murnineiv- schanz erscheint, war damals der Ausdruck eines älebermenschen- tums, das sich göttergleich wähnte. Auch Antonius trat damals, das Haupt mit Weinreben bekränzt, als Gott Dionysos auf, was jedenfalls gut zu seiner großen Zechlust paßte. So sanden sich denn beide sehr bald, und nachdem Kleopatra die Wacht ihrer Reize zum zweiten Male an einem Wann des Schicksals erprobt hatte, kehrte sie als Siegerin heim. Antonius folgte ihr bald und spielte Cäsars Rolle weiter, aber da er leidenschaftlich und schwelgerisch war, verstrickte er sich tiefer als Cäsar in ihre Netze. Diese ägyptisch-griechische Mischkur, die den Zauber des Märchens mit rassi» nierter Lebenskunst paarte, und die in Kleopatra ihre feinste, berauschendste Dllite fand, mußte auf eine ungezügelte Natur wie Antonius verwirrend uti6 entnervend wirken. Was war dagegen das rauhe, selbst in seinen Genüssen grobe und maßlose Römertum! In Alexandria vertauschte Antonius die Toga mit der griechischen Hoftracht, vertat seine Mannheit in Festen und Spielen, Gelagen und Jagden unter einem heißen, verweichlichenden Klima. Seine römischen Soldatenspäße und Lagersitten konnte er sich freilich auch jetzt noch ntcht äbgewöhnen, obwohl er sich als Gott OsiriS verherrlichen ließ. , Wie eine drohende Wetterwolke stand inzwischen der Gegensatz zu Rom cm Himmel. Aber man vertrug sich einstweilen, und Antonius ging eine politische Heirat mit Oktavians Schwester, der edeln Oktavia, ein. Das hinderte ihn freilich nicht, als er Aegyptens Hilfe für den Partherkrieg brauchte, eine zweite Ehe mit Kleopatra zu schließen, die diese seit langem begehrte. In Rom war sie freilich ungültig und erregte dort neuen Groll. And der Partherkrieg endete mit einem schlimmen Fiasko, das diesen Groll noch vermehrte. So drohte von neuem ein Weltbrand, aber das neue Königspaar lebte schwelgerisch in den Tag hinein. Denn durch seine Ehe mit Kleopatra war Antonius zum tatsächlichen Herrscher Aegyptens geworden, und sie wurde durch ihn umgekehrt zur Herrin des ganzen Ostens, zur Königin der Könige, wie sie ich selbst nannte. Das Weltreich Alexanders lebte in dieser Personalunion wieder aus; Kleopatras Söhne von Antonius erhielten Armenien und Medien, Phönizien und Syrien als Satrapien, und in Alexandria lebte noch immer Cäsarlon, ihr Sohn von Cäsar, als Mitregent und Thronfolger. Als man in Rom erfuhr, wie Antonius über römische Provinzen verfügte, erreichte der Gegensatz seine äußerste Schärfe. Es kam hinzu, daß man sich in Rom damals, nach Oktavians Vorbild, wieder auf altrömische Sitte und Einfachheit zurückbesann, die in den Wirren der Bürgerkriege verwildert waren. Der asiatische Prunk, die Aeppigkeit des alexandrinischen Hofes erregten von neuem Anstoß; zudem lebte in Rom selbst die ver« lassene Oktavia als lebendiger Vorwurf gegen den Treulosen. Tolle Geschichten erfand man, um Kleopatras verschwenderischen Luxus zu geißeln; sprichwörtlich geblieben ist die von der kostbaren Perle, die sie in Wein aufgelöst haben soll, obwohl die Sache naturwisfenschastlich unmöglich ist. Aber hinter solchen Klatschmärchen stand der bittere Ernst machtpolitischer und wirtschaftlicher Fragen; Rom brauchte den Orient, nicht umgekehrt. Antonius wurde schließlich zum Feind des römischen Dolles erklärt, und Oktavian erklärte Kleopatra den Krieg. Der Kampf um die Weltherrschaft zwischen Orient und Okzident, auf den Kleopatra selbst hingedrängt hatte, wurde durch die Seeschlacht bei Aktium entschieden. Mitten im Kampf verließ sie der Mut; sie entfloh feig und treulos mit 60 Schiffen, und Antonius war schwach genug, ihr zu folgen und die Flotte im Stich zu lassen, statt nach Römerari mit ihr unterzugehen. Als schmählich geschlagener Mann kehrte er mit ihr nach Alexandria zurück und suchte sich mit ihr im Festestaumel zu betäuben, den Tod durch schaurige Zeremonien zu versüßen. Da erschien der Sieger vor Alexandria, und nochmals verriet Kleopatra den Geliebten. Ihre Schiffe, ihre Truppen gingen auf ihr Geheiß zu Oktavian über; wahrscheinlich hvsfte sie sich dadurch zu retten; und sie selbst verkroch sich wiederum — diesmal in das Mausoleum, das sie für sich und Antonius erbaut hatte. Als er hörte, daß sie dort Selbstmord begangen habe, stieß er sich das Schwert in den Leib. Dann erfuhr er, daß sie noch lebe, verlangte zu ihr gebracht zu werden, wurde sterbend mit Seilen durch ein Fenster hineingezogen, da die Tür mcht aufging, und verröchelte sein Leben in den Armen der Sirene. Im Sterben riet er ihr, mit Oktavian Frieden zu schließen und ihn nicht zu beweinen... Aber Oktavian war unempfindlich gegen ihre welkenden Reize; nach grausamem römischen Siegerbrauch wollte er sie im Triumph durch die Straßen Roms schleppen. Dieser Schmach entzog sie sich durch Selbstmord. Obwohl streng bewacht, wußte Si sich Gift zu verschaffen, wie es heißt, in Gestalt von Nattern, e ihr tödliche Bisse versetzten. Mau fand sie tot auf ihrem Prunkbett, in königlicher Pracht und Schönheit. In einem Brief an Oktavian bat sie, neben Antonius bestattet zu werben, und diese letzte Ditte wurde ihr erfüllt. Aber Oktavian ließ ihr Bild mit einer Schlange im Triumphzug aufführen, desgleichen ihre Kinder von Antonius; den Cäfarion aber ließ er als den gefährlichsten Prätendenten hinrichten. Sv endete Kleopatra und mit ihr das Ptolemäerreich; Aegypten wurde zur römischen Provinz; der Hellenismus war endgültig niedergeworfen, Rom die unumstrittene Weltherrscherin. Man war sich der Bedeutung dieser Weltwende wohlbewußt: — 131 — sie bedeutete zugleich das Ende der Bürgerkriege. Durch Seaats-- beschluh wurde später der Monat Sexttlis, in dem Atexandria gefallen war, zu Ehren des Oktavian, der jetzt Augustus hieß, mit seinem Namen benannt, und so ist es bis heute geblieben. Lind Horaz, der Hof dichter des Augustus, stimmt« nach der Schlacht bei Mtium sein bekanntes Sisgeslied an, das noch jetzt all« Latednschüler lernen: Ann laßt uns trinken, nun mit beschwingtem Fuß Den Reigen stampfen... Aber selbst dies Siegeslied auf KleopatvaS Lod ist nicht ohne Adel und unfreiwillige Bewunderung: Doch sie, die würdevoller zu sterben sinnt, Gebleicht nicht weibisch vor dem gezückten Schwert, Roch sucht sie mit beschwingten Segeln Fern in verborgnem Hafen Rettung. Rein, lächelnd auf die Trümmer der Königsburg Gelassen blickt sie, fetzt mit verweg'ner Hand Die grausen Schlangen an und läßt sich Tödliches Gift in die Adern strömen. So trotzt, zum Tod entschlossen, sie kühner nur Und gönnt es nicht der rohen Liburnerfchar, Entthront in stolzem Siegeszuge Sie, die Erlauchte, dahinzuführen. Der Liedchespfelfer von Angersbach. Eine Geschichte von Vogelsberger Finken und Menschen. Von Franz GrvS. (Schluß.) Auch in den Klingelbeutel, den der Kirchendiener, von Dank zu Bank gehend, heute seinen Freunden und stillen Feinden, diesen mit besonderer Erwartung, entgegenhielt, wanderte matt* cher Batzen und auch manches harte Guldenstück. Für die Armen im Dorfe und in der Stadt. Ein zufriedenes, stolzes Volk kam aus der Kirche zurück und suchte wieder seine Hofveiten auf. Der Schreinergeselle aber ging hinüber nach Lauterbach. Wieder stand er stundenlang am Burgtor. In seinem Kopfe gingen wirre Gedanken um, wie schon so osi zuvor. Er wollte heiraten, aber keine Bauernmagd freien. Er strebte in seinen Sinnen „nach Höherem". er es anfangen sollte, um solches aller Welt zu zeigen, ja um den Dauern seine Verachtung zu zeigen, ihnen zu zeigen, daß er ihre Töchter „verschmähe"? Solches überlegte der arme Tor. — An diesem Tage faßte sich Philipp ein Herz und ging ins Dürgermeisterhaus. Er nahm zum Vorwand, daß er nach dem Finken scheu wolle. Tags zuvor hatte er wieder eine Dompfaffenschar verkauft. Ein Händler, der sogar aus Westfalen gekommen war, um seinen Konkurrenten zuvor zu kommen, hatte ihm ein gut Stück Geld für sie gegeben. v Als er in die Stube trat, las der Bürgermeister in der Bibel, Die Frau schnitt am Tische Kuchen auf und Anna trug gerade die Tassen herein. Das Herz klopfte schon lange in ihrem Dusen, denn sie erwartete Philipp. Einmal mußte die Aussprache ja doch kommen. Philipp bot die Zeit. Der Bürgernreister hob den Kopf und fragte: „Ro, waS willste?" , Ich wollt'," sprach Philipp, „emol nach dein Vohl gucke, den ich der Anna geschenkt ho', und wollt auch emol noch i h r gucke. 3m Bürgermeister wallte es auf. Da stand der Mensch, der seiner einzigen Tochter den Kopf verdreht hatte, wie er wähnte, der Bursche ohne Vieh und Feld, der nichts besah als das altersschwache Haus, und der nur den Mund spitzen konnte und die Gimpel lehren, da stand er, der Bettler in seinen Augen, der seine Pläne und Hoffnungen zu schänden machen wollte! Roch hielt er an sich. t . Aber auf einmal, da er, wie er erwähnte, den Vogel, den Philipp, im Garne hatte, schoß ihm blitzschnell ein Gedanke durch den Kopf, da wollte er heute, heilte am heiligen Erntedankfesttage, das Linkraut, das in seinen Weizen geraten war, ausroüen. So hielt der Bürgermeister den Zeitpunkt für gekommen. „Ro. was wellste noch mehr?", kam es wie lauernd von seinen Lippen. . „ ,, ., - „Sonst wollt ich au' noch emol mtt auch (Euch) schwatz, Herr Bürgermeister, wegen der Zukunft..." . Da stockte Philipp der Atem. Der Alle warf dre Bibel beiseite! Mit gerötetem Kopf sprang der Bürgermeister auf und ihm entgegen! ~. „Was geht mich di' (deine) Zukunft o? 3ch weiß, was du Witt (willst)! Miner Anna hast du de Kopp verdreht. Die hot so'en Kerl wie dich noch net nötig. Blieb (bleib) in dun Stand unn söch dr' e' Frau, wo de ei' herkriegst. Dos könnt dr so gebah', doh de in mi Werk eninn heierst. Das Feuer felwer soll mich verzehrn, toaitn de's fertig breiig st, mich zom Dättelmann ze mache — du — du lappiger — „Liedchespfeifer' du! Mit einem Schrei war Anna an Philipps Sette gesprungen rund rief ihrem Vater zu: „Hör off, hör off, der Philipp is e ordentlicher Dorsch — du hast en nischt ze schelle — er Hot niemand nescht ze Leid gedoh (getan)." „Herr Bürgermeister, seid emol e Auwenblick stell", sprach Philipp ruhig. Hoch aufgerichtet stand auch er da. „Bas kann ich dafier, doß ich in eme geringe Stand geborn bin. Mein Vader is in eve Schlacht gefall«, off die en Jeder stolz is, mi' Modder hot sich in Euerer Schirn (Scheuer) ihr Krankheit geholt unn Auch (Euch) immer treu unn redlich gc* hohe. Llnn wo is einer, der mir ebbes nachsage will? 3ch ho' biss« morgen (diesen Morgen) in der Kirch gesasse so offrechdig unn Gott so dankbar wie atmet« Stet (Leute)." „Wie annere Stet? Geht des off mech, Witt (willst) dich villicht mit onser ehm vergliche (vergleichen)?" Die Bürgermeisterin schrie auf, denn ihr Mann griff, nach einem schweren Stuhl. Anna erfaßte Philipp mit ihren Händen an Arm und Schulter und zog ihn zurück. Der Bürgermeister warf den Stuhl in eine Ecke und riß sie mit Gewalt von ihrem Burschen los. „Von em e' weg bliebst (bleibst) de!... Du Lompekrott, oder du wist (bist) mie Dochter gewest... enus mit em." Da ging Philipp zur Türe, um Schlimm eres zu verhüten. Er hatte sich in der Gewalt. „Dem hob' ich's gewefe, dem hab' ich's gewese", triumphierte der Alte. „Roch lang net, noch lang net“, rief Anna, „unn ich geh he furt und verdeng mich fast hi (sonst wohin). 3ch hab' mer's scho' lang vorgenomme." Sie rief es, daß es durchs Haus gellte. Llnd draußen war sie —. Sie sprang zur Det und erzählte ihr, was vorgefallen War. Rach einer Weile stellte sich Philipp ein und tröstete sie; er habe Zeit, sagte er, sie solle nur auch aushalten. Daheim polterte der Großbauer noch lange. Man hörte fern Lärmen in der Nachbarschaft. So Wußte am selben Abend das ganz« Dorf, was vorge- fallen war. Vierter Teil. Es war Mitternacht längst vorüber. Der Schreinergeselle war wieder im Wirtshaus gehänselt worden. ., „3ch will fei’ Dauerstochter!“, murmelte er vor sich hin. Er wollte es den Dauern zeigen, daß er sie nicht nötig hab«, Weder des Bürgermeisters Tochter, noch eine andere! Aber wie sollte er es ihnen zeigen? Da schoß der Gedanke in seinen kranken Kopf, daß er den größten Bauern arm machen wolle, so arm, daß niemand seine Tochter begehre. „3ch steck' sei' Scheuer an!“ Der Gedanke, kaum gefaßt, wuchs sich aus zur Tat. Durch das Fenster seiner Schlafstube stieg der Kranke ins Freie. 3n die Tasche steckte er einen Feuerstein, Messer und Zunder. Hinter den Aandgärten des Dorfes schsich er her, wett er den Nachtwächter fürchtete, stieg über einen niederen Zaun und gelangte zwischen den Viehställen des Rachbarn zu 6er an das Wohnhaus des Bürgermeisters angebauten wohlgesullten Scheune, an die Scheune dessen, der ihn kaum kannte, den er aber für seinen Hauptfeind hielt. Ringsum lag alles in ttefster Ruhe. Rur der Ruf der Eulen tönte vom Kirchturm herüber. Kein Stent stand am Himmel. Der Geselle öffnete die kleine Scheunenpforte. 3n einer Ecke schlug er Feuer. Der Zunder glimmte —, das Stück Papier, das er daran hielt, setzte sich langsam in Brand, und schon züngelte die Lohe an einer Strohgarbe hoch empor. Heissa, das Ziel war erreicht. 3uerft in hastigen Sätzen, dann in wilder Flucht legte der Brondsttfler ungesehen den Weg zurück, den er gekommen WM. Der Nachtwächter stieß gerade in fein Horn, als er plötzlich den Himmel sich röten sah. Es konnte noch nicht das Morgenrot sein — «S war erst zur zweiten Morgenstunde —I „Feuerte — Feuerte —“ schrie er, daß ihm fast die Stimme versagte. — „ Feuerte — Feuerte — Feuerte und rannte zur Brandstätte. , . , . ~ .. Der erste, der den Schreckensruf vernahm und an feine Seite tarn, war Philipp. Er riß die unverfchlossene Haustür« auf und rief den Schreckensruf durchs Dürgermeisterhaus. Kaum beneidet kamen alle aus ihren Stuben — so stand er an Amras Seite. Auf der hellerleuchteten Orisstraße liefen kreischend barfüßige Weiber zusammen, di« Mannsleute eilten ans Spritzenhaus, Feuer — Feuer schrien alle und vom Kirchturm erschallten alsbald gellend di« Glocken. Wie gelähmt lehnte der Bürgermeister an der Hausture. Die Aufregung des vergangenen TageS hatte seine Willenskraft erfdwbft. Da rasselte die Feuerspritze heran-; di« Deichsel wurde von Philipp gelenkt. Er erblickte Philipp —. Der war der Brandstifter — der und kein anderer. Dieser furchtbare Gedanke stieg im Bürgermeister auf. „Das ist ein Racheakt", hieß es auch sonst überall „Wer war'S, wer war's?" - 132 — ©ie Menschen waren vollkommen machtlos gegen das Feuer; Schon sprang es auf des Nachbars Scheuer über. Ein Grauen ersaht« den Bürgermeister, als auch in der Feuersbrunst die Feaster- fcheiben des Raumes HLetten, in dem sich in dünnen Holzschränken Grundbücher, seine Kaufbriefe, seine Hhvöthekenurkanden. „Herrgott int Himmel", schrie er und sprang In die Amtsstube. Aach dem Amtsraum schlugen von der Scheuer her die Flammen Philipp wußte Bescheid. Die Spritze lenkte ihren Strahl auf die Amtsstube, in der jetzt mit letzter Kraft der Bürgermeister aus den Schränken ritz, was er nur fassen konnte. Das Feuer sengte ihm das Haupthaar. Seine Hände bluteten und hatten Brandblasen. Das Amt war des Bürgermeisters Stolz. So wollte er davon retten, was zu retten war. Aber mit den gellenden Worten: „Der Liedchespfeiser is es gewese, fei’ annerer," stürzte plötzlich der Alte vor Erschöpfung zusammen. Sie trugen den Ohnmächtigen ins nahe Pfarrhaus. „Der Liedchespfeiser is es gewese. fei’ annerer!" Die furchtbare Anklage flog von Mund zu Mund. Ser aber holte noch Stück um Stück aus der Amtsstube, bis es ihm erging wie seinem.Widersacher selbst. Jetzt kant in höchster Kile die Lauterbacher Spritze an. So sie ausgeblieben wäre, hätten die Flammen auch das Wohnhaus des Bürgermeisters verzehrt. Etliche Hühner waren in die Flammen geflogen, doch das Großvieh war noch rechtzeitig gerettet worden. Ein Lauterbacher Wagen'brachte auch den Kreisrat. Doch fand er schon nichts mehr zu tun. Im Pfarrhaus lag auf einem Ruhebett der Bürgermeister urrd heulte und schluchzte vor innerster Erregung wie ein Kind. Und am Morgen stellte sich das Gericht ein. „Auf den Liedchespfeiser. den Philipp", so gab der Bürgermeister stöhnend zu Protokoll, „habe er den einzigen Verdacht, weil er ihn Tags zuvor des Hauses verwiesen habe^ Rache sei fein Beweggrund gewesen. Denn er habe ihm seine Tochter verweigert. . Mit dem Aachtwächter sei er auch als erster an der Brandstätte erschienen." Aur zögernd kamen die Anschuldigungen von des Bürgermeisters Lippen. Die Brandwunden schmerzten ihn furchtbar. Noch erkannte Philipp nicht den furchtbaren Ernst seiner Lage, als er vor den Landgerichtsassessor trat, der ihn befragte, was er von der Entstehung des Feuers wisse, als die doch nur Brandstiftung in Frage komme. „Ja, das weih ich tret“, sagte Philipp. So wurde ihm denn der Verdacht, der gegen ihn vorlag, eröffnet, und er wurde gefragt, ob er diesen Verdacht entkräften Wime. Da riß Anna, die bebenden Herzens nebenan gelauscht hatte, die Türe auf und schrie: „Eh' es der Philipp war, eher wor ich's." Das Mädchen wurde hinausgebrachi. Trotz feinet Leugnens wurde Philipp als .Untersuchungs- gefange'ner nach Lauterbach aügeführt. Wer sollte denn sonst der Täter sein? Das ganze Dorf war auf den Beinen. Andere Aeugierige guckten dem Zug aus den aufgerissenen Fenstern nach. -Und er verging fast vor Schmerzen, die ihm seine Brandwunden verursachten. Man hielt A na zurück, als sie vpn ihm Abschied nehmen wollte. Sie trat vor den Richter und beschwor ihn, sie möge den Mann frei lassen. Hier half ihr Bitten nichts. Die Verdachtsgründe waren zu stark. Bei der Einnahme des Augenscheiirs entdeckte man im Garten Fußspuren; man sand auch ein Messer. Philipp hatte bestritten. Baß es ihm gehöre. Fünfter Lei l. In dem Schreinerhause fehlte der Geselle. Wo war er wieder? Am ersten Tage nach dem Brande gab niemand auf ihn Obacht. Zu sehr waren die Gemüter erregt. Er blieb auch am zweiten Lage verschwunden. Auf seinem Zimmer fand man auf dem Tisch einen Zettel, der die Worte trug: „Ich komm’ wieder". Man glaubte, er sei wieder nach Lauterbach gegangen. Dreimal hatte der Landrichter sich schon Philipp vorführen lassen. Schwer schmerzten ihn seine Wunden. Gr leugnete und wußte nichts anderes zu sagen, als daß er zu Hause in seinem Bette gelegen habe, wachend und ruhelos, als er den Nachtwächter habe Feuerio rufen hören. Deshalb sei er als erster zur Steife gewesen. Aus feinem anderen Grunde. üind dabei blieb er: „Dem Bürgermeister sei er nicht gram, der werde seinen Sinn schon ändern. Wenn er es aber nicht tue, so werde er selbst nicht in Angersbach bleiben. And Anita werde ihm folgen. Das fei schon lange eine ausgemachte Dache. Es sei ja unsinnig, zu glauben, daß er die, Scheuer des Bürgermeisters angefteckt habe, da er ja doch, tote jetzt ein jeder wisse, an Anna's Lieb und Treu glaube und immer geglaubt habe, diese aber doch ihrer Eltern einziges Kind fei." Da brachte man auf einmal den SchreinergeseLen ins Amts« haus. Kimen ganzen Tag war et umhergeirrt und als er dann den Weg in ein Lauterbacher Wirtshaus suchte, saß er zuerst mürrisch in der Ecke. Dann aber sagte er, mit prahlender Gebärde, daß er es dem reichen Dauern drüben im Nachbardorse gewiesen habe, daß er seine Tochter und sein Vermögen nicht notig habe — sie könnten alte drauf gehen — die reichen Bauern — ihre Töchter wolle er nicht... aber eine, die ihn liebe... di« auf der Burg! „Hei, wie das Feuer schön emporgeflackeri ist, das Durgfräulein heirat ich", rief er. Dann schlug er auf den Tisch, holte den Feuerstein und den Zunder aus der Tasche. „Wo ist mein Messer", rief er, und wollte den Amsitzenden zeigen, wie er’s angestellt habe. So brachte man den Narren vor Gericht. Er griff mit beiden Händen nach seinem. Messer, als man es ihm vorzeigte, ülnd sein Meister bestätigte, daß das an der Brandstelle aufgefundene äleberführungsstück dem Gesellen gehörte. Dm armen Narren nahm man in sicheren Gewahrsam. Schluß. Am Bette des bei der Rettung seiner Akten so schwer verletzten Bürgermeisters stand seine Tochter und pflegte ihm. Er hatte eine Nervenkrankheit bekommen. Der sonst so eisenfeste Mann wimmerte immerzu wie ein hilfloses Kind. Seine Kraft war gebrochen. Doch der Arzt machte Frau und Tochter Hoffnung, daß er in etlichen Wochen wieder genesen werde. Wie im Triumphzuge war Philipp mach Angersbach zurückgekehrt. Alle begrüßtem dem so unschuldig Verdächtigten, der selbst »och, unter schweren Schmerzen litt. Wiederum standen 6le Leute auf der Dorfgasse, wiederum hatten sie die Fenster aufgerissen. Geraden Wegs ging er ins Pfarrhaus, um den Bürgermeister aufzufuchen. Aber der Arzt hatte strenge Weisung gegeben, daß niemand zu ihm gelassen würbe. So sprach er Anna nur eine Weile auf dem Hatisflur. Fast war sie innerlich noch fester geworden als zuvor. „Philipp," sprach sie in Ruhe, „mim Bader weiß net, wos er gedoh (getan) hat, ach, was is er so hart bestrofft. Mir dürfem noch goar net die Woret (Wahrheit) sprech' — he (er) gleit (glaubt) jo immer noch du wärst's gewest. Wann er schläfst, komm' ich eniwwer zur Det." — — — — Eine Woche verging, bis der Kranke wieder foweit.hergestellt war, daß er Sie Geschehnisse erfahren durfte. Der Lauterbacher Doktor teilte sie ihm mit. ES geschah auf ein« Weise, daß sie dem Kranken nicht in erneute große Aufregung versetztem. Aber er zitterte doch, als er vernahm, was Philipp für ihn getan und durch ihn erlitten hatte. Bald darauf kam auch der Pfarrer an sein Bett. „Ob mir's der Herrgott im Himmel verzeihen wird?", fragte der Kranke. „Er wird es! Schaut Euch einmal den Philipp richtig an. Wo werdet Ihr wieder einen Menschen finden, der int wahrsten Sinne des Wortes für Euch durchs Feuer gegangen ist? Er hätt' sein Leben dabei lassen können und hat unschuldig für Euch im Stockhaus gesessen, Herr Bürgermeister, das vergeht nicht." Mit Annas Mutter war Philipp schon zwar in der Wohnung der Det endgültig einig geworden. „Dein' Aedchespeisferei mußt du awwer in Zukunft offgah (aufgeben)" hatte sie gemeint. „Doch net ganz, Frau Bürgermeister. Es is e ehrlich Sach. Gott hat die Vöhl in der Nadur gefchafse. Brem (Warum) solle se's, tote fe's dutz (draußen) in Wahld unn Feld doh (tun), net auch die Mensche in de Hüser erfreue mit ihrem Piffe vnn Singe'? Ich für mi Teil hö mi Spaß drö, ihn« des Pisse bei« zebringe. Si' Liebhowerei moß e jeder Mensch netoer si'm Beruf hö, vnn toann er die net Hot, es er e’ armer Tropf. Ower di« ärmste Mensche sei (sind) doch die, die fit?’ Mensch unn Tier nescht iwerig ho'!" Der Bürgermeister verlangte den Philipp zu sehen. Mit seiner Tochter hatte er eine Unterredung gehabt, die nicht allzulange dauerte. Gr sah ein, daß es mit seinem Wunsche, einen reichen Schwiegersohn ins Haus zu bekommen, in diesem Leben vorbei war. Als der letzte Schnee am Aßberg geschmolzen war, fand die Hochzeit statt. Unter Glockengeläute zog das junge Paar zur Kirche. Bescheiden trug der Bräutigam das Sträußchen auf der Brust, wie ist stolzem Hüftenwiegsn schritt die Braut im Schmucke ihres Kranzes dahin. Auf den vier Ecktürmen des Angersbacher Kirchturms lag goldener Sonnenschein. Wie in den Herzen der Menschen. Mit freundlichen und doch starken Worten tut der Pfarrer das Paar zusarmnen und verband so wider Brauch und Herkommen arm und reich. Daheim aber sang inzwischen der Blutfink: Ich liebe dich herzinniglich, von Herzen bist du mein, du bist fürwahr mein liebes Kind, mein eigen sollst du sein. — So, tote ihn fein Meister, der Liedchespfeiser, gekehrt hatte. tzchriftleitung: Dr. Jriedr. Wilh. Lang«. — Druck und »erlag »er Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Siehe«.