Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, Sen 25. November Nummer 9H Herbstgefühl. Von Martin Greif. Wie ferne Tritte hörst du's schallen. Doch weit umher ist nichts zu sehn, Als wie die Blätter träumend fallen Und rauschend mit dein Wind verwehn. Es dringt hervor wie leise Klagen, Die immer neuem Schmerz entstehn. Wie Wehruf aus entschwund'nen Tagen, Wie stetes Kommen und Vergehn. Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel Die Stunden unaufhaltsam gehn. Der Nebel regnet in die Wipfel, Du weinst und kannst es nicht verstehn. Der BrrLsfrau armer Lazarus- Von Leinrich Sohnreh. Das war so gegen Ende November, als zum ersten Male Harter- Frost eingesetzt hatte. Da kauerte eines Mittags vor der Lintertiir des Lerrenhauses von Birkholzen ein richtiger Stroiner, in seinen Lumpen vor Kälte und Entkräftung schlotternd, und klagte der breit in der Tür stehenden Köchin, er hätte schon seit Tagen und Wochen keinen „warmen Löffel" mehr im Leibe gehabt. Ein krüppeliges Lumpelbetn hatte er u>»d eine schiefe Kopfhaltung, da ihn am Lasse ein schmerzhaftes Geschwür Plagte, wie er auch sonst mit Schwären arg behaftet schien. Die Gutsfrau kant dazu und betrachtete den armen Teufel staunend, entsetzt und voll Mitgefühl. Sie sah, wie er bald mit der linken, bald mit der rechten Schulter zuckte, sich oben und unten schabte, und schloß daraus, daß er nicht allein war, sondern mit großer Einquartierung kam. EinSchauder liefihrüber den Rücken, und sie dachte an den armen Lazarus, der vor der Tür des reichen Mannes lag voller Schwären und sich zu sättigen begehrte von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen. Die Köchin, aus härterem Lolz, wollte ihn mit einem Stück Brot barsch fortweisen, aber da er inständig um Arbeit anhielt und einen aufrichtigen Eindruck inachte, sagte die Gutsfrau zu ihr: „Laben Sie nicht neulich ein Fünfgroschenstück gesunden und ausgenommen, obgleich es im Schmutze lag? War es dann, als Sie es gereinigt hatten, nicht wie ein ganz neues Fünfgroschenstttck? And so ein Mensch" — fügte sie leise hinzu — „ist doch mehr als ein Fünfgroschenstück. Wir wollen inal sehen, ob wir ihn nicht auch blank machen können, daß er seinen Wert wieder erhält." Also wurde dem armen, elend humpelnden Schlucker ein abgelegener Raum angewiesen, wo er sich unter Beihilfe eines alten Lof- kncchts, zu dessen Fache alle heiklen Reinigungsangelegenheiten gehörten, gründlich säubern und umziehen konnte. Die Gutsfrau hatte auch bald einen abgelegten Anzug ihres Genrahls zur Land, und es dauerte keine Stunde, bis der Stromer dastand mit einem leuchtend blanken Gesicht und gekleidet wie ein Baron. Das alte Zeug aber wurde tief in die Erde gegraben, so tief, daß nichts mehr davon Heraufkrappeln konnte. — Gut bewandert in der Krankenpflege, verband die Gutsfrau selbst dem Stromer seine Schwären, und als er so äußerlich in Ordnung war, gegessen und getrunken hatte, sah sie sich ihn noch einmal an, nickte, lachte und fragte ihn, wie er sich nun vorkäme? „Wie neu geboren, gnädige Frau!" springt es ihm aus der Kehle, und er macht die Brust weit und sieht mit strahlenden Augen an sich herunter und herauf, wie ein Junge, der zu Weihnachten einen neuen Anzug bekommen hat. Sie dachte an bas blanke Fünfgroschenstück, flüsterte der Köchin etwa zu und ließ ihn erzählen. And der neue Mensch erzählte. Bei fremden Leuten aufgewachsen, habe er nicht gut getan tmb in eine Erziehungsanstalt gebracht werden müssen, wo es ihm noch weniger gefallen hätte als bei seinen Pflegeeltern. Weggelaufen, eingefangen, wieder entlaufen — das wäre so ein Zirkus gewesen. Dann als Stiefelputzer in Berlin fern Leben gefristet, an Bahnhöfen durch gelegentliche Trägerdienste sich über Wasser gehalten, bei einem richtigen Zirkus mit Pferden und Allerdings, er hätte sie auch nicht gefuri müssen, denn irgendwo müsse sie doch fern. ..... . . , burch amn Deutschland gekommen, ^-er memand hatte ihn gekannt- Kurz und gut, er wäre nun wieder und da und verspräck^,ganzgewiß ein ordentlicher Mensch zu werden, wenn dre gnadtge Frau es noch einmal mit ihm versuchen wolle. bU In^dw Äeimat? fragte die Frau erstaunt, während> die Köchin eine wegwerfende Geste machte. Nach fernen ersten Erzählungen wollte er doch von keiner Leimat gewußt haben? ‘ wen, aber sie doch suche» And so wäre er wieder Löwen Dienste getan und so anderes mehr. Bald fortgewiesen, bald freiwillig gegangen, hätte er trotz seines lahmen Beines ganz Deutschland durchgewalzt, aber nirgends eine bleibende Statt (er sagte „eine Bleibe") gefunden. Immer hätte er gemeint, die Welt sei anderswo viel schöner. Es klang alles so offeirherzig urrd glaubwürdig, daß die Gutsfrau entschlossen sagte: „So wollen wir doch mal sehen, ob Sie nicht bei uns eine Bleibe finden." Also blieb Johann Strrmg, der ehemalige Fürsorgezögling, Stromer und Landstreicher, auf Birkholzen und blieb den ganzen Winter hindurch. Er zeigte sich anstellig und willig, war zu vielerlei Arbeiten gut zu gebrauchen, verlor seine Schwären und bekam ein so properes Aussehen, daß die Gutsfrau sich ihres guten Werkes an ihm mit Recht freuen konnte. Auch bei der runden Köchin, die noch lange argwöhnisch geblieben war, hatte mit der Zeit eine freundlichere und hoffnungsvollere Auffassung Platz gegriffen, während der Gutsherr selbst sich wie ein ganz Anbeteiligter verhielt und nichts dazu sagte. Die Tage begannen wieder zu wachsen, der Pimmel wurde Heller, und als der Frühling ins Land kam, die Amseln an allen Ecken des Perkes zu flöten begannen, als die ersten Lerchen vom Pimmel heruntertrillerten, ging eine auffallende Veränderung mit Johann Strung vor: Er wurde lässig im Dienst, vergaß das Wichtigste, vergaß sogar, rechtzeitig zum Essen zu kommen und wurde von Tag zu Tag unruhiger in seinem Wesen. Als dann noch der Buchfink aus dem Birnbaum herunterschmetterte, wie schön die Welt von oben anzusehen sei, war Johann Strung eines Morgens spurlos verschwunden. Frau von Birkenholzen schüttelte den Kops, und die Köchin wackelte in ihren Lüften. Der Perr aber lachte und sagte zu seiner Frau: „Da hast du nun dein Fünfgroschenstück! Ein Strom fließt immer abwärts, und was ein richtiger Stromer ist, der läßt sich auf die Dauer nicht verstauen." Der Sommer verging, die Kartoffelernte kam, die Rüben wurden gezogen, und der erste Frost umklammerte das Land. Bittere Kälte herrschte schon, als eines Morgens Johann Strung, der Stromer, wieder vor der Pintertür des Gutshauses kauerte, genau so zerlunwt und heruntergekommen wie vor einem Jahre. Die Köchin stemmte ihre dicken Lände aus die Lüsten und tat, als sähe sie nicht recht. Der Knecht, der ihn vor allen betreut hatte, drohte ihm mit dem Forkenstiel, und es war eigentlich niemand unter den Gutsleuten, der Erbarmen rmd Nachsicht mit dem Stromer gehabt hätte. ' Wohl gab ihm die Köchin dann etwas zu essen, setzte es aber draußen aus die' Steintreppe, blies ihm, während er die Mahlzeit gierig hinunterschlang, gehörig den Marsch und schalt sich in immer größeren Jom hinein. Er solle machen, daß er fvrtkomme, ehe dre gnädige Frau in träfe, und sich im übrigen nie wieder auf dem Gute seben lassen. Strung hörte alles geduldig cm, befolgte ihren Rat aber nicht, sondern verließ sich auf sein Gefühl, das ihm sagte, dre gnädtge Frau wäre kein Amnerrsch wie die Köchin und würde gewiß noch einmal Rat schaffen. Schon kanr auch die edle Frau wieder dazu, schlug die Lände zusammen, als sie ihren amten Lazarus sah, exannmertemhn hnt und her und lugte ihn wirklich nicht fort, sondern keß ihn alsbald wieder in einen warnten Raunt bringen. W* er au$ wteber viele allzeit muntereGäste mitgebracht, weshalb sich die glercheProzedur wiederholte, die wir schon bei seiner ersten Ernkehr kennengelemt ^Warum er denn so heimlich ausgerückt und nicht dageblieben sei? forschte die Gutsfrau angelegentlich, als Johann sich thr tn fernem neuen Anzuge präsentierte. And Johann erzählte: Als er die Amseln wieder gehört und die Lerchen und die Finken, da wäre es mit entern Male über ihn gekommen: Wie von tausend Mücken gestochen, hätte er s nicht mebr aus dem alten Flecke aushalten können-, hätte er fort müssen in - 374 Ein Strom fließt immer abwärts, hatte der Gutsherr gefügt. Wohl dachte die Frau daran. Aber ist es nicpt ganz natürlich, daß er abwärts fließt? sagte sie sich und wies den Stromer mcht fort, sondern ordnete an, daß er seine alte Stelle wieder emnehmen konnte. And Johann Strung hielt sein Versprechen, das er ihr gegeben hatte, war dankbar und folgsam und verdiente rechtschaffen, war er brauchte. Wäre es nur nicht wieder Frühling geworden! Schon als die Kohlmeisen ihr „spinn diek, spinn dick" m die Spinnstuben vieren, merkte man, daß er nicht mehr ruhig sitzen konnte, und als biedersten Lerchen unterm blauen Limmel trillerten, war unser Johann totrung eines Morgens wieder verschwunden. Die Gutsfrau schüttelte den Kopf, der Gemahl lachte über ihr enttäuschtes Gesicht, und das Gesinde gelobte sich: Wenn er nun wiederkäme, wolle es ihn so begrüßen, daß er. sein nächstes Winterquartier sicher nicht in Birkholzen suche. Im Sommer kam der große Krieg, die meisten Knechte des Gutes wurden eingezogen, so daß bald im wahren Sinne des Wortes r’.ot am Manne war. Anwillkürlich dachte die Gntsfrau an ihren Wintergast, der wegen seines hinkenden Fußes sicher nicht woldat werden konnte, zu allerlei Gutsarbeiten indes sehr verwendbar gewesen wäre. Doch Iohamt Strung war und blieb verschollen. Er wird wohl nach seiner Leimat suchen, meinte die Köchin mit krausgezogener Nase, und hätte er sie auch diesmal nicht gefunben, so würde ihm Birkholzen beim ersten Frost und Schnee schon wieder einfallen und der Weg dahin der schönste sein, den er sich denken könne. Na, dann solle er sie kennenlernen! And wahrhaftig! Wie der Frühling ihn fortgetrieben hatte, so brachte ihn der erste harte Wiiiterfrost eines Teges wieder nach Birkholzen zurück. In einem Zustande natürlich, wie jedesmal, wenn er wiederkam. Von den Knechten drohte keiner inebr, denn die standen draußen vor dem Feinde. Selbst die Köchüi tat nichts dergleichen, so erstaunt und bewegt war sie schließlich doch über die erneute Wiederkehr. Ohne zuvor hinauszuschelten, wo der arme Schlucker hungernd und frierend auf sein Schicksal wartete, stürzte sie gleich zu der Gutsfrau hinauf und brachte ihr die Botschaft: „Gnädige Frau, gnädige Frau, er ist wieder da!" Die Frau verstaiid sogleich, wen sie meinte und kam eilends hinter ihr herab. Jetzt konnte Johann Strung getrost um sich gucken: Sein Winterbedarf ivar aufs neue gedeckt. Wieder also wurde der arine Lazarus in Gnaden aufgenommen, und er war froh wie ein Fink. Durch verdoppelten Fleiß un» guten Willen —- das muß man ihni rühmlich nachsagen — suchte er sich in allen Stücken erkenntlich zu zeigen und vor der großen Güte der edlen Frau zu rechtfertigen. Lett von Birkholzen lächelte zivar immer noch ein wenig arglistig, wenn seine Frau ihren armen Lazarus in so Hellen Tönen rühmte. Seine Art ivar es aber nicht, sie in ihrem persönlichen Wollen und Wirken zu stören, so sagte er weiter nichts, bis er eines Tages doch aiierkannte, Johann Strung wäre wenigstens fein unnützer Esser auf dem £>ofe. Als es nun Wieder gegen den Frühling ging, nahm sich die immer zweifelsüchtige Köchin ihr „Fünsgroschenstück", wie , sie Strung nannte, noch einmal besonders vor, redete ihm tief ms Gewissen und verlangte von ihm den Beweis, daß er nicht Tombak, sondern Silber sei. Er solle nun mal nicht auf Finken und Lerchen und Länflinge hören, sondern auf das Arbeitsglöckchen, das auf dem Gutshofe läute, und solle da bleiben, wo er so viel Gutes empfangen hätte. Es Wäre doch Krieg, und er sähe ja selbst. Wie es überall auf dem Gute an tüchtigen Männern fehle. Ja, sie führte ihn, zu Gemüte, es käme auf ihn daheim jetzt ebensosehr an, wie auf den tapferen Soldaten da draußen vor dem Feinde. Lielte er den Sommer über bei ihnen treu aus, sei alles wett gemacht, was die edle Frau Gutes an ihm getan hatte; dann würde er endlich auch die Heimat gefunden haben, nach der er im übrigen Deutfchland so lange vergeblich suchte. Johann gelobte es sowohl der Köchin wie der Gutsfrau in die Land, er würde ganz gewiß nicht wieder fortgehen, überhaupt nun immer in Birkholzen bleiben, möchte kommen, was da wolle. Ja, ganz entrüstet wurde er schließlich, wenn dennoch irgend jemand an seiner Festigkeit zweifelte. Die Lerchei» trillerten ivieder, die Drosseln jauchzten, die Finken schmetterten aus den Gipfeln der Bäume, der Kuckuck rief, — und Johann Strung blieb ivahrhaftig standhaft. Vom Morgen bis zum Abend in Lof und Garten tätig, war er immer wie der getreueste Pudel zur Stelle, wenn Frau oder Lerr von Birkhokzen selbst seiner Dienste bedurfte. Am Pfingstsonnabend sah man ihn ganze Arme voll Birkenzweige aus dem an den Park grenzenden Birkenhölzchen schleppen und alle Wohnräume ausschmücken, die für ihn erreichbar waren; auch die Küche und die Ställe bedachte er. Maiengrün war überhaupt seine größte Freude, zumal wenn dieFinken so darüber hinschmetterten. Zum Feste batte er einen neuen Anzug bekommen, und in der Freude darüber ließ er sich sogar bereden, mit in die Kirche zu gehen. So andächtig wie nur einer saß er vor der Kanzel, sang mit feiner heiseren Stimme kräftig in den Orgelklang hinein und konnte hernach. als die Gutsfrau mal ein bißchen bei ihm antippte, die ganze Predigt erzählen. Solange der Kuckuck rief, war Johann überall, wo es etwas für ihn zu tun gab, emsig am Werke, und hielt er doch einmal bei der Arbeit an, so war es nur, um auf die Kuckucksrufe zu horchen. Ja, der Kuckuck schien es ihm jetzt ganz besonders angetan zu haben. Eines Tages, es war schon gegen Ende Juni, mußte er den Vogel wohl etwas besonderes gefragt haben, denn er zeigte sich hernach ganz niedergeschlagen, weil der Kuckuck nicht mehr geantwortet hatte; niedergeschlagen auch an den folgenden Tagen noch, weil er immer wieder vergeblich nach dem Kuckuck aushorchte und ihn nicht mehr hörte. Er mußte sich wohl schon, wie die Gutsleute in ihrem abergläubischen Sinne meinten, in einen Sperber verwandelt haben. Eine Meinung, der Johann Strung jedoch überlegen wider- sprach, denn er war nicht so abergläubisch wie die Landleute, glaubte weit mehr, der Kuckuck hätte bereits seine Auslandsreise angetreten. Die Reize einer solchen Reise schilderte er in so bunten und überaus lebhaften Farben, daß die Leute erstaunt an seinem Munde hingen, als hätte er Wunder geredet. t Von da an ließ Johann den Kopf hängen, ohne daß jemand Arg daraus hatte, bis er eines Morgens nicht mehr von seiner Kammer herunterkam. Als man schließlich nachsah. War das Nest leer und Johann spurlos verschwunden. Man suchte den ganzen Los ab, Johann Strung blieb verschwunden. Die Ernte begann, und alle Lände waren nötig. Johann Strung kam nicht mehr zum Vorschein. Da wurde Lerr von Birkholzen zum ersten Male ungehalten und äußerte gegen seine Frau: „Menn dein armer Lazarus beim nächsten Froste wiebertommt, läßt du aber mich mal mit ihm reden!" — Die Ernte War vorüber, der Wind sauste über die Stoppelfelder, und auf den Wiesen erhoben sich die Lerbstzeitlosen. Die alten Leute pflügten- soviel sie vermochten, und auf den Kartoffeläckern wurde gerodet und gefacft, bis die Irrlichter hüpften. Die Novemberstürme brausten durch den Park, die Blätter flogen, erste Schneewirbel stellten sich ein, und an einem Sonntag- morgen lag der ganze Gutshof in Eis und Schnee. Schon manchmal hatte dieser und jener nach Johann Strung ausgesehen, auch die Köchin oft ihren Kopf nach ihm aus der Linter- für gesteckt, denn sie plagte die ungehaltene Scheltrede, die immer mehr anschwoll und die sie doch nun nicht loswerden konnte. Johann Strung kam wirklich nicht wieder, und die Köchin mußte die schönsten und heftigsten Kraftworte in sich hinunter- würgen. Er war aber doch wiedergekommen, Johann Strung, der Stromer und Landstreicher, Johann Strung, der Leimatsucher. Eines Tages, als die Gutsleute einen Leufchober einfahren wollten, fahen sie den Leimatlosen, zerlumpt wie immer, wenn er im Winter auf den Gutshof kam, in einer ausgehöhlten unteren Schicht des Schobers liegen, — starr und tot. Wer mochte nun noch auf ihn schelten! Ein tiefes Mitgefühl löste sich in den Lerzen der Leute aus, und alle Gedanken kehrten sich um. Nur eine Erklärung fanden die Leute: Nachdem er die Guts- Herrschaft, der er soviel Dank schuldete, mitten im Sommer im Stich gelassen hatte, mochte et sich nun, als der harte Winter kam, nicht mehr getraut haben, noch einmal vor die Gufsstau hinzufreten. And so hatte er in seiner Scham, denn et war im tiefsten Grunde feinet Seele kein schlechter Mensch gewesen, Zuflucht in dem Leu- schobet gesucht, gewiß auf einen günstigen Zufall hoffend, der leider nicht eintrat. So war er verhungert und erfroren, gestorben ohne Lilfe und Trost. „O, armer Lazarus!" tief Frau von Bitkholzen tief erschüttert und dachte an das Wort des Gleichniffes: „Cs begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß"... Ob Johann Strungs Seele nun wohl auch von den Engeln in Abrahams Schoß getragen warb ? Bei Hellem Glockenklange wurde bet Atme in eine Ecke des alten Kirchhofes begraben, in dessen dichten Buschgehege, als der Frühling kam, Nachtigall, Amsel und Länflinge zu ihm hinuntersangen. Moor und Moorkultur. Von Lans Bontquin, Berlin. Wie nach einem kräftigen Regen kleine Tümpel stehen bleiben, so hinterließ bet Rückzug des Inlandeises der Diluvialzeit zahllos^, mehr oder weniger ausgedehnte Wasserbecken, die sozusagen lauter Anweisungen auf Moore waren. In Deutschland ziehen sich Moore in breitem Gürtel von Ostpreußen bis nach Oststieslavd hin; in Baden, Bayern und Württemberg treten sie dagegen Weniger umfangreich auf. c Jedes Moor ist Oedland; aber nicht jedes Oedland stellt em Moor bar. Nach amtlicher Schätzung dürften die Oedländetelen in Deutschland gegen drei Millionen Lektat umfassen. Davon ist der kleinere Teil Leide, auf Minetalboden stockend, der größere Teil ist Moor verschiedener Art. Die Moore, mit denen wir uns hier allein beschäftigen, haben eine mannigfache Bedeutung. Seit alfetsher bilden sie beispiels- — 375 - weise an der Ems eine natürliche Grenze zwischen Deutschland und Lolland. And in dem großen Laushalt der Natur spielen sie die Rolle nützlicher Wassersammler. Mit Recht hat man darauf aufmerksam gemacht, daß eine zu weit gehende Trockenlegung der Moore mit zu einer unwillkommenen Senkung des Grundwassers beitragen muffe. Aebrigens schenkt uns das Moor im Torf einen Brennstoff, der besonders dort von hohem Wert ist, wo die Natur eine Belieferung mit Kohle versagt hat. Eine freundliche Fügung hat in Deutschland gerade den Gebieten Moore geschenkt, in denen der Bergmann nicht nach schwarzen und braunen Diamanten schürfen kann. Die norddeutschen Torfmoore nehmen fast 2,2 Millionen Lektar ein, und es gibt dort umfangreiche Aeberlandzentralen. Alt ist die Kultur des Moors. Es galt (und gilt auch heute noch), dem Moor fruchttragendes Ackerland abzuringen, und die Schätze zu heben und auszuwerten, die es birgt. Zum Verständnis der Moorkultur sei kurz ein Blick aus die Entstehung der Moore geworfen. Während abgestorbene Organismen dort, wo sie frei auf dem Boden liegen, durch Verwesen nach und nach verschwinden, bleiben die im Waffer nieder- sinkendcn Leichen von Pflanzen und Tieren bei dem bestehenden Luftabschluß erhalten. Auf dem Grunde stehender Gewässer bildet sich daher eine wachsende Schicht, die man als Faulschwamm oder Sapropel bezeichnet. Aus diesem siedelt sich am seichten Afer Schilf und Röhricht an. Dadurch wird dort der Boden gefestigt, und nun suchen sich dort auch Birken, Kiefern und Erlen ihren Platz. So bildet stch zunächst das Niederungsmoor aus. Aber indem die abgestorbenen Teile der Pflanzen das Gewässer mehr und mehr zuschütten, vollzieht sich eine vollständige Verlandung: es bildet sich das Lochmoor, dessen dürftig gewordene Vegetation kaum anderes als Moose oder Leidekraut äufweist. Viel genannt wird das riesige Bourtanger Moor, dessen Größe man auf 300000 Lektar schätzt, und in dem inan eine Stelle fand, „wo wie auf offenem Meere der ebene Boden am Lorizont von einer reinen Kreislinie umschlossen ward". Am Grunde der Moore bildet sich aus dem Faulschwamm die schwärzliche Torfleber. Darüber lagert der braune, kohlenstoffreiche Pechtors; dann folgt der Moortorf, und ganz oben sindct man den lockeren Fasertorf, der noch schön die pflanzliche Lerkunft zeigt, der aber als Brennstoff wenig ausgiebig ist. Anter den preußischen Provinzen hat Lannover die weitesten Moorflächen: sie nehmen noch 565000 Lektar ein. Schon seit 1788 hat man dort von dem festen Gelände der Geest aus den Kampf gegen die damals weit umfangreicheren nassen Oedländereien begonnen, und heut gibt es in Lannover manch stattliches Kirchspiel, das aus einer dürftigen Moorkolonie erwachsen ist. Die Methoden, nach denen der Kolonist dort mit denr Maare ringt, sind recht verschieden. Bei der sogenannten Fehnkultur werden zuerst Kanäle gegraben, die dem Wasser Absiuß, denr Menschen Verkehrswege bieten. Dann wirb der Torf abgegraben, und die Schiffe, die ihn in die Ferne führen, holen von dort Dünger, wobei auch der fruchtbare Schlick nicht fehlen soll. Diese Nährstoffe bringt man dann im Gemisch mit der obersten Schicht des Moores, der Bunkererde, auf den die Sohle des Torflagers bildenden Sand, und kultiviert letzteren als Acker- oder Gemüseland. Bei der Moordammkultur werden die aus Gräben ausgehobenen Massen auf die Dämme zwischen jenen geschüttet; obenauf kommt eine Sandschicht, die ganz unten ausgehoben worden ist. Eine Behandlung der Oberfläche namentlich mit Kalisalzen und Superphosphaten schafft eine gute Ackerkrume, die durch den Ertrag von Sommerkorn, Raps und Kartoffeln die Mühe des Kulturpioniers bestens belohnt. Bei der Brandkultur wird die oberste Moorschicht abgebrannt, worauf dann in die Asche Getreide, Lirse, Laser und Buchweizen gesät wird. Deutschlands größte Moorkolonie ist Papenburg, das nach dem 30jährigen Kriege, gedrlindet wurde, und das heute eine Stadt mit blühender Schiffahrt ist. Wo das Lochmoor mit Leidekraut bestanden ist, muß der Pflug die erste Arbeit leisten. Man hat in neuerer Zeit auch gelernt, Elektro-Seilpflüge und Dampfpflüge zu bauen, deren ungemein breite Räder selbst auf moorigem Boden noch eine tragende Anter- lage finden. Stahlscheibeneggen machen den Boden weiter zur Aufnahme von Saat bereit; die Motorwalze leistet treffliche Dienste, wo Weideland gewonnen werden soll. Von den ursprünglichen 16000 Lektar fiskalischen Lochmoorlandes in Ostfriesland werden jährlich etiva!200 mittels der neuesten Spezialmaschinen in Wiesengelände umgewandelt. Wenig bekannt dürfte es feilt, daß die wegen ihres vielen Sandes ein wenig verschriene Mark Brandenburg 300000 Lektar Oedland aufweist, fast durchweg in der Form von Niederungsmooren. Davon entfallen 60000 Lektar auf das Lavelländische Luch, 35000 auf das Gebiet des Nutheschauverbandes. Lier ist Arstromlandl Der größte Teil dieser unftuchbaren Ländereien liegt unweit der Reichshauptstadt. Nach fachmäßiger Schätzung mögen 1924 in Deutschland 2500 Lektar Land urbar gemacht worden sein. Alt ist die Kultur des Torfes, neu find besondere Mittel zu seiner Ausnutzung. Noch vielfach wird der Torf in handlichen Stücken, sogenannten Soden mit der Schaufel abgestochen, die man darauf zum Trocknen in Stapeln aufschichtet. Bisweilen nimmt die Maschine den Muskeln die Arbeit des Stechens ab; dabei kann dieses auch unter Wasser erfolgen. Man bezeichnet so zurechtgemachten Torf als Landtorf. Der Maschinentorf erfährt eine Zerkleinerung in NLLrsn durch scharfe Schnecken, wird dann geknetet, und tritt in Form eines Stranges aus der Maschine aus, um schließlich in Kuchen zerteilt zu werden. Da solcher Torf nicht mehr faserig ist, schrumpft er bei weiterem Trocknen, zusammen, sodaß er einen höheren spezifischen Wert gewinnt. Dabei härtet er sich durch Verkrustung und wird so weniger empfänglich für Feuchtigkeit. Beim Faserstoff trennt man in Reißwölfen die faserigen von den krümeligen Bestandteilen, und verwertet darauf die ersteren als Streu, die letzteren als Mull. Die Bestrebungen zu einer guten Torfverwertung sind nicht ergebnislos geblieben. Dowson hat gezeigt, daß man ein billiges, brauchbares Kraftgas gewinnt, wenn man Lust und Wasserdampf in eine glühende Kohlenschicht einbläst. Man hat nun versucht, dieses Generator-Gas auch mit Torf als Brennmaterial zu erzeugen. Das ist schließlich auch gelungen. Weniger aber gelang es, aus Torf ein hochwertiges Material in Form von Koks zu gewinnen. Zur Veredelung des BrennstosfW dürfte ein neues Trock- nungsverfahrcn gute Dienste leisten, bei dem aus nassem Torfbrei das Wasser von unten durch ein Vakuum angesogen wird, während oben aufgeschüttetes Rohpetroleum eindringen kann, das die Feuchtigkeit vor sich her treibt, und das sich dann ebenfalls mit dem Wasser unten ansammelt. Vor allem wichtig aber ist die Tatsache, daß man den Torf (wie die Kohle) „verschwelen" kann. Die Verschwelung unterscheidet sich von den Vorgängen in den Gaswerken und Kokereien kurz gesagt dadurch, daß bei ihr die trockene Destillation bei einer Temperatur von nur etwa 500 Grad erfolgt. Dabei gewinnt man u. a. den so wertvollen „Arteer". And ans diesem wieder kann man allerhand Oele erzielen; Putzöl zum Reinigen, Schmieröl zur Glättung sich reibender Teile, Trieböle, für Verbrennungsmaschinen, Leizöl für Kesselfeuerung. Auch die Kultivierung unserer Moore soll und kann dazu beitragen, Deutschland zum landwirtschaftlichen „Selbstversorger" zu machen. And wenn wir auch nur einen Teil unserer reichen Torf- schätze auf Oele verarbeiten, so wird uns dies manche Ausgabe für ausländische Erzeugnisse ersparen. So spielen auch die Moore, obgleich sie Oedland sind, eine Rolle im Laushalt unserer Wirtschaft und sie bergen natürliche Reichtümer, deren Nutzbarmachung eine unserer Zukunftsaufgaben ist. --r 3m FEbost von Metzen nach Amsterdam. Von Joachim Spohr, Gießen. Golden leuchtet ein Lerbstsonntag,über Gießen und dem Lahntal, als wolle er uns einen verlorenen Sommertag zurückbringen. Vom Turm der Stadtkirche schlägt es elf, als wir aus den Rucksäcken die Stäbe, Latten, Scharniere und Leisten unseres Fahrzeugs herauspacken. In nicht mehr als einer halben Stunde entsteht aus diesen vielen Teilen ein elegant geschwungener Bootsrumpf von 5 Meter Länge und 90 Zentimeter Breite, von dem man nicht glauben möchte, daß er dem leichtesten Wellenschlag standhielte. Nun wird die feste wasserdichte Bootsdecke über das Lolzgerippe gezogen, und das weiße kleine Schiff ist fahrbereit. Spiegelglatt liegt die Lahn in der uns noch wohlbekannten Landschaft, deren nordwestlichen Abschluß die schöne Kette Gleiberg- Vetzberg-Dünsberg bildet, und glitzert silbern in der steigenden Mittagssonne. Langsam gleiten wir mit mäßigen Paddelschlägen dahin, während die Landschaft sich bald in wechselvollem Reiz ändert, da der Fluß mit seinen vielen Windungen die Bilder von immer anderer Seite zeigt. — Die Landschaft streckt sich sonntäglich still zu den Afern hin. Die Felder sind leer und schweigsam. Aeber die Brücke rollt ein Sommerwagen und unterbricht die Stille. Nun ragens über die Afer Lochöfen und Fabrikschlote: Wetzlar kommt in Sicht. Bald haben wir die alte Reichsstadt im Rücken. Die Lahn verengt sich zu einem lächerlich kleinen Flüßchen und sieht infolge der Abflüsse der Industrie aus wie Milch. Dichtes, hohes Schilf verdeckt die Fernsicht. Es ist ein eigenartiges, fremdes Gefühl, in dem kleinen Schiff auf dem einsamen Wafferrücken flußabwärts getragen zu werden. Die Phantasie spielt mit Entfernungen, die vor uns liegen, und deren Ziel Lollandist, ein Ziel, das einem in dieser kleinen Lahnlandschaft fast unerreichbarerscheint. * Loch über den Fluß ragt das hübsche alte Städtchen Weilburg, dessen Schloß zwischen Wipfeln und großen Parkbäumen freundlich hervorsieht. Die Landschaft beginnt von hier ab immer schöner zu werden. Steile Felsen steigen an den Afern empor, sanfte Wald- Hügel ziehen sich hin zur Lahn, zerfallene Bilden grüßen zum Fluß herab, freundliche Dörfer ziehen vorüber. Runkel mit feiner berühmten Burg liegt breit und massig in der Nachmittagssonne. Von nun an verbreitert sich die Lahn zu einem stattlichen Fluß, wie man es sich in Gießen kaum träumen läßt. Bei tiefer Dunkelheit legen wir in Limburg am Bootshaus des Ruderklubs an. * Mächtig ragen die Konturen des Limburger Doms, einer unsrer schönsten Kirchen des Aebergangsstils aus dem trüben Morgen. Indem wir mit leichten Schlägen näher treiben, schält sich alles plastisch aus dem Nebel: Angeheuer steigt die Masse aus dem Fluß, die Türme ordnen sich in architektonischer Larmonie, und Wasser, Stadt und Dom werden zu einer schönen Einheit. Schon von Wetzlar ab ist die Lahn für kleinen Schiffsverkehr eingerichtet. Man sieht es an den streckenweis ausgemauerten Uferwänbeit und den Schleusen (>ei ven Wehren. Nur keine Schiffe ^^Bis Vtmburq nahen wir oas Book bet oen Wehren an Land herum getragen? Von jetzt ab bis zum Rhein lassen wiruns^^ujeu, weil es bei der Morgenkälte keinen «paß macht, im Wajffr öeirim- mvantschen. 'Außerdem ist es viel bequemer und von eignem Reiz, wenn man in der Schleuse liegt, und das Boot tiefer und tie,er sinkt, während die Wasser tosend durch die Schieber der Schleusentore entströmen. Kam» merklich sinkt man Meter um Nieter, "urer- kennbar an den feuchten Wanden, vre „hoher und hoher steigen, bis es unten fast dunkel wird. Dann offnen sich phlegmatisch die breiten Tore und lasten das Boot wieder in Freiheit. Ems zieht vorüber, langhin ausgebreitet an beiden Usern der Lahn. Linier gepflegten Blumenaiilagen erhebt sich der prachtvolle Bau des Kurhauses, der Mittelpunkt des Badelebens. Wir nehmen Proviant und Tabak an Bord, und weiter geht es dem nahen Rheine zu. ' # Die Ufer rücken weiter auseinander. Wir nähern uns der VAin- dttng. Da bietet sich ein merkwürdiger Anblick: Ueber den flachen Ufern tauchen in der Ferne buntbewimpelte Masten, Schorlisteine und Schiffsverdecke auf, die sich wie Theaterschiffe dahmichieben. Es sind die ersten Rheinschiffe, die wir zu jehen bekommen. Bald nimmt uns selbst der breite Strom auf seinen Rucken. Der Eindruck der stillen anmutigen Landschaft der letzten Eage erlischt bei dem Anblick des internationalen Verkehrs, der sich hier abspielt, indem Schiff um Schiff, Schleppzug um Sch eppzug uns passieren, mit deutschen, holländischen, französischen, belgffchen.und schweizer Nationalflaggen. Unser Boot tanzt wie eine - tumchale auf den hohen Wellen, die diese Dampfer auswerfcn. Die starke Strömung des Rheins erleichtert unser Papeln bedeutend und bringt uns schnell vom Fleck. Das ^Edll^Nem wied lasten wir zur rechten negen, links komm» bald Anoernach vorüber mit seinen alten Mauern und ferner schonen ytcrtunntgcn Kirche romanischen Stils. In bunter Reihe wechseln die vielen Städtchen mit Namen, deren Klang uns mitten ms rheinische Leben zu versehen scheint, das sich gerade in ^ser Gegend mit besonderem Gepräge abspielt in den Ausflugorten, Sommerfrischen, Landhäusern und Kurhotels, die in großer Zahl £n kf'^n Uffrn liegen. Llnein in diese fröhliche lachende Landschaft schobt sich der Rücken des Siebengebirges. Riesenhaft Reben die ^^^üe gegen den wolkigen Stimme! und fallen bann, nachdem der - rach^nsew gewaltig die Löhenkette beendet hat, schroff zum Rheme ab. Godesberg und Königswinter lassen wir auf beiden Seiten zurück. Die Dämmerung breitet ihre dunklen Flügel aus. Schwermütig spielt jemand auf einem mitten im Strom ankernden Schleppzug-. aö Lied vom „Rolandsbogen" auf der Geige. Fern leuchtet Äom. in hundertfachem Lichterglanz. Kleine Motorboote und spat herm- kehrende Ruderboote gleiten hastig an uns vorüber. Am Bug unseres Bootes machen toir eine Taschenlampe fest, um '^cht überrannt zu werden. Endlich fahren wir an einer Badeanstalt an, verstauen unser Boot und mischen uns m das lustige Leben der Stad,. * Die smaragdenen Wellen kräuseln sich unter leichter Brise in hellstem Morgensonnenscheirr. Ein kleines Drerbsegel wrrd gesetzt, und mühelos gleitet das Boot rheinabwärts. Wrr nahem uns der bedeiltendsten Stadt der Rheinprovinz und einem der wichtigsten Landeisplätze, wir nähern uns Köln. Von fern schon sehen wrr das stolze Wahrzeichen der alten Colonia inmitten der klcmen -türme und Giebel: den Dom. Gigantisch ragen seine Massen tti den klaren *<>tn®nltur$er Aufenthalt — Post mußte geholt werden — führt uns mitten durch das wimmelnde Kölner Leben, durch die Altstadt und ihre originellen Bauten hinein in dies großartigste Weii gotl,chell Baustils. Der Eindruck ist auf die Fahrt doppelt mächtig : Nachder breiten Hellen Wasserfläche, die einen bislang umgeben hat, ragen jetzt hier die spitzbogigen Gewölbe in gedämpftem Licht himmelwärts, eingeengt durch die mit bunten Fenstern durchzogenen Wände der Längs- und Querschiffe, wodurch das In-dre-Lohe-Streben erst recht zum genialen Ausdruck gelangt. Nachdem uns Düsseldorf für drei Tage in Anspruch genommen hatte, treiben wir heute wieder auf den Wellen des Rheins. Das Ruhrgebiet kündigt sich an. Gewaltige Industrieanlagen dehnen sich an den Ufern, Schornsteine und Lochöfen ragen serienweise über sie hinweg. Auf geringem Raum ist hier diese riesige Stahlindustrie zusammengedrängt, die ein Zwanzigstel derEisenproduktion berganjen Welt erzeugt, begünstigt durch die billige Verkehrsstraße des Rheins und die Kohleninassen, die das Ruhrgebiet an Ort und Stelle liefert. An den Ufern holen polternd und krächzend die hohen Krane die Lasten aus den großen Schleppkähnen oder laben Kohle em in reger Tätigkeit. Bei Ruhrort, bem größten Binnenhafen Europas, ist der Schiffsbetrieb so stark, daß es uns schwer wird, das auf hohen Wellen tanzende Schiffchen hindurchzubringen, ohne gerammt zu werden. Von allen Seiten tönen Schiffssignale, eilen Motorboote von- einem Ufer zum andern, fahren Lotsendampfer umher, drehen Lastzüge zum Lande bei ober kommen dorther, so daß wir froh sind, enblicb diesen Lexenkessel im Rücken zu haben. Die letzten deutschen Städte sind am Nachmittag an uns vorübergezogen: Wesel, Rees, Emmerich. Die Flußufer sind von einem weiten stillen Land umsäumt. Keine Industrie mehr, große Viehweiden strecken sich am Strom entlang. Am Abend ist es so, daß wir rechts holländisches und links deutsches Gebiet haben. Bei Dunkelheit erreichen wir So Warner, die holländische Jollstation. Die Dorfjugend in ihren Lolzschuhen schaut interessiert unserer Landung zu, und der Zollbeamte sucht sich mit uns in eine Unterhaltung einzulassen, ein Versuch, der an unserer Unkenntnis der Sprache scheitert. Gott sei Dank! daß unsere Wirtsleute ein paar Brocken Deutsch können. So lernen wir im Laufe des Abends das erste Lolländisch. Ich höre den Sturm noch heute heulend um meine Ohren pfeifen, wenn ich an den zweiten Reisetag in Lolland denke. Alle Naturelemente schienen sich gegen uns verschworen zu haben. Der Nord» ivest sauste über das flad>e Weideland und wild grub er sich in die Fluten des Rheins, der uns meterhohe Wellen entgegenwarf. Bergauf, bergab wurde das Boot geschleudert, ganz den Elementen preisgegeben, kaum, daß man den Bug in gerade Richtung bringen konnte, um nicht die Wellen seitwärts einschlagen zu lassen. Das Vorderboot tauchte mitunter tief in die Wasser und warf die heran- braufenbe Gischt zischend auseinander. Das Vorwärtskommen war gering, trotz heftigsten Ruderns. An Land gehen und sich in irgendein Dörfchen auf die faule Laut legen, schien uns unwürdig. Also den Wellen getrotzt! Bei Dunkelheit wieder ein kleines Schiffsmanöver: rechts und links ein Gasthaus; wir halten uns links, kommen auch trotz höchsten Wellengangs glatt an Land und sind enttäuscht: alles besetzt. Ein Wagnis, quer über den Strom zu kommen! Linüber müssen wir. Also stromabwärts mitten hinein ins tobende Element! Dann ein kurzes Wenden mit aller Muskelanstrengung, das Boot fliegt wie ein Ball herum und steht stromaufwärts, kurz, bevor die hcran- nahende Welle es seitwärts fassen kann. Doch das andere Gasthaus ist auch beseht! Wir stellen das Boot unter, ziehen landeinwärts und freuen uns, endlich eine Kneipe zum Uebernachten zu finden. Es geschah das merkwürdige: Der große Strom, der uns auf seinem Rücken schaukelnd meerwärts trug, der Rhein, nimmt ein Ende. Oder stellen Wir genauer fest: sein Name ändert sich. Doch das Wasser kümmert sich nicht darum, es fließt mit denselben Wellen weiter geradeaus, als wäre nichts geschehen, als Wäre es noch der Rhein, obwohl es Lek heißt. Und rechts ganz bescheiden und still fließt — oder was sage ich — steht ein ruhiges Wasser, nicht breiter wie eine Landstraße, der krumme Rhein genannt. Wir wollen nicht böse fein, daß man den richtigen Rhein hier tot macht und dem lächerlich kleinen Gewässer den Namen unseres gewaltigen Stroms überträgt. Die Fahrt von Wijk bij Durstede nach Utrecht auf dem krummen Rhein war der schönste Teil unserer Reise. _ Immer muß ich an dich denken, vomLimmel gesättigtes Wasser, Spiegel der Ruhe, melancholisches Kristall. Lier bist du am voll- tommenften und reinsten, holländische Landschaft mit deinen unendlichen Ausmaßen von Vornehmheit und Ruhe, deinen blauen Farben des Wassers und des Limmels und bem trotzigen Phlegma deiner weiten grünen Wiesen. . Unsere Fahrt geht auf dieser kleinen Wasserstraße dahin wie durch einen schönen Garten, vorbei an Landhäusern und Schlössern, kleinen Dörfern, bereit Lauschen ganz ans Wasser gebaut sind, vorb-i an Parks mit ihren verwitterten Marmorstatuen unter alten Kastanien, bie ihre Aestc tief übers Wasser neigen. Keine Eisenbahnen ober Autos zerreißen mit ihrer Unrast bie Stille dieses weiten Gartens. Kein emsiger Lärm aus Fabrikhallen, kein Lasten der Menschen nach Erwerb erschüttert diese Ruhe. Diese Landschaft prägt den Menschen ihre besondere Eigenart auf: Es ist das sonnige Phlegma, die Ruhe ihres Wesens. Sie hören gut zu; sie lassen das letzte Wort herankommen; sie antworten nicht zu schnell; sie machen vom Schweigen einen unmäßigen Gebrauch. Man beobachte nur die Kaltblütigkeit der alten Seeleute, die beflissene Ruhe der Geldmenschen, die Abgeklärtheit der Philosophen, die Indolenz der Bauern. Dies alles ist der Ausdruck ihrer Landschaft. Man sagt, daß Utrecht schön sei. Ich wage es nicht zu bezweifeln. Nur soviel muß gesagt sein: Die Fahrt durch die Kanäle dieser Stadt war enttäuschend. Unrat schwimmt auf dem öligen Wasser, und Abflüsse laufen gurgelnd von allen Seiten hinzu. Tief unter den Straßen liegen diese schmutzigen Grachten. Jene führen zahlreich darüber hinweg. Keller um Keller stößt an diese Wasserwege und der intensive Geruch ist wahrhaftig kein „odeur des merveilleuses . Gegen Mittag befinden wir uns auf dem kerzengeraden Kanal nach Amsterdam. Eine Eisenbahnlinie begleitet uns am Ufer, Autos rasen hin und her, und doch liegt eine Eintönigkeit in dieser Gegend, wie sie uns nie bisher begegnet ist. Wir sind froh, als in der Ferne mächtige Läuserblocks durch den Dunst schimmern. Es ist Amsterdam. Die monotone Stimmung weicht einer steigenden Spannung. Die Umrisse der Stadt heben sich deutlich heraus. Wir nähern uns dem Lasen. Ein Wald von Schornsteinen und Masten wachst empor. Dazwischen strecken sich die unförmigen, riesenhaften Bauten der transatlantischen Dampfer. Riesenmassen von Lolz und Eisen unbeweglich wie für bie Ewigkeit verlassen liegt ihr ba! Da tont eine Dampfersirene. Jener Ozeanriese, von dem man glauben konnte, er sei für ewig gelähmt, wenbet sich stolz dem Meerkcmale zu. Wir haben'den großen Lasen passiert. Nur noch die letzten Paddelschläge durch die Kanäle der Stadt. Was soll es mehrt Die Faltbootfahrt Gießen—Amsterdam ist beendet. Deramwvrtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck der Bruhl'jchen Universitüls-Buch- und Steindruckerei. 2(. Lange, Gießen. Z2!£ fiTtl ö 2.2.-S -- ioafliöH-KiSS »St»® ® er n sst'ri i t-» e